Erinnerungstriefend – Über Aleida Assmanns Auftritt in Zwickau

Ein regnerischer Freitagabend in Zwickau – das kommt eher selten vor. Mit dem Fahrrad waren die wenigen Transfer-Minuten an jenem schicksalsträchtigen 9. November höchst ungemütlich. Und dann stand ich auch noch vor verschlossenen Türen des zumindest architektonisch ehrwürdigen Zwickauer Käthe-Kollwitz-Gymnasiums, obwohl kein Irrtum meinerseits vorlag. Es ist genau die Situation, die höchst unerfreulich ist: Keiner rechnet mit einem, obwohl doch der Programmpunkt in der Reihe „Novembertage“ – organisiert vom Bündnis für Demokratie und Toleranz in der Zwickauer Region – vielfältig angekündigt worden war. In der Schulgemeinde kennt man sich: Lehrer, Schüler, Organisatoren. Was sollen dann noch Menschen, die mit dem Gymnasium so rein gar nichts zu tun haben, sondern allein wegen einer gewissen Professor Aleida Assmann aus Konstanz den Ort aufsuchen, die im Jahr 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt?

So gilt es, sich anderweitig Zugang zur Veranstaltung in der Schulaula im zweiten Stock zu verschaffen, denn sonst stünde ich wie ein begossener Pudel da und hätte nur noch Zornesröte im Gesicht. Das wäre bedenklich, denn ich habe schließlich friedliche Gedanken im Sinne – passend zum 30. Jahrestag der Maueröffnung. Dank einer türenöffnenden Reinigungskraft schlich ich quasi rücklings über den Hintereingang hinein und pflanzte mich in unangenehm triefenden Klamotten auf einen freien Sitz. Noch wurden Begrüßungsworte gesprochen – also nichts verpasst! Zum Glück – so erfuhr ich später – saß neben mir eine geschichtsinteressierte Person, die ebenfalls nicht zu den Vertrauten des Gymnasiums gehörte. Dort, wo man leicht aus der Aula hätte flüchten können, war sie höchst konzentriert bei dem, was Assmann vortrug – bewundernswerterweise protokollierte sie geradezu ihre Rede. Ich wirkte überfordert mit den Inhalten und war schließlich wie die allermeisten Schüler und wohl auch wie manch andere Anwesende genervt von der langen Veranstaltung. Lag es an der Uhrzeit? Gute zwei Stunden inklusive einer Podiumsdiskussion, dazu teils enervierende Fragen; fast hatte ich schließlich Sympathie mit den tuschelnden Schülern hinter mir, die ich zunächst mit einem ernsten Blick vorübergehend ruhig(er) gestellt hatte. Das Rausgehen von unangenehm vielen Zuhörern vor Ende der Veranstaltung hatte bereits Unruhe im Saal geschaffen. So blieb ich ganz ruhig und geduldig, bis das Schlusswort gesprochen war.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Gedanken zum erinnerungsträchtigen , an jenem Vorabend des erinnerungstriefenden 9. November von Assmann höchst stimmig waren und darunter keine oder nur wenig „Allgemeinplätze“ waren, wie es in der Freien Presse vom 12.11. ausgedrückt wurde. Bitter, wenn ich bedenke, dass neben mir Assmanns neues Buch Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte liegt. Als Nachbetrachtung zu der Veranstaltung  lässt sich aus dem Buch schließen, wie wichtig und wie differenziert Erinnerungskulturen sind. Nur ein kurzes Beispiel dazu: Während in London der Bahnhof Waterloo an die militärische Niederlage von Kaiser Napoleon I. erinnert, ist es in Paris genau umgekehrt: Der Bahnhof Austerlitz (heute heißt der tschechische Ort Slavkov u Brna) zeigt neben dem U-Bahnhof Iéna (die deutsche Stadt Jena verbirgt sich dahinter) für den gleichen Kaiser glorreiche Kriegsschauplätze in den Jahren 1805/06 an.

Was mich zum Nachdenken brachte, waren die nachfolgenden, von Assmann skizzierten Ebenen des Erinnerns, die – wenn ich richtig erinnere – auf die staatliche, die kommunale und die schulische Ebene abzielten. Klar, wir wissen, dass der 03. Oktober als Tag der Deutschen Einheit aus gutem Grund den Bürgerinnen und Bürgern der Bundesrepublik Deutschland als Gedenktag staatlich „verordnet“ wurde.  Unterschätzt wird sicherlich, dass Städte und Gemeinden eine eigene Erinnerungskultur prägen können. Hierzu kann die Forschung einiges beitragen; und Heimatmuseen belegen einmal mehr, wie wichtig lokale Erinnerungstraditionen wichtig. Außerhalb von Museen gibt es immer mehr Gedenktafeln- und Gedächtniswege. Das Erinnern ist lebendig. Und Schulen konkretisieren das in Form von bestimmten Projekten und Exkursionen. Wenn an Schulen im Geschichtsunterricht nur Ereignisse ohne die explizite Thematisierung von Erinnerung und Gedächtnis thematisiert werden, dann ist das Vergessen vorprogrammiert. Wenn ich an meinen Geschichtsunterricht zurückdenke, wird mir das schnell bewusst.  Das, was damals besprochen wurde, hatte oft keinen erinnerungskulturellen Aspekt, und es ist gut, dass die Forschung hier aktiv ist. Und das ist auch der Verdienst der Zwickauer Veranstaltung im Käthe-Kollwitz-Gymnasiums: Politik und Gesellschaft brauchen eine Erinnerungskultur, die laut Assmann eine Lehre aus der Geschichte darstellt, so wie auch die Friedenssicherung und die Menschenrechte in einem demokratischen Gewand uns vieles gelehrt haben.

Eine lohnenswerte Anschaffung ist das erwähnte Buch von Aleida Assmann, die hier einmal mehr zeigt, dass Erinnerungskultur für einen mündigen Europäer ein unverzichtbarer Teil seines historischen Bewusstseins sein sollte, ohne zu einer Mythenbildung abseits von Fakten zu führen.

Abenteuer Fotografie – Über den Fotografen Thomas Billhardt

Es war an einem trüben Novembersonntag  2018, als ich mich zum Industriemuseum Chemnitz aufmachte.  In gewisser Vorfreude sah ich mir weniger die zur Schau gestellten Errungenschaften sächsischer Ingenieurskunst an, sondern primär die Fotoausstellung zum Werk von Thomas Billhardt. Die als Retrospektive angelegte Schau war an diesem Tag besonders ergiebig, denn der Fotograf höchstpersönlich präsentierte in einem zweistündigen Streifzug seine Biografie als Abenteuergeschichte, zutiefst bewegend und zugleich amüsant. Wie Billhardt mit jugendlich anmutender Schelmenhaftigkeit seine Abenteuer mal in wenigen Worten, mal etwas ausholender beschrieb, war schon vollkommen genug. Und die dazu projizierten Fotografien ergaben den wohl kurzweiligsten abendfüllenden Vortrag, den ich je gehört habe. Dabei fand der Vortrag noch nicht einmal an einem Abend statt, sondern sprengte mit galanter Leichtigkeit ein gewöhnliches nachmittägliches Veranstaltungsformat. Insofern ist es nur allzu passend, dass Billhardt nicht nur Fotobände publizierte, sondern 2017 eine Lebenserzählung mit dem Titel Meine Abenteuer mit der Kamera.  Billhardt entstammt einer Chemnitzer Künstlerfamilie; die Eltern waren talentierte Porträtfotografen. Er engagierte sich in der frühen DDR teilweise in der Werbefotografie, teilweise dokumentierte er Arbeitsprozesse im Bergbau und reiste ab den 60er Jahren in viele sozialistische Länder, um dort mehr oder weniger offizielle politische Szenen prominenter Menschen abzulichten. Auch die Dokumentation kriegerischer Konflikte, vor allem in Vietnam, war für Billhardt Teil seiner Arbeit, selbstverständlich hier unter Lebensgefahr.

Sicherlich wurden die Fotos auch für politische Zwecke gemacht und eingesetzt; Billhardt glaubte an den Sozialismus, wenngleich unverblümt dessen Repräsentanten absichtlich leicht schräg herüberkamen. Keine im wahrsten Sinne des Wortes bildwirksame Inszenierung, schon gar keine Propaganda, war von ihm gewollt. Viele politische Bilder bewirken heute nicht nur beim Autoren ein gewisses Augenzwinkern oder ein Schmunzeln.  Hier wird die künstlerische Leistung mehr als deutlich. Und angemerkt werden muss hierzu, dass es hierbei nicht um politische Fotografie per se geht, sondern um ein Einfangen sozialistischer Realität. Der Fotograf hatte auch damals bei diesem Reiseprivileg die Macht, schonungslos-unverblümt Geschehen einzufangen. Wie genau, das soll das „Betriebsgeheimnis“ des Fotografen bleiben.  

Freundlicherweise hat mir Herr Billhardt zusammen mit der Galerie Camera Work in der Berliner Kantstraße die Erlaubnis gegeben, hier ein Foto abzubilden. Es entstand um das Jahr 1960 am Berliner Alexanderplatz, als er die Menschen am „Alex“ für seine Diplomarbeit an der Leipziger Hochschule für Druck und Buchkunst fotografierte. Lakonisch heißt es „Pfützenspringer“ :

Pfützenspringer
Thomas Billhardt: Pfützenspringer © Thomas Billhardt / Camera Work (www.camerawork.de)

Das Bild ist nicht das einzige, das einen Moment eingefangen hat, der eigentlich „dokumentarisch“ nicht zu fassen ist. Dieser äußere Augen-Blick setzt innere Blicke frei: Wie oft sind wir allein oder in Gegenwart eines anderen Menschen über Pfützen gesprungen? Dieses Überbrücken-Wollens eines Hindernisses, das objektiv gesehen gar kein Hindernis ist, sondern nur an unangenehme Begleiterscheinungen im Falle eines Hinein-Tretens in die Pfütze denken lässt, ist dem Betrachter vertraut. In trauter Zweisamkeit ist noch mehr Koordination erforderlich, damit der Sprung gelingt. Billhardt drückt in diesem Bild scheinbar wenig aus; die Spiegelung des Paares im Wasser macht ästhetisch das Bild-Ereignis vollkommen. Erst ein Jahr nach der Begegnung mit Billhardt und seinem Werk schreibe ich diesen Text, im Herbst 2019, ohne primär an die Friedliche Revolution von 1989 zu denken. Und doch schwingt die große Geschichte mit, denn die untergegangene Zeit wird mit Hilfe der Fotos auf ganz ungewöhnliche Weise präsent. Auf Thomas Billhardts Bildern habe ich das Leben in der DDR nahezu gespürt, obwohl ich es nie erlebt habe, wenn man mal von einem Besuch im Juli 1990 absieht, als das Land nur noch als Kulisse existierte. Es wäre sicher falsch zu sagen, dass Billhardt nur das Andere gesehen hätte, das es in dieser Art in der freien westlichen Welt nicht gegeben hätte.  Das Grau mancher Fassaden – vollkommen in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen – war das gleiche Grau wie zum Beispiel im (Kohle-)Revier an Rhein und Ruhr. Es ist allerdings so, dass man als Betrachter nicht umhin kann, sich ein untergegangenes Land zu imaginieren, das nicht schleichend untergegangen sind, sondern politisch von einem Jahr auf das andere verschwunden ist. Die Nachwehen sind allerdings bis heute zu spüren.

Zum Weiterlesen: Billhardts 2017 erschienenes Buch „Meine Abenteuer mit der Kamera“ mit zahlreichen Bildern ist im Nora Verlag erhältlich.

Ein Interview mit Thomas Bilhardt über seine Reise nach Nordkorea 1989 findet sich beim mdr, dort gibt es auch weitere biografische Informationen.

Legendär zurückgelassen – Über einen Kurzbesuch in Lunzenau

Brunnen-Lieschen
Prinz-Lieschen-Brunnen in Lunzenau

Ein Stillleben ist gewöhnlich ein Kunstwerk; das Titel-Foto dieses Beitrags, auf dem das Leben still zu stehen scheint, sicher nicht. Und doch steht darauf umringt von einer verödeten Geschäftswelt, in der an einem sonnig-warmen Samstag Nachmittag noch nicht einmal mehr ein Eiscafé, wohl aber ein tapferer Eiswagen mit passabler Qualität eine Chance hat, die Kunst im Mittelpunkt. Den Dorfbrunnen von Lunzenau gibt es so, wie er aktuell aussieht, erst seit ein paar Jahren. Und wenn ein Ort keine großen Helden kennt, dann werden die kleinen aufgefahren. So eine kleine Heldin – in Lunzenau geboren und gestorben – ist sicher „Prinz-Lieschen“, die in ihrer wohl markantesten Erscheinung, nämlich ihrer Verkleidung als Edelmann Anfang des 18. Jahrhunderts so manche tonangebenden Herren tüchtig verwirrt und in Rage gebracht hat. Die väterliche Tracht passte ihr auf der Flucht vor der Zwangsheirat gen Süden so gut, dass sie angeblich in Franken sogar für militärtauglich befunden wurde. Und nach weiterer Flucht in Richtung Erzgebirge hieß es, sie sei der angeblich abgetauchte Kurprinz Friedrich August höchstpersönlich. Die sträflichen Konsequenzen nach Entdeckung ihres wahren Ichs hat „Prinz-Lieschen“ glücklicherweise überstanden; heute ziert sie als Schelmin den Dorfbrunnen. Und wenn schon kaum Fußgänger einen näheren Blick drauf werfen: Immerhin schaut eine überwachende Videokamera drauf! Die Überlieferung ist im wahrsten Sinne des Wortes legendär – ein Schuss Mythos tut der Realität tut, damit die Geschichte rund wird. Genau diese Geschichte findet sich auf der Homepage des Ortes.

Lunzenau liegt im Tal der Zwickauer Mulde, in einem Gebiet, das sicher nicht weit ab vom Schuss liegt. Da es ja auch noch die Freiberger Mulde gibt (beide Flüsse bilden südlich von Grimma die Vereinigte Mulde), reicht hier der Flussname nicht aus. Neben landschaftlichen Reizpunkten gibt es manch sehenswertes Schloss zu besichtigen: Nicht weit von Lunzenau liegt das Schloss Rochsburg, in dem eine Chocolaterie Besucher verwöhnt. Und bis zu einem Weiler namens Amerika ist es von dort auch nur noch ein Katzensprung (ab Lunzenau ist der Weg „Einmal Amerika und zurück“ beschildert)! Lunzenau selbst hat den Heinrich-Heine-Park zu bieten, den ein Industrieller einst im 19. Jahrhundert anlegen ließ. Auf zahlreichen Tafeln sind teils bissige, teils verträumte Heine-Gedichte abgedruckt – dem Dichter wird so eine besondere Ehre erwiesen.

In dem Ort kriecht einem das Gefühl der Verlassenheit in den Rücken. Ich selber kann mit dem Auto schnell davonfahren, doch was mag ein Bewohner empfinden? An dem Nachmittag habe ich kein Interesse, längere Gespräche zu führen. Eine Jugendliche fragt mich nach einem vermissten Kind – natürlich kann ich darauf keine Antwort geben. Zu dieser Stunde – im  Dämmerlicht – wird einem wohl jede vermisste Person Sorge bereiten. Straßen und Gassen sind genauso ausgestorben wie der Park – immerhin ist gefühlt eine Handvoll Personen in der Nähe unterwegs. Verlassenheit bedeutet eben nicht Einsamkeit.

Eine Gaststätte mit dem illustren Namen „Zum Prellbock“ an einer längst stillgelegten Bahnstrecke (an der Freiberger Mulde ist der Bahnverkehr noch intakt!) hat nur noch tageweise geöffnet, und zwar aus Altersgründen. Eine „Sachsen Quelle“ schräg gegenüber bietet im Schaufenster nur noch Spirituosen aus den schottischen Highlands feil. Doch die flaschenumsponnenen Spinnenweben erzählen fast von allein. In Lunzenau scheint die Zeit nicht stehen zu bleiben, sondern rückwärts zu laufen. Eine Momentaufnahme? Ich bin gespannt, was in einigen Jahren aus Lunzenau geworden sein wird. Dann werde ich das Foto vom Prinz-Lieschen-Brunnen wieder hervorholen. Vielleicht ist dieser Ort ja dann ein etwas belebterer Treffpunkt für Jung und Alt – dies wäre Lunzenau sehr zu wünschen.

Miniaturen der Beobachtungsgabe – Zu Brigitte Kronauers Roman „Rita Münster“

Erst die Nachricht von ihrem Tod im Sommer dieses Jahres machte mich dem Namen Brigitte Kronauer vertraut. Rundfunk, Fernsehen und Presse sei gleichermaßen Dank: Ein F.A.Z. –Artikel, die Wiederholung eines hr-Radiointerviews sowie das Literarische Quartett im ZDF im August ließen mich aufhorchen: Eine offensichtlich renommierte Schriftstellerin, 1940 in meiner Heimatstadt Essen geboren – das reichte mir vorerst als Information aus.

Nach der Besprechung ihrer postumen Veröffentlichung mit dem Titel Das Schöne, Schäbige, Schwankende in der illustren Quartett-Runde, beschloss ich, einige Texte von Kronauer zu lesen. Ich zögerte ich nicht lange und lieh mir aus der Stadtbibliothek zwei ihrer Romane aus, die Anfang der 80er bzw. der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erschienen waren. Eines davon mit dem recht unauffälligen Titel Rita Münster (1981) ist für mich trotz teils schwieriger Lektüre eine Werbung für Literatur, die völlig ohne Konventionen angelegt ist. Wer sich auf den Text einlässt und keine Abenteuergeschichte erwartet, der ist bei Kronauer gut aufgehoben. Die meisten ihrer Sätze stehen so nirgendwo anders; sie bestehen in drei Teilen aus Beobachtungen im schmucklosen Leben der Rita Münster, das aber trotzdem aufleuchtet in kleinsten Facetten. Es gibt kein lineares Erzählen, keinen Handlungsstrang. Rita Münster sieht das Leben nicht als Projekt an, sie muss keine Erfolge erzielen und sich (beruflich) weiter entwickeln; die zahlreichen Beobachtungen im Leben sind Erfüllung genug. Als Buchhändlergehilfin nimmt ihr Schicksal auch keine eindeutig nachvollziehbare Entwicklung, die heute unter dem Begriff Karriere kritisch beäugt werden könnte.  Jenseits von Raum und Zeit gibt es dennoch Orientierung in gewissen Erkenntnissen: Im ersten Teil geht es um genaue Beobachtungen des Bekannten- und Familienkreises, vor allem um ihre gute Freundin Ruth Wagner und um das detailgenaue Verhaltensstudium der Hauskatze, danach um das Zusammenleben mit ihrem Vater und im dritten Teil rund um Begebenheiten aus der Kindheit.

Die Beobachtungen könnten nicht schillernder sein; zwischen Menschen und Tier, zwischen Menschen untereinander, auf naturgemachte dinggesteuerte Phänomene.  Ausdrücke wie „Hoffnungshimmel“ zeigen,  dass die Erzählerin durch „das geöffnete Fenster“ vor Augen nicht düster dreinblickt. Die Helligkeit wird durch den wachen Geist des Beobachtens gleichermaßen von innen gewährleistet – ohne jeglichen Trübsinn oder Verdruss.   

Sechs Miniaturen zeigen einen Ausschnitt aus diesem Universum von Augenblicken: Wie in einem Bilderbuch öffnen sich die inneren Augen; die Vorstellungskraft siegt über einmal Gehörtes, Oberflächliches, denn sie dringt in geradezu geheimnisvolle Schichten ein, die das Visuelle geradezu freigelegt hat. Lediglich die Titel der Miniaturen stammen von mir; der Rest ist Kronauer pur, ohne weitere Kommentierung:

Miniatur 1: Von Angesicht zu Angesicht: Das Geheimnis des Zwischenmenschlichen:

Oft sitzt man Menschen gegenüber, die allein durch ihr Dasein, ihre Blicke und Sätze in Altbekanntes und daher Trostloses zerlegen, und wirklich, man selbst spürt, deutlich und aussichtslos, dass man ohne Widerstand in Altbekanntes, Trostloses zerfällt. Selten sitzt man Menschen gegenüber, die einen so begeisternden Zusammenschluss der Einzelstücke bilden, dass alle ihre Bestandteile vor Neuheit blitzen und blinken, und ich bin mitgerissen in eine Überraschung, die mich selbst betrifft.

Miniatur 2a: Im Angesicht des Bühnenwerks: Das Geheimnis der Gefühlssteigerung

In der Oper fiel es mir schwer, die hinausgesungenen, modellierten Gefühle mit den kleinen Menschen auf der Bühne zusammenzubringen. Das erschien mir immer als etwas Irrtümliches, vor dem ich lieber die Augen senkte. Hier werden, dachte ich als Erwachsene, die geringen Seelenregungen ernst genommen und in die Dimension ihrer größtmöglichen Energie phantasiert, eine Überhöhung wie die Portale, wie die Gewölbe der Dome. Sie sollten den bescheidenen, zaghaften Leuten in Erinnerung gebracht werden.  Ohne Risiko konnten sie sich weiden, ein bisschen beschämen lassen und sehr sehnen für die drei, vier Stunden einer Aufführung.

Miniatur 2b: Im Angesicht des Zuschauers: Das Geheimnis der Aufmerksamkeitssteigerung

Ich hatte mal einmal eine zierliche alte Frau gesehen. Sie trug einen Aufhänger bei sich, den sie für ihre Abendtasche an der Balustrade befestigte, das Libretto und frisch gelegte Locken. Bald dämmerte sie ein. Der zarte Profikopf sackte nach unten, aber bei den Arien, keineswegs bei den lauten Stellen, warf sie ihn in den Nacken: eine Katze, die aus dem Schlaf heraus beim plötzlichen Vogelgezwitscher, beim Gesumm einer Fliege die Augen aufreißt! Es war gut an einem Ort zu sein,  wo sich so etwas ereignete, stundenlang mit Menschen, die ich nicht kannte, an die ich allenfalls tagsüber gedankenlos in der Stadt stieß, nach vorn zu sehen, auf dieses Schauspiel, mit ihnen verbunden zu sein in dieser Festlichkeit, in dieser Masse von einem Leben eingeschlossen, das tatsächlich stattfand, mit ihnen eine Inbrunst, eine Passion anzustaunen.

Miniatur 3a: Im Angesicht des Ungleichgewichts: Das Geheimnis des stetigen Wechsels

Zu Hause, am Sonntagmorgen, wurde ein Grasbüschel so durchgeblasen, dass es mit seinen einzelnen Halmen wie mit Beinen zu rennen schien, ohne vom Fleck zu kommen. Bald war der gesamte Garten in unaufhörlicher Bewegung, die vergrößerten Schatten der Blätter, die auf helle Flächen fielen, auf schräge Ebenen, kleine sonnige Spalten, ein direktes und indirektes Leuchten und Verdunkeln, eine ständige Bewölkung und Auflockerung um meinen Kopf herum, rechts, links, oben, unten, dazu das Aufbrausen der Bäume. Ich saß auf der Bank in eine Decke gewickelt, aber wirklich war, dass ich mich, ohne ausdrückliche Richtung, in einer klimpernden Materie rollte, ohne Ziel und Standpunkt.

Miniatur 3b: Im Angesicht des Gleichgewichts: Das Geheimnis des unsteten Gefühls

Die von der Sonne getupften, moosigen Wege waren etwas tief Vergangenes, Gegenwärtiges. Ich suchte danach. Es gab Sekunden, da konnte dieser Anblick der schmalen, gesprenkelten Flächen, wo sich Licht und Schatten so die Waage hielten, an die Stelle der Gefühle treten oder besser: eins werden mit ihnen, die Gefühle und diese Wege mit diesen Lichtpunkten waren ein und dasselbe.

Miniatur 4: Im Angesicht des Genusses: Das Geheimnis der Wertschätzung

Meine Mutter stand vielleicht gerade am Herd und kochte mir einen Griesbrei, er roch schon zu mir herüber, zur kleinen, bemalten Bank hinter dem Küchentisch. Er roch wie die Wärme und Behaglichkeit selbst, so musste die Güte riechen; und alles gehörte zusammen, der Topf mit dem dampfenden Brei, meine Mutter, die mit dem Löffel eifrig  darin rührte, das Rumoren der kochende Masse und die Worte meiner Mutter, die mir beschrieb, wie sich die Milch in dem roten Emailletopf veränderte, verdickte, wie sie Blasen warf, wie weit es noch war, bis ich den Teller mit Brei, Kakao und Zucker vor mir haben würde. Sie schichtete mir einen Griesbreiberg auf, überstreut mit dem dunklen Kakaopulver – jetzt durfte man nicht husten – und direkt vor meinen Augen drückte sie die Spitze zu einer Mulde ein und füllte sie mit einem Stückchen Butter. Das war das Schönste vor dem Essen. Bald liefen nämlich aus dem goldenen Teich Bäche die Hänge hinab, einige kamen bis nach unten durch, andere versickerten, nur an der fast schwarzen Färbung erkennbar als feuchte Rinnsäle im Geröll. Ein köstlicher, glücklich machender Duft der mit heißer Butter verschmelzenden Schokolade stieg davon auf. Es war etwas Träges darin, eine vorweggenommene Sättigung, etwas Festes, Schweres. Meine Mutter sah mich ermunternd an, ich fühlte mich so klein hinter dem großen, dicken Brei, er war durch den Duft weiter aufgequollen, und meine  Mutter nickte wieder freundlich und kaum geduldig, so dass ich ganz unten, wo eine schwarze Kakao-Butterträne einen Klumpen bildete, zu essen begann.

Weitere Links:

Der Roman Rita Münster ist wie viele ihrer Werke bei dtv
erschienen.

Im Literarischen Quartett geht es ab der fünften Sendeminute um Kronauers letztes Werk.

Zum hr-Radiointerview mit der Schriftstellerin.

Einigung ohne Ausgang – Zu Bruno Franks „Politischer Novelle“

Seit langer Zeit stand die Politische Novelle von Bruno Frank ungelesen in meinem Bücherregal. Mehrere Umzüge hatte das Buch bereits mitgemacht; ich weiß gar nicht mehr genau, wo ich es antiquarisch erworben hatte. In diesem Sommer holte ich es hervor. Ich hatte vergessen, dass es aus dem Jahre 1928 stammt und bei Rowohlt erschien. Und ganz überrascht war ich, dass neben Ravello bei Neapel und Cannes der dritte wichtige Schauplatz der Novelle Marseille ist: die Stadt, die zwar zu Frankreich gehört, in der jedoch seit jeher die Welt mit all ihren unbegreiflichen Schicksalen zu Hause ist.  Der Erzähler der Novelle sieht einen „kotigen Schmelztiegel aller Rassen“, was für diesen zeitlosen Eindruck spricht.  Marseille wurde erst 2013 Kulturhauptstadt; erst im 21. Jahrhundert wurde die Gelegenheit am Schopf gepackt und viel investiert, um das Bild der schmuddelig-schillernden Hafenstadt aufzuhübschen: Ein sauber gefüllter Schmelztiegel ist eben vorzeigbarer.

Bruno Frank ist ein heute vergessener Autor, der bereits 1933 in die Schweiz und schließlich in die USA exilierte. 1945 starb er in Beverly Hills. In der Weimarer Republik hatte er durchaus als Erzähler, Dramatiker und Übersetzer Erfolg. Die Novelle ist dem Geist der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich verhaftet.  Carmers Gegenüber Achille Dorval spricht von der „Rettung unseres großen gemeinsamen Erbteils“ nach dem „Irrtum von tausend Jahren“, der Zeit nach Karl dem Großen. Kaum zu glauben, dass all diese Anstrengungen in den 1930er Jahren wiederum wertlos erschienen. Erst in den 1950er Jahren wagte der europäische Einigungsprozess einen neuen Anlauf: Im Buch ist noch die Rede von „27 Zollgebieten“, die es damals in Europa gab; ein herbeigesehnter „wirtschaftlicher Zusammenschluss“ schien noch in weiter Ferne zu liegen.  Die Hauptfigur Carl Ferdinand Carmer, „Civilrichter und dreimal Minister unter der Republik“, ist noch von den Folgen des Ersten Weltkriegs belastet, in dem auch er „Verrat am Geiste“ übte und er den Tod seiner Frau als Pflegerin an der Front als Strafe dafür ansieht. In den Zwanziger Jahren hat er die Möglichkeit, auf diplomatischem Wege, zusammen mit dem französischen Sozialisten Dorval, Dinge in Ordnung zu bringen, nachdem er zur Erholung am Golf von Neapel die „Heimat seines Herzens“ in Gegenwart seines Leibarztes Doktor Erlanger aufgesucht hat. Ort der Zusammenkunft ist das mondäne Cannes.
Schließlich geht es nach Marseille, von wo aus nach dem Sturz des Kabinetts in Berlin frühzeitig die Heimreise ansteht: Carmer ist erneut als Minister vorgesehen. Marseille war schon damals eine Welt en miniature und als Transitort ein Vorgeschmack auf Anna Seghers berühmten Roman Transit:

Carmer tat die wenigen Schritte zurück zu jener Hauptstraße. Es war die berühmte Cannebière, der Boden, den die Tausende der täglich Anschwimmenden, nach Europa Hungrigen, unmittelbar von den Schiffsplanken betraten, eine Einbruchsstelle der dunklen Welt. Europa empfing sie mit riesigen Kaffeehäusern, mit Variétés und Kinematographen und mit Kaufläden, darin die Ware von erlesenem Luxus neben kindischem Tand zur Schau lag, der den Barbaren, den Spielfreudigen locken sollte.

Im Rückblick erschüttern einen diese Sätze auch deswegen, weil ein gutes Jahrzehnt das Dunkel vom Deutschen Reich ausging und zunächst Marseille, und von 1942-1945 auch afrikanische Häfen wie Casablanca eher ein Ort der Helligkeit waren, bedenkt man die tödliche Gefahr, der jüdische Emigranten ausgesetzt waren. Jedes Schiff, das man damals in Richtung Süden bzw. Westen besteigen konnte, schenkte dem Passagier lebensrettende Freiheit. 

Heute, kurz bevor das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beginnt, sind solche Sätze wieder merkwürdig aktuell. Wieder schwimmen Flüchtlinge im Mittelmeer an; es gibt Diskussionen darüber, wie und wo man sie aufnehmen soll. Und noch immer geistert in vielen Köpfen herum, dass sie aus einer „dunklen Welt“ in unsere Konsumwelt einbrechen. Die Wortwahl aus den 20er Jahren zeigt, wie Sichtweisen tradiert werden können: Heute werden in vielen Ländern mit ähnlicher Sprache einfache Wahrheiten gestrickt, die für Wahlen (populistisch) genutzt werden. Der Erzähler von Bruno Franks Novelle verwendet Gedankengut, das damals breiter Konsens in europäischen Gesellschaften war. Heute würde ein gebildeter Literat wohl dafür gebrandmarkt, wenn er unvermutet von Barbaren“ würde. Doch viele Denkmuster haben weiterhin Bestand, ohne ausgesprochen zu werden. Das Dunkel steht oft symbolisch auch für das Unbekannte und Unermessliche, wie es bei dunklen Mächten durchscheint.

In Marseille wird Carmer kurz vor Antritt seiner Rückreise nach Deutschland umgebracht: Als er sich unverhofft einer verführerischen Prostituierten aus Madagaskar nähert, greift ihn ein „Neger“ am Ende einer düsteren Sackgasse
mit einem Messer an, um Geld von ihm abzuringen. Carmer kann ihn abwehren und schlägt ihn zu Boden, bevor ein „Weißer“ in seiner paramilitärischen Uniform die Waffe ergreift und aus dem Hinterhalt kommend eiskalt zusticht.

Gleich zweimal schreibt Bruno Frank am Ende der Novelle, dass das Geschehen vor Ort „nur ein Splitter der furchtbaren Waffe“ war, „mit der Europa seinen Selbstmord“ beging. 1928, ein Jahr vor der Weltwirtschaftskrise, als noch die Rede von den Goldenen Zwanzigern war, lag die Geisteswelt immer noch in Trümmern. Nicht das Kommende wird prophezeit, sondern die drastischen Kriegsfolgen nach 1918 bilanziert.  Insofern wird die fiktive Handlung mit der realen Geschichte in Verbindung gebracht und mit der Politik der Zwischenkriegszeit abgerechnet. Die „deutsche Politik“ wird als „Braukessel trüb schäumender Böswilligkeit“ bezeichnet, in der es „bei öffentlicher Tagung die abgestandenen Phrasenreste beschwingterer Vorzeiten“ zu schmecken galt. Es gab keinen Grund zum Optimismus und keinen Grund zum Feiern, selbst wenn es durchaus diplomatische Erfolge zu verzeichnen gab, obwohl die „wenigen denkenden und kräftigen Gefährten vor der Zeit abgenutzt, bedrückt und zerrieben“ waren. Es gab zu viel an „romantischer Selbstbetäubung, in der der „krakehlende General“, der „Konjunktur-Mystiker“, der „profitwütige Nurverdiener“ als Prototypen „mit einem Schwall dunstigen Geredes“ der Bevölkerung „recht waren“. Die Geschichte hat Bruno Frank (leider) Recht gegeben.

Online lässt sich die Politische Novelle hier nachlesen.

In einem Kleinstverlag (herausgegeben von Karl-Maria Guth) ist auch eine Print-Version des Werks verfügbar.

Die Wortmeisterschaft im Gesang – Zu Gisbert zu Knyphausen

Künstlernamen sind oft auf den ersten Blick einfach zu merken, und doch einfach wieder zu vergessen. Bei Gisbert zu Knyphausen ist es genau umgekehrt: Sein Name ist sicher schwer zu merken, jedoch im Nachhinein auch wieder schwer zu vergessen. Der Singer-Songwriter aus Wiesbaden, der in der Langversion Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen heißt, tourt im Sommer 2019 mit seinem neuen Album Das Licht dieser Welt durch Deutschland. Live sah ich ihn Ende Juli mit zwei Kolleginnen in Jena auf der Festivalbühne vor dem Theaterhaus.  Das Cover des Albums, das aufgrund einer „Lieferpanne“ an dem Abend nicht verfügbar war, strahlt eine Ruhe aus, die fast ein wenig unheimlich wirkt: Ein Luftschiff zieht durch das Bild, schwerelos, geräuschlos. Immerhin ergatterte ich einen Stoffbeutel mit einem phantastischen Luftschiff und einem Autogramm darauf.

Stoffbeutel mit Gisbert zu Knyphausens Luftschiff

In der Tat: Der Lärmpegel bei Gisbert zu Knyphausen erreicht selten grenzwertige Höhen. Dass auch dieses Konzert pünktlich aufgrund behördlicher Anordnung um 22 Uhr beendet sein muss, kann man verstehen, da Reglements für alle oder für keinen gelten müssen. Doch eigentlich würde Knyphausen  mit seinem Album keinem den Schlaf rauben, sondern eher in einen (Lebens-)Traum überführen.

Nun, der Abend war trotz unverhofft leichter Schauerneigung kurzweilig. Der Künstler hält mit seinen intellektuellen Texten ein wenig Distanz zu großen Emotionen. Stattdessen klingen Textwelten nach, die an dem Abend mit bis zu sechs unterschiedlichen Gitarren und dezenten Trompetenstößen vorgetragen wurden, öfter im Pianissimo, seltener als kurzer Ausbruch, meist zum Ende der Lieder. Diese Tonwelten sind insgesamt zu komplex, als dass sie zu Ohrwürmern werden; der Hit bzw. Schlager hat hier keine Chance. Mitsingen oder Mitgrölen ist kaum möglich; zumindest scheint das Publikum keine eingeschworene Fangemeinde zu sein. Statt mich als Fan zu bekunden, erweise ich lieber Respekt vor den Texten, die eine Art Wortmeisterschaft bilden:

Du wirfst dich hinein in das Licht dieser Welt.
Dann fängst du an zu schrei‘n, es kommt ein Mensch, der dich hält.
Und die Liebe, die du spürst, wirst du nie wieder verlier’n.
Sie ist für dich da, bis der Vorhang fällt.

Kaum ist die Nabelschnur ab, schon steh‘n wir alle auf dem Schlauch.
Das Chaos ist hier ist unendlich, doch die Liebe ist es auch.
Nur deine Tränen sind es nicht, sie verändern nur die Sicht.
Auf das was du brauchst, und das was nicht.

Gisbert zu Knyphausen: Das Licht dieser Welt

Das Wunder der Geburt und der Liebe wird im Lied Das Licht dieser Welt besungen; in keiner Weise rührselig, sondern authentisch. Tränen, Geschrei, Chaos; keine Kindheit kommt ohne sie aus. Und warum soll das Erwachsenensein diese Phänomene beiseite legen? Sie gehören zum Leben einfach dazu. Gisbert zu Knyphausen besingt einfach nur das Leben, mit den Emotionen, die dazugehören. Emotional für die Zuschauer.

Tourdaten gibt es auf der Homepage.

Das Lied Das Licht dieser Welt, das auch den Abspann des Films Timm Thaler oder das verkaufte Leben vertont, gibt es zum Beispiel auf einer Deutschlernerseite zu hören.

Das Album Das Licht dieser Welt lässt sich gut bei jpc bestellen.


 
 

Falsch – ganz ohne Fehler: Über einen Film namens „Wrong“

„Das kann doch nicht wahr sein!“ So ein Ausruf lässt uns an den Kategorien „wahr“ und „falsch“ zweifeln. Die Gesetze der Logik sind die letzte Rettung. Unlogisches Erzählen hält keiner lange durch. In einem 90-minütigen Film ist so etwas ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn das Falsche zum Leitmotiv wird, dann ist eigentlich etwas faul. Nicht so bei Quentin Dupieux und seinem Film Wrong.

Quentin Dupieux – zuvor ein für mich vollkommen unbekannter Name. Als Mr. Oizo ist der Mittvierziger aus Paris als Musikproduzent aktiv, und wenn man einen Musik-Streaming-Dienst nutzt, dann weiß man, dass sein Sound eine recht große Fangemeinde besitzt. Dank Arte habe ich nun seinen Film Wrong anschauen können; es ist ein wahres Kunstprodukt, in erster Linie wegen seiner Originalität und seinem unkonventionellen Erzählstil. Wie erzählt wird, entbehrt stets des Ursache-Wirkung-Prinzips, was verwirrend, aber auch befreiend wirken kann. Denn wenn auf „klassische“ Weise Handlung gefilmt wird, dann wirkt das oft emotional nach, aber Emotionen lösen sich auch oft schnell wieder in Luft auf.

Besonders in Wrong wirkt vieles falsch, und das offensichtlich Falsche zog mich von Anfang an in den Bann. Was ist eigentlich falsch? Auf einer ersten Ebene wird eigentlich klassisch erzählt: Die Hauptperson Dolph Springer ist auf der Suche nach ihrem verschwundenen Hund, der vom einem skurilen Unternehmer namens Master Chang entführt wurde, dessen Geschäftsmodell es ist, Menschen über (vorübergehende) Verluste wieder Liebe und Verlangen spüren zu lassen, damit man dem Haustier nichts mehr antut – Stichwort „abuse prevention“. Dieser drückt ihm den 2. Band seines Buchs My life. My dog. My strength in die Hand, mit dessen Hilfe er telepathisch Kontakt zu seinem Hund aufnehmen soll.  Da der Hund durch einen Unfall während der Entführung auch noch entlaufen ist, soll sich ein Detektiv der Sache annehmen, der dank Pauls Hinterlassenschaft – Hundekacke – das Hundegedächtnis und das Unterbewusstsein visualisieren kann. Im filmischen Dialog klingt das so:

– We’ve accessed the turd’s memory. The one I picked out from your garden. Those are its first memories from within Paul’s intestine.

– I’m sorry, I don’t get it.

– Okay, it’s very simple. I’ve plugged Paul’s shit into a device that lets me gather data and convert that data into video signals. Then, I’ve also plugged it into another device which lets me scan that same shit’s subconscious, as I please, and record the information.

Von Anfang an sind die Dialoge bewusst schräg und kommen einfach unpassend vor. Das macht sie wiederum köstlich-erfrischend. Beispielsweise, wenn Dolph vor dem Gang zur Arbeit, die er eigentlich gar nicht mehr hat, Pizza bestellen möchte, obwohl er vorerst keinen Hunger hat, und sich bei der Bestellannahme-Mitarbeiterin erkundigt, warum das Logo des Pizzaservice ein Motorrad fahrendes Kaninchen darstellt:

– I get the whole idea about a rabbit being fast. I mean, that makes sense. But why a motorcycle? The rabbit’s fast enough on its own, so the motorcycle’s overkill. I mean, don’t you think that’s a little weird?

– Yeah, it’s true. I haven’t thought about it, to be honest. Now that you’ve pointed it out, it strikes me as strange too. Because now I think of the motorcycle as being fast, not the rabbit. I mean, even if he’s driving it, he’s no longer the cause of the speed.

– Technically, the motorcycle is.

-Yes, I agree it’s a bit ambiguous.

Dolph gibt am Ende zu, dass er angerufen hat, um sich von seinem entlaufenen Hund abzulenken. Hier wird also wieder realistisch die logische Lücke geschlossen, so dass das Telefonat nicht vollkommen sinnfrei erscheint. Das angeblich zweideutige Logo, verweist auf den ganzen Film, der das Unstimmige bzw. Ambivalente zum Prinzip erklärt. Es geht hier um die Wahrnehmung und Interpretation von Bildern, die eigentlich banal und nebensächlich ist. Wer würde schon viel Aufhebens um ein Pizzadienst-Logo machen?

Es gibt viele weitere Handlungssequenzen in dem Film, die bewusst unstimmig sind. Warum wird schließlich doch Dolph eine Pizza geliefert, die er postwendend in die Mülltonne schmeißt, was wiederum der Gärtner Mike beobachtet, die Pizza heimlich herausfischt, im Pizzakarton zusätzlich die Kontaktnummer der Lieferservice-Mitarbeiterin findet und sie kontaktiert.  Ohne das je etwas über das Kennenlernen gezeigt wird, verbringen beide eine Nacht zusammen, kurz bevor Mike durchs Dolphs Telepathie-Einflüsse an Herzversagen stirbt und im Sarg während der Bestattung davon träumt, wie sein Leben als Gärtner und (künftiger) Vater weitergehen könnte. Er stirbt endgültig (erleichtert) seinen Tod, nachdem er aus seinem Traum erwacht ist. Die Liebhaberin stößt unterdessen auf Dolph, den sie ursprünglich kontaktieren wollte, und fragt sich, warum er so anders aussehe, ohne scheinbar diese Person als eine andere erkennen zu wollen (Bei der Kontaktaufnahme mit Mike hat sie sich immerhin über den stimmlichen Unterschied gewundert). Master Changs Traum über die Wiederbegegnung von Dolph und Paul an einer Bushaltestelle  – vor den Augen des „Unternehmers“ läuft der Hund aus dem Bus auf Dolph  zu – erfüllt sich am Ende, obwohl eigentlich der Detektiv seine Arbeit auf Master Changs Befehl abbrechen musste und auf seiner Rechnung sitzen bleibt.

Dupieux will auf humorvolle Weise die Logik zerstreuen, was in keiner Weise verstörend ist. Dafür ist es zu eindeutig, dass es sich um „Comedy“ handelt. Eine Rezension sprach zurecht von „textbook surrealism“. Wenn man alle möglichen Filmgenres von der Romanze bis zum Action-Kino durch den Kakao gezogen haben möchte, wird man den Film großartig finden. Ganz ohne Erzähllogik sind die surrealen Bilder stark; die Dialoge wirken einfach nur neben der Spur. Bei Wrong schaltet man am besten den Verstand aus, der auf Sinnsuche aus ist. Das Sinnlose ist eben manchmal auch voller Witz.   

  • Weitere Informationen zum Film: Auf Arte ist bis Anfang 2020 eine Masterclass mit Dupieux zu sehen, wo er 2018 am Rande eines Filmfestivals in La Roche-sur-Yon seine Filme erläutert. Bis Mitte August ist bei Arte sogar der Film online. Auch danach lässt sich Einblick ins Skript nehmen. Die Homepage zum Film lohnt einen Besuch; und die DVD lässt sich am besten über amazon bestellen.

Da wird es höchste Eisenbahn…genau hinzuhören!

Wir haben so lange nachgedacht, bis wir wütend waren

Dieser Songtitel der Berliner Singer-/Songwriter-Band Die höchste Eisenbahn aus dem Album „Wer bringt mich jetzt zu den anderen“ ist bewusst schräg. Wenn man so einen Satz in einem persönlichen Erfahrungsbericht schreiben würde, dann wäre etwas faul: Das Nachdenken führt zur Wut? Auch wenn das Lied auf den ersten Blick gar nicht politisch gestimmt ist, so fällt mir zurzeit die angebliche „Hinterzimmerpolitik“ für die Brüsseler EU-Institutionen ein. Man scheint etwas auszukungeln; und dann sind über den Kompromiss andere wütend, aber vielleicht auch insgeheim die Verhandlungspartnerinnen und -partner selbst. Nun, bei so vielen Mitgliedsstaaten wäre es naiv anzunehmen, dass man sich in transparenter Weise einigen würde. Es ist ein manchmal Kunststück, sich überhaupt zu einigen. So ist es oft auch in der Zweisamkeit: Wie lange kann es dauern, bis überhaupt ein Ergebnis herauskommt?

Im Lied gibt es die Zeilen

Wie ein Rennpferd läuft, wie ein Uhrwerk tickt
Du willst nichts davon wissen, solange du jung bist

Die Höchste Eisenbahn schreibt Texte, die bewusst unstimmig sind. Denn die Sprache lässt auch hier auf inhaltliche Unstimmigkeiten schließen. Wir kennen die Ausdrücke „wie der Hase läuft“ und „wie ein Mensch tickt“. Dann wären die Zeilen eindeutiger, stimmiger. Ob nun ein Hase oder ein Rennpferd eingesetzt wird, wir ahnen, dass es hier um Uneinsichtigkeiten geht. Was bringt es, wenn das Leben zusammen ein Füreinander und Miteinander ist, und man doch vieles nicht begreift? Am Anfang des Liedes heißt es lakonisch:

Ein neuer Traum, der nicht besser ist
Dir fällt alles nur ein bis du’s wieder vergisst

Der Schlüssel steckt von innen
Und das Licht geht aus
Du wirst immer für mich da sein
Stehst im Treppenhaus

Im Treppenhaus, einem symbolischen Ort des Dazwischen, ist es ohne Licht höchst unangenehm, auch ohne Einsamkeit und lästiges (Schlüssel-)Suchen. Neues (Träumen) ist nicht besser, Einfälle und Vergessen gehen Hand in Hand, es bleibt statisch; man dreht sich in Gedanken um sich selbst.

Das Sonderbarste im Lied ist ein wenige Sekunden dauerndes französisches Voice-Over, das kaum zu verstehen ist. Darüber liegen im Internet auch keinerlei Informationen vor. Jemand fragt eine Person, wie alt sie ist. 24, 25? „La crise, c’est vous“ lässt sich noch am besten verstehen. Wer ist mit „vous“ gemeint? Jemand, der sich das Lied anhört?  Davor ist von „une politique au service de l’argent et des privilèges“ die Rede, zu der die befragte Person Stellung nehmen soll. Also fällt die Politik doch über die Hintertür ein. Es geht sowohl um große als auch um kleine Unstimmigkeiten. Ohne klare Botschaft. Wie so oft bleiben auch hier sämtliche Fragen offen. Und die Musik: Jedenfalls ist der Sound von Die Höchste Eisenbahn mehr als stimmig-unstimmig: nicht bierernst, sondern leicht unterkühlt, in diesem Lied auch mit Hilfe einer „Kinderorgel“, wie Die Zeit in ihrer Kurzrezension zum Album am 25.08.2016 leicht belustigt schrieb. So steigert sich die Wut nicht noch weiter…

Hier gibt es eine Hörprobe zum Lied; Tourdaten gibt es auf der Homepage und Alben der Band beim Label Tapete Records.

Auf leisen Sohlen unterwegs im Valle Maira

ReNatour – der Name des kleinen Nürnberger Reiseveranstalters bildet das ab, was man im Maira-Tal im Süden des Piemont, ca. 2 Autostunden von Turin entfernt, machen kann: Zurück in die Natur, und zwar „on tour“. Auf dem „Percorso occitano“ Antipasti und alte Wege zu entdecken, wie es der im Rotpunktverlag erschienene Wanderführer suggeriert, aus dem ich kurz zitieren werde, klingt genauso verlockend wie „Genusswandern im Piemont“, womit ReNatour wirbt. Dieser ist genauso wie die offizielle Wanderkarte Teil der Reiseunterlagen, in denen auch die Voucher für das gute Essen in den Unterkünften („posti tappi“) bereit liegen. Nun muss man sich, spätestens wenn einen die Wanderlust so richtig gepackt hat, nur noch selbst dorthin aufmachen. Mit meinem Bruder und mithilfe von ReNatour habe ich es im August 2018 gewagt.

Ein Aufbruch in eine mir zuvor unbekannte Region. Der auf etwa 1400 m gelegene Treffpunkt, das centro culturale Borgata in San Martino, ist schwer zu finden. Die außergewöhnliche Lage entschädigt für die mühsame Kurverei das halbe Tal hindurch und den halben Berg hinauf. Wenn man endlich an jenem Kulturzentrum angekommen ist, weiß man, dass man sich eine Region nicht ursprünglicher vorstellen kann. Vielleicht ist es das entlegenste Kulturzentrums Mitteleuropas! Bis auf moderne Verkehrsmittel fallen sämtliche Gebäude trotz der liebevollen Renovierungsarbeiten aus der (Neu-)Zeit. Nur die Inneneinrichtung verrät, dass man sich im Hier und Jetzt befindet.

Die redselige Kölner Auswanderin Maria Schneider kennt das Tal wie ihre Westentasche. Sie erklärt uns am ersten Morgen in der Gruppe die einwöchige Wanderung, die uns rund um das Tal führen und wieder in San Martino enden wird.

Karte_Percorso_occitano
Maria Schneider gibt eine Einweisung in den Wanderweg „Percorso occitano“

Einst hat sie mit einer Sprachschule im Maira-Tal angefangen, doch die touristische Angebotsseite lockte mehr und mehr  – auf sanfte „Tour“, versteht sich, doch der Umbau hin zu einem „Kulturzentrum“ war wohl nur mit viel harter Arbeit zusammen mit ihrem 2004 verstorbenen Lebenspartner Andrea zu schaffen.

Fast jeden Abend – und das ist die größte Überraschung für mich – gibt es nicht nur in San Martino ausgezeichnete Menüs, die den Wanderern für den nächsten Tag die vielen verbrannten Kalorien zurückgeben. Bodenständige, aber raffiniert zubereitete Gerichte werden serviert. Die Unterbringung – meist in Mehrbettzimmern – ist ebenfalls urig-rustikal. Und der Gepäckabholservice lässt nicht zu, dass größere Strapazen aufkommen. Insofern ist der Begriff Genusswandern passend gewählt.

Abwanderung und Perspektivlosigkeit hat dazu geführt, dass die Bevölkerung im Maira-Tal seit den 1870 Jahren um mehr als 90% abgenommen hat. Seit 1980 seien angeblich nur „20-30 Leute ins Tal gezogen“ (S. 115), wie Maria in einem Interview meint, das im erwähnten Reiseführer abgedruckt ist. Da möchte man gar nicht wissen, wie viele verstorbene Einwohner seitdem diesen gegenüberstehen.  Noch Anfang des 20. Jahrhunderts blühte der Verkauf von Haarlocken, die zur prestigeträchtigen Perückenproduktion auch auf anderen Kontinenten eingesetzt wurden. Die „Haareinkäufer aus Elva“ hießen Caviè. „Ein Caviè konnte in einer Saison gut und gerne 2000 Lire verdienen. Gutes Geld, wenn man denkt, dass eine Piemonteser Kuh für weniger als 500 Lire zu haben war.“ (S. 127).  Das Museum in Elva (1. Etappenort) zeigt dies sehr anschaulich. Von 1300 Einwohnern vor dem Ersten Weltkrieg sind heute nur noch ca. 100 übrig geblieben. Heute profitieren diese vom Genusswandern, denn die klassischen Autotouristen drängen meist nur am Wochenende in das Tal hinein.

Wie wenig Menschen im Tal wohnbar sind, zeigt eine Fern- und bzw. Nahansicht von Chialvetta, dem 4. Etappenort. Aus der Ferne ist das Dorf kaum zu erkennen.

Wanderziel Chiavetta
Chialvetta (4. Etappenort) aus der Ferne; Ziel am übernächsten Tag.
Wanderziel Chiavetta
Wanderziel Chialvetta aus der Nähe – ganz aus der Zeit gefallen.

Damals war die Landschaft stärker bewirtschaftet als heute, doch ohne moderne Verkehrsmittel ging es deutlich härter zu. Wer wäre damals auf die Idee gekommen, als Tourist diese Gegend zu entdecken? Apropos Entdecken: Wer den Genepy-Likör, der sein Aroma von der schwarzen Edelraute (it. genepì) erhält, verschmäht, hat etwas verpasst. Ihn sollte man auch zu Hause vorrätig halten, wenn man auf Hochprozentiges steht! Der vollmundige Schluck aktiviert sicher auch manche Erinnerungen an das Maira-Tal!

Mehr Informationen gibt es in dem erwähnten Wanderführer:

Ursula Bauer, Jürg Frischknecht: Antipasti und alte Wege. Valle Maira – Wandern im andern Piemont. Rotpunktverlag 2016 (8. Auflage).

Die Seite des sehr empfehlenswerten Reiseveranstalters mit der Tourenbeschreibung ist hier zu finden.

Die säuselnde Chanson – Zu Vincent Delerm

Wenn ein französischer Chansonnier ein Album mit dem Titel Kensington Square herausbringt, dann ahnt man, dass in dieser Musik gleich mehrere Grenzen überschritten werden. Und doch war in Deutschland von diesem Album so gut wie nicht die Rede – zumindest findet man im Internet keine Rezension. Vielleicht liegt es auch daran, dass 2004 – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung – das Internet noch nicht so dominant war wie heute.  Das Album stammt von Vincent Delerm, dessen Stimme niemals berühmt werden wird. Das Gesäusel ist für manche eine Zumutung, und doch passt es wunderbar, wenn man die süffisant-ironischen Texte heranzieht. Zwei Zweizeiler seien hier einmal zitiert:

„J’aimerais tenir les coupables / les auteurs de ce plan de table.“

und

„C’est le soir où près du métro / Nous avons croisé Patrick Modiano.”

Der erste Reim stammt aus dem Lied Anita Petersen, wo es um die Fragwürdigkeit mancher Tischordnungen geht: Wer wo sitzt, ist oft kein leichtes Gedankenspiel. Und für den betroffenen Gast ebenso wenig: Warum setzt man das Sänger-Ich auf einer Hochzeitsfeier neben eine (wohl fiktive) Norwegerin namens Anita Petersen, mit der man nur (kuriose) Gesprächsinhalte teilt? Die Frage muss nicht beantwortet werden – sie amüsiert eigentlich nur, und das genügt.

Im Lied Le baiser Modiano geht es um ein Date, das durch die mysteriöse Gegenwart des späteren Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano überschattet wird. Zum Schluss wird der Kuss mit dem Schriftsteller in Verbindung gebracht – er wird schlichtweg Modiano-Kuss genannt.

Vincent Delerm schafft es, konkrete Situationen zu verzerren und damit einen neuen Blick auf Erlebtes zu werfen. Er ist einfühlsam und zugleich humorvoll-distanziert. Ob es im deutschsprachigen Raum etwas Ähnliches gibt? Ein Liedermacher ohne Starallüren ist hier kaum salonfähig; Comedians oder Kabarettisten haben es sicher leichter sich zu behaupten.   

Im Internet gibt es ohne Bezahlschranke kaum brauchbare Belege, die Delerms Gesangskunst zeigen. Liegt es nur am Copyright oder auch daran, dass seine Musik nicht massentauglich bebildert werden kann, obwohl sie jede Geschichte in eine Szenerie verpackt? Federleicht ist sie gewiss, voller Esprit und Ironie. Niemals Klangteppich, sondern Klangtupfer. Ein akustisches Zeugnis von Understatement – eben keine Parolen. Unverwechselbar und doch ohne Klischees. Vincent Delerm darf in keiner Chanson-Musikliste fehlen. Und erst nachdem ich diesen Satz mit dem Schlüsselwort „Chanson“ geschrieben habe, fällt mir ein, dass ich im Titel von „Die Chanson“ sprechen muss, analog zu „La Chanson“.  Auch das gebietet die Originaltreue.

Vincent Delerm: Kensington Square, Tôt ou Tard, 2004.

Vincent Delerms sämtliche Alben sind hier erhältlich.