2014 durfte ich einen kurzen Artikel für das Lexikon literarischer Symbole schreiben, das im Metzler Verlag erschienen ist. Darin habe ich die französische Hafenstadt Marseille als „Symbol der Weltgemeinschaft“ bezeichnet.

Als vor etwa einem Jahr auf arte mehrere Marseille-Filme des in  Deutschland eher unbekannten Regisseures Robert Guédiguian gezeigt wurden, blieb mir der Film La ville est tranquille aus dem Jahr 2000 im Kopf, der in der deutschen Fassung vollkommen anders mit Die Stadt frisst ihre Mörder betitelt wurde. Man kann sowohl bei der im französischen Filmtitel durchscheinenden (trügerischen) Ruhe der Stadt – der Reim lässt bereits eine gewisse Ironie vermuten – bzw. der exzessiven Gewalt, der die Übersetzung evoziert, zu einer fehlgeleiteten Interpretation gelangen.

Guédiguian beherzigt, sicher autobiografisch geprägt (seine Familie hat armenische und zugleich deutsche Wurzeln), ein auf seine Heimat fokussiertes Kino, in dem die Stadt nicht nur Dekor ist. Daniel Winkler hat den Film in seiner sehr lesenswerten Monografie Transit Marseille ausführlich beschrieben. Das Buch ist als pdf-Version im Transit Verlag frei zugänglich, nachdem das Buch ursprünglich im Schüren Verlag erschienen war und dort vergriffen ist. Zurecht spricht er von „filmische[m] Urbanismus.“ Und von einer „sozial wie ästhetisch fragmentierte[n] Stadt, wo es Gemeinschaftsformen nicht leichter haben als anderswo. Eher lasse sich sagen, dass im Film Marseille kein Ort sei, „an dem Menschen verschiedener ethnischer Herkunft dauerhaft zusammenfinden und neues Leben hervorbringen können.“

Gemeinschaft ist oftmals nicht dauerhaft angelegt. Was mich an drei, das Musiktalent Sarkis betreffenden Szenen im Film fasziniert, ist die Kraft der Musik, die Sarkis einem vorübergehend zusammengewürfelten Publikum zu Gehör bringt. Dadurch, dass die Musikszenen zu Anfang, in der Mitte und am Schluss des Films positioniert sind, sind sie eine Art Kontrastfolie zu den Protagonisten, die vom Unglück heimgesucht sind, unabhängig davon, ob sie privilegiert leben oder nicht.

Sarkis spielt in der Anfangsszene, in der die Kamera zunächst die außergewöhnliche Stadtkulisse erfasst, neben einem unbekannten Stück Eric Saties Gymnopédie Nr.1, und Ludwig van Beethoven (Mondschein)-Sonate Nr. 14, 2. Satz), die nicht im Abspann aufgeführt sind. Der Aufführungsort über den Dächern der Stadt hat etwas Traumhaftes, fast Klischeehaftes:  

Marseille im Film
Sarkis musiziert oberhalb des Alten Hafens von Marseille – Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 3min24sek

In der zweiten Musikszene (das Schubert-Stück ist wieder zu hören) ist der Standort der gleiche, jedoch wird dem Zuschauer die mächtige Kathedrale und auch zumindest beim zweiten Sehen der zwielichtige, gewaltbereite Barbesitzer Gérard (im Anzug) gewahr, bei dem offenbleibt, ob er sich wirklich für klassische Musik interessiert:

Marseille im Film
Sarkis‘ Publikum, im Hintergrund die Kathedrale von Marseille, Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 51min 05sek

Wenige Sekunden später wird Sarkis, dem Namen nach zu urteilen aus Armenien stammend, in einem 6-Zeiler schriftlich vorgestellt, indem sein glaubwürdiger Wunsch nach Spenden beim Musizieren deutlich wird. Es stellt sich heraus, dass er zunächst in Georgien im Klavierspiel ausgebildet wurde und ans Konservatorium in Marseille gewechselt ist. Dafür muss er sich sein eigenes Klavier finanzieren:

Marseille im Film
Kurzvorstellung von Sarkis als Musiker, Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 51min42sek

Schließlich, in der Schlussszene, bringen drei Transporteure einen Yahama-Flügel erst mit einem offenen Lieferwagen mit der Aufschrift France Pianos und dann beschwerlich zu Fuß an Sarkis Wohnort:

Marseille im Film
Klaviertransport durch Marseille; Screenshot aus La vie est tranquille (2000);© Agat Films & Cie, (2000); 2h2min14sek

Fraglich bleibt, woher das große Geld für den Flügel gekommen ist. Wer waren die Gönner? Ob der schwerkriminelle Gérard seine Finger im Spiel hatte? Diese beantwortet der Film nicht, doch das passt ja zum Traumhaften, das ein Aufstieg möglich ist, gerade wenn eine Gemeinschaft sich nicht nur zum Zuhören versammelt, sondern (vermutlich) auch mit größeren Geldspenden Karrieren ermöglicht. Die letztes Szene des Films zeigt, wie die Zuhörer nun näher an Sarkis herangetreten sind, was natürlich auch eine gewisse Empathie zum Musiker und zum Kunst-Werk, nämlich der Interpretation von Musikstücks (hier u.a.: der Klavierfassung des Chorals Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach und dem Türkischen Marsch aus Mozarts 11. Klaviersonate) signalisiert:

Marseille im Film
Sarkis musiziert am Flügel; Screenshot aus La Vie est tranquille (2000); © Agat Films & Cie, 2h3min39sek

Was ich an Guédiguians Kino schätze, ist der Kontext, der auch politische Debatten nicht auslässt. Sehr eindrücklich werden in diesem Film der Jahrtausendwende auch rechtsextreme Gesinnungen in der Gesellschaft deutlich, die scheinbar gar nicht radikal klingen. Eine Szene beinhaltet eine Informationsveranstaltung einer nicht näher benannten Partei bzw. Bewegung, bei der die Zuschauer u.a. mit der Frage nach Identitäten (regional, national) und nach (nationalen) Präferenzen konfrontiert werden. Der Redner bezieht das Publikum mit Hilfe einer Analogie ein, die da heißt: Wenn der eigene Ehemann naturgemäß gegenüber anderen Männern bevorzugt wird, sind auch die Franzosen gegenüber den Ausländern zu bevorzugen. Der Slogan „X comes first“ führte gut ein Jahrzehnt später zu großen politischen Erfolgen, wobei X für viele Länder steht, in denen die eigene Bevölkerung gegenüber Ausländern (deutlich mehr) Privilegien erhalten sollen, wenn man diesen fragwürdigen Gesinnungen folgt.

In La ville est tranquille ist die erfolgreichste Person ein junges Einwandererkind mit viel Potenzial, während die Einheimischen unglücklich und teils auch mörderisch agieren. So ist die Welt ein unabdingbarer Bestandteil in der (temporären) (Welt-)gemeinschaft. Erfolg lässt sich eben nicht ausschließlich über lokale bzw. regionale oder staatliche Strukturen aufbauen. Ein starkes Zeichen, auch noch ein gutes Vierteljahrhundert später.

In der lesenswerten Monografie wird der Film ab Seite 265 besprochen; die Zitate stehen auf den Seiten 271 und 279.