Genießer und Entdecker kleinerer und größerer unbekannter Gefilde. Vom Südrand des Ruhrgebiets stammend, aus dem Essener Süden, wo landschaftliche Reize und Industriekultur gleichermaßen in der Nähe sind. Im beruflichen Alltag Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. In der Freizeit gerne auf dem Rad, auf Langlauf-Skiern, auf der Vespa oder zu Fuß unterwegs.
Am 16.07. schaltete ich auf der Autofahrt von Schneeberg nach Chemnitz einmal mehr die von mir sehr geschätzten Late Nite Sounds auf mdr Kultur ein. Die Sendung bietet unterschiedliche Musikgenres auf hohem Niveau, und auch deswegen ist es eine gute Idee, dass diese Sendung in Kooperation mit Bayern 2, Bremen 2 und SR-Kultur ausgestrahlt wird.
Natürlich höre ich genauer hin, wenn von einem Thomas die Rede ist. Diesmal ging es um einen Hörer, der an die Moderatorin Christine Heuck einen besonderen Musiktipp mit dem Wunsch herantrug, sie möge ihn berücksichtigen. Und das hat Christine Heuck auch getan! Und zwar mit einer ungewöhnlich poetischen Einführung, die wiederum die gewünschte Musik mitsamt dem Musikwunsch spiegelt.
Man könnte hier im wörtlichen Sinne von einem Sendungsbewusstsein sprechen: Auf Sendung gehen heißt hier, den Hörer förmlich mit in die Sendung hineinzuziehen und somit ein Bewusstsein für die Anliegen der Hörerschaft auch auszudrücken. Das ist heute wichtiger denn je, gerade wenn man private Radiosender hin- und wieder einschaltet, die zuallererst ein kommerzielles Verwertungsinteresse haben.
Nun möchte ich die beiden Anmoderationen, die innerhalb einer viertel Stunde gesendet wurden, einmal in ihrer Gänze zitieren. Ich hatte beim Nachhören den Eindruck, dass sie auch aus einem Drehbuch stammen könnten. Kurz nach 22 Uhr gab es Folgendes zu hören:
Auch heute gönnen wir uns eine zweite Stunde Musik fürs Herz und von Herzen, darunter ein Song einer Band, die in den Zwischenwelten von Berlin und Dresden lebt und die hier dank einer Mail an mich von Thomas, der das Ganze so beschrieben hat, in diesen Herzstücken landet. Denn wenn der Thomas sagt, er fände, LÜX würden die Welt mit ihrer Musik die Welt ein bisschen schöner machen, und ich höre ‘rein und ich versteh‘ sofort, was er meint – wie gemein wäre das dann bitte, Sie nicht daran teilhaben zu lassen. In ein paar Minuten ist es soweit in diesen Herzstücken, und das hier ist Donovan Woods mit „Portland Maine“.
Und um kurz nach 22.15 Uhr setzte Christine Heuck wie folgt fort:
Ich hab‘ mich sehr gefreut über Thomas‘ Mail. Bremen 2, Bayern 2, mdr Kultur und SR Kultur. Thomas hört regelmäßig die Herzstücke – das freut mich sehr – via mdr Kultur und geht eben gerne hier mit uns zusammen donnerstags auf Entdeckungsreise. Und so schreibt er in seiner Mail von einer Band, die, so sagt er, momentan noch viel zu unbekannt sei, aber für ihn eben eine echte Herzensangelegenheit. Die Band heißt LÜX. Und Thomas unterstreicht – zurecht –, wie sehr er sich auch hier wünscht, man möge dem Text zuhören, wenn es zum Beispiel um „80 Sommers“ geht und um eigentlich jede Sekunde, die so wertvoll ist. Stimme und Musik sorgen für feuchte Augen und seliges Lächeln, sagt der Thomas, und es stimmt: Lieber Thomas, hier kommt Deine Entdeckung, gerne rein in diese Herzstücke-Playlist, danke fürs Drauf-Stoßen, auf LÜX und ihren Song, jetzt hier für uns alle: „80 Summers“.
80 Summers ist ein Lied, das von verpassten Chancen handelt: Über den schüchternen Jamie, der sich nicht traute, den attraktiven Otis anzusprechen, und über Josie, die sich trotz ihres Talents als Geigerin nicht dazu durchringen konnte, ihren Bürojob gegen einen musikalischen Beruf eintauschen konnte. Dieses kurze Anteasern soll genügen, damit auch der geneigte Leser bzw. die geneigte Leserin schnell in die Rolle des Hörers bzw. der Hörerin schlüpft und sich überzeugen kann, dass es sich hierbei um ein veritables Herz-Stück handelt!
Das Musikvideo folgt hier; desweiteren lohnt sich auch ein Blick auf die Homepage von LÜX, die bisher meist in ihrer Heimat Berlin auftraten. Auf der Sendungshomepage lassen sich die Sendungen nach Ausstrahlung 7 Tage lang nachhören.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu einem Tatort einen Artikel schreiben würde. Nun, die Fügung wollte es, dass mein Osterspaziergang im heimischen Essen durch eine Straße führte, in der eine Tatort-Folge aus dem Jahre 1978 gedreht wurde. Das erfuhr ich, als ich deutlich hörbar den auffälligen Fassadenschmuck mitten in einer Häuserzeile kommentierte; Gäste des Hausherren gaben das Lob weiter, worauf sich dann der Hausherr persönlich vor die Eingangstür gesellte und sogleich vom Feinkosthändler berichtete. Dieser ist der Protagonist des gleichnamigen Krimis, in dem die Straße Stiftmühlenbrink mitsamt der Häuserzeile eindeutig erkennbar ist.
Ästhetischer Kommentar: Das „sah hier ja aus wie“ in der ehemaligen DDR. Ja: Die Bundesrepublik vor etwa 50 Jahren war alles andere als herausgeputzt, vor allem nicht im Ruhrgebiet. Viel bekommt man in diesem Tatort davon nicht mit, gerade auch, weil der Fernsehzuschauer nur mit Spezialwissen erkennen kann, wo die Handlung spielt. Der Hauptschauplatz, nämlich das Feinkostgeschäft, befand sich überdies in Oberschleißheim bei München, so dass der Ortswechsel nach Essen von der Handlungslogik sich nicht hätte begründen lassen können. Filmproduktionstechnisch gesehen gibt es natürlich eine Erklärung, denn die tonangebende Rundfunkanstalt war der WDR und die Produktionsfirma die Bavaria Atelier GmbH, so dass hier gewisse Ressourcen aufgeteilt werden konnten.
Der Kriminalfall soll nur kurz skizziert werden: Der Feinkosthändler hat eine ihm, vorsichtig ausgedrückt, sehr zugeneigte Kundin namens Frau Böhmer, in deren Haus sich der Kaufmannssohn Andreas und die junge Mitarbeiterein Birgit (Biggi) zur Schäferstunde treffen (Zugang erhalten sie durch einen Schlüssel, die die Kundin bei ihrer Putzfrau, Biggis Mutter, hinterließ). Als die beiden in flagranti erwischt werden, haut der Sohnemann der geschätzten (und wohl auch geliebten) Kundin eins über die Rübe, und zwar mit tödlichem Ausgang.
Zum Schluss möchte der Kaufmannssohn sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln von der Essener Margarethenhöhe absetzen, während der Vater ihn beschützen und Biggi im Lager erledigen will. Doch Kommissar Haferkamp observiert Andreas, spürt ihn am Essener Hauptbahnhof noch gerade rechtzeitig beim Einsteigen in einen Regionalzug auf und stellt ihn während der Fahrt. Mangels Funk- und Telefonverbindung zieht der Kommissar die Notbremse. Die Polizei trifft schließlich noch rechtzeitig am Feinkostladen ein, um Wevers Mordpläne zu vereiteln, auch dank guter Observierung durch Haferkamps Assistenten….
