Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Autor: Thomas Edeling Seite 1 von 7

Genießer und Entdecker kleinerer und größerer unbekannter Gefilde. Vom Südrand des Ruhrgebiets stammend, aus dem Essener Süden, wo landschaftliche Reize und Industriekultur gleichermaßen in der Nähe sind. Im beruflichen Alltag Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. In der Freizeit gerne auf dem Rad, auf Langlauf-Skiern, auf der Vespa oder zu Fuß unterwegs.

Wahrhaftig verlogen – Über das Lügenmuseum in Radebeul

Wer sich auf einen Besuch des Lügenmuseums einlässt, der schließt von Beginn an einen Pakt mit der Lüge. Er verinnerlicht sie quasi, denn zur Begrüßung wird dem Besucher vom Museumsleiter Reinhard Zabka „Lügentee“ nach einem vermeintlichen Rezept der heiligen Hildegard von Bingen serviert. So ein Unfug, gerade zusammen mit einem Reim, der aus einem Schwank stammen könnte! Da fehlte nur noch eine bühnenreife Vertonung.

Untergebracht in einem ehemaligen Gasthof kann einen das Museum eigentlich kalt lassen. Denn das Inventar ist ein zusammengestoppeltes Sammelsurium, wo es mal scheppert und quietscht und mal ruhig ist, je nach Art des Ausstellungsstücks. Es dürfte klar sein, dass man es mit keinerlei Kunstwerken (oder in moderner Diktion vielleicht doch??) zu tun hat. Man bekommt lediglich vorgeführt, wie man Fake produzieren kann. Zum Glück habe ich wenig für das Gezeigte übrig, da es mich nicht in den Bann ziehen kann. Manchmal scheint bei einem Objekt eine gewisse verlogene Ideologie durch, mal sind es nur Bezüge auf Künstler und historische Figuren, denen man einfach nicht glauben kann und mag. Es sind sozusagen Anekdoten, die vom Wahrheitsgehalt her sowieso halbseiden sind, um es mal gewagt auszudrücken. Neben den Objekten sind auch die Worte zusammengeschustert, bis die Schwarte kracht.

Am Ende des Besuchs kommt es zu einer unerhörten Begebenheit. Bei der Betrachtung eines wohl authentischen DDR-Comics für Grundschüler mit dem prägnanten Titel „In Lügenwerda“ taucht auf einmal auf der Glasplatte das Sandmännchen auf. Ich kann es nicht fassen! Denn ich kann die Figur nicht leicht in der Realität lokalisieren:

Lügenwerda
In Lügenwerda – DDR-Ferienlektüre (ohne Jahr)

Es hat den Anschein einer fragwürdigen Spiegelung, die natürlich nichts mit einer Fata Morgana zu tun hat. Auch eine Installation kann es nicht sein. Ich werde im wahrsten Sinne des Wortes während der Betrachtung einer putzigen DDR-Ferienlektüre von einer wahrhaftigen Figur des DDR-Fernsehens heimgesucht, die ich so überhaupt nicht leibhaftig erlebt habe.  Was ist denn da bloß passiert? Für mich ist dieses Erlebnis zweifelsohne der Höhepunkt einer dünnen Ausbeute. Liegt es daran, dass ich mich im Museumsabschnitt „Kathedrale des Sozialismus“ befinde und in weltlicher Manier auf eine andere Lebensstufe erhöht werde? Im Nachgang muss ich natürlich schmunzeln, denn die Sätze „Jaqueline badete mit einem Meerschweinchen“ und „Achim unterhält sich mit einem Ohrwurm“ im Rücken des Sandmännchens würde ich gerne eines Tages auch mal einem Kind vorlesen und dabei auf die heiter verlogenen Comic-Bildchen zeigen. Hier werden tatsächlich sprachlich-spielerisch Lüge und Wahrheit so dargestellt, dass verständlich wird, warum bereits simple Sätze Fiktion und damit Erfindung und Lüge enthalten. Eine Welt ohne Lüge ist einfach undenkbar. Das Lügenmuseum tischt das gehörig auf: Es hat alles den Anschein von Junk Food, von dem man eigentlich die Finger lassen sollte. Geringe Dosen davon können der Seele hin und wieder guttun. Der „Lügenwerda“-Comic mit der Sandmännchen-Erscheinung erzählt im wahrsten Sinne des Wortes davon.

Und wer sich jetzt weiterbilden möchte, dem sei das Hygiene-Museum in Dresden mit seiner neuen Ausstellung „Fake. Die ganze Wahrheit“ sehr empfohlen. Und wer so wie ich mal wirklich Grund zum Lästern haben möchte, der möge doch unbedingt vor den Toren der Barockstadt das Lügenmuseum im Radebeuler Ortsteil Serkowitz aufsuchen.  Auf der Homepage gibt es auch einen halbstündigen Film von Marco Borowski zur Entstehung des Museums. Auf der Seite „So geht sächsisch“ ist das Museum übrigens auch aufgeführt. Zum Schluss sei noch ein Online-Artikel aus der Sächsischen Zeitung über Reinhard Zabkas künstlerisches Anliegen und ein aktueller Artikel zur Zukunft des Museums in Radebeul empfohlen.

Kurzweilige Langeweile – Über den „Ennui“ in einem Kunstlied von Francis Poulenc

Ein Liederabend, der motivisch das Wechselbad der Gefühle In Sachen Liebesbeziehungen vorführt, wird gegenüber Sturm-und-Drang-Augenblicken sowie romantischen Phasen noch dazu konträre Stimmungsbilder aufbieten müssen. Doch was ist eigentlich anti-romantisch? Einen Begriff dafür ist nicht leicht zu finden. Das Französische hat mit dem Wort „Ennui“ dafür einen wahren Volltreffer im Angebot.  Denn es bedeutet nicht nur „Langeweile“, sondern auch „Überdruss“ und auch „Ärgernis“. Im Deutschen ist der Begriff nicht nur in der Wissenschaftssprache, sondern auch gelegentlich in den Printmedien zu finden.

Am 20. März 2022 boten Christina Maria Heuel (Sopran) und André Gass (Bariton) einen seit langer Zeit konzipiertes und sehr kurzweiliges Abendprogramm im Zwickauer Gewandhaus. Ich war vor allem von einem Lied begeistert, dessen Text aus der Feder von Paul Valéry stammt und von Francis Poulenc im Jahre 1940 komponiert wurde. Zwischen Text und Musik vergingen gut 20 Jahre! Den Titel Colloque würde man in der Bedeutung „Kolloquium“ gar nicht verstehen. In ironischer Manier bezeichnet das Wort laut dem
französischen Wörterbuch Le Petit Robert auch eine Unterhaltung („conversation“, „entretien“) Ein akademisches Gespräch findet ja mitnichten statt. Und im Lied singt zuerst der Bariton und dann nachfolgend die Sopranistin. Das ist erklärungsbedürftig.

Valéry schrieb „pour deux flûtes“ als Untertitel in Klammern dazu. In der ersten Publikation 1939  (also vor der Vertonung) in der Nouvelle Revue Française ist von „Pièce ancienne, composée pour être en musique“ die Rede.  In einer weiteren Ausgabe 1942 erfolgte die Widmung an Francis Poulenc mit dem Zusatz: „qui a fait chanter ce colloque“.  Valery wünschte sich also eine Vertonung, wie auch immer sie umgesetzt würde.  Wie wohl die zwei Flöten geklungen hätten? Geheimnisumwittert sind Valérys Texte ganz gewiss – und hier ebenso faszinierend. 

Der Bariton soll „sec“  und „très insensiblement“ singen; er trägt das Gefühlslose in sich. In ihm macht sich ein ennui breit, die er ganz zu Beginn von einer sterbenden Rose auszugehen vermeint:

D’une rose mourante

L’ennui penche vers nous

Tu n’es pas différente 

Dans ton silence doux

De cette fleur mourante;

Elle se meurt pour nous…

Das stille Sterben einer Rose verkörpert das Gegenüber. Der ennui scheint geradezu die Schönheit der Blume zu ersetzen!  Im Liedblatt wurde ennui mit „Langeweile“ übersetzt, doch „Überdruss“ scheint mir passender zu sein. Peter Schwanz übersetzte es für die Valéry-Gesamtausgabe im Insel-Verlag gleichfalls mit „Überdruss“.  Im Le Petit Robert wird dieser Begriff mit den Stichworten „mélancolie vague“ und „lassitude morale“ erklärt, was gut beschreibt, einer Sache einfach überdrüssig zu sein.  Der Sänger vergleicht sein Gegenüber mit zwei anderen Geliebten, von denen die eine ihm nicht zuhört und die andere ihm ergeben ist. Für ihn sind sie allesamt „genauso“ (laut Liedblatt) bzw. „ähnlich“ laut der Gesamtausgabe („pareil“), was einen Überdruss nicht besser verdeutlichen könnte. Es gibt für ihn keine persönliche Differenzierung: Es werden nur Sinnesorgane (Mund, Ohr) genannt, die für die Reize stehen, jedoch nicht den Geist ansprechen.  Die Noten sprechen mehrfach eine deutliche „Sprache“, gleichen sie doch in ihrer Abfolge einem lieblosen Vortrag:

Ausschnitt aus dem Bariton-Part in Francis Poulencs Colloque (1940)

Dass eine Schnittblume „für uns“ stirbt, entspricht der Wirklichkeit, denn was gepflückt ist, kann nicht lange weiterleben. Sie opfert sich für uns, ohne dass hier etwas Leidenschaftliches zur Geltung kommt. Der ennui lässt die Passion im Keim ersticken. 

Die Sängerin erwidert, dass Liebe nur frisch und spontan möglich ist. Was bringen schon die Erinnerungen an längst Vergangenes? Das Notenblatt zeigt hier mit der Anweisung „très doux“ und den schnell wechselnden, teils zauberhaft klingenden Harmonien das Gegenteil von „ennui“.  Der Gesangsvortrag soll einschmeichelnd und zugleich originell sein:

Ausschnitt aus dem Sopran-Part in Francis Poulencs Colloque (1940)

Es gibt in diesem Gedicht keine Antwort mehr – zwei Positionen stehen sich gegenüber.

In seiner 1935 gehaltene Rede mit dem schönen Namen Bilanz der Intelligenz (bilan de l’intelligence), auf die Svenja Flaßpöhler in ihrem Buch Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren (Klett-Cotta, 2021) hingewiesen hat, stehen folgende Schlüsselsätze aus der bereits erwähnten deutschsprachigen Gesamtausgabe (S.105), von denen die Autorin die ersten zwei Sätze zitiert:

Sprunghaftigkeit, hastiges Unterbrechen, überraschende Ablenkung machen allenthalben unsere Daseinsbedingungen aus. Bei vielen Individuen ist geradezu eine Sucht danach entstanden, und sie nähren sich im Geistigen gewissermaßen nur mehr von plötzlichen Abschweifungen und ständig wechselnden Reizen. „Sensationell“ und „beeindruckend“ charakterisieren als Schlagworte die ganze Epoche. Wir ertragen keine Dauer mehr. Wir können die Langeweile nicht mehr fruchtbar machen.

Im Französischen heißt der letzte Satz des Zitats im Original: „On ne sait plus féconder l’ennui“.  Wie auch immer man hier Langeweile begreift, scheinen doch diese Sätze im Zeitalter des Smartphones gültiger denn je.  Was nicht reißerisch daher kommt, wird kaum noch beachtet.  Im Colloque wird ennui künstlerisch in Kürze dargestellt und gespiegelt. Ästhetisch und kulturphilosophisch höchst ansprechend.

In der älteren Insel-Gesamtausgabe (Paul Valéry: Werke) steht im 1. Band mit dem Untertitel „Dichtung und Prosa“ die zweisprachige Version des Colloque auf den Seiten 222-225. Hier eine CD-Aufnahme des Lieds aus dem Jahr 2018. Valérys erwähnter Aufsatz Bilanz der Intelligenz ist im 7. Band („Zeitgeschichte und Politik“) nachzulesen; im Original ist er online verfügbar. 2021 wurde die Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag neu aufgelegt. Das Originalgedicht lässt sich hier nachlesen. Die Noten sind über die Plattform IMSLP abrufbar.

Programmierte Partnerschaft – Über den Film „Ich bin Dein Mensch“

Kaum ist man als Bahnreisender in der Gegenwart Berlins am Hauptbahnhof eingetroffen, kann man wenige Hundert Meter entfernt gleich in die Zukunft einsteigen – und zwar im Futurium, dem kostenlos zugänglichen Informationsort zu unserer Gesellschaft von morgen, das sich laut Homepage wahrhaftig als das „Haus der Zukünfte“ bezeichnet.

Dazu liefert der 2021 herausgekommene und bereits mit vier Lolas prämierte Film Ich bin Dein Mensch passendes Begleitmaterial. Maria Schrader hat überzeugend Regie geführt und die Protagonisten Alma (Maren Eggert) und Tom (Dan Stevens) glänzend in Szene gesetzt: Einerseits die etwas spröde wirkende Alma als Anthropologin im Pergamonmuseum, andererseits den humanoiden Roboter Tom, der, so sagt es das Drehbuch, auf den ersten Blick wie ein „Arme Leute Travolta“ daherkommt. Auf Bitten von Roger, einem Universitätsdekan, der als Mitglied einer Ethik-Kommission über das Wesen von künstlichen Kreaturen berichten soll, nimmt Alma an einer Studie teil, die das mehrwöchige Zusammenleben mit einer solchen Kreatur testen soll. Als Dankeschön dafür stehen dann Forschungsgelder für sie in Aussicht. Die nicht mehr allzu fern erscheinende Zukunft wird im Film buchstäblich durchgespielt.

Die erste Begegnung findet in einem „Berliner Tanzlokal aus der Nachkriegszeit“ statt. Die Mitarbeiterin der Firma Terrareca (aalglatt gespielt von Sandra Hüller) weiht Alma in den noch nicht ganz zuverlässig handelnden Roboter ein, den sie auch als Produkt vermarktet.   

Sie glauben nicht, wie kompliziert es ist, einen Flirt zu programmieren. Eine falsche Bewegung, ein falscher Blick, ein unbedachtes Wort, schon ist die ganze Romantik dahin, oder etwa nicht?

Im Interieur der Firma ist es leuchtend weiß: Zusammen mit dem Slogan „Dreams are our reality“, wird von Beginn an die mit Argwohn zu betrachtende traumhafte Wirklichkeit mit ganz besonderen ästhetischen Kameraeinstellungen konstruiert:

Terrareca ("Ich bin Dein Mensch")
In der Firma „Terrareca“ (Screenshot aus: Ich bin Dein Mensch, Regie: Maria Schrader, Letterbox Filmproduktion, 2021, 5’55“)

Die Mitarbeiterin vermeidet jegliche Romantisierung der Testsituation:

Ich weiß, dass Sie das alles mit einer gewissen emotionalen Distanz betrachten, und als Testperson sollen Sie das auch. Ich kann Ihnen aber nur empfehlen, sich auf diese Erfahrung ganz einzulassen. (…) Morgen ist es soweit.  Dann ist alles konfiguriert und Sie können Tom mit nach Hause nehmen.

Alma nimmt gegenüber ihrem Vorgesetzten das zukunftsträchtige Wort „mindfiles“ in den Mund, mit denen die Roboter gefüttert werden, damit sie überhaupt adäquat auf menschliche Äußerungen reagieren oder Erklärungsversuche geben können, wenn man selbst emotional arg belastet ist. Das ist dann der Fall, als Alma getröstet werden muss, weil eine argentinische Forscherin bereits die Forschungsfrage rund um eine antike Keilschrift, die Alma beschäftigt, beantwortet hat. Daten-Input reicht jedoch nicht aus: Jenseits davon soll auch ein Teil der Lebenswirklichkeit konstruiert werden, um mehr Gemeinsamkeit zu schaffen:

Wir empfehlen, an einer gemeinsamen Vergangenheit zu arbeiten. Eine Geschichte zu erfinden, wie man sich kennen gelernt hat. Nur wer eine Vergangenheit hat, hat auch eine Zukunft.

So kommt es, dass die beiden konstruieren, dass sie sich am Rande einer Forschungsreise in Kopenhagen kennengelernt hätten, einer Reise, die Alma noch bevorsteht. Auch werden Almas Urlaubsreisen an die dänische Ostseeküste in der Kindheit zu einem Bezugspunkt. Am Ende des Films sucht sie diesen Kindheitsort wieder auf, nachdem Tom die Koffer gepackt hat. Ihm begegnet sie dort wundersam wieder, ohne jegliche Emotion. Denn für Alma war der Abschied vom Roboter an der Zeit:

Er ist programmiert zur Simulation einer Empfindung, aber unfähig zu einer wirklichen Empfindung.(…) Tom ist eigentlich nur eine Ausstülpung meines Ichs!

Die Betonung liegt auf dem Ich, da an der Studie verständlicherweise nur Alleinstehende teilnehmen können. Der Umgang zwischen Alma und Tom zeigt eindrucksvoll, dass ein Roboter, mag er noch nur gut konfiguriert sein, keinen wirklichen Partner ersetzen kann. Es fehlt die Reibungsfläche zwischen dem Ich und dem Anderen. Die Ausstülpung steigert sogar noch die Ich-Bezogenheit; die Wahrnehmung von Andersheit bzw. Andersartigkeit findet nicht statt. Auch wenn es keinen inhaltlichen Konflikt zwischen Alma und Tom gibt, so findet doch eine Auseinandersetzung statt, für die Tom nicht verantwortlich sein kann, sondern nur Pate steht. Eindrucksvoller als Dan Stevens als Tom kann man diese Patenschaft kaum spielen. Der Wunsch nach Romantik im Badezimmer ist einer bei Tom einprogrammierten Statistik entnommen, nach der angeblich 93% der deutschen Frauen dies so wünschen. Nach eigenen Worten gehört Alma nicht dazu (wirklich nicht??), so dass Toms Mühen, Alma zu imponieren, keine Früchte tragen:

Romantik (Screenshot aus "Ich bin Dein Mensch)
Romantik im Badezimmer (Screenshot aus: Ich bin Dein Mensch , Regie: Maria Schrader), Letterbox Filmproduktion, 2021, 29’33“)

Im Café mitten in Berlin ‚parkt’ Alma Tom, so dass er selber mitbekommt, wie sich die meisten Besucher in virtuellen Welten bewegen:

Blood Good Café (Ich bin Dein Mensch)
Im Bloody Good Café(Screenshot aus: Ich bin Dein Mensch; Regie: Maria Schrader, Letterbox Filmproduktion, 2021, 25’34“)

Am Ende erhält der Film ein seminaristisches Fazit, als Alma ihre Erfahrungswerte in einem Gutachten auf Wunsch des Dekans darlegt und sich kritisch zu Toms Spezies äußert:

Doch ist der Mensch wirklich gemacht für eine Befriedigung seiner Bedürfnisse, die per Bestellung zu haben ist? Sind gerade die unerfüllte Sehnsucht, die Phantasie und das Streben nach Glück die Quelle dessen, was uns zu Menschen macht?  Wenn wir die Humanoiden als Ehepartner zulassen, schaffen wir eine Gesellschaft der Abhängigen, satt und müde von der permanenten Erfüllung ihrer Bedürfnisse und der abrufbaren Bestätigung ihrer eigenen Person. Was wäre dann noch der Antrieb, sich mit herkömmlichen Lebewesen zu konfrontieren, sich selbst hinterfragen zu müssen, Konflikte auszuhalten, sich zu verändern?

Mit dieser Frage entlässt der Film die Zuschauer. Im Futurium kann man ihr weiter nachgehen; dort wird der Film zusammen mit seiner feinsinnigen Musik, die sehr schön den Kammerton zum Schwingen bringt, womöglich noch länger nachwirken als im heimischen Wohnzimmer. In den eigenen vier Wänden wäre eine Gestalt wie Tom eher eine gruselige Vorstellung; als distanzierterer Betreuer an Lernorten fände ich ihn deutlich besser aufgehoben.

Der Film basiert auf der Erzählung „Ich bin Dein Mensch“ von Emma Braslavsky, die im Sammelband 2029 – Geschichten von morgen erschienen ist. Der Film ist noch bis Ende Juni in der ard mediathek verfügbar und als DVD bei vielen Anbietern erhältlich. Das Drehbuch ist bei der Deutschen Filmakademie in guten Händen.

Raumzeiten: Über den „Raumfahrer“ von Lukas Rietzschel

2017 sah ich im Guggenheim Museum von Bibao die Helden -Bilder von Georg Baselitz. Die verstörend dargestellten Figuren werden als vermeintliche Kriegshelden thematisiert, wodurch von allein das Heldenhafte in Frage gestellt wird. Ich nahm diese Kunst zur Kenntnis, indem ich eher oberflächlich draufschaute. Baselitz‘ Hauptwerk blieb mir somit bislang verschlossen.

Der junge sächsische Autor Lukas Rietzschel hat es mit seinem Roman Raumfahrer geschafft, mir das Baselitz-Universum ein Stück weit näherzubringen. Auch Kunsthistoriker dürften hier die eine oder andere Erkenntnis mitnehmen. Das Raumfahren hat hier nichts mit dem Weltall zu tun, sondern mit einem Dazwischen, das unterschiedliche Zeiträume und zugleich auch Raumzeiten zusammenbringt und die Figuren darin verwoben werden.

Der Roman spielt in Kamenz, östlich von Dresden, und dem Ortsteil Deutschbaselitz, nach dem Hans-Georg Kern sich Georg Baselitz benannt hat. Er tritt im Buch zusammen mit seinem Bruder Günter  auf, der in der Lausitz bleibt. Jener Günter vertraut sich mit einem Geheimnis aus der Vergangenheit seinem Pfleger Jan an, womit der Plot seinen Anfang nimmt. In seinem Privatarchiv finden sich Belege dafür, dass Jan mit der Familie Kern verbandelt ist. Wie genau, soll hier nicht verraten werden.  Der Autor bedankt sich ausdrücklich dafür, dass Günter Kern ihm authentische Dokumente zur Verfügung gestellt hat:

Er hat mir Einblicke in Akten, Briefe und Leben gegeben und dabei zugesehen und geduldet, wie ich sie arrangierte, umdichtete und nach meiner Vorstellung dramatisierte.

Man merkt dem Roman an, dass er sehr sorgfältig Materialien zusammen schichtet und natürlich auch die Ortskenntnisse des Autors mitsamt dem biografischen Hintergrund in sich aufnimmt. Das Covermotiv der Originalausgabe, von Rietzschel selbst gestaltet, zeigt eine Kulisse, die ein nicht real existierendes Nebeneinander mit jeweils zwei Fixpunkten (zwei Kirchen und zwei Laternen aus unterschiedlichen Zeiträumen und Raumzeiten) abbildet. Der mir in den Sinn gekommene Begriff Raumzeit – leider nicht als Wort gebräuchlich – ist für mich anschaulich, weil das Dreidimensionale gleichsam von der unsichtbaren Zeit geprägt wird. Sehr schön zeigt sich das in vielen Ortsbeschreibungen im Roman:

Mit der Zeit hatte sich der Asphalt, der über die Straßen aus Betonplatten gegossen worden war, mit jedem Reifen, der darüberfuhr, weiter abgetragen. Mittlerweile lagen die Platten wieder nackt da. Die Rillen dazwischen. Der Rhythmus der Straßen war zurück. Der Herzschlag. Egal, wie langsam oder schnell die Autos darüberfuhren. Auch jetzt schlug leise das Herz vor dem Block, das ewige Bum-Bum, Bum-Bum der Betonplattenrillen.

Rhythmus, undenkbar ohne Zeit, wird hier erst möglich durch einen gewissen Verfall, der in einem Zeitraum entstanden ist. Gerade in den Braunkohleabbaugebieten in der Lausitz ist die Raumzeit quasi eingeschrieben:

Senftenberg, Boxberg, Hoyerswerda, Schwarze Pumpe. Kern versuchte, diese ausgeschabte Gegend, die am Horizont begann, zu meiden. All die Löcher und Gruben, verbunden durch Förderbänder, die zu den Heizkesseln und Brikettfabriken führten, als hätte jemand Spinnenbeine auf die Landkarte gelegt.

Topographisch hat die Zivilisation Raum mitgestaltet und nicht nur genutzt. Es ist das Gegenteil einer Idylle, weil so gut wie keine Fläche unberührt scheint. Renaturierungsmaßnahmen schaffen wiederum eine neue Landschaft, wodurch sich nicht nur in der Lausitz Potential für neue Lebensformen ergibt.

Dabei stellt sich auch die Frage nach der Musealisierung von Kunst in Bezug auf einen spezifischen Ort. In Deutschbaselitz sieht Jan ein Namensschild mit der Aufschrift  Frau Koschmieder, tourist information, Baselitz museum and Deutschbaselitz history museum. Das Gespräch mit Frau Koschmieder fördert zutage, dass die Werke in der Welt sind, jedoch nicht vor Ort ausgestellt werden:

Die Idee mit dem Baselitz-Museum kommt von so ein paar jungen Leuten aus Leipzig. Die haben dem Ortsversteher einen sogenannten Maßnahmenkatalog überreicht, um die Gemeinde für Touristen interessanter zu machen. Die meinten, dass man unbedingt mit dem internationalen Aushängeschild Baselitz punkten müsste.

Heißt das, Sie haben hier gar keine Gemälde?

Ich kann Ihnen ein paar Kataloge von seinen Ausstellungen geben. New York, Paris oder Kunsthalle Meppen.

Die (internationale) Vermarktung einer Region hat durchaus etwas Aufgepfropftes, was alles andere als authentisch ist. Und doch ist es Ziel eines Tourismus, Lockmittel anzubieten, auch wenn die Kunst selber nicht locken kann. Hier zeigt sich sehr schön die Frage nach dem richtigen Weg, kulturelle Raumzeiten zu schaffen. Der Roman ist ein Zeugnis einer raffiniert durchgeführten Spurensuche, die sich dem Leser offenbart. Dabei steht ein prominenter Künstler mit seinem Bruder genauso im Vordergrund wie die Biografie des Suchenden. Jan bewegt sich physisch als „Raumfahrer“ durch die Lausitz und mental durch verschiedene erzählte Räume. Ein wunderbares Bild, das sich im Text eindrucksvoll wie ein Abzeichen bemerkbar macht. Sind wir nicht alle Raumfahrer?

Ein Video mit Lukas Rietzschel zum Buch ist genauso interessant wie eine Deutschlandfunk-Rezension. Der Roman lässt sich bei dtv bestellen. Die Zitate stehen (nach aufsteigender Seitenzahl geordnet) auf S.45, S.65, S.241, S. 282 und S. 287. Das kurze siebte Kapitel (S.46/47) widmet sich vollständig den Heldenbildern von Georg Baselitz. Die Heldenbilder waren 2016 unter anderem im Städel-Museum Frankfurt am Main zu sehen. Hierzu gibt es einem kurzen Einführungstext mit einigen biografischen Angaben zu Georg Baselitz.

Samt und sonders: Ein Allerlei von vermeintlich Naheliegendem

Kann das Sonderbare nicht auch naheliegend sein?

Diese Frage lässt sich wohl nicht ganz ernsthaft beantworten. Mich interessiert das Wort „naheliegend“, weil das scheinbar leicht zu Erklärende auch eine topographische Komponente hat: Die buchstäblich nahe Lage ist eben trügerisch, wie wir sehen werden. Denn manchmal überwiegt gerade in der vermeintlichen Selbstverständlichkeit das Unverständliche, das sogar als sonderbar aufgefasst werden kann. Drei unterschiedlich lange Miniaturen aus der Tiroler Urlaubsregion Seefeld zeugen davon:

1. Sondermarke?

Mehrere Postkarten ins nahegelegene Deutschland frankierte ich mit einfach gestalteten Postwertzeichen, auf denen über einem Blumenmotiv das Wort „Sonderpostamt“ steht. Naheliegend wäre in Zeiten offener Grenzen, teurere Postdienstleistungen ins Ausland ohne  jegliche „Sonder“-kategorie laufen zu lassen, gerade weil doch der Begriff „Sondermarke“ bereits für die Philatelie reserviert ist. Und um eine (hoch)amtliche Zustellung handelte es sich auf keinen Fall!

Sonderpostamt
Sonderpostamt aus Seefeld in Tirol (März 2022)

2. Sonderzug?

Wenige ICE-Züge mit dem Traditions(zug)namen Karwendel fahren seit 2007 (vorher gab es Intercity-Züge)  saisonal grenzüberschreitend bis nach Innsbruck, und zwar postkartentauglich direkt über die Berge und nicht durchs Inntal.  Dabei werden Höhen über 1000 m und eben auch Seefeld passiert, wo selbst-verständlich auch ein Fahrplanhalt vorgesehen ist. Höher kann man mit dem ICE nirgendwohin gelangen. Die Deutsche Bahn war nicht sonderlich angetan von der Verlängerung durch die Berge und beschloss, mit dem Fahrplanwechsel 2017/18 alle ICEs dieser Route in München bzw. Garmisch-Partenkirchen enden zu lassen. Kaum verständlich passte die eingeweihte Neubaustrecke durch den Thüringer Wald laut Bahnangaben nicht mehr zur „peripheren Strecke“ durch die Nordalpen. Zum Glück wurde dieses Vorhaben nach einem Jahr wieder revidiert und in der neuen Streckenplanung einfach der Umweg über Berlin (und den Thüringer Wald) gestrichen. Eine Alternative wäre es, gewisse Nebenstrecken aufgrund des fehlenden Umsteigeaufwands in den Premiumbereich mit aufzunehmen, anstatt sie als „peripher“ abzustempeln. Zentraler in Europa könnte die Karwendelbahn kaum liegen! Welche schönen Luftaufnahmen können hier entstehen! Allein der zufällige Anblick eines in Seefeld ausfahrenden ICEs war für mich im positiven Sinne sonderbar. Das Ungewöhnliche – ein Schnellzug  und kein Sonderzug inmitten dieser  Kulisse – sollte naheliegend sein, gerade wenn man bedenkt, dass jeder Reisende, der nicht mit dem Auto nach Seefeld kommt, besonders erwünscht sein soll. Im Frühjahr 2022 fährt samstags einzig der ICE 1207 direkt von Hamburg über Seefeld nach Innsbruck (direkt zurück fährt ebenfalls samstags ICE 1206). Ab dem Sommer 2020 wurde die Direktverbindung von Berlin nach Innsbruck (nicht über Seefeld!) als einer von mehreren neuen touristischen Fernverkehrszügenangeboten (saisonal samstags).

ICE-Tourismus
Neue touristische Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn (Stand: 2020)

3. Sonderski?

Mit dem extra für das Seefelder Loipenparadies angeschafften Rossignol Delta Sport-Skating-Ski verlustierte ich mich kilometerlang in der einzigartigen Tiroler Berglandschaft. 3 Stunden lang gab es jedoch unerwarteten Nervenkitzel: Während eines Pausenstopps an der Polis Hütte direkt an der Loipe in Leutasch entwendete augenscheinlich jemand nur wenige Meter von dem von mir in Besitz genommenen Liegestuhl meine neuen Skier samt der schon ziemlich alten Stöcke. Das konnte doch nicht wahr sein! Eine geschlagene Stunde lang lief ich wie ein verdattertes Hühnchen zwischen den Ansammlung von Stühlen und der Speisenausgabe umher, befragte Leute, schaute genau auf die Skier vieler vorbeifahrender Langläufer und hielt lautstark als eine Art Ultimatum ein schon lang anvisiertes verdächtiges Paar der Marke Atomic hoch, um danach schon hoffnungsvoll festzustellen, dass es keinem Anwesenden gehörte.  Es musste also eine Verwechslung gegeben haben! Zum Glück handelte es sich eindeutig um Leihski eines nahen Sportgeschäfts. So schnallte ich vor vielen, mich moralisch stützenden Zeugen in Liegenstühlen das fremde Damen-Skipaar an, was auch wegen unterschiedlicher Bindungssysteme nicht selbstverständlich war, und lief zügig (nicht ohne einen gewissen Umweg!) in Richtung Sport Wedl im Leutascher Ortsteil Weidach. Nein, ein Diebstahl war ausgeschlossen – dafür ist der Atomic Redster S7, laut Skiverleih ein „Top-Ski“, spürbar einfach zu gut! Mit Hilfe von Karteikarten wurde innerhalb von einer Stunde die Übeltäterin aus Berlin, die mit ihrer Familie in einer nah gelegenen Ferienwohnung logierte, ausfindig gemacht. Geduldig nahm ich in einem Ledersessel am Ladeneingang Platz und versuchte, einen Roman weiterzulesen. Als Beschallung kam passend zum Ereignis Supertramps alles andere als verträumtes Lied „Dreamer“ !  Zehn Minuten vor Ladenschluss – fast wie in einem Drehbuch – kam jene Dame mit Anhang in den Laden und entschuldigte sich mit einer kaum zu toppenden Unschuldsgeste, weil sie wohl erst jetzt verstand, dass sie einer saublöden Verwechslung aufsaß. Beide Ski-Paare sind sich auch in der Farbgestaltung trotz eines vergleichbaren Rottons nicht wirklich ähnlich (der Rossignol-Hahn hat nichts mit dem Atomic-Zacken zu tun!), ganz zu schweigen von den Stöcken. Die im Langlauf-Sport sicher Versierte hatte das physisch Naheliegende –mein Paar – einfach vom Café  von Blindheit geschlagen in Richtung Ferienwohnung geschleppt.  Das gute Ende nahm also seinen Lauf, und es kam noch besser:  Vom Ladenbesitzer wurde ich als „angenehmer Zeitgenosse“ hoch bewertet. Er hätte mich sogar von Leutasch nach Seefeld gefahren, wäre ich nicht motorisiert gewesen!  Das war für mich Genugtuung genug, so dass aus meinem Mund insgesamt nur Verständnisvolles herauskam und ich als kleines Dankeschön letztlich noch von der Mutter der (Schnee-)Blindgeschlagenen zu meinem fahrbaren Untersatz chauffiert wurde. Unterm Strich ein nachmittagsfüllendes Dramolett, in dem ein „Top-Ski“ vorübergehend für mich zu einem ungewollten „Sonderski“ wurde!

Rossignol-Skating Ski
Der eigentlich unverwechselbare Rossignol Delta Sport – Skating – Ski




Ein herzliches Dankeschön an die Familie Wedl für ihre tatkräftige Suche nach den verschleppten Rossignol-Skiern! Bei meinem nächsten Besuch in Leutasch werde ich Sport Wedl als Kunde aufsuchen!

Weinerlich – lächerlich: Über das Lied „Tutorial“ von Erdmöbel

Als ich 2002 mein Studium begann, war das Veranstaltungsformat namens Tutorium auf die akademische Welt beschränkt. Heutzutage sind vor allem dank Youtube Tutorials in der breiten Gesellschaft angekommen. Vieles lässt sich heute am Bildschirm ohne klassischen Unterricht erlernen. Neulich hörte ich noch einen Spaziergänger sagen, dass er die Kombination aus Bild und Ton zum Verständnis der Erklärung sehr hilfreich finde. Wer wollte ihm da widersprechen? Eine moderne Bedienungsanleitung ist im Grunde ein Erklärvideo.

Die deutsche Band Erdmöbel hat ganz besondere Liederformate auf Studioalben gebannt und zeigt ihr hohes Maß an Kreativität und Gespür für Ironie. Das Lied Tutorial auf dem 2018 erschienenen Album Hinweise zum Gebrauch ist von seiner Gestaltung besonders; insofern verwundert es nicht, dass es auch noch durch einen Kurzfilm bebildert wird. Die Genregrenzen werden hier gleich mehrfach überschritten: Wodurch kann man ein Lied von einem Sprechgesang unterscheiden und wodurch ein Kurzfilm von einem Musikclip? „Tutorial“ erzählt davon, wie man online das Weinen erlernen kann. Das ist natürlich starker Tobak, denn Weinen gehört zu den Handlungen, die im Grunde keiner erlernen will. Es gibt jedoch Fälle, wo weinerliches Verhalten angebracht sein kann: Am ehesten sind Fake-Tränen im Schauspiel erwünscht, wenn sie die Rolle quasi vorschreiben.

Die Schlagwörter im Lied zum guten Gelingen heißen „Glücklichkeitsersatz“ als „eine echte Sache, eine echte Erinnerung, eine Person oder einen Ort, der euch vollkommen glücklich macht“; analog dazu wird  ein „Traurigkeitsersatz“ verlangt. „Ersatz“ ist sogar im Französischen als Wort (z.B. „ersatz de café“) bekannt und kann im extremen Fall auch wie ein Fake wirken.

Tutorial zeigt die Methode, die in Form eines Countdown vom Himmelhoch-Jauchzend-Gefühl zum Tode-Betrübt-Gefühl leiten soll und somit das Weinen als Ziel-Stimmung auslösen soll:

Was wir hier machen, wird die Zehn-bis-Eins-Methode genannt. Das heißt, man zählt einfach herunter, all die Zahlen von Zehn bis Eins, und dann am Ende, wenn ihr ankommt, an dem Zeitpunkt, wo ihr unten zur Eins kommt…also Leute, ihr wisst Bescheid, da kommen die Tränen. Bevor wir anfangen, muss ich nochmal betonen, dass es eigentlich nie darum geht, echte, physische Tränen zu erzeugen, sondern wir wollen Gefühle abbilden. Und was macht ihr normalerweise, wenn ihr weint? Normalerweise weint ihr nicht. Also ihr brecht nicht einfach in Tränen aus, meine ich. Normalerweise versucht ihr, wenn ihr weinen müsst, erstmal nicht zu weinen, die Traurigkeit zurückzuhalten. Und genau darum hat es mehr Kraft, viel mehr Kraft, wenn man versucht, so auszusehen, als wollte man lieber nicht weinen. Das ist es, das ist irgendwie genau der Kern dieser Übung. 

Der Kurzfilm unter der Regie von Dennis Todorovic ist passend zur
„Zehn-bis-Eins-Methode “ mit zehn namhaften Schauspielerinnen (u.a.  Corinna Harfouch und Eva-Maria Kurz) besetzt. Er wurde 2019 unter anderem auf dem Filmfest Dresden vorgeführt.  Das Lied, das in der Albumversion mit gut acht Minuten überdurchschnittlich lang ist, wurde für den Film leicht gekürzt. Mal sieht man die Akteurinnen stumm und mit Fake-Gefühlen ringend, mal bewegen sie ihre Lippen zur entlehnten Stimme von Erdmöbel-Sänger Markus Berges, so dass die unterschiedlichen Rollen im Tutorial wie ein Stimmungskollektiv erscheinen. Zu Anfang des Films werden auch weitere Akteure (Maskenbildner, Beleuchter) gezeigt, so dass die Filmkulisse als realer Lernort für Fake-Tränen inszeniert wird. Am Schluss wird der Countdown, deren Zahlen einen vorgegebenen Gefühlszustand repräsentieren, bis zur Zwei von einem Stimmen-Kollektiv und Berges doppelt heruntergezählt; bei der Zehn sorgt der „Glücklichkeitsersatz“ noch ausschließlich für extatisch strahlende, geradezu siegestrunkende Gesichter; schon bei der Neun beginnen diese zu verhärten; mit jeder weiteren Zahl macht sich mehr und mehr Ernüchterung breit, die in Niedergeschlagenheit und Fassungslosigkeit mündet. Das letzte Wort ist die Eins; Berges‘ Stimme kommt schließlich aus dem Mund der verweint aussehenden Lisa Martinek, womit der Film mit seiner Begleitmusik sang- und klanglos endet.

Das Lied ist kein Hörgenuss, was Erdmöbel sicher auch nicht beabsichtigt haben. Es ist im Grund ein schnoddriger Monolog,  der aus dem Mund eines Online-Tutors kommen könnte, begleitet von einem repetitiv-monotonen Klangteppich und lyrischen Einsprengseln einer Querflötenstimme. Man kennt diesen Ton, wenn man häufiger Erklärvideos anschaut: Das Pseudo-Kumpelhafte ist mitunter schwer zu ertragen, doch anscheinend gehört es zu einem Tutorial dazu. Erdmöbel imitieren diese Art von Rhetorik; die Kunst liegt darin, über die inszenierte Ernsthaftigkeit des Sprechgesangs (ausgeführt durch Markus Berges) gewisse Lehr-Stücke als Fake zu entlarven. In der Debatte um Authentizität und Fälschung  bietet „Tutorial“ ganz wesentliche „Hinweise zum Gebrauch“.

Die Homepage von Erdmöbel enthält viele Konzerttermine;
„Hinweise zum Gebrauch“ gibt es u.a. bei jpc zu bestellen. Außerdem gibt es hier eine vollständige Liste aller beteiligten Schauspielerinnen.

Die schwärmerisch besungene Stadt

Das Internet hält viele Informationen als Wissensspeicher für ein größeres Publikum vor. Neulich hörte ich im Radio wieder eine der bekanntesten Chansons überhaupt: Paris s’éveille von Jacques Dutronc. Der Text ist mit seiner musikalischen Ausgestaltung genial; dafür braucht es keine Übersetzung ins Deutsche. Und doch war ich froh, dass sich eine Privatperson namens Dieter Kaiser die Mühe gemacht hat,  unter anderem auch diesen Chanson-Text aus dem bewegten Jahr 1968 ins Deutsche übertragen zu haben – ohne den Reim als Klangmittel zu vernachlässigen.

Wenn man auf Youtube Jacques Dutronc singen sieht und hört, dann reicht eigentlich dieses Stimmungsbild schon aus, um sich das erwachene Paris vorzustellen: Die Querflöte als malerische Klangkulisse zusammen mit dem unwiderstehlich preschenden, gleichmäßigen Puls der Stadt, der vom Schlagzeug wie der Sound eines Spinnereibetriebs imitiert wird. Das scheinbar unabhängige Nebeneinander von Blas- und Schlaginstrument ist wie eine Signatur eines Nachtschwärmers, der das Grundtempo der Stadt mit elegisch-verträumten Charakterzügen des singenden Ichs verknüpft.

Allein die erste Zeile ist als Ansage großartig: „Je suis le dauphin de la Place Dauphine “. Die Übersetzung „Ich bin der Fürst am Fürstenplatz“ kann das Mehrdeutige der pikanten Selbstvorstellung als Thronfolger, als (sportlicher) Verfolger und als Delfin nicht aufnehmen. Die mitten in Paris auf der Île de la Cité gelegene Place Dauphine ist eine zudem recht bekannte Sehenswürdigkeit; weniger fürstlich, eher bürgerlich scheint der Fürstenplatz im Berliner Westend und der Fürstenplatz  in Düsseldorf -Friedrichstadt daherzukommen.

Eine weitere Doppeldeutigkeit ist das Backwerk namens „bâtard“, Im Französischen ist es neben einer Baguette-Variante mit weniger Hefeanteil – laut dem Wörterbuch Petit Robert ein „pain de fantaisie“ – auch ein Wort mit (historischem) Beigeschmack, das neben einem Mischling im Tierreich ein nach antiquierten Vorstellungen nicht legitim zur Welt gekommenes Kind bezeichnet; „Bastard“ ist ja auch im Deutschen (zum Glück) aus der Mode gekommen. Die beiden Verse „Paris by night, regagne les cars / Les boulangers font des bâtards“ in der Übersetzung „Süßbrot gibt es als Morgengruß“ / „Paris by night steigt in den Bus“ kann man getrost annehmen, um den Reim einigermaßen retten zu können.

Eine Strophe stelle ich in ihrer Gänze vor: Drei Sehenswürdigkeiten darin zusammen ästhetisch zu verdichten ist meisterlich. Das mit ihnen in Verbindung gebrachte Fröstelnde, das Wiederbelebte und Artige zwischen Tag und Nacht thematisieren poetisch das Kaltherzige, Geistreiche und zugleich Tugendhafte; Eigenschaften, die in einer Großstadt zu beobachten sind:

La Tour Eiffel a froid aux pieds

L’Arc de Triomphe est ranimé

Et l’Obélisque est bien dressé

Entre la nuit et la journée

Dieter Kaiser hat die den Monumenten angedichtete menschliche Aura beibehalten können:

Der Eiffelturm hat kalte Füß

Der Triumphbogen wird begrüßt

Der Obelisk hält noch die Wacht

Am Tage und in der Nacht

Musikalisch hat eine solche Übersetzung wenig Verwertungschancen, selbst wenn sie Inhalte der Liedkunst übertragen kann. Anders sieht es mit einer vollkommen neuen Textversion des Originals aus: 1969 hat der fast vergessene Sänger Wolfgang Thümler alias Bob Telden eine deutschsprachige Version mit dem Titel Berlin erwacht auf Schallplatte eingesungen. Sie blieb eher unbekannt, ist aber eine passable Kopie, die die Genregrenzen überschreitet, da die Chanson zugunsten des Schlagers eingetauscht wird. Es gibt mehrere interessante Bezugspunkte zum Original, zum Beispiel die menschlich gestimmten Eigenschaften von Bauwerken, die auf den Nachtschwärmer verweisen:

Der alte Funkturm blinzelt müde noch ins erste Sonnenlicht / ein Bäckerjunge fährt die Brötchen aus, den Schlaf noch im Gesicht

Auch werden bekannte topografische Orte eingebunden, und zwar in ganz pragmatischer Art und Weise, wobei das Busfahren wie bei Jacques Dutronc nicht zu kurz kommen darf:

Der erste Bus fährt mich vom Grunewald zum Bahnhof Zoo / vom ersten Kuss in einer Bar ich weiß nicht wo.

Bus und Bahnhof kommen erfreulicherweise in beiden Versionen vor: Bei Dutronc wird die Gare de Montparnasse zu einer „carcasse“. Das Bild eines Gerippes passt nicht nur vom Reimschema her, wenn man das gerippte Bahnhofsdach im Innern ohne Menschenströme als Belebung des Raums betrachtet. Dieter Schwarz hat das Wort „Karkasse“ im Deutschen übernommen; nur wenigen dürfte es geläufig sein, dass es in der Gastronomie verwendet wird.

Immerhin kommt dann doch das legendäre West-Berliner Nachtleben zur Geltung:

Der Kudamm fasziniert auch ohne seinen hellen Neonschein / gleich um die Ecke steigt ein Gogogirl in eine Taxe ein.

Der deutschsprachige Version ist eher die höfliche Variante; man könnte sich auch mit dem Herz der Provinz vorstellen.  Faszinierend ist, dass Original und Kopie nur ein Jahr voneinander trennen. Es weht also der gleiche Zeitgeist in den Stücken. Doch nur das Original kann einen gesanglichen Mythos schaffen. Es wird wirklich (wieder) Zeit, sich früh morgens durch Paris zu bewegen und dann (auf) das Lied von Jacques Dutronc zu hören.

Literarische Drehmomente – Über Sasha Filipenkos Roman „Der ehemalige Sohn“

Wenn in einem Roman ein Lebenslauf mit Zeitläuften (warum heißt es eigentlich nicht „Zeitläufe“ ohne diese merkwürdige „t“?) gewissermaßen verknotet wird,  dann gibt es sofort einen doppelten Boden. Das Schicksal eines Individuums wird mit dem Schicksal einer ganzen Gesellschaft in einer Parallelschau literarisch verarbeitet. Franzisk Lukitsch ist die Hauptfigur des Romans Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko, der letztes Jahr endlich auf Deutsch bei Diogenes erschienen ist; die Originalausgabe stammt aus dem Jahr 2014. Sein Lebenslauf wird durch zehn Jahre lang quasi angehalten: Er fällt nämlich  an einem Rockkonzertabend bei einer Massenpanik in einer U-Bahnunterführung ins Koma. Vorher – bis 1999 – genoss er in Minsk am Staatlichen Lyzeum für Künste eine Celloausbildung, danach – ab 2009 – kann er immerhin als Verkäufer von „Sanitärkeramik“ arbeiten, auch wenn er in seinem Leben etwas anderes vorhatte, als seinen Arbeitsplatz zwischen „Mischmaschinen, Waschbecken und Klomuscheln“ einzunehmen.

Anders als seine ihm fremd gewordene Mutter und sein Stiefvater, der als behandelnder Chefarzt sich wenig fürsorglich verhält, ist seine Großmutter ihm rührend zugeneigt. Die meisten Erzählungen am Krankenbett entführen den Leser in eine Welt, die gewisse Werte transportiert.  Als Übersetzerin ist sie nicht nur sprachmächtig, sondern vermittelt auch zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Tragischerweise verstirbt die „Babuschka“ drei Tage, bevor Franzisk aus dem Koma erwacht. Immerhin hinterlässt sie ihm neben Geld auch Kontaktlisten, so dass sie ihm auch nach ihrem Tod behilflich sein kann. Aus Dankbarkeit und einer gewissen Ehrfurcht besucht der genesene Enkel oft ihr Grab, um den Dialog zwischen Diesseits und Jenseits fortzuführen.  Da Franzisk auch Gasteltern in Deutschland hat und deswegen leichter als andere an ein Visum kommt, endet das Buch recht beschwingt mit einem Celloauftritt in einer deutschen „Hafenstadt, auf einer Straße nur ein paar Schritte vom Rathaus entfernt“.

Jene von Franzisk als deutsche Mama und deutschen Papa bezeichneten Gasteltern – Jürgen und Claudia – wurden in den  1990er Jahren nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl vermittelt, jedoch weniger aus humanitären, sondern vielmehr aus kommerziellen Interessen. Damals wurden für Kinder und Jugendliche „Gesundheitsferien“ im „Gesundheitsbusiness“ für mehrere Hundert Dollar verkauft, ein Vermögen für die meisten Weißrussen. Ohne Dolmetscher kann sich das Ehepaar bei ihrem zweiwöchigen (Kranken-)Besuch nicht verständigen, so dass Franzisks Großmutter ihre teils ungeschickten Äußerungen nur gefiltert aufnehmen kann. Leicht klischeehaft wird vor Ort aus deutscher Perspektive von Jürgen „die schlechte Laune“ vieler Leute und von Claudia fehlende „gute Putzmittel“ bemängelt – ein No-Go in einer ihr vertrauten „Kultur des Wäschewaschens“.  Teils aus Fürsorge, teils aus Eigennutz wird Franzisk von Jürgen als „sein Kind“ angesehen, was nicht unbedingt die Verständigung  zwischen zwei Familien fördert.  Dass humanitäre Prinzipien auch heute weniger eine Rolle spielen, macht der Autor sehr deutlich. Denn nach dem Erwachen aus dem Koma hat sich für Weißrussland wenig verändert. Franzisks Freund Stassik meint sicher zurecht:

Für die Europäer sind wir Menschen zweiter Klasse aus einem Dritte-Welt-Land. Alle sagen immer nur, man müsse uns helfen, die Tür aufmachen, wir seien so wie sie, würden uns durch nichts unterscheiden, aber sobald es um das Thema Visum geht – ziehen sie zwischen uns eine riesige Panzerglasscheibe hoch.

Ungezügelte Privatwirtschaft auf der einen Seite, mentale und politische Mauern auf der anderen Seite machen die zeitgeschichtliche Ebene als Konstanten seit Mitte der 90er Jahre aus. Vor dem Fall ins Koma wird ein Rückfall in den pränatalen Zustand beschrieben, der eben nicht nur auf Franzisk zutrifft, sondern sinnbildlich auch auf den Zustand von Belarus um die Jahrtausendwende herum:

Wie ein Baby im Mutterleib drehte es ihn wieder und wieder. Er wusste nicht mehr, wo der Boden war und wo die Decke; eine unsichtbare Nabelschnur, Rettung oder Untergang, zog ihn weiter.

Handelt es sich hier um den unkontrolliert erlebten Fall ins Unbewusste, beobachtet Franzisk in seinem Badezimmer ganz bewusst einen weiteren, deutlich längeren Drehmoment am denkwürdigen Präsidentschaftswahlabend 2010:

Während Tränen über sein Gesicht strömten, sah er zu, wie Kleidungsstücke übereinanderpurzelten und -wirbelten. Wie vorhin der nasse Schnee die Stadt füllte Schaum die Trommel an. Das runde Glas beschlug, die Maschine nahm Schwung auf und wackelte. Dann blieb sie plötzlich stehen, die Jeans und der Sweater plumpsten auf den Boden der metallenen Trommel wie auf nasse Stufen, und die Trommel dreht sich in die andere Richtung. Sensoren sorgten für die richtige Temperatur, während Franzisk die Temperatur seiner Tränen nicht steuern konnte. Die Maschine pumpte nun die Lauge ab, und der Schleudergang setzte ein. Zisk sah zu, die die nassen Kleider an die Wände gepresst wurden. Er dachte daran, dass er an diesem Tag zum Verräter geworden war und das nie mehr würde abwaschen können.

Das Davonrennen als Demonstrant gegen die herrschende Staatsgewalt, um einer Festnahme zu entgehen, bildet für den Romanhelden einen Makel. Die Kraft der politischen Bewegung kann dem Schleudergang der machtvolleren Staatsmaschine nicht standhalten.  Der Oppositionelle mag sich daher wie ein Kleidungsstück fühlen, dass im schlechten Sinne gesäubert wird, nämlich von jeglichen Bestrebungen, an Umsturzversuchen festzuhalten. Doch die Bevölkerung ließ sich nicht einschüchtern. Bei den Präsidentschaftswahlen 2006, 2010 und 2020 wuchsen die Protestaktionen an, wenn man unabhängigen Quellen glaubt: Sollen es in Minsk etwa 10000 Demonstranten im Jahr 2006 gewesen sein, gingen angeblich vier Jahre später ca. 20000 und 2020 mindestens 100000 Menschen auf die Straße.

Dass „Musik die beste Methode zur Rettung“ für Franzisk ist, stimmt am Ende versöhnlich. Im Notensystem geht es geordnet zu; dort finden keine Revolutionen statt. Am Ende haben die Töne die Sagen – mit oder ohne Worte.

Hier geht es zu einer Leseprobe auf die Homepage des Diogenes-Verlages. Die Übersetzerin hat in einem Nachwort noch einige wissenswerte Anmerkungen gemacht. Nur eine Notiz daraus: Der Name des Protagonisten „geht auf den ‚ersten belarussischen Buchdrucker’ zurück, den Universalgelehrten Francysk Lukitsch Skaryna“. Die Neue Zürcher Zeitung bietet noch einige interessante Details zum weißrussischen Autoren, der seit vielen Jahren in Sankt Petersburg lebt.

Ansichtssache: Über das Gemälde „Ländliche Idylle“ von Volker Böhringer

Ende November 2021 besuchte ich endlich mal wieder das Städel-Museum in Frankfurt am Main.  Die hochkarätige Dauerausstellung wurde in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich erweitert. Ein Gemälde fiel mir besonders auf, das im Jahre 2009 erworben wurde: Es ist die Ländliche Idylle (1935) von Volker Böhringer (1912-1961). Bedauerlicherweise ist Böhringer laut dem Städel-Museum „nur noch Spezialisten ein Begriff“ und bekam erst ein Jahr vor seinem Tod eine Einzelausstellung zugesprochen, wie man der Wikipedia entnehmen kann. Insofern lohnt sich ein genauer Blick auf dieses besondere Kunstwerk:

Volker Böhringer: "Ländliche Idylle"
Volker Böhringer: „Ländliche Idylle“, Tempera auf Öl auf Pappe, 1935; Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Als ich am 04.01.2022 vom Kloster Engelberg aus eine vergleichbare, leider in Regenwolken gehüllte Landschaftsformation in Churfranken betrachtete, nämlich das Maintal bei Miltenberg, hat sich das Gemälde noch stärker in meiner inneren Anschauung einen Platz verschafft. Die im Bild gezeigte Idylle ist sicher nicht romantisiert, wie es die klassische Idylle vermag, und gerade deswegen ist es für mich so nahbar. Böhringer hat seine Heimat als urbar gemachte Kulturlandschaft – das Neckartal bei Esslingen – auf eine ganz besondere Weise eingefangen. Sie berührt mich wohl deswegen, weil hier keine unberührte Natur  auf mich einwirkt. Das gesamte Hügelland scheint vom Menschen heimgesucht, wobei Heimsuchung hier auf keine Katastrophen hindeutet, sondern auf den Versuch, in klaren Strukturen sich Flächen verfügbar zu machen und nichts dem Lauf der Dinge zu überlassen. Mir fällt hierzu das Stichwort „Landnahme“ ein. Selbst der blühende Boden scheint zweckgebunden, und sei es nur aus dem Grund, sich bewusst an der Schönheit der Blüten in einem definierten Bereich erfreuen zu wollen.

Die für mich sonderbare Verschmelzung zwischen surrealistischem und expressionistischem Stil lässt sich an zwei verschiedenen Blautönen festmachen: Der Himmel erinnert mich mit den rätselhaft geformten Wolken an Salvador Dalís Werk, während die dreieckigen tiefblauen Dachfensterseiten die Formsprache eines Karl Schmidt-Rottluff geradezu zitieren. Der Körperkontakt zwischen der jungen Frau mit nur angedeutetem Profil und dem verfremdet dargestellten (Nutz-) Tier – vermutlich eine Ziege – weist auf ein stillschweigendes Verständnis  im gegenseitigen Umgang hin. Diese dargestellte Harmonie lässt mich in meinem Kopf Bilder weiterer Künstler, insbesondere von Franz Marc und August Macke abrufen.

Aus einem Bruch mit dem Entstehungsjahr im Nenner und dem Buchstaben
„b“ (wahrscheinlich für „Böhringer“) im Zähler die Wurzel ziehen zu wollen ironisiert das seriöse Datieren eines Kunstwerks. Es lässt an eine vollkommen andere Zahl denken, die eben keine Zeitkonnotation mehr hätte. Der mathematisch unbestimmbare Wert ist auf einer Zeitungsseite mit dem Titel „Bote“ abgedruckt, woraus sich eine nicht zu entschlüsselnde Botschaft ergibt.

Was mich an diesem Gelände fasziniert ist das Nebeneinander von Ort und Raum.  Die Betrachterposition nimmt mehrere Dimensionen in den Blick, die auf Bewegung hinweisen. Explizit nehme ich im Bild rechtsunten Linien sowie ein Signal wahr, die mich an eine (Fahr-)Bahn denken lassen. Es herrscht deswegen keine Starre, sondern eher eine mitgedachte Dynamik in der Ruhe vor, die auf großes künstlerisches Können hinweist. Die Kombination aus milden und kräftigen Farben unterstützt diesen Gesamteindruck.

Die linke Seite des Gemäldes enthält Utensilien und Konstruktionen, die auf tradierte Praktiken hinweisen. Ihre Anordnung verrät eine gewisse Unstimmigkeit, so als ob sie ausgedient hätten. Auffallend ist, wie detailtreu die verwendeten Materialien mit ihren Strukturen gezeichnet sind. Hier werden Stilpraktiken  aus längst verflossenen Zeiten eingebracht. „Ave Maria“ können wir an einem Bildstock lesen, der mächtig gen Himmel ragt, während der Fabrikschlot perspektivisch keine besonders luftige Höhe erreicht. Althergebrachtes und Neuartiges stoßen in der Idylle aufeinander, thematisch und strukturell: In der Zusammenschau entsteht hier auf den Betrachter der Eindruck einer Disharmonie, wodurch der Begriff „Idylle“ subtil hinterfragt wird.

Ländliche Idylle belegt, wie sehr die Sinne geschärft für alte und neue Zusammenhänge geschaffen werden, die im Betrachter selbst entstehen. Eine Einladung, seinem eigenen Bildgedächtnis habhaft zu werden und es neu zu vergegenwärtigen.

In sehr guter Bildauflösung lässt sich die Ländliche Idylle noch einmal über die Digitale Sammlung des Städelmuseums betrachten. Die Galerie Valentien bietet digital weitere Gemälde von Volker Böhringer zur Ansicht an.

Fließender Übergang – Über tanzbaren Elektropop von Yelle

Am Jahresende werden Rückblicke und Ausblicke gewagt – auch ohne (Silvester-)Partystimmung, die nach 2020 auch 2021 aus den bekannten Gründen nicht aufkommen konnte – doch bekanntlich sind Liebe, Freundschaft und Wertschätzung viel wichtiger als kurzlebige Euphorie.  Gute (Elektro-) Musik kann auch weit ab von Festen und Feten für die gewünschte Stimmung sorgen.  Im Dezember schaute ich in der Arte-Mediathek vorbei, wo „in concert“, jedoch ohne Zuschauer, die französische Sängerin Yelle alias Julie Budet sich präsentieren durfte. Ich war angetan von ihrem Sound, der hierzulande in Funk und Fernsehen selten zu hören ist. Ganz besonders hat mich das Lied Je t’aime encore angesprochen. Die (Wort-)Bindungsstärke der französischen Sprache  erzeugt zusammen mit ihrer Weichheit einen kaum zu übertreffenden Flow im Gesang. Das dazugehörige Musikvideo bildet eine weitere Dimension des fließenden Übergangs von der Stimme zum Bild. Wenn die Sängerin im Friseurstuhl sitzt und der Friseur den Rhythmus mit seinen Körperbewegungen aufnimmt, dann entsteht – das Wortspiel sei erlaubt – eine Ha(a)rmonie, besonders bei „tourner“, wenn die zu frisierenden Haare gezwirbelt werden. Der Clou des Videos besteht darin, dass der Friseur sich zum Schluss die Frisur seiner Kundin quasi überstülpt, während er sich auf den Friseurstuhl stellt und damit sein vor ihm stehendes Gegenüber überragt. Ihre Erscheinungsbilder gleichen sich sekundenschnell einander an – ein fließender Übergang.

Die Interpretin, die im Lied die Reisefreiheit von Tokio über Portland bis Barcelona genießt, bemerkt, dass sie zwar ihr geliebtes Gegenüber bewundert, dem sie als treue Seele jedoch nur mehr über die Distanz etwas zu sagen hat, auch weil er sich nach ihrem Eindruck wie ein kaum 20-jähriger verhält. Wer ist nun das Gegenüber, das im Lied adressiert wird? Wohl kein Mensch, sondern Yelles Heimat Frankreich, das sich im Lied in das Bekannte wie in eine wärmende Rettungsdecke einwickelt:

J’écris mon histoire ailleurs pour avoir des choses à te dire
Je te l’ai jamais dit, d’ailleurs, à quel point, quel point je t’admire
Tu t’enroules dans ce que tu sais comme dans couverture de survie
Elle est brillante, elle te plaît, mais pourquoi, pourquoi tu la suis?

Die Frage nach dem Warum des Sich-Eindeckens wird offen gelassen. Das Bild der Rettungsdecke ist nicht leicht zu deuten: Assoziativ lässt sich im weiß gestimmten Frisier-Video jedoch das Überstülpen der femininen Haarpracht  als schmucker Schutz vor etwas Ungewissem erklären, gerade wenn man bedenkt, dass der Friseur alles andere als volles Haar trägt – einige kahle Stellen könnten sogar als unschön gelten. Wenn man bedenkt, wie oft man im wirtschaftspolitischen Kontext in Deutschland von Rettungsschirmen gesprochen hat, ist es einmal wohltuend, eine andere Metapher für einen gewissen Schutz auf Französisch zu erhalten, ohne abschließend klären zu können, welche Art von Rettung (-smanöver) hier genau gemeint ist.

Jo Peters bezeichnet im Musik-Magazin With Guitars das Lied als einen „bittersweet love song“, in dem „the complex relationship between Yelