Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Monat: März 2026

Zwischen Differenzierung und Nivellierung – Zu Dr. Oetkers neuem Imagefilm

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Wer nutzt sie nicht zum Kochen und Backen, die Produkte von Dr. Oetker? Ein kurzer Blick in das Lebensmittelregal genügt: Zwei Tüten zur Zubereitung von „Kaiserschmarrn mit Rosinen“  stehen schon seit längerem bereit; am Wochenende konnte ich nicht umhin, im Discounter zwei Päckchen „Seelenwärmer“ zu kaufen – Vanillepudding für die Tasse.

Eine riesige Produktvielfalt – dafür steht Dr Oetker international. Was die Kundschaft mit den Produkten anstellt, kann auch mit einem Gebrauchsgut in der Küche beeinflusst werden: Schon als Jugendlicher wurde ich von meiner Mutter mit dem Dr. Oetker-Schulkochbuch konfrontiert. Die Botschaft dahinter war explizit: Dank der wiederholten Rezepterprobung lässt sich damit hervorragend kochen. Mit dabei sind selbstverständlich Lebensmittel, die Dr. Oetker nicht im Sortiment hat. Letztlich entscheidet der Konsument, welche Lebensmittel wie miteinander in Rezepten oder auch als Fertigprodukt verarbeitet werden.

Im Bereich Unternehmenskommunikation lässt sich mit dieser vielfältigen Produktwelt hervorragendes Bild- und Videomaterial produzieren, das sich auch gut didaktisch verwerten lässt. Der Anfang des Jahres auf Youtube veröffentlichte Imagefilm bot für mich hervorragendes Klausur- und Anschauungsmaterial.

Eindrucksvoll zeigt er drei Personen in drei Ländern und in drei Abteilungen. Jede Person wird zweimal länger in den Blick genommen, so dass die Sequenzen enger miteinander verzahnt scheinen.  So werden neun Variablen geschickt besetzt: Barbara, eine Italienerin, die im Werk Desenzano del Garda unweit des südlichen Gardasee-Ufers für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung tätig ist (man sieht dabei, dass in Italien das Logo zwar das gleiche Design hat, doch auf den Markennamen Dr. Oetker zugunsten von cameo verzichtet wird); dann folgt Shalini, eine Inderin, deren Arbeit in der Qualitätskontrolle in Neu-Delhi gezeigt wird, und schließlich Martin, ein Niederländer, der bei Dr. Oetker in Amersfoort für den Vertrieb zuständig ist.

Versuchsküche
Forschungs-und Entwicklungsarbeit in Italien – Screenshot aus dem Dr.Oetker Imagefilm Creating a Taste of Home (Langversion, 2026), 1‘09‘‘.

Auffällig ist, dass die Muttersprachen (Italienisch; Hindi / Englisch sowie Niederländisch) für Authentizität sorgen, wobei das nivellierende Englisch in den Untertiteln zur Verfügung steht.  

Auch die Musik variiert, je nach Bild-Kontext. Im Grunde hören wir in den knapp zehn Minuten einen Soundtrack, der recht subtil kulturelle Praktiken unterstreicht.  Zunächst sind es peppige Beats, die zu Barbaras Arbeitsweg passen, den sie (sicher nicht nur für den Film) mit ihrem Motorrad zurücklegt. Wenn wir Shalini sehen, dann wird das Markttreiben genauso eingefangen wie Yogaübungen und meditative Klänge.  Martin sehen wir neben typischen Arbeitssituationen joggen und Zeit mit seiner Familie verbringen, während leise sphärische Klänge zu hören sind.

