Ich kann mir kaum vorstellen, dass der vergleichsweise unbekannte Musiker Dardust damit rechnen konnte, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beauftragt worden zu sein, eine offizielle Olympia-Hymne für Winterspiele in Milano-Cortina zu komponieren, selbst wenn er in Italien am Klavier Starkult genießt. Seine Fantasia Italiana sprengt mit gut zwölf Minuten jegliche Poplied-Grenzen und ist daher eine mutige Komposition. Kein Wunder, dass ich bei keiner Liveübertraung der Olympischen Spiele die ganze Fantasie gehört habe, sondern nur das „Gran Finale“ von etwa zwei Minuten Länge, das stets bei der Siegerehrung als deutliche wahrnehmbare Begleitmusik zu hören war.
In einem auf Italienisch geführten Interview (mit englischen Untertiteln) spricht er über das Anliegen, ganz unterschiedliche Stilrichtungen (eindeutig erkennbar: Weltmusik, Tanzmusik, Filmmusik, Electro-Popmusik, klassische Musik) in seine Fantasie, die ja keine strenge Formvorschriften kennt, einfließen zu lassen. Im Grunde sind es ineinander übergehende Versatzstücke, die keinen Hörgenuss ermöglichen, wohl aber die komplexe Forderung erfüllen sollen, mit einem stark variierten Motiv aus fünf Noten auch symbolisch alle fünf Erdteile in Verbindung zu bringen. Sein Anspruch, dass auch noch in vielen Jahren das Hauptmotiv im Kopf bleiben wird, könnte sich erfüllen. Mir bleibt es jedenfalls noch nach Monaten im Kopf.
Man wird die Fantasie wohl nie mehr live hören, doch würde es sich lohnen, sich einmal musikwissenschaftlich der Komposition zu nähern. Mir fällt spontan der Begriff „Postmoderne“ ein, die ja auch für das Disparate steht, was nur schwer in Einklang zu bringen ist, doch die kompositorische Anordnung führt zu einer gewissen Synthese einer großen Idee, wenn ein Leitmotiv aufscheint. Heutige Hörgewohnheiten brauchen eine eindeutige Orientierung: So war es eine kluge Entscheidung, die letzten zwei Minuten der Fantasie quasi herauszuschälen, um sie für eine Art olympischen Triumphmarsch zu verwenden, die immer dann eingespielt wurde, wenn ersten drei Sportler bzw. Teams den Gang zum Siegertreppchen antraten. Dezenter Trommelwirbel in Kombination mit einem imposanten Klangvolumen von Streichern erleichtert das Hören und transportiert etwas Erhabenes, Feierliches, Bewegendes. Das ist in meinen Augen eine große Leistung von Dardust, der bürgerlich Dario Faini heißt und kurz nach den Olympischen Spielen in Milano-Cortina 50 Jahre alt wurde.
Man müsste einmal untersuchen, ob je in Olympiaübertragungen im deutschen Fernsehen etwas Ausführliches über Dardusts Musik gesagt wurde. Trotzdem ist seine Musik bereits millionenfach angeklickt gehört worden. Nicht so bei seiner Fantasie: Auf der offiziellen Youtube-Seite Milano Cortina 2026 wurde (Stand: Juni 2026) sie nur knapp 25000 Mal aufgerufen, das zu Anfang der Fantasie erklingende Hauptthema (Main Theme) weniger als 5000mal und das „Gran Finale“ nur knapp 6000mal. Wie kann das sein? Das Argument, es handele sich um allzu schwer zugängliche Musik, verfängt hier nicht. Womöglich brauchen diese Klänge dazu passende (Triumph-)Bilder – rein konzertant (in Analogie zur Möglichkeit, Opernmusik ohne Bühnenbild und Handlung vorzutragen) ist sie nicht für die meisten Hörer nur unzureichend vermittelbar. Es ist, so meine ich, eben eine veritable Begleitmusik, die einen besonderen Handlungsmoment benötigt. Das wäre bei einem Hit nicht der Fall. Auf jeden Fall freut es mich, dass das IOC offensichtlich nicht einem Mainstream-Geschmack gefolgt ist. Festzuhalten bleibt auch, dass die Fantasia Italiana das Ausrichterland und zugleich die Welt im Auge behält. Und so wird das Ergebnis auf jeden Fall olympiatauglich, ohne massentauglich zu sein!
Zu sehen ist Dardust übrigens bei einer Tanzvorführung auf der Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele. Immerhin hat BR Klassik etwas ausführlicher über die Fantasie berichtet, die als „Hommage an Italien“ bezeichnet wird. Angeblich wurde das Musikstück auch zu anderen olympischen Ritualen (z.B. dem Fahneneid) eingespielt. Mit seinem 2024 erschienenen Album Urban Impressionism ist er dieses Jahr auf Tour, meist in Italien.