Ein besonderes Refugium : Über Schloss Waldenburg in Sachsen

Jedes Gebäude und jeder Ort hat seine eigene Historie; Schicksale und glückliche Fügungen sind niemals in ihrer Gänze zu überblicken. Und doch lässt sich besonders gut in die Geschichte eintauchen, wenn Spuren und Hinterlassenschaften sichtbar sind.  

Schloss Waldenburg, idyllisch im Muldetal eine halbe Autostunde nord-östlich von Zwickau gelegen, hat die Geschichte einen gnadenlosen Streich gespielt. Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg ließ es neu Mitte des 19. Jahrhunderts neu errichten, nachdem die seit dem 12. Jahrhundert nachweisbaren Vorgängerbauten zerstört bzw. abgebrannt waren.  Sein Sohn, Otto Victor II., veranlasste Anfang des 20. Jahrhunderts mit der damals verfügbaren modernsten Technik den Umbau und steigerte durch den Zukauf wertvoller Gegenstände die Pracht des Hauses. Der Hausherr fiel bedauerlicherweise im Ersten Weltkrieg und konnte sein Anwesen nur wenige Monate genießen.  

Schloss Waldenburg
Vorderansicht von Schloss Waldenburg

Die Geschichte hat Schloss Waldenburg, idyllisch im Muldetal eine halbe Autostunde nord-östlich von Zwickau gelegen, immer wieder auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Hierzu nur einige Details: Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg ließ es Mitte des 19. Jahrhunderts neu errichten, da es zur damaligen Bürgerlichen Revolution komplett abgebrannt war. Bereits im 12. Jahrhundert begann die Geschichte von Schloss Waldenburg, damals noch als Burg. Die Burg sowie nachfolgende drei Schlösser waren allerdings auch abgebrannt, zuletzt 1848. Otto Victor II. veranlasste Anfang des 20. Jahrhunderts mit der damals verfügbaren modernsten Technik den Umbau (Einbau von zentraler Heizung, Be- und Entlüftungsanlage, zentraler Staubsauger, Telefonanlage, Personen- und Speiseaufzug) und steigerte durch den Zukauf wertvoller Gegenstände die Pracht des Hauses. Der Hausherr fiel bedauerlicherweise im Ersten Weltkrieg und konnte sein Anwesen nur wenige Jahre genießen. Heute, kann man sagen, steht das Schloss glänzend da; es hat die Zeitläufte mehr als nur gut überstanden.

Ganz sicher: Ein typisches Museum ist Schloss Waldenburg nicht, denn es ist in seiner aktuellen Ausstattung besonders originell:  Viele Zimmer entsprechen immer noch dem Zustand zur Zeit der Fürsten, obwohl das Schloss 50 Jahre lang als Klinik genutzt wurde. Das prunkvolle Originalmobiliar wurde zwar nach dem 2. Weltkrieg geplündert bzw. existiert teilweise noch an anderen Orten. Die Eigentumsverhältnisse haben sich über die Zeit leider geändert. Trotzdem versprühen die prachtvollen Zimmer noch heute den Charme fürstlicher Zeiten, ohne opulent zu wirken.  

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss enteignet, was aus heutiger Sicht zu erwarten war. Dass es noch vor der Gründung der DDR zu einer Lungen- und Tuberkuloseheilanstalt umfunktioniert wurde, überrascht hingegen schon. Die für die neuen Machthaber ideologisch verhassten Räumlichkeiten wurden eigentlich geschätzt, denn wo im Umkreis hätte man geräumiger Patienten behandeln können? Eine Immobilie des Adels, die sich nun als nützlich erwies. Man könnte sagen: Ironie des Schicksals! Die Bibliothek wurde zum Chefarztzimmer, die prächtigen Säle zu Speisesälen. Eigentlich kein großes Unterfangen. Bis Ende der 1990er Jahre musste das Schloss sich bewährt haben; erst dann machten neue (Hygiene-)Vorschriften einen Weiterbetrieb unmöglich.

Als ich am Vatertag 2020 durch die Räumlichkeiten geführt wurde, ahnte ich schon, dass durch die Zimmerfluchten der Wind der widerspenstigen Geschichte wie ein Gespenst wehte. Die Fotos können dies veranschaulichen:

Blauer Saal
Blauer Saal (früherer Zustand)
Blauer Saal
Blauer Saal (heutiger Zustand)

Und schließlich diente das Schloss auch als Kulisse: Dreharbeiten zu Wes Andersons The Grand Budapest Hotel fanden dort statt. Wer wohl das Schloss ausgekundschaftet haben mag? Diese Frage zu beantworten würde sicher einigen (Forschungs-)Aufwand bedeuten, doch eigentlich wäre dies müßig. Ich stelle mir diesen Job sehr zeitaufwendig vor, denn bei der Vielzahl der Schlösser sind Zufallstreffer eigentlich kaum zu erwarten. Dass ein US-amerikanischer Filmregisseur, der auf traumhafte Bilder in ästhetischer Vollkommenheit setzt, unter anderem das von Touristenmassen verschonte Schloss Waldenburg auserkoren hat, war eigentlich eine kluge Entscheidung, denn wenn ein größerer Teil des Publikums den fiktionalen Ort lokalisieren kann, dann kann dies wesentlich die Interpretation beeinflussen.

Film und Schloss Waldenburg
Dreharbeiten zu The Grand Budapest Hotel (Artikel aus der Bild-Zeitung vom 19.2.2013)

Insofern wurde Schloss Waldenburg als Schauplatz, ohne dass hier Feudales allzu sehr zum Tragen gekommen wäre: Ehemalige Patienten können aufgrund ihrer Erlebnisse vor Ort Dinge aufspüren, die weder ein Tourist noch ein Filmemacher je erkennen würde. Es geht hier nicht um einen Gedenk- oder Gedächtnisort, der oft auch eine gesellschaftspolitische Funktion hat, sondern um einen Ort zum Verweilen, der früher Hoffnung auf Heilung bot und heute Hoffnung auf Erholung bietet. Trotz der tragisch verlaufenen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bleibt mir das Prinzip Hoffnung im Kopf, wenn ich an Schloss Waldenburg denke. 

Schloss Waldenburg
Der Park von Schloss Waldenburg

Anmerkung: Das Schloss wurde als Filmkulisse durch die Listung des Schlosskomplexes Waldenburg im Location Guide der MDM Film Commission gefunden. Dort ist es seit November 2010 aufgeführt und stellt alle Spezifikationen (Fotogalerie, technische und räumliche Bedingungen) des Schlosses Waldenburg als Drehort umfangreich vor. Die Filmprojekte sind auf der Homepage aufgelistet.

Ich danke herzlich Anja Straube für einige redaktionelle Präzisierungen und für die Freigabe der Aufnahmen, die einen kleinen Eindruck der bewegten Geschichte von Schloss Waldenburg vermitteln sollen. Die Bildrechte liegen bis auf die Parkansicht (letztes Bild) beim Schloss Waldenburg (Tourismus und Sport GmbH) .

Seit Mai 2020 ist das Café Sweet Sophie geöffnet, das im Sommer auf einer herrlichen Terrasse einen Blick in den wunderschönen Park bietet, in dem der Besucher ein lauschiges Plätzchen finden kann. Der Name geht auf die musikalisch und kompositorisch aktive Fürstin Sophie von Waldenburg zurück, die ab 1914 auch Fürstin von Albanien war.   

In der Welt zu Hause? – Gedanken zum Kosmopolitismus

Im Mai 2020, als ein Verreisen kaum möglich war, stieß ich zufällig auf das Gedicht „Kosmopolit“ von Durs Grünbein. Negativer kann das Dasein eines reisenden Weltbürgers kaum in Worte gefasst werden. Insofern kann ein Cosmopolitan in den „Bars von Atlantis“ alles andere als genüsslich schmecken.  Zuvor heißt es bei Grünbein:

Dem Körper ist Zeit gestohlen, den Augen Ruhe.

Das genaue Wort verliert seinen Ort. Der Schwindel

Fliegt auf mit dem Tausch von Jenseits in Hier

In verschiedenen Religionen, mehreren Sprachen.   

Tausch ist eben auch ein Austausch, doch er klingt banaler und nüchterner. Eigentlich ist jeder Kulturinteressent vom Austauschgedanken beseelt; keine Kultur kommt ohne Austausch aus. Nun drängt sich der Slogan „Wandel durch Austausch“ auf, den der Deutsche Akademische Austauschdienst auf seine Fahnen geschrieben hat. Austausch klingt geistreicher als ein Tausch und wird gerade bei einer Bildungsreise großgeschrieben, während eine Dienstreise dafür oft weniger Gelegenheiten bietet und das Reiseziel eben oft kein Austauschort ist, sondern wahrhaftig eingetauschte Ortslosigkeit herrscht. Die jetzigen Zeiten in den Frühlings- und Sommermonaten 2020, wo deutlich weniger gereist werden kann bzw. sollte, geben Grünbeins Gedicht einen neuen Akzent. Wir haben definitiv mehr Ruhe und mehr Zeit erhalten, indem wir weniger reisen.

Als ich Ende Mai 2019 aus beruflichen Gründen am Flughafen Nizza weilte, dachte ich mir, dass das Reisen für viele nur noch ein Tausch-Geschäft von einer Region zu einer anderen ist. Ein scheinbar geist- und gesichtsloses Unterfangen; da kann die Côte d’Azur noch so schön sein. Man bekam schon einen Vorgeschmack auf die Hauptsaison. Beim Umsteigen in Zürich verzauberte ein amerikanischer Barpianist die Abflughalle mit seinen sanften Klängen, ohne dass viele wartende Fluggäste merklich davon begeistert gewesen wären. Ein Jahr später, wo Live-Musik und das Fliegen vorübergehend eine Rarität geworden ist, ist das Gefühl des Reisens ein Neues.  Zur Zeit scheint das Weltbürgertum, dessen Konzept von der Wert-Gleichheit aller Menschen bereits in der Antike erdacht wurde, einen besonders schweren Stand zu haben.

Ebenfalls im Mai hörte ich ein längeres Interview im Deutschlandfunk mit der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum über ihr Buch Kosmopolitismus. Revision eines Ideals. Das Buch lohnt sich zumindest in Auszügen, denn das Weltbürgertum lässt sich einfach nicht gewinnbringend einsetzen, selbst wenn es ein gewisses Ideal darstellt. Nussbaum möchte den Institutionen innerhalb von Nationen eine größere Bedeutung zumessen, was wiederum bedeutet, dass Nicht-Regierungsorganisationen, die international vernetzt sind, von diesen nationalen Bedingungen abhängig sein müssen. Die Quintessenz lautet:

Wir müssen noch sehr viel mehr über die Bedingungen lernen, unter denen ausländische Hilfe produktiv sein kann. Was wir jedoch nicht länger tun dürfen, ist, uns der Fantasievorstellung überlassen, dass unsere Pflichten sich durch Hilfe aus der Ferne auf eine Weise erfüllen lassen, die die Dinge real und dauerhaft verbessert, ohne dass es dabei zu einem strukturellen und institutionellen Wandel kommt.  

Es ist gewinnbringend, sich wirklich einmal lokale Strukturen anzuschauen, denn ein vernetztes Europa und Zusammenschlüsse großer Nationen sind nur dann von Vorteil, wenn Unterstützung materieller und ideeller Art auch auf fruchtbaren Boden fallen. Mit „Boden“ ist hier die untere Ebene gemeint, auf der Institutionen wie Rathäuser und Gemeindeverwaltungen tätig sind. Sie sind entscheidend bei der Fürsorge im kleinen Rahmen und nicht nur dann, wenn es vor Ort kriselt und brodelt. Ein Weltbürger ohne lokalen Halt ist ein übermutiger Überflieger, der die Bodenhaftung verliert.

Für Nussbaum ist der Begriff Kosmopolitismus zu „vage“, um damit vernünftig arbeiten zu können. Sie schlagt dagegen einen materialistischen globalen politischen Liberalismus vor,  der sich in einem „Fähigkeitenansatz“ äußert, „der sich auf die wesentlichen Freiheiten der Menschen konzentriert, sich für diejenigen Dinge zu entscheiden, die sie wertschätzen.“ Die genannten Fähigkeiten geben eine Antwort auf folgende Frage: „Was kannst du in Bereichen, die für dein Leben von Bedeutung sind, tun und sein?“ Eine Fähigkeit bezieht sich auf „Sinne, Fantasie und Denken“. In der Tat sollte es in jedem Land der Welt möglich sein, „Fantasie und Denken selbstbestimmt anzuwenden“. Wann wird dies Wirklichkeit? Ich kann mir das leider (noch) nicht vorstellen. Es braucht keine neuen Weltbürger, sondern Selbstbestimmung. Ein Geist lässt sich fremd bestimmen, doch dann ist es nicht mehr weit, bis die Unfreiheit einem wie Unkraut über den Kopf wächst.

Das Gedicht von Durs Grünbein ist ebenso online verfügbar wie das erwähnte Interview mit Martha Nussbaum im Original (mit schriftlicher Zusammenfassung auf Deutsch). Auch lässt sich ihr Buch gut über den wbg-Verlag als pdf-Dokument erwerben.




Zwischen Filmreife und Postkarten- tauglichkeit: Über eine Erzählung von Doris Dörrie

Bisher habe ich immer einen Bogen um Doris Dörrie und ihre Bücher gemacht. Das kann auch daran liegen, dass für ihr Werk die deplazierte Kategorie „Frauenliteratur“ verwendet wird, die man nicht ernst nehmen kann: Man stelle sich einmal vor, man würde seriös über Männerliteratur sprechen – die Lacher wären einem sicher!

Dörries Erzählung mit dem kitschig anmutenden Titel Der Mann meiner Träume fischte ich neulich aus der Zwickauer Stadtbibliothek. Es war ein guter Fang, denn nun weiß ich, dass Doris Dörrie das Multimediale erzählerisch vereint. Als Professorin für creative writing an der Hochschule für Film und Fernsehen in München schafft sie es wirklich, schreibend zu kreieren, und damit meine ich nicht nur Geschichten, sondern auch Stoff für Bilder, Filme, Tanz und Theater. Selten ist mir das so deutlich geworden wie in dieser Erzählung, in der tatsächlich eine ästhetische Postkarte die Handlung vorantreibt.

Das Fotomodel Antonia achtet am Rande einer Dienstreise in den riesigen Uffizien in Florenz erst im Souvenirbereich auf ein Gemälde, das als Postkartenmotiv abgedruckt ist. Es stammt von Sandro Botticelli und zeigt einen namentlich nicht bekannten Mann:


Sandro Botticelli: Porträt eines Mannes mit der Medaille Cosimos d. Ä. (ca. 1474)

Der abgebildete Herr fasziniert sie, weil es ihr scheint, dass er eben nicht völlig aus der Zeit gefallen ist, ein sympathischer, gut aussehender Mann eben.

