Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Monat: August 2026

Die Verstofflichung der Persönlichkeit – Ein Plädoyer für die Maßanfertigung

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„Stil ist das, was du anders machst, während alle anderen dasselbe tun.“ Dieses Zitat der venezolanisch-amerikanischen Modeschöpferin Carolina Herrera sticht mir im Nachgespräch im Maßatelier von Aaron und seiner Mutter Brünhild ins Auge.

Der Familienbetrieb mitten in Zwickau präsentiert sich dezent. Anders als in vielen Boutiquen gibt es dort keine auffällige Schaufenstergestaltung. Als interessierter Kunde muss man zunächst einmal den Schritt ins Innenreich wagen, am besten natürlich mit einem Termin, damit sich Aaron und Brünhild Mielke genügend Zeit nehmen können. Es gibt im „Studio“ im Erdgeschoss, wo es vor allem um Farb- und Stilberatung geht, und im Atelier im Obergeschoss ausgestellte Accessoires zu kaufen, doch keine Kleidung „von der Stange“. So fokussiert sich der Blick im Atelier weniger auf Gegenstände, sondern auf den Gesprächstisch mittendrin:

Atelier Mielke
Das Atelier Mielke mitten in Zwickau (Foto: Aaron Mielke)

„Wir entwickeln ein Konzept“. So kurz und knapp drückt es Aaron Mielke aus. Viele Kunden hätten „am nächsten Tag vergessen, was besprochen wurde.“ Aus meiner Sicht liegt dies auch daran, dass es sich keinesfalls um eine gewöhnliche Besprechung handelt, sondern um ein Vortasten hin zu einem ganz und gar ungewöhnlichen Entwurf, der schwer in Worte zu kleiden ist. Nun ist es ebenso schwierig, seine eigene Persönlichkeit zusammenzufassen. Und hier kommt der entscheidende Punkt:  Ein maßgeschneidertes Kleidungsstück bedeute eine „Verlängerung der Persönlichkeit“, so Aaron Mielke.

Ich gab mich im Juli 2025 gerne dem mehrstündigen Prozess hin, den es braucht, um einen Hochzeitsanzug mehrere Monate im Voraus anfertigen zu lassen. Die Kollektion der italienischen Firma Stylbiella überzeugte mich recht schnell, nur brauchte die Entscheidungsfindung Zeit. Es ging hier nicht um die Qual der Wahl, sondern darum, dass die favorisierte Option sich als solche auch noch nach mehreren Stunden so anfühlte. Rational kommt man hier kaum weiter.  Dazu kommt, dass die wenige Quadratzentimeter großen Stoffproben Art und Farbe des Stoffes vorerst nur eine Tendenz vorgeben können. Es ist von großem Vorteil, wenn schon vorher Klarheit darüber herrscht, welchen Stil man bevorzugt. Zudem helfen die „look-books“, in denen Fotomodels abgebildet sind, die das fertige Produkt aus eben diesem Stoff tragen. Über die Zusammenführung von gedanklicher und bildlicher Vorstellung konnte das erörternde Gespräch mit Aaron und Brünhild Mielke rascher zum Ergebnis führen, nämlich zur Kombination aus Kleidungsstücken, die bei Stylbiella gefertigt, im Atelier Mielke auf Maß angepasst und schließlich zu einem bestimmten Anlass getragen werden. „Lazuli“ hieß das Stoffmuster, das ich schließlich auswählte. Ein recht kräftiger Blauton mit einem dezenten Karomuster, kombiniert mit einem hellblauen Hemd.  Individualisiert wurde das Jackett unter anderem mit einem aufgestickten Notenschlüssel am Revers. Das gibt es so kein zweites Mal!

Es wird somit nur das gefertigt, was auch gebraucht wird. Im Grunde ist diese Methode der Kleiderwahl eine Lehrstunde für Nachhaltigkeit, die wir wieder einüben müssen: Das, was nicht auf Anfrage produziert wird, bedeutet nicht selten Überproduktion, um den Markt vollständig zu sättigen. Doch leben wir in einer Gesellschaft, die tendenziell übersättigt ist. Ein Atelier reduziert die Auswahl, indem der Mehrwert darin besteht, auf einen individuellen Stil hin einzugrenzen und darüber hinaus aufgrund des hohen Qualitätsanspruchs die Massenproduktion von vornherein auszuschließen.

Ähnlich wie ein hochpreisiges Möbelstück hält ein Maßanzug sehr lange, was die Anschaffungskosten über den langen Zeitraum hinweg relativiert. Wenn man bedenkt, dass dieses Produkt auch etwas von der eigenen Persönlichkeit enthält, sollte der hohe Preis zusammen mit dem hohen Nutzen zusammen betrachtet werden. Letztlich ist der Wert für den Käufer jedoch erst nach vielen Jahren einschätzbar, nämlich dann, wenn die Kleidung nach Maß eine Art Schale für die unterschiedlichsten Auftritte gebildet hat. Sich in Schale zu werfen soll irgendwann nicht der Vergangenheit angehören, sondern zeitlos ein bewährtes Konzept bleiben!

Vielen Dank an Aaron Mielke, seine Mutter Brünhild und an den aus Syrien stammenden Schneider Rouni Haj Hama. Das Trio hat mit großer Aufgeschlossenheit und natürlich den notwendigen Fertigkeiten die richtigen Impulse in Sachen Maßanzug gesetzt. Ich bedanke mich auch für die Möglichkeit, das eingefügte Foto verwenden zu dürfen.  Verlinkt sind nähere Informationen zur Herkunft des gewählten Anzugs und zum Studio Mielke.

Vorspiel – Zwischenspiel -Nachspiel – Kammermusik in „La vie est tranquille“ (2000)

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2014 durfte ich einen kurzen Artikel für das Lexikon literarischer Symbole schreiben, das im Metzler Verlag erschienen ist. Darin habe ich die französische Hafenstadt Marseille als „Symbol der Weltgemeinschaft“ bezeichnet.

Als vor etwa einem Jahr auf arte mehrere Marseille-Filme des in Deutschland eher unbekannten Regisseures Robert Guédiguian gezeigt wurden, blieb mir der Film La ville est tranquille aus dem Jahr 2000 im Kopf, der in der deutschen Fassung vollkommen anders mit Die Stadt frisst ihre Kinder betitelt wurde. Man kann sowohl bei der im französischen Filmtitel durchscheinenden (trügerischen) Ruhe der Stadt – der Reim lässt bereits eine gewisse Ironie vermuten – bzw. der exzessiven Gewalt, der die Übersetzung evoziert, zu einer fehlgeleiteten Interpretation gelangen.

Guédiguian beherzigt, sicher autobiografisch geprägt (seine Familie hat armenische und zugleich deutsche Wurzeln), ein auf seine Heimat fokussiertes Kino, in dem die Stadt nicht nur Dekor ist. Daniel Winkler hat den Film in seiner sehr lesenswerten Monografie Transit Marseille ausführlich beschrieben. Das Buch ist als pdf-Version im Transit Verlag frei zugänglich, nachdem es ursprünglich im Schüren Verlag erschienen war und dort vergriffen ist. Zurecht spricht er von „filmische[m] Urbanismus.“ Und von einer „sozial wie ästhetisch fragmentierte[n] Stadt, wo es Gemeinschaftsformen nicht leichter haben als anderswo. Eher lasse sich sagen, dass im Film Marseille kein Ort sei, „an dem Menschen verschiedener ethnischer Herkunft dauerhaft zusammenfinden und neues Leben hervorbringen können.“

Gemeinschaft ist oftmals nicht dauerhaft angelegt. Was mich an drei, das Musiktalent Sarkis betreffenden Szenen im Film fasziniert, ist die Kraft der Musik, die Sarkis einem zusammengewürfelten Publikum zu Gehör bringt. Dadurch, dass die Musikszenen zu Anfang, in der Mitte und am Schluss des Films positioniert sind, bilden sie eine Art Kontrastfolie zu den Protagonisten, die vom Unglück heimgesucht sind, unabhängig davon, ob sie privilegiert leben oder nicht.

Sarkis spielt in der Anfangsszene, in der die Kamera zunächst die außergewöhnliche Stadtkulisse erfasst, neben einem unbekannten, nach Franz Schuberts Werk klingenden Stück Eric Saties Gymnopédie Nr.1 und Ludwig van Beethovens (Mondschein)-Sonate Nr. 14, 2. Satz), die nicht im Abspann aufgeführt sind. Der Aufführungsort über den Dächern der Stadt hat etwas Traumhaftes, fast Klischeehaftes:  

Marseille im Film
Sarkis musiziert oberhalb des Alten Hafens von Marseille – Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 3min24sek

In der zweiten Musikszene (das Pseudo-Schubert-Stück ist wieder zu hören) ist der Standort der gleiche, jedoch wird dem Zuschauer die mächtige Kathedrale und auch zumindest beim zweiten Sehen der zwielichtige, gewaltbereite Barbesitzer Gérard (im Anzug) gewahr, bei dem offenbleibt, ob er sich wirklich für klassische Musik interessiert:

Marseille im Film
Sarkis‘ Publikum, im Hintergrund die Kathedrale von Marseille, Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 51min 05sek

Wenige Sekunden später wird Sarkis, dem Namen nach zu urteilen aus Armenien stammend, in einem 6-Zeiler schriftlich vorgestellt, indem sein glaubwürdiger Wunsch nach Spenden beim Musizieren deutlich wird. Es stellt sich heraus, dass er zunächst in Georgien im Klavierspiel ausgebildet wurde und ans Konservatorium in Marseille gewechselt ist. Dafür muss er sich sein eigenes Klavier finanzieren:

Marseille im Film
Kurzvorstellung von Sarkis als Musiker, Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 51min42sek

Schließlich, in der Schlussszene, bringen drei Transporteure einen Yahama-Flügel erst mit einem offenen Lieferwagen mit der Aufschrift France Pianos und dann beschwerlich zu Fuß an Sarkis Wohnort:

Marseille im Film
Klaviertransport durch Marseille; Screenshot aus La vie est tranquille (2000);© Agat Films & Cie, (2000); 2h2min14sek

Fraglich bleibt, woher das große Geld für den Flügel gekommen ist. Wer waren die Gönner? Ob der schwerkriminelle Gérard seine Finger im Spiel hatte? Diese beantwortet der Film nicht, doch das passt ja zum Traumhaften, das ein Aufstieg möglich ist, gerade wenn eine Gemeinschaft sich nicht nur zum Zuhören versammelt, sondern (vermutlich) auch mit größeren Geldspenden Karrieren ermöglicht. Die letzte Szene des Films zeigt, wie die Zuhörer nun näher an Sarkis herangetreten sind, was natürlich auch eine gewisse Empathie zum Musiker und zum Kunst-Werk, nämlich der Interpretation von Musikstücken (hier u.a.: der Klavierfassung des Chorals Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach und dem Türkischen Marsch aus Mozarts 11. Klaviersonate) signalisiert:

Marseille im Film
Sarkis musiziert am Flügel; Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 2h3min39sek

Was ich an Guédiguians Kino schätze, ist der Kontext, der auch politische Debatten nicht auslässt. Sehr eindrücklich werden in diesem Film der Jahrtausendwende auch rechtsextreme Gesinnungen in der Gesellschaft deutlich, die scheinbar gar nicht radikal klingen. Eine Szene beinhaltet eine Informationsveranstaltung einer nicht näher benannten Partei bzw. Bewegung, bei der die Zuschauer u.a. mit der Frage nach Identitäten (regional und national) und nach (nationalen) Präferenzen konfrontiert werden. Der Redner bezieht das Publikum mit Hilfe einer Analogie ein, die da heißt: Wenn der eigene Ehemann naturgemäß gegenüber anderen Männern bevorzugt wird, sind auch die Franzosen gegenüber den Ausländern zu bevorzugen. Der Slogan „X comes first“ führte gut ein Jahrzehnt später zu großen politischen Erfolgen, wobei X für viele Länder steht, in denen die eigene Bevölkerung gegenüber Ausländern (deutlich mehr) Privilegien erhalten sollen, wenn man diesen fragwürdigen Gesinnungen folgt.

In La ville est tranquille ist die erfolgreichste Person ein junges Einwandererkind mit viel Potenzial, während die Einheimischen unglücklich und teils auch mörderisch agieren. So ist die Welt ein unabdingbarer Bestandteil in der (temporären) (Welt-)gemeinschaft. Erfolg lässt sich eben nicht ausschließlich über lokale bzw. regionale oder staatliche Strukturen aufbauen. Ein starkes Zeichen, auch noch ein gutes Vierteljahrhundert später.

In der lesenswerten Monografie von Daniel Winkler wird der Film ab Seite 265 besprochen; die Zitate stehen auf den Seiten 271 und 279. Ein kurzer Blog-Beitrag über den Regisseur auf Deutsch findet sich auf den Seiten des Tourismusbüros von Marseille. Dort wird der Filmtitel wörtlich mit Die Stadt ist ruhig übersetzt.

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