Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Autor: Thomas Edeling Seite 1 von 15

Genießer und Entdecker kleinerer und größerer unbekannter Gefilde. Vom Südrand des Ruhrgebiets stammend, aus dem Essener Süden, wo landschaftliche Reize und Industriekultur gleichermaßen in der Nähe sind. Im beruflichen Alltag Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. In der Freizeit gerne auf dem Rad, auf Langlauf-Skiern, auf der Vespa oder zu Fuß unterwegs.

Die Verstofflichung der Persönlichkeit – Ein Plädoyer für die Maßanfertigung

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„Stil ist das, was du anders machst, während alle anderen dasselbe tun.“ Dieses Zitat der venezolanisch-amerikanischen Modeschöpferin Carolina Herrera sticht mir im Nachgespräch im Maßatelier von Aaron und seiner Mutter Brünhild ins Auge.

Der Familienbetrieb mitten in Zwickau präsentiert sich dezent. Anders als in vielen Boutiquen gibt es dort keine auffällige Schaufenstergestaltung. Als interessierter Kunde muss man zunächst einmal den Schritt ins Innenreich wagen, am besten natürlich mit einem Termin, damit sich Aaron und Brünhild Mielke genügend Zeit nehmen können. Es gibt im „Studio“ im Erdgeschoss, wo es vor allem um Farb- und Stilberatung geht, und im Atelier im Obergeschoss ausgestellte Accessoires zu kaufen, doch keine Kleidung „von der Stange“. So fokussiert sich der Blick im Atelier weniger auf Gegenstände, sondern auf den Gesprächstisch mittendrin:

Atelier Mielke
Das Atelier Mielke mitten in Zwickau (Foto: Aaron Mielke)

„Wir entwickeln ein Konzept“. So kurz und knapp drückt es Aaron Mielke aus. Viele Kunden hätten „am nächsten Tag vergessen, was besprochen wurde.“ Aus meiner Sicht liegt dies auch daran, dass es sich keinesfalls um eine gewöhnliche Besprechung handelt, sondern um ein Vortasten hin zu einem ganz und gar ungewöhnlichen Entwurf, der schwer in Worte zu kleiden ist. Nun ist es ebenso schwierig, seine eigene Persönlichkeit zusammenzufassen. Und hier kommt der entscheidende Punkt:  Ein maßgeschneidertes Kleidungsstück bedeute eine „Verlängerung der Persönlichkeit“, so Aaron Mielke.

Ich gab mich im Juli 2025 gerne dem mehrstündigen Prozess hin, den es braucht, um einen Hochzeitsanzug mehrere Monate im Voraus anfertigen zu lassen. Die Kollektion der italienischen Firma Stylbiella überzeugte mich recht schnell, nur brauchte die Entscheidungsfindung Zeit. Es ging hier nicht um die Qual der Wahl, sondern darum, dass die favorisierte Option sich als solche auch noch nach mehreren Stunden so anfühlte. Rational kommt man hier kaum weiter.  Dazu kommt, dass die wenige Quadratzentimeter großen Stoffproben Art und Farbe des Stoffes vorerst nur eine Tendenz vorgeben können. Es ist von großem Vorteil, wenn schon vorher Klarheit darüber herrscht, welchen Stil man bevorzugt. Zudem helfen die „look-books“, in denen Fotomodels abgebildet sind, die das fertige Produkt aus eben diesem Stoff tragen. Über die Zusammenführung von gedanklicher und bildlicher Vorstellung konnte das erörternde Gespräch mit Aaron und Brünhild Mielke rascher zum Ergebnis führen, nämlich zur Kombination aus Kleidungsstücken, die bei Stylbiella gefertigt, im Atelier Mielke auf Maß angepasst und schließlich zu einem bestimmten Anlass getragen werden. „Lazuli“ hieß das Stoffmuster, das ich schließlich auswählte. Ein recht kräftiger Blauton mit einem dezenten Karomuster, kombiniert mit einem hellblauen Hemd.  Individualisiert wurde das Jackett unter anderem mit einem aufgestickten Notenschlüssel am Revers. Das gibt es so kein zweites Mal!

Es wird somit nur das gefertigt, was auch gebraucht wird. Im Grunde ist diese Methode der Kleiderwahl eine Lehrstunde für Nachhaltigkeit, die wir wieder einüben müssen: Das, was nicht auf Anfrage produziert wird, bedeutet nicht selten Überproduktion, um den Markt vollständig zu sättigen. Doch leben wir in einer Gesellschaft, die tendenziell übersättigt ist. Ein Atelier reduziert die Auswahl, indem der Mehrwert darin besteht, auf einen individuellen Stil hin einzugrenzen und darüber hinaus aufgrund des hohen Qualitätsanspruchs die Massenproduktion von vornherein auszuschließen.

Ähnlich wie ein hochpreisiges Möbelstück hält ein Maßanzug sehr lange, was die Anschaffungskosten über den langen Zeitraum hinweg relativiert. Wenn man bedenkt, dass dieses Produkt auch etwas von der eigenen Persönlichkeit enthält, sollte der hohe Preis zusammen mit dem hohen Nutzen zusammen betrachtet werden. Letztlich ist der Wert für den Käufer jedoch erst nach vielen Jahren einschätzbar, nämlich dann, wenn die Kleidung nach Maß eine Art Schale für die unterschiedlichsten Auftritte gebildet hat. Sich in Schale zu werfen soll irgendwann nicht der Vergangenheit angehören, sondern zeitlos ein bewährtes Konzept bleiben!

Vielen Dank an Aaron Mielke, seine Mutter Brünhild und an den aus Syrien stammenden Schneider Rouni Haj Hama. Das Trio hat mit großer Aufgeschlossenheit und natürlich den notwendigen Fertigkeiten die richtigen Impulse in Sachen Maßanzug gesetzt. Ich bedanke mich auch für die Möglichkeit, das eingefügte Foto verwenden zu dürfen.  Verlinkt sind nähere Informationen zur Herkunft des gewählten Anzugs und zum Studio Mielke.

Vorspiel – Zwischenspiel -Nachspiel – Kammermusik in „La vie est tranquille“ (2000)

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2014 durfte ich einen kurzen Artikel für das Lexikon literarischer Symbole schreiben, das im Metzler Verlag erschienen ist. Darin habe ich die französische Hafenstadt Marseille als „Symbol der Weltgemeinschaft“ bezeichnet.

Als vor etwa einem Jahr auf arte mehrere Marseille-Filme des in Deutschland eher unbekannten Regisseures Robert Guédiguian gezeigt wurden, blieb mir der Film La ville est tranquille aus dem Jahr 2000 im Kopf, der in der deutschen Fassung vollkommen anders mit Die Stadt frisst ihre Kinder betitelt wurde. Man kann sowohl bei der im französischen Filmtitel durchscheinenden (trügerischen) Ruhe der Stadt – der Reim lässt bereits eine gewisse Ironie vermuten – bzw. der exzessiven Gewalt, der die Übersetzung evoziert, zu einer fehlgeleiteten Interpretation gelangen.

Guédiguian beherzigt, sicher autobiografisch geprägt (seine Familie hat armenische und zugleich deutsche Wurzeln), ein auf seine Heimat fokussiertes Kino, in dem die Stadt nicht nur Dekor ist. Daniel Winkler hat den Film in seiner sehr lesenswerten Monografie Transit Marseille ausführlich beschrieben. Das Buch ist als pdf-Version im Transit Verlag frei zugänglich, nachdem es ursprünglich im Schüren Verlag erschienen war und dort vergriffen ist. Zurecht spricht er von „filmische[m] Urbanismus.“ Und von einer „sozial wie ästhetisch fragmentierte[n] Stadt, wo es Gemeinschaftsformen nicht leichter haben als anderswo. Eher lasse sich sagen, dass im Film Marseille kein Ort sei, „an dem Menschen verschiedener ethnischer Herkunft dauerhaft zusammenfinden und neues Leben hervorbringen können.“

Gemeinschaft ist oftmals nicht dauerhaft angelegt. Was mich an drei, das Musiktalent Sarkis betreffenden Szenen im Film fasziniert, ist die Kraft der Musik, die Sarkis einem zusammengewürfelten Publikum zu Gehör bringt. Dadurch, dass die Musikszenen zu Anfang, in der Mitte und am Schluss des Films positioniert sind, bilden sie eine Art Kontrastfolie zu den Protagonisten, die vom Unglück heimgesucht sind, unabhängig davon, ob sie privilegiert leben oder nicht.

Sarkis spielt in der Anfangsszene, in der die Kamera zunächst die außergewöhnliche Stadtkulisse erfasst, neben einem unbekannten, nach Franz Schuberts Werk klingenden Stück Eric Saties Gymnopédie Nr.1 und Ludwig van Beethovens (Mondschein)-Sonate Nr. 14, 2. Satz), die nicht im Abspann aufgeführt sind. Der Aufführungsort über den Dächern der Stadt hat etwas Traumhaftes, fast Klischeehaftes:  

Marseille im Film
Sarkis musiziert oberhalb des Alten Hafens von Marseille – Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 3min24sek

In der zweiten Musikszene (das Pseudo-Schubert-Stück ist wieder zu hören) ist der Standort der gleiche, jedoch wird dem Zuschauer die mächtige Kathedrale und auch zumindest beim zweiten Sehen der zwielichtige, gewaltbereite Barbesitzer Gérard (im Anzug) gewahr, bei dem offenbleibt, ob er sich wirklich für klassische Musik interessiert:

Marseille im Film
Sarkis‘ Publikum, im Hintergrund die Kathedrale von Marseille, Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 51min 05sek

Wenige Sekunden später wird Sarkis, dem Namen nach zu urteilen aus Armenien stammend, in einem 6-Zeiler schriftlich vorgestellt, indem sein glaubwürdiger Wunsch nach Spenden beim Musizieren deutlich wird. Es stellt sich heraus, dass er zunächst in Georgien im Klavierspiel ausgebildet wurde und ans Konservatorium in Marseille gewechselt ist. Dafür muss er sich sein eigenes Klavier finanzieren:

Marseille im Film
Kurzvorstellung von Sarkis als Musiker, Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 51min42sek

Schließlich, in der Schlussszene, bringen drei Transporteure einen Yahama-Flügel erst mit einem offenen Lieferwagen mit der Aufschrift France Pianos und dann beschwerlich zu Fuß an Sarkis Wohnort:

Marseille im Film
Klaviertransport durch Marseille; Screenshot aus La vie est tranquille (2000);© Agat Films & Cie, (2000); 2h2min14sek

Fraglich bleibt, woher das große Geld für den Flügel gekommen ist. Wer waren die Gönner? Ob der schwerkriminelle Gérard seine Finger im Spiel hatte? Diese beantwortet der Film nicht, doch das passt ja zum Traumhaften, das ein Aufstieg möglich ist, gerade wenn eine Gemeinschaft sich nicht nur zum Zuhören versammelt, sondern (vermutlich) auch mit größeren Geldspenden Karrieren ermöglicht. Die letzte Szene des Films zeigt, wie die Zuhörer nun näher an Sarkis herangetreten sind, was natürlich auch eine gewisse Empathie zum Musiker und zum Kunst-Werk, nämlich der Interpretation von Musikstücken (hier u.a.: der Klavierfassung des Chorals Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach und dem Türkischen Marsch aus Mozarts 11. Klaviersonate) signalisiert:

Marseille im Film
Sarkis musiziert am Flügel; Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 2h3min39sek

Was ich an Guédiguians Kino schätze, ist der Kontext, der auch politische Debatten nicht auslässt. Sehr eindrücklich werden in diesem Film der Jahrtausendwende auch rechtsextreme Gesinnungen in der Gesellschaft deutlich, die scheinbar gar nicht radikal klingen. Eine Szene beinhaltet eine Informationsveranstaltung einer nicht näher benannten Partei bzw. Bewegung, bei der die Zuschauer u.a. mit der Frage nach Identitäten (regional und national) und nach (nationalen) Präferenzen konfrontiert werden. Der Redner bezieht das Publikum mit Hilfe einer Analogie ein, die da heißt: Wenn der eigene Ehemann naturgemäß gegenüber anderen Männern bevorzugt wird, sind auch die Franzosen gegenüber den Ausländern zu bevorzugen. Der Slogan „X comes first“ führte gut ein Jahrzehnt später zu großen politischen Erfolgen, wobei X für viele Länder steht, in denen die eigene Bevölkerung gegenüber Ausländern (deutlich mehr) Privilegien erhalten sollen, wenn man diesen fragwürdigen Gesinnungen folgt.

In La ville est tranquille ist die erfolgreichste Person ein junges Einwandererkind mit viel Potenzial, während die Einheimischen unglücklich und teils auch mörderisch agieren. So ist die Welt ein unabdingbarer Bestandteil in der (temporären) (Welt-)gemeinschaft. Erfolg lässt sich eben nicht ausschließlich über lokale bzw. regionale oder staatliche Strukturen aufbauen. Ein starkes Zeichen, auch noch ein gutes Vierteljahrhundert später.

In der lesenswerten Monografie von Daniel Winkler wird der Film ab Seite 265 besprochen; die Zitate stehen auf den Seiten 271 und 279. Ein kurzer Blog-Beitrag über den Regisseur auf Deutsch findet sich auf den Seiten des Tourismusbüros von Marseille. Dort wird der Filmtitel wörtlich mit Die Stadt ist ruhig übersetzt.

Sanftes auf die Ohren – Über eine sehr gelungene Anmoderation

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Am 16.07. schaltete ich auf der Autofahrt von Schneeberg nach Chemnitz einmal mehr die von mir sehr geschätzten Late Nite Sounds auf mdr Kultur ein. Die Sendung bietet unterschiedliche Musikgenres auf hohem Niveau, und auch deswegen ist es eine gute Idee, dass diese Sendung in Kooperation mit Bayern 2, Bremen 2 und SR-Kultur ausgestrahlt wird.

Natürlich höre ich genauer hin, wenn von einem Thomas die Rede ist. Diesmal ging es um einen Hörer, der an die Moderatorin Christine Heuck einen besonderen Musiktipp mit dem Wunsch herantrug, sie möge ihn berücksichtigen. Und das hat Christine Heuck auch getan! Und zwar mit einer ungewöhnlich poetischen Einführung, die wiederum die gewünschte Musik mitsamt dem Musikwunsch spiegelt.

Man könnte hier im wörtlichen Sinne von einem Sendungsbewusstsein sprechen: Auf Sendung gehen heißt hier, den Hörer förmlich mit in die Sendung hineinzuziehen und somit ein Bewusstsein für die Anliegen der Hörerschaft auch auszudrücken. Das ist heute wichtiger denn je, gerade wenn man private Radiosender hin- und wieder einschaltet, die zuallererst ein kommerzielles Verwertungsinteresse haben.  

Nun möchte ich die beiden Anmoderationen, die innerhalb einer viertel Stunde gesendet wurden, einmal in ihrer Gänze zitieren. Ich hatte beim Nachhören den Eindruck, dass sie auch aus einem Drehbuch stammen könnten. Kurz nach 22 Uhr gab es Folgendes zu hören:

Auch heute gönnen wir uns eine zweite Stunde Musik fürs Herz und von Herzen, darunter ein Song einer Band, die in den Zwischenwelten von Berlin und Dresden lebt und die hier dank einer Mail an mich von Thomas, der das Ganze so beschrieben hat, in diesen Herzstücken landet. Denn wenn der Thomas sagt, er fände, LÜX würden die Welt mit ihrer Musik die Welt ein bisschen schöner machen, und ich höre ‘rein und ich versteh‘ sofort, was er meint – wie gemein wäre das dann bitte, Sie nicht daran teilhaben zu lassen. In ein paar Minuten ist es soweit in diesen Herzstücken, und das hier ist Donovan Woods mit „Portland Maine“.

Und um kurz nach 22.15 Uhr setzte Christine Heuck wie folgt fort:

Ich hab‘ mich sehr gefreut über Thomas‘ Mail. Bremen 2, Bayern 2, mdr Kultur und SR Kultur. Thomas hört regelmäßig die Herzstücke  – das freut mich sehr –  via mdr Kultur und geht eben gerne hier mit uns zusammen donnerstags auf Entdeckungsreise. Und so schreibt er in seiner Mail von einer Band, die, so sagt er, momentan noch viel zu unbekannt sei, aber für ihn eben eine echte Herzensangelegenheit. Die Band heißt LÜX. Und Thomas unterstreicht – zurecht –, wie sehr er sich auch hier wünscht, man möge dem Text zuhören, wenn es zum Beispiel um „80 Sommers“ geht und um eigentlich jede Sekunde, die so wertvoll ist. Stimme und Musik sorgen für feuchte Augen und seliges Lächeln, sagt der Thomas, und es stimmt: Lieber Thomas, hier kommt Deine Entdeckung, gerne rein in diese Herzstücke-Playlist, danke fürs Drauf-Stoßen, auf LÜX und ihren Song, jetzt hier für uns alle: „80 Summers“.

80 Summers ist ein Lied, das von verpassten Chancen handelt: Über den schüchternen Jamie, der sich nicht traute, den attraktiven Otis anzusprechen, und über Josie, die sich trotz ihres Talents als Geigerin nicht dazu durchringen konnte, ihren Bürojob gegen einen musikalischen Beruf eintauschen konnte. Dieses kurze Anteasern soll genügen, damit auch der geneigte Leser bzw. die geneigte Leserin schnell in die Rolle des Hörers bzw. der Hörerin schlüpft und sich überzeugen kann, dass es sich hierbei um ein veritables Herz-Stück handelt!

Das Musikvideo folgt hier; desweiteren lohnt sich auch ein Blick auf die Homepage von LÜX, die bisher meist in ihrer Heimat Berlin auftraten. Auf der Sendungshomepage lassen sich die Sendungen nach Ausstrahlung 7 Tage lang nachhören.  

Krimi-Schauplätze: Zum Tatort „Der Feinkosthändler“ (1978)

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Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu einem Tatort einen Artikel schreiben würde. Nun, die Fügung wollte es, dass mein Osterspaziergang im heimischen Essen durch eine Straße führte, in der eine Tatort-Folge aus dem Jahre 1978 gedreht wurde. Das erfuhr ich, als ich deutlich hörbar den auffälligen Fassadenschmuck mitten in einer Häuserzeile kommentierte; Gäste des Hausherren gaben das Lob weiter, worauf sich dann der Hausherr persönlich vor die Eingangstür gesellte und sogleich vom Feinkosthändler berichtete. Dieser ist der Protagonist des gleichnamigen Krimis, in dem die Straße Stiftmühlenbrink mitsamt der Häuserzeile eindeutig erkennbar ist.

Ästhetischer Kommentar: Das „sah hier ja aus wie“ in der ehemaligen DDR. Ja: Die Bundesrepublik vor etwa 50 Jahren war alles andere als herausgeputzt, vor allem nicht im Ruhrgebiet. Viel bekommt man in diesem Tatort davon nicht mit, gerade auch, weil der Fernsehzuschauer nur mit Spezialwissen erkennen kann, wo die Handlung spielt. Der Hauptschauplatz, nämlich das Feinkostgeschäft, befand sich überdies in Oberschleißheim bei München, so dass der Ortswechsel nach Essen von der Handlungslogik sich nicht hätte begründen lassen können. Filmproduktionstechnisch gesehen gibt es natürlich eine Erklärung, denn die tonangebende Rundfunkanstalt war der WDR und die Produktionsfirma die Bavaria Atelier GmbH, so dass hier gewisse Ressourcen aufgeteilt werden konnten.

Der Kriminalfall soll nur kurz skizziert werden: Der Feinkosthändler hat eine ihm, vorsichtig ausgedrückt, sehr zugeneigte Kundin namens Frau Böhmer, in deren Haus sich der Kaufmannssohn Andreas und die junge Mitarbeiterein Birgit (Biggi)  zur Schäferstunde treffen (Zugang erhalten sie durch einen Schlüssel, die die Kundin bei ihrer Putzfrau, Biggis Mutter, hinterließ). Als die beiden in flagranti erwischt werden, haut der Sohnemann der geschätzten (und wohl auch geliebten) Kundin eins über die Rübe, und zwar mit tödlichem Ausgang.

Zum Schluss möchte der Kaufmannssohn sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln von der Essener Margarethenhöhe absetzen, während der Vater ihn beschützen und Biggi im Lager erledigen will. Doch Kommissar Haferkamp observiert Andreas,  spürt ihn am Essener Hauptbahnhof noch gerade rechtzeitig beim Einsteigen in einen Regionalzug auf und stellt ihn während der Fahrt. Mangels Funk- und Telefonverbindung zieht der Kommissar die Notbremse. Die Polizei trifft schließlich noch rechtzeitig am Feinkostladen ein, um Wevers Mordpläne zu vereiteln, auch dank guter Observierung durch Haferkamps Assistenten….

Fluchtfahrt (Tatort)
Andreas‘ Fluchtversuch, hier im Bus kurz vor dem Essener Hauptbahnhof (mit der 2013 abgerissenen AEG-Zentrale aus den 1950er Jahren);
Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978,1h12min21sek).

Wenn ich über diesen gut gemachten Krimi nachdenke, muss ich an das Subversive denken, das die Handlung kennzeichnet. Heute hätte sicher eine solche Beziehung nichts Anstößiges; man müsste sich nicht ohne Erlaubnis in eine fremde Wohnung begeben, was ja auch schon unerhört ist. Auch dass den Ermittlern der Mord am heiligen Sonntag bekannt wird (man hört während des Gottesdienstes Blaulicht), zeigt, wie die Ordnung im bürgerlichen Leben von innen zerstört wird. Es gibt keine Bedrohung von außen, sondern nur aus dem familiären Umfeld heraus.

Sehr eindringlich werden im Krimi gleich drei Schauplätze Essens für mehr als nur wenige Sekunden gezeigt: Essen-Rellinghausen, die Magarethenhöhe und der Hauptbahnhof. Rellinghausen ist der Schauplatz für eine buchstäbliche Kehrtwende von Wever: Erst möchte er seinen Sohn verstoßen, wofür dessen erzwungenes Aussteigen steht, doch just an der großen, mir sehr vertrauten Kreuzung an der Ruhr (mit der B227) dreht er seinen Lieferwagen in der Geradeaus-Spur nach Essen-Überruhr und fängt seinen Sohn wieder ein. Kurz darauf besprechen sich die beiden in der bereits erwähnten Straße Stiftmühlenbrink.

Stiftsmühlenbrink (Tatort)
Damals düster wirkende Straße Stiftmühlenbrink in Essen-Rellinghausen, wo Wever und sein Sohn sich in einer Hofeinfahrt besprechen;
Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978,48min55sek).

Die Mintarder Ruhrtalbrücke, Deutschlands längste Autobahnbrücke vor den Toren der Stadt, ist übrigens auch Kulisse für einen Sonntagsspaziergang von Haferkamp und seiner Frau. Man würde nun wirklich annehmen, dass das Feinkostgeschäft sich in Essen befindet, doch womöglich waren die Warenauswahl und die Produktpräsentation dort nicht ganz so vorzeigbar (vgl. der Riesenbrezel vor den Augen des Feinkosthändlers!).

Feinkostladen (Tatort)
Wevers Sicht auf seinen Feinkostladen und auf die Kassiererin Birgit;
Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978, 1h11min45sek).
Der Feinkosthändler
Wevers Kontroll-Blick herab auf das Geschehen im Feinkostladen
Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978, 1h11min41sek).

Diese 91. Tatort-Folge lässt sich hier anschauen. Weitere Infos zu der Folge (inklusive der Hauptdarsteller) finden sich auf einer Fan-Seite; ein privater Blog versucht sich an einer gesellschaftskritischen Interpretation. Bekannteste Schauspielerin ist aus heutiger Sicht Marie-Luise Millowitsch, Tochter von Willy Millowitsch. Dem Regisseur Hajo Gies ist übrigens Kommissar Schimanski zu verdanken; Hansjörg Fellmy spielte in 20 Tatort-Folgen den Kommissar Haferkamp.

Olympische Begleitmusiken (II) – Über ein veritables Sahnestück

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Was ein olympischer Moment ist, lässt sich nicht anhand von Fakten zeigen. Vielmehr ist es das Unvergessliche, das so manchen Zuschauer wie mich denken lässt, Zeuge von etwas bisher Einmaligem gewesen zu sein.

Solch ein Moment war die Einzelkür von Alysa Liu im Februar 2026 in Mailand, mit der sie als 20-jährige US-Amerikanerin die Goldmedaille gewann. Sowohl die sportlerische Leistung als auch die Qualität der Choreografie in Verbindung mit dem Hit Mac Arthur’s Park von Donna Summer (1948 – 2012) aus dem Jahr 1978 verdienten diese Ehrung. Ich bin mir fast sicher, dass der Hit durch die Kür und umgekehrt die Kür durch den Hit vollkommen wirkten. Warum habe ich das Gefühl?

Höre ich Donna Summers Lieder über den Streaming-Dienst deezer, so bin ich gar nicht so angetan. Womöglich ist es so, dass sie erst als Begleitmusik an Attraktivität gewinnen. Das Lied sollte man sich dreimal zu Gemüte führen: Einmal als Ursprungsversion von Jimmy Webb aus den späten 1960er Jahren, die von Richard Harris interpretiert wurde, dann Donna Summers Disko-Variante und schließlich ihre fast achtzehnminütige Mac Arthur’s Suite, aus dessen Material die Eiskunstlauf-Choreografie entstanden ist. Was die Darbietung   so reizvoll und zugleich komplex macht, ist die Zusammenwirkung von Musik und Bewegung, die ja eine gewisse Technik und eine Ausdrucksstärke bedingt. Auch die Musik bedarf beider Kategorien, wobei sie anders als der sportliche Vortrag für sich allein stehen kann. Eiskunstlauf ohne Musik hingegen würde kaum akzeptiert werden.

Eine Choreografie darf sich erlauben, den Interpretationsspielraum der Musik zu erweitern. Jedenfalls hätte ich nach Lius geradezu extatischer Kür kaum geglaubt, dass Mac Arthur’s Park eigentlich über die verflossene Liebe handelt, für die als Schauplatz der sich in Los Angeles befindliche und titelgebende Mac Arthur Park gedacht ist. Das Einzigartige im Lied ist der in den Park mitgebrachte und während des Parkaufenthaltes zerlaufende Kuchen, der sinnbildlich für eine verflossene Liebesbeziehung stehen kann.  

Dieses Bild ist für mich so stark, dass sich das Lied womöglich jahreslang in meinem Kopf einbrennen wird, vor allem dank folgender Passage:

MacArthur’s Park is melting in the dark
All the sweet green icing flowing down
Someone left the cake out in the rain
I don’t think that I can take it
‚Cause it took so long to bake it
And I’ll never have that recipe again
Oh, no!

Dass sich „cake“, „take“ und „bake” so wunderbar reimen ist sprachlich bemerkenswert; das andere ist, dass der im Regen stehengelassene Kuchen zum einen aufwendig zu backen war und sich aufgrund des nicht mehr vorhandenen Rezeptes nicht mehr reproduzieren lässt. Ob diese fatale Feststellung glaubwürdig ist, muss nicht diskutiert werden; es reicht, sich etwas Unwiederbringliches zu vergegenwärtigen: Es formiert sich ein inneres Kuchen-Bild, das sich (auch weil das Objekt so heißt wie der Ort, wobei das Apostroph-s im Liedtitel hinzugedichtet wurde) mit einer unglücklich verlaufenen Liebesgeschichte im Park verbinden und festigen lassen kann.

Letztlich konstruieren wir hier eine uns eigene Wirklichkeit; der (auf Web-Fotos) nicht besonders einladend wirkende Park in Los Angeles ist als Referenz für einen Zuhörer genauso unwichtig wie die Beschreibung des Kuchens: unter einem grünen Zuckerguss („green icing“) kann man dazu sich nicht besonders viel vorstellen, doch reichen Assoziationen mit Hilfe von wenigen Wörtern aus, ohne dass explizit erzählt wird. Der Sound ist grandios genug; und das reicht für eine unvergessliche Kür innerhalb eines olympischen Wettbewerbs zweifellos aus, wenn die Choreographie passend ist und fehlerfrei vorgetragen wird. Ein Sahnestück par excellence! Dank einer überzeugenden Bild-Regie waren die gut vier Minuten wahrlich großes Fernseh-Kino!

Der Songtext lässt sich hier nachlesen; dazu folgt ein Kommentar von Jochen Scheytt, einem Dozenten der Musikhochschule Stuttgart. Zur vielseitigen Biografie von Donna Summer, die von 1968-1976 in Deutschland lebte und mit dem Österreicher Helmuth Sommer verheiratet war (daher ihr anglisierter Nachnamen), ließen sich sich sicher viele interessante Medien zu Rate ziehen. Mehr zu Alysa Liu lässt sich hier erfahren.

Olympische Begleitmusik (I): „Fantasia Italiana“ von Dardust

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Ich kann mir kaum vorstellen, dass der vergleichsweise unbekannte Musiker Dardust damit rechnen konnte, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beauftragt worden zu sein, eine offizielle Olympia-Hymne für Winterspiele in Milano-Cortina zu komponieren, selbst wenn er in Italien am Klavier Starkult genießt. Seine Fantasia Italiana sprengt mit gut zwölf Minuten jegliche Poplied-Grenzen und ist daher eine mutige Komposition. Kein Wunder, dass ich bei keiner Liveübertraung der Olympischen  Spiele die ganze Fantasie gehört habe, sondern nur das „Gran Finale“ von etwa zwei Minuten Länge, das stets bei der Siegerehrung als deutlich wahrnehmbare Begleitmusik zu hören war.

In einem auf Italienisch geführten Interview (mit englischen Untertiteln) spricht er über das Anliegen, ganz unterschiedliche Stilrichtungen (eindeutig erkennbar: Weltmusik, Tanzmusik, Filmmusik, Electro-Popmusik, Elektro-Folkmusik, klassische Musik) in seine Fantasie, die ja keine strenge Formvorschriften kennt, einfließen zu lassen. Im Grunde sind es ineinander übergehende Versatzstücke, die keinen Hörgenuss ermöglichen, wohl aber die komplexe Forderung erfüllen sollen, mit einem stark variierten Motiv aus fünf Noten auch symbolisch alle fünf Erdteile in Verbindung zu bringen. Sein Anspruch, dass auch noch in vielen Jahren das Hauptmotiv im Kopf bleiben wird, könnte sich erfüllen. Mir bleibt es jedenfalls noch nach Monaten im Kopf.

Man wird die Fantasie wohl nie mehr live hören, doch würde es sich lohnen, sich einmal musikwissenschaftlich der Komposition zu nähern. Mir fällt spontan der Begriff „Postmoderne“ ein, die ja auch für das Disparate steht, was nur schwer in Einklang zu bringen ist, doch die kompositorische Anordnung führt zu einer gewissen Synthese einer großen Idee, wenn ein Leitmotiv aufscheint. Heutige Hörgewohnheiten brauchen eine eindeutige Orientierung: So war es eine kluge Entscheidung, die letzten zwei Minuten der Fantasie quasi herauszuschälen, um sie als Sound-Teppich im Stile eines olympischen Triumphmarsches zu verwenden, der immer dann eingespielt wurde, wenn ersten drei Sportler bzw. Teams den Gang zum Siegertreppchen antraten. Dezenter Trommelwirbel in Kombination mit einem imposanten Klangvolumen von Streichern erleichtert das Hören und transportiert etwas Erhabenes, Feierliches, Bewegendes. Das ist in meinen Augen eine große Leistung von Dardust, der bürgerlich Dario Faini heißt und kurz nach den Olympischen Spielen in Milano-Cortina 50 Jahre alt wurde.

Man müsste einmal untersuchen, ob je in Olympiaübertragungen im deutschen Fernsehen etwas Ausführliches über Dardusts Musik gesagt wurde. Trotzdem ist seine Musik bereits millionenfach angeklickt gehört worden. Nicht so bei seiner Fantasie: Auf der offiziellen Youtube-Seite Milano Cortina 2026 wurde (Stand: Juni 2026) sie nur knapp 25000 Mal aufgerufen, das zu Anfang der Fantasie erklingende Hauptthema (Main Theme) weniger als 5000mal und das „Gran Finale“ nur knapp 6000mal. Wie kann das sein? Das Argument, es handele sich um allzu schwer zugängliche Musik, verfängt hier nicht. Womöglich brauchen diese Klänge dazu passende (Triumph-)Bilder – rein konzertant (in Analogie zur Möglichkeit, Opernmusik ohne Bühnenbild und Handlung vorzutragen) ist sie nicht für die meisten Hörer nur unzureichend vermittelbar. Es ist, so meine ich, eben eine veritable Begleitmusik, die einen besonderen Handlungsmoment benötigt. Das wäre bei einem Hit nicht der Fall. Auf jeden Fall freut es mich, dass das IOC offensichtlich nicht einem Mainstream-Geschmack gefolgt ist. Festzuhalten bleibt auch, dass die Fantasia Italiana das Ausrichterland und zugleich die Welt im Auge behält. Und so wird das Ergebnis auf jeden Fall olympiatauglich, ohne massentauglich zu sein!

Die ganze Fantasie lässt sich über den Youtube-Kanal Milano-Cortina 2026 anhören, ebenso wie das Main Theme (nach der gut einminütigen „Ouverture“ mit teils sphärischem Gesang) und das Gran Finale. Es gibt auch eine Version für Klavier solo. Immerhin hat BR Klassik etwas ausführlicher über die Fantasie berichtet, die als „Hommage an Italien“ bezeichnet wird. Angeblich wurde das Musikstück auch zu anderen olympischen Ritualen (z.B. dem Fahneneid) eingespielt. Mit seinem 2024 erschienenen Album Urban Impressionism ist er dieses Jahr auf Tour, meist in Italien. Dardust trat übrigens (unabhängig von seiner Fantasie) bei einer musikalischen Untermalung einer Choreografie bei der Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele auf.

Der Pilgerweg als Kunstweg

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Im April habe ich nach mehreren Anläufen an einer Wanderung unter dem Motto „Pilgern am Purple Path“ teilgenommen. Eindeutig ist dieses Format auch eine Reminiszenz an das Kulturhauptstadtjahr 2025, in dem der Purple Path als Kunstpfad rund um Chemnitz ausgeflaggt wurde. Das Ergebnis sind (neu) zu entdeckende Skulpturen am Wegesrand. Die beiden in und um Chemnitz wirkenden Pilgerbegleiter Ina Wild und Rainer Zuk fassten den grandiosen Entschluss, das eine, also das Pilgern, mit dem anderen, einer Kunstbetrachtung zu verbinden.

Pilgern auf dem Purple Path
Digitale Ankündigung der Pilgertour im April 2026

So war ich gar nicht überrascht, dass als Treffpunkt der mit über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr gut nachgefragten Wanderung  die Schneeberger Sankt Wolfgang-Kirche mit dem berühmten Lucas-Cranach-Altar genauer ins Visier genommen wurde. Ina Wild verteilte dazu kleine Spiegel, mit denen das Bauwerk im wahrsten Sinne des Wortes reflektiert werden konnte. Lichteinfälle, die man sonst nicht oder kaum wahrnimmt, konnten somit vor dem Auge aufscheinen.

Auch das Auditive kam in Verbindung mit Orgelspiel und Liedgesang zu Geltung, bevor es draußen direkt zur Skulptur Coin Stack von Sean Scully ging. Das Thema Geld wird hier subtil auf einer historischen und zugleich autobiografischen Ebene beleuchtet. Für mich wird hier schön das Motiv des Sparens dargestellt, das ja auch eine Art des Zusammenlegens und Akkumulierens im physischen Sinne bedeutete, bevor es so etwas wie Plastikgeld gab. Wenn man bedenkt, dass Schneeberg an der Silberstraße liegt, dann sind Edelmetallgewinnung und Geld untrennbar miteinander verbunden. Im Französischen ist argent das Wort für Geld und Silber zugleich: Früher hatte Geld anders als heute auch einen hohen materiellen Wert, so dass ein Münzstapel durchaus Kapital im doppelten Sinne darstelle, vor allem wenn er von den Silber-Bergleuten aufgeschichtet wurde.

Nachfolgend wanderten wir über den Gleesberg (mit einer Berggaststätte am höchsten Punkt, die bei schönem Wetter am Wochenende nachmittags geöffnet hat; am besten vorher unter 03772 / 22453 sich nach den Öffnungszeiten erkundigen!) in Richtung Floßgraben, der viele Kilometer lang in der vorindustriellen Zeit als eine Art Lieferkanal (Brenn-)Holz führte. Der Weg eignet sich gut, um gleichmäßigen Schrittes Impulse aus der Natur wahrzunehmen. Apropos Impuls: Kurz vor Niederschlema konnten wir unsere Füße in den Graben halten und sie sanft kühlen, bevor es zu einem sehr idyllischen Picknickplatz ging, an dem wir Rast einlegen und unsere mitgebrachten Speisen teilen konnten. Mich befiel während des anschließenden Impulses in der Evangelischen Kirche zu Niederschlema eine gewisse Müdigkeit; das einrahmende Orgelspiel verleitete mich zu einem kurzen Exkurs in Welten, die keine Geografie kennen – einige, für Orgel bearbeitete Takte aus Dvořáks Sinfonie aus der neuen Welt trugen dazu bei.

Floßmühlengraben
Beschauliche Wanderung am Floßgraben zwischen Aue und Bad Schlema (Foto: Thomas Edeling)

Durchs Schlematal zogen wir zum gerade für die Landesgartenschau 2027 hergerichteten Kurpark von Bad Schlema, der vor den 1940er Jahren sicher ähnlich schön ausgesehen haben musste, bis die Landschaft einige Jahrzehnte dem Uranbergbau unterworfen wurde. Tony Craggs Skulptur „Stack“ erinnert an die Verwerfungen der Landschaft, die durch menschgemachte Erdbewegungen buchstäblich deformiert wurde.

Pilgerbegleiter
Rainer Zuk und Ina Wild vor Tony Craggs Stack (Foto: Rainer Zuk)

Nur noch wenige Hundert Meter; dann war Schneeberg wieder erreicht. In der Konditorei Willert (Ritterstraße) ließen wir uns nieder und unterhielten uns noch munter bis zur Schließzeit um 17 Uhr, bis ich erfüllt von dieser Pilgertour den Heimweg antrat.

Vielen Dank an die Organisatoren Ina Wild und Rainer Zuk, die sich für auch  den Sächsischen Jakobsweg stark machen. Eine weitere Pilgertour wird von Hohndorf / Erzgebirge am 30.05. um 9. 30 Uhr angeboten.

Auf den (Flucht-)Punkt gebracht – Zu Thomas Strässles „Fluchtnovelle“

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Neulich ist mir bewusst geworden, dass ich spätestens in der Mittelstufe meiner Gymnasialzeit mit dem literarischen Motiv der Flucht vertraut gemacht wurde. Den Roman Die große Flatter (1977) von Leonie Ossowski (1925-2019) thematisiert den Ausbruch aus einem eingeengten und zugleich zerrütteten sozialen Milieu. Damals, Mitte der 1990er Jahre, war das Jugendbuch die ideale Möglichkeit, auf literarische Weise Lebensverhältnissen zu begegnen, die ich bis dato als Jugendlicher nicht kennengelernt hatte.

Mehr als 30 Jahre später stieß ich auf die Fluchtnovelle (2024) von Thomas Strässle, Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Literatur-wissenschaft an der Universität Zürich und seit 2023 Juror beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. In der Novelle wird das Motiv der (politischen) Flucht so präsent, dass es mir nicht mehr aus dem Kopf geht. In vorgestanzte Raster passt die Lektüreerfahrung ebenfalls nicht hinein, da sie eben nicht einschlägige Vorkenntnisse zur DDR-Zeit zur politischen Wende 1989-1990 aufruft. Vielmehr geht es um eine Flucht von der DDR in die Schweiz über den Transitort Prag im Juli 1966, genauer gesagt über den Flughafen-Prag-Ruzyně, wo das Fluchtereignis im Grund seinen Kulminationspunkt findet. Die Republikflüchtige ist keine geringere als Thomas Strässles Mutter, die mit einem gefälschten Pass zusammen mit ihrem Freund und späteren Vater des Autoren in die Linienmaschine nach Zürich steigt.

Da ich genauso wie im Sommersemester 2024/2025 dieses Jahr wieder einen Sprachkurs zum Thema Deutsche Rechtssprache halte, sind mir in der Novelle besonders die vielen Zitate und Passagen aufgefallen, die entweder aus originalen Rechtstexten stammen oder in einem Duktus verfasst sind, in dem Handlungen von Rechtssubjekten beschrieben werden und amtlichen Charakter haben. Das vierzehnte Kapitel besteht vollständig aus diesem sprachlichen Material: Es trägt den Titel „Brief an die Polizei“. Thomas Strässle hat mir in einer E-Mail bestätigt, dass es aus einem Originaldokument besteht und nur „geringfügig überarbeitet“ worden ist. Mein Eindruck hierbei ist, dass die meist als trocken und schwerfällig angesehene Rechtssprache in diesem Kapitel nicht nur die Narration vorantreibt, sondern auch der Novelle, einem literarischen Genre, einen gewissen Glanz verleiht. Warum habe ich diesen Eindruck?    

In der Novelle, die ja im Kern getreu dem Genre eine außerordentliche Begebenheit enthält, wird das Thema Republikflucht so geschickt beleuchtet, dass der Leser im Bilde ist, gerade was die Durchführung an Vorbereitungen betrifft. Dazu kommen die Konsequenzen, nämlich Gefängnis oder Bußgeld, die mit einem gefälschten Ausweisdokument selbst im Zielland drohen. Bereits im zweiten Kapitel wird aus dem Schweizerischen Strafgesetzbuch zitiert:

Die Tathandlung besteht im Fälschen (=Totalfälschung) oder Verfälschen (=eigenmächtiges, nachträgliches Abändern) oder im Gebrauch eines unechten Ausweises oder im Missbrauch eines echten Ausweises.

Im gleichen Kapitel verweist der Autor, der ja auch Erzähler ist, darauf, dass die Fälschungstat, zu der sein Vater dessen ehemalige Freundin anstiftete, zwar illegal sei, aber ein „übergeordnetes moralisches Interesse“ habe. Der ausgestellte Schweizer Pass würde ihren Namen mit dem Foto der neuen Freundin enthalten. Damit ist das Fundament für den weiteren Handlungsverlauf gelegt.

Im achten Kapitel wird dann recht ausführlich über die Gesetzeslage in der DDR gesprochen, vor allem über den Paragrafen 213 des 1968 in Kraft getretenen Strafgesetzbuches, also erst ca. zwei Jahre nach der erfolgreichen Flucht im Sommer 1966. In Absatz 2 ist die Rede von „Missbrauch oder Fälschung von Ausweisen oder Grenzübertrittsdokumenten, durch Anwendung falscher derartiger Dokumente oder unter Ausnutzung eines Verstecks“, was, wie der Erzähler präzise angibt, eine „Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren“ nach sich ziehen kann.

Das neunte Kapitel kommt ganz ohne juristische Sprache aus. Darin wird geschildert, wie Strässles Vater genau die „Einreiseformalitäten und die Ausreisekontrolle, die Zollabfertigung und den Einsteigevorgang, die Positionen der Kontrollposten und die Aufteilung der Räume“ begutachtet und dabei eine gewisse „Lässigkeit ohne Nachlässigkeit“ feststellt. Ich kann mir genau vorstellen, dass diese genauen Beobachtungen entscheidend für für eine erfolgreiche Republikflucht waren, deren wichtigste Umsetzungsschritte dann erfolgten, wenn augenscheinlich ein Fluchtversuch eben nicht vorliegt, also während des legalen mehrtägigen Aufenhaltes in Prag. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf folgt Beschreibung der Produktion des Falsifikats im zehnten Kapitel, die selbstverständlich professionelle Helfer, nämlich eine Stempelfabrik erforderte, um das selbstgebastelte Dokument herzustellen.

Schließlich gilt der Fokus dem vierzehnten Kapitel: Der bereits erwähnte Brief an die Schweizer Polizei ist schon deswegen ungewöhnlich, weil er anders als die meisten anderen Schriftstücke an und von der Polizei über ein Ereignis, zum Beispiel einen Unfall handeln. Er schildert hingegen eine Tatfolge, die zum Zeitpunkt der Niederschrift größtenteils noch nicht durchgeführt wurde. Formell enthält er vierzehn nummerierte Punkte, wobei der dritte Punkt noch in zwei und der vierte Punkt in vier Kleinbuchstaben (a) und b) bzw. a) – d)) unterteilt ist. Nur der erste Punkt des Unterzeichneten über den Flug von Zürich-Kloten nach Prag am 12. Juli 1966, wird im Perfekt verwendet. Jeder Punkt ist detailliert vorgetragen, so dass die Fluchtpläne genauestens nachvollzogen werden können. Wäre das Vertrauen in einen demokratischen Staat nicht so groß, würde so ein Schriftstück nicht existieren. Es ist ideologiefrei mit dem Anspruch auf Ehrlichkeit (siehe Punkt 10) in Bezug auf den Gesetzesverstoß durch Urkundenfälschung und auf Wahrheit (siehe Punkte 13) verfasst. Außerdem ist der Anspruch erkennbar, dass hier Rechtssprache sprachökonomisch in Bezug auf die Fluchthandlung eingesetzt und hierbei eine unterrichtende Funktion hat, um nach einer misslungenen Fluchtaktion auf staatliche Hilfe zu hoffen, die „vor unverhältnismäßiger Bestrafung zu schützen“ vermag.

In die Novelle flossen überdies konzise Reiseerinnerungen vor und nach der Wiedervereinigung ein. Das erste Kapitel (über die Erfahrungen am Karl-Marx-Monument im damaligen Karl-Marx-Stadt und heutigen Chemnitz) sowie das fünfzehnte Kapitel (über legale Grenzübertritte sowie über den Todesstreifen mitten im Harz) skizzieren aus der Perspektive eines Besuchers besonders die Impressionen, die mit markanten und fraglichen, staatlich sanktionierten Hinterlassenschaften in Verbindung stehen. Das Dokumentarische basiert darüber hinaus auf einem Interview der Eltern mit dem Schriftsteller Hermann Burger (1942 – 1989) und weniger auf Rechercheergebnisse, die wiederum das Werk unnötig in die Länge gezogen hätten.

Mein Leseeindruck bestätigt die Empfehlung der Novelle für den Oberstufen-Unterricht, die das bayrische „Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung“ veröffentlicht hat. Ich werde nach der Lektüre noch stärker unser rechtstaatliches Fundament schätzen, das weltweit durch verschiedene Strömungen herausgefordert wird. Es ist nicht selbstverständlich, in einem Rechtsstaat zu leben, dem man auch in heiklen Fällen sein Vertrauen schenken kann und muss.  

Die Fluchtnovelle kann beim Suhrkamp Verlag bestellt werden. Bis Ende September ist der Text auch in der ard-Mediathek als Hörbuch verfügbar.

Die doppelte Vergegenwärtigung: Martin Mosebachs Bild-Sprache

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Der Schaffenskraft des Frankfurter Schriftstellers Martin Mosebach bin ich in den letzten zwölf Monaten in gleich drei unterschiedlichen Konstellationen intensiver begegnet. Einmal, im März 2025, leibhaftig in einem Gespräch zu religiösen Spuren in der Literatur (zusammen mit der für mich damals noch unbekannten Schriftstellerin Marika Bodrožić); ein zweites Mal, im Mai 2025 während des Literarischen Quintetts am gleichen Veranstaltungsort, dem Ideen-Raum der Universitätsbibliothek Chemnitz, bei dem über seinen jüngsten Roman Taube und Wildente diskutiert wurde, und ein drittes Mal bei der Lektüre just dieses Romans.

Ich gebe zu, dass ich bisher die vier oder fünf von mir gelesenen Romane Mosebachs ausgeliehen habe und ich immer wieder zu dem Ergebnis komme, dass ich sie nicht so recht greifen kann. Womöglich hätte ich stets eine Zweitlektüre vornehmen müssen. Aus Taube und Wildente habe ich aus einem ganz einleuchtenden Grund mehr mitgenommen. Das liegt daran, dass ein wichtiger Schauplatz, die Sommerresidenz des Verlegers Rubert Dalandt und seiner Familie, bei Aix-en-Provence angesiedelt ist, in etwa dort, wo ich ca. 10 Monate während meines Masterstudiums wohnen durfte. Allein der Name des Schauplatzes, La Chaumière, frei übersetzt ein einfaches Landhaus, ruft in mir Erinnerungen wach, ohne dass irgendeine Handlung ausschlaggebend wäre.

Ein weiteres Erinnerungszeichen ist die an diesem Schauplatz nahezu unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Werk von Paul Cézanne. Hier zeigt Mosebach, dass er ein Wortkünstler ist. Ich kann daher leicht meinen Aufenthalt vor knapp zwanzig Jahren vergegenwärtigen.

Der Roman geht jedoch weniger über Cezanne, sondern mehr über das im Roman eine wichtige spielende Wildstilleben Tote Feldtaube und Wildente (1884) von Otto Scholderer (1834 – 1902), das bis zur Zerstörung bei einem Wohnungsbrand in Mosebachs Wohnung hing. Der Stoff hat es sogar (neben dem erwartbaren Feuilletonteil) am 26.10.2022 in den Teil Natur und Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschafft, vor allem, weil Dalandt beabsichtigt, einen Dante-Essay zu schreiben, und der Redakteur Patrick Bahners erstaunliche Bezüge von der Göttlichen Komödie zum Scholderer-Stillleben erkannt hat. Im Artikel ist auch zurecht die Rede von einer „Kunst sinnlicher Vergegenwärtigung“.

Ganz sicher thematisiert der Roman auch die Frage nach dem Umgang mit Erbe allgemein. Die Familie Dalandt ist nur die Nutznießerin, aber nicht die Eigentümerin seiner Sommerresidenz, die genauso wie eine Kunstsammlung von seinem Schwiegervater Cornelius de Kesel in eine Familienstiftung überführt worden ist, unter denen – oh Wunder – auch ein Cézanne-Aquarell ist. Es gibt nur eine Ausnahme: Taube und Wildente ist explizit seiner Ehefrau Majorie de Kesel zugedacht worden, die zusammen mit ihrer Schwester „Begünstigte“ jener Stiftung ist. Dalandt erwirbt im Laufe des Romans nach zähen Verhandlungen für 60000 Euro von seiner Frau dieses Gemälde, damit sie notwendige Reparaturen in der Chaumière veranlassen kann, und überführt es in seine Wohnung nach Deutschland, wo es das Romanende nicht überdauert. Mehr soll zur Handlung nicht gesagt werden…

Nun zu Cézanne: Zu Anfang des Romans hat Dalandt den Vertriebschef des Verlags, Allmendinger, und die Lektorin Sieglinde Stiegle zu Gast, um dessen Buchprojekt zu besprechen. Der Ausblick  wird von Allmendinger wie folgt kommentiert: „Voilà, die Montagne-Sainte-Victoire. Der Berg schwebt über der Chaumière, deshalb ist das Haus überhaupt gekauft worden. Es ist eingefügt in ein gigantisches dreidimensionales Cézanne-Gemälde.“ Anschließend packt der Erzähler sein ganzes Kunstverständnis im Hinblick von Cézanne aus, als er sich in die ausschweifenden Gedanken von Stiegle hineinversetzt:

Tatsächlich, da war er, der Cézanne-Blick. Niemals hätte sie diesen von ihr bewunderten Meister als Naturalisten bezeichnet. Sie war stets überzeugt gewesen, daß es sich bei seinen Landschaften um Stilisierungen handelte, die vor allem die eigene Handschrift ausstellen sollten, die sehr spröde, geradezu bröckelige Pastosität, die wie unter Überwindung eines Widerstands aufgetragenen Flecken, die durch viel Weiß ermatteten Farben, das schwache Grün, das fahle Gelb, die nicht ineinander verschmolzenen Farbfelder, und hier offenbarte sich nun, dass der Mont-Sainte-Victoire wirklich so aussah: in der Sonne wie ein Kadaver ausgedörrt, trocken wie Gips oder Mehl, blaß und ausgesogen. Dies alles war naturgetreu erfasst, jedenfalls jetzt im Mittagslicht – abends mochte der Berg seine müden Wangen rosa schminken, aber war es nicht ein besonderes Verdienst seines Malers, daß er sich mit romantischem Lichtzauber nicht eingelassen, sondern seinen Lebensberg in der nüchternen Nacktheit des Tageslichtes hatte erscheinen lassen? Phantasie war schön und gut, aber noch aufregender war die Entdeckung, dass ein Kunstwerk, das sie für gänzlich autonom gehalten hatte, in Wahrheit sehr eng an eine Realität angelehnt war und sie sogar übertraf.

Nun stelle ich dem ausführlichen Zitat zwei Fotos der Saine-Victoire gegenüber, die ich im September 2006 in Le Tholonet machte. Ich habe sie nachträglich digitalisiert:

Provence
Abendstimmung „mit romantischem Lichtzauber“ – Mont Sainte-Victoire im Herbst 2006 (Privatfoto)
Provence
Nachmittagsstimmung in „nüchterner Nacktheit“ – Mont Sainte-Victoire im Herbst 2006 (Privatfoto)

Martin Mosebach schafft es, literarisch ein Kunstwerk so zu beschreiben, dass es intensiver (nach-)wirkt als in der Realität. Der letztzitierte Satz ist auch ein Hinweis darauf, dass er es anstrebt. Der Vergleich lässt sich leicht ziehen: Wenn man ein Gemälde betrachtet, dann geschieht das oft recht flüchtig, und sei es bei einer Führung. Auch als ich damals täglich die Sainte-Victoire sah, hatte ich bei den aufmerksamen Ausblicken auf die Bergkette wohl zu flüchtig die im Unterricht besprochenen Auszügen aus Rainer Maria Rilkes Briefe über Cézanne gelesen. Vielleicht war der Mythos Sainte-Victoire auch zu nah und zu real; nun stütze ich mich auf die Erinnerung von vor 20 Jahren, die für die Vergegenwärtigung nützlich ist.

Eine noch intensivere Verdichtung der Realität lässt sich bei der Darstellung von Taube und Wildente beobachten (Scholderers Gemälde ist am Ende des Romans übrigens abgebildet.). Wenn man das siebte und zehnte Kapitel des ersten Teils, wo sich das Werk vernachlässigt in der Chaumière befindet und den Anfang des zweiten Kapitels im zweiten Teil (nach dem Bild-Transfer nach Deutschland) liest, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie sehr die Literatur dazu beiträgt, Scholderers Gemälde zu vergegenwärtigen und dabei den Kontext (Lichteinfall, Platzierung etc.) zu berücksichtigen. Selbst wenn einem Mosebachs bildungsbürgerlicher Stil nicht besonders zusagt, so ist doch der ästhetische Mehrwert erkennbar: Ein Roman über ein gemaltes Kunstwerk kann mit seinen Textschichten auch Teile von Lebens-Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes wachrufen. Was zu Cézanne im Roman nur anklang, wird zu Scholderer so vertieft, dass man auch als Leser in diese Farbschichten eintauchen kann, selbst wenn es sich bloß um ein winziges, wichtiges Detail, um einen „zinnoberroten Punkt“ handelt.

Der Roman ist bei dtv erschienen; das längere Zitat findet sich in der Taschenbuchausgabe auf Seite 23. Leider habe ich im Internet keine gute Abbildung von Scholderers Kunstwerk gefunden. Übrigens wirkt eine Rezension in Deutschlandfunkkultur etwas ratlos; dort wird der Maler sowohl auf der Homepage als auch bei der Rezensentin Verena Auffermann zu Otto Schloderer (sic!). Eine deutlich positivere Kritik von Wolfgang Schneider, die auch sehr gut die Handlung zusammenfasst, findet sich im Tagesspiegel.

Zwischen Differenzierung und Nivellierung – Zu Dr. Oetkers neuem Imagefilm

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Wer nutzt sie nicht zum Kochen und Backen, die Produkte von Dr. Oetker? Ein kurzer Blick in das Lebensmittelregal genügt: Zwei Tüten zur Zubereitung von „Kaiserschmarrn mit Rosinen“  stehen schon seit längerem bereit; am Wochenende konnte ich nicht umhin, im Discounter zwei Päckchen „Seelenwärmer“ zu kaufen – Vanillepudding für die Tasse.

Eine riesige Produktvielfalt – dafür steht Dr Oetker international. Was die Kundschaft mit den Produkten anstellt, kann auch mit einem Gebrauchsgut in der Küche beeinflusst werden: Schon als Jugendlicher wurde ich von meiner Mutter mit dem Dr. Oetker-Schulkochbuch konfrontiert. Die Botschaft dahinter war explizit: Dank der wiederholten Rezepterprobung lässt sich damit hervorragend kochen. Mit dabei sind selbstverständlich Lebensmittel, die Dr. Oetker nicht im Sortiment hat. Letztlich entscheidet der Konsument, welche Lebensmittel wie miteinander in Rezepten oder auch als Fertigprodukt verarbeitet werden.

Im Bereich Unternehmenskommunikation lässt sich mit dieser vielfältigen Produktwelt hervorragendes Bild- und Videomaterial produzieren, das sich auch gut didaktisch verwerten lässt. Der Anfang des Jahres auf Youtube veröffentlichte Imagefilm bot für mich hervorragendes Klausur- und Anschauungsmaterial.

Eindrucksvoll zeigt er drei Personen in drei Ländern und in drei Abteilungen. Jede Person wird zweimal länger in den Blick genommen, so dass die Sequenzen enger miteinander verzahnt scheinen.  So werden neun Variablen geschickt besetzt: Barbara, eine Italienerin, die im Werk Desenzano del Garda unweit des südlichen Gardasee-Ufers für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung tätig ist (man sieht dabei, dass in Italien das Logo zwar das gleiche Design hat, doch auf den Markennamen Dr. Oetker zugunsten von cameo verzichtet wird); dann folgt Shalini, eine Inderin, deren Arbeit in der Qualitätskontrolle in Neu-Delhi gezeigt wird, und schließlich Martin, ein Niederländer, der bei Dr. Oetker in Amersfoort für den Vertrieb zuständig ist.

Versuchsküche
Forschungs-und Entwicklungsarbeit in Italien – Screenshot aus dem Dr.Oetker Imagefilm Creating a Taste of Home (Langversion, 2026), 1‘09‘‘.

Auffällig ist, dass die Muttersprachen (Italienisch; Hindi / Englisch sowie Niederländisch) für Authentizität sorgen, wobei das nivellierende Englisch in den Untertiteln zur Verfügung steht.  

Auch die Musik variiert, je nach Bild-Kontext. Im Grunde hören wir in den knapp zehn Minuten einen Soundtrack, der recht subtil kulturelle Praktiken unterstreicht.  Zunächst sind es peppige Beats, die zu Barbaras Arbeitsweg passen, den sie (sicher nicht nur für den Film) mit ihrem Motorrad zurücklegt. Wenn wir Shalini sehen, dann wird das Markttreiben genauso eingefangen wie Yogaübungen und meditative Klänge.  Martin sehen wir neben typischen Arbeitssituationen joggen und Zeit mit seiner Familie verbringen, während leise sphärische Klänge zu hören sind.

Viel Aufmerksamkeit wird auf die abschließenden (und eingangs bereits kurz eingeblendeten) Tischszenen an den drei Standorten gelegt. Der Slogan „Creating a Taste of Home“ kann an einer festlich gedeckten Tafel am besten inszeniert werden. Die drei Varianten zeigen die jeweilige kulinarische Vielfalt, an denen zubereitete Dr. Oetker-Produkte beteiligt sind. Den Genuss unterstreichen auch die kammermusikalischen Klänge, die beruhigend und zugleich stimulierend sind (vor allem durch die Streicher und das Klavier).  Das Tablet, mit dem online die drei Tafelrunden vernetzt sind, ist das Objekt, das in wenigen Sekunden neben dem analogen Vernetzt-Sein am Tisch auch die digitale (und die inszenierte emotionale) Verbundenheit (über die Praktik des Grüßens) verdeutlicht. Das ist im Unternehmensalltag allein schon durch das Intranet und die vielen digitalen Tools real der Fall.

Tafelrunde im Imagefilm von Dr Oetker
Am gedeckten Tisch – Screenshot aus dem Dr.Oetker Imagefilm Creating a Taste of Home (Langversion, 2026), 9‘19‘‘

In der Prüfung fragte ich, wie der Bedeutungszusammenhang von „Creating a Taste of Home“ zu verstehen sei, das auf der Homepage mit „Jedem ein Gefühl von Zuhause geben“ übersetzt wird, so dass man im Deutschen die konventionelle Verbindung zwischen dem Sinnlichen und dem Häuslichen gewählt hat.  Tatsächlich konnte ich in den Antworten häufig neben „Geschmack“ auch „Gefühl“ finden.  Aus einer Antwort möchte ich zitieren (Grammatikfehler sind dabei bereinigt worden):

Viele Leute assoziieren einen Geschmack mit ihrem Heimatland, und ein bekannter Geschmack erinnert uns an unsere Bekanntschaften / Beziehungen. So verbindet das Unternehmen diese zwei Gefühle – das Essen verbindet die Leute.

Bei aller Differenzierung der aufgetischten Speisen ist auch eine gewisse Nivellierung zu beobachten. Genaue Angaben oder Beschreibungen zu Dr. Oetker-Produkten werden nicht gemacht, weil der Zweck, nämlich eine schmackhafte und ausreichende Ernährung im Vordergrund steht und nicht eine ausgefallene, kaum bekannte Spezialität, mit der sich die Tafelrunde(n) abheben wollte(n). Auch dieser Eindruck zeugt davon, dass das Zuhause als Gefühl für viele leicht über das die Zusammenkunft hergestellt werden kann.  Die Frage gleich zu Beginn des Films lautet: „What connects us worldwide with Dr Oetker?“ Die Antwort wird im Film gezeigt, zuerst gilt das „us“ den drei dargestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, im weiteren Sinne auch den Anwesenden an den drei Tafeln, und im weitesten Sinne auch den Kundinnen und Kunden, die sich ja bei dem Aufbau einer Verbindung angesprochen fühlen sollen. Das italienische Wort „socialità“ (Geselligkeit bzw. Gemeinschaftlichkeit) ist eines der ersten Worte von Barbara; es ist auch ganz sicher die zentrale Botschaft des Unternehmensfilms. Und dieses Wort kann inhaltlich nur dann Geltung erlangen, wenn Geschmacksempfinden auf einem bestimmten Qualitätsniveau und auch einem vorgegebenen Zutatenmix auch von einer Mehrheit geschätzt wird. Die Produkte brauchen keine Vorstellung; stattdessen soll der Nutzen inszeniert werden, der sich einerseits entlang der Wertschöpfungskette rational und andererseits emotional durch den gemeinsamen Genuss an den großen Tisch ergibt.  Kurz gesagt: Das Zuhause ist überall dort, wo sich das Gefühl, dazu zugehören, einstellt. International verständlich wirken die Tafeln wie ein Symbol für Gemeinschaft und Gemeinsinn auf ein und derselben Ebene, wo Hierarchien keine Rolle spielen. Ich freue mich schon, diesem Gefühl beim nächsten größeren Anlass nachzuspüren, ganz gleich, wer mit mir am Tisch sitzt und was ich genau dabei zu mir nehme….

Der Imagefilm kann hier in der Langversion und hier in der Kurzversion angeschaut werden. Weitere interessante Informationen zur Unternehmensgeschichte und zu aktuellen Veranstaltungen und Projekten sind in großer Auswahl auf der Homepage verfügbar.

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