Es war für Antonia unvorstellbar, dass er mehr als vor 500 Jahren gelebt haben sollte. (…) Er sah doch aus wie jemand, dem sie heute auf der Straße begegnen könnte, ein etwa dreißigjähriger linker Politologiedozent, ein Filmemacher vielleicht oder Journalist, ein Mann, dem sie nach dem ersten Espresso alles von sich erzählt hätte, ein schöner Mann, der sie verstand, der Mann ihrer Träume.

Antonia vergegenwärtigt sich diesen gar nicht so fremd erscheinenden Mann und imaginiert auf ihrem Hotelbett einen Dialog mit ihm:

Meine Mutter hat immer zu mir gesagt, die Liebe sei wie ein Sandsack, und jeder Mann, mit dem man ins Bett geht, macht ein Loch hinein, und jedesmal sickert ein bisschen mehr Sand aus dem Sack, bis am Ende nur eine leere, alte Hülle zurückbleibt. Meinst du, dass das stimmt?“ Ja, sagte, der Mann, aber manche haben einen größeren Sandsack als andere.“ „Danke“, sagte Antonia,
du bist der erste Mann, mit dem man wirklich reden kann.  

Zurück in München sieht sie an einem Kaufhauseingang einen „Penner“ , der in ihren Augen stark Botticellis Unbekanntem ähnelt. Da muss als Requisite nur noch eine auf der Postkarte unübersehbare rote Samtkappe und als Medaillenersatz ein mit Stanniolpapier umwickelter Schokoladentaler her, um mit einer im Kaufhaus auch erhältlichen Polaroidkamera das alte mit einem aktuellen Bildnis abzugleichen. Erst einige Tage später sieht sie jeden Johnny erneut vor einem Restaurant und zögert keinen Augenblick, ihn mit den beiden Requisiten auszustatten und zu knipsen.

Es war, als träte der Mann aus Florenz aus dem Nebel der Vergangenheit und Zukunft auf sie zu und mitten in ihr Leben hinein.

Johnny ist schlagkräftig: Er wähnt sich als Doppelgänger und verweist darauf, dass das geknipste Foto nach 500 Jahren im Müll wiederum Anlass für eine  Suchaktion sein könnte. So webt er sozusagen die Geschichte medial auf der  zeitlichen Achse weiter und schaut in seiner „Bettlerrolle“, die er annahm, um „dem Materialismus in den Hintern zu treten“, souverän hinter die Kulisse des Textes, die Fremdheitserfahrungen mehrdimensional durchleuchtet.  Das gemeinsame Wagnis, eine Reise nach Lima anzutreten, ist nur eine logische Selbstüberprüfung dieser Fremdheitserfahrung auf der räumlichen Achse. Antonia und Johnny eint der Wunsch, anders sein zu wollen, doch sie fliehen dabei vor dem eigenen entleerten Ich.  Dreimal darf man raten, ob die Reise zum ersehnten Liebesglück führt oder einfach nur eine große Desillusion ist….

Über die zweite Hälfte der Erzählung  soll weiter nichts verraten werden; einen Gedanke möchte ich jedoch noch fortspinnen. Der Mann meiner Träume wurde 1991 publiziert. Damals sprach noch keiner vom Internet und erst recht keiner von virtuellen Selbstinszenierungsplattformen wie Instagram. Heute wäre der doppelte Boden der Erzählung kaum noch einzuziehen, da wir durch die Bilderflut des Internets Bilder kaum noch abgleichen (können). Nicht wenige Menschen hinterlassen stets neue Bilder von sich in der virtuellen Welt. In der Tat kommt hier die Frage auf: Wie sehen wir unsere eigenen Bilder mit zeitlichem Abstand? Dank des guten alten Fotokartons sind wir ja oft verblüfft von Kindheits- oder Jugendfotos.  Wir können uns mit ihnen identifizieren. Bei geposteten Fotos ist dies nach einer bestimmten Zeit schon fraglich. Wie werden wir jedoch menschliche Wesen Instagram-Bilder gedanklich verarbeiten, die 500 Jahre auf Servern gelagert sind? Würden sie sich danach sehnen, eine Zeitreise anzutreten? Die Antwort liegt bekanntlich wie so viele in den Sternen oder im Reich der Fantasie, die für jede Geschichte unerlässlich ist.

So lässt sich ohne große Umschweife der Bogen spannen zu Dörries jüngstem Buch Lesen Schreiben Atmen. Eine Einladung zum Schreiben, in dem es ganz am Anfang heißt: 

Wir sind alle Geschichtenerzähler. Vielleicht macht uns das zu Menschen.

Das geschieht ohne festen Boden unter den Füßen, wie ganz am Schluss deutlich wird: 

Schreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat.

Die beiden Bücher von Doris Dörrie sind wie ihre anderen Bücher auch bei Diogenes erhältlich.

Dialog mit Abstand – Zu einer Skulptur von Christel Lechner

Am letzten Junisonntag 2019 sollte man eigentlich zu Hause bleiben. Natürlich noch längst nicht wegen einer gewissen Pandemie, sondern wegen einer brütenden Hitze. Das Thermometer zeigte Werte von über 35 Grad ein, fast deutschlandweit. Ich schonte mich bis auf ein paar Minuten, blieb aber nicht zu Hause: Den Zug nahm ich bis Flöha östlich von Chemnitz, um dann einige schattige Kilometer durchs Tal der Zschopau zu radeln. Ziel sollte das Schloss Lichtenwalde sein, das recht imposant über dem Tal thront. Und genau diese Minuten hoch zum Schloss waren in der Tat schweißtreibend; gewiss würde sich diese Mühe lohnen. Eigentlich war es eine höchst kurzweilige Anstrengung.  Es waren im Schloss ein paar Werke von Studierenden aus der Fakultät für Angewandte Kunst in Schneeberg zu sehen, wo die Westsächsische Hochschule einen besonderen Ableger hat, der leider kaum am Stammsitz der Hochschule in Zwickau präsent ist.  Für diese Ausstellung war ich eigentlich unter anderem zum Schloss gefahren; von den Installationen von Christel Lechner hatte ich erst vor Ort gefahren.

Der große Schlosspark war fast völlig verwaist. Der Biergarten mit sicher mehr als 100 Plätzen hatte frühzeitig geschlossen, mangels Masse. Nur zwei Personen tranken noch genüsslich ihr kühles Bier; und ich gesellte mich zu ihnen. Das anschließende Gespräch über (Sport)Unterricht heute und früher in der DDR gab mir den notwendigen Auftrieb, durch den Schlosspark zu gehen, wo mir allerlei Skulpturen von Christel Lechner auffielen. Sie wurden in einer Freiluft-Ausstellung mit dem Titel „Alltagsmenschen“ zusammengestellt. 

