„Stil ist das, was du anders machst, während alle andere dasselbe tun.“ Dieses Zitat der venezolanisch-amerikanischen Modeschöpferin Carolina Herrera sticht mir im Nachgespräch im Maßatelier von Aaron und seiner Mutter Brünhild ins Auge.
Der Familienbetrieb mitten in Zwickau präsentiert sich dezent. Anders als Boutiquen gibt es dort keine auffällige Schaufenstergestaltung. Als interessierter Kunde muss man zunächst einmal den Schritt ins Innenreich wagen, am besten natürlich mit einem Termin, damit sich Aaron und Brünhild Mielke genügend Zeit nehmen können. Es gibt im „Studio“ im Erdgeschoss, wo es vor allem um Farb- und Stilberatung geht, und im Atelier im Obergeschoss ausgestellte Accessoires zu kaufen, doch keine Kleidung „von der Stange“. So fokussiert sich der Blick im Atelier weniger auf Gegenstände, sondern auf den Gesprächstisch mittendrin:

„Wir entwickeln ein Konzept“. So kurz und knapp drückt es Aaron Mielke auf. Viele Kunden hätten „am nächsten Tag vergessen, was besprochen wurde.“ Aus meiner Hinsicht liegt dies auch daran, dass es sich keinesfalls um eine gewöhnliche Besprechung handelt, sondern um ein Vortasten hin zu einem ganz und gar ungewöhnlichen Entwurf, der schwer in Worte zu kleiden ist. Nun ist es ebenso schwierig, seine eigene Persönlichkeit zusammenzufassen. Und hier kommt der entscheidende Punkt: Ein maßgeschneidertes Kleidungsstück bedeute eine „Verlängerung der Persönlichkeit“, so Aaron Mielke.
Ich gab mich im Juli 2025 gerne dem mehrstündigen Prozess hin, den es braucht, um einen Hochzeitsanzug mehrere Monate im Voraus anfertigen zu lassen. Die Kollektion der italienischen Firma Stylbiella überzeugte mich recht schnell, nur braucht die Entscheidungsfindung Zeit. Es geht hier nicht um die Qual der Wahl, sondern darum, dass die favorisierte Option sich als solche auch noch nach mehreren Stunden so anfühlt. Rational kommt man hier kaum weiter. Dazu kommt, dass die wenige Quadratzentimeter großen Stoffproben Art und Farbe des Stoffes vorerst nur eine Tendenz vorgeben können. Es ist von großem Vorteil, wenn schon vorher Klarheit darüber herrscht, welchen Stil man bevorzugt. Zudem helfen die „look-books“, in denen Fotomodels abgebildet sind, die das fertige Produkt aus eben diesem Stoff tragen. Über die Zusammenführung von gedanklicher und bildlicher Vorstellung konnte das erörternde Gespräch mit Aaron und Brünhild Mielke rascher zum Ergebnis führen, nämlich zur Kombination aus Kleidungsstücken, die bei StylBiella gefertigt, im Atelier Mielke auf Maß angepasst und schließlich zu einem bestimmten Anlass getragen werden. „Lazuli“ hieß das Stoffmuster, das ich schließlich auswählte. Ein recht kräftiger Blauton mit einem dezenten Karomuster, kombiniert mit einem hellblauen Hemd. Individualisiert wurde das Jackett unter anderem mit einem aufgestickten Notenschlüssel am Revers. Das gibt es so kein zweites Mal!
Es wird somit nur das gefertigt, was auch gebraucht wird. Im Grunde ist diese Methode der Kleiderwahl eine Lehrstunde für Nachhaltigkeit, die wir wieder einüben müssen: Das, was nicht auf Anfrage produziert wird, bedeutet nicht selten Überproduktion, um den Markt vollständig zu sättigen. Doch leben wir in einer Gesellschaft, die tendenziell übersättigt ist. Ein Atelier reduziert die Auswahl, indem der Mehrwert darin besteht, auf einen individuellen Stil hin einzugrenzen und darüber hinaus aufgrund des hohen Qualitätsanspruchs die Massenproduktion von vornherein auszuschließen.
Ähnlich wie ein hochpreisiges Möbelstück hält ein Maßanzug sehr lange, was die Anschaffungskosten über den langen Zeitraum hinweg relativiert. Wenn man bedenkt, dass dieses Produkt auch etwas von der eigenen Persönlichkeit enthält, sollte der hohe Preis zusammen mit dem hohen Nutzen zusammen betrachtet werden. Letztlich ist der Wert für den Käufer jedoch erst nach vielen Jahren einschätzbar, nämlich dann, wenn die Kleidung nach Maß eine Art Schale für die unterschiedlichsten Auftritte gebildet hat. Sich in Schale zu werfen soll irgendwann nicht der Vergangenheit angehören, sondern zeitlos ein bewährtes Konzept bleiben!
Vielen Dank an Aaron Mielke, seine Mutter Brünhild und an den aus Syrien stammenden Schneider Rouni Haj Hama. Das Trio hat mit großer Aufgeschlossenheit und natürlich den notwenigen Fertigkeiten die richtigen Impulse in Sachen Maßanzug gesetzt. Ich bedanke mich auch für die Möglichkeit, das eingefügte Foto verwenden zu dürfen. Verlinkt sind nähere Informationen zur Herkunft des gewählten Anzugs und zum Studio Mielke.