Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Schlagwort: Tony Cragg

Der Pilgerweg als Kunstweg

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Im April habe ich nach mehreren Anläufen an einer Wanderung unter dem Motto „Pilgern am Purple Path“ teilgenommen. Eindeutig ist dieses Format auch eine Reminiszenz an das Kulturhauptstadtjahr 2025, in dem der Purple Path als Kunstpfad rund um Chemnitz ausgeflaggt wurde. Das Ergebnis sind (neu) zu entdeckende Skulpturen am Wegesrand. Die beiden in und um Chemnitz wirkenden Pilgerbegleiter Ina Wild und Rainer Zuk fassten den grandiosen Entschluss, das eine, also das Pilgern, mit dem anderen, einer Kunstbetrachtung zu verbinden.

Pilgern auf dem Purple Path
Digitale Ankündigung der Pilgertour im April 2026

So war ich gar nicht überrascht, dass als Treffpunkt der mit über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr gut nachgefragten Wanderung  die Schneeberger Sankt Wolfgang-Kirche mit dem berühmten Lucas-Cranach-Altar genauer ins Visier genommen wurde. Ina Wild verteilte dazu kleine Spiegel, mit denen das Bauwerk im wahrsten Sinne des Wortes reflektiert werden konnte. Lichteinfälle, die man sonst nicht oder kaum wahrnimmt, konnten somit vor dem Auge aufscheinen.

Auch das Auditive kam in Verbindung mit Orgelspiel und Liedgesang zu Geltung, bevor es draußen direkt zur Skulptur Coin Stack von Sean Scully ging. Das Thema Geld wird hier subtil auf einer historischen und zugleich autobiografischen Ebene beleuchtet. Für mich wird hier schön das Motiv des Sparens dargestellt, das ja auch eine Art des Zusammenlegens und Akkumulierens im physischen Sinne bedeutete, bevor es so etwas wie Plastikgeld gab. Wenn man bedenkt, dass Schneeberg an der Silberstraße liegt, dann sind Edelmetallgewinnung und Geld untrennbar miteinander verbunden. Im Französischen ist argent das Wort für Geld und Silber zugleich: Früher hatte Geld anders als heute auch einen hohen materiellen Wert, so dass ein Münzstapel durchaus Kapital im doppelten Sinne darstelle, vor allem wenn er von den Silber-Bergleuten aufgeschichtet wurde.

Nachfolgend wanderten wir über den Gleesberg (mit einer Berggaststätte am höchsten Punkt, die bei schönem Wetter am Wochenende nachmittags geöffnet hat; am besten vorher unter 03772 / 22453 sich nach den Öffnungszeiten erkundigen!) in Richtung Floßgraben, der viele Kilometer lang in der vorindustriellen Zeit als eine Art Lieferkanal (Brenn-)Holz führte. Der Weg eignet sich gut, um gleichmäßigen Schrittes Impulse aus der Natur wahrzunehmen. Apropos Impuls: Kurz vor Niederschlema konnten wir unsere Füße in den Graben halten und sie sanft kühlen, bevor es zu einem sehr idyllischen Picknickplatz ging, an dem wir Rast einlegen und unsere mitgebrachten Speisen teilen konnten. Mich befiel während des anschließenden Impulses in der Evangelischen Kirche zu Niederschlema eine gewisse Müdigkeit; das einrahmende Orgelspiel verleitete mich zu einem kurzen Exkurs in Welten, die keine Geografie kennen – einige, für Orgel bearbeitete Takte aus Dvořáks Sinfonie aus der neuen Welt trugen dazu bei.

Floßmühlengraben
Beschauliche Wanderung am Floßgraben zwischen Aue und Bad Schlema (Foto: Thomas Edeling)

Durchs Schlematal zogen wir zum gerade für die Landesgartenschau 2027 hergerichteten Kurpark von Bad Schlema, der vor den 1940er Jahren sicher ähnlich schön ausgesehen haben musste, bis die Landschaft einige Jahrzehnte dem Uranbergbau unterworfen wurde. Tony Craggs Skulptur „Stack“ erinnert an die Verwerfungen der Landschaft, die durch menschgemachte Erdbewegungen buchstäblich deformiert wurde.

Pilgerbegleiter
Rainer Zuk und Ina Wild vor Tony Craggs Stack (Foto: Rainer Zuk)

Nur noch wenige Hundert Meter; dann war Schneeberg wieder erreicht. In der Konditorei Willert (Ritterstraße) ließen wir uns nieder und unterhielten uns noch munter bis zur Schließzeit um 17 Uhr, bis ich erfüllt von dieser Pilgertour den Heimweg antrat.

Vielen Dank an die Organisatoren Ina Wild und Rainer Zuk, die sich für auch  den Sächsischen Jakobsweg stark machen. Eine weitere Pilgertour wird von Hohndorf / Erzgebirge am 30.05. um 9. 30 Uhr angeboten.

„Points of View“ – Gedanken zu einer Skulpturengruppe von Tony Cragg

Ein fünfminütiger WDR-Beitrag in der Reihe Westart aus dem Jahr 2009 sollte als Inspiration ausreichen, um sich auf den Weg zum Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zu begeben, der vom britischen Künstler  Tony Cragg zu Anfang des 21. Jahrhunderts entworfen wurde. Die denkmalgeschützte Immobilie, eine ehemalige Fabrikantenvilla, beherbergt nun die Cragg Foundation. Wie genau ich zum ersten Mal von diesem paradiesischen Kleinod hört, weiß ich nicht mehr. Im August 2021 suchte ich diesen Ort zum zweiten Mal auf, um eine Sonderausstellung zu Heinz Mack anzuschauen, dessen Werk zusammen mit Arbeiten anderer Künstler den Waldkosmos von Cragg noch weiter anreichert. 

In Erinnerung wird am Rande einer weiteren Cragg-Skulpur ( „Ever after“ ) ein kurzer Dialog bleiben, der von einer Besucherin ausging, von der ich mitsamt ihrem Begleiter ein Foto machen sollte:

Besucherin: „Haben Sie einen Augenblick Zeit für uns?“

Ich: „Ja.“

Besucherin: „Ich würde Sie gern interviewen. Nein, das war nur ein Spaß. Würden Sie uns fotografieren? Das ist zwar nicht die Traumskulptur…“

Ich: „…Aber mit Ihnen gewinnt die Skulptur an Wert.“

Solche kurzen Szenen sind manchmal genauso so geistreich wie Kunstwerke; sie drücken die Auseinandersetzung mit dem wahrgenommenen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt auf originelle und ganz und gar erfrischende Weise aus. In einer Welt, die durch Selfies noch stärker auf das Ich verweist und das Gegenüber so gut wie vollständig ausblendet, ist dies eine Begebenheit, die auch etwas Berührendes hat. Tony Cragg hätte hier wohl auch geschmunzelt. Ich merkte bei meinem neuerlichen Besuch, dass die Besucher um mich herum sich aufgeschlossen auf den Park einließen, darin verweilten und sich mit dem mitunter schwer Zugänglichen beschäftigten. Auch für Familien ist dieser Ort etwas Wunderbares.

Die im Beitrag gezeigte Skulpturengruppe mit dem schönen Titel Points of View fiel mir schon bei meinem ersten Besuch 2012 auf. Kurioserweise sind sie nach meinem zweiten Besuch um eine zweite Assoziation reicher, nachdem ich wenige Tag später zum ersten Mal das Wort Triell vernahm. Dieses Fernsehformat anlässlich der Bundestagswahl 2021 benötigt drei Kandidaten mit drei Standpunkten, so wie auch die drei Bestandteile der Skulpturengruppe Standpunkte vertreten könnten:

Points of View
Tony Cragg: Points of View (2002)

Ob den Triellen etwas mehr rhetorische Ausdruckskraft fehlte? Hierüber ist es wohl müßig nachzudenken, da Rhetorik als ausgefeilte Redekunst in derlei Fernsehformaten nicht an erster Stelle steht. Das häufige Wiederholen von bereits geäußerten Standpunkten macht es geradezu unmöglich, innovative Wortbeiträge abzugeben, unabhängig vom politischen Spektrum.

Die fließenden Konturen von den Points of View, die sich kühn in die Höhe ranken, haben etwas Erhabenes und gleichzeitig auch etwas Verspieltes. Ihnen ist das Perspektivische eingeschrieben, da von jedem anderen Blickwinkel diese Skulpturen etwas neu zu Erfassendes bieten.  Jede Ausrichtung birgt Überraschungspotenzial, da man keine frontale Beobachterposition einnehmen kann. In meinem Winkel sind nicht alle drei Einzelskulpturen gleichermaßen sichtbar, was natürlich nicht beabsichtigt war. Und doch trifft dies auf eine gewöhnliche Beobachtung zu: Man hat kaum drei oder mehr Perspektiven im Blick, sondern maximal Pro und Contra. Dass oft noch weitere Standpunkte dazukommen, wird oft vernachlässigt.

Tony Cragg wird Wuppertal wohl zeit seines Lebens nicht mehr los. Gut so. Wenn man seinen „Waldfrieden“ gesehen hat, wird man auch die Enge von Wuppertal mit (horizont-)erweiternden Perspektiven gesehen haben. 

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