Zwei Alltagsmenschen bleiben mir aufgrund der derzeitigen Abstandregelung besonders im Gedächtnis:

Christel Lechner: Mann im Dialog

Eigentlich sagt diese Skulptur aus zwei Menschen – ob man hier schon von einer Installation sprechen kann? –  so viel über die Gegenwart, aber eben nicht nur. Sie stammt ja aus einer Zeit, wo noch kein Politiker und kaum ein Wissenschaftler über Abstandregeln nachgedacht hätten. Insofern wäre es nicht gerechtfertigt, sie als Ausdruck unserer Zeit zu interpretieren. Und doch bin ich als Betrachter fasziniert davon, wie ein aktualisierter Kontext in der Rückschau überhand nehmen kann. Ich „sehe“ diese Skulptur mit den Augen von heute, wenn man so sagen kann, und nicht mit den Augen von 2019. Damals habe ich mir keine großen Gedanken über die Bildszene gedacht – ich fand es einfach nur originell, die hügelige Landschaft mit zu berücksichtigen und gewisse Parkgrenzen zu überwinden. Wie viele Gespräche finden räumlich distanziert statt, ganz einfach, weil sie sich so ergeben? Die klassische Alltagssituation ist jene, wenn „über den Gartenzaun hinweg“ gesprochen wird. Wer kennt dies nicht? Mit etwas lauterer Stimme kommt so ein Gespräch zustande, das auch vertraut sein kann. Nur kommt man sich eben physisch und emphatisch oft nicht näher. Jedenfalls sind viele nachbarschaftliche Beziehungen alles andere als freundschaftlich geprägt.

Bei Christel Lechners Skulptur ist jedoch das Nachbarschaftsverhältnis nicht zu erkennen. Es ist eher die Be-geben-heit, die sich im Alltag er-gibt. Die Distanz ist unübersehbar, und möglicherweise soll kein Gespräch dargestellt werden, sondern nur ein flüchtiger Blickkontakt. Wir kennen ja den Ausdruck „Wie es in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus“. Also liegt es nahe, auch an ein (kurzes) Gespräch zu denken, oder an einen Zuruf als akustisches Signal.  Die Dreidimensionalität ist hier maßgeblich durch die natürliche Landschaftsformation geschaffen: Von oben herab – von unten hinauf – beides gilt symmetrisch.

In einem Interview mit der Rheinischen Post, das ich lese, nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, fallen mir drei von Lechner genannte Aspekte auf, die sich mit meinen Gedanken kreuzen.  Die „Alltagsmenschen“ erzählen „Geschichten“, zudem sind sie in ein passendes „Umfeld“ verankert, das eine intensive Interaktion zwischen Skulptur und Betrachter möglich macht. Nicht zuletzt soll die von den Kunstwerken ausstrahlende „Gelassenheit“ auch eine bestimmte Wirkung erzielen. Gerade im Krisenjahr 2020 ist diese ganz gewiss von Vorteil. Die Alltagsmenschen sind zeitlos, und der Betrachter findet einen Teil seiner selbst in ihnen wieder, und wenn es nur die Alltagskultur um ihn herum ist.

Informationen zum Werk von Christel Lechner.

Hier gibt es den erwähnten Artikel nachzulesen.

Adel ganz ohne Tadel – Gedanken zu Marie von Ebner-Eschenbach

Am 10. März stiefelte ich bei Dauerregen durch Leipzig, um auf Bücherjagd zu gehen. Ich hatte einige Titel im Blick, wofür ich zum ersten Mal die geräumige Stadtbibliothek, die ehrwürdige Universitätsbibliothek und zuletzt noch die Institutsbibliothek der Kunstpädagogik in Rufweite der Nikolaikirche ansteuerte, die in den Semesterferien anders als im Internet angegeben verschlossen war. Noch war nirgendwo die Rede von einem „Lock-Down“ in Deutschland, so dass ich stattdessen in ein benachbartes Antiquariat eintrat. Die Suche nach dem Zufallsfund dauerte keine zehn Minuten: Ein Buch aus der immer noch aufgelegten Insel-Bücherei (Nr. 543) aus dem Jahr 1982, gedruckt in Stollberg, gebunden in Leipzig, mit Aphorismen der mir nur vom Namen her bekannten Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) sprang dabei heraus. Warum nicht mal schön kurze Häppchen-Texte, die man einfach minutenweise anlesen kann? Ein klassisches Durchlesen ist hier eigentlich nicht nötig.

Ziemlich genau zwei Monate später öffnete ich endlich das Buch. Die kurzen Miniatur-Texte schienen mir zu sagen, dass ich offensichtlich einen besonderen Fund gemacht hätte. Eines der letzten und längsten Aphorismen, mit der Nummer 91 im abschließenden Teil „Fünftes Hundert“–  zum ersten Mal 1890 publiziert – spricht in meinen Augen Künstler und auch Lebenskünstler an:

Es steht etwas über unseren schaffensfreudigen Gedanken, das feiner und schärfer ist als sie. Es sieht ihrem Entstehen zu, es überwacht, ordnet und zügelt sie, es mildert ihnen oft die Farben, wenn sie Bilder weben, und hält sie am knappsten, wenn sie Schlüsse ziehen. Seine Ausbildung hängt von der unserer edelsten Fähigkeiten ab. Es ist nicht selbst schöpferisch, aber wo es fehlt, kann nichts Dauerndes entstehen; es ist eine moralische Kraft, ohne die unsere geistige nur Schemen hervorbringt; es ist das Talent zum Talent, sein Halt, sein Auge, sein Richter, es ist – das künstlerisches Gewissen.

Als ich im Spätsommer 2017 im Naabtal unweit von Regensburg einem Gespräch lauschte, wo das Wort „Lebenskünstler“ fiel, dachte ich länger über Kunst im Leben bzw. Leben als Kunst nach. Weit kam ich dabei nicht. Nun, dank Ebner-Eschenbach ist mir bewusst geworden, dass das Gewissen einen (Lebens-)Künstler leiten sollte. Es kann kein Zufall sein, dass Wissen und Gewissen, beziehungsweise „conscience“ (Gewissen) und „science“ (Wissenschaft) im Englischen und Französischen sprachlich miteinander verbunden sind, obwohl die Wörter doch so verschiedene Bedeutungen besitzen. Überwachen, Ordnen, Zügeln, Ausbildung, das klingt doch alles sehr nach Moral, nach Wissen, nach Gewissen, nach Mit-Wissen, und weniger nach Kunst. Und doch kann ein Künstler nicht ohne dies auskommen. Es gibt stets eine tiefsinnige Begleitung durch eine Parallel-Ausbildung, für die es eben kein Fachpersonal gibt. Fähigkeiten stehen nicht für sich – sie müssen eingerahmt sein, um buchstäblich Halt innerhalb einer geistig-moralischen Haltung zu finden, für die es eigentlich keine eindeutigen Worte gibt.

Zuletzt las ich die Ebner-Eschenbachs Erzählung Krambambuli (1884), die mehrfach verfilmt wurde (zuletzt 1998 mit Tobias Moretti in der Hauptrolle und Xaver Schwarzenberger als Regisseur).  Krambambuli ist eigentlich ein Branntwein mit Wacholderauszügen, der auch als „studentische Feuerzangenbowle“ im Internet gehandelt wird. Bei Ebner-Eschenbach heißt so ein Hund, der gegen 12 Flaschen Danziger Kirschbranntwein den Besitzer wechselt und zwischen dem ersten Besitzer (einem dubiosen Wildschützen) und dem zweiten Besitzer (Revierjäger Hopp) über Leben und Tod entscheidet: Zum einen klärt Kranbambuli Hopp darüber auf, dass der Wildschütze einen Oberförster erschossen hat, zum anderen sorgt er dafür, dass der Mörder beim anschließenden Racheakt des Jägers keinen Schuss abgeben kann.

Als dritter Besitzer hat zwischenzeitlich ein Graf das Nachsehen, denn der ihm als Geschenk vom Jäger Hopp zugedachte Kranbambuli verweigert ihm die Treue. Die wechselnden Besitzverhältnisse und die Rivalitäten unter den Menschen geben dem Tier das Letzte. Mutig, wie der Jäger der Gräfin die Geschenkidee vorschlägt:

« Hochgräfliche Gnaden! Wenn der Hund im Schlosse bleibt, nicht jede Leine zerbeißt, nicht jede Kette zerreißt, oder wenn er sie nicht zerreißen kann, sich bei den Versuchen, es zu tun, erwürgt, dann behalten ihn hochgräfliche Gnaden umsonst – dann ist er mir nichts mehr wert.»

Die Probe wurde gemacht, aber zum Erwürgen kam es nicht; denn der Graf verlor früher die Freude an dem eigensinnigen Tiere. Vergeblich hatte man es durch Liebe zu gewinnen, mit Strenge zu bändigen gesucht. Er biß jeden, der sich ihm näherte, versagte das Futter und – viel hat der Hund eines Jägers ohnehin nicht zuzusetzen – kam ganz herunter. Nach einigen Wochen erhielt Hopp die Botschaft, er könne sich seinen Köter abholen.

Böser Ernst und bissiger Humor halten sich die Waage; die Sprache ist pointiert, fast salopp. Die Schriftstellerin, die schon in ihrem 13. Lebensjahr selber Titel Gräfin wurde, hat in diesem kurzen Text einer vollkommen verschwundenen Gesellschaft feine Nadelstiche versetzt. Jäger und Schützen sind bei ihr keine Helden mit ihren Trophäen, sondern derb und unkultiviert.

Auf einer frühen Fotografie des kaiserlichen Hof-Fotografen Ludwig Angerer, angeblich aufgenommen um 1865, sind die Blicke der Schriftstellerin zusammen mit ihrem Gatten auf ein geöffnetes Buch fixiert – sicher damals für Frauen ungewöhnlich im Kontext der frühen Porträtfotografie. Hier wird eindeutig auf die berufene Literatin verwiesen.

Ebner-Eschenbach mit Gatte
Porträtfotografie von Ludwig Angerer: Marie von Ebner-Eschenbach mit ihrem Gatten Moritz (um 1865)

Ebner-Eschenbach auf Briefmarke
Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1980 mit einem Foto von Marie von Ebner-Eschenbach

Mehr als 100 Jahre später ehrte sie eine Briefmarke der Deutschen Bundespost zu ihrem 150. Geburtstag. Noch bekannter wurde Ebner-Eschenbach über den Bargeldverkehr: Zierte die 20-D-Mark-Scheine in Deutschland Annette von Droste -Hülshoff, waren in Österreich  die 5000-Schilling-Noten für Marie von Ebner-Eschenbach reserviert, deren Mädchenname Marie Dubský von Třebomyslice wie aus einer vollkommen anderen Welt klingt, obwohl sie doch gerade im damaligen k. und k. -Kontext ein und dieselbe war. Neben Deutsch und Tschechisch kam sie bereits als Kind mit Englisch und Französisch regelmäßig in Kontakt. Kann man da überhaupt von einer Muttersprache sprechen? In Österreich ist sie allein aufgrund der geografischen Nähe zu ihrem Geburtsort, dem Schloss Zdislawitz (heute heißt die mährische Ortschaft Troubky-Zdislavice) und ihrem Sterbeort Wien bekannter. Mit Kaiser Franz Josef II. teilt sie sowohl das Geburts- als auch das Sterbejahr und damit mehrere (Literatur-)Epochen. Im Jahre 1900 bekam sie von der Universität Wien bereits einen Ehrendoktortitel, ein Jahr zuvor bereits das Österreichische Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft.

Zum Glück scheint der Verfall ihres heimatlichen Schlossgutes aufgehalten. Noch 2013 berichtete in melancholischem Ton die F.A.Z. davon. Bald, so scheint es laut Prager Zeitung,  wird Schloss Zdislawitz wieder für Besucher zugänglich zu sein, auch wenn man nicht mehr die wertvolle Bibliothek Ebner-Eschenbachs (1945  geschreddert) zurückholen kann. Was wohl vom Nachlass übrig gelassen wurde? Ein Grund mehr, länger im malerischen Mähren zu verweilen. Vielleicht mit frischer neuer Lektüre im Gepäck: Die Erzählung Kranbambuli gibt es online und ganz frisch als Jugendbuch. Die Aphorismen gibt es im neuen Gewand in der Insel-Bücherei unter der Nummer 1414!

Keine Horrorvorstellung?! Über die Bildlichkeit einer Erfolgsmeldung

Das Phänomen der Prokrastination ist sicher keines, das man würdigen sollte. Doch manchmal verschlägt es einen auf Internet-Seiten, die eigentlich in keinem Zusammenhang mit einer gezielten Recherche stehen. Es war der 21.04.20, als ich in einer Pressenotiz einen Satz vernahm, der mich sofort in den Bann zog:

Wäschespinnen laufen gerade wie Hölle.

Dieser Satz stammt von Henner Rinsche, Vorstandsvorsitzender der Leifheit AG mit Sitz im hessischen Nassau.  Er wurde am 18.04.20 in einer dpa-Meldung verbreitet. Leifheit ist mir als renommierter Haushaltsgerätehersteller vertraut. Wäschespinnen kenne ich ebenfalls mehr oder weniger gut, also habe ich den Satz einwandfrei als Erfolgsmeldung verstanden. Doch hat es dieser einfache Satz in sich, denn bildlich ist er auf dreifacher Ebene anschaulich:

Eine Wäschespinne ist anders als eine Vogelspinne frei von Gefahren und einfach nur nützlich, um nasse, saubere Kleidung ganz natürlich an der Sonne trocknen zu lassen. Die Form des Gerätes erinnert an eine Spinne. Eigentlich nichts, woran man weitere Gedanken verschwendet.  Wäschespinnen, die jedoch „laufen“, haben schon etwas Pikanteres, denn hier stelle ich mir bereits wirkliche Spinnen vor, die vielleicht gerade aus einem Wäschekorb herauskrabbelt. Und diese Zuspitzung auf „Hölle“, eigentlich auf einen Ort, der wie kein anderer für Schrecken steht, kann zu einer Horrorvorstellung führen, die natürlich hier harmlos ist, beflügelt sie doch hier nur die Fantasie. Wohl aus dem Englischen „like hell“ ist dies eingeschwappt, so dass jetzt sogar verbrieft von „wie Hölle“ gesprochen wird, was Nachrichtenagenturen teilweise mit „sehr stark“ herunterkochen. Denkbar wäre auch „wie verrückt“; „höllisch gut“ klingt hingegen schon merkwürdig.

Die Kombination aus Insekt, Bewegung und einem fiktionalen Ort hat geradezu etwas Filmisches. Ein Surrealist hätte seine Freude dabei, hier einen Plot zu entwerfen. Die bekannten Ausdrücke „Ich spinne!“ und „zur Hölle (machen)“ sind negativ konnotiert, nur beim einfachen „(Es) läuft!“ denkt man an einen gewissen Erfolg.

Einige Tage später komme ich darauf, dass das englische „to spin“ etymologisch mit „spinnen“ verwandt sein muss. Es geht jeweils um eine Drehbewegung, die etwas sehr Dynamisches hat. Spricht man nicht sogar im Fitnessstudio vom „Spinning“?
„Ich bin am Spinnen ist uncool“, doch „Ich bin am Spinning-(Gerät)“ klingt nach einer durchtrainierten Person. Doch irgendwas klingt hier nach, was auch eine klare Drehbewegung ist: Eine vermaledeite „Virenschleuder“, die nicht klar zu definieren ist, kann einen Menschen genauso durchdrehen lassen wie eine „Virenhölle“, von der neulich ein lieber Freund nach einem Supermarktbesuch sprach. Begriffe, die an das Gegenteil von Sauberkeit denken lassen. Und nun als Kontrast dazu die Wäschespinne, die eigentlich der Abschluss eines realen Anti-Virus-(Wasch-)Programms ist: Erst die Kleidung möglichst heiß mit Waschpulver waschen, und dann ab in die Sonne. Die Weltgesundheitsorganisation rät angeblich zum Wäschetrocknen unter freiem, möglichst wolkenlosem Himmel. Wie wäre es, wenn die Wäschespinne sich dann auch noch um ihre eigene Achse drehen würde? Ich stelle sie mir dann wie ein Wäschekarussell mit ganz unterschiedlichen Anblicken vor…

Nun, meine Fantasie kommt hier nicht weiter. Doch sie ist schon ziemlich weit gekommen dank eines Satzes, der – nun lege ich mich fest – literarische Qualitäten besitzt, auch wenn er für die Öffentlichkeit als ganz ernstzunehmende Erfolgsmeldung geäußert wurde. Möge die Leifheit AG auch weiterhin gute Geschäfte mit Wäschespinnen machen, auch in nicht so virenlastigen Zeiten!

Hier der Kontext (Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 19.04.) in reinstem Pressedeutsch. Übrigens ist ein reales Wäschekarus(s)ell käuflich beim Dänischen Bettenlager zu erwerben!

Ge-Nuss: Über eigentlich nebensächliche Warnhinweise zu leckerem Teegebäck

Als vor einigen Monaten im Lichte der Oper „Aida“ beiläufig die Rede vom brodelnden Verdi-Vulkan war, war der spontan geprägte Begriff natürlich auf die feurige Opernmusik bezogen. Damals wusste ich nicht, dass außer Pizzerien namens Vesuv oder Vesuvio Vulkane auch diverse Verpackungen schmücken. Wer machte mich schlauer? Ein im Vogtland beheimateter Händler namens „Dal Siciliano“, der in Zwickau-Planitz einen kleinen Laden betreibt, in dem man Waren aus Sizilien kaufen kann. Im Geschäft blieb mir kurz vor Toresschluss beim Einkaufen gar keine Zeit, länger auf Verpackungen zu schauen. Klare Devise: Italienisches Teegebäck – das muss noch mit in den Warenkorb.

Am Ostersonntag riss ich endlich die Verpackung auf und erblickte eine schmenhafte Abbildung des Ätna, der das Markenzeichen des Betriebs mit klangvollen Namen – I Pasticcieri dell‘ Etna ist. Ohne den Geschmack jener voglie di thé mit Nuss (alla nocciola) vorher zu kennen, hatte ich zumindest eine äußerst knusprige Konsistenz erwartet. Und: Die dünnen Gebäckstücke schmeckten besser als gedacht, dezent nussig-schokoladig. Während die Madeleine als Gebäckstück in Marcels Prousts Epochen-Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit einen ganzen Erinnerungskosmos eröffnet, empfand ich bei den „Teegelüsten“, wenn ich den italienischen Gebäcknamen frei übersetze, einfach einen Moment des Genusses, ohne dass eine Flut von Erinnerungen mich überwältigt hätte. Das wäre auch zu viel verlangt gewesen. Rein aus Neugier schaute ich nach ein paar knusprigen Gepäckstücken intus auf die Verpackung und begann angesichts der englischen und deutschen Übersetzung zu schmunzeln.

Teegelüste
Volgie di Thé – Teegelüste

Darin wird eine merkwürdige Freiheit offenbar: Im EU-Raum wird sicher vieles geprüft und sondiert, bevor eine Verpackung voller „Teegelüste“ die Reise von Sizilien nach Westsachsen antreten darf. Doch der Kontrolle entschwindet der sprachliche Übersetzungsprozess, der vermint erscheint. Dass die Groß- und Kleinschreibung im Deutschen Probleme bereitet, lässt sich noch leicht übergehen. Doch im Englischen fällt etwas stärker auf: „May contain traces of nuts in shell. May contain traces of other nuts.” Merkwürdig formuliert und merkwürdig im Zusammenhang mit jener verzehrten „Backware“. Laut Zutatenliste gibt es doch einen Nussanteil von 25%, so dass mehr als nur „Spuren“ vorhanden sein müssen. Für Nussallergiker also nicht zu empfehlen! Zum Glück hilft hier ein Blick auf den deutschsprachigen Warnhinweis: „Kann Spuren von Schalenfrüchten enthalten. Kann Spuren von Trockenfrüchte(n) enthalten.“ Wenn tatsächlich die englische Sprache keine Termini von Schalen-früchten und Trockenfrüchten vorsieht, wäre sie buchstäblich arm dran. Doch dem ist ja nicht so. Ich frage mich, wie es passieren kann, dass Trockenfrüchte salopp als „andere Nüsse“ bezeichnet werden. Das Konzept der Andersheit oder „Otherness“ hat einen gewissen Charme, doch hier hat es keine Chance, denn Nüsse sind Schalenfrüchte und keine Trockenfrüchte. Also können Trockenfrüchte keine anderen bzw. andersgearteten Nüsse sein! Nüsse sind ja allein schon dank der Schale trocken(gelegt), während Dörrobst wie zum Beispiel Aprikosen und Trauben erst einmal trocknen müssen…Dafür braucht man keine ernährungswissenschaftliche Expertise einzuholen! Schließlich ist die Kategorie „Backware“ eine eher billige klingende Kategorie, die mit „prodotto del forno“ natürlich angemessen übersetzt ist, doch für einen deutschsprachigen Leser mehr als redundant erscheint.

Hauptsache, es hat geschmeckt. Die Verpackung hielt dicht, der Backofen blieb aus. Also ein nussiger Genuss, den man in höchsten Tönen loben kann!

Teegelüste
Genuss de Teegelüste mit Ingwer-Tee

Viele Leckereien des sizilianischen Familienbetriebs gibt es im Online-Shop.

