Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Monat: Juni 2026

Olympische Begleitmusiken (II) – Über ein veritables Sahnestück

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Was ein olympischer Moment ist, lässt sich nicht anhand von Fakten zeigen. Vielmehr ist es das Unvergessliche, das so manchen Zuschauer wie mich denken lässt, Zeuge von etwas bisher Einmaligem gewesen zu sein.

Solch ein Moment war die Einzelkür von Alysa Liu im Februar 2026 in Mailand, mit der sie als 20-jährige US-Amerikanerin die Goldmedaille gewann. Sowohl die sportlerische Leistung als auch die Qualität der Choreografie in Verbindung mit dem Hit Mac Arthur’s Park von Donna Summer (1948 – 2012) aus dem Jahr 1978 verdienten diese Ehrung. Ich bin mir fast sicher, dass der Hit durch die Kür und umgekehrt die Kür durch den Hit vollkommen wirkten. Warum habe ich das Gefühl?

Höre ich Donna Summers Lieder über den Streaming-Dienst deezer, so bin ich gar nicht so angetan. Womöglich ist es so, dass sie erst als Begleitmusik an Attraktivität gewinnen. Das Lied sollte man sich dreimal zu Gemüte führen: Einmal als Ursprungsversion von Jimmy Webb aus den späten 1960er Jahren, die von Richard Harris interpretiert wurde, dann Donna Summers Disko-Variante und schließlich ihre fast achtzehnminütige Mac Arthur’s Suite, aus dessen Material die Eiskunstlauf-Choreografie entstanden ist. Was die Darbietung   so reizvoll und zugleich komplex macht, ist die Zusammenwirkung von Musik und Bewegung, die ja eine gewisse Technik und eine Ausdrucksstärke bedingt. Auch die Musik bedarf beider Kategorien, wobei sie anders als der sportliche Vortrag für sich allein stehen kann. Eiskunstlauf ohne Musik hingegen würde kaum akzeptiert werden.

Eine Choreografie darf sich erlauben, den Interpretationsspielraum der Musik zu erweitern. Jedenfalls hätte ich nach Lius geradezu extatischer Kür kaum geglaubt, dass Mac Arthur’s Park eigentlich über die verflossene Liebe handelt, für die als Schauplatz der sich in Los Angeles befindliche und titelgebende Mac Arthur Park gedacht ist. Das Einzigartige im Lied ist der in den Park mitgebrachte und während des Parkaufenthaltes zerlaufende Kuchen, der sinnbildlich für eine verflossene Liebesbeziehung stehen kann.  

Dieses Bild ist für mich so stark, dass sich das Lied womöglich jahreslang in meinem Kopf einbrennen wird, vor allem dank folgender Passage:

MacArthur’s Park is melting in the dark
All the sweet green icing flowing down
Someone left the cake out in the rain
I don’t think that I can take it
‚Cause it took so long to bake it
And I’ll never have that recipe again
Oh, no!

Dass sich „cake“, „take“ und „bake” so wunderbar reimen ist sprachlich bemerkenswert; das andere ist, dass der im Regen stehengelassene Kuchen zum einen aufwendig zu backen war und sich aufgrund des nicht mehr vorhandenen Rezeptes nicht mehr reproduzieren lässt. Ob diese fatale Feststellung glaubwürdig ist, muss nicht diskutiert werden; es reicht, sich etwas Unwiederbringliches zu vergegenwärtigen: Es formiert sich ein inneres Kuchen-Bild, das sich (auch weil das Objekt so heißt wie der Ort, wobei das Apostroph-s im Liedtitel hinzugedichtet wurde) mit einer unglücklich verlaufenen Liebesgeschichte im Park verbinden und festigen lassen kann.

Letztlich konstruieren wir hier eine uns eigene Wirklichkeit; der (auf Web-Fotos) nicht besonders einladend wirkende Park in Los Angeles ist als Referenz für einen Zuhörer genauso unwichtig wie die Beschreibung des Kuchens: unter einem grünen Zuckerguss („green icing“) kann man dazu sich nicht besonders viel vorstellen, doch reichen Assoziationen mit Hilfe von wenigen Wörtern aus, ohne dass explizit erzählt wird. Der Sound ist grandios genug; und das reicht für eine unvergessliche Kür innerhalb eines olympischen Wettbewerbs zweifellos aus, wenn die Choreographie passend ist und fehlerfrei vorgetragen wird. Ein Sahnestück par excellence! Dank einer überzeugenden Bild-Regie waren die gut vier Minuten wahrlich großes Fernseh-Kino!

Der Songtext lässt sich hier nachlesen; dazu folgt ein Kommentar von Jochen Scheytt, einem Dozenten der Musikhochschule Stuttgart. Zur vielseitigen Biografie von Donna Summer, die von 1968-1976 in Deutschland lebte und mit dem Österreicher Helmuth Sommer verheiratet war (daher ihr anglisierter Nachnamen), ließen sich sich sicher viele interessante Medien zu Rate ziehen. Mehr zu Alysa Liu lässt sich hier erfahren.

Olympische Begleitmusik (I): „Fantasia Italiana“ von Dardust

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Ich kann mir kaum vorstellen, dass der vergleichsweise unbekannte Musiker Dardust damit rechnen konnte, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beauftragt worden zu sein, eine offizielle Olympia-Hymne für Winterspiele in Milano-Cortina zu komponieren, selbst wenn er in Italien am Klavier Starkult genießt. Seine Fantasia Italiana sprengt mit gut zwölf Minuten jegliche Poplied-Grenzen und ist daher eine mutige Komposition. Kein Wunder, dass ich bei keiner Liveübertraung der Olympischen  Spiele die ganze Fantasie gehört habe, sondern nur das „Gran Finale“ von etwa zwei Minuten Länge, das stets bei der Siegerehrung als deutlich wahrnehmbare Begleitmusik zu hören war.

In einem auf Italienisch geführten Interview (mit englischen Untertiteln) spricht er über das Anliegen, ganz unterschiedliche Stilrichtungen (eindeutig erkennbar: Weltmusik, Tanzmusik, Filmmusik, Electro-Popmusik, Elektro-Folkmusik, klassische Musik) in seine Fantasie, die ja keine strenge Formvorschriften kennt, einfließen zu lassen. Im Grunde sind es ineinander übergehende Versatzstücke, die keinen Hörgenuss ermöglichen, wohl aber die komplexe Forderung erfüllen sollen, mit einem stark variierten Motiv aus fünf Noten auch symbolisch alle fünf Erdteile in Verbindung zu bringen. Sein Anspruch, dass auch noch in vielen Jahren das Hauptmotiv im Kopf bleiben wird, könnte sich erfüllen. Mir bleibt es jedenfalls noch nach Monaten im Kopf.

Man wird die Fantasie wohl nie mehr live hören, doch würde es sich lohnen, sich einmal musikwissenschaftlich der Komposition zu nähern. Mir fällt spontan der Begriff „Postmoderne“ ein, die ja auch für das Disparate steht, was nur schwer in Einklang zu bringen ist, doch die kompositorische Anordnung führt zu einer gewissen Synthese einer großen Idee, wenn ein Leitmotiv aufscheint. Heutige Hörgewohnheiten brauchen eine eindeutige Orientierung: So war es eine kluge Entscheidung, die letzten zwei Minuten der Fantasie quasi herauszuschälen, um sie als Sound-Teppich im Stile eines olympischen Triumphmarsches zu verwenden, der immer dann eingespielt wurde, wenn ersten drei Sportler bzw. Teams den Gang zum Siegertreppchen antraten. Dezenter Trommelwirbel in Kombination mit einem imposanten Klangvolumen von Streichern erleichtert das Hören und transportiert etwas Erhabenes, Feierliches, Bewegendes. Das ist in meinen Augen eine große Leistung von Dardust, der bürgerlich Dario Faini heißt und kurz nach den Olympischen Spielen in Milano-Cortina 50 Jahre alt wurde.

Man müsste einmal untersuchen, ob je in Olympiaübertragungen im deutschen Fernsehen etwas Ausführliches über Dardusts Musik gesagt wurde. Trotzdem ist seine Musik bereits millionenfach angeklickt gehört worden. Nicht so bei seiner Fantasie: Auf der offiziellen Youtube-Seite Milano Cortina 2026 wurde (Stand: Juni 2026) sie nur knapp 25000 Mal aufgerufen, das zu Anfang der Fantasie erklingende Hauptthema (Main Theme) weniger als 5000mal und das „Gran Finale“ nur knapp 6000mal. Wie kann das sein? Das Argument, es handele sich um allzu schwer zugängliche Musik, verfängt hier nicht. Womöglich brauchen diese Klänge dazu passende (Triumph-)Bilder – rein konzertant (in Analogie zur Möglichkeit, Opernmusik ohne Bühnenbild und Handlung vorzutragen) ist sie nicht für die meisten Hörer nur unzureichend vermittelbar. Es ist, so meine ich, eben eine veritable Begleitmusik, die einen besonderen Handlungsmoment benötigt. Das wäre bei einem Hit nicht der Fall. Auf jeden Fall freut es mich, dass das IOC offensichtlich nicht einem Mainstream-Geschmack gefolgt ist. Festzuhalten bleibt auch, dass die Fantasia Italiana das Ausrichterland und zugleich die Welt im Auge behält. Und so wird das Ergebnis auf jeden Fall olympiatauglich, ohne massentauglich zu sein!

Die ganze Fantasie lässt sich über den Youtube-Kanal Milano-Cortina 2026 anhören, ebenso wie das Main Theme (nach der gut einminütigen „Ouverture“ mit teils sphärischem Gesang) und das Gran Finale. Es gibt auch eine Version für Klavier solo. Immerhin hat BR Klassik etwas ausführlicher über die Fantasie berichtet, die als „Hommage an Italien“ bezeichnet wird. Angeblich wurde das Musikstück auch zu anderen olympischen Ritualen (z.B. dem Fahneneid) eingespielt. Mit seinem 2024 erschienenen Album Urban Impressionism ist er dieses Jahr auf Tour, meist in Italien. Dardust trat übrigens (unabhängig von seiner Fantasie) bei einer musikalischen Untermalung einer Choreografie bei der Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele auf.

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