Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

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Episoden querbeet aus dem Leben, unvorhersehbar, meist einzigartig, da sie sich in dieser Weise in ihrer Originalität nur einmal genauso darbieten.

Der gewirkte Stoff als Wirk-Stoff – Zu Besuch im Esche-Museum in Limbach-Oberfrohna

Museen definieren sich über ihre Ausstellungsstücke. So können wenige Gegenstände vieles plastisch verdeutlichen, was in der Literatur nur schwer darstellbar wäre. Im Esche-Museum in Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz wird die Geschichte der regional stark verankerten Textilindustrie anschaulich gemacht. Im August 2020 bekam ich in einer Spezialführung mit Freunden einen sehr guten Einblick. Sonst hätte dieser Notiz-Blog-Artikel nicht entstehen können. Gerade im Jahr 2020, anlässlich der Landesausstellung „Boom“, bei der 500 Jahre Industriekultur in Sachsen aufbereitet werden, ist ein Besuch empfehlenswert. Es zeigt anschaulich, dass Kultur- und Industriegeschichte zusammen gehören.

Die drei folgenden, im Museum vertretenden Gegenstände zeugen von der weitläufigen Geschichte der (Textil-)Industriekultur, die über die Region hinaus von großer Bedeutung ist: Eine Abbildung von Louis de Silvestres opulentem „Allianzporträt“ (das Gemälde befindet sich in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister) zeigt Friedrich I. von Preußen und August II. von Polen, zugleich Kurfürst von Sachsen:

Allianzporträt

Louis de Silvestre (1675-1760): Allianzporträt von König August II. von Polen und Friedrich Wilhelm I. von Preußen Louis de Silvestre (Gemäldegalerie Alte Meister Dresden, vor 1730)

Friedrich (rechts im Bild) hält nichts von neuster Mode, August (links im Bild) inszeniert sie geschickt und trägt sichtbar Seidenstrümpfe, auf die es im Museumskontext ankommt. Modisch sahen sicher beide Herrscher im Zeitalter der Manufaktur-Produktion aus, die heute wieder mehr geschätzt wird, nicht erst, seitdem es gewisse Läden mit dem Namen „Manufaktur“ gibt….

Johann Esche (1682- 1752), Strumpfwirker und Stuhlmacher im Rittergutsdorf Limbach unter Antonius III. von Schönberg und dessen Sohn Georg Anton, entdeckte nach einer Legende in Dresden den wohl einzigen seidengängigen Strumpfwirkstuhl in Sachsen. In Frankreich waren die Könige mit gewirkten Seidenstrümpfen vor der Revolution bestens bedient; Seidenstrümpfe galten im wahrsten Sinne des Wortes als vorzeigbar. Nach der Revolution waren diese genau wie die Kniebundhosen („culottes“) out, so dass darauf spezialisierte Firmen ihr Geschäft umstellen mussten. Bestehen blieb die Kulturtechnik des Wirkens bzw. Kulierens, gerade für Unterwäsche besser geeignet ist als traditionelle Web- und Stricktechnik:

Handkulierstuhl
Handkulierstuhl (ca. 1800) im Esche-Museum (Foto: Dietmar Träupmann)

„Wirken ist eine Fortentwicklung des Strickens. Es werden statt einer Masche nach der anderen eine ganze Maschenreihe in einem Arbeitsschritt gebildet“, erläutert Museumsleiterin Frau Dr. Barbara Wiegand-Stempel. Hier kommt mir der immer noch geläufige Ausdruck „engmaschig“ in den Sinn. Das Esche-Museum dokumentiert eindrucksvoll, wie bis zum Ende der DDR Wirkstühle sich technisch entwickelten. Die Familie Esche hat bis zum Ende des 2. Weltkriegs großen Anteil daran; im 19. Jahrhundert existierten sogar zwei Esche-Firmen von zwei Geschwistern, von denen die größere, die Firma Moritz Samuel Esche, es bald nach Chemnitz zog und zum größten Strumpfhersteller Deutschland avancierte. In Limbach wurde die erste „Wirkschule“ überhaupt vom Gewerbeverein Limbach gegründet, woran auch die Familie Esche beteiligt war. Die Schule wurde von mehr als 100 Fabrikanten, Kaufleuten und Handwerken, die in einem „Strumpfwirker-Fachverein“ organisiert waren, finanziert.

Der prominenteste Unternehmer aus der Familie war zweifelsohne Herbert Eugen Esche, der 1903-1904 von Henry van de Velde die erst ab 1998 wieder restaurierte Villa Esche in Chemnitz erbauen ließ. Architektur-Fans kommen hier auf ihre Kosten – van de Veldes erster Bau in Deutschland ist zum Glück nicht den Bombenangriffen von 1945 zum Opfer gefallen. Wie vielseitig Ästhetik damals geschätzt wurde, zeigt sich daran, dass van de Velde mehrere Firmenlogos entwerfen und Edvard Munch 1905 in der Villa Esche künstlerisch arbeiten durfte und dabei nicht nur die Familie Esche porträtierte. Man kann davon ausgehen, dass die Familie Esche mit diesen prominenten Künstlern nicht prahlen wollte, sondern künstlerisches Engagement einfach zu ihrem Selbstverständnis gehörte. 
Nach 1945 flüchteten viele Familienmitglieder ins Ausland, obwohl das Unternehmen nicht verstaatlicht wurde. Herbert Eugen Esche ging in die Schweiz, wo er häufiger auf van de Velde traf. Er sah seine Chemnitzer Villa nie wieder. Die Textilindustrie in West- und Mittelsachsen führten nun andere (Staats-) Unternehmen an.  Noch heute ist unter anderem die Firma Noon in Limbach-Oberfrohna präsent, die mit dem Slogan „Fine German Knitting“ wirbt. Die Logik, dass Textilien in sogenannten Billiglohnländern hergestellt müssen, damit sie erschwinglich bleiben, kann somit widerlegt werden. Gebrauchswäsche darf nicht als minderwertig vermarktet werden, scheint es.

Ein Firmenplakat zeigt sehr schön die Fabrikation von Handschuhen mit all ihren Arbeitsschritten.

Die Fabrikation von Ukor - Handschuhen
Die Fabrikation von
„Ukas“- Handschuhen der Firma C.A. Kühnert (Foto: Dietmar Träupmann)

Mir kommt dabei der Begriff „Betriebsablauf“ in den Sinn, den wir heute eher vom Bahnfahren kennen, wenn es hier zu Verzögerungen kommt.  Jedenfalls sind ganz oben nach der „Spulerei“ die „Schärerei“, „Spannerei“ und auch die „Wirkerei“ zu sehen. Die vielen Arbeitsschritte belegen auch schön, wie wertvoll ein qualitatives Paar Handschuhe sein muss. Man schätzt dann den Gegenstand umso mehr, wenn man weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt. Die heutige Massenproduktion verschleiert dies, gerade auch, weil ein gewöhnlicher Kunde kaum Einblick in heutige Fabrikationen erhält. Schließlich erlaubt sich die Frage: Warum sollte nicht auch Mode zu den Schönen Künsten gehörten? Kleider machen Leute (bekanntlich schön).

Vielen Dank an das Esche-Museum Limbach-Oberfrohna, vor allem an Frau Irmgard Eberth, Herrn Michael Nestripke, an die Leiterin Frau Dr. Barbara Wiegand-Stempel sowie an die Ratsschulbibliothek Zwickau für die Auskünfte und die Bereitstellung der benötigten Medien. Der „Förderverein Esche-Museum e.V.“ hat dazu weitere wissenswerte Details im Internet aufbereitet.


Ein besonderes Refugium : Über Schloss Waldenburg in Sachsen

Jedes Gebäude und jeder Ort hat seine eigene Historie; Schicksale und glückliche Fügungen sind niemals in ihrer Gänze zu überblicken. Und doch lässt sich besonders gut in die Geschichte eintauchen, wenn Spuren und Hinterlassenschaften sichtbar sind.  

Schloss Waldenburg
Vorderansicht von Schloss Waldenburg

Die Geschichte hat Schloss Waldenburg, idyllisch im Muldetal eine halbe Autostunde nord-östlich von Zwickau gelegen, immer wieder auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Hierzu nur einige Details: Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg ließ es Mitte des 19. Jahrhunderts neu errichten, da es zur damaligen Bürgerlichen Revolution komplett abgebrannt war. Bereits im 12. Jahrhundert hatte die Geschichte von Schloss Waldenburg begonnen, damals noch als Burg. Die Burg sowie nachfolgende drei Schlösser waren allerdings auch abgebrannt, zuletzt 1848. Otto Victor II. veranlasste Anfang des 20. Jahrhunderts mit der damals verfügbaren modernsten Technik den Umbau (Einbau von zentraler Heizung, Be- und Entlüftungsanlage, zentraler Staubsauger, Telefonanlage, Personen- und Speiseaufzug) und steigerte durch den Zukauf wertvoller Gegenstände die Pracht des Hauses. Der Hausherr fiel bedauerlicherweise im Ersten Weltkrieg und konnte sein Anwesen nur wenige Jahre genießen. Heute, kann man sagen, steht das Schloss glänzend da; es hat die Zeitläufte mehr als nur gut überstanden.

Ganz sicher: Ein typisches Museum ist Schloss Waldenburg nicht, denn es ist in seiner aktuellen Ausstattung besonders originell:  Viele Zimmer entsprechen immer noch dem Zustand zur Zeit der Fürsten, obwohl das Schloss 50 Jahre lang als Klinik genutzt wurde. Das prunkvolle Originalmobiliar wurde zwar nach dem 2. Weltkrieg geplündert bzw. existiert teilweise noch an anderen Orten. Die Eigentumsverhältnisse haben sich über die Zeit leider geändert. Trotzdem versprühen die prachtvollen Zimmer noch heute den Charme fürstlicher Zeiten, ohne opulent zu wirken.  

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss enteignet, was aus heutiger Sicht zu erwarten war. Dass es noch vor der Gründung der DDR zu einer Lungen- und Tuberkuloseheilanstalt umfunktioniert wurde, überrascht hingegen schon. Die für die neuen Machthaber ideologisch verhassten Räumlichkeiten wurden eigentlich geschätzt, denn wo im Umkreis hätte man geräumiger Patienten behandeln können? Eine Immobilie des Adels, die sich nun als nützlich erwies. Man könnte sagen: Ironie des Schicksals! Die Bibliothek wurde zum Chefarztzimmer, die prächtigen Säle zu Speisesälen. Eigentlich kein großes Unterfangen. Bis Ende der 1990er Jahre musste das Schloss sich bewährt haben; erst dann machten neue (Hygiene-)Vorschriften einen Weiterbetrieb unmöglich.

Als ich am Vatertag 2020 durch die Räumlichkeiten geführt wurde, ahnte ich schon, dass durch die Zimmerfluchten der Wind der widerspenstigen Geschichte wie ein Gespenst wehte. Die Fotos können dies veranschaulichen:

Blauer Saal
Blauer Saal (früherer Zustand)
Blauer Saal
Blauer Saal (heutiger Zustand)

Und schließlich diente das Schloss auch als Kulisse: Dreharbeiten zu Wes Andersons The Grand Budapest Hotel fanden dort statt. Wer wohl das Schloss ausgekundschaftet haben mag? Diese Frage zu beantworten würde sicher einigen (Forschungs-)Aufwand bedeuten, doch eigentlich wäre dies müßig. Ich stelle mir diesen Job sehr zeitaufwendig vor, denn bei der Vielzahl der Schlösser sind Zufallstreffer eigentlich kaum zu erwarten. Dass ein US-amerikanischer Filmregisseur, der auf traumhafte Bilder in ästhetischer Vollkommenheit setzt, unter anderem das von Touristenmassen verschonte Schloss Waldenburg auserkoren hat, war eigentlich eine kluge Entscheidung, denn wenn ein größerer Teil des Publikums den fiktionalen Ort lokalisieren kann, dann kann dies wesentlich die Interpretation beeinflussen.

Film und Schloss Waldenburg
Dreharbeiten zu The Grand Budapest Hotel (Artikel aus der Bild-Zeitung vom 19.2.2013)

Insofern wurde Schloss Waldenburg als Schauplatz, ohne dass hier Feudales allzu sehr zum Tragen gekommen wäre: Ehemalige Patienten können aufgrund ihrer Erlebnisse vor Ort Dinge aufspüren, die weder ein Tourist noch ein Filmemacher je erkennen würde. Es geht hier nicht um einen Gedenk- oder Gedächtnisort, der oft auch eine gesellschaftspolitische Funktion hat, sondern um einen Ort zum Verweilen, der früher Hoffnung auf Heilung bot und heute Hoffnung auf Erholung bietet. Trotz der tragisch verlaufenen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bleibt mir das Prinzip Hoffnung im Kopf, wenn ich an Schloss Waldenburg denke. 

Schloss Waldenburg
Der Park von Schloss Waldenburg

Anmerkung: Das Schloss wurde als Filmkulisse durch die Listung des Schlosskomplexes Waldenburg im Location Guide der MDM Film Commission gefunden. Dort ist es seit November 2010 aufgeführt und stellt alle Spezifikationen (Fotogalerie, technische und räumliche Bedingungen) des Schlosses Waldenburg als Drehort umfangreich vor. Die Filmprojekte sind auf der Homepage aufgelistet.

Ich danke herzlich Anja Straube für einige redaktionelle Präzisierungen und für die Freigabe der Aufnahmen, die einen kleinen Eindruck der bewegten Geschichte von Schloss Waldenburg vermitteln sollen. Die Bildrechte liegen bis auf die Parkansicht (letztes Bild) beim Schloss Waldenburg (Tourismus und Sport GmbH) .

Seit Mai 2020 ist das Café Sweet Sophie geöffnet, das im Sommer auf einer herrlichen Terrasse einen Blick in den wunderschönen Park bietet, in dem der Besucher ein lauschiges Plätzchen finden kann. Der Name geht auf die musikalisch und kompositorisch aktive Fürstin Sophie von Waldenburg zurück, die ab 1914 auch Fürstin von Albanien war.   

Dialog mit Abstand – Zu einer Skulptur von Christel Lechner

Am letzten Junisonntag 2019 sollte man eigentlich zu Hause bleiben. Natürlich noch längst nicht wegen einer gewissen Pandemie, sondern wegen einer brütenden Hitze. Das Thermometer zeigte Werte von über 35 Grad ein, fast deutschlandweit. Ich schonte mich bis auf ein paar Minuten, blieb aber nicht zu Hause: Den Zug nahm ich bis Flöha östlich von Chemnitz, um dann einige schattige Kilometer durchs Tal der Zschopau zu radeln. Ziel sollte das Schloss Lichtenwalde sein, das recht imposant über dem Tal thront. Und genau diese Minuten hoch zum Schloss waren in der Tat schweißtreibend; gewiss würde sich diese Mühe lohnen. Eigentlich war es eine höchst kurzweilige Anstrengung.  Es waren im Schloss ein paar Werke von Studierenden aus der Fakultät für Angewandte Kunst in Schneeberg zu sehen, wo die Westsächsische Hochschule einen besonderen Ableger hat, der leider kaum am Stammsitz der Hochschule in Zwickau präsent ist.  Für diese Ausstellung war ich eigentlich unter anderem zum Schloss gefahren; von den Installationen von Christel Lechner hatte ich erst vor Ort gefahren.

Der große Schlosspark war fast völlig verwaist. Der Biergarten mit sicher mehr als 100 Plätzen hatte frühzeitig geschlossen, mangels Masse. Nur zwei Personen tranken noch genüsslich ihr kühles Bier; und ich gesellte mich zu ihnen. Das anschließende Gespräch über (Sport)Unterricht heute und früher in der DDR gab mir den notwendigen Auftrieb, durch den Schlosspark zu gehen, wo mir allerlei Skulpturen von Christel Lechner auffielen. Sie wurden in einer Freiluft-Ausstellung mit dem Titel „Alltagsmenschen“ zusammengestellt. 

Zwei Alltagsmenschen bleiben mir aufgrund der derzeitigen Abstandregelung besonders im Gedächtnis:

Christel Lechner: Mann im Dialog

Eigentlich sagt diese Skulptur aus zwei Menschen – ob man hier schon von einer Installation sprechen kann? –  so viel über die Gegenwart, aber eben nicht nur. Sie stammt ja aus einer Zeit, wo noch kein Politiker und kaum ein Wissenschaftler über Abstandregeln nachgedacht hätten. Insofern wäre es nicht gerechtfertigt, sie als Ausdruck unserer Zeit zu interpretieren. Und doch bin ich als Betrachter fasziniert davon, wie ein aktualisierter Kontext in der Rückschau überhand nehmen kann. Ich „sehe“ diese Skulptur mit den Augen von heute, wenn man so sagen kann, und nicht mit den Augen von 2019. Damals habe ich mir keine großen Gedanken über die Bildszene gedacht – ich fand es einfach nur originell, die hügelige Landschaft mit zu berücksichtigen und gewisse Parkgrenzen zu überwinden. Wie viele Gespräche finden räumlich distanziert statt, ganz einfach, weil sie sich so ergeben? Die klassische Alltagssituation ist jene, wenn „über den Gartenzaun hinweg“ gesprochen wird. Wer kennt dies nicht? Mit etwas lauterer Stimme kommt so ein Gespräch zustande, das auch vertraut sein kann. Nur kommt man sich eben physisch und emphatisch oft nicht näher. Jedenfalls sind viele nachbarschaftliche Beziehungen alles andere als freundschaftlich geprägt.

Bei Christel Lechners Skulptur ist jedoch das Nachbarschaftsverhältnis nicht zu erkennen. Es ist eher die Be-geben-heit, die sich im Alltag er-gibt. Die Distanz ist unübersehbar, und möglicherweise soll kein Gespräch dargestellt werden, sondern nur ein flüchtiger Blickkontakt. Wir kennen ja den Ausdruck „Wie es in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus“. Also liegt es nahe, auch an ein (kurzes) Gespräch zu denken, oder an einen Zuruf als akustisches Signal.  Die Dreidimensionalität ist hier maßgeblich durch die natürliche Landschaftsformation geschaffen: Von oben herab – von unten hinauf – beides gilt symmetrisch.

In einem Interview mit der Rheinischen Post, das ich lese, nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, fallen mir drei von Lechner genannte Aspekte auf, die sich mit meinen Gedanken kreuzen.  Die „Alltagsmenschen“ erzählen „Geschichten“, zudem sind sie in ein passendes „Umfeld“ verankert, das eine intensive Interaktion zwischen Skulptur und Betrachter möglich macht. Nicht zuletzt soll die von den Kunstwerken ausstrahlende „Gelassenheit“ auch eine bestimmte Wirkung erzielen. Gerade im Krisenjahr 2020 ist diese ganz gewiss von Vorteil. Die Alltagsmenschen sind zeitlos, und der Betrachter findet einen Teil seiner selbst in ihnen wieder, und wenn es nur die Alltagskultur um ihn herum ist.

Informationen zum Werk von Christel Lechner.

Hier gibt es den erwähnten Artikel nachzulesen.

Keine Horrorvorstellung?! Über die Bildlichkeit einer Erfolgsmeldung

Das Phänomen der Prokrastination ist sicher keines, das man würdigen sollte. Doch manchmal verschlägt es einen auf Internet-Seiten, die eigentlich in keinem Zusammenhang mit einer gezielten Recherche stehen. Es war der 21.04.20, als ich in einer Pressenotiz einen Satz vernahm, der mich sofort in den Bann zog:

Wäschespinnen laufen gerade wie Hölle.

Dieser Satz stammt von Henner Rinsche, Vorstandsvorsitzender der Leifheit AG mit Sitz im hessischen Nassau.  Er wurde am 18.04.20 in einer dpa-Meldung verbreitet. Leifheit ist mir als renommierter Haushaltsgerätehersteller vertraut. Wäschespinnen kenne ich ebenfalls mehr oder weniger gut, also habe ich den Satz einwandfrei als Erfolgsmeldung verstanden. Doch hat es dieser einfache Satz in sich, denn bildlich ist er auf dreifacher Ebene anschaulich:

Eine Wäschespinne ist anders als eine Vogelspinne frei von Gefahren und einfach nur nützlich, um nasse, saubere Kleidung ganz natürlich an der Sonne trocknen zu lassen. Die Form des Gerätes erinnert an eine Spinne. Eigentlich nichts, woran man weitere Gedanken verschwendet.  Wäschespinnen, die jedoch „laufen“, haben schon etwas Pikanteres, denn hier stelle ich mir bereits wirkliche Spinnen vor, die vielleicht gerade aus einem Wäschekorb herauskrabbelt. Und diese Zuspitzung auf „Hölle“, eigentlich auf einen Ort, der wie kein anderer für Schrecken steht, kann zu einer Horrorvorstellung führen, die natürlich hier harmlos ist, beflügelt sie doch hier nur die Fantasie. Wohl aus dem Englischen „like hell“ ist dies eingeschwappt, so dass jetzt sogar verbrieft von „wie Hölle“ gesprochen wird, was Nachrichtenagenturen teilweise mit „sehr stark“ herunterkochen. Denkbar wäre auch „wie verrückt“; „höllisch gut“ klingt hingegen schon merkwürdig.

Die Kombination aus Insekt, Bewegung und einem fiktionalen Ort hat geradezu etwas Filmisches. Ein Surrealist hätte seine Freude dabei, hier einen Plot zu entwerfen. Die bekannten Ausdrücke „Ich spinne!“ und „zur Hölle (machen)“ sind negativ konnotiert, nur beim einfachen „(Es) läuft!“ denkt man an einen gewissen Erfolg.

Einige Tage später komme ich darauf, dass das englische „to spin“ etymologisch mit „spinnen“ verwandt sein muss. Es geht jeweils um eine Drehbewegung, die etwas sehr Dynamisches hat. Spricht man nicht sogar im Fitnessstudio vom „Spinning“?
„Ich bin am Spinnen ist uncool“, doch „Ich bin am Spinning-(Gerät)“ klingt nach einer durchtrainierten Person. Doch irgendwas klingt hier nach, was auch eine klare Drehbewegung ist: Eine vermaledeite „Virenschleuder“, die nicht klar zu definieren ist, kann einen Menschen genauso durchdrehen lassen wie eine „Virenhölle“, von der neulich ein lieber Freund nach einem Supermarktbesuch sprach. Begriffe, die an das Gegenteil von Sauberkeit denken lassen. Und nun als Kontrast dazu die Wäschespinne, die eigentlich der Abschluss eines realen Anti-Virus-(Wasch-)Programms ist: Erst die Kleidung möglichst heiß mit Waschpulver waschen, und dann ab in die Sonne. Die Weltgesundheitsorganisation rät angeblich zum Wäschetrocknen unter freiem, möglichst wolkenlosem Himmel. Wie wäre es, wenn die Wäschespinne sich dann auch noch um ihre eigene Achse drehen würde? Ich stelle sie mir dann wie ein Wäschekarussell mit ganz unterschiedlichen Anblicken vor…

Nun, meine Fantasie kommt hier nicht weiter. Doch sie ist schon ziemlich weit gekommen dank eines Satzes, der – nun lege ich mich fest – literarische Qualitäten besitzt, auch wenn er für die Öffentlichkeit als ganz ernstzunehmende Erfolgsmeldung geäußert wurde. Möge die Leifheit AG auch weiterhin gute Geschäfte mit Wäschespinnen machen, auch in nicht so virenlastigen Zeiten!

Hier der Kontext (Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 19.04.) in reinstem Pressedeutsch. Übrigens ist ein reales Wäschekarus(s)ell käuflich beim Dänischen Bettenlager zu erwerben!

Ge-Nuss: Über eigentlich nebensächliche Warnhinweise zu leckerem Teegebäck

Als vor einigen Monaten im Lichte der Oper „Aida“ beiläufig die Rede vom brodelnden Verdi-Vulkan war, war der spontan geprägte Begriff natürlich auf die feurige Opernmusik bezogen. Damals wusste ich nicht, dass außer Pizzerien namens Vesuv oder Vesuvio Vulkane auch diverse Verpackungen schmücken. Wer machte mich schlauer? Ein im Vogtland beheimateter Händler namens „Dal Siciliano“, der in Zwickau-Planitz einen kleinen Laden betreibt, in dem man Waren aus Sizilien kaufen kann. Im Geschäft blieb mir kurz vor Toresschluss beim Einkaufen gar keine Zeit, länger auf Verpackungen zu schauen. Klare Devise: Italienisches Teegebäck – das muss noch mit in den Warenkorb.

Am Ostersonntag riss ich endlich die Verpackung auf und erblickte eine schmenhafte Abbildung des Ätna, der das Markenzeichen des Betriebs mit klangvollen Namen – I Pasticcieri dell‘ Etna ist. Ohne den Geschmack jener voglie di thé mit Nuss (alla nocciola) vorher zu kennen, hatte ich zumindest eine äußerst knusprige Konsistenz erwartet. Und: Die dünnen Gebäckstücke schmeckten besser als gedacht, dezent nussig-schokoladig. Während die Madeleine als Gebäckstück in Marcels Prousts Epochen-Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit einen ganzen Erinnerungskosmos eröffnet, empfand ich bei den „Teegelüsten“, wenn ich den italienischen Gebäcknamen frei übersetze, einfach einen Moment des Genusses, ohne dass eine Flut von Erinnerungen mich überwältigt hätte. Das wäre auch zu viel verlangt gewesen. Rein aus Neugier schaute ich nach ein paar knusprigen Gepäckstücken intus auf die Verpackung und begann angesichts der englischen und deutschen Übersetzung zu schmunzeln.

Teegelüste
Volgie di Thé – Teegelüste

Darin wird eine merkwürdige Freiheit offenbar: Im EU-Raum wird sicher vieles geprüft und sondiert, bevor eine Verpackung voller „Teegelüste“ die Reise von Sizilien nach Westsachsen antreten darf. Doch der Kontrolle entschwindet der sprachliche Übersetzungsprozess, der vermint erscheint. Dass die Groß- und Kleinschreibung im Deutschen Probleme bereitet, lässt sich noch leicht übergehen. Doch im Englischen fällt etwas stärker auf: „May contain traces of nuts in shell. May contain traces of other nuts.” Merkwürdig formuliert und merkwürdig im Zusammenhang mit jener verzehrten „Backware“. Laut Zutatenliste gibt es doch einen Nussanteil von 25%, so dass mehr als nur „Spuren“ vorhanden sein müssen. Für Nussallergiker also nicht zu empfehlen! Zum Glück hilft hier ein Blick auf den deutschsprachigen Warnhinweis: „Kann Spuren von Schalenfrüchten enthalten. Kann Spuren von Trockenfrüchte(n) enthalten.“ Wenn tatsächlich die englische Sprache keine Termini von Schalen-früchten und Trockenfrüchten vorsieht, wäre sie buchstäblich arm dran. Doch dem ist ja nicht so. Ich frage mich, wie es passieren kann, dass Trockenfrüchte salopp als „andere Nüsse“ bezeichnet werden. Das Konzept der Andersheit oder „Otherness“ hat einen gewissen Charme, doch hier hat es keine Chance, denn Nüsse sind Schalenfrüchte und keine Trockenfrüchte. Also können Trockenfrüchte keine anderen bzw. andersgearteten Nüsse sein! Nüsse sind ja allein schon dank der Schale trocken(gelegt), während Dörrobst wie zum Beispiel Aprikosen und Trauben erst einmal trocknen müssen…Dafür braucht man keine ernährungswissenschaftliche Expertise einzuholen! Schließlich ist die Kategorie „Backware“ eine eher billige klingende Kategorie, die mit „prodotto del forno“ natürlich angemessen übersetzt ist, doch für einen deutschsprachigen Leser mehr als redundant erscheint.

Hauptsache, es hat geschmeckt. Die Verpackung hielt dicht, der Backofen blieb aus. Also ein nussiger Genuss, den man in höchsten Tönen loben kann!

Teegelüste
Genuss de Teegelüste mit Ingwer-Tee

Viele Leckereien des sizilianischen Familienbetriebs gibt es im Online-Shop.

Tierisch leistungsfähig. Zu einer Briefmarkenserie von Axel Bertram

Briefmarkenserien laden zum Sammeln ein. Oder einfach zum Schmunzeln. Der Dresdner Gebrauchsgrafiker Axel Bertram (1936-2019), der auch
Professor für Typografie und grafisches Gestalten an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee war, hat in der DDR Ende der 70er Jahre sechs Briefmarken gestaltet, auf denen Vertreter der nicht gerade charmant anmutenden Kategorie Rassegeflügel abgebildet sind. Darunter ist das sogenannte Sachsenhuhn, das ernsthaft als Hühnerrasse existiert! Grund genug, sich mal die Serie in Gänze anzuschauen:

Chabo
Das Chabo-Huhn auf einer 10-Pfennig-Briefmarke der DDR
Kraienkopp
Das Kraienkopp-Huhn auf einer 15-Pfennig-Briefmarke der DDR
Porzellanfarbiger Zwerg
Das porzellanfarbige federfüßige Zwerghuhn auf einer 20-Pfennig-Briefmarke der DDR
Sachsenhuhn
Das Sachsenhuhn auf einer 25-Pfennig-Briefmarke der DDR
Phoenix
Das Phönix-Huhn auf einer
35-Pfennig-Briefmarke der DDR
Gestreifter Italiener
Das Gestreifter-Italiener-Huhn auf einer 50-Pfennig-Briefmarke der DDR

Auch ist das Sachsenhuhn in der (heutigen) Politik gegenwärtig, wie eine Informationsbroschüre des sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie zeigt. Es ist ein für mich völlig fremdes Wissensgebiet, zu dem ich bis auf einige Kindheitserinnerungen von „Urlaub auf dem Bauernhof“ nichts beisteuern kann.Der erwähnte Begriff „Leistungshuhn“ klingt geradezu grotesk, doch wer in einer sogenannten Leistungsgesellschaft Eier und Fleisch zu sich nimmt, hat damit indirekt etwas zu tun. Das Nutztier hat zu leisten, so wie auch vom Menschen eine Leistung zu erwarten ist. Doch was wäre die Alternative? Man stelle sich vor, vor der motorisierten Zeit hätten die Menschen nicht auf leistungsstarke Zugpferde gesetzt. Nein, das Leben wird niemals ein Ponyhof und auch kein Streichelzoo sein. Es ist nur fraglich, wie viel Leistung zu erbringen ist. Wo wird das Limit gesetzt? Dafür gibt es in jeder Berufsgruppe andere Ergebnisse. Diese Diskussion kann hier natürlich nicht geführt werden.

Zurück zur Briefmarkenserie, bei der sich schon bei den Namen zeigt: Hier ist ein Stück Welt einsehbar, und zwar ohne ideologische Abschottung. Züchtung scheint in der DDR unverdächtig gewesen zu sein, auch wenn eindeutig Länderbezeichnungen auf eine ganz und gar nichtkommunistische Herkunft der Tiere schließen lassen. Tiere sind nun einmal per se unpolitisch. Um sie zu züchten, bedarf es eines großen Engagements. Ohne die Aktivitäten von Vereinen wäre dies undenkbar. Im Grunde ist es eine Bewegung von unten, nicht von oben, nicht zuletzt auch zum Wohle einer gut genährten Bevölkerung.

Zurück zum Rassegeflügel: Die (vermutliche) Herkunft dieser Tiere verläuft jenseits von (Kultur-)Grenzen: Phoenix und Chabo stammen wohl aus Japan, die federfüßigen Zwerghühner irgendwo aus Asien, der Kraienkopp aus den Niederlanden; die Ursprünge des Gestreiften Italieners und des Sachsenhuhns sind schon im Namen eingeschrieben. So kann der Sammler ein illustres Geflügel-Kabinett zusammentragen. Übrigens meldete die Freie Presse im November 2019, dass im sächsischen Wechselburg acht porzellanfarbige Zwerghühner gestohlen worden seien.  Eine scheinbar begehrte Spezies, die zudem auf der Roten Liste (2016) verzeichnet ist. Inzwischen wird auch zwischen goldporzellanfarbig und isabellporzellanfarbig unterschieden. Schillernder kann es kaum klingen; und nun denke ich mir, dass ich diese schönen Tiere auch mal leibhaftig vor mir sehen will, einfach nur zum Staunen! Vielleicht rufe ich demnächst mal bei dem einen oder anderen Verein an…   

Schließlich sei noch das großartige Kompendium von Axel Bertrams Schaffen in der DDR empfohlen: Grafisches Gestalten. Ein Rückblick über fünf Jahrzehnte ist im Leipziger Lehmstedt Verlag erhältlich.

Nun geht es um die Wurst! Gedanken zum Zwickauer Würstelmann

Ein Behälter hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Gerade wenn er an einen goldenen Schrein erinnert. Da können eigentlich nur besondere Stücke drin sein! An einem Donnerstag im milden Januar 2020 stelle ich mich eine gute Stunde neben Egbert, den Vater von Thomas. Beide nehmen die Rolle des Würstelmanns ein, und das schon seit Anfang der 90er Jahre. Egbert muss seit Dezember krankheitsbedingt auf seinen Sohn verzichten; tapfer bedient er „durch die Bank“ freundliche Kundschaft, für die er „ein bisschen Seelsorger“ ist. „Donnerstags geht es immer langsam los“, sagt er. Und sofort kommentiert er, dass just heute die Würstel ein „bisschen dicker“ seien, das liegt „an den Därmen“. Natürlich sagt er es den Kunden etwas jovialer: „Gestern war mehr Bock drin, heute ist mehr Wurst drin“.  Egbert ist sich bewusst, dass viele Kunden am liebsten die absolute Gleichförmigkeit lieben, denn hier fange schon der Neid an: Innerlich kann es schon beim Anblick rumoren, wenn man eine „dicke“ und keine „lange“ wie manch anderer bekommt. Also lieber freimütig sagen, und wenn es „130 mal“ sein muss, dass heute keine Idealform vorliegt. 

Vor einem Jahr, im tiefsten Zwickauer Winter, fiel mir jener „Würstelkasten“ aus Messing auf, mit dem der  Zwickauer Würstelmann Woche für Woche auf dem Georgenplatz in der Robert-Schumann-Stadt präsent ist. Bei Wind und Wetter verkauft er „von Handwerksbetrieben“ Bockwürste, Wiener, Bauernwürste, Käseknacker, Debreciner, und sogar Weißwürste. Deren Qualität ist im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnet!

Egbert erzählt auch von den DDR-Zeiten, in denen er als Lackierer arbeitete. Was er sagt, bleibt im Kopf hängen. Er sah viele Wohnungen und damit auch viel vom Sozialismus. Da rumorte es im Gebälk – damals war Materialermüdung, wie es so poetisch heißt, mehr als nur sichtbar. Es konnte durchaus passieren, dass für einen Zaun der Maschendraht geliefert wurde, aber nicht die „Krampen“.  Im Zeitalter des Internets unvorstellbar. In puncto Würstchen konnte süßer Senf konnte damals immerhin aus der Tschechoslowakei beschafft werden. Jede erfolgreiche Lieferung musste damals ein Abenteuer gewesen sein; dagegen sind heute Mausklicks oder ein paar Fingerübungen auf dem Smartphone geradezu langweilig….

Die Boom-Zeiten sind beim Würstelmann lange vorbei; vor allem in den 90er Jahren bildeten sich angeblich lange Schlangen am Stand. Die Inspiration kam damals, kurz nach der Wende, aus Hof in Hochfranken. Heute ist das unvorstellbar; es scheint, dass die Leute vorher sich abstimmen, so gleichmäßig überschaubar kommen sie an den Stand. „Die Laufzonen verändern sich“, sagt Egbert. Und natürlich weiß auch er, dass die Stadt früher mehr Einwohner hatte als heute. Immer wieder kam auch mal die Prominenz zum Probieren: Ein sächsischer Innenminister (Heinz Eggert) wollte unter anderem den Wurst-Imbiss einnehmen, und Egbert erzählt, wie ein bayerischer Banker des öfteren regional produzierte Weißwürste in rauen Mengen in Richtung Bayern verfrachtete, so eine gute Qualität würden sie aufweisen.

„Nach Mischmasch sieht die Wurst, von außen betrachtet, auch nicht aus. Glänzende, pralle Häute, abgeklammerte Enden, klare Begrenzungen der Ränder, zur einen Seite der Krümmung der Erde hin, zum anderen dem Weltraum entgegengebogen (…) Die Würste gehören zu einer alten Welt, in der die Dinge Begrenzungen hatten, vorne und hinten.“. So beschreibt Anna Gien in der „Zeit“ vom 16.01.2020 das Phänomen Wurst. Dieses Stück fleischhafter Mythos ist ein Behältnis für sich; eine klassische Rand-Erscheinung. Da wäre es ja gelacht, wenn die fleischlose Variante nicht auch in Erscheinung träte!  

Der Würstelmann ist immer noch eine Institution: In Zwickau ist das Ende der fleischhaltigen Wurst noch nicht absehbar. Es wäre ein Verlust. Jedenfalls würde auf dem Georgenplatz etwas Wichtiges fehlen: Ganz unabhängig vom Produkt würde die persönliche Ansprache fehlen, die nichts Marktschreierisches hat. Hier wird kein Reibach gemacht; jeder Euro ist ehrlich verdient. Die eine Stunde bringt ordentliches Salär, doch hier merke ich, dass es eigentlich verlogen ist zu sagen, Geld würde fließen. Jedoch ist die verbrachte Zeit beim Würstelmann fließend vorbeigegangen; dann ruft „meine“ Arbeit, in der die Vokabel „Wurst“ auch vorkommt. Allerdings eher aus phonetischen Gründen…

Erinnerungstriefend – Über Aleida Assmanns Auftritt in Zwickau

Ein regnerischer Freitagabend in Zwickau – das kommt eher selten vor. Mit dem Fahrrad waren die wenigen Transfer-Minuten an jenem schicksalsträchtigen 9. November höchst ungemütlich. Und dann stand ich auch noch vor verschlossenen Türen des zumindest architektonisch ehrwürdigen Zwickauer Käthe-Kollwitz-Gymnasiums, obwohl kein Irrtum meinerseits vorlag. Es ist genau die Situation, die höchst unerfreulich ist: Keiner rechnet mit einem, obwohl doch der Programmpunkt in der Reihe „Novembertage“ – organisiert vom Bündnis für Demokratie und Toleranz in der Zwickauer Region – vielfältig angekündigt worden war. In der Schulgemeinde kennt man sich: Lehrer, Schüler, Organisatoren. Was sollen dann noch Menschen, die mit dem Gymnasium so rein gar nichts zu tun haben, sondern allein wegen einer gewissen Professor Aleida Assmann aus Konstanz den Ort aufsuchen, die im Jahr 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt?

So gilt es, sich anderweitig Zugang zur Veranstaltung in der Schulaula im zweiten Stock zu verschaffen, denn sonst stünde ich wie ein begossener Pudel da und hätte nur noch Zornesröte im Gesicht. Das wäre bedenklich, denn ich habe schließlich friedliche Gedanken im Sinne – passend zum 30. Jahrestag der Maueröffnung. Dank einer türenöffnenden Reinigungskraft schlich ich quasi rücklings über den Hintereingang hinein und pflanzte mich in unangenehm triefenden Klamotten auf einen freien Sitz. Noch wurden Begrüßungsworte gesprochen – also nichts verpasst! Zum Glück – so erfuhr ich später – saß neben mir eine geschichtsinteressierte Person, die ebenfalls nicht zu den Vertrauten des Gymnasiums gehörte. Dort, wo man leicht aus der Aula hätte flüchten können, war sie höchst konzentriert bei dem, was Assmann vortrug – bewundernswerterweise protokollierte sie geradezu ihre Rede. Ich wirkte überfordert mit den Inhalten und war schließlich wie die allermeisten Schüler und wohl auch wie manch andere Anwesende genervt von der langen Veranstaltung. Lag es an der Uhrzeit? Gute zwei Stunden inklusive einer Podiumsdiskussion, dazu teils enervierende Fragen; fast hatte ich schließlich Sympathie mit den tuschelnden Schülern hinter mir, die ich zunächst mit einem ernsten Blick vorübergehend ruhig(er) gestellt hatte. Das Rausgehen von unangenehm vielen Zuhörern vor Ende der Veranstaltung hatte bereits Unruhe im Saal geschaffen. So blieb ich ganz ruhig und geduldig, bis das Schlusswort gesprochen war.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Gedanken zum erinnerungsträchtigen , an jenem Vorabend des erinnerungstriefenden 9. November von Assmann höchst stimmig waren und darunter keine oder nur wenig „Allgemeinplätze“ waren, wie es in der Freien Presse vom 12.11. ausgedrückt wurde. Bitter, wenn ich bedenke, dass neben mir Assmanns neues Buch Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte liegt. Als Nachbetrachtung zu der Veranstaltung  lässt sich aus dem Buch schließen, wie wichtig und wie differenziert Erinnerungskulturen sind. Nur ein kurzes Beispiel dazu: Während in London der Bahnhof Waterloo an die militärische Niederlage von Kaiser Napoleon I. erinnert, ist es in Paris genau umgekehrt: Der Bahnhof Austerlitz (heute heißt der tschechische Ort Slavkov u Brna) zeigt neben dem U-Bahnhof Iéna (die deutsche Stadt Jena verbirgt sich dahinter) für den gleichen Kaiser glorreiche Kriegsschauplätze in den Jahren 1805/06 an.

Was mich zum Nachdenken brachte, waren die nachfolgenden, von Assmann skizzierten Ebenen des Erinnerns, die – wenn ich richtig erinnere – auf die staatliche, die kommunale und die schulische Ebene abzielten. Klar, wir wissen, dass der 03. Oktober als Tag der Deutschen Einheit aus gutem Grund den Bürgerinnen und Bürgern der Bundesrepublik Deutschland als Gedenktag staatlich „verordnet“ wurde.  Unterschätzt wird sicherlich, dass Städte und Gemeinden eine eigene Erinnerungskultur prägen können. Hierzu kann die Forschung einiges beitragen; und Heimatmuseen belegen einmal mehr, wie wichtig lokale Erinnerungstraditionen wichtig. Außerhalb von Museen gibt es immer mehr Gedenktafeln- und Gedächtniswege. Das Erinnern ist lebendig. Und Schulen konkretisieren das in Form von bestimmten Projekten und Exkursionen. Wenn an Schulen im Geschichtsunterricht nur Ereignisse ohne die explizite Thematisierung von Erinnerung und Gedächtnis thematisiert werden, dann ist das Vergessen vorprogrammiert. Wenn ich an meinen Geschichtsunterricht zurückdenke, wird mir das schnell bewusst.  Das, was damals besprochen wurde, hatte oft keinen erinnerungskulturellen Aspekt, und es ist gut, dass die Forschung hier aktiv ist. Und das ist auch der Verdienst der Zwickauer Veranstaltung im Käthe-Kollwitz-Gymnasiums: Politik und Gesellschaft brauchen eine Erinnerungskultur, die laut Assmann eine Lehre aus der Geschichte darstellt, so wie auch die Friedenssicherung und die Menschenrechte in einem demokratischen Gewand uns vieles gelehrt haben.

Eine lohnenswerte Anschaffung ist das erwähnte Buch von Aleida Assmann, die hier einmal mehr zeigt, dass Erinnerungskultur für einen mündigen Europäer ein unverzichtbarer Teil seines historischen Bewusstseins sein sollte, ohne zu einer Mythenbildung abseits von Fakten zu führen.

Auf leisen Sohlen unterwegs im Valle Maira

ReNatour – der Name des kleinen Nürnberger Reiseveranstalters bildet das ab, was man im Maira-Tal im Süden des Piemont, ca. 2 Autostunden von Turin entfernt, machen kann: Zurück in die Natur, und zwar „on tour“. Auf dem „Percorso occitano“ Antipasti und alte Wege zu entdecken, wie es der im Rotpunktverlag erschienene Wanderführer suggeriert, aus dem ich kurz zitieren werde, klingt genauso verlockend wie „Genusswandern im Piemont“, womit ReNatour wirbt. Dieser ist genauso wie die offizielle Wanderkarte Teil der Reiseunterlagen, in denen auch die Voucher für das gute Essen in den Unterkünften („posti tappi“) bereit liegen. Nun muss man sich, spätestens wenn einen die Wanderlust so richtig gepackt hat, nur noch selbst dorthin aufmachen. Mit meinem Bruder und mithilfe von ReNatour habe ich es im August 2018 gewagt.

Ein Aufbruch in eine mir zuvor unbekannte Region. Der auf etwa 1400 m gelegene Treffpunkt, das centro culturale Borgata in San Martino, ist schwer zu finden. Die außergewöhnliche Lage entschädigt für die mühsame Kurverei das halbe Tal hindurch und den halben Berg hinauf. Wenn man endlich an jenem Kulturzentrum angekommen ist, weiß man, dass man sich eine Region nicht ursprünglicher vorstellen kann. Vielleicht ist es das entlegenste Kulturzentrums Mitteleuropas! Bis auf moderne Verkehrsmittel fallen sämtliche Gebäude trotz der liebevollen Renovierungsarbeiten aus der (Neu-)Zeit. Nur die Inneneinrichtung verrät, dass man sich im Hier und Jetzt befindet.

Die redselige Kölner Auswanderin Maria Schneider kennt das Tal wie ihre Westentasche. Sie erklärt uns am ersten Morgen in der Gruppe die einwöchige Wanderung, die uns rund um das Tal führen und wieder in San Martino enden wird.

Karte_Percorso_occitano
Maria Schneider gibt eine Einweisung in den Wanderweg „Percorso occitano“

Einst hat sie mit einer Sprachschule im Maira-Tal angefangen, doch die touristische Angebotsseite lockte mehr und mehr  – auf sanfte „Tour“, versteht sich, doch der Umbau hin zu einem „Kulturzentrum“ war wohl nur mit viel harter Arbeit zusammen mit ihrem 2004 verstorbenen Lebenspartner Andrea zu schaffen.

Fast jeden Abend – und das ist die größte Überraschung für mich – gibt es nicht nur in San Martino ausgezeichnete Menüs, die den Wanderern für den nächsten Tag die vielen verbrannten Kalorien zurückgeben. Bodenständige, aber raffiniert zubereitete Gerichte werden serviert. Die Unterbringung – meist in Mehrbettzimmern – ist ebenfalls urig-rustikal. Und der Gepäckabholservice lässt nicht zu, dass größere Strapazen aufkommen. Insofern ist der Begriff Genusswandern passend gewählt.

Abwanderung und Perspektivlosigkeit hat dazu geführt, dass die Bevölkerung im Maira-Tal seit den 1870 Jahren um mehr als 90% abgenommen hat. Seit 1980 seien angeblich nur „20-30 Leute ins Tal gezogen“ (S. 115), wie Maria in einem Interview meint, das im erwähnten Reiseführer abgedruckt ist. Da möchte man gar nicht wissen, wie viele verstorbene Einwohner seitdem diesen gegenüberstehen.  Noch Anfang des 20. Jahrhunderts blühte der Verkauf von Haarlocken, die zur prestigeträchtigen Perückenproduktion auch auf anderen Kontinenten eingesetzt wurden. Die „Haareinkäufer aus Elva“ hießen Caviè. „Ein Caviè konnte in einer Saison gut und gerne 2000 Lire verdienen. Gutes Geld, wenn man denkt, dass eine Piemonteser Kuh für weniger als 500 Lire zu haben war.“ (S. 127).  Das Museum in Elva (1. Etappenort) zeigt dies sehr anschaulich. Von 1300 Einwohnern vor dem Ersten Weltkrieg sind heute nur noch ca. 100 übrig geblieben. Heute profitieren diese vom Genusswandern, denn die klassischen Autotouristen drängen meist nur am Wochenende in das Tal hinein.

Wie wenig Menschen im Tal wohnbar sind, zeigt eine Fern- und bzw. Nahansicht von Chialvetta, dem 4. Etappenort. Aus der Ferne ist das Dorf kaum zu erkennen.

Wanderziel Chiavetta
Chialvetta (4. Etappenort) aus der Ferne; Ziel am übernächsten Tag.
Wanderziel Chiavetta
Wanderziel Chialvetta aus der Nähe – ganz aus der Zeit gefallen.

Damals war die Landschaft stärker bewirtschaftet als heute, doch ohne moderne Verkehrsmittel ging es deutlich härter zu. Wer wäre damals auf die Idee gekommen, als Tourist diese Gegend zu entdecken? Apropos Entdecken: Wer den Genepy-Likör, der sein Aroma von der schwarzen Edelraute (it. genepì) erhält, verschmäht, hat etwas verpasst. Ihn sollte man auch zu Hause vorrätig halten, wenn man auf Hochprozentiges steht! Der vollmundige Schluck aktiviert sicher auch manche Erinnerungen an das Maira-Tal!

Mehr Informationen gibt es in dem erwähnten Wanderführer:

Ursula Bauer, Jürg Frischknecht: Antipasti und alte Wege. Valle Maira – Wandern im andern Piemont. Rotpunktverlag 2016 (8. Auflage).

Die Seite des sehr empfehlenswerten Reiseveranstalters mit der Tourenbeschreibung ist hier zu finden.

Der kreiselnde Thomas

Aus der Nachrichten-Satire erfahre ich etwas über den Ernst des Lebens, über die ernsthafte Problematik, wenn man in einem gewissen Lebensalter ‚Thomas’ heißt. Bundesministerin Franziska Giffey, zum Weltfrauentag in einem signalorangenen Müllmann-Look auftretend, um zu zeigen, dass auch Frauen diesen Job übernehmen können, lässt sich am 15.03.19 in der heute-show zu einem Statement hinreißen, das auf eine ganz andere Berufsgruppe abzielt: „Also ich finde, wir müssen schon klar sagen, in den Vorstandsetagen, in Chefetagen der deutschen Unternehmen sind im Moment viel zu wenig Frauen. Fakt ist ja, die sechs Prozent Frauen, die da angekommen sind, mussten wahrscheinlich viel, viel mehr leisten als Männer, die da so nach dem Thomas-Kreislauf hingekommen sind. Wir haben ja mehr ‚Thomas’ und ‚Michael’ in deutschen Chefetagen als Frauen.“ Zwischenfrage der Journalistin Hazel Brugger: „Sollte man seine Tochter ‚Thomas’ oder ‚Michael’ nennen?“ Antwort der Ministerin: „So weit würde ich nicht gehen, aber wir müssen den Thomas-Kreislauf durchbrechen“. Dabei denke ich zuerst an einen Witz. Doch dem ist nicht so.

Den Begriff Thomas-Kreislauf gibt es wirklich. Siehe da: Die deutsch-schwedische AllBright -Stiftung (hier scheint es dem Namen nach nur kluge Köpfe zu geben) nutzt es rege in einer Online-Publikation aus dem Jahre 2017. Die Studie wird so eingeführt: „Die Vorstände der börsennotierten Unternehmen in Deutschland sind durch und durch von Thomas geprägt: Herkunft, Alter, Ausbildung – die Führungsmannschaften sind extrem homogen und es wird rekrutiert, als sei nur der 53-jährige männliche deutsche Wirtschaftswissenschaftler Thomas in der Lage, an einer Unternehmensführung mitzuwirken“.

Das Motto, das den Kreislauf erst richtig fragwürdig macht, heißt „Rekrutieren oder Klonen“? Die als Kreislauf graphisch dargestellten Sinnelemente heißen „Thomas – Deutsch – Jahrgang 1964 – Betriebswirt / Volkswirt oder Ingenieur.“

Mit anderen Worten: Wenn möglichst viele dieser Elemente auf einen Kandidaten zutreffen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er die Vorstandsposition erhält. Wichtigstes Kriterium sei die „Passfähigkeit“ und nicht „objektivierende Auswahlmethoden.“ Der Vorname ‚Thomas’ scheint statistisch gesehen zur Passfähigkeit dazuzugehören, denn weiter heißt es: „So gibt es in den Vorständen von DAX, MDAX, SDAX und TecDAX mehr Personen, die Thomas oder Michael heißen (49), als es insgesamt Frauen gibt (46). Tatsächlich heißen 5 Prozent der Vorstandsvorsitzenden in Deutschland Thomas.“  So hat Franziska Giffey definitiv Recht, doch was besagt das Rechthaben? Statistik lässt sich plakativ deuten. Doch ich stelle mir die Aufgabe, man solle mal erklären, warum es sich hier um einen zeitunabhängigen Kreislauf handele, arg schwierig vor. Denn seit einigen Jahrzehnten ist der Name Thomas gar nicht mehr so beliebt – ein in dieser Hinsicht sehr relevantes Faktum. Der Kreislauf scheint schon aus diesem Grund gar nicht existent zu sein – oder wenn man gnädiger urteilt, ist er schon längst durchbrochen. Man kann das wohl erst dann nachvollziehen, wenn die Thomasse, die in den 1960er und 1970er Jahren geboren wurden, pensioniert werden. Das wird erst im nächsten bzw. übernächsten Jahrzehnt anstehen. Keine Sorge: Der Thomas wächst aus den Vorstandsetagen langsam aber sicher heraus. Ohne Statist zu sein, legen diese Behauptung die mir zur Verfügung stehenden Bordmittel nahe.

Wie gut, dass ich nicht in diese Berufsgruppen gesteckt werden kann, auch wenn ich Thomas heiße. Was populär ist, sollte erst einmal gewürdigt werden: Ein Hoch auf diesen, aus dem Aramäischen stammenden Namen, der übersetzt „Zwilling“ heißt.  Ein Name wird aufgerufen, der nur mit zwei Personen im Sinn entstanden sein kann.

Die zitierte Online-Publikation der AllBright-Stiftung ist hier zu finden. 

Der heute-show-Beitrag vom 15.03.2019 lässt sich hier aufrufen. Der erwähnte Beitrag kommt ganz zum Schluss der Ausgabe.

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