Tierisch leistungsfähig. Zu einer Briefmarkenserie von Axel Bertram

Briefmarkenserien laden zum Sammeln ein. Oder einfach zum Schmunzeln. Der Dresdner Gebrauchsgrafiker Axel Bertram (1936-2019), der auch
Professor für Typografie und grafisches Gestalten an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee war, hat in der DDR Ende der 70er Jahre sechs Briefmarken gestaltet, auf denen Vertreter der nicht gerade charmant anmutenden Kategorie Rassegeflügel abgebildet sind. Darunter ist das sogenannte Sachsenhuhn, das ernsthaft als Hühnerrasse existiert! Grund genug, sich mal die Serie in Gänze anzuschauen:

Chabo
Das Chabo-Huhn auf einer 10-Pfennig-Briefmarke der DDR
Kraienkopp
Das Kraienkopp-Huhn auf einer 15-Pfennig-Briefmarke der DDR
Porzellanfarbiger Zwerg
Das porzellanfarbige federfüßige Zwerghuhn auf einer 20-Pfennig-Briefmarke der DDR
Sachsenhuhn
Das Sachsenhuhn auf einer 25-Pfennig-Briefmarke der DDR
Phoenix
Das Phönix-Huhn auf einer
35-Pfennig-Briefmarke der DDR
Gestreifter Italiener
Das Gestreifter-Italiener-Huhn auf einer 50-Pfennig-Briefmarke der DDR

Auch ist das Sachsenhuhn in der (heutigen) Politik gegenwärtig, wie eine Informationsbroschüre des sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie zeigt. Es ist ein für mich völlig fremdes Wissensgebiet, zu dem ich bis auf einige Kindheitserinnerungen von „Urlaub auf dem Bauernhof“ nichts beisteuern kann.Der erwähnte Begriff „Leistungshuhn“ klingt geradezu grotesk, doch wer in einer sogenannten Leistungsgesellschaft Eier und Fleisch zu sich nimmt, hat damit indirekt etwas zu tun. Das Nutztier hat zu leisten, so wie auch vom Menschen eine Leistung zu erwarten ist. Doch was wäre die Alternative? Man stelle sich vor, vor der motorisierten Zeit hätten die Menschen nicht auf leistungsstarke Zugpferde gesetzt. Nein, das Leben wird niemals ein Ponyhof und auch kein Streichelzoo sein. Es ist nur fraglich, wie viel Leistung zu erbringen ist. Wo wird das Limit gesetzt? Dafür gibt es in jeder Berufsgruppe andere Ergebnisse. Diese Diskussion kann hier natürlich nicht geführt werden.

Zurück zur Briefmarkenserie, bei der sich schon bei den Namen zeigt: Hier ist ein Stück Welt einsehbar, und zwar ohne ideologische Abschottung. Züchtung scheint in der DDR unverdächtig gewesen zu sein, auch wenn eindeutig Länderbezeichnungen auf eine ganz und gar nichtkommunistische Herkunft der Tiere schließen lassen. Tiere sind nun einmal per se unpolitisch. Um sie zu züchten, bedarf es eines großen Engagements. Ohne die Aktivitäten von Vereinen wäre dies undenkbar. Im Grunde ist es eine Bewegung von unten, nicht von oben, nicht zuletzt auch zum Wohle einer gut genährten Bevölkerung.

Zurück zum Rassegeflügel: Die (vermutliche) Herkunft dieser Tiere verläuft jenseits von (Kultur-)Grenzen: Phoenix und Chabo stammen wohl aus Japan, die federfüßigen Zwerghühner irgendwo aus Asien, der Kraienkopp aus den Niederlanden; die Ursprünge des Gestreiften Italieners und des Sachsenhuhns sind schon im Namen eingeschrieben. So kann der Sammler ein illustres Geflügel-Kabinett zusammentragen. Übrigens meldete die Freie Presse im November 2019, dass im sächsischen Wechselburg acht porzellanfarbige Zwerghühner gestohlen worden seien.  Eine scheinbar begehrte Spezies, die zudem auf der Roten Liste (2016) verzeichnet ist. Inzwischen wird auch zwischen goldporzellanfarbig und isabellporzellanfarbig unterschieden. Schillernder kann es kaum klingen; und nun denke ich mir, dass ich diese schönen Tiere auch mal leibhaftig vor mir sehen will, einfach nur zum Staunen! Vielleicht rufe ich demnächst mal bei dem einen oder anderen Verein an…   

Schließlich sei noch das großartige Kompendium von Axel Bertrams Schaffen in der DDR empfohlen: Grafisches Gestalten. Ein Rückblick über fünf Jahrzehnte ist im Leipziger Lehmstedt Verlag erhältlich.

Das Gemälde am (gedanklichen) Rande – Notizen zu Ernst Vollbehrs „Abendsegen“

Wenn eine Kunstausstellung eine veritable Sammlung aus einem Nachlass vorstellt, kann man sich vorstellen, wie wohlhabende Menschen, vor allem Unternehmer, ein größeres Interesse daran zu haben, ihren Kunstgenuss privat zu steigern. Die Sammelleidenschaft reicht nicht aus, denn sonst würde man sich eher auf einen bestimmten Künstler oder ein bestimmtes Motiv konzentrieren.

Die Sammlung des Textilkaufmanns Hermann Hugo Neithold, die Anfang 2020 im Zwickauer Max-Pechstein-Museum zu sehen war, wird keine großen Museen füllen, selbst wenn sich Gemälde von Max Liebermann und Lovis Corinth darunter finden. Und doch zeugt es von einer gewissen Sammlungsqualität, wenn fast ein Jahrhundert später daraus eine öffentlich zugängliche Ausstellung wird. Neithold war lange in Wilkau südlich von Zwickau im Wollimport tätig: Ein Einkäufer, der in einem großen Unternehmen (Kammgarnspinnerei Heinrich Dietel) auch Prokura und den damit verbundenen Wohlstand genoss.

Ein in die Ecke gedrängtes Bild würde heute  unter Verschluss bleiben, wenn es nicht nun in einer thematischen Klammer kurzfristig Berechtigung  fände, ausgestellt zu werden. Mich hat es angesprochen, obwohl der Künstler alles andere als politisch einwandfrei auftrat. Im Wikipedia-Eintrag liest man über den aus Kiel stammenden Ernst Vollbehr  (1876-1960), dass er als Maler und Schriftsteller Krieg
„verherrlichte“. Die Bildbetrachtung lässt dieses Urteil nicht zu.

Abendsegen
„Abendsegen“ von Ernst Vollbehr (1914)

Das von mir ins Auge gefasste  Gemälde „Abendsegen“ ist auf den Tag genau datiert: 23. September 1914. Wir wissen, dass der Maler recht schnell seine Beobachtungen im Krieg auf der Leinwand verarbeiten musste; das war schließlich seine Aufgabe. Zum Glück überlebte Vollbehr beide Weltkriege, so dass beim Betrachten die biografische Tragik weniger stark in Gewicht fällt. Bei meinem Anblick überwiegt das Gefühl der Ruhe; die sichtbare Kavallerie scheint von der Abendstimmung in abwechslungsreicher Landschaft neue Kraft zu schöpfen, die möglicherweise zerstörerisch auf andere einwirken wird. Die aufsteigenden Rauchsäulen können von Kriegshandlungen stammen, doch sie zeugen von keiner unmittelbaren Gefahr. Krieg und Frieden halten sich im Bilde die Waage; und genau das erzeugt ein Gefühl der Beklemmung. Die Schlachtszenen, die man von vielen Gemälden kennt, blende ich vollständig aus. Sie ziehen mich nicht in den Bann, weil sie oft derart konstruiert erscheinen, nur um etwas zu fassen, was eigentlich selbst in modernen Medien unfassbar ist. Bei Vollbehr ahnt der Betrachter, dass der Augenblick ein Schwebezustand ist: Ruhe und Bedrohung halten sich die Waage.

