Im Schleudergang

Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Der Graf und sein Schattenbild: Über Harry Graf Kessler (1868-1937)

„Kaum einer seiner Tage vergeht ohne Premiere, mondänes Frühstück, Vernissage oder Souper.“ Was denkt der Leser einer Biografie über solch einen Satz? Da muss jemand ganz schön abgefahren sein. In der Tat: Der Historiker Peter Grupp schreibt schonungslos über den Intellektuellen Harry Graf Kessler. Über einen Mann, der wie kaum ein anderer die Widersprüche der deutschen Geschichte zwischen 1870 und 1940 in sich vereint. Wenn man über ihn liest, wird man verstehen, dass selbst die ambitioniertesten Menschen mit außergewöhnlich hoher Bildung und kosmopolitischer Weitsicht mehrfach scheitern können, und zwar gewaltig. Ein Biograf hat nun mal die Aufgabe, auch über die Schattenseiten zu schreiben, nicht nur über Glanzlichter eines Lebens. Das tut mitunter weh, gerade wenn man an (künstlerische) Lebensläufe denkt, die glänzend darstellen (müssen).

Harry Graf Kesslers Tagebücher, die sich über fast einen Zeitraum von sechs Jahrzehnten abdecken, fielen mir schon bei meinem Großvater auf; dann las ich einige Bemerkungen über ihn in Julien Greens Tagebüchern; schließlich begegneten mir sie erneut in einer Weimarer Villa von Henry van de Velde, die noch nicht allzu lange für die Öffentlichkeit zugänglich ist (Haus Hohe Pappeln). Stets war ich angetan von Kesslers Kunst der Beobachtung. Und doch lehrt einem die Biografie: Intrigen, Beleidigungen und Spott waren Kessler nicht fremd. Er trat gerne nach, obwohl er lange ein Netz-Werk (14000 Kontakte an 4000 Orten sind belegt!) pflegte, um das ihn viele noch heute beneiden würden; er schacherte nach Posten, die er überhaupt nicht brauchte. Doch: Sein Machtinstinkt verlangte danach. Im Sinne einer Meinungsführerschaft, weniger einer politischen Führung. Oft hatte bei ihm das Ästhetische, zum Beispiel sein prestigeträchtiger Verlag Cranach-Presse, Vorrang vor dem Politischen. Das eine hatte mit dem anderen bei Kessler wenig zu tun: Seine Druckkunst war einer winzigen Elite vorbehalten. Leider gingen im 2. Weltkrieg viele wertvolle Materialien aus der Potsdamer Werkstatt verloren.

Es ist schwer zu verstehen, warum ein finanziell abgesicherter Mensch wie Kessler Kopf und Kragen riskierte und seinem Ruf schweren Schaden zufügte. Lag es am allzu hohen Ehrgeiz, der durch das häufige Scheitern eher noch angetrieben wurde? Eine Biografie holt eben noch mehr hervor, als der dargestellten Person lieb gewesen wäre. Zum Glück nicht so viel, dass der Glanz-Lack ab wäre. Kein Autor kann rütteln am „Amalgam aus Weltfülle und Zeitdiagnose, das Kesslers Journal zu einem einzigartigen Kaleidoskop macht für seine Epoche der Umbrüche und Paradoxien“, wie Oliver Pfohlmann im Deutschlandfunk meint und den Tagebuchschreiber nicht gerade charmant, doch anerkennend als „Treibhausgewächs“ und als „Videokamera auf zwei Beinen“ beschreibt (siehe Link). Ab dem 20.04.2019 wird nun das gesamte neunbändige Tagebuch im Klett-Cotta-Verlag erhältlich sein. Die wenigsten werden es kaufen, selbst wenn es irgendwann antiquarisch für weniger als 473 Euro (Neupreis) zu haben sein wird. Angeblich arbeitet das Marbacher Literaturarchiv an einer Online-Edition. Ein lohnenswertes Unterfangen, denn klar ist: Harry Graf Kessler gewährte mit seinen Tagebüchern schonungslose Einblicke in die „High Society“, deren Fragwürdigkeit wohl über alle Gesellschaftsformen hinweg zeitlos bleiben wird.

Zum Nachlesen:

Peter Grupp: Harry Graf Kessler. 1868-1937. Eine Biografie. C.H.Beck 1995 (später im Insel-Verlag nachgedruckt). Eine damalige kurze Rezension findet sich im Spiegel-Archiv.

Hier geht es zur Tagebuch-Edition von Klett-Cotta.

Aktuelle und äußerst kurzweilige Informationen über Harry Graf Kessler liefert der Deutschlandfunk in der Sendung Büchermarkt vom 20.01.2019.

Die doppelte Biederkeit. Eindrücke aus dem Robert-Schumann-Haus in Zwickau

Der biederste Ort, den ich kenne, steht in Sichtweite meines Bürofensters mitten in Zwickau. Es ist das Robert-Schumann-Haus. Klar, das im Originalzustand erhaltene Gebäude stammt aus der Zeit des Biedermeier, ebenso wie – zumindest teilweise – Robert Schumanns Musik. Doch eine Musik vermag es viel mehr als Architektur, sich von ihrem Zeitgeist zu lösen. Sie lässt die Zukunft erahnen, etwas was in keine (Musik-)Geschichtsschreibung so richtig passt.

Die Polonaisen für Klavier zu vier Händen, die ich am 03.06.2018 im Zwickauer Schumann-Haus hörte, sind also keineswegs bieder. Nein, es ist das Ambiente, das kaum biederer sein kann, und das ist beileibe nicht nur der Architektur des 19. Jahrhunderts geschuldet.

Es ist vor allem das dünn gestreute Publikum:  Der extrem hohe Altersdurchschnitt – so wirkte es für mich jedenfalls, ist das eine, das andere die Merk-Würdigkeit, dass ein älterer Herr just beim Abgang der Künstler als Autogramm-Jäger ohne Taktgefühl auf die Bühne sprang und erfolglos etwas begehrte, was am besten auf dezente Art erhältlich ist. Kurz zuvor wurden, ohne Vorstellung von richtigem Timing, zwei junge Kinder vorgeschickt, um den Künstlern ein Buch- und Blumengeschenk überreichen. Die armen Kinder! Sie konnten hier einfach keine bella figura machen.

Zuvor war der durchaus gelungene Klaviervortrag im Pausengespräch völlig ins Abseits geraten. Ich trat aus dem düsteren Foyer ins sommerlich strahlende Freie und hörte zugleich hinter meinem Rücken einen Gast sagen: „Das ist Zwickau!“ Da musste ich mich umdrehen – quasi ins Gespräch hineingrätschen – und fragen: „Was ist mit der Stadt?“ Lapidare Antwort: „Ich weiß es auch nicht!“. Was dann folgte, war eine Abrechnung mit den Mitarbeitern im Robert-Schumann-Haus, die sich gewaschen hat. Man fühle sich hier wie „auf dem Dorf“; die von mir angesprochene, dargebrachte musikalische Fantasie würde nicht auf die Menschen überspringen, der Hausherr ohne passenden Anzug würde „wie auf dem Campingplatz“ herumspringen. Ja, das Verb „springen“ kam zweimal in unterschiedlichen Ausprägungen vor.  

Es stellte sich heraus, dass hier kein „Wessi“ sprach, sondern ein Bürger aus der „sterbenden“ Stadt Aue, ca. 30 km südlich von Zwickau. Seine Gattin war im Ton etwas konzilianter, zumindest als ich entgegnete, dass man doch mit Ironie, Humor und Leichtigkeit gut in Zwickau zurechtkommen könnte. Da konnte sie nicht widersprechen.

Die Suada entzündete sich wohl daran, dass es keine Häppchen und keine Getränke gab. Eine Konvention, die nun mal das Schumann-Haus auch mal über den Haufen wirft. Das spricht nicht unbedingt für Biederkeit. Doppelt bieder erschien mir im Umkehrschluss die Tatsache, dass am Rande des jährlich stattfindenden „Robert-Schumann-Festes“ solche Töne angeschlagen werden. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man das Geschehen rund um die Musik anderswo noch mieser bewerten kann. Und dabei hörte ich sicher keine Ausnahme, es war einfach eine Kostprobe, wie in unserem Lande vom Leder gezogen wird. Man muss ein bieder wirkendes Haus ja nicht in höchsten Tönen loben, doch Kulturschaffende haben so eine Tonlage einfach nicht verdient.

Ich muss an Thomas Bernhards Holzfällen denken, wo der Erzähler gemütlich im Foyer unweit einer Festgesellschaft in seinem Ohrensessel vom Leder zieht. Ja, das ist genau die Art des Verschanzens, um Salven unentdeckt abzufeuern, ohne damit eine Wirkung auf der anderen Seite zu bewirken. Einfach mal stoßfeuern, könnte man sagen. Es ist erschreckend, dass kleine Petitessen gleich so aufgeblasen werden. Wir leben in dieser Sicht in einem Land der Extreme: Entweder wird alles in den Himmel hoch gelobt, oder es wird abgrundtief gestänkert! Dazwischen gibt es noch allerlei Varianten. Vor allem auch welche, die alles anderes als bieder klingen. 

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