Was ein olympischer Moment ist, lässt sich nicht anhand von Fakten zeigen. Vielmehr ist es das Unvergessliche, das so manchen Zuschauer wie mich denken lässt, Zeuge von etwas bisher Einmaligem gewesen zu sein.
Solch ein Moment war die Einzelkür von Alysa Liu im Februar 2026 in Mailand, mit der sie als 20-jährige US-Amerikanerin die Goldmedaille gewann. Sowohl die sportlerische Leistung als auch die Qualität der Choreografie in Verbindung mit dem Hit Mac Arthur’s Park von Donna Summer (1948 – 2012) aus dem Jahr 1978 verdienten diese Ehrung. Ich bin mir fast sicher, dass der Hit durch die Kür und umgekehrt die Kür durch den Hit vollkommen wirkten. Warum habe ich das Gefühl?
Höre ich Donna Summers Lieder über den Streaming-Dienst deezer, so bin ich gar nicht so angetan. Womöglich ist es so, dass sie erst als Begleitmusik an Attraktivität gewinnen. Das Lied sollte man sich dreimal zu Gemüte führen: Einmal als Ursprungsversion von Jimmy Webb aus den späten 1960er Jahren, die von Richard Harris interpretiert wurde, dann Donna Summers Disko-Variante und schließlich ihre fast achtzehnminütige Mac Arthur’s Suite, aus dessen Material die Eiskunstlauf-Choreografie entstanden ist. Was die Darbietung so reizvoll und zugleich komplex macht, ist die Zusammenwirkung von Musik und Bewegung, die ja eine gewisse Technik und eine Ausdrucksstärke bedingt. Auch die Musik bedarf beider Kategorien, wobei sie anders als der sportliche Vortrag für sich allein stehen kann. Eiskunstlauf ohne Musik hingegen würde kaum akzeptiert werden.
Eine Choreografie darf sich erlauben, den Interpretationsspielraum der Musik zu erweitern. Jedenfalls hätte ich nach Lius geradezu extatischer Kür kaum geglaubt, dass Mac Arthur’s Park eigentlich über die verflossene Liebe handelt, für die als Schauplatz der sich in Los Angeles befindliche und titelgebende Mac Arthur Park gedacht ist. Das Einzigartige im Lied ist der in den Park mitgebrachte und während des Parkaufenthaltes zerlaufende Kuchen, der sinnbildlich für eine verflossene Liebesbeziehung stehen kann.
Dieses Bild ist für mich so stark, dass sich das Lied womöglich jahreslang in meinem Kopf einbrennen wird, vor allem dank folgender Passage:
MacArthur’s Park is melting in the dark
All the sweet green icing flowing down
Someone left the cake out in the rain
I don’t think that I can take it
‚Cause it took so long to bake it
And I’ll never have that recipe again
Oh, no!
Dass sich „cake“, „take“ und „bake” so wunderbar reimen ist sprachlich bemerkenswert; das andere ist, dass der im Regen stehengelassene Kuchen zum einen aufwendig zu backen war und sich aufgrund des nicht mehr vorhandenen Rezeptes nicht mehr reproduzieren lässt. Ob diese fatale Feststellung glaubwürdig ist, muss nicht diskutiert werden; es reicht, sich etwas Unwiederbringliches zu vergegenwärtigen: Es formiert sich ein inneres Kuchen-Bild, das sich (auch weil das Objekt so heißt wie der Ort, wobei das Apostroph-s im Liedtitel hinzugedichtet wurde) mit einer unglücklich verlaufenen Liebesgeschichte im Park verbinden und festigen lassen kann.
Letztlich konstruieren wir hier eine uns eigene Wirklichkeit; der (auf Web-Fotos) nicht besonders einladend wirkende Park in Los Angeles ist als Referenz für einen Zuhörer genauso unwichtig wie die Beschreibung des Kuchens: unter einem grünen Zuckerguss („green icing“) kann man dazu sich nicht besonders viel vorstellen, doch reichen Assoziationen mit Hilfe von wenigen Wörtern aus, ohne dass explizit erzählt wird. Der Sound ist grandios genug; und das reicht für eine unvergessliche Kür innerhalb eines olympischen Wettbewerbs zweifellos aus, wenn die Choreographie passend ist und fehlerfrei vorgetragen wird. Ein Sahnestück par excellence! Dank einer überzeugenden Bild-Regie waren die gut vier Minuten wahrlich großes Fernseh-Kino!
Der Songtext lässt sich hier nachlesen; dazu folgt ein Kommentar von Jochen Scheytt, einem Dozenten der Musikhochschule Stuttgart. Zur vielseitigen Biografie von Donna Summer, die von 1968-1976 in Deutschland lebte und mit dem Österreicher Helmuth Sommer verheiratet war (daher ihr anglisierter Nachnamen), ließen sich sich sicher viele interessante Medien zu Rate ziehen. Mehr zu Alysa Liu lässt sich hier erfahren.













































































