Im Schleudergang

Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Sprachliche Eskapaden: Über einige Werbebotschaften der Berliner Verkehrsbetriebe

Wenn man einen Deutschkurs mit der etwas sperrigen Bezeichnung „Marketing unter interlingualem Aspekt“ unterrichtet, dann sollten sprachliche Finessen unter die Lupe genommen werden. Im Dezember 2022 beschäftigte ich mich im Kurs mit dem Auftritt der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in den Sozialen Medien. Mir waren schon vorher Plakate an Berliner Haltestellen aufgefallen, die großen Wert auf das Spiel mit der Sprache legen. Und eine längere Recherche auf Instagram bestätigte dies. Besonders ausführlich kam folgendes Plakat zur Geltung, das angeblich ein ungestelltes Foto aus dem Jahr 2013 enthielt. Es kursierte danach auch im Internet (spätestens seit Januar 2015 auf einem tumblr-Fotoblog zu Berlin) und wurde am 18.01.2016 von der BVG auf Facebook mit dem Kommentar „Schon wieder Fashion Week. Da tragen wir doch einfach noch mal die alten Plakate auf.“ hochgeladen:

BVG-Plakat
Plakat der BVG am U-Bahnhof Hermannplatz, fotografiert um 2015

Das Plakat setzt geschickt Bild und Text aus dem realen Leben in Szene und regt zum Schmunzeln an, da der ungewöhnliche Ausdruck „den Stil hochfahren“ auf einen wohl älteren Herren trifft, der zum einen wortwörtlich eine Rolltreppe in einer Berliner U-Bahnstation der U1 (vermutlich Nollendorfplatz) hochfährt und – ästhetisch gesehen – als ungewollte Werbe-Figur herhält. Seine sommerliche Kleidung vermittelt einen casual look, der ins Auge sticht. Wer sich für Mode interessiert, wird das Stechen aufgrund des ausgereizten Karo- Formspektrums von Hemd und Shorts zusammen mit den weißen Strümpfen unangenehmer und intensiver empfinden als jemand, der auf praktische Freizeitkleidung steht. Insofern könnte man gut das „Hochfahren“ als Vorschlag deuten, die Fashion Week zum Anlass für etwas stylishere, höherwertigere Kleidung zu nehmen, die sich auch für höhere Anlässe eignen. Auf jeden Fall wird hier ein kommunikativer Zusammenhang zwischen einem öffentlichen Verkehrsmittel, einem Fahrgast und einer Veranstaltung hergestellt, denn natürlich ist es denkbar (wenngleich nicht gerade wahrscheinlich), dass die abgebildete Person die halbjährlich stattfindende Fashion Week besuchen möchte. In diesem Kontext ließe sich auch der augenscheinliche Fahrgast in ein positives Licht rücken, denn er nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel  in einem lässigen, luftigen Look – und die Verbindung zur Fashion Show evoziert einen aktiven „Lifestyle“. Dieser wohlwollende Ansatz stammt von mehreren Studenten aus meinem Marketing-Seminar aus China / Taiwan, von denen einer seine Gedanken auch schriftlich festhielt. Ich zitiere:

Die ersten Gedanken, wenn man an den Begriff „Fashion“ denkt, sind für viele Menschen Bekleidung und damit in Verbindung die jüngere Generation. Fashion befasst sich jedoch nicht nur mit Bekleidung, sondern auch mit einem Lebensgefühl und -stil, dem sogenannten Lifestyle. Sich wieder jung und modisch zu fühlen, bedeutet nicht, dass man sich sehr schick oder trendbewusst anziehen muss. Die ältere Generation hat ebenfalls die Möglichkeit an diesem Trend teilzunehmen und sich wieder jung zu fühlen, indem sie wie früher mit der Bahn fährt.

Diese Deutung ist sicher ebenfalls im Sinne der BVG und auch des Veranstalters der Fashion Show – Stichwort Zielgruppenerweiterung. Darauf komme ich noch einmal zurück.

Spielerisch-ironisch ist auch ein Instagram-Post vom 13.10.2022 anlässlich eines Backstreet-Boys-Konzerts gemeint, bei dem man ja auch von einer Show sprechen kann. Die BVG kommentiert ihn folgendermaßen: „Für alle, die es nicht kennen: Das sind die Elevator Boys der 90er.”

BVG - Backstreet Boys
Instagram-Post der BVG am 13.10.2022 anlässlich des Backstreet-Boys-Konzerts in Berlin

So mancher Boygroup-Fan könnte hier sicher die Rolle des Telefonjokers übernehmen, der alle Songtitel korrekt nennen kann. Bis auf den letzten Titel hatte ich alle parat – natürlich kein großes Kunststück, wenn man die 90er Jahre als Teenager erlebt hat (und ich bislang die Elevator Boys überhaupt nicht kannte). Da ich oft mit der U5 fahre, ist natürlich für mich die Verballhornung des Titels Larger than life großartig, wenn man bei englischer Aussprache sich einen Reim aus „life” und „U5” macht! Die deutsche Übersetzung von „get down” ist in Verbindung „You’re the one for me” im Original bzw. „the Maskenpflicht’s still around” überhaupt nicht trivial: dank von Nachschlagehilfen fände ich die Übersetzung „Merke Dir!” nicht schlecht (im Original-Refrain heißt es „and move it all around”). Diese Bedeutung war mir zuvor unbekannt.

Ein weiterer, sehr auffälliger Instagram-Post, ebenfalls aus dem Oktober 2022, wirbt mit dem 29-Euro-Ticket, indem es ganz auf Jugendsprache setzt:

Jugendsprache bei der BVG
Instagram-Post der BVG am 25.10.2022 zur Einführung des 29-Euro-Tickets

Ich gebe zu, dass ich hier ohne weitere Informationen chancenlos wäre und delegiere eine gute Übersetzung dem kreativen Leser, der auch mehr mit gommemode (super stark) bzw. flexen (mit seinem Verhalten angeben) und smashen (eine intime Beziehung eingehen) etwas anzufangen weiß. Nun kann keiner sich mehr darüber beklagen, dass gewisse sprachliche Register nicht bedient würden. Aus dem BVG-Kommentar wird diese sprachliche Stilblüte bewusst ironisch verzerrt: „Unser Arbeitskreis BVG 30+ präsentiert seine neueste Arbeit zum Thema ‚Tagesaktuelle Zielgruppen-erweiterungsmaßnahmen’”. 30+? Die (An-)Sprache soll für die gedacht sein, die noch die 1990er Jahre erlebt haben??

Kompliment an die Kreativität der Werbetreibenden, die hier Plakatkunst in die virtuelle Welt verlagern. Hierfür brauchen wir in Zukunft keine Museen, wohl aber gut gesicherte digitale Archive, damit wir noch 2030 und später wissen, dass 2022 smashen (Smash ist das Jugendwort des Jahres 2022!) und cringe (peinlich) als Jugendwort 2021 salonfähig geworden sind!

Die BVG-Imagekampagne Weil wir Dich lieben wurde von der Agentur GUD.berlin GmbH entwickelt und läuft seit 2015. Sie ist ein gutes Beispiel für das sogenannte Content Marketing.

Angriffslustig: Zu einem höchst kurzweiligen Klaviertrio

Ich musste mir einen Ruck geben, von Zwickau zu einem Kammerkonzert nach Bayreuth zu fahren. Auch wenn dies dank der guten Autobahnverbindung  in ca. 75 Minuten zu bewältigen ist, so klingt es merkwürdig, für einen Konzertabend von Westsachsen nach Oberfranken den Weg auf sich zu nehmen. Bis in die 1990er Jahre, also bis zur Fertigstellung der Elstertalbrücke der A72, muss dieser Weg auch noch nach der Wiedervereinigung zäh gewesen sein – und bis zum heutigen Tag hat man so gut wie keine Chance, angemessen mit der Bahn in den späten Abendstunden diesen Weg zurückzulegen. Die Gefahr des Strandens in Hof ist nicht gerade niedrig. 

Doch weil ich unbedingt einmal den renovierten Veranstaltungsort „Das Zentrum“ wiedersehen wollte, den ich im Festspielsommer 2004 so oft als Praktikant des Festival Junger Künstlers aufsuchte, hatte ich einen Grund mehr, mich nach der Arbeit ins Auto zu setzen. Dass während der Konzertpause von zwei Konzertbesucherinnen abfällig über diesen, etwas spröden Ort gesprochen wurde, konnte und wollte ich nicht hinnehmen, denn ein Jugendkulturzentrum sollte kein prachtvoller Ort sein. Es steht für neuartige Formate zur Verfügung, was das Publikum  auch anzuerkennen wusste:  Das schöne Wort „extravagant“ schnappte ich als Kommentar zum Programm auf. Der Ort schafft letztlich den Rahmen für dieses positive Urteil!    

Mich reizte besonders ein hervorragend zusammengestelltes Konzertprogramm, das als „Trios des femmes“ betitelt war. Die Kulturfreunde Bayreuth luden dazu Ende November 2022 das junge Trio Lilium (Silvia Rozas Ramallai, Flöte; Max Vogler, Oboe; Knut Hanßen, Klavier) ein. Ausschließlich wurden Werke von Komponistinnen aufgeführt, von denen ich zuvor nur Clara Schumann und Lili Boulanger zuordnen konnte. Vor allem reizte mich das zuletzt gespielte Trio der aus London stammenden Madeleine Dring (1923-1977), das anders als die zuvor gespielten Trios von Germaine Tailleferre und Mélanie Hélène Bonis für die Originalbesetzung Flöte, Oboe und Klavier komponiert worden war.

Zu Beginn  des Neuen Jahres könnte keine Spielanweisung besser passen als „with attack, but not too heavily“. Sie steht am Anfang des Trios aus dem bewegten Jahre 1968. Dieses strahlende C-Dur-Harmonie ist zusammen mit dem ausgeklügelten Rhythmus unverwechselbar. Das Notenbild zeigt die vielen Taktwechsel, die mich an einen Schwank erinnern, wobei im Wort ja auch das Schwankende, Wechselhafte steckt. Humor, Witz und Freude lassen sich kaum besser instrumentieren:

Trio von Madeleine Dring
Madeleine Dring: Trio für Flöte, Oboe und Klavier, Josef Weinberger Verlag, 1970, Takt 1 – 10.
Trio von Madeleine Dring
Madeleine Dring: Trio für Flöte, Oboe und Klavier, Josef Weinberger Verlag, 1970, Takt 11-22.

Was mich beeindruckt, ist die lebensnahe Charekteristik dieser Musik, die sich auch im schlichten zweiten Satz, der Ohrwurmpotenzial hat, und dem teils anmutigen („gracioso“), teils virtuosen („brillante“) dritten Satz zu hören ist. Sonst hätte auch nicht die Intendanz der Bielefelder Philharmoniker ein kleines (Appetizer-) Video mit dem schönen Titel Der Klang der Stadt gedreht , in dem der erste Satz von Drings Trio vom Trio Tastenwind interpretiert wird, wobei hier die Oboe durch die Klarinette ersetzt wurde.

Im Programmheft, das das Trio Lilium ausdrücklich vor dem Konzert als gut recherchiert lobte, steht zu Madeleine Dring:

Dring strebte danach, in ihren Kompositionen Neuheiten und überraschende Momente zu präsentieren in der Hoffnung, dass ihre Musik einerseits ein klein wenig schockierend wirkte, andererseits aber den Hörer auch zum Schmunzeln brachte.

Der Pianist Knut Hanßen vergaß nicht zu erwähnen, dass Drings Ehemann ein Oboist gewesen ist, was sich sicher förderlich für die Komposition auswirkte. Darüber hinaus steckt in dieser Musik so viel Bühnenreifes, dass es nicht verwundert, wenn ich lese, dass Dring „Musik für Revuen, für Theaterstücke und für Fernsehproduktionen von Bühnenstücken“ schrieb. Mit diesem Schaffen ist es nicht leicht, bekannt zu werden, weil es sicherlich keine großen, opulenten Werke sind. Das ist bei vielen Komponisten nicht anders – nur die wenigsten werden wirklich bekannt.  Umso wichtiger, sich regelmäßig Kompositionen zu widmen, die einem womöglich nur einmal im Leben live begegnen. Dem Trio Lilium bin ich genauso dankbar wie den Kulturfreunden Bayreuth.

Das Konzertprogramm findet sich hier. Die Noten des Trios lassen sich über die Seiten der Pianistin Caecilia Boschman finden. Auf Youtube gibt es eine gute Aufnahme mit Jeanne Baxtresser (Flöte), Joseph Robinson (Oboe), und Pedja Muzijevic (Klavier).

Besonders wachsam: Wenn es in den Ohren klingelt

Ende November hatte ich das Vergnügen, zum wiederholten Mal einen Künstler in seinem Atelier in der Nähe des sächsischen Waldenburg aufzusuchen, der durch seine Lebensgeschichte und seine Gemälde mich stets im positiven Sinne herausfordert. Frithjof Herrmann ist in einschlägigen Kreisen kein Unbekannter – zumindest nicht im Umkreis seiner Geburtsstadt Zwickau. Ich lernte sein Werk in einer Ausstellung in Meerane bei Glauchau kennen und war sofort von seinen Farbkompositionen in den Bann gezogen. An weiterführenden Schulen hat er sein künstlerisches Wissen über Jahrzehnte vermittelt; bis zum heutigen Tag unterrichtet er das eine oder andere junge Talent.

Atelier von Frithjof Herrmann
Das Atelier von Frithjof Herrmann in Niederwiera bei Waldenburg; November 2022.

Nachfolgend geht es um ein einziges Wort, das Frithjof aussprach und in meinen Ohren klingelte. Im leicht sächsisch gefärbtem Dialekt hörte ich so etwas wie „fischilant“; nur wenige Augenblicke später sprach ich ihn auf das Wort an, das er als „vigilant“ bestätigte und es im Kontext sicher auch korrekt für seine Selbstbeschreibung verwendete. Es war mir noch nie im Deutschen zu Ohren gekommen; dank des Französischen, das es neben dem Englischen in gleicher Schreibweise kennt, war mir klar, was er meinte. Nur dachte Frithjof, dass das Wort (weiterhin) recht geläufig sei. Da musste ich Zweifel anmelden. Und siehe da: Der Zusatz „veraltet“ wird bei wortbedeutung.info der Worterklärung vorangestellt. Als vigilant gilt bzw. galt jemand, der „eine hohe Intelligenz mit scharfem Verstand“ aufweist. Auf Frithjof Herrmann trifft das zu, denn er hat sein langes Leben auch dank dieser Eigenschaft eindrucksvoll gemeistert. Im Englischen und Französischen ist die Bedeutung etwas anders: Hier geht es darum, „mit Sorge und Hingabe“ auf etwas zu achten. Das trifft auch auf meine Erfahrungen mit diesem Wort in Frankreich zu: „Restez vigilants!“ kann man leicht mit „Bleiben Sie wachsam!“ übersetzen. Hierfür sollte man selbst Sorge tragen; mit Scharfsinn hat das weniger zu tun.