Wie das Geistesgemüt des Künstlers wohl ausgesehen haben mag? Auf jeden Fall war bei ihm die Konfrontation mit dem Fremden auch in Friedenszeiten mental angelegt. Bei einer kurzen Recherche stoße ich im Internet auf die Digitalversion seines illustrierten Buches Mit Pinsel und Palette durch Kamerun, das zwei bis drei Jahre zuvor entstand. Hier dominiert die damals übliche koloniale unkritische Haltung gegenüber der Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung. Teilweise sind seine Sätze aus heutiger Sicht schwer erträglich, auch wenn sie (leider) bei dem einen oder anderen immer noch Zustimmung fänden.

Ein Schwarzer lässt sich seitens des Europäers durch Güte allein nicht erziehen und leiten, sondern sieht die Güte leicht als Zeichen von Schwäche und Furcht an. Da er von den Häuptlingen, bevor wir Deutsche ins Land kamen, erbarmungslos behandelt wurde, ist er es gewohnt, nur auf Druck zu arbeiten.  Der Eingeborene empfindet die Strafe als gerechte Sache und findet es weichlich von uns, wenn wir uns von ihm etwas gefallen lassen und nicht strenge sind.

Vollbehrs verdankt seinen privilegierten Status der Malerei  vor Ort den politisch-sozialen Gegebenheiten. Auch gut 20 Jahre springt er politisch gesehen auf den Zug auf und instrumentalisiert seine Malerei. Man wird deshalb den Eindruck nicht los, dass ein Künstler wie er ein Werk hinterlässt, das einem nicht gefallen sollte. Und doch lernt man von ihm etwas, was man sonst bei den Meisterwerken der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht erfährt: Die  Entstehungsumstände sind dem Werk im wahrsten Sinne des Wortes subtil eingezeichnet. Der großbürgerliche Sammler Neithold muss sich dessen bewusst gewesen sein.  Weder die Mußestunden des Ateliers noch die theoretische Konzeption des Werkes stehen im Vordergrund, sondern das, was sich wissentlich rund um den „Abendsegen“ abspielt. Fast unbemerkt klingt in mir bei der Betrachtung der Wunsch nach Frieden an,  ohne dass die künstlerische Intention es nahelegt: Das gedankliche Zusammenspiel aus Abend und Segen ist für mich stark genug, das Werk aus meiner ganz subjektiven Perspektive  heraus auf mich einwirken zu lassen.  Ich wurde zum Glück zeitgeschichtlich anders geprägt als der Künstler, und ich habe das Glück, mir an einem späten Dienstagnachmittag im (Seelen-)Frieden das Bild anzuschauen. Das sollte Kunst erreichen, wenn man sie ernst nimmt: Den eigenen Blickwinkel mal zu hinterfragen und auch mal festigen, damit man nicht gedanklich das kopiert, was in der Vergangenheit (aus heutiger  Konsenssicht falsch) gedacht wurde. Und deshalb ist es auch ratsam, sich mit Werken zu beschäftigen, die nicht eindeutig überzeugen können.

Das Werk, aus dem das Zitat stammt, ist hier digital einsehbar: Ernst Vollbehr: Mit Pinsel und Palette durch Kamerun. Tagebuchaufzeichnungen und Bilder, München 1912 (S.132).

Der Ausstellungskatalog mit dem Titel Ein Kaufmann als Kunstfreund ist im Deutschen Kunstverlag lässt sich hier bestellen.

Das Klavierkonzert des Jahrhunderts – Über John Adams‘ Werk „Century Rolls“ (1997)

Jedes Jahr bringt neue Jubiläen mit sich, und 2020 wird wohl jeder Klassikliebhaber ein oder mehrere Werke des Komponisten (wieder) anhören, der vor 250 Jahren geboren wurde. Leider wird die Forschung nie herausbekommen können, wie der stets innovativ komponierende Ludwig von Beethoven, der musikalisch seiner Zeit teils weit voraus war, zu seinen Lebzeiten als Solist in den (noch jungen) Vereinigten Staaten angekommen wäre. Man hätte ihm wohl mehr denn je zugejubelt!

Anfang Februar 2020 hörte ich in der Zwickauer Neuen Welt passend Musik aus der Neuen Welt (neben der sechsten Sinfonie von Anton Bruckner, die majestätisch die Alte Welt zum Glänzen bringt). Das 4. Sinfoniekonzert der Clara-Schumann-Philharmoniker Plauen-Zwickau wurde unter das Motto „Faktor Form“ gestellt. Dementsprechend war das Konzertformat des Abends alles andere als gewöhnlich.

Besonders gespannt war ich auf John Adams‘ Werk Century Rolls für Klavier und Orchester, dessen Höreindruck mich in den Bann gezogen hat. Der junge Solist Frank Dupree meinte nach der Aufführung vor dem ebenfalls seiner Interpretation zugeneigten Publikum, dass dieses Klavierkonzert an jenem Abend erst zum dritten Mal in Deutschland zu hören gewesen sei. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass es vor mehr als 20 Jahren uraufgeführt wurde! Century Rolls spielt auf zwei Elemente an, die in dem Werk hörbar gemacht werden: Zum einen das Jahrhundert mit seinen vielfältigen Musikstilen: Adams macht Musikgeschichte lebendig. Wer Erik Saties einzigartigen Minimalismus kennt, wird ihn im zweiten Satz mit dem Titel Manny’s Gym leicht heraushören. Und die vielen jazzigen Klänge lassen sich kaum herausfiltern, so schillernd sind sie!

Die „Rolls“ beziehen sich nicht auf Rock ‚n‘ Roll, sondern auf wirkliche Rollen, die mechanisch Klänge für selbst spielende Klaviere (Pianolas) erzeugten. Von dieser heutzutage altertümlich anmutenden Technik, die schon älter als ein Jahrhundert ist, ließ sich Adams inspirieren. Es gibt oft abrupte Wechsel von klanglichen „patterns“; dabei wollen die vielen unterschiedlichen Elemente nicht so recht zusammenpassen. Ob man sagen kann, dass die einzelnen „patterns“ einen großen „cluster“ ausprägen? Wie eine Klang-Rolle nur als Miniatur-Maschine zu verstehen ist, hört sich das Konzert wie ein stetiger Vorwärts-Gang mit einem gewissen Drehmoment an. Eine ausgeprägte Melodik wäre hier fehl am Platze. Die Beschreibung im Programmheft ist eindeutig:

Der Klavierpart, wie eine Walze um die eigene Achse rotierend, ist nicht nur durch die Tempi und Lagenwechsel kompromisslos, sondern vor allem durch das strikte Verbot, zwischen den Phrasen Atem zu holen. Das würde den mechanischen Charakter des Ganzen aufweichen.

Das Klavierkonzert wirkt uneinheitlich, eklektisch. So muss es einfach sein, wenn man das Jahrhundert musikalisch Revue passieren lässt. Eine Fotoshow  würde Ähnliches bewirken: keine Kontinuität, sondern Brüche, Zäsuren, in Klängen zum Schwingen gebracht.

Die drei Sätze lassen sich zum Glück vollständig ohne Bezahlschranke nachhören. In den Weiten des Internets gibt es jedoch nur diese eine Aufnahme mit dem Pianisten Emanuel Ax, für dessen pianistische Stärken das Werk vom Komponisten zugeschnitten wurde. Für alle Beteiligten ist die Aufführung eine immense Herausforderung. Routiniert kann wohl kein Musiker an diese vielfältigen Klangspuren herangehen, die im wahrsten Sinne des Wortes vertrackt sind.

Zum Nachhören: Century Rolls von John Adams: