Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu einem Tatort einen Artikel schreiben würde. Nun, die Fügung wollte, dass mein Osterspaziergang im heimischen Essen durch eine Straße führte, in dem eine Tatort-Folge aus dem Jahre 1978 gedreht wurde. Das erfuhr ist, als ich deutlich hörbar den auffälligen Fassadenschmuck mitten in einer Häuserzeile wohnte; Gäste des Hausherren gaben das Lob weiter, worauf sich dann der Hausherr persönlich vor die Eingangstür gesellte und sogleich vom Feinkosthändler berichtete. Dieser ist der Protagonist des gleichnamigen Krimis, in dem die Straße Stiftsmühlenbrink mitsamt der Häuserzeile eindeutig erkennbar ist.

Ästhetischer Kommentar: Das „sah hier ja aus wie“ in der ehemaligen DDR. Ja, ganz klar…Die Bundesrepublik vor etwa 50 Jahren war alles andere als herausgeputzt, vor allem nicht im Ruhrgebiet. Viel bekommt man in diesem Tatort davon nicht mit, gerade auch weil der Fernsehzuschauer nur mit Spezialwissen erkennen kann, wo die Handlung spielt. Der Hauptschauplatz, nämlich das Feinkostgeschäft, befand sich überdies in Oberschleißheim bei München, so dass der Ortswechsel nach Essen von der Handlungslogik sich nicht hätte begründen lassen können. Filmproduktionstechnisch gesehen gibt es natürlich eine Erklärung, denn die tonangebende Rundfunkanstalt war der WDR und die Produktionsfirma die Bavaria Atelier GmbH, so dass hier gewisse Ressourcen aufgeteilt wurden.

Der Kriminalfall soll nur kurz skizziert werden: Der Feinkosthändler hat eine ihm, vorsichtig ausgedrückt, sehr zugeneigte Kundin namens Frau Böhmer, in deren Haus sich der Kaufmannssohn Andreas und die junge Mitarbeiterein Birgit (Biggi)  zur Schäferstunde treffen (Zugang erhalten sie durch einen Schlüssel, die die Kundin bei ihrer Putzfrau, Biggis Mutter, hinterließ). Als die beiden in flagranti erwischt werden, haut der Sohnemann der geschätzten (und wohl auch geliebten) Kundin eins über die Rübe, und zwar mit tödlichem Ausgang.

Zum Schluss möchte der Kaufmannssohn sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln von der Essener Magarethenhöhe absetzen, während der Vater ihn beschützen und Biggi im Lager erledigen will. Doch Kommissar Haferkamp observiert Andreas,  spürt ihn am Essener Hauptbahnhof noch gerade rechtzeitig beim Einsteigen in einen Regionalzug auf und stellt ihn während der Fahrt. Mangels Funk- und Telefonverbindung zieht der Kommissar die Notbremse. Die Polizei trifft schließlich noch rechtzeitig ein, um Wevers Mordpläne zu vereiteln, auch dank guter Observierung durch Haferkamps Assistenten….

Fluchtfahrt (Tatort)
Andreas‘ Fluchtversuch, hier im Bus kurz vor dem Essener Hauptbahnhof (mit der 2013 abgerissenen AEG-Zentrale aus den 1950er Jahren);
Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978,1h12min21sek)

Wenn ich über diesen gut gemachten Krimi nachdenke, muss ich an das Subversive denken, das die Handlung kennzeichnet. Heute wäre es sicher eine solche Beziehung nichts Anstößiges; man müsste sich nicht in eine fremde Wohnung geben, was ja auch auch schon unerhört ist.  Auch dass den Ermittlern der Mord am heiligen Sonntag bekannt wird (man hört während des Gottesdienst Blaulicht), zeigt, wie die Ordnung im bürgerlichen Leben von innen zerstört wird. Es gibt keine Bedrohung von außen, sondern nur aus dem familiären Umfeld heraus.

Sehr eindringlich werden im Krimi gleich drei Schauplätze Essens für mehr als nur wenige Sekunden gezeigt: Essen-Rellinghausen, die Magarethenhöhe und der Hauptbahnhof. Rellinghausen ist der Schauplatz für eine buchstäbliche Kehrtwende von Wever: Erst möchte er seinen Sohn verstoßen, wofür dessen erzwungenes Aussteigen steht, doch just an der großen, mir sehr vertrauten Kreuzung an der Ruhr (mit der B227) dreht er seinen Lieferwagen in der Geradeaus-Spur nach Essen Überruhr und fängt seinen Sohn wieder ein. Kurz darauf besprechen sich die beiden in der bereits erwähnten Straße Stiftsmühlenbrink.

Stiftsmühlenbrink (Tatort)
Damals düster wirkende Straße Stiftmühlenbrink in Essen-Rellinghausen, wo Wever und sein Sohn sich in einer Hofeinfahrt besprechen,
Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978,48min55sek)

Die Mintarder Ruhrtalbrücke, Deutschlands längste Autobahnbrücke vor den Toren der Stadt, ist übrigens auch Kulisse für einen Sonntagsspaziergang von Haferkamp und seiner Frau. Man würde nun wirklich annehmen, dass das Feinkostgeschäft sich in Essen befindet, doch womöglich war die Warenauswahl und die Produktpräsentation nicht ganz so vorzeigbar, siehe der Riesenbrezel….

Feinkostladen (Tatort)
Wevers Sicht auf seinen Feinkostenladen und auf die Kassiererin Birgit,
Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978, 1h11min45sek)
Der Feinkosthändler
Wevers Kontroll-Blick herab auf das Geschehen im Feinkostenladen
Der Feinkosthändler (WDR / Bavaria Atelier GmbH, 1978, 1h11min41sek)

Bekannteste Schauspielerin ist aus heutiger Sicht Marie-Luise Millowitsch, Tochter von Willy Millowitsch. Dem Regisseur Hajo Gies ist Kommissar Schimanski zu verdanken….Und Hansjörg Fellmy spielte in 20 Tatort-Folgen den Kommissar Haferkamp. Diese 91. Tatort-Folge lässt sich hier anschauen. Weitere Infos zu der Folge finden sich auf einer Fan-Seite; ein privater Blog versucht sich an einer gesellschaftskritischen Interpretation.