Seit den 1970er Jahren ist in unserem Nachbarland der „Plan Vigipirate“ in Kraft. Durch Museums- und Theaterbesuche ist mir der Begriff seit den 2000er Jahren vertraut, obwohl ich die eigentliche Bedeutung bislang nie recherchiert hatte.  Ich muss dabei stets an einen Piraten denken, auch wenn, wie ich kürzlich erfuhr, der Begriff ein vollständiges Akronym ist. „Vigi“ steht dabei für „vigilance“ (Wachsamkeit) und „pirate“ für „protection des installations contre les risques d’attentats terroristes à l’explosif“. Hier wird deutlich, dass das Französische auch bei sehr ernst zu nehmenden politischen Maßnahmen quasi spielerisch mit Sprache umgeht. Denn es liegt auf der Hand, dass sich gedanklich der Angesprochene  wachsam gegen Piraten verhalten sollte, auch wenn der Piratenbegriff eigentlich für Straftäter auf hoher See vorbehalten ist, wo nicht schnell staatliche Gewalt eingreifen kann. Würde man in Deutschland nicht lang darüber diskutieren, ob hier nicht Missverständnisse zu erwarten seien? Man könnte ja auch denken, dass man selbst zum Piraten wird – seit dem Aufkommen der Piratenpartei in den 2010er Jahren liegt dies nicht ausschließlich im Bereich der Fantasie.  Übrigens wird der Begriff „Vigilanz“ im Deutschen in der Neurologie  verwendet und bezeichnet einen Zustand der Wachheit bzw. Aufmerksamkeit, mit der der Mensch gewisse Leistungen absolvieren kann. Sowohl Wachsamkeit als auch Scharfsinnigkeit kommen hier als menschliche Grundfähigkeiten ins Spiel. 

Auch die Bibel erinnert uns öfter an unsre Wachsamkeit, am prominentesten im 24. Kapitel des Matthäus-Evangeliums: 

Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.

Dieses Gleichnis vom „wachsamen Hausherrn“ appelliert an das, was Frithjof Herrmann als „vigilant“ bezeichnete.  Man weiß ebenso wenig vorher, wann die Gefahren lauern und wann Christus uns begegnet. Man könnte sogar sagen: „Im Begriff der Wachsamkeit sind alle moralischen Einzelforderungen zusammengefasst.“ Jedenfalls hat mich wachsames Zuhören zu diesem Artikel geführt, der ohne das Schlüssel-Wort aus dem Mund eines  „vigilanten“  Künstlers nicht entstanden wäre…

Film-Fotografie: Sinnschärfende Bilder im Film „Tagundnachtgleiche“ (2020)

Es wäre eine typische Einstiegsfrage in einem medienwissenschaftlichen Seminar: Wo liegen die Unterschiede zwischen Filmografie und Fotografie? Dass sich die Frage lohnen könnte, merkt man daran, dass im Abspann das lapidare Wort ‚Kamera’ im Englischen durch ‚Director of Photography’ wiedergegeben wird.

Der Debütfilm Tagundnachtgleiche von Lena Knauss besticht nicht zuletzt durch Kamerabilder, die Licht und Dunkel in ein wundersames Mischverhältnis bannen. So ist es passend, dass im Abspann der Begriff „Bildgestaltung“ (Eva Katharina Bühler ) verwendet wird.  Der Titel ist bereits ein Verweis auf die „sinnlich-poetische Atmosphäre, die sich in der Visualität spiegelt“, um Worte von Knauss zu ihrem Film wiederaufzunehmen.  Die Geschichte des kontaktscheuen Alexander (Thomas Niehaus), der sich hemmungslos in die  Variété-Künstlerin Paula Clarin (Aenne Schwarz) verliebt, bevor sie mysteriös aus dem Leben scheidet, ohne dass er sie näher kennenlernen konnte, nimmt erst durch Paulas Schwester Marlene (Sarah Hostettler) Gestalt an. Die Liebe kann sich erst dank Marlenes Einfühlungsgabe in ihrer Rolle als Radiomoderatorin vollends entfalten. Während Paula den Augen der Regisseurin als „Projektionsfläche“ dient,  ist ihre Schwester als Radiomoderatorin trotz ihrer Unsichtbarkeit Alexanders Lebenswirklichkeit viel näher. Das liegt auch daran, dass Alexander ein großer Liebhaber klassischer Musik ist.

Ein Dialog bleibt dabei besonders in Erinnerung, als Marlene Alexander ihren Arbeitsplatz im Funkhaus zeigt:

[Alexander:] Hier kommt das alles her, was ich jeden Tag höre. Das ist schon irgendwie ein kleines Wunder. Du setzt dich hin, und wenn man will, kann man nun überall da draußen deine Stimme hören.

[Marlene:] Ich liebe das. Alles wird verschluckt. Als gäbe es da draußen die Welt gar nicht – nur noch das Hier und Jetzt. Für die da draußen bin ich unsichtbar: Keiner sieht mich – trotzdem bin ich da!

Eigentlich ist Marlenes Stimme zusammen mit den angekündigten Musikstücken – darunter Ohrwürmer wie die Vocalise von Sergej Rachmaninoff in einer Version für gemischten Chor mit heller Solo-Stimme – der Impuls für eine Annäherung Alexanders. In einem Kammerkonzert hören die beiden live die 1. Gnossienne von Erik Satie in einer Version für Klavier und Cello, wobei Alexander sich noch immer Paula an seiner Seite vorstellt (im Film sehen wir abwechselnd die beiden Schwestern neben ihm).

Zwei Film-Bilder zeigen die präzise Beleuchtung des Films. Ganz zu Anfang sehen wir Alexanders Arbeitsplatz  – seine Fahrradwerkstatt neben einem Café – mit dessen Besitzerin er hin- und wieder anbandelt:

Filmszene aus "Tagundnachtgleiche"
Alexanders Lebenswelt: Fahrradwerkstatt & Café; Tagundnachtgleiche, Regie: Lena Knauss, Tamtam Film (2020), 1’26“

In wenigen Sekunden wird das opake Nebeneinander von Arbeit und Unterhaltung in Hell und Dunkel gehüllt. Das bewegte Bild zoomt in Alexanders Werkstatt hinein, so dass der Zuschauer in die Lebenswelt von Alexander eintaucht.

Die andere Einstellung zeigt, wie Alexander auf den Fersen von Paula ist. Er verfolgt sie bis zu ihrem Arbeitsplatz, dem Variété Tagundnachtgleiche:

Nachtszene in "Tagundnachtgleiche"
Alexander folgt Paula zu ihrem Arbeitsplatz; Tagundnachtgleiche, Regie: Lena Knauss, Tamtam Film (2020), 10’36“

Auch hier sind es wenige Sekunden, in denen die Einstellung unvergesslich wird. Gerade die wenigen hellen Stellen  rund um die Theaterkasse haben zusammen mit dem leuchtend weißen, vertikal angeordneten Schriftzug „Tagundnachtgleiche“ etwas Traum-haftes. Hier spiegelt sich Kunst auch in der Kunst, da hier offensichtlich das Eingangstor zu einem Variété-Theater im Film als Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum ein besonderes Gewicht erhält.

Auch im weiteren Verlauf des Films gibt es viele buchstäblich traumhafte Einstellungen. Da auch Liebe etwas Unerklärliches ist, bleibt die Beziehung zwischen Alexander und Marlen in der Schwebe. Der Hör- und Sehgenuss hält bis zum Abspann vor – allein dies ist Grund genug, den Film in einer schwärmerischen Einstellung anzuschauen; gerade dann ist es nicht mehr weit, von diesem Film zu schwärmen!

Die Zitate sind im Film an Position 46‘49‘‘ bzw. an 47‘24‘‘ zu hören. Das Interview mit Lena Knauss ist hier nachzuhören (Zitate folgen an Position 1’37“ bzw. an Position 2’23“). Bis Ende Februar 2023 ist der Film in der ard-Mediathek verfügbar. Die DVD kann zum Beispiel bei Weltbild bestellt werden.

