Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Kategorie: AufgeDreht.

Hörbares, mit oder ohne Sprache, auf Tonträger gebannt, in den Bann ziehend, verzaubernd unwiderstehlich beim wiederholten Hören.

Das Klavierkonzert des Jahrhunderts – Über John Adams‘ Werk „Century Rolls“ (1997)

Jedes Jahr bringt neue Jubiläen mit sich, und 2020 wird wohl jeder Klassikliebhaber ein oder mehrere Werke des Komponisten (wieder) anhören, der vor 250 Jahren geboren wurde. Leider wird die Forschung nie herausbekommen können, wie der stets innovativ komponierende Ludwig von Beethoven, der musikalisch seiner Zeit teils weit voraus war, zu seinen Lebzeiten als Solist in den (noch jungen) Vereinigten Staaten angekommen wäre. Man hätte ihm wohl mehr denn je zugejubelt!

Anfang Februar 2020 hörte ich in der Zwickauer Neuen Welt passend Musik aus der Neuen Welt (neben der sechsten Sinfonie von Anton Bruckner, die majestätisch die Alte Welt zum Glänzen bringt). Das 4. Sinfoniekonzert der Clara-Schumann-Philharmoniker Plauen-Zwickau wurde unter das Motto „Faktor Form“ gestellt. Dementsprechend war das Konzertformat des Abends alles andere als gewöhnlich.

Besonders gespannt war ich auf John Adams‘ Werk Century Rolls für Klavier und Orchester, dessen Höreindruck mich in den Bann gezogen hat. Der junge Solist Frank Dupree meinte nach der Aufführung vor dem ebenfalls seiner Interpretation zugeneigten Publikum, dass dieses Klavierkonzert an jenem Abend erst zum dritten Mal in Deutschland zu hören gewesen sei. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass es vor mehr als 20 Jahren uraufgeführt wurde! Century Rolls spielt auf zwei Elemente an, die in dem Werk hörbar gemacht werden: Zum einen das Jahrhundert mit seinen vielfältigen Musikstilen: Adams macht Musikgeschichte lebendig. Wer Erik Saties einzigartigen Minimalismus kennt, wird ihn im zweiten Satz mit dem Titel Manny’s Gym leicht heraushören. Und die vielen jazzigen Klänge lassen sich kaum herausfiltern, so schillernd sind sie!

Die „Rolls“ beziehen sich nicht auf Rock ‚n‘ Roll, sondern auf wirkliche Rollen, die mechanisch Klänge für selbst spielende Klaviere (Pianolas) erzeugten. Von dieser heutzutage altertümlich anmutenden Technik, die schon älter als ein Jahrhundert ist, ließ sich Adams inspirieren. Es gibt oft abrupte Wechsel von klanglichen „patterns“; dabei wollen die vielen unterschiedlichen Elemente nicht so recht zusammenpassen. Ob man sagen kann, dass die einzelnen „patterns“ einen großen „cluster“ ausprägen? Wie eine Klang-Rolle nur als Miniatur-Maschine zu verstehen ist, hört sich das Konzert wie ein stetiger Vorwärts-Gang mit einem gewissen Drehmoment an. Eine ausgeprägte Melodik wäre hier fehl am Platze. Die Beschreibung im Programmheft ist eindeutig:

Der Klavierpart, wie eine Walze um die eigene Achse rotierend, ist nicht nur durch die Tempi und Lagenwechsel kompromisslos, sondern vor allem durch das strikte Verbot, zwischen den Phrasen Atem zu holen. Das würde den mechanischen Charakter des Ganzen aufweichen.

Das Klavierkonzert wirkt uneinheitlich, eklektisch. So muss es einfach sein, wenn man das Jahrhundert musikalisch Revue passieren lässt. Eine Fotoshow  würde Ähnliches bewirken: keine Kontinuität, sondern Brüche, Zäsuren, in Klängen zum Schwingen gebracht.

Die drei Sätze lassen sich zum Glück vollständig ohne Bezahlschranke nachhören. In den Weiten des Internets gibt es jedoch nur diese eine Aufnahme mit dem Pianisten Emanuel Ax, für dessen pianistische Stärken das Werk vom Komponisten zugeschnitten wurde. Für alle Beteiligten ist die Aufführung eine immense Herausforderung. Routiniert kann wohl kein Musiker an diese vielfältigen Klangspuren herangehen, die im wahrsten Sinne des Wortes vertrackt sind.

Zum Nachhören: Century Rolls von John Adams:

Die Wortmeisterschaft im Gesang – Zu Gisbert zu Knyphausen

Künstlernamen sind oft auf den ersten Blick einfach zu merken, und doch einfach wieder zu vergessen. Bei Gisbert zu Knyphausen ist es genau umgekehrt: Sein Name ist sicher schwer zu merken, jedoch im Nachhinein auch wieder schwer zu vergessen. Der Singer-Songwriter aus Wiesbaden, der in der Langversion Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen heißt, tourt im Sommer 2019 mit seinem neuen Album Das Licht dieser Welt durch Deutschland. Live sah ich ihn Ende Juli mit zwei Kolleginnen in Jena auf der Festivalbühne vor dem Theaterhaus.  Das Cover des Albums, das aufgrund einer „Lieferpanne“ an dem Abend nicht verfügbar war, strahlt eine Ruhe aus, die fast ein wenig unheimlich wirkt: Ein Luftschiff zieht durch das Bild, schwerelos, geräuschlos. Immerhin ergatterte ich einen Stoffbeutel mit einem phantastischen Luftschiff und einem Autogramm darauf.

Stoffbeutel mit Gisbert zu Knyphausens Luftschiff

In der Tat: Der Lärmpegel bei Gisbert zu Knyphausen erreicht selten grenzwertige Höhen. Dass auch dieses Konzert pünktlich aufgrund behördlicher Anordnung um 22 Uhr beendet sein muss, kann man verstehen, da Reglements für alle oder für keinen gelten müssen. Doch eigentlich würde Knyphausen  mit seinem Album keinem den Schlaf rauben, sondern eher in einen (Lebens-)Traum überführen.

Nun, der Abend war trotz unverhofft leichter Schauerneigung kurzweilig. Der Künstler hält mit seinen intellektuellen Texten ein wenig Distanz zu großen Emotionen. Stattdessen klingen Textwelten nach, die an dem Abend mit bis zu sechs unterschiedlichen Gitarren und dezenten Trompetenstößen vorgetragen wurden, öfter im Pianissimo, seltener als kurzer Ausbruch, meist zum Ende der Lieder. Diese Tonwelten sind insgesamt zu komplex, als dass sie zu Ohrwürmern werden; der Hit bzw. Schlager hat hier keine Chance. Mitsingen oder Mitgrölen ist kaum möglich; zumindest scheint das Publikum keine eingeschworene Fangemeinde zu sein. Statt mich als Fan zu bekunden, erweise ich lieber Respekt vor den Texten, die eine Art Wortmeisterschaft bilden:

Du wirfst dich hinein in das Licht dieser Welt.
Dann fängst du an zu schrei‘n, es kommt ein Mensch, der dich hält.
Und die Liebe, die du spürst, wirst du nie wieder verlier’n.
Sie ist für dich da, bis der Vorhang fällt.

Kaum ist die Nabelschnur ab, schon steh‘n wir alle auf dem Schlauch.
Das Chaos ist hier ist unendlich, doch die Liebe ist es auch.
Nur deine Tränen sind es nicht, sie verändern nur die Sicht.
Auf das was du brauchst, und das was nicht.

Gisbert zu Knyphausen: Das Licht dieser Welt

Das Wunder der Geburt und der Liebe wird im Lied Das Licht dieser Welt besungen; in keiner Weise rührselig, sondern authentisch. Tränen, Geschrei, Chaos; keine Kindheit kommt ohne sie aus. Und warum soll das Erwachsenensein diese Phänomene beiseite legen? Sie gehören zum Leben einfach dazu. Gisbert zu Knyphausen besingt einfach nur das Leben, mit den Emotionen, die dazugehören. Emotional für die Zuschauer.

Tourdaten gibt es auf der Homepage.

Das Lied Das Licht dieser Welt, das auch den Abspann des Films Timm Thaler oder das verkaufte Leben vertont, gibt es zum Beispiel auf einer Deutschlernerseite zu hören.

Das Album Das Licht dieser Welt lässt sich gut bei jpc bestellen.


 
 

Da wird es höchste Eisenbahn…genau hinzuhören!

Wir haben so lange nachgedacht, bis wir wütend waren

Dieser Songtitel der Berliner Singer-/Songwriter-Band Die höchste Eisenbahn aus dem Album „Wer bringt mich jetzt zu den anderen“ ist bewusst schräg. Wenn man so einen Satz in einem persönlichen Erfahrungsbericht schreiben würde, dann wäre etwas faul: Das Nachdenken führt zur Wut? Auch wenn das Lied auf den ersten Blick gar nicht politisch gestimmt ist, so fällt mir zurzeit die angebliche „Hinterzimmerpolitik“ für die Brüsseler EU-Institutionen ein. Man scheint etwas auszukungeln; und dann sind über den Kompromiss andere wütend, aber vielleicht auch insgeheim die Verhandlungspartnerinnen und -partner selbst. Nun, bei so vielen Mitgliedsstaaten wäre es naiv anzunehmen, dass man sich in transparenter Weise einigen würde. Es ist ein manchmal Kunststück, sich überhaupt zu einigen. So ist es oft auch in der Zweisamkeit: Wie lange kann es dauern, bis überhaupt ein Ergebnis herauskommt?

Im Lied gibt es die Zeilen

Wie ein Rennpferd läuft, wie ein Uhrwerk tickt
Du willst nichts davon wissen, solange du jung bist

Die Höchste Eisenbahn schreibt Texte, die bewusst unstimmig sind. Denn die Sprache lässt auch hier auf inhaltliche Unstimmigkeiten schließen. Wir kennen die Ausdrücke „wie der Hase läuft“ und „wie ein Mensch tickt“. Dann wären die Zeilen eindeutiger, stimmiger. Ob nun ein Hase oder ein Rennpferd eingesetzt wird, wir ahnen, dass es hier um Uneinsichtigkeiten geht. Was bringt es, wenn das Leben zusammen ein Füreinander und Miteinander ist, und man doch vieles nicht begreift? Am Anfang des Liedes heißt es lakonisch:

Ein neuer Traum, der nicht besser ist
Dir fällt alles nur ein bis du’s wieder vergisst

Der Schlüssel steckt von innen
Und das Licht geht aus
Du wirst immer für mich da sein
Stehst im Treppenhaus

Im Treppenhaus, einem symbolischen Ort des Dazwischen, ist es ohne Licht höchst unangenehm, auch ohne Einsamkeit und lästiges (Schlüssel-)Suchen. Neues (Träumen) ist nicht besser, Einfälle und Vergessen gehen Hand in Hand, es bleibt statisch; man dreht sich in Gedanken um sich selbst.

Das Sonderbarste im Lied ist ein wenige Sekunden dauerndes französisches Voice-Over, das kaum zu verstehen ist. Darüber liegen im Internet auch keinerlei Informationen vor. Jemand fragt eine Person, wie alt sie ist. 24, 25? „La crise, c’est vous“ lässt sich noch am besten verstehen. Wer ist mit „vous“ gemeint? Jemand, der sich das Lied anhört?  Davor ist von „une politique au service de l’argent et des privilèges“ die Rede, zu der die befragte Person Stellung nehmen soll. Also fällt die Politik doch über die Hintertür ein. Es geht sowohl um große als auch um kleine Unstimmigkeiten. Ohne klare Botschaft. Wie so oft bleiben auch hier sämtliche Fragen offen. Und die Musik: Jedenfalls ist der Sound von Die Höchste Eisenbahn mehr als stimmig-unstimmig: nicht bierernst, sondern leicht unterkühlt, in diesem Lied auch mit Hilfe einer „Kinderorgel“, wie Die Zeit in ihrer Kurzrezension zum Album am 25.08.2016 leicht belustigt schrieb. So steigert sich die Wut nicht noch weiter…

Hier gibt es eine Hörprobe zum Lied; Tourdaten gibt es auf der Homepage und Alben der Band beim Label Tapete Records.

Die säuselnde Chanson – Zu Vincent Delerm

Wenn ein französischer Chansonnier ein Album mit dem Titel Kensington Square herausbringt, dann ahnt man, dass in dieser Musik gleich mehrere Grenzen überschritten werden. Und doch war in Deutschland von diesem Album so gut wie nicht die Rede – zumindest findet man im Internet keine Rezension. Vielleicht liegt es auch daran, dass 2004 – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung – das Internet noch nicht so dominant war wie heute.  Das Album stammt von Vincent Delerm, dessen Stimme niemals berühmt werden wird. Das Gesäusel ist für manche eine Zumutung, und doch passt es wunderbar, wenn man die süffisant-ironischen Texte heranzieht. Zwei Zweizeiler seien hier einmal zitiert:

„J’aimerais tenir les coupables / les auteurs de ce plan de table.“

und

„C’est le soir où près du métro / Nous avons croisé Patrick Modiano.”

Der erste Reim stammt aus dem Lied Anita Petersen, wo es um die Fragwürdigkeit mancher Tischordnungen geht: Wer wo sitzt, ist oft kein leichtes Gedankenspiel. Und für den betroffenen Gast ebenso wenig: Warum setzt man das Sänger-Ich auf einer Hochzeitsfeier neben eine (wohl fiktive) Norwegerin namens Anita Petersen, mit der man nur (kuriose) Gesprächsinhalte teilt? Die Frage muss nicht beantwortet werden – sie amüsiert eigentlich nur, und das genügt.

Im Lied Le baiser Modiano geht es um ein Date, das durch die mysteriöse Gegenwart des späteren Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano überschattet wird. Zum Schluss wird der Kuss mit dem Schriftsteller in Verbindung gebracht – er wird schlichtweg Modiano-Kuss genannt.

Vincent Delerm schafft es, konkrete Situationen zu verzerren und damit einen neuen Blick auf Erlebtes zu werfen. Er ist einfühlsam und zugleich humorvoll-distanziert. Ob es im deutschsprachigen Raum etwas Ähnliches gibt? Ein Liedermacher ohne Starallüren ist hier kaum salonfähig; Comedians oder Kabarettisten haben es sicher leichter sich zu behaupten.   

Im Internet gibt es ohne Bezahlschranke kaum brauchbare Belege, die Delerms Gesangskunst zeigen. Liegt es nur am Copyright oder auch daran, dass seine Musik nicht massentauglich bebildert werden kann, obwohl sie jede Geschichte in eine Szenerie verpackt? Federleicht ist sie gewiss, voller Esprit und Ironie. Niemals Klangteppich, sondern Klangtupfer. Ein akustisches Zeugnis von Understatement – eben keine Parolen. Unverwechselbar und doch ohne Klischees. Vincent Delerm darf in keiner Chanson-Musikliste fehlen. Und erst nachdem ich diesen Satz mit dem Schlüsselwort „Chanson“ geschrieben habe, fällt mir ein, dass ich im Titel von „Die Chanson“ sprechen muss, analog zu „La Chanson“.  Auch das gebietet die Originaltreue.

Vincent Delerm: Kensington Square, Tôt ou Tard, 2004.

Vincent Delerms sämtliche Alben sind hier erhältlich.

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