Andreas‘ Fluchtversuch, hier im Bus kurz vor dem Essener Hauptbahnhof (mit der 2013 abgerissenen AEG-Zentrale aus den 1950er Jahren); Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978,1h12min21sek).
Wenn ich über diesen gut gemachten Krimi nachdenke, muss ich an das Subversive denken, das die Handlung kennzeichnet. Heute hätte sicher eine solche Beziehung nichts Anstößiges; man müsste sich nicht ohne Erlaubnis in eine fremde Wohnung begeben, was ja auch schon unerhört ist. Auch dass den Ermittlern der Mord am heiligen Sonntag bekannt wird (man hört während des Gottesdienstes Blaulicht), zeigt, wie die Ordnung im bürgerlichen Leben von innen zerstört wird. Es gibt keine Bedrohung von außen, sondern nur aus dem familiären Umfeld heraus.
Sehr eindringlich werden im Krimi gleich drei Schauplätze Essens für mehr als nur wenige Sekunden gezeigt: Essen-Rellinghausen, die Magarethenhöhe und der Hauptbahnhof. Rellinghausen ist der Schauplatz für eine buchstäbliche Kehrtwende von Wever: Erst möchte er seinen Sohn verstoßen, wofür dessen erzwungenes Aussteigen steht, doch just an der großen, mir sehr vertrauten Kreuzung an der Ruhr (mit der B227) dreht er seinen Lieferwagen in der Geradeaus-Spur nach Essen-Überruhr und fängt seinen Sohn wieder ein. Kurz darauf besprechen sich die beiden in der bereits erwähnten Straße Stiftmühlenbrink.
Damals düster wirkende Straße Stiftmühlenbrink in Essen-Rellinghausen, wo Wever und sein Sohn sich in einer Hofeinfahrt besprechen; Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978,48min55sek).
Die Mintarder Ruhrtalbrücke, Deutschlands längste Autobahnbrücke vor den Toren der Stadt, ist übrigens auch Kulisse für einen Sonntagsspaziergang von Haferkamp und seiner Frau. Man würde nun wirklich annehmen, dass das Feinkostgeschäft sich in Essen befindet, doch womöglich waren die Warenauswahl und die Produktpräsentation dort nicht ganz so vorzeigbar (vgl. der Riesenbrezel vor den Augen des Feinkosthändlers!).
Wevers Sicht auf seinen Feinkostladen und auf die Kassiererin Birgit; Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978, 1h11min45sek).Wevers Kontroll-Blick herab auf das Geschehen im Feinkostladen Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978, 1h11min41sek).
Diese 91. Tatort-Folge lässt sich hier anschauen. Weitere Infos zu der Folge (inklusive der Hauptdarsteller) finden sich auf einer Fan-Seite; ein privater Blog versucht sich an einer gesellschaftskritischen Interpretation. Bekannteste Schauspielerin ist aus heutiger Sicht Marie-Luise Millowitsch, Tochter von Willy Millowitsch. Dem Regisseur Hajo Gies ist übrigens Kommissar Schimanski zu verdanken; Hansjörg Fellmy spielte in 20 Tatort-Folgen den Kommissar Haferkamp.
Was ein olympischer Moment ist, lässt sich nicht anhand von Fakten zeigen. Vielmehr ist es das Unvergessliche, das so manchen Zuschauer wie mich denken lässt, Zeuge von etwas bisher Einmaligem gewesen zu sein.
Solch ein Moment war die Einzelkür von Alysa Liu im Februar 2026 in Mailand, mit der sie als 20-jährige US-Amerikanerin die Goldmedaille gewann. Sowohl die sportlerische Leistung als auch die Qualität der Choreografie in Verbindung mit dem Hit Mac Arthur’s Park von Donna Summer (1948 – 2012) aus dem Jahr 1978 verdienten diese Ehrung. Ich bin mir fast sicher, dass der Hit durch die Kür und umgekehrt die Kür durch den Hit vollkommen wirkten. Warum habe ich das Gefühl?
Höre ich Donna Summers Lieder über den Streaming-Dienst deezer, so bin ich gar nicht so angetan. Womöglich ist es so, dass sie erst als Begleitmusik an Attraktivität gewinnen. Das Lied sollte man sich dreimal zu Gemüte führen: Einmal als Ursprungsversion von Jimmy Webb aus den späten 1960er Jahren, die von Richard Harris interpretiert wurde, dann Donna Summers Disko-Variante und schließlich ihre fast achtzehnminütige Mac Arthur’s Suite, aus dessen Material die Eiskunstlauf-Choreografie entstanden ist. Was die Darbietung so reizvoll und zugleich komplex macht, ist die Zusammenwirkung von Musik und Bewegung, die ja eine gewisse Technik und eine Ausdrucksstärke bedingt. Auch die Musik bedarf beider Kategorien, wobei sie anders als der sportliche Vortrag für sich allein stehen kann. Eiskunstlauf ohne Musik hingegen würde kaum akzeptiert werden.
Eine Choreografie darf sich erlauben, den Interpretationsspielraum der Musik zu erweitern. Jedenfalls hätte ich nach Lius geradezu extatischer Kür kaum geglaubt, dass Mac Arthur’s Park eigentlich über die verflossene Liebe handelt, für die als Schauplatz der sich in Los Angeles befindliche und titelgebende Mac Arthur Park gedacht ist. Das Einzigartige im Lied ist der in den Park mitgebrachte und während des Parkaufenthaltes zerlaufende Kuchen, der sinnbildlich für eine verflossene Liebesbeziehung stehen kann.
Dieses Bild ist für mich so stark, dass sich das Lied womöglich jahreslang in meinem Kopf einbrennen wird, vor allem dank folgender Passage:
MacArthur’s Park is melting in the dark All the sweet green icing flowing down Someone left the cake out in the rain I don’t think that I can take it ‚Cause it took so long to bake it And I’ll never have that recipe again Oh, no!
Dass sich „cake“, „take“ und „bake” so wunderbar reimen ist sprachlich bemerkenswert; das andere ist, dass der im Regen stehengelassene Kuchen zum einen aufwendig zu backen war und sich aufgrund des nicht mehr vorhandenen Rezeptes nicht mehr reproduzieren lässt. Ob diese fatale Feststellung glaubwürdig ist, muss nicht diskutiert werden; es reicht, sich etwas Unwiederbringliches zu vergegenwärtigen: Es formiert sich ein inneres Kuchen-Bild, das sich (auch weil das Objekt so heißt wie der Ort, wobei das Apostroph-s im Liedtitel hinzugedichtet wurde) mit einer unglücklich verlaufenen Liebesgeschichte im Park verbinden und festigen lassen kann.
Letztlich konstruieren wir hier eine uns eigene Wirklichkeit; der (auf Web-Fotos) nicht besonders einladend wirkende Park in Los Angeles ist als Referenz für einen Zuhörer genauso unwichtig wie die Beschreibung des Kuchens: unter einem grünen Zuckerguss („green icing“) kann man dazu sich nicht besonders viel vorstellen, doch reichen Assoziationen mit Hilfe von wenigen Wörtern aus, ohne dass explizit erzählt wird. Der Sound ist grandios genug; und das reicht für eine unvergessliche Kür innerhalb eines olympischen Wettbewerbs zweifellos aus, wenn die Choreographie passend ist und fehlerfrei vorgetragen wird. Ein Sahnestück par excellence! Dank einer überzeugenden Bild-Regie waren die gut vier Minuten wahrlich großes Fernseh-Kino!
Der Songtext lässt sich hier nachlesen; dazu folgt ein Kommentar von Jochen Scheytt, einem Dozenten der Musikhochschule Stuttgart. Zur vielseitigen Biografie von Donna Summer, die von 1968-1976 in Deutschland lebte und mit dem Österreicher Helmuth Sommer verheiratet war (daher ihr anglisierter Nachnamen), ließen sich sich sicher viele interessante Medien zu Rate ziehen. Mehr zu Alysa Liu lässt sich hier erfahren.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass der vergleichsweise unbekannte Musiker Dardust damit rechnen konnte, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beauftragt worden zu sein, eine offizielle Olympia-Hymne für Winterspiele in Milano-Cortina zu komponieren, selbst wenn er in Italien am Klavier Starkult genießt. Seine Fantasia Italiana sprengt mit gut zwölf Minuten jegliche Poplied-Grenzen und ist daher eine mutige Komposition. Kein Wunder, dass ich bei keiner Liveübertraung der Olympischen Spiele die ganze Fantasie gehört habe, sondern nur das „Gran Finale“ von etwa zwei Minuten Länge, das stets bei der Siegerehrung als deutlich wahrnehmbare Begleitmusik zu hören war.
In einem auf Italienisch geführten Interview (mit englischen Untertiteln) spricht er über das Anliegen, ganz unterschiedliche Stilrichtungen (eindeutig erkennbar: Weltmusik, Tanzmusik, Filmmusik, Electro-Popmusik, Elektro-Folkmusik, klassische Musik) in seine Fantasie, die ja keine strenge Formvorschriften kennt, einfließen zu lassen. Im Grunde sind es ineinander übergehende Versatzstücke, die keinen Hörgenuss ermöglichen, wohl aber die komplexe Forderung erfüllen sollen, mit einem stark variierten Motiv aus fünf Noten auch symbolisch alle fünf Erdteile in Verbindung zu bringen. Sein Anspruch, dass auch noch in vielen Jahren das Hauptmotiv im Kopf bleiben wird, könnte sich erfüllen. Mir bleibt es jedenfalls noch nach Monaten im Kopf.
Man wird die Fantasie wohl nie mehr live hören, doch würde es sich lohnen, sich einmal musikwissenschaftlich der Komposition zu nähern. Mir fällt spontan der Begriff „Postmoderne“ ein, die ja auch für das Disparate steht, was nur schwer in Einklang zu bringen ist, doch die kompositorische Anordnung führt zu einer gewissen Synthese einer großen Idee, wenn ein Leitmotiv aufscheint. Heutige Hörgewohnheiten brauchen eine eindeutige Orientierung: So war es eine kluge Entscheidung, die letzten zwei Minuten der Fantasie quasi herauszuschälen, um sie als Sound-Teppich im Stile eines olympischen Triumphmarsches zu verwenden, der immer dann eingespielt wurde, wenn ersten drei Sportler bzw. Teams den Gang zum Siegertreppchen antraten. Dezenter Trommelwirbel in Kombination mit einem imposanten Klangvolumen von Streichern erleichtert das Hören und transportiert etwas Erhabenes, Feierliches, Bewegendes. Das ist in meinen Augen eine große Leistung von Dardust, der bürgerlich Dario Faini heißt und kurz nach den Olympischen Spielen in Milano-Cortina 50 Jahre alt wurde.
Man müsste einmal untersuchen, ob je in Olympiaübertragungen im deutschen Fernsehen etwas Ausführliches über Dardusts Musik gesagt wurde. Trotzdem ist seine Musik bereits millionenfach angeklickt gehört worden. Nicht so bei seiner Fantasie: Auf der offiziellen Youtube-Seite Milano Cortina 2026 wurde (Stand: Juni 2026) sie nur knapp 25000 Mal aufgerufen, das zu Anfang der Fantasie erklingende Hauptthema (Main Theme) weniger als 5000mal und das „Gran Finale“ nur knapp 6000mal. Wie kann das sein? Das Argument, es handele sich um allzu schwer zugängliche Musik, verfängt hier nicht. Womöglich brauchen diese Klänge dazu passende (Triumph-)Bilder – rein konzertant (in Analogie zur Möglichkeit, Opernmusik ohne Bühnenbild und Handlung vorzutragen) ist sie nicht für die meisten Hörer nur unzureichend vermittelbar. Es ist, so meine ich, eben eine veritable Begleitmusik, die einen besonderen Handlungsmoment benötigt. Das wäre bei einem Hit nicht der Fall. Auf jeden Fall freut es mich, dass das IOC offensichtlich nicht einem Mainstream-Geschmack gefolgt ist. Festzuhalten bleibt auch, dass die Fantasia Italiana das Ausrichterland und zugleich die Welt im Auge behält. Und so wird das Ergebnis auf jeden Fall olympiatauglich, ohne massentauglich zu sein!
Die ganze Fantasie lässt sich über den Youtube-Kanal Milano-Cortina 2026 anhören, ebenso wie das Main Theme (nach der gut einminütigen „Ouverture“ mit teils sphärischem Gesang) und das Gran Finale. Es gibt auch eine Version für Klavier solo. Immerhin hat BR Klassik etwas ausführlicher über die Fantasie berichtet, die als „Hommage an Italien“ bezeichnet wird. Angeblich wurde das Musikstück auch zu anderen olympischen Ritualen (z.B. dem Fahneneid) eingespielt. Mit seinem 2024 erschienenen Album Urban Impressionism ist er dieses Jahr auf Tour, meist in Italien. Dardust trat übrigens (unabhängig von seiner Fantasie) bei einer musikalischen Untermalung einer Choreografie bei der Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele auf.
Im April habe ich nach mehreren Anläufen an einer Wanderung unter dem Motto „Pilgern am Purple Path“ teilgenommen. Eindeutig ist dieses Format auch eine Reminiszenz an das Kulturhauptstadtjahr 2025, in dem der Purple Path als Kunstpfad rund um Chemnitz ausgeflaggt wurde. Das Ergebnis sind (neu) zu entdeckende Skulpturen am Wegesrand. Die beiden in und um Chemnitz wirkenden Pilgerbegleiter Ina Wild und Rainer Zuk fassten den grandiosen Entschluss, das eine, also das Pilgern, mit dem anderen, einer Kunstbetrachtung zu verbinden.
Digitale Ankündigung der Pilgertour im April 2026
So war ich gar nicht überrascht, dass als Treffpunkt der mit über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr gut nachgefragten Wanderung die Schneeberger Sankt Wolfgang-Kirche mit dem berühmten Lucas-Cranach-Altar genauer ins Visier genommen wurde. Ina Wild verteilte dazu kleine Spiegel, mit denen das Bauwerk im wahrsten Sinne des Wortes reflektiert werden konnte. Lichteinfälle, die man sonst nicht oder kaum wahrnimmt, konnten somit vor dem Auge aufscheinen.
Auch das Auditive kam in Verbindung mit Orgelspiel und Liedgesang zu Geltung, bevor es draußen direkt zur Skulptur Coin Stack von Sean Scully ging. Das Thema Geld wird hier subtil auf einer historischen und zugleich autobiografischen Ebene beleuchtet. Für mich wird hier schön das Motiv des Sparens dargestellt, das ja auch eine Art des Zusammenlegens und Akkumulierens im physischen Sinne bedeutete, bevor es so etwas wie Plastikgeld gab. Wenn man bedenkt, dass Schneeberg an der Silberstraße liegt, dann sind Edelmetallgewinnung und Geld untrennbar miteinander verbunden. Im Französischen ist argent das Wort für Geld und Silber zugleich: Früher hatte Geld anders als heute auch einen hohen materiellen Wert, so dass ein Münzstapel durchaus Kapital im doppelten Sinne darstelle, vor allem wenn er von den Silber-Bergleuten aufgeschichtet wurde.
Nachfolgend wanderten wir über den Gleesberg (mit einer Berggaststätte am höchsten Punkt, die bei schönem Wetter am Wochenende nachmittags geöffnet hat; am besten vorher unter 03772 / 22453 sich nach den Öffnungszeiten erkundigen!) in Richtung Floßgraben, der viele Kilometer lang in der vorindustriellen Zeit als eine Art Lieferkanal (Brenn-)Holz führte. Der Weg eignet sich gut, um gleichmäßigen Schrittes Impulse aus der Natur wahrzunehmen. Apropos Impuls: Kurz vor Niederschlema konnten wir unsere Füße in den Graben halten und sie sanft kühlen, bevor es zu einem sehr idyllischen Picknickplatz ging, an dem wir Rast einlegen und unsere mitgebrachten Speisen teilen konnten. Mich befiel während des anschließenden Impulses in der Evangelischen Kirche zu Niederschlema eine gewisse Müdigkeit; das einrahmende Orgelspiel verleitete mich zu einem kurzen Exkurs in Welten, die keine Geografie kennen – einige, für Orgel bearbeitete Takte aus Dvořáks Sinfonie aus der neuen Welt trugen dazu bei.
Beschauliche Wanderung am Floßgraben zwischen Aue und Bad Schlema (Foto: Thomas Edeling)
Durchs Schlematal zogen wir zum gerade für die Landesgartenschau 2027 hergerichteten Kurpark von Bad Schlema, der vor den 1940er Jahren sicher ähnlich schön ausgesehen haben musste, bis die Landschaft einige Jahrzehnte dem Uranbergbau unterworfen wurde. Tony Craggs Skulptur „Stack“ erinnert an die Verwerfungen der Landschaft, die durch menschgemachte Erdbewegungen buchstäblich deformiert wurde.
Rainer Zuk und Ina Wild vor Tony Craggs Stack (Foto: Rainer Zuk)
Nur noch wenige Hundert Meter; dann war Schneeberg wieder erreicht. In der Konditorei Willert (Ritterstraße) ließen wir uns nieder und unterhielten uns noch munter bis zur Schließzeit um 17 Uhr, bis ich erfüllt von dieser Pilgertour den Heimweg antrat.
Vielen Dank an die Organisatoren Ina Wild und Rainer Zuk, die sich für auch den Sächsischen Jakobsweg stark machen. Eine weitere Pilgertour wird von Hohndorf / Erzgebirge am 30.05. um 9. 30 Uhr angeboten.
Neulich ist mir bewusst geworden, dass ich spätestens in der Mittelstufe meiner Gymnasialzeit mit dem literarischen Motiv der Flucht vertraut gemacht wurde. Den Roman Die große Flatter (1977) von Leonie Ossowski (1925-2019) thematisiert den Ausbruch aus einem eingeengten und zugleich zerrütteten sozialen Milieu. Damals, Mitte der 1990er Jahre, war das Jugendbuch die ideale Möglichkeit, auf literarische Weise Lebensverhältnissen zu begegnen, die ich bis dato als Jugendlicher nicht kennengelernt hatte.
Mehr als 30 Jahre später stieß ich auf die Fluchtnovelle (2024) von Thomas Strässle, Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Literatur-wissenschaft an der Universität Zürich und seit 2023 Juror beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. In der Novelle wird das Motiv der (politischen) Flucht so präsent, dass es mir nicht mehr aus dem Kopf geht. In vorgestanzte Raster passt die Lektüreerfahrung ebenfalls nicht hinein, da sie eben nicht einschlägige Vorkenntnisse zur DDR-Zeit zur politischen Wende 1989-1990 aufruft. Vielmehr geht es um eine Flucht von der DDR in die Schweiz über den Transitort Prag im Juli 1966, genauer gesagt über den Flughafen-Prag-Ruzyně, wo das Fluchtereignis im Grund seinen Kulminationspunkt findet. Die Republikflüchtige ist keine geringere als Thomas Strässles Mutter, die mit einem gefälschten Pass zusammen mit ihrem Freund und späteren Vater des Autoren in die Linienmaschine nach Zürich steigt.
Da ich genauso wie im Sommersemester 2024/2025 dieses Jahr wieder einen Sprachkurs zum Thema Deutsche Rechtssprache halte, sind mir in der Novelle besonders die vielen Zitate und Passagen aufgefallen, die entweder aus originalen Rechtstexten stammen oder in einem Duktus verfasst sind, in dem Handlungen von Rechtssubjekten beschrieben werden und amtlichen Charakter haben. Das vierzehnte Kapitel besteht vollständig aus diesem sprachlichen Material: Es trägt den Titel „Brief an die Polizei“. Thomas Strässle hat mir in einer E-Mail bestätigt, dass es aus einem Originaldokument besteht und nur „geringfügig überarbeitet“ worden ist. Mein Eindruck hierbei ist, dass die meist als trocken und schwerfällig angesehene Rechtssprache in diesem Kapitel nicht nur die Narration vorantreibt, sondern auch der Novelle, einem literarischen Genre, einen gewissen Glanz verleiht. Warum habe ich diesen Eindruck?
In der Novelle, die ja im Kern getreu dem Genre eine außerordentliche Begebenheit enthält, wird das Thema Republikflucht so geschickt beleuchtet, dass der Leser im Bilde ist, gerade was die Durchführung an Vorbereitungen betrifft. Dazu kommen die Konsequenzen, nämlich Gefängnis oder Bußgeld, die mit einem gefälschten Ausweisdokument selbst im Zielland drohen. Bereits im zweiten Kapitel wird aus dem Schweizerischen Strafgesetzbuch zitiert:
Die Tathandlung besteht im Fälschen (=Totalfälschung) oder Verfälschen (=eigenmächtiges, nachträgliches Abändern) oder im Gebrauch eines unechten Ausweises oder im Missbrauch eines echten Ausweises.
Im gleichen Kapitel verweist der Autor, der ja auch Erzähler ist, darauf, dass die Fälschungstat, zu der sein Vater dessen ehemalige Freundin anstiftete, zwar illegal sei, aber ein „übergeordnetes moralisches Interesse“ habe. Der ausgestellte Schweizer Pass würde ihren Namen mit dem Foto der neuen Freundin enthalten. Damit ist das Fundament für den weiteren Handlungsverlauf gelegt.
Im achten Kapitel wird dann recht ausführlich über die Gesetzeslage in der DDR gesprochen, vor allem über den Paragrafen 213 des 1968 in Kraft getretenen Strafgesetzbuches, also erst ca. zwei Jahre nach der erfolgreichen Flucht im Sommer 1966. In Absatz 2 ist die Rede von „Missbrauch oder Fälschung von Ausweisen oder Grenzübertrittsdokumenten, durch Anwendung falscher derartiger Dokumente oder unter Ausnutzung eines Verstecks“, was, wie der Erzähler präzise angibt, eine „Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren“ nach sich ziehen kann.
Das neunte Kapitel kommt ganz ohne juristische Sprache aus. Darin wird geschildert, wie Strässles Vater genau die „Einreiseformalitäten und die Ausreisekontrolle, die Zollabfertigung und den Einsteigevorgang, die Positionen der Kontrollposten und die Aufteilung der Räume“ begutachtet und dabei eine gewisse „Lässigkeit ohne Nachlässigkeit“ feststellt. Ich kann mir genau vorstellen, dass diese genauen Beobachtungen entscheidend für für eine erfolgreiche Republikflucht waren, deren wichtigste Umsetzungsschritte dann erfolgten, wenn augenscheinlich ein Fluchtversuch eben nicht vorliegt, also während des legalen mehrtägigen Aufenhaltes in Prag. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf folgt Beschreibung der Produktion des Falsifikats im zehnten Kapitel, die selbstverständlich professionelle Helfer, nämlich eine Stempelfabrik erforderte, um das selbstgebastelte Dokument herzustellen.
Schließlich gilt der Fokus dem vierzehnten Kapitel: Der bereits erwähnte Brief an die Schweizer Polizei ist schon deswegen ungewöhnlich, weil er anders als die meisten anderen Schriftstücke an und von der Polizei über ein Ereignis, zum Beispiel einen Unfall handeln. Er schildert hingegen eine Tatfolge, die zum Zeitpunkt der Niederschrift größtenteils noch nicht durchgeführt wurde. Formell enthält er vierzehn nummerierte Punkte, wobei der dritte Punkt noch in zwei und der vierte Punkt in vier Kleinbuchstaben (a) und b) bzw. a) – d)) unterteilt ist. Nur der erste Punkt des Unterzeichneten über den Flug von Zürich-Kloten nach Prag am 12. Juli 1966, wird im Perfekt verwendet. Jeder Punkt ist detailliert vorgetragen, so dass die Fluchtpläne genauestens nachvollzogen werden können. Wäre das Vertrauen in einen demokratischen Staat nicht so groß, würde so ein Schriftstück nicht existieren. Es ist ideologiefrei mit dem Anspruch auf Ehrlichkeit (siehe Punkt 10) in Bezug auf den Gesetzesverstoß durch Urkundenfälschung und auf Wahrheit (siehe Punkte 13) verfasst. Außerdem ist der Anspruch erkennbar, dass hier Rechtssprache sprachökonomisch in Bezug auf die Fluchthandlung eingesetzt und hierbei eine unterrichtende Funktion hat, um nach einer misslungenen Fluchtaktion auf staatliche Hilfe zu hoffen, die „vor unverhältnismäßiger Bestrafung zu schützen“ vermag.
In die Novelle flossen überdies konzise Reiseerinnerungen vor und nach der Wiedervereinigung ein. Das erste Kapitel (über die Erfahrungen am Karl-Marx-Monument im damaligen Karl-Marx-Stadt und heutigen Chemnitz) sowie das fünfzehnte Kapitel (über legale Grenzübertritte sowie über den Todesstreifen mitten im Harz) skizzieren aus der Perspektive eines Besuchers besonders die Impressionen, die mit markanten und fraglichen, staatlich sanktionierten Hinterlassenschaften in Verbindung stehen. Das Dokumentarische basiert darüber hinaus auf einem Interview der Eltern mit dem Schriftsteller Hermann Burger (1942 – 1989) und weniger auf Rechercheergebnisse, die wiederum das Werk unnötig in die Länge gezogen hätten.
Mein Leseeindruck bestätigt die Empfehlung der Novelle für den Oberstufen-Unterricht, die das bayrische „Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung“ veröffentlicht hat. Ich werde nach der Lektüre noch stärker unser rechtstaatliches Fundament schätzen, das weltweit durch verschiedene Strömungen herausgefordert wird. Es ist nicht selbstverständlich, in einem Rechtsstaat zu leben, dem man auch in heiklen Fällen sein Vertrauen schenken kann und muss.
Die Fluchtnovelle kann beim Suhrkamp Verlag bestellt werden. Bis Ende September ist der Text auch in der ard-Mediathek als Hörbuch verfügbar.
Der Schaffenskraft des Frankfurter Schriftstellers Martin Mosebach bin ich in den letzten zwölf Monaten in gleich drei unterschiedlichen Konstellationen intensiver begegnet. Einmal, im März 2025, leibhaftig in einem Gespräch zu religiösen Spuren in der Literatur (zusammen mit der für mich damals noch unbekannten Schriftstellerin Marika Bodrožić); ein zweites Mal, im Mai 2025 während des Literarischen Quintetts am gleichen Veranstaltungsort, dem Ideen-Raum der Universitätsbibliothek Chemnitz, bei dem über seinen jüngsten Roman Taube und Wildente diskutiert wurde, und ein drittes Mal bei der Lektüre just dieses Romans.
Ich gebe zu, dass ich bisher die vier oder fünf von mir gelesenen Romane Mosebachs ausgeliehen habe und ich immer wieder zu dem Ergebnis komme, dass ich sie nicht so recht greifen kann. Womöglich hätte ich stets eine Zweitlektüre vornehmen müssen. Aus Taube und Wildente habe ich aus einem ganz einleuchtenden Grund mehr mitgenommen. Das liegt daran, dass ein wichtiger Schauplatz, die Sommerresidenz des Verlegers Rubert Dalandt und seiner Familie, bei Aix-en-Provence angesiedelt ist, in etwa dort, wo ich ca. 10 Monate während meines Masterstudiums wohnen durfte. Allein der Name des Schauplatzes, La Chaumière, frei übersetzt ein einfaches Landhaus, ruft in mir Erinnerungen wach, ohne dass irgendeine Handlung ausschlaggebend wäre.
Ein weiteres Erinnerungszeichen ist die an diesem Schauplatz nahezu unvermeidliche Auseinandersetzung mit dem Werk von Paul Cézanne. Hier zeigt Mosebach, dass er ein Wortkünstler ist. Ich kann daher leicht meinen Aufenthalt vor knapp zwanzig Jahren vergegenwärtigen.
Der Roman geht jedoch weniger über Cezanne, sondern mehr über das im Roman eine wichtige spielende Wildstilleben Tote Feldtaube und Wildente (1884) von Otto Scholderer (1834 – 1902), das bis zur Zerstörung bei einem Wohnungsbrand in Mosebachs Wohnung hing. Der Stoff hat es sogar (neben dem erwartbaren Feuilletonteil) am 26.10.2022 in den Teil Natur und Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschafft, vor allem, weil Dalandt beabsichtigt, einen Dante-Essay zu schreiben, und der Redakteur Patrick Bahners erstaunliche Bezüge von der Göttlichen Komödie zum Scholderer-Stillleben erkannt hat. Im Artikel ist auch zurecht die Rede von einer „Kunst sinnlicher Vergegenwärtigung“.
Ganz sicher thematisiert der Roman auch die Frage nach dem Umgang mit Erbe allgemein. Die Familie Dalandt ist nur die Nutznießerin, aber nicht die Eigentümerin seiner Sommerresidenz, die genauso wie eine Kunstsammlung von seinem Schwiegervater Cornelius de Kesel in eine Familienstiftung überführt worden ist, unter denen – oh Wunder – auch ein Cézanne-Aquarell ist. Es gibt nur eine Ausnahme: Taube und Wildente ist explizit seiner Ehefrau Majorie de Kesel zugedacht worden, die zusammen mit ihrer Schwester „Begünstigte“ jener Stiftung ist. Dalandt erwirbt im Laufe des Romans nach zähen Verhandlungen für 60000 Euro von seiner Frau dieses Gemälde, damit sie notwendige Reparaturen in der Chaumière veranlassen kann, und überführt es in seine Wohnung nach Deutschland, wo es das Romanende nicht überdauert. Mehr soll zur Handlung nicht gesagt werden…
Nun zu Cézanne: Zu Anfang des Romans hat Dalandt den Vertriebschef des Verlags, Allmendinger, und die Lektorin Sieglinde Stiegle zu Gast, um dessen Buchprojekt zu besprechen. Der Ausblick wird von Allmendinger wie folgt kommentiert: „Voilà, die Montagne-Sainte-Victoire. Der Berg schwebt über der Chaumière, deshalb ist das Haus überhaupt gekauft worden. Es ist eingefügt in ein gigantisches dreidimensionales Cézanne-Gemälde.“ Anschließend packt der Erzähler sein ganzes Kunstverständnis im Hinblick von Cézanne aus, als er sich in die ausschweifenden Gedanken von Stiegle hineinversetzt:
Tatsächlich, da war er, der Cézanne-Blick. Niemals hätte sie diesen von ihr bewunderten Meister als Naturalisten bezeichnet. Sie war stets überzeugt gewesen, daß es sich bei seinen Landschaften um Stilisierungen handelte, die vor allem die eigene Handschrift ausstellen sollten, die sehr spröde, geradezu bröckelige Pastosität, die wie unter Überwindung eines Widerstands aufgetragenen Flecken, die durch viel Weiß ermatteten Farben, das schwache Grün, das fahle Gelb, die nicht ineinander verschmolzenen Farbfelder, und hier offenbarte sich nun, dass der Mont-Sainte-Victoire wirklich so aussah: in der Sonne wie ein Kadaver ausgedörrt, trocken wie Gips oder Mehl, blaß und ausgesogen. Dies alles war naturgetreu erfasst, jedenfalls jetzt im Mittagslicht – abends mochte der Berg seine müden Wangen rosa schminken, aber war es nicht ein besonderes Verdienst seines Malers, daß er sich mit romantischem Lichtzauber nicht eingelassen, sondern seinen Lebensberg in der nüchternen Nacktheit des Tageslichtes hatte erscheinen lassen? Phantasie war schön und gut, aber noch aufregender war die Entdeckung, dass ein Kunstwerk, das sie für gänzlich autonom gehalten hatte, in Wahrheit sehr eng an eine Realität angelehnt war und sie sogar übertraf.
Nun stelle ich dem ausführlichen Zitat zwei Fotos der Saine-Victoire gegenüber, die ich im September 2006 in Le Tholonet machte. Ich habe sie nachträglich digitalisiert:
Abendstimmung „mit romantischem Lichtzauber“ – Mont Sainte-Victoire im Herbst 2006 (Privatfoto)Nachmittagsstimmung in „nüchterner Nacktheit“ – Mont Sainte-Victoire im Herbst 2006 (Privatfoto)
Martin Mosebach schafft es, literarisch ein Kunstwerk so zu beschreiben, dass es intensiver (nach-)wirkt als in der Realität. Der letztzitierte Satz ist auch ein Hinweis darauf, dass er es anstrebt. Der Vergleich lässt sich leicht ziehen: Wenn man ein Gemälde betrachtet, dann geschieht das oft recht flüchtig, und sei es bei einer Führung. Auch als ich damals täglich die Sainte-Victoire sah, hatte ich bei den aufmerksamen Ausblicken auf die Bergkette wohl zu flüchtig die im Unterricht besprochenen Auszügen aus Rainer Maria Rilkes Briefe über Cézanne gelesen. Vielleicht war der Mythos Sainte-Victoire auch zu nah und zu real; nun stütze ich mich auf die Erinnerung von vor 20 Jahren, die für die Vergegenwärtigung nützlich ist.
Eine noch intensivere Verdichtung der Realität lässt sich bei der Darstellung von Taube und Wildente beobachten (Scholderers Gemälde ist am Ende des Romans übrigens abgebildet.). Wenn man das siebte und zehnte Kapitel des ersten Teils, wo sich das Werk vernachlässigt in der Chaumière befindet und den Anfang des zweiten Kapitels im zweiten Teil (nach dem Bild-Transfer nach Deutschland) liest, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie sehr die Literatur dazu beiträgt, Scholderers Gemälde zu vergegenwärtigen und dabei den Kontext (Lichteinfall, Platzierung etc.) zu berücksichtigen. Selbst wenn einem Mosebachs bildungsbürgerlicher Stil nicht besonders zusagt, so ist doch der ästhetische Mehrwert erkennbar: Ein Roman über ein gemaltes Kunstwerk kann mit seinen Textschichten auch Teile von Lebens-Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes wachrufen. Was zu Cézanne im Roman nur anklang, wird zu Scholderer so vertieft, dass man auch als Leser in diese Farbschichten eintauchen kann, selbst wenn es sich bloß um ein winziges, wichtiges Detail, um einen „zinnoberroten Punkt“ handelt.
Der Roman ist bei dtv erschienen; das längere Zitat findet sich in der Taschenbuchausgabe auf Seite 23. Leider habe ich im Internet keine gute Abbildung von Scholderers Kunstwerk gefunden. Übrigens wirkt eine Rezension in Deutschlandfunkkultur etwas ratlos; dort wird der Maler sowohl auf der Homepage als auch bei der Rezensentin Verena Auffermann zu Otto Schloderer (sic!). Eine deutlich positivere Kritik von Wolfgang Schneider, die auch sehr gut die Handlung zusammenfasst, findet sich im Tagesspiegel.
Wer nutzt sie nicht zum Kochen und Backen, die Produkte von Dr. Oetker? Ein kurzer Blick in das Lebensmittelregal genügt: Zwei Tüten zur Zubereitung von „Kaiserschmarrn mit Rosinen“ stehen schon seit längerem bereit; am Wochenende konnte ich nicht umhin, im Discounter zwei Päckchen „Seelenwärmer“ zu kaufen – Vanillepudding für die Tasse.
Eine riesige Produktvielfalt – dafür steht Dr Oetker international. Was die Kundschaft mit den Produkten anstellt, kann auch mit einem Gebrauchsgut in der Küche beeinflusst werden: Schon als Jugendlicher wurde ich von meiner Mutter mit dem Dr. Oetker-Schulkochbuch konfrontiert. Die Botschaft dahinter war explizit: Dank der wiederholten Rezepterprobung lässt sich damit hervorragend kochen. Mit dabei sind selbstverständlich Lebensmittel, die Dr. Oetker nicht im Sortiment hat. Letztlich entscheidet der Konsument, welche Lebensmittel wie miteinander in Rezepten oder auch als Fertigprodukt verarbeitet werden.
Im Bereich Unternehmenskommunikation lässt sich mit dieser vielfältigen Produktwelt hervorragendes Bild- und Videomaterial produzieren, das sich auch gut didaktisch verwerten lässt. Der Anfang des Jahres auf Youtube veröffentlichte Imagefilm bot für mich hervorragendes Klausur- und Anschauungsmaterial.
Eindrucksvoll zeigt er drei Personen in drei Ländern und in drei Abteilungen. Jede Person wird zweimal länger in den Blick genommen, so dass die Sequenzen enger miteinander verzahnt scheinen. So werden neun Variablen geschickt besetzt: Barbara, eine Italienerin, die im Werk Desenzano del Garda unweit des südlichen Gardasee-Ufers für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung tätig ist (man sieht dabei, dass in Italien das Logo zwar das gleiche Design hat, doch auf den Markennamen Dr. Oetker zugunsten von cameo verzichtet wird); dann folgt Shalini, eine Inderin, deren Arbeit in der Qualitätskontrolle in Neu-Delhi gezeigt wird, und schließlich Martin, ein Niederländer, der bei Dr. Oetker in Amersfoort für den Vertrieb zuständig ist.
Forschungs-und Entwicklungsarbeit in Italien – Screenshot aus dem Dr.Oetker Imagefilm Creating a Taste of Home (Langversion, 2026), 1‘09‘‘.
Auffällig ist, dass die Muttersprachen (Italienisch; Hindi / Englisch sowie Niederländisch) für Authentizität sorgen, wobei das nivellierende Englisch in den Untertiteln zur Verfügung steht.
Auch die Musik variiert, je nach Bild-Kontext. Im Grunde hören wir in den knapp zehn Minuten einen Soundtrack, der recht subtil kulturelle Praktiken unterstreicht. Zunächst sind es peppige Beats, die zu Barbaras Arbeitsweg passen, den sie (sicher nicht nur für den Film) mit ihrem Motorrad zurücklegt. Wenn wir Shalini sehen, dann wird das Markttreiben genauso eingefangen wie Yogaübungen und meditative Klänge. Martin sehen wir neben typischen Arbeitssituationen joggen und Zeit mit seiner Familie verbringen, während leise sphärische Klänge zu hören sind.
Viel Aufmerksamkeit wird auf die abschließenden (und eingangs bereits kurz eingeblendeten) Tischszenen an den drei Standorten gelegt. Der Slogan „Creating a Taste of Home“ kann an einer festlich gedeckten Tafel am besten inszeniert werden. Die drei Varianten zeigen die jeweilige kulinarische Vielfalt, an denen zubereitete Dr. Oetker-Produkte beteiligt sind. Den Genuss unterstreichen auch die kammermusikalischen Klänge, die beruhigend und zugleich stimulierend sind (vor allem durch die Streicher und das Klavier). Das Tablet, mit dem online die drei Tafelrunden vernetzt sind, ist das Objekt, das in wenigen Sekunden neben dem analogen Vernetzt-Sein am Tisch auch die digitale (und die inszenierte emotionale) Verbundenheit (über die Praktik des Grüßens) verdeutlicht. Das ist im Unternehmensalltag allein schon durch das Intranet und die vielen digitalen Tools real der Fall.
Am gedeckten Tisch – Screenshot aus dem Dr.Oetker Imagefilm Creating a Taste of Home (Langversion, 2026), 9‘19‘‘
In der Prüfung fragte ich, wie der Bedeutungszusammenhang von „Creating a Taste of Home“ zu verstehen sei, das auf der Homepage mit „Jedem ein Gefühl von Zuhause geben“ übersetzt wird, so dass man im Deutschen die konventionelle Verbindung zwischen dem Sinnlichen und dem Häuslichen gewählt hat. Tatsächlich konnte ich in den Antworten häufig neben „Geschmack“ auch „Gefühl“ finden. Aus einer Antwort möchte ich zitieren (Grammatikfehler sind dabei bereinigt worden):
Viele Leute assoziieren einen Geschmack mit ihrem Heimatland, und ein bekannter Geschmack erinnert uns an unsere Bekanntschaften / Beziehungen. So verbindet das Unternehmen diese zwei Gefühle – das Essen verbindet die Leute.
Bei aller Differenzierung der aufgetischten Speisen ist auch eine gewisse Nivellierung zu beobachten. Genaue Angaben oder Beschreibungen zu Dr. Oetker-Produkten werden nicht gemacht, weil der Zweck, nämlich eine schmackhafte und ausreichende Ernährung im Vordergrund steht und nicht eine ausgefallene, kaum bekannte Spezialität, mit der sich die Tafelrunde(n) abheben wollte(n). Auch dieser Eindruck zeugt davon, dass das Zuhause als Gefühl für viele leicht über das die Zusammenkunft hergestellt werden kann. Die Frage gleich zu Beginn des Films lautet: „What connects us worldwide with Dr Oetker?“ Die Antwort wird im Film gezeigt, zuerst gilt das „us“ den drei dargestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, im weiteren Sinne auch den Anwesenden an den drei Tafeln, und im weitesten Sinne auch den Kundinnen und Kunden, die sich ja bei dem Aufbau einer Verbindung angesprochen fühlen sollen. Das italienische Wort „socialità“ (Geselligkeit bzw. Gemeinschaftlichkeit) ist eines der ersten Worte von Barbara; es ist auch ganz sicher die zentrale Botschaft des Unternehmensfilms. Und dieses Wort kann inhaltlich nur dann Geltung erlangen, wenn Geschmacksempfinden auf einem bestimmten Qualitätsniveau und auch einem vorgegebenen Zutatenmix auch von einer Mehrheit geschätzt wird. Die Produkte brauchen keine Vorstellung; stattdessen soll der Nutzen inszeniert werden, der sich einerseits entlang der Wertschöpfungskette rational und andererseits emotional durch den gemeinsamen Genuss an den großen Tisch ergibt. Kurz gesagt: Das Zuhause ist überall dort, wo sich das Gefühl, dazu zugehören, einstellt. International verständlich wirken die Tafeln wie ein Symbol für Gemeinschaft und Gemeinsinn auf ein und derselben Ebene, wo Hierarchien keine Rolle spielen. Ich freue mich schon, diesem Gefühl beim nächsten größeren Anlass nachzuspüren, ganz gleich, wer mit mir am Tisch sitzt und was ich genau dabei zu mir nehme….
Seitdem ich den Fernsehfilm und dann kam Wanda… (2014) von Holger Haase mit Hannes Jaenicke und Katarina Lodyga in den Hauptrollen sah, frage ich mich, ob ein Film, der nicht im Kino läuft, sondern von der Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders eingehend geprüft wird, nicht besondere Merkmale aufweisen muss. Schließlich gibt es ja einen Bildungsauftrag und viele Millionen Gebührenzahler. Auch eine Komödie, die primär der Fernsehunterhaltung dient, sollte über Inhalte verfügen, die zum Nachdenken anregen können. Offen bleibt natürlich, wie und zu welchem Umfang eine Filmszene (weiter-)bildet und wie viele Zuschauer etwas daraus lernen können. Da es keine Bildungs- und keine Interpretationsnorm geben kann, muss letztlich jeder Zuschauer selber beurteilen, was er oder sie aus dem Fernsehfilm ziehen kann.
„und dann kam Wanda“ erzählt vom alleinerziehenden, in die Insolvenz rutschenden Bauunternehmer Karl-Heinz Kluss und von der in Leipzig geborenen intelligenten Jura-Studentin Wanda, deren Mutter aus Polen stammt. Aufgrund von Prüfungsangst schiebt sie ihr Staatsexamen auf; in einer Striptease-Bar lernt sie als Kellnerin Karl-Heinz durch ein Malheur kennen, nachdem er ihr schon einmal (positiv) auf der Straße an einer seiner Baustellen aufgefallen war. Sie bietet sich für ihn als Kinderfrau an; aus einem Tag wird schließlich eine unbefristete Anstellung. Diese stellt sich als Schwarzarbeit heraus, da Wanda versäumt, sich beim Finanzamt anzumelden (wodurch Kluss ein Bußgeld in Höhe von 5000 Euro zahlen muss). Ihrer Mutter lügt sie vor, dass sie bereits in einer deutschen Kanzlei – bei Kluss – arbeiten würde. Der Film endet damit, dass Wanda Karl-Heinz, deren Arbeitsbeziehung sich in eine Liebesbeziehung verwandelt hat, ihrer Mutter in Polen (beim Nationalgericht Bigos) näher vorstellt.
Lehrreich ist im Film Vieles: Einerseits dreht sich die Handlung um die Missachtung von Regeln und Menschen, andererseits um die Ermöglichung von Hilfestellungen in schwierigen Situationen. Drei Aspekte der Hilfe möchte ich kurz skizzieren:
1. Arbeitshilfe aus der Fremde
Karl-Heinz ist ein typischer Meckerkopf, wenn es um ausländische Bauarbeiter geht. Wüste Beschimpfungen sind ihm eigen. Und als Wanda in seine Privaträume eingeht, staunt er nicht schlecht, als sie ihn gegenüber ihrer Mutter am Telefon als „guten Chef“ bezeichnet, allerdings auf Polnisch: „Szef: Dobrze!“ Karl-Heinz versteht nur das Wort „Kanzlei“ in diesem Kontext und wittert bereits, dass Wanda nicht die Wahrheit übermittelt. Und als er dank ihrer Verhandlungskünste bei einem ambitonierten Saunabau für einen befreundeten Unternehmer (der Deal wurde in der bereits erwähnten Striptease-Bar vereinbart) vier Tage mehr Zeit zur Fertigstellung erhält – Wanda spannt ihre attraktive Freundin Maria ein, die der Bauherr als Gegenleistung daten darf, und mobilisiert nebenbei noch eine polnische „Restaurationsfirma in Warschau“– , stellt sich das Unvertraute für ihn als hilfreich heraus.
Abnahme der Gartensauna: Dialog zwischen Bauunternehmer Kluss und Bauherr Bieckmann; Screenshot aus „…und dann kam Wanda“ (2014), ARD Degeto / Oliver Feist, 1h03min49sek
2. Hilfsbedürftigkeit im (Unternehmer-)prekariat
Der Begriff Prekariat ist – wenn man dem Zentrum für digitale Lexikografie der deutschen Sprache (ZDL) glaubt – seit 20 Jahren in der deutschen Sprache verankert. Geldknappheit aufgrund von schlecht bezahlten und befristeten Arbeitsverhältnissen ist für diese Bevölkerungsgruppe das Hauptschlagwort. Im Film gehört Wanda zu dieser Gruppe, und eben auch Karl-Heinz, obwohl er als Unternehmer in guten Zeiten genug Geld zur Verfügung hat und kein Beschäftigter ist. Doch in seiner Branche sieht es (nicht nur im Film) mau aus, so dass seine Arbeitsleistung nicht genug Geld für ihn und seine Mitarbeiter abwirft. Ihn würde man wohl zum Unternehmerprekariat zählen. Aber gleich zu Beginn des Films wird ein „Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens“ sichtbar; hinzu kommt, dass der Zoll in Wandas Wohnung eindringt, weil sie der Schwarzarbeit bezichtigt wird (sichtbar wird das unscharf gezeigte Dokument „Durchsuchungsbeschluss“, das wir mit Wanda durch den Spion erspähen können, bevor sie aus dem Fenster flieht und der Zoll die Wohnungstür eintritt). Und wenn die Insolvenz im Raum steht, dann reicht das Geld eben für vieles nicht aus – da mag Karl-Heinz‘ Wohnung noch so schick eingerichtet sein! Die Aussage „Papa hat immer Arbeit“, die Karl-Heinz zu seiner jungen Tochter auf dem Weg zur Schule sagt, kann nur eine Lüge sein, die noch vergleichsweise unauffällig daherkommt. Seine Kinder stellen ihn auch am Ende des Films wegen seiner Tendenz zum Lügen zur Rede.
3. Geldhilfe vom eigenen Sohn
Am Ende des Films ist es ausgerechnet Karl-Heinz‘ aufmüpfiger Sohn, der seinen Vater aus der Patsche hilft: Er stellt seine eigens entwickelte Analytik-App Samler in einem Berliner Unternehmen am Potsdamer Platz vor und erhält dafür nicht nur viel Anerkennung, sondern auch viel Kapital, als er sie verkauft. So spielt die New Economy der neuen Generation gegenüber der Old Economy der älteren Generation siegreich auf.
Vorstellung der App „Samler“ – Screenshot aus …und dann kam Wanda (2014), ARD Degeto / Oliver Feist, 1h13min59sek.
Mir fällt bei diesem gut gemachten Fernsehfilm das Wort Lehrstunde ein. Die Charaktere sind so gezeichnet und gespielt, dass man sie blendend in Bildungsveranstaltungen einbinden könnte. So ließe sich von didaktisch wertvollem Filmmaterial sprechen, das zur Vertiefung einlädt. Ich lege mich fest: Wenn ein Film im in Sachsen unterrichteten Schulfach GRW (Gemeinschaftskunde / Recht / Wirtschaft) gewünscht ist, dann sollte und dann kam Wanda in die engere Auswahl genommen werden, gerade weil er das Mehrdimensionale des Fachs ziemlich einschlägig repräsentiert!
In der ard-Mediathek lässt sich der Film bis März 2027 anschauen. Eine interessante Analyse zu der im Film behandelten Nachbarschaftsthematik bietet ein Artikel von Jakub Kazecki im Portal Copernico aus dem Jahre 2024, das sich speziell der Geschichte und dem kulturellen Erbe im östlichen Europa widmet. Dieser Artikel kann auch als pdf-Datei heruntergeladen werden.
Schon wieder habe ich ein Lied im Kopf, das ich auf dem Weg zur Arbeit hörte, auch wenn ich so gut wie kein Wort verstand. Die norwegische Sängerin Kari Bremnes singt in ihrer Muttersprache unglaublich geheimnisvoll, scheinbar durchgängig im piano-Ton.
Das Lied – als Übersetzungsstool habe ich deep-l bemühlt – über ein genusssüchtiges und zugleich schwerkriminelles Wesen ist auf den ersten Blick auch inhaltlich zutiefst mysteriös. An wen wohl die Sängerin mit diesem Text gedacht hat? Natürlich, so erfährt man es schnell auf einigen wenig informativen Internet-Seiten: an ihren Kater! Da das Tier kein einziges Mal direkt namentlich wird (nur ‚Beute’ und ‚Krallen’ mögen an ein Raubtier erinnern), bin ich nicht selbst darauf gekommen. Ich gebe zu, dass ich zuerst an einen Mann gedacht habe und nicht an ein Tier. Das liegt vor allem am Pronomen „er“! Ein nahezu psychologischer Fall! Das kann nur daran liegen, dass in meinem Gehirn erst eine Crime-Story aufscheint, bevor das wahrhaft tierische Treiben eines Haustiers mir deutlich wird.
Der Liedtitel Litt av et liv hat etwas mit dem Leben zu tun. Deep-l übersetzt es mit „Das ist schon ein Leben“. Ein Anklang von Ironie schleicht sich hier ein. Wörtlich übersetzt bleibt er recht farblos: „Ein bisschen vom Leben“.
Mir fällt auf, dass ich, wenn ich den norwegischen Liedtext lese, einige Worte verstehe, was natürlich nicht ausreicht, um die ganze Zeile zu verstehen. Aber immerhin: Das Geheimnisvolle scheint auch darin zu bestehen, dass der unvertraute Klang doch Vertrautes beinhaltet, wenn man nur genau hinschaut bzw. hinhört. Bei mehrmaligem Hören hört man das insgesamt achtmal im Refrain gesungene Wort „dekorativ“ heraus, ohne es an einen Kontext andocken zu können. Das geheimnisvolle Wesen scheint ein dekoratives und gleichzeitig ein tierisches bzw. animalisches Leben („dyrisk“) zu führen. Auch hier weht das Geheimnisvolle durch, denn wie kann ein Tier anders leben als tier-isch bzw. animal-isch? Die Konnotationen, die wir mit diesen Adjektiven im Hinblick auf gewisse Härten des Lebens verbinden könnten, helfen nicht weiter, gerade nicht bei Katzen, die ja gewöhnlich kein tierisch hartes Leben führen. In der zweiten Strophe ist die Rede davon, dass das Tier zärtlich und zahm ist („kjærlig og tam“) und – zwei Zeilen weiter – auf den Leckerbissen wartet, der nach Fest schmeckt („bitan“, „smake“ und „fest“ sind hier im Original einprägsam). Das ist sozusagen die These; die Antithese findet sich in der dritten Strophe: Skrupellos handelt das Tier – wenn es Freigang genießt – mit seiner Beute und nimmt gerne den sicher nicht ernst gemeinten „Applaus“ (von wem wohl??) entgegen.
Sehr erinnerungswürdig ist zudem die Wortkombination „han kan“ („er kann“), weil sie fast genauso so klingt wie die Literatur-Nobelpreisträgerin Han Kang. Bestimmt bin ich nicht der einzige, dem dieser Gedanke kam…
Wie die Wörter bei Kari Bremnes zusammenschmelzen, ist auch faszinierend. Das Norwegische scheint bei ihr das schleichend-geheimnisvoll lebende Tier optimal klanglich abzubilden. Der Wortwitz, der erst auf den zweiten Höreindruck deutlich wird, zeigt die Stärke der Wörter im Zusammenhang mit dem dazu passenden Sound. Außerdem sind der „pulsierende, tanzbare Beat“ neben „nordischer Eleganz“ zutreffende Beschreibungen für das Lied, die man auf der Plattform Vinyl-Fan finden kann.
Dank dieses Liedes habe ich nun endlich auch einmal eine Fährte zum Norwegischen aufgenommen, dessen Muttersprachler gerade zu olympischen Zeiten hoch im Kurs sind, da sie öfters ganz oben auf dem (Medaillen-)Treppchen landen!
Hier kann das Lied nachgehört werden. Das recht kurze Album Ennu her, auf dem sich Litt av et liv befindet, lässt sich über die Plattform jpc bestellen. Der Original-Liedtext befindet sich auf der Homepage der Künstlerin.