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Matsch-Pfütze

Schlagwort: Neue Sachlichkeit

Sportliche Stilübungen – Eine „Übungswiese“ als Gemälde

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Ob als Trainer oder als Lehrer – Übungen gehören zu deren Arbeitsalltag dazu. Bildlich sehr gut gleichsam wie eine Studie dargestellt ist das Übungsgeschehen bei Franz Sedlacek (1891-1945), von dem bereits im letzten Dezember die Rede war:

Sedlacek: Übungswiese
Franz Sedlacek (1891-1945): Übungswiese (1926), Lentos Kunstmuseum Linz.

Auch dieses Gemälde sah ich im Sommer 2025 im Chemnitzer Museum Gunzenhauser in der Ausstellung European Realities. In der Tat kann ich in der Wirklichkeit zu beobachtende Stilübungen erkennen, die sich auf Abfahrtsskiern abspielen. Ob man es beabsichtigt oder nicht: Einen gewissen Stil entwickelt jeder, der eine Piste schnell oder langsam herunterfährt. Tendenziell zahlt sich das Üben einzelner Schwünge aus, wie ich selber in den 1990er Jahren kurz vor der Markteinführung der Carving-Skier erfuhr: Wer die Skier mit der richtigen Verlagerung des Körpergewichts in die gewünschte Richtung manövriert, hat schon viel erreicht.

Wie unterschiedlich man dieses Gemälde interpretieren kann, zeigen zwei Stimmen: Während der Künstlerin Petra Hartl in ihrem auf die Präsenz von Hunden in Sedlaceks Werk fokussierten Blogartikel das Groteske der Stilübungen ins Auge springt, wird für den ehemaligen Chefredakteur der Linzer Kirchenzeitung, Matthäus Fellinger, die Bandbreite des prallen Lebens dargestellt, die sich nicht in einer Zuschreibung festmachen lässt.

Auf den Bergkuppen tummeln sich unzählige Schifahrer in grotesken Verrenkungen, sie wirken kontrastreich und ornamental auf ihrer zugeschneiten „Übungswiese“ vor dem düsteren Himmel. Auch hier ist ein Hund mit dabei: Aufgeregt bellend kommentiert er das würdelose Schauspiel, das groteske Treiben der Menschen. 

Es ist wie auf der Übungswiese des Lebens: Aufsteiger und Abfahrer in einem bunten Durcheinander. Geübte und Ungeübte, der Schmerz und die Fröhlichkeit – und immer wieder die Zwischenfälle, wenn jemand zu Sturz kommt.

An etwas Groteskes habe ich beim Anblick der Übungswiese nicht gedacht, doch finde ich den Ausdruck nicht unpassend. Es scheint, dass durch die Verdichtung des Gezeigten wie bei einem Wimmelbild unser Sehsinn ein Zuviel von Skiläufern wahrnimmt, deren Positionierung ohne klare Ausrichtung – also nicht wie einem realen Skihang von oben nach unten -dargestellt ist. Ohne diese Ordnung ließe sich (Pisten-)Chaos sprechen. Die einen unterhalten sich, die anderen steigen mitten am Hang den Berg hoch, während andere sich mehr oder weniger stabil auf den Brettern halten können. Nicht wenige stürzen spektakulär, was auch die Neigung zum Grotesken hat.

Mein primärer Gedanke bezieht sich fern von einer Skipiste auf einen Sprachkurs, in dem es weder Zulassungsbeschränkungen noch Eingangsprüfungen gibt. Es tummeln sich alle möglichen Talente darin. Keiner gibt den Ton an, sondern probieren sich aus. Man könnt hier auch von einer Übungswiese im Kursformat sprechen. Die einen bewerkstelligen den Kurs souverän, die anderen sind heillos überfordert. Das pädagogische Element besteht darin, keine klare Struktur vorzugeben. Ob dieses Fehlen von Orientierung nützlich oder nutzlos ist, vermag keiner zu beurteilen. Die einen können sich eine Fähigkeit selber aneignen (das Skifahren gehört wie das Sprachenlernen gewiss dazu), die anderen straucheln. Es sind, um mit Fellinger zu sprechen, eher „Zwischenfälle“ als Unfälle. Und es gibt Unbeteiligte, die über Erzählungen das Kursgeschehen mitverfolgen. Im Bild sind das analog diejenigen, die den Berg mit ihren geschulterten Skiern den Berg hochgehen.

Für mich lässt sich in diesem Gewimmel von Skifahrern auch ein Stück weit in abstrahierender Weise das Wesen der pluralistischen Gesellschaft versinnbildlichen. Uns vereint, dass wir allesamt (man denke an die fehlende Liftunterstützung in der Frühphase des Skifahrens) mühsam eine Herausforderung bezwingen müssen, um danach mehr oder weniger beschwingt einen Nutzen daraus zu ziehen (wie eine rasante Skiabfahrt). Doch welchen Nutzen jeder aus einer Anstrengung zieht, kann und will keiner vorgeben. Es ergeben sich unzählige Möglichkeiten als Individuum und natürlich als von Individuen vertretende Institution, der (Lebens-)Welt in einem persönlichen, schwer zu beschreibenden Stil zu begegnen. Ohne Stil-Norm kann Gesellschaft funktionieren, doch keine schriftlich fixierte Rechts-Norm kann die Unübersichtlichkeit im Hier und Jetzt vollumfänglich beschreiben. Insofern können wir uns in Sedlaceks Gemälde einen Skifahrer aussuchen, der uns stilistisch am nächsten steht. An ihm können wir uns orientieren, selbst wenn wir selber gar keine Skifahrer sind. Denn eine sportliche (Stil-)Übung ist ja immerhin ein beschreibbares Element, die unseren Lebensstil möglicherweise plastisch erscheinen lassen kann…

Kunstvoll beleuchtet – abseits des Rampenlichts

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Im Sommer 2025 besichtigte ich die famose Ausstellung European Realities im Chemnitzer Museum Gunzenhauser. Einige Gemälde haben mich sehr angesprochen, gerade auch weil man beim Betrachten nicht sofort an bestimmte Stile berühmter Künstler wie Picasso und Gauguin dachte.

Zwei ausgestellte Gemälde von Franz Sedlacek möchte ich in diesem und im kommenden Monat näher vorstellen. Das erste heißt Lied in der Dämmerung (1931).

Lied in der Dämmerung
Franz Sedlacek (1891-1945) – Lied in der Dämmerung (1931), Öl auf Sperrholz, Albertina, Wien.

Zum in Breslau geborenen Franz Sedlacek  (1891- 1945) ist mein Wissenshunger noch nicht gestillt. Bisher konnte ich erst einige spärliche Informationen finden. Das Wiener „Auktionshaus im Kinsky“  bestätigt meinen Eindruck von einem „klar geordneten Bildaufbau“, der nicht nur für die Anfang Dezember 2025 versteigerte Tuschezeichnung von 1936 mit gleichem Motiv gilt (Schätzpreis: 15.000 – 30.000 Euro; Erlös: 55000 Euro; inklusive Steuern und Gebühren: 71.000 Euro). Mich fasziniert der bewusst vorgenommene Stilbruch: Zum einen die altmeisterliche Maltechnik, die die nicht naturalistische Lichtstimmung wunderschön herausarbeitet. Zum anderen die grafisch anmutenden Elemente wie der Kopf des Pianisten in der Ecke und die übergroße Fledermaus im Zentrum.  Außerdem bilden „skurril-groteske und magisch-lyrische Bildfantasien“ soweit „alptraumartige Szenerien“ einen Vorstellungsraum, der kein üppiges Bildprogramm erfordert. Die (zu) hell gezeichnete Topfpflanze ließe mit ihren unterschiedlich ausgerichteten Blättern auch eine Bewegtheit im Raum imaginieren und würde damit die Bewegungen des Pianisten und auch der Fledermaus aufnehmen, gerade wenn man sich dazu einen vorgetragenen musikalischen (Klavier-) bzw. Orgelsatz (frz.: mouvement) vorstellt.

Wenn man bedenkt, dass der studierte Chemiker Sedlacek „Kustos für Chemische Industrie am Technischen Museum“ in Wien war, dann kann man sich vorstellen, dass Präzision eine große Rolle in seinem Werk spielt. Er ist also kein klassischer Berufsmaler gewesen. Auch als Illustrator, unter anderem in der bekannten Zeitschrift Simplicissimus, machte er sich einen Namen, der in den 1930er Jahren mehrfach mit der Österreichischen Staatspreismedaille geehrt wurde.

Nachdem ich das Gemälde Ende November wiederholt auf einer privaten Fotografie betrachtet hatte, kam ich in der anschließenden Woche mit gleich drei ganz unterschiedliche Kontexten in Berührung, in denen die Dämmerung eine Rolle spielt:

Einmal das Kunstlied Dämmrung senkte sich von oben (1873, op. 18) von Julius Otto Grimm nach einem Gedicht von Johann von Goethe, einem wunderbaren Beispiel für Naturlyrik. Der fünfte Vers „Alles schwankt ins Ungewisse“ könnte auch für Sedlaceks Gemälde gelten, denn die relative Bildleere im konkreten (Wohn-)Raum könnte auch für die Zeit gelten, die als Pendeluhr verdinglicht wurde.

Anschließend die kurze Erzählung Die Botschaft (1947) von Heinrich Böll, in der es heißt: „Es war unsagbar still, jene Stunde, wo die Dämmerung noch eine Atempause macht, ehe sie grau und unaufhaltsam über den Rand der Ferne tritt.“ Das zeitliche Innehalten – quasi ein Pausenzeichen in der Erzählung aus der Nachkriegszeit, kontrastiert mit dem Handlungsimpuls des Erzählers, der nach der Freilassung aus der Gefangenschaft eine Todesnachricht an die Ehefrau des im Juli 1945 verstorbenen Mitgefangenen übermitteln muss: „und das brennende, zerreißende Verlangen quoll in mir auf, mich hineinstürzen zu lassen in die graue Unendlichkeit des sinkenden Dämmers, die nun über dem weiten Feld hing und mich lockte, lockte…“ Ob Böll hier an die Naturlyrik Goethes dachte, wo bereits in zweiten Zeile die „Nähe fern“ ist? Man sieht hier, dass nicht nur zeitlich, sondern auch von der Stimmung her das Sedlacek-Motiv näher an Bölls erzählter Welt liegt als an Goethes Stimmungsbild.

Dass schließlich ein Cocktail mit dem schönen Namen Dämmerlicht in der stimmungsvollen Chemnitzer Bar Katz und Maus den Gedanken an die Dämmerung abschließt, wobei hier auch in der Erinnerung (Hintergrund-)Musik mitschwingt, war für mich ganz und gar eine wohltuende Sinnesfreude. Eine gute Kamera könnte den Hell-Dunkel-Kontrast, der sich bei der Betrachtung des Getränkes und des vor Ort realisierten Lichtkonzepts auftut, leicht belegen.

‚Dämmerung’, im Englischen ‚twilight’, lässt sich ja auch als Zwielicht bezeichnen. Gerade dessen Adjektiv-Form, das Zwielichtige, hat ja zuvorderst eine Bedeutung im übertragenen Sinne, wenn etwas Misstrauen oder Verdacht erweckt. Im Italienischen und im Französischen ist im Wort ‚chiaroscuro’ bzw. ‚clair-obscur’ die Hell-Dunkel-Akzentuierung als besondere Maltechnik seit der Spätrenaissance eingegangen. Licht wird ins Dunkel gebracht, um Dinge buchstäblich zu beleuchten, was auch die Interpretation beeinflusst.  

Jeder Betrachter wird – wie es für surreal anmutende Gemälde typisch ist – eigene Zugänge zu Franz Sedlaceks Gemälde finden. Manch einer wird womöglich beim Betrachten des zentralen Bildobjekts an einen Vorläufer eines Fantasy-Wesens denken. Mir reicht der Gedanke an ein Abendlied, das mit einigen Dissonanzen aufwartet und keinerlei Botschaft verkündet, sondern einen Raum öffnet, in dem viele Gedanken Platz finden, die oftmals im Ungewissen begründet liegen.

Die Böll-Zitate stehen auf der Seite 6 der Aufbau-Taschenbuchausgabe Der Geschmack des Brotes aus dem Jahre 1990. Vielen Dank an Clemens Müller und Yeran Kim für die engagierte Verbreitung des Kunstliedes von Julius Otto Grimm in Form eines musikalischen Adventskalendertürchens.

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