Für mich war es zwischen der Wiedervereinigung und dem 11.September 2001 der erinnerungsträchtigste Fernsehmoment: Im November 1995 wurde kurz vor Ende einer denkwürdigen Wetten-Dass-Sendung ein Laufband eingeblendet, auf dem von einem Attentat auf Jitzchak Rabin in Tel Aviv die Rede war. Nicht nur wegen des Showcharakters der Sendung, in der auch noch Michael Jackson perfekt inszeniert unter anderem mit seinem Earth Song auftrat, war es ein unvergesslicher Schock, sicher nicht nur für mich. Denn damit würde ein jahrelang anhaltender Friedensprozess jäh zu Ende gehen, da die Zeichen wieder auf Konfrontation standen. 1995 war also ein dunkles Jahr; man erinnere auch an die Gräueltaten im Bosnienkrieg, der jahrelang auch in der deutschen Politik eine wichtige Referenz für die Beteiligung an einem Nato-Einsatz kurz vor der Jahrtausendwende war. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Schüler im Geschichtsunterricht irgendetwas zum Zeitgeschehen lernte. Ein großes Versäumnis, wie ich finde.
Neulich entdeckte ich dank der Noten-App nkoda den heute vergessenen Popsong Jerusalem von Alphaville, der westfälischen Band, die mit dem Evergreen Forever Young sogar (unerwünscht) Tausende Kilometer entfernt im Weißen Haus zitiert wurde. Auch Songs wie Big in Japan und Sounds like a Melody werden weiterhin recht häufig im Radio gespielt. Doch was ist mit Jerusalem? Immerhin lässt sich leicht dank Youtube ein Auftritt in der ZDF-Hitparade im Jahr 1987 belegen, so dass zumindest in Deutschland ein Millionenpublikum der Song vorgeführt wurde. Ansonsten bekommt man den Song nur noch auf Alphaville-Konzerten zu hören. Ganze 97mal wurde er laut einer interessanten Statistik aufgeführt.
Ich habe nur einen einzigen, kurzen Blogartikel gefunden, der den Song als „Hymne der Völkerverständigung“ bezeichnet. Ganz sicher engagiert sich die Band auch politisch, was die vorübergehende und sehr unglückliche Ausladung vom Glücksgefühle-Festival in Hockenheim erklärt, auf dem es dezidiert unpolitisch zugehen soll. Doch lässt sich dies trennscharf festlegen? Vor allem beschäftigen mich folgende Liedzeilen:
New assassins, new messiahs
Keepers of the balanced law
Strangest lovers of the fire
Which ignites the halo of our souls
In einer Zeile stoßen Attentäter und Heilsbringer (wohlgemerkt im Plural!) zusammen, also Tod und Erlösung, wenn man so will. Ganz ohne Religion und Mystik lassen sich diese Zeilen kaum erklären: Im Christentum gehören der Karfreitag als Todestag Jesu Christi und Ostern (als Fest der Auferstehung des Messias Jesus Christus) unauflöslich zusammen. Christus, übersetzt „der Gesalbte“, ist griechischen Urspungs, während das gleichbedeutende Wort „Messias“ aus dem Hebräischen stammt.
Unzählige Erzählstoffe handeln von einer gewissen Gesetzmäßigkeit des Gleichgewichts („balanced law“) zwischen einem niederträchtigen, zerstörerischen und einem errettenden, heilenden Element. Auf gewisse Weise befeuern sie im übertragenen Sinne unsere Seelen, was wiederum höchst ambivalent ist.
Die markanten Refrain-Zeilen „Let’s take love to Jerusalem“ und „Let’s make love in Jerusalem“ klingen für mich in Kombination mit der Stadt als Schauplatz der drei Weltreligionen alles andere als kitschig . Man könnte es mit dem Verlangen nach Eintracht und Versöhnung erklären, wofür Liebe auch stehen kann. Ein Hinweis dafür ist die in der ersten Strophe erwähnte Göttin Eris, die für Zwietracht steht, sowie das Gebet, das sich an Jerusalem richtet: „pray to Jerusalem“. Textlich und musikalisch gleicht der Refrain in der Tag einer Pop-Hymne – es dominieren Dur-Tonarten: So entsteht ein Lobgesang auf die Kraft der Liebe, wie auch immer sie geartet ist.
Ein Blick in die vom Rolf Budde Musikverlag 1986 herausgegebenen Noten (Bearbeitung für Gesang, Noten, Klavier) zeigt, dass der Song mit drei Moll-Akkorden (c-Moll, g-Moll, d-Moll) beginnt. So kann man zugleich von einer Pop-Ballade sprechen. Die Gesangsnoten sind so hoch gesetzt, dass nur eine Sopran-Stimme sie (ohne Falsett) singen kann. Dass Marian Gold als Sänger von Alphaville auch gerne hohe Töne erklimmen konnte, ist leicht herauszuhören.
Zwischen dem 04.11.1995 und dem 07.10.2023 liegen fast 30 Jahre. Zwischen dem einen rechtsextremen Attentäter Jigal Amir und dem Hamas-Überfall mit zahlreichen, kaum zu beziffernden Attentaten liegen Jahre voller Zwietracht, die die Frage aufwerfen, ob und wie messianisch gewirkt werden kann. Politikern ist dies kaum zuzutrauen, trotz aller Gestaltungsmacht. Letztlich liegt es an etwas Unsichtbarem, etwas Unfassbarem, das Heilung bewirken kann. Zum Glück hat – und hier könnte man mit Alphaville anknüpfen – die Kraft der Liebe schon unzählige Male bewiesen, dass sie etwas Erlösendes besitzt, mit oder ohne einen Erlöser, der nicht von dieser Welt ist.
Alphaville tritt weiterhin international auf: Hier geht es zu den Konzertdaten. Der Song als Remaster ist hier zu hören. Sehr interessant ist übrigens die bereits verlinkte Internet-Seite www.setlist.fm, auf der man nachschauen kann, wie oft und wo eine Band einen Song gespielt hat. Jerusalem wurde recht oft (bis zu 7mal pro Jahr) im Tourkalender gespielt, was zeigt, dass der Song nicht, wie ich ursprünglich annahm, vergessen ist!
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