Zum Aussteigen und Abschalten: Über eine Lektüre am Rande des Zuckerbahnradwegs

Ein stimmiges Intro für eine Literatursendung: Da steige ich in Zeitz aus dem Auto auf mein Fahrrad und nehme Kurs auf den erst einige Jahre vollständig fertiggestellten Zuckerbahnradweg. Neben einer Packung Energy Balls kommt ein Roman mit, das das Aussteigen als Lebensveränderung thematisiert: Herr Jensen steigt aus von Jakob Hein (2006), wahrlich ein moderner Aussteigerroman. Damit aber noch nicht genug: Bevor ich den offiziellen, gut 35 Kilometer langen Radweg in Angriff nehme, pumpe ich an einer bft-Tankstelle noch meine Reifen auf. Am Rande sitzen junge Leute mit Bierpullen zusammen. Ein Gesprächsfetzen lässt mich aufhorchen. Angeblich laufe nichts Gescheites im Fernsehen, woraufhin einer lapidar ausruft : „Hartz-4-Fernsehen!“ Ich hätte noch länger gelauscht, doch ich habe nur gute dreieinhalb Stunden Zeit, um die einzige wirklich annehmbare Umsteigeverbindung am Zielort zu erwischen, um wieder vor Einbruch der Dunkelheit am Auto zu sein. Der Melassegeruch in der Nähe des Südzucker-Firmengrundstücks begleitet mich kilometerlang. So macht der Radweg seinem Namen alle Ehre.

Zuckerbahnradweg
Makro-Schiene als Fahrradabstellmöglichkeit (für
„Schienenersatzverkehrsfahrzeuge “) am ehemaligen Bahnhof Droyßig

Im Roman wird das Medium Fernsehen ebenfalls in einen sozioökonomischen Kontext gebracht. Folgenden Passus, der mir zu dem Zeitpunkt schon bekannt war, hätte ich gerne mit etwas mehr Zeitpuffer an der Tankstelle vorgelesen:  

Herr Jensen verließ seine Küche, setzte sich auf sein Sofa, ergriff die Fernbedienung und schaltete seinen Fernseher an. Er drückte sich durch die verschiedenen Programme und wurde von einer tiefen Zufriedenheit erfasst. Sie hatten ihm die Arbeit genommen und seine Pläne, aber sie mussten ihm immer noch genau dasselbe Fernsehprogramm geben. Dutzende verschiedener Sender, mit Millionenaufwand produzierte Programme, durch Werbung finanziert. Er empfing genau das gleiche Fernsehprogramm wie ein Millionär, was ihm schon fast wie Kommunismus erschien. Und es war vollkommen nutzlos, Herr Jensen hätte sich im Moment kein einziges der Produkte gekauft, für das sie da Werbung machten. Trotzdem konnte er die verschwenderische Vielfalt in vollem Umfang aufnehmen, sie wurde ihm vor die Füße geworfen. 

Mit Hartz 4 begann in etwa das 21. Jahrhundert in der deutschen Sozialpolitik. Der Ausdruck „Hartz-4 -Fernsehen“ verknüpft, wie es an der Tankstelle anklang,  die dürftige Sozialhilfe mit dem Fernsehprogramm, was ein gar nicht so trivialer Gedanke ist. Das Fernsehen ist im Grunde für alle erschwinglich und zugänglich. Die Vielzahl an Kanälen lässt sich nicht mehr überblicken, so dass zusammen mit dem Internet-Fernsehen eine Übersättigung für alle Zielgruppen vorhanden ist.  Wer viel Zeit und wenig Elan hat, kann stundenlang am Tag vor dem Fernseher hocken. Und nicht selten werden Hartz-4-Empfänger im Fernsehen porträtiert und ihr Leben beschrieben, wovon 2018 Die Zeit berichtete. Insofern ist die Analogie zwischen Status und Medium nicht irreführend. Traurig ist der aufgeschnappte Begriff allemal. Denn man fragt sich schon, was die produktiven Fernsehschaffenden antreibt, um in mehreren Formaten ausführlich über Randgruppen zu berichten. Gibt es da neue Erkenntnisse? Klar ist: Das Programm wird mitsamt der Werbung von vielen Zuschauern konsumiert (und indirekt auch bezahlt). Hier zählt bestimmt der Faktor der Identifikation mit der Sendung.

Auf der Rückfahrt lese ich im besagten Roman weiter. Im Grunde ist Herr Jensen ein Typ, der sich des sozialen Netzes entledigt. Dadurch, dass er nicht nur seinen Fernsehapparat „mit einer ruhigen, geschmeidigen Bewegung aus dem geöffneten Fenster“ wirft, geht er mit Sozialleistungen nach seiner Entlassung als Postbote leichtfertig um: Als er seinen Briefkasten und sein Klingelschild demontiert, steigt er im Grunde aus seinem ganzen Sozialleben aus – von (Mobil-)Telefonen ist nicht die Rede. So passt es, dass die für ihn zuständige Sachbearbeiterin Frau Ortner, die mit „seiner Hartnäckigkeit, der arglosen Penetranz“ nicht so recht umgehen kann, beschließt, „dass er weiterhin seine Bezüge bekommen sollte, und das erst einmal auf unabsehbare Zeit und vor allem ohne Folgetermin in ihrem Büro“. Herr Jensen verweigert sich – er hat keinerlei abgeschlossene Ausbildung – einer weiteren Schulungsmaßname, denn sein früherer Arbeitgeber hat ihn zum Ausstieg veranlasst. Auf die Aussage von Frau Ortner, ein Kurs mit dem Namen „Fit for Logistics“ ergebe nach der erfolglosen Maßnahme „Fit for Gastro“ Sinn, antwortet Herr Jensen kühn:

Nein, mir wurde gekündigt, um Kündigungen zu vermeiden, in der Branche gibt es keinen Wiedereinstieg. Ich bin fit für die Branche, leider ist die Branche nicht mehr fit für mich.

Kaum ein Geschäft liegt direkt am Rande des Zuckerbahnradwegs. Ich unterquere nach etwa Hälfte der Strecke die A9, auf der es sich – wie surreal in einem dünn besiedelten Raum – in Richtung Norden sogar staute. Die Ortschaften sind allesamt unauffällig und am Reformationstag verschlafen. Man hört einzelne Stimmen von Privatgrundstücken aus. Einmal quert eine Pferdekutsche den Radweg. Ich sehe auf der ganzen Distanz sicher mehr Radfahrer als fahrende Autos. Auf den letzten etwa 10 Kilometern ist die Trasse nicht mehr vorhanden, doch die Wege bleiben gut fahrbar: Mit Elan rolle ich auf einer kilometerlangen Abfahrt hinab ins Saaletal und erreiche nach gut drei Stunden just-in-time den Zielort Camburg, nachdem ich mir den offiziellen kurzen Schlenker über den Saaleradweg am gegenüberliegenden Ufer erspart habe.

Um von Camburg zurück nach Zeitz zu kommen, fahre ich zunächst mit dem Regionalexpress in Richtung Leipzig und muss in Weißenfels umsteigen. Von dort bringt mich ein kleines, hochmodernes Triebfahrzeug trotz technischer Störung ohne merkliche Verzögerung bis Zeitz, wo es erst einmal abgestellt wird. Das Auto steht günstig in Bahnhofsnähe; rasch ist das Fahrrad verstaut, bevor die bft-Tankstelle zum Auftanken bereitsteht. Lückenlos schließt sich der Kreis nach mehrmaligem Auf-, Ab-, Ein- und Aussteigen.

Der Roman kann günstig über abebooks oder beim Piper Verlag erworben werden. Die Rezensionen erhielten ein geteiles Echo; die Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung ist recht differenziert geschrieben. Die langen Zitate sind aus der Piper Ausgabe (13. Auflage) entnommen und finden sich auf den Seiten 31 und 105. Weitere Zitate stehen auf den Seiten 79 und 106/107.

Liefer-Biene: Zum Mopedauto im Film „Sommer auf drei Rädern“

Möchte ein Regisseur in seinem Film gewisse Entwicklungsprozesse im Raum-Zeit-Kontinuum anschaulich machen, so scheint dafür eine Kombination aus Roadmovie und Coming-of-Age-Film geeignet. Ein wunderbares Beispiel dafür ist Sommer auf drei Rädern von Marc Schlegel, der vom SWR in Auftrag gegeben wurde. Einen genaueren Blick lohnt hier die Auswahl des Vehikels, das aufgrund seiner drei Räder auffällig ist. 

Drei mit unterschiedlichen Schicksalen konfrontierte Jugendliche fahren mit einem „Mopedauto“  mit drei Rädern auf zwei Achsen von Stuttgart in Richtung Bregenz am Bodensee. Vorgestellt wird sie im Film wie folgt: „Piaggio Ape Tm 703, Baujahr 1986, keine Airbags, kein ABS, dafür eine Ladefläche für extra viele Warmehalteboxen und sportliche 11 PS“.  Ape heißt zu deutsch Biene und kommt wie die weltberühmte Vespa (Wespe) aus dem Hause Piaggio. Die Biene wird wie die Vespa in verschiedenen Ausführungen seit den 1950er Jahren hergestellt. Wenn das keine Erfolgsgeschichte ist! Sie ist wohl einer der kleinste Kleintransporter und wird vor allem im Innenstadtbereich genutzt. Als Nutzfahrzeug ist sie den meisten vertraut, ohne wirklich Kult zu sein. In der Automobilstadt Zwickau nutzt das Fahrzeug ein Buchhändler, um seine Ware auszuliefern;  dank seiner Wendigkeit wurde es sogar im Sommer 2022 während der Aufführung der Oper L’elisir d’amore (Der Liebestrank) von Gaetano Dozinetti auf die Open-Air-Bühne in Plauen gefahren und diente dem Scharlatan Dulcamara als fahrbarer Untersatz.

Die drei folgenden Standbilder zeigen, wie wunderbar die Ape die Handlung in einem sehr gut fotografierten Roadmovie mitbestimmt:

Sommer auf drei Rädern - Halt an der Pizzeria
Nach dem kurzen Halt an einer Trattoria geht das Reiseabenteuer los –
Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 28’19“.
Sommer auf drei Rädern - Abenteuer
An einer Weggabelung geht der Sprit aus; Zeit für ein neues Abenteuer –
Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 30’12“.
Sommer auf drei Rädern - Abenteuer
Die Ape hat sich im Matsch festgefahren; und wieder gibt es ein Abenteuer – Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 45’1“.

Eine Ape ist kein Fahrzeug, mit dem man glänzen kann. Es passt zu den drei Hauptcharakteren Flake, Kim und Philipp, die allesamt am Rande der Gesellschaft stehen. Die Selbstvorstellung der zentralen Hauptfigur ganz zu Beginn des Films haut sprichwörtlich rein:

Ich bin Flake. Was Flake für ein Name sein soll? Meine Eltern haben sich Ende der 90er Jahre auf einem Metalfestival kennengelernt und dachten, es wäre eine niedliche Idee, ihr erstes und einziges Kind nach dem stotternden Keyboarder einer Rockband zu benennen. Doch es war nicht nur der Name, der mich zum Außenseiter gemacht hat.

Flake ist ganz hin und weg von Leonie, die nach einem längeren Auslandsaufenthalt in seine Klasse kommt. Als Sitznachbarn tragen sie gemeinsam Referate vor; doch hat sowohl sie als auch Kim bereits einen Freund.  Flake opfert sich für Leonie auf:  Er kommt mit ihr auf der Abi-Party in Berührung mit Rauschgift, sie sitzt danach am Steuer, und Flake nimmt den Crash nach der Flucht bei einer Verkehrskontrolle auf seine Kappe, so dass Leonie unbehelligt bleibt. Beim kommunalen Lieferdienst „Essen auf Rädern“, wo er Sozialstunden ableisten muss, begegnet er Kim, die aufgrund von illegalem Drogenbesitz ebenfalls dazu verdonnert worden ist. Leonie macht derweil Urlaub mit ihrem Freund am Bodensee.

Den beiden wird vom Lieferdienst jenes Vehikel zu Verfügung gestellt. Es bietet eine doppelte Perspektive:  Da nur der Deal mit einem in Bregenz in einem teuren Hotel wohnhaften Koks-„Kunden“ ermöglichen kann, fällige Drogen-Rechnungen bezahlen zu können, nutzt Kim zusammen mit Flake ein Wochenende, um sich mit dem Mopedauto nach Süden zu begeben. Der führerscheinlose Flake, der üben möchte, wie er am besten zu Leonie Kontakt aufnimmt, soll als „Schlemihl“ für die Drogenübergabe eingespannt werden.  Der dritte im Bunde, Philipp, an den Rollstuhl gefesselt und in der Einrichtung wohnhaft, in der Flake ihn mit dem falschen Essen versorgt, kommt auf der Ape-Ladefläche mit auf die Reise, weil er aus seinem monotonen Betreuten-Wohnen-Status ausbrechen will. Er sorgt durch seine Kaltschnäuzigkeit für die eine oder andere zusätzliche Handlungsdynamik.

Das  mehrdeutige jiddische Wort „Schlemihl“ hat eine größere kulturhistorische Bedeutung und bedeutet allgemein „Pechvogel“, kann aber auch als „Schlitzohr“ bzw. Narr durchgehen. Im Film wird der Begriff von Kims Freund als „jemand Unauffälliges“, als „jemand, der die Übergabe macht , ohne zu wissen, dass da Drogen transportiert werden“ erklärt. Das Unauffällige macht ihn einerseits zum Opfer, aber andererseits auch zum Täter. Jakob Schmidt brilliert in dieser komplexen Rolle, in der er Schüchternheit mit einem gewissen Biss im richtigen Augenblick sehr gut kombiniert.  Dieser Plan der Schlemihl- Rolle zerschlägt sich zwar, doch die Übergabe gelingt, kurz vor der Verhaftung des nun im Drogenbesitz befindlichen Kunden und einem durchgeknallten Kaninchenzüchter, der schon während der Fahrt dem Trio das Leben schwer machte und von dem Koks-Deal Wind bekam. Just Flake kann dem Kunden im richtigen Augenblick das Geld abknöpfen, während die Polizei schon auf der Lauer ist.

Während des Roadmovies kommen sich Kim und Flake näher: Sie erkennen ihre Zuneigung zueinander, und Flake begreift, dass die Zuneigung für Leonie nur eine Schimäre ist. Das teilt er ihr auch ehrlich am Bodensee mit, so dass auch für ihn die Reise wertvoll ist. Nun ist der Weg frei für eine authentische Liebesbeziehung durch dick und dünn – das Außenseitertum hat ein Ende; der Weg raus aus dem Drogenmilieu ist geschafft. So gesehen hat das Mopedauto buchstäblich über Umwege zur Entwicklung der jungen Menschen beigetragen.

Der Film ist bis einschließlich 1. November in der Arte-Mediathek zugänglich; danach lohnt sich zumindest, den Trailer anzuschauen. Falls er Interesse wecken sollte, kann man nur dem Tag entgegenfiebern, an dem er bei einem Streaming-Anbieter oder auf DVD / Blue-Ray verfügbar sein wird. Das längere Zitat kommt bereits nach 46 Filmsekunden.

In geregelten Bahnen – Über eine kinetische Installation

Als Kind habe  ich – sicher aus rein ästhetischen Gründen – um kurz vor 20 Uhr des öfteren die Ziehung der Lottozahlen gesehen. Sie war lange (von 1965 bis 2013) vor der Tagesschau auf einem festen Sendeplatz in der ARD. Die „Lottofee“ Karin Tietze-Ludwig schien dafür die Idealbesetzung gewesen zu sein. Heute ist die Ziehung ins Internet-Fernsehen abgewandert.  Gab es früher während der Ziehung sanfte Combo-Musik oder auch mal Electro-Beats, wird heute regelrecht gelabert.  Das Kamerabild der im gläsernen Rund geschwenkten Lottozahl-Kugeln scheint mitsamt der einzeln hinauskatapultierten Kugeln nicht mehr Spannungsmoment genug zu sein.

In der Konschthal von Esch-sur-Alzette dachte ich sicher noch nicht an die Ziehung der Lottozahlen, als ich mir auf mehreren Stockwerken die kinetische Installation Distance von Jeppe Hein anschaute.  Hier sind es mit Hilfe eines Startknopfs vom Ausstellungbesucher in Gang gesetzte weiße Kugeln (etwa in Bowling-Größe), die scheinbar unendlich lang in buchstäblich geregelten Bahnen rollen und wiederholt über Hebelifte auf ein höheres Energielevel gehoben werden. Die Langsamkeit des Rollens ist beeindruckend. Mitunter ist mal ist ein Looping eingebaut, mal geht es rasant abwärts. Man folgt der Kugel, was Aufmerksamkeit erfordert: Das Aus-den-Augen-Verlieren ist möglich, wenn mehrere Kugeln im Umlauf sind. Das Scheppern als Nebeneffekt vermittelt das Ungeschönte, Materielle. Die Gesetze der Physik soll man eben auch als Geräuschkulisse erfassen können. 

Wenig ist im Internet über die Installation geschrieben worden. Liegt es daran, dass sie kaum erklärungsbedürftig ist? Oder dass  man sie mit den eigenen Sinnen eingefangen haben muss? Ein Foto und ein sehr kurzes Video zeigen mich beim Betrachten der Installation. Dabei wird deutlich, dass der Unterschied zwischen den Medien im Kinetischen und Akustischen liegt: Das Foto kann die Dynamik und das Atmosphärische, wozu auch die Tonkulisse beiträgt, einfach nicht einfangen:

Distance von Jeppe Hein
Distance von Jeppe Hein
( Besichtigung am 21.08.2022 in der Konschthal Esch-sur-Alzette )
Distance von Jeppe Hein
(Besichtigung am 21.08.2022 in der Konschthal Esch-sur-Alzette)

Die Installation kann man gut nutzen, um physikalische Prozesse zu illustrieren. Ebenso lässt sich damit ein System als Konstrukt beleuchten. Wenn nur ein Bauteil defekt ist,  dann ist das ganze System lahmgelegt. Oft ist das nur abstrakt vorstellbar, doch in dem ehemaligen Möbelhaus, der heutigen Konschthal, merkt der Betrachter, wie stark es auf die Konzeption des Ganzen und auch auf jedes einzelne Element ankommt.  Die Wahrnehmung wird auf das Wesentliche gerichtet, nämlich auf den Ablauf.  So wie jeder Ausstellungsbesuch einen gewissen Ablauf hat, so wird hier deutlich, wie Wege vorgezeichnet und dann mit räumlichen Besonderheiten in Einklang gebracht werden. Man könnte hierbei auch an Lebenswege gehen, die auch energetisch gesteuert werden, Stichwort: „Lebensenergie“. In dieser Erkenntnis hat für mich die Installation auch etwas Modellhaftes. Distance steht für etwas Abstraktes, schwer zu Begreifendes. Ein Systemtheoretiker könnte hierzu Stellung nehmen.  

Meist nimmt ein Modell die Gestalt einer Miniatur an. Davon kann bei Jeppe Hein nicht die Rede sein. Ich würde von einer monumentalen Installation sprechen. Wir fühlen uns eher vom Spektakel übermannt. Das wäre beispielsweise bei einer Modelleisenbahn-Anlage nicht der Fall. Die kaum zu überschauenden Wahrnehmungsreize entsprechen auch eher unserer Erfahrungswelt. Die recht unbekannte Kulturhauptstadt – immerhin die zweitgrößte Stadt Luxemburgs – hat in zentraler Lage diese unsere Welt bereichert. Dafür sind wir ihr als Besucher dankbar.

Hier noch ein weiterer, kurzer Blogartikel mit einem unkommentierten, in Saint-Nazaire 2014 gedrehten Video zur Installation des 1974 in Kopenhagen geborenen Jeppe Hein. Distance war bereits an mehreren Orten ausgestellt. Das Bild und das kurze Video stellte mir freundlicherweise Cindy Unterrainer zur Verfügung.

Von Klettbach bis in die Vogesen

Je vous salue!

Grüßt euch! Da sind wir wieder und möchten euch auch dieses Mal auf eine kleine Reise, die über die Grenzen der Republik hinaus geht, entführen.

Wie ihr sicherlich schon erahnt habt, sind wir nicht einfach direkt in die Vogesen gefahren. Nein, wer uns kennt, weiß, dass wir zu Umwegen neigen und gerne an eher ungewöhnlichen Orten verweilen und die Umgebung auf uns wirken lassen; so auch dieses Mal.

In Klettbach, unserer ersten Station, verbrachten wir zwei angenehme Tage im Poul‘s Hof. Klettbach? Werdet ihr womöglich denken; wo mag das nur liegen? Nun, hier möchte ich euch natürlich nicht allzu lange auf die sprichwörtliche Folter spannen. Klettbach ist tatsächlich sehr verkehrsgünstig gelegen und befindet sich nur unweit von Erfurt, Weimar und Gotha entfernt. Also kamen wir natürlich nicht umhin, uns zumindest Erfurt und Gotha einmal anzuschauen.

Vor einigen Jahren, als ich noch jünger war, besuchten meine Familie und ich Erfurt; die Geburtsstadt meines Großvaters und meiner lieben Mama. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass ich etwas sentimental durch die Stadt wandelte, in der Hoffnung, einige der besuchten Orte wieder zu erkennen. Das gelang mir mal mehr, mal weniger gut, was sicherlich nicht zuletzt meinem eher mangelhaft ausgeprägten Orientierungssinn geschuldet ist.

Impressionen aus Erfurt

In Zeiten der Pandemie war es schön, im alten Stadtkern viele Menschen beim Bummeln oder an den zahlreichen Verkaufsständen zu sehen. Endlich war wieder Leben eingekehrt, was sich auch in der sichtlichen Freude der umherstreifenden Passanten zeigte.

Eine Dame erklärte ihrer etwas älteren Mutter, die sie im Rollstuhl vor sich her schob, was wohl diese riesige Absperrung und die große Bühne auf dem Domplatz zu bedeuten hätten. Nun, für diejenigen unter euch, die ebenso neugierig sind, wie die ältere Dame es zu sein schien, will ich das Rätsel natürlich sogleich auflösen. Zu jener Zeit, als wir Erfurt besuchten, gaben Die Ärzte ein paar Konzerte in der Stadt. So begegneten wir auch immer wieder auf unserem Spaziergang anderen Touristen, die es wegen des Konzertes in den Ort zog.

Auf unserem kleinen Stadtspaziergang begegnete uns aber auch ein netter Herr aus der Umgebung, der uns, weil er bemerkte, dass wir Hundefreunde seien, sogleich darüber informierte, dass erst kürzlich ein Hund ausgesetzt worden war und sich die Polizei nun der Sache angenommen habe, um den Halter zu ermitteln. Seinen Unmut darüber könnt ihr sicherlich nachvollziehen. 

Später am Tag ging es dann nach Gotha. Dort besuchten wir neben dem Herzoglichen Museum auch das Ekhof-Theater auf Schloss Friedenstein. Dieses kleine Theater zeichnet sich v. a. dadurch aus, dass die Bühnentechnik, mit der die Kulisse schnell umgestaltet werden kann, nahezu im originalen Zustand des 17. Jahrhunderts erhalten ist.

Eindrücke aus Gotha

Der Theaterabend war ein riesiger Spaß; voller Witz, einem „vermeintlich“ tödlichen Liebeselixir, Intrigen und Verlangen. So richteten die Akteure und Aktricen immer wieder auch das Wort an das verzückte Publikum. So zum Beispiel der Mönch, der sein „Gebräu“ unter das Volk bringen wollte, indem er kokett fragte: „Welche der Damen möchte heute alleine nach Hause gehen?!“ Ein Lachen ging durch die Reihen, als eine der Damen ihren Arm etwas zu spät wieder herunternahm.

Nach unserem Besuch in Klettbach und Gotha ging es dann in Richtung Luxemburg. Esch-sur-Alzette, die diesjährige Kulturhauptstadt Europas überraschte mit einem überdimensionierten, künstlerischen „Murmelprojekt“ und einem Universitäts-Campus, der sich wirklich sehen lassen konnte; alleine schon von der Farbgebung her. Ein Besuch des ehemaligen Hochofens durfte natürlich nicht fehlen. Hier galt es einige Treppenstufen und „Höhenmeter“ zu überwinden.

Kulturhauptstadt Esch-sur-Alzette

Danach hieß es endlich Urlaub in Frankreich. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie unglaublich aufgeregt ich war. Schon alleine die Fahrt durch den Tunnel in Richtung Frankreich bereitete mir große Freude. Selbstverständlich bestand ich darauf meine Betty (ja, so heißt mein Auto!) über die Grenze zu bewegen. Unsere erste Station war dann Nancy. Bei schönstem Wetter flanierten wir mit den beiden Hündchen durch die Stadt, genossen tolle Gespräche und eine wirklich sehr sehr leckere Quiche. Selbstverständlich durfte die eine oder andere Besichtigung dabei nicht fehlen.

Nancy in der Region Grand Est

Nach einigen Stündchen ging unsere Reise schließlich weiter. Hier übernahm Thomas nun das Steuer; und bei den Serpentinen, die wir teils durchqueren mussten, war ich auch wirklich sehr dankbar dafür. Mit dem Auto galt es nämlich einige Höhen und Kurven zu überwinden.

Letztlich erreichten wir unser Ziel und waren sichtlich glücklich und zufrieden. Auch die kleinen Hündchen freuten sich über ihren Auslauf auf der Ferme de Jean in Saulxures-sur-Moselotte.

Ankunft und erste Erkundung der Umgebung

Christophe, der Hausherr unserer Gîte, empfing uns freudig und zeigte uns die Unterkunft. Jeden Morgen bereitete er uns leckeres französisches Frühstück mit Käse, Croissants, Ei und Kaffee. Wer Marmelade oder Honig haben mochte, bekam natürlich auch dies. Christophe wirkte dabei stets entspannt und wir Deutschen machten unserem Ruf, sehr ordentlich und diszipliniert zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes alle Ehre. Darüber scherzten wir dann auch gerne mit Christophe.

Wir genossen viele tolle Gespräche und ich konnte ein wenig an meinem Französisch üben.

Schöne Wanderungen durften in den Vogesen natürlich nicht fehlen. Meine zwei kleinen Hündchen benötigten allerdings einmal eine etwas längere Pause, um sich von den „Wanderspaziergängen“, denn diese waren eigentlich sehr hunde- und Cindy-freundlich konzipiert, wieder zu erholen. 

Wandereindrücke aus den Vogesen

Für mich als Berlinerin, mit vergleichsweise wenig Gebirgserfahrung (Wie hoch ist unser höchster „Berg“ in der Stadt? Etwa 120 Meter?!) waren die gut 1.000 Meter über dem Meer (unsere Ferme lag laut outdooractive.com auf 888 Metern :-)) eine tolle Abwechslung und kleine „Herausforderung“. Ihr könnt euch sicherlich denken, wie freudig erregt ich war, als ich das Gipfelkreuz des Hausbergs, dem Haut du Roc, erreichte. Der Anblick, der sich dabei bot, war einfach malerisch.

Ein Naturfreibadbesuch in der Base de Loisirs von Saulxures-sur-Moselotte durfte selbstverständlich nicht fehlen; ebenso wenig wie der Besuch zweier unglaublich schöner Gärten in Cornimont und Granges-Aumontzey (ehemals Granges-sur-Vologne). Längere, anregende Gespräche blieben dabei natürlich nicht aus; wenngleich ich dabei häufig eher im Hintergrund fungierte. Man spürte in beiden Gärten einfach die pure Liebe zur Natur; ein unvergessliches Erlebnis.

Kunst in La Bresse und Cornimont (Jardin et Objets des Panrées)

Artgerecht gehaltene Freigänger-Katzen, aber auch Freigänger-Gänse begegneten uns auf unserer Reise durch die Vogesen und sorgten immer wieder für schöne, einprägsame Momente.

Tierische Bekanntschaften 🙂

Sehr guter Wein, anregende Gespräche, kulturelle Höhepunkte, wie der Besuch des Musée du Bois und viel Natur bereiteten uns ein unvergleichliches Erlebnis.

Musée du Bois in Saulxures-sur-Moselotte

Über Haguenau im Elsass ging es schließlich zurück nach Deutschland.

Impressionen vom Festival du Houblon in Haguenau

Ein Dank gilt allen, die diesen Urlaub zu etwas ganz Besonderem gemacht haben; durch die vielen guten tiefgründigen Gespräche mit unserem Gastgeber Christophe und den lieben Menschen in Cornimont, La Bresse, Saulxures-sur-Moselotte und Berchigranges, die uns u. a. auch Anregungen für unser eigenes kleines künftiges Balkon-Gartenreich gaben und für das Gefühl, irgendwie zu Hause zu sein und sich willkommen zu fühlen, obwohl man vielleicht noch nicht so sicher in der französischen Aussprache war.

Jardin de Berchigranges

Ich jedenfalls werde diesen Urlaub ganz sicher nicht so schnell vergessen und hoffe auf ein baldiges Wiedersehen mit Christophe und Gribouille, Familie Dronet, den Gartenfreunden aus Cornimont und all den anderen lieben Menschen, denen wir in den Vogesen begegnet sind. Am Liebsten wäre ich nie wieder fortgegangen.

À bientôt!

P. S. Für all diejenigen, die sich fragen, wer sich hinter Gribouille verbirgt… 🙂

Worauf Gribouille wohl wartet? 🙂

Gestochen scharf: Über ein besonderes Guckkastenbild, das einen vom Sockel haut

Auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt, so sind doch gewisse überlieferte Ereignisse rund um das Thema Erinnerungspolitik wieder brandaktuell:  Als Ende August 2022 in Riga ein Obelisk aus Sowjetzeiten geschleift wurde, weil er den Totalitarismus verherrlichte, musste ich an ein besonderes Guckkastenbild denken. Es wurde bis zum 11.September 2022 in einer feinen Ausstellung mit dem einprägsamen Titel „Die Welt im Kasten“ im Chemnitzer Schlossbergmuseum gezeigt. Bereits 2021 waren mehrere Guckkastenbilder aus der hauseigenen Sammlung im nahen SMAC (Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz) ausgestellt, als es um das Thema Stadt ging. In einem kurzen Video, das Teil des digital verfügbaren Ausstellungsdossiers ist, skizziert Kuratorin Katja Manz die Geschichte von Guckkastenbildern, die vom 17. – 19. Jahrhundert einen Blick in die Welt ermöglichten, spätestens im 18. Jahrhundert auch für die breite Masse.

Im Schlossbergmuseum ist auch Forschung präsent: Die Bachelor-Arbeit von Susanne Görnert, 2019 an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig unter dem Titel Die Guckkastenblattsammlung des Schlossberg-museums Chemnitz. Datierungsvorschläge und Vorlagenforschung vorgelegt, ist eine wichtige Quelle angesichts vieler noch offener Fragen. Aus der Arbeit erfahre ich, dass der Herausgeber der Guckkastenbilder, die Académie Impériale, von 1770 bis 1790 etwa 500 Exemplare als Kupferstiche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Anders als ein Fotograf ist ein Kupferstecher selten leibhaftig vor Ort; vielmehr muss er aus Beschreibungen und Erzählungen sein Werk schaffen.  Das hier thematisierte Guckkastenbild mit dem Titel „La Destruction de la Statue royale à Nouvelle Yorck“ (deutsch: Die Zerstörung der Königlichen Bild Säule zu Neu Yorck) wurde von Franz Xaver Habermann (1721 – 1796) in Augsburg gestochen, wo auch der Herausgeber ansässig war:

Guckkastenbild von Habermann
Franz Xaver Habermann: Die Zerstörung der Königlichen Bild Säule zu Neu Yorck, um 1780 (Online-Quelle: Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz: www.stadt-im-smac.de)

Zu diesem Guckkastenbild schreibt Görnert auf Seite 49 ihrer Bachelorarbeit:

Die Ansicht New Yorks bezieht sich auf das historische Ereignis des Reiterstandbildes König Georg III. am 9. Juli 1776 im Bowling Green Park. Habermann nutzte hierfür als Vorlage den Kupferstich eines unbekannten französischen Stechers, welcher diesen wenige Monate nach dem Ereignis herausbrachte.  Der Franzose schien New York nicht zu kennen. Statt dem 1760 erbauten Reiterstandbild König Georg III. ist eine Statue abgebildet. Auch die Stadtarchitektur erinnert eher an Paris als an die typisch koloniale Bauweise der amerikanischen Großstadt. Ebenso entspricht die revoltierende Menschenmenge welche aus Turban tragenden, dunkelhäutigen Männern besteht nicht der damals in New York lebenden Bevölkerung.

Welche Aussage sollte mit diesem Guckkastenbild transportiert werden? Immerhin ist das Motiv alles andere als malerisch. Die Zerstörung eines Vertreters aus der europäischen Monarchie ist doch starker Tobak, gerade für eine „Académie“, die das Kaiserliche in ihrem Namen führt. Doch Vorsicht:  Augsburg war damals (bis 1805) Freie Reichsstadt und genoss mehr künstlerische Freiheit als manch andere Stadt.

Georg III. (1738-1820) stammte aus dem Haus Hannover; seine Mutter war Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg. In seine fast 60 Jahre lange Regentschaft fiel als Zäsur die Unabhängigkeitserklärung der USA 1776. Wenn nur fünf Tage nach dem Independence Day der König im wahrsten Sinne des Wortes nach nur einem Jahrzehnt vom Sockel gehauen wird, dann geht es hier nicht um ein singuläres, isoliert zu betrachtendes Ereignis. Es ist nämlich nicht ohne den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg denkbar, der mehrere Jahre (1775 – 1783) dauerte.

Solch eine historische Umwälzung konnte nicht verschwiegen werden. Das Guckkastenbild mag bei Unwissenheit auch erschütternd wirken: fremde, „wilde“ Menschen scheinen die Akteure zu sein, während die wahrhaftigen politischen Kämpfer eher zuschauen. Auch dieses Zuschauen lässt verschiedene Interpretationen zu. Sind sie bestürzt oder eifern sie einfach nur mit? Der Kupferstecher Habermann versuchte, über ein Guckkastenbild den Betrachter in den Bann zu ziehen. Das Werk verrät gewisse (historische) Ungereimtheiten und verzerrt überlieferte Ereignisse. Es gibt einen Blick auf Historie frei, das auf eine ästhetische Wirkung abzielt. Der Akt der Zerstörung und seiner Betrachtung von einer überschaubaren Anzahl von Schaulustigen auf der Gasse – quasi vom Parkett – und am Fenster und auf der Veranda – quasi von den Rängen – wirkt inszeniert, während die Statue in ihrer Wirkung blass erscheint, da sie vergleichsweise unterdimensioniert dargestellt ist. Hat hier nicht einmal mehr der Künstler scharfen Durchblick hinsichtlich der Wucht der Geschichte bewiesen? Zumindest ist die Nachwirkung vorhanden: Man wird die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung anders lesen, wenn man dieses Guckkastenbild gesehen hat.  Und man wird den im September 2022 erneut angestimmten Vers „God save the King“ besonders hochhalten.  Möge Charles III. nicht vom Sockel gestoßen werden! Doch wird man ihn je als Statue verewigen?

Auf der Webseite der in Boston ansässigen Leventhal-Foundation ist der Kupferstich in faszinierender Auflösung online zu betrachten.

Und gut is‘ – Über neuartiges Sprachgut

Früher hörte ich meine Großmutter am Telefon sagen: „Ja, is‘ gut!“. Zumindest habe ich diese Worte von ihr in meiner Erinnerung abgelegt. Damit bestätigte sie nur, dass ich zu einer bestimmten Zeit, etwa zur Teestunde, vorbeikommen könnte.  Also zu einer wahrlich guten, passenden Zeit.

Das Gute kann manchmal auch bloß ausreichend sein: Laut dem Online-Nachschlagewerk OWID, betreut vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, ist seit den Nullerjahren die verwandte Wendung „Und gut is‘“ im Gebrauch. Umschrieben wird sie folgendermaßen:

es ist ausreichend, man sollte es dabei belassen

Der „Belegblock“ legt nahe, dass die Wendung schon vor dem Jahr 2000 existierte. Vielleicht ist sie ja entscheidend dadurch beflügelt worden, dass kurz vor der Jahrtausendwende Berlin Bundeshauptstadt wurde. Ich kann mir lebendig vorstellen, dass die vorwiegend in der mündlichen Sprache kursierende Floskel dort, wo massiv investiert wurde, in die Lande exportiert wurde. Besser lässt sich alltagstaugliche Schnoddrigkeit einfach nicht in Worten ausdrücken.  In einem Geschäft könnte die Geburtsstunde (zumindest die in Lettern dokumentierbare) geschlagen haben, wenn man sich folgenden Beleg anschaut:  

[eine] Verkäuferin, die mich an der Kasse eines […] Lebensmittelmarktes ungehalten auffordert, beim Einkauf nicht so viele verschiedene Mineralwasser zu wählen: „Nehm ’se sich ’ne Kiste von einer Sorte und gut is‘. Da kommt man ja ganz durcheinander mit den Preisen und is‘ doch sowieso alles die gleiche Plempe.“ (taz, 14.05.1999)

Am 09.08.2022 verwendete eine Variante, nämlich „Und fertig is‘“,
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in einem Fernsehinterview im ZDF-heute-journal, als es um das sensible Thema der im Herbst 2022 neu zugelassenen Impfstoffe ging. Spätestens seit diesem Interview ist mir klar, dass dieser Phraseologismus in der deutschen Sprache etabliert ist. Im größeren Kontext verwendete der Minister das Adjektiv ‚simpel’ in der Absicht, für mehr Klarheit zu geplanten Schutzregeln in Verbindung mit dem Impfstatus-Nachweis zu sorgen.

An was lässt mich diese Wendung noch denken? Spontan fällt mir ein Instant-Getränk ein, das auch nach dem Motto „Und fertig ist es“ zubereitet werden kann. Es geht darum, möglichst schnell zum Ergebnis zu kommen, ohne dass der Prozess sich zu lange in die Länge zieht.  Es schwingt ein gewisses Genervt-Sein mit hinein, dass auch im zitierten Beleg schön herauskommt.

Für mich bleibt es merkwürdig, dass das mickrige, semantisch leere und dazu noch dialektal markierte „is‘“ an das Ende eines Hauptsatzes gestellt wird, ohne jegliches Pronomen oder Substantiv. Was ist eigentlich gut? Man scheint das Urteil des Gegenüber vorweg zu nehmen.  Dass ‚gut’ bzw. ‚fertig’ eine gewisse Simplizität beanspruchen (in einem gewissen Äußerungs-Moment), macht die Sache auch nicht leichter. Auch dieses Belassen von etwas ist trügerisch: Understatement oder Bescheidenheit klingt jedenfalls anders (der Ton macht die Musik!). Das „gut“ ist deswegen als Urteil mehr als fragwürdig. Es wird entwertet, denn es klingt nach: Hauptsache, etwas ist ‚fertig’. Klar, wenn etwas fertig ist, dann können wir sagen: Gut so! Eine Erledigung, mag sie noch so banal sein, ist produktiv! Scheint in „Und gut is‘“ nicht auch  „Es reicht!“ durch, was wiederum Ärger ausdrückt? Das Verb ‚reichen’ reicht eben nicht immer aus, um jemanden zufrieden zu stellen. So wie im Belegbeispiel: Gut ist es, wenn ich jetzt die Sache (also den Getränkeeinkauf) beende, es reicht! Alternativ ließe sich noch sagen: Punkt. Aus. Ende.

Im erwähnten Fernsehinterview ist die Wendung „Und fertig is‘“, bei 5’40“ zu hören.

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