Jeder, der schon mal länger in Frankreich weite, weiß, dass das Essen dort eine vorrangige Rolle spielt. Das spiegelt sich nicht nur auf dem Teller, sondern auch in den Worten wider, die über das Kredenzte auf dem Teller getauscht werden. Am Tag der Deutschen Einheit fand ich mich in Nantes in einem schönen Restaurant mit dem herrlichen poetischen Namen Cuit Lu Cru wieder (Lu scheint eine Anspielung auf die ehemalige Keksfabrik LU in der Stadt zu sein, die als Akronym auf den Nachnamen des Gründers Louis Lefèvre-Utile verweist.) Die auf einem weißen A4-Blatt vorgelegte Speisekarte (also ein Speiseblatt) bot ein 2-Gang-Menü oder ein 3-Gang-Menü zu einem äußersten attraktiven Preis ein, dazu vernahm ich auf der Getränkekarte, die eher einem Kassenzettel glich, einen Rhabarber-Mocktail namens „Schorle“, was mich natürlich sehr neugierig machte. Ohne französische Fachsprachen-Kenntnisse war auch ich aufgeschmissen. Hauptsache, man versteht die Schlüsselwörter. Kostprobe: Ich bestellte „Quasi et effiloché de veau façon osso-bucco sauce gremolata“ und als Dessert „Figue rôtie & fraîche, coulis, crème à la feuille de figuier, torsade miellée“. Ich ließ mich überraschen: Natürlich weiß ich in etwa, dass Osso bucco ein Kalb- bzw. Rindfleischgericht ist (bei mir fehlte der Knochen!). Dass in der Fachsprache „quasi“ ein dickeres Stück Fleisch aus der Keule bezeichnet, wusste ich natürlich nicht.

Ich wollte kein Foto von dem Essen machen, weil das servierte köstliche Essen auch ein Stück Imagination zurücklassen soll, genauso wie man vor dem Essen in einem guten Lokal auch keine Fotos vorgelegt bekommt. Man würde auch nur erahnen können, was sich hinter einer Gremolata-Sauce verbirgt (nämlich würziges Pesto, dessen Zubereitung aus der Lombardei stammt) und wie eine Feigenblatt-Creme schmeckt. Nur so viel sei gesagt: Es hat vorzüglich geschmeckt!

Nachdem ich im Mai die FAZ-Rezension von Jens Sparschuhs Waldmeister (2026) gelesen hatte, war mir sofort klar, dass ich diesen Roman lesen wollte. Eine bessere Ferienlektüre hätte ich mir kaum vorstellen können, da der Leser genüsslich Odo Weingaertner vorgesetzt bekommen, ein ausgebildeter Koch, der sich drei Jahrzehnte als Gastrokritikers beim Berliner Radiosender City Radio einen Namen machte und nach seiner Pensionierung bei einem (fiktiven) brandenburgischen Landgasthof als Koch anheuert. Jenen Landgasthof Zur Dubrower Mühle hat er in seiner Kolumne mit dem schönen Titel Aufgespießt an seinem letzten Arbeitstag die dort servierte Soljanka (eine aus Russland stammende Wurstgulaschsuppe) mitsamt dem Saibling-Gericht so heftig verrissen (er bewertete das Essen mit einem von fünf Punkten), dass sich die Inhaberin Senta Woitschke in einem Leserbrief darüber echauffierte und schrieb, Odo solle sich die Ausgabe für das Essen bezahlen lassen. Odo fühlt sich herausgefordert und steuert den Landgasthof erneut an, diesmal als Rentner, also in einer neuen Rolle, die ihn demütiger auftreten lässt. Mit dieser Haltung entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis zwischen der Wirtin und Odo, woraus privat und geschäftlich neue Impulse für die beiden hervorgehen. Der Landgasthof mausert sich somit zu einem angesehenen Lokal, in dem die Gurkensuppe „aus dem Spreewald, also aus dem Grenzland zwischen Brandenburg und Sachsen“ und die von Odo maßgeblich bestimmte Waldmeister-Bowle am beliebtesten sind. Inspiration bietet das Kochbuch seiner sächsischen Großmutter Tilda, mit dem er sich in die „Vergangenheit hineinkochte“. Das ist ein großes Lesevergnügen, auch weil viel „Hoffnungspotenzial“, so der aus Karl-Marx-Stadt stammende Autor selbst, mitschwingt!

