Ins kollektive Gedächtnis eines Landes sind die bekanntesten Persönlichkeiten eingegangen, die aus eben diesem Land stammen oder dort ihre größten Erfolge verbuchen konnten. In Frankreich ist das zweifelsohne Napoleon Bonaparte, der erste Kaiser von Frankreich zu Anfang des 19. Jahrhunderte, der auch die europäische Geschichte grundlegend prägte.
Als ich Ende August für einige Tage in Paris weilte, ging ich auch das eine oder andere Mal in einen Supermarkt. Eine Verpackung, in der korsischer Schinken steckte, stach mir besonders in die Augen:

Zunächst ist der Name für diesen Schinken für mich neu gewesen: Lonzo, korsisch Lonzu, ist seit gut einem Jahrzehnt eine geografisch geschützte Ursprungsbezeichnung aus Korsika, was man auch einem offiziellen EU-Dokument entnehmen kann. Es handelt sich um geräuchertes und in Wein gewaschenes Schweinefleisch, das sich hervorragend für eine Antipasti-Platte eignet oder einfach, wie ich es machte, als Baguette-Belag, wenn, wie in meinem Fall, es in dünne Scheiben geschnitten ist.
Nach wiederholter Betrachtung der Verpackung musste ich arg schmunzeln. Der aus Ajaccio, dem größten Ort Korsikas stammende Napoleon wird mit einem Zweispitz aus Lonzo quasi als Karikatur mit nach unten gezogenen Mundwinkeln abgebildet. Natürlich interpretiere ich die Gestalt als Napoleon; keiner hat mir mitgeteilt, dass es sich um ihn handelt. Doch das Anzeichen (Kopfschmuck) ist zu eindeutig, wenn man sich ein gemeinfreies Foto von Napoleon Bonaparte anschaut:

Humorvoll finde ich zudem, dass dort, wo man Ehrenabzeichen lokalisiert, Basilikumblätter ein kulinarisches Beiwerk ergeben. Mehr Ironie können die drei grafisch auffälligen Elemente nicht ausdrücken!
Und ganz oben fallen mir erst auf den zweiten Blick zwei weitere Worte auf:„Frais devant“, also nicht, wie deep-l vorschlägt, „vorne frisch“, sondern eher: „zuvorderst frisch“, freier übersetzt „Hauptsache frisch!“ ist eine französische Marke, zu der es sogar einen deutschsprachigen Internetauftritt gibt. Dort heißt es:
FRAIS DEVANT ist eine echte Geschmacksproduzentin und setzt sich heute als kühne Marke der französischen Wurstwarenbranche durch. Wir vermarkten eine Reihe von Qualitätsprodukten, um einen „Frischekick“ in die Selbstbedienungs- oder verpackten Frischetheken zu bringen.
Die eindeutig erkennbaren Farben der französischen Nationalflagge kombinieren den Akzent auf die Regionalität der Produkte, da hier ja die Herkunftsbezeichnung „Ajaccio“ als Teil von Korsika noch detailliert angegeben ist, als wenn die Ergänzung (Lonzo) „de Corse“ hieße. Die Region als Teil einer Nation kommt hier ideal zur Geltung: Korsika gehört, auch wenn es in Ajaccio teilweise nicht gerne gehört wird, zu Frankreich!
Und schließlich darf unterhalb der Zeichnung die Sprache nicht fehlen. „Délicatement poivré“, also leicht gepfeffert. Man könnte meinen, hier wäre Napoleon in persona gewürzt worden, so intensiv wirkt auf mich die fleischgewordene Kopfbedeckung. Hier ist die räumliche Nähe zwischen Kopf und Attribut (gepfeffert) mitentscheidend.
Das freie Spiel der Assoziationen: Man könnte wunderbar mit dieser Verpackung durch die (französischen) Lande ziehen und schauen, wie häufig kulturelles Vorwissen abgerufen wird. Je eindeutiger die Assoziation Napoleon vorgetragen wird, desto klarer kann man von kollektivem (Bild-)Gedächtnis sprechen, das für die Kulturwissenschaft ganz sicher ein wichtiger Untersuchungsgegenstand ist.
Mir scheint es, als ob die Produktkommunikation in Frankreich (wort-)spielerischer daherkommt als in Deutschland. Dadurch wird die Imagination angeregt, ohne den Verstand auszuschalten. Es geht um den Kaufanreiz, der eben oft nicht ausschließlich rationale Motive hat. In meinem Fall war es die Gelegenheit, ein mir noch recht unbekanntes Produkt zu probieren, das mit einem bekannten Produkt (Baguette) gut kombinierbar war. So bleibt am Ende die Feststellung, dass dieser Kauf noch länger in Erinnerung bleiben wird, vor allem durch eine ins Auge fallende Verpackungsgestaltung!
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