Viel Aufmerksamkeit wird auf die abschließenden (und eingangs bereits kurz eingeblendeten) Tischszenen an den drei Standorten gelegt. Der Slogan „Creating a Taste of Home“ kann an einer festlich gedeckten Tafel am besten inszeniert werden. Die drei Varianten zeigen die jeweilige kulinarische Vielfalt, an denen zubereitete Dr. Oetker-Produkte beteiligt sind. Den Genuss unterstreichen auch die kammermusikalischen Klänge, die beruhigend und zugleich stimulierend sind (vor allem durch die Streicher und das Klavier).  Das Tablet, mit dem online die drei Tafelrunden vernetzt sind, ist das Objekt, das in wenigen Sekunden neben dem analogen Vernetzt-Sein am Tisch auch die digitale (und die inszenierte emotionale) Verbundenheit (über die Praktik des Grüßens) verdeutlicht. Das ist im Unternehmensalltag allein schon durch das Intranet und die vielen digitalen Tools real der Fall.

Tafelrunde im Imagefilm von Dr Oetker
Am gedeckten Tisch – Screenshot aus dem Dr.Oetker Imagefilm Creating a Taste of Home (Langversion, 2026), 9‘19‘‘

In der Prüfung fragte ich, wie der Bedeutungszusammenhang von „Creating a Taste of Home“ zu verstehen sei, das auf der Homepage mit „Jedem ein Gefühl von Zuhause geben“ übersetzt wird, so dass man im Deutschen die konventionelle Verbindung zwischen dem Sinnlichen und dem Häuslichen gewählt hat.  Tatsächlich konnte ich in den Antworten häufig neben „Geschmack“ auch „Gefühl“ finden.  Aus einer Antwort möchte ich zitieren (Grammatikfehler sind dabei bereinigt worden):

Viele Leute assoziieren einen Geschmack mit ihrem Heimatland, und ein bekannter Geschmack erinnert uns an unsere Bekanntschaften / Beziehungen. So verbindet das Unternehmen diese zwei Gefühle – das Essen verbindet die Leute.

Bei aller Differenzierung der aufgetischten Speisen ist auch eine gewisse Nivellierung zu beobachten. Genaue Angaben oder Beschreibungen zu Dr. Oetker-Produkten werden nicht gemacht, weil der Zweck, nämlich eine schmackhafte und ausreichende Ernährung im Vordergrund steht und nicht eine ausgefallene, kaum bekannte Spezialität, mit der sich die Tafelrunde(n) abheben wollte(n). Auch dieser Eindruck zeugt davon, dass das Zuhause als Gefühl für viele leicht über das die Zusammenkunft hergestellt werden kann.  Die Frage gleich zu Beginn des Films lautet: „What connects us worldwide with Dr Oetker?“ Die Antwort wird im Film gezeigt, zuerst gilt das „us“ den drei dargestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, im weiteren Sinne auch den Anwesenden an den drei Tafeln, und im weitesten Sinne auch den Kundinnen und Kunden, die sich ja bei dem Aufbau einer Verbindung angesprochen fühlen sollen. Das italienische Wort „socialità“ (Geselligkeit bzw. Gemeinschaftlichkeit) ist eines der ersten Worte von Barbara; es ist auch ganz sicher die zentrale Botschaft des Unternehmensfilms. Und dieses Wort kann inhaltlich nur dann Geltung erlangen, wenn Geschmacksempfinden auf einem bestimmten Qualitätsniveau und auch einem vorgegebenen Zutatenmix auch von einer Mehrheit geschätzt wird. Die Produkte brauchen keine Vorstellung; stattdessen soll der Nutzen inszeniert werden, der sich einerseits entlang der Wertschöpfungskette rational und andererseits emotional durch den gemeinsamen Genuss an den großen Tisch ergibt.  Kurz gesagt: Das Zuhause ist überall dort, wo sich das Gefühl, dazu zugehören, einstellt. International verständlich wirken die Tafeln wie ein Symbol für Gemeinschaft und Gemeinsinn auf ein und derselben Ebene, wo Hierarchien keine Rolle spielen. Ich freue mich schon, diesem Gefühl beim nächsten größeren Anlass nachzuspüren, ganz gleich, wer mit mir am Tisch sitzt und was ich genau dabei zu mir nehme….

Der Imagefilm kann hier in der Langversion und hier in der Kurzversion angeschaut werden. Weitere interessante Informationen zur Unternehmensgeschichte und zu aktuellen Veranstaltungen und Projekten sind in großer Auswahl auf der Homepage verfügbar.

Eine Fernsehfilm-Lehrstunde: „und dann kam Wanda…“

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Seitdem ich den Fernsehfilm und dann kam Wanda… (2014) von Holger Haase mit Hannes Jaenicke und Katarina Lodyga in den Hauptrollen sah, frage ich mich, ob ein Film, der nicht im Kino läuft, sondern von der Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders eingehend geprüft wird, nicht besondere Merkmale aufweisen muss. Schließlich gibt es ja einen Bildungsauftrag und viele Millionen Gebührenzahler. Auch eine Komödie, die primär der Fernsehunterhaltung dient, sollte über Inhalte verfügen, die zum Nachdenken anregen können. Offen bleibt natürlich, wie und zu welchem Umfang eine Filmszene (weiter-)bildet und wie viele Zuschauer etwas daraus lernen können. Da es keine Bildungs- und keine Interpretationsnorm geben kann, muss letztlich jeder Zuschauer selber beurteilen, was er oder sie aus dem Fernsehfilm ziehen kann.

„und dann kam Wanda“ erzählt vom alleinerziehenden, in die Insolvenz rutschenden Bauunternehmer Karl-Heinz Kluss und von der in Leipzig geborenen intelligenten Jura-Studentin Wanda, deren Mutter aus Polen stammt. Aufgrund von Prüfungsangst schiebt sie ihr Staatsexamen auf; in einer Striptease-Bar lernt sie als Kellnerin Karl-Heinz durch ein Malheur kennen, nachdem er ihr schon einmal (positiv) auf der Straße an einer seiner Baustellen aufgefallen war. Sie bietet sich für ihn als Kinderfrau an; aus einem Tag wird schließlich eine unbefristete Anstellung. Diese stellt sich als Schwarzarbeit heraus, da Wanda versäumt, sich beim Finanzamt anzumelden (wodurch Kluss ein Bußgeld in Höhe von 5000 Euro zahlen muss). Ihrer Mutter lügt sie vor, dass sie bereits in einer deutschen Kanzlei – bei Kluss – arbeiten würde. Der Film endet damit, dass Wanda Karl-Heinz, deren Arbeitsbeziehung sich in eine Liebesbeziehung verwandelt hat, ihrer Mutter in Polen (beim Nationalgericht Bigos) näher vorstellt.

Lehrreich ist im Film Vieles: Einerseits dreht sich die Handlung um die Missachtung von Regeln und Menschen, andererseits um die Ermöglichung von Hilfestellungen in schwierigen Situationen. Drei Aspekte der Hilfe möchte ich kurz skizzieren:

1. Arbeitshilfe aus der Fremde

Karl-Heinz ist ein typischer Meckerkopf, wenn es um ausländische Bauarbeiter geht. Wüste Beschimpfungen sind ihm eigen. Und als Wanda in seine Privaträume eingeht, staunt er nicht schlecht, als sie ihn gegenüber ihrer Mutter am Telefon als „guten Chef“ bezeichnet, allerdings auf Polnisch: „Szef: Dobrze!“ Karl-Heinz versteht nur das Wort „Kanzlei“ in diesem Kontext und wittert bereits, dass Wanda nicht die Wahrheit übermittelt. Und als er dank ihrer Verhandlungskünste bei einem ambitonierten Saunabau für einen befreundeten Unternehmer (der Deal wurde in der bereits erwähnten Striptease-Bar vereinbart) vier Tage mehr Zeit zur Fertigstellung erhält – Wanda spannt ihre attraktive Freundin Maria ein, die der Bauherr als Gegenleistung daten darf, und mobilisiert nebenbei noch eine polnische „Restaurationsfirma in Warschau“– , stellt sich das Unvertraute für ihn als hilfreich heraus.

Old Economy
Abnahme der Gartensauna: Dialog zwischen Bauunternehmer Kluss und Bauherr Bieckmann; Screenshot aus „…und dann kam Wanda“ (2014), ARD Degeto / Oliver Feist, 1h03min49sek

2. Hilfsbedürftigkeit im (Unternehmer-)prekariat  

Der Begriff Prekariat ist – wenn man dem Zentrum für digitale Lexikografie der deutschen Sprache (ZDL) glaubt – seit 20 Jahren in der deutschen Sprache verankert. Geldknappheit aufgrund von schlecht bezahlten und befristeten Arbeitsverhältnissen ist für diese Bevölkerungsgruppe das Hauptschlagwort. Im Film gehört Wanda zu dieser Gruppe, und eben auch Karl-Heinz, obwohl er als Unternehmer in guten Zeiten genug Geld zur Verfügung hat und kein Beschäftigter ist. Doch in seiner Branche sieht es (nicht nur im Film) mau aus, so dass seine Arbeitsleistung nicht genug Geld für ihn und seine Mitarbeiter abwirft. Ihn würde man wohl zum Unternehmerprekariat zählen. Aber gleich zu Beginn des Films wird ein „Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens“ sichtbar; hinzu kommt, dass der Zoll in Wandas Wohnung eindringt, weil sie der Schwarzarbeit bezichtigt wird (sichtbar wird das unscharf gezeigte Dokument „Durchsuchungsbeschluss“, das wir mit Wanda durch den Spion erspähen können, bevor sie aus dem Fenster flieht und der Zoll die Wohnungstür eintritt). Und wenn die Insolvenz im Raum steht, dann reicht das Geld eben für vieles nicht aus – da mag Karl-Heinz‘ Wohnung noch so schick eingerichtet sein! Die Aussage „Papa hat immer Arbeit“, die Karl-Heinz zu seiner jungen Tochter auf dem Weg zur Schule sagt, kann nur eine Lüge sein, die noch vergleichsweise unauffällig daherkommt. Seine Kinder stellen ihn auch am Ende des Films wegen seiner Tendenz zum Lügen zur Rede.

3. Geldhilfe vom eigenen Sohn

Am Ende des Films ist es ausgerechnet Karl-Heinz‘ aufmüpfiger Sohn, der seinen Vater aus der Patsche hilft: Er stellt seine eigens entwickelte Analytik-App Samler in einem Berliner Unternehmen am Potsdamer Platz vor und erhält dafür nicht nur viel Anerkennung, sondern auch viel Kapital, als er sie verkauft. So spielt die New Economy der neuen Generation gegenüber der Old Economy der älteren Generation siegreich auf.

New Economy
Vorstellung der App „Samler“ – Screenshot aus …und dann kam Wanda (2014), ARD Degeto / Oliver Feist, 1h13min59sek.

Mir fällt bei diesem gut gemachten Fernsehfilm das Wort Lehrstunde ein. Die Charaktere sind so gezeichnet und gespielt, dass man sie blendend in Bildungsveranstaltungen einbinden könnte. So ließe sich von didaktisch wertvollem Filmmaterial sprechen, das zur Vertiefung einlädt. Ich lege mich fest:  Wenn ein Film im in Sachsen unterrichteten Schulfach GRW (Gemeinschaftskunde / Recht / Wirtschaft) gewünscht ist, dann sollte und dann kam Wanda in die engere Auswahl genommen werden, gerade weil er das Mehrdimensionale des Fachs ziemlich einschlägig repräsentiert!

In der ard-Mediathek lässt sich der Film bis März 2027 anschauen. Eine interessante Analyse zu der im Film behandelten Nachbarschaftsthematik bietet ein Artikel von Jakub Kazecki im Portal Copernico aus dem Jahre 2024, das sich speziell der Geschichte und dem kulturellen Erbe im östlichen Europa widmet. Dieser Artikel kann auch als pdf-Datei heruntergeladen werden. 

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