Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Schlagwort: Melancholie

Ein melancholischer Blick zurück – Über einen Filmessay zur Wendezeit

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In der Mittelstufe lernte ich die vier wichtigsten Temperamente kennen, die uns Menschen auszeichnen: Ob man als Sanguiniker, Melancholiker, Choleriker oder Phlegmatiker (letzteren Typus hatte ich vergessen) durch Leben geht, lässt sich natürlich nicht einzeln feststellen. Damals fehlten mir wohl auch Beispiele, die eine solche Typologie fruchtbar erscheinen ließen.

Und nun, einige Jahrzehnte später, stieß ich auf einen melancholisch gestimmten Filmessay mit dem Titel Mein Land will nicht verschwinden. Dieser Dokumentarfilm wurde kurz nach dem 03.10.25 auf 3sat gezeigt. Wer ein gutes Beispiel für einen höchst bzw. tiefst schwermütigen Ton sucht, wird hier fündig. Gerade wenn der Filmautor über seine persönlichen Erlebnisse während der Wendezeit spricht, wirkt die Melancholie zusammen mit den vielen ausgesuchten Szenen aus der damaligen (Fernseh-)Zeit fühlbar.  Andreas Goldstein, Jahrgang 1964, schafft es, mich als Zuschauer in seinen autobiografischen und zugleich auch historischen Betrachtungen mitunter zu fesseln.  Das hat vor allem damit zu tun, dass der Filmautor zu der Generation gehört, die mitten im Studium den Umbruch erlebt haben und daher nicht umhin kamen, das Vorher und Nachher in Beziehung zueinander zu setzen. Statt eines Kontinuums gab es ja einen intellektuellen Zusammenbruch zu verkraften, denn das Gelehrte von 1989 war in manchen Fächern, gerade in Philosophie, teilweise obsolet geworden. Goldstein sucht Zugänge, mit diesem Kollaps umzugehen. Das Material, das er produziert hat, finde ich historisch nicht nur wichtig, sondern auch eindrucksvoll, auch wenn manche Analyse nicht ins Schwarze treffen mag. Historiker werden den einen oder anderen Kommentar zurechtrücken (müssen).

Mir geht es eher um die bei heutiger Betrachtung skurrilen Leipziger Messetage, bei der Unternehmen aus dem kapitalistischen Westen ihre Produkte und Dienstleistungen im eigentlich abgeschotteten sozialistischen Osten anbieten. Trotz Todesstreifen gab es auf beiden Seiten den Willen, Geschäfte zu machen. Goldmann hat dazu eindrückliches Filmmaterial mitsamt O-Tönen aus den 1980er Jahren zusammengeschnitten und kommentiert dazu parallel im Film Folgendes:

Zweimal im Jahr berichtete das Fernsehen der DDR von der Eröffnung der Leipziger Messe und füllte damit die gesamte Zeit der Nachrichten. Die Ausführlichkeit zeigte, wie wichtig Honecker die internationale Anerkennung des kleinen Landes war. Der Rundgang endete immer am sowjetischen Pavillon, obligatorisch der längste Bericht. Aber nach Leipzig kamen auch Vertreter der Bundesrepublik.

Die Bundesrepublik versagte der DDR die Anerkennung als souveräner Staat, aber hier empfing Honecker Wirtschaftsvertreter und Industrielle. Die Berichte von diesen Treffen wurden von Jahr zu Jahr länger; Honecker begegnete auch hier den späteren Treuhand-Chefs Rohwedder und Breuel. Wenige Jahre später – Honecker wird da schon im Gefängnis und auf der Flucht sein –werden sie das Volksvermögen der DDR privatisieren und so an westdeutsche Unternehmen bringen.

Honeckers Weltreise ging einen halben Tag; er musste an den meisten Ständen trinken und am Ende vom sowjetischen Botschafter gehalten werden. Hatten sich die Kommunisten so im Zuchthaus, im KZ ihre Zukunft vorgestellt?

Anders als Dokumentarfilme, deren Autoren auf Distanz zum Gezeigten bleiben, scheint Goldstein unglaublich nah am Stoff zu sein. Das hat, gerade was die Szenen zur Leipziger Messe anbetrifft, auch etwas mit dem Schnitt und dem Tonmaterial von damals zu tun, beispielweise wenn Erich Honecker bei der Begrüßung der westlichen Wirtschaftsvertreter fragt: „Nun, wie geht es Ihnen? Was macht das Geschäft? Das fängt erst an, ne?“ Antwort: „Fängt erst an.“ Honeckers Prognose: „Aber es wird erfolgreich weitergeführt.“ Replik: „Daran zweifeln wir bestimmt nicht.“

Kommentare des Regisseurs und O-Töne transportieren eine Bitterkeit oder zumindest Schwermut, die bei aller Logik der historischen Ereignisse auch etwas Erschütterndes an den Tag legen: Wie kann ein Land so schwach regiert werden, das es eigentlich nur noch kollabieren kann, wenn keine Stütze aus dem Ausland erfolgt? Und vor allem: Wie kann es die eigens gesetzten Ideale so verraten, wenn das so verteufelte Geld aus dem Westen als Devisen so erwünscht war? Wie kann so eine Inkonsequenz so eindeutig sein? Die vielen aus dem Westen freigekauften DDR-Häftlingen ergaben ja auch ein Geschäft der besonderen Art: Es wurde im Grunde mit Menschen gehandelt.

Mir imponiert der Mut des Regisseurs, auch mal gegen die landläufige Geschichtsschreibung eine Erzählung zu formulieren, die man in einen Diskursraum stellen muss, gerade nach mehr als 35 Jahren nach der Wende. Die Fragezeichen überwiegen auch bei mir: Warum hat gerade der langjährige Häftling Honecker (vor Gründung und nach dem Untergang der DDR) nicht so politisch gehandelt, dass man ihm heute mehr Anerkennung zuteil lassen werden könnte? Das gelieferte Bild- und Tonmaterial lässt die Tragik mancher historischer Wendungen ganz ohne Tragödie erkennen, ganz gleich, wie man zur Wiedervereinigung weltanschaulich steht. Mir fällt dabei schließlich nur ein allbekanntes Sprichwort ein, das gerade angesichts jeglicher revolutionärer Prozesse zu denken gibt: Des einen Freud, ist des anderen Leid.

Im Film wird die Leipziger Messe mit Bildmaterial aus den 1980er Jahren nach ca. 18 Minuten knapp vier Minuten kommentiert. Sehr hilfreich ist für den ganzen Film eine Rezension von Ulrike Steglich auf epd Medien. Von ihr habe ich den Ausdruck „melancholischer Essay“ übernommen. Der zitierte Dialog ist zwischen 19min50sek und 20min00sek zu hören.  

Flanieren oder Herumstreunen: Gedanken zum Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ von Wilhelm Genazino

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Die Bundesliga-Saison 2022/ 23 endete genauso mit einem Herzschlagfinale wie die Saison 2000/2001. An jenem Maitag vor nunmehr fast genau 22 Jahren fuhr ich mit dem Auto von Dieburg zum Hessentag nach Dietzenbach. Ich weiß noch genau, dass ich während der Parkplatzsuche vor Ort live im Autoradio hörte, wie Schalke 04 in buchstäblich letzter Stunde die Meisterschaft von Bayern München abgeluchst bekam. Konsterniert stieg ich damals aus dem Auto, auch wenn ich kein Schalke-Anhänger bin. Damals wurde zudem Abschied vom legendären Parkstadion gefeiert, wo ich in den Neunziger immerhin ein- oder sogar zweimal die Schalker spielen sah (Gastmannschaft war der SC Freiburg, den ich damals schon sehr schätzte).

Ich habe mich an diesen Hessentag erinnert, als ich zum wiederholten Mal den Anfang von Wilhelm Genazinos letztem Roman Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze aus dem Jahr 2018 las:

Die Ankündigung eines Straßenfests bedeutete, dass die in einer Einkaufsstraße ansässigen Bäcker, Metzger, Juweliere, Optiker, Apotheker und so weiter für einen Tag ihre Geschäfte verließen und auf der Straße Holzbuden aufstellten und ihre Bratwürste, Vollkornbrote, Sonnenbrillen auf Holztischen verkauften, vieles etwas billiger als sonst. Andere Geschäftsleute verschenkten kleine Artikel, die sie das Jahr über nicht hatten verkaufen können. Ich gehörte zu den vielen Herumstreunern, die nicht recht wussten, was sie hier zu suchen hatten. Viele Streuner langweilten sich, andere verbrachten hier ihre Mittagspause, wieder andere ließen sich von dem Getümmel ein wenig abschrecken, um mit einem guten Grund an ihre Schreibtische oder Computer zurückzukehren.

Ich wähnte mich damals auch als Streuner, denn ein Hessentag gleicht eben einem (zu) groß geratenen Straßenfest. Ich hatte keine bestimmten Anlaufstellen, kannte niemanden in diesem Provinznest südlich von Frankfurt und habe auch deswegen keine Erinnerung mehr an bestimmte Verkaufs- oder Präsentationsstände. Damals suchte ich auch noch nicht das Gespräch, und was sollte ich eigentlich speziell auf einem Hessentag zu suchen haben??  Ein Flaneur war ich abseits der Großstadt auch nicht – diese Rolle füllt man ja nur aus, folgt man bestimmten Schriftstellern seit etwa 150 Jahren, wenn auch ein künstlerischer (Selbst-)Anspruch gegeben ist.

Der Erzähler beobachtet bei Genazino genau seine Umwelt, auch wenn er sich dabei nicht wohlfühlt: „Mein Überdruss machte mich ratlos und flößte mir ein wenig Angst ein.“ Das kann auch mit seiner Biografie in Verbindung stehen: „Ich war schon dreimal gescheitert, verteilt auf elf Jahre,
einmal als Bibliothekar, dann als Wertpapierhändler und zum Schluss als Provinzredakteur.“ Im Erzählton schwingt somit das Scheitern mit hinein, und es liegt nahe, auch Bewegungsmuster im Zusammenhang mit einer gewissen Ziellosigkeit als „Herumstreunen“ zu interpretieren. Beim Flaneur ist das Ziel- und Richtungslose Prinzip und Ideal, während der Streuner eigentlich kein Ideal kennt. Oder doch?

Was für ein Zufall, dass ich diesen Monat Paul Austers Roman Timbuktu gelesen habe, der einfühlsam die Mensch/(Haus-)Tier-Beziehung auf unnachahmliche Weise poetisiert hat. Zunächst werden allgemein „Streuner“ in Zusammenhang mit gejagten Hunden vor China-Restaurants in Baltimore erwähnt, später dann spezifischer in der Beschreibung des Hunde-Herrchens Willy G. Christmas, ganz nach dem Geschmack des Vierbeiners Mr. Bones:

Sein Herrchen war ein Mensch mit dem Herzen eines Hundes. Er war ein Streuner, ein rauhbeiniger Glücksritter, ein einzigartiger Zweibeiner, der sich die Regeln nach Belieben zurechtbog.

In diesem Verhalten gleicht sich der Mensch dem Säugetier an, denn Streunen scheint anders als das Flanieren nicht von einem kulturphilosophischen Überbau gekennzeichnet zu sein: Der Flaneur ist durch und durch Kulturmensch – er schweift eher durch die Stadt – während der Streuner erst einmal seinen Sinnen folgt, was ein Hund ebenso beherzigt. Das Aufspüren wird zum Leitgedanken.

Bei aller Melancholie ist bei Wilhelm Genazino indirekt doch auch Hauch Lebenskunst spürbar, die das Scheitern nicht ausblenden kann. Der Erzähler sucht mit dessen Ex-Ehefrau Sibylle weniger das Trennende als das Verbindende in Beziehungsfragen, sonst würden sich beide nicht wieder freundschaftlich begegnen und versuchen, sich erneut anzunähern. Das Streunen, oder intensiver ausgedrückt, das Herumstreunen, enthält ja auch das Lexem „Streu“ und führt letztlich zur Zerstreuung. Kein Wunder, dass der Erzähler sich Gedanken zu einem Divertimento von W. A. Mozart macht. Solche Musikstücke dienen doch gerade der niveauvollen Zerstreuung, mehr als der bloßen Unterhaltung!

Die Genazino-Zitate sind in der Hanser-Ausgabe (inklusive Leseprobe) in der Reihenfolge ihres Erscheinens auf den Seiten 7, 10 und 15 zu finden, die Auster-Zitate sind auf den Seiten 9 und 34 zu finden (Rowohlt-Ausgabe). Ich bin Kerstin Pistorius darüber dankbar, dass sie in ihrem Blog atalantes bereits sehr originell auf das Herumstreunern bei Genazino eingegangen ist und dabei auch das schöne Wort „Zerstreuung“ verwendete. Eine weitere Online-Rezension zu Genazinos Roman von Peter Mohr findet sich im Online-Magazin titel kulturmagazin.

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