Eine Kostprobe soll genügen: Auf knapp zwei Seiten wird die Kooperation zwischen den beiden deutlich, als es um den „Tagesplan“ geht:

Sie zeigte ihm, wo alles stand, doch bei seiner morgendlichen Inspektion hatte er sich ja bereits einen hinlänglichen Überblick verschafft, und als sie vergeblich nach der Salatschleuder suchte, konnte er ihr sogar einen sachdienlichen Hinweis geben: hinter der großen Schüssel auf dem Beistelltisch neben der Spüle.

Auf diesem Beistelltisch hatte er heute früh eine große grüne Flasche Zitronensaft entdeckt, das war Punkt eins auf seiner Merk- und Mängelliste.

„Sie verwenden gern Zitronensaft, Frau Woitschke?“„Ja, klar.“

„Aber…aus der Flasche?“

Sie sah ihn groß an.

„Ich will Ihnen ja nicht reinreden…“

Ihr Blick sagte ihm nun jedoch sehr deutlich, dass er soeben im Begriff war, genau das zu tun, also setzte er völlig neu an.

„Zitronen, das sind doch die kleinen gelben Sonnen, die unseren grauen Küchenalltag zum Leuchten bringen, goldene Glücksbringer, nicht wahr?“

 Misstrauisch nickte sie.

„Zitronensaft, das ist ein zu hundert Prozent natürlich Geschmacksverstärker, universell einsetzbar. Ein paar Spritzer lassen sogar leicht angematschte Erdbeeren wieder aufleben. Und Fisch? Ohne Zitronensaft: völlig undenkbar“.

„Was wollen Sie mir eigentlich sagen, Herr Weingaertner?“

„Ach so, ja – wenn ich jetzt nun so ein bisschen die Regie hier in der Küche übernehmen darf und …ohne Ihnen reinreden zu wollen, ganz und gar nicht: Aber könnten Sie vom Großmarkt bitte richtige Zitronen mitbringen? Die ziehe ich in jedem Fall vor. Die müssen aber wirklich bio sein, zumindest müsste die Schale unbehandelt sein.“

„Kann ich mitbringen, kein Problem.“

„Danke, großartig, Ich sage Ihnen: Abgeriebene Zitronenschale macht faktisch alles besser, Suppen, Salate, was Sie wollen. Oder denken Sie nur an die Marinaden! Mit Soja zusammen ist geriebene Zitronenschale ein Alleskönner, speziell beim Hühnerfleisch. Huhn und Zitrone, das ist immer eine Win-win-Situation.“

Kurze Zeit bevor ich diesen Dialog las, den man sich auch in einer Komödie vorstellen könnte, aß ich am Bodensee ein Fischgericht, an dem keinerlei Zitrone zu erkennen gewesen war. Der fade Geschmack lag, wie ich nach kurzem Grübeln feststellte, tatsächlich an diesem Mangel! Die Literatur bestätigte mir diese Erkenntnis nun, auch wenn ich sie hier nicht gebraucht hätte. Denn hier handelt es sich um eine Art Kollektiverfahrung, die ganz sicher nicht auf einem Irrglauben beruht. Im Roman wird überdies eine gewisse Warmherzigkeit deutlich, als der mögliche Verbesserungsvorschlag beschrieben wird. So wird exemplarisch deutlich, dass Präferenzen als Teil einer Kultur über konkrete Erfahrungswerte sich formen lassen und dabei nie statisch bleiben. Während die Zitrone ein herkömmliches Würzmittel ist, so ist sicherlich zu beobachten, dass Knoblauch in den letzten Jahren hierzulande immer beliebter wurde, ohne dass man durch Marketing-Aktivitäten darauf hingewiesen wurde. Quasi durch die Hintertür, durch die buchstäblich schon so manche Entdeckung möglich wurde!

Der Roman lässt sich bei Kiepenheuer & Witsch bestellen; hier gibt es eine Radiokritik beim ndr; dazu kommt noch ein Gespräch mit Jens Sparschuh auf Deutschlandfunk Kultur. Das lange Zitat habe ich den Seiten 203 und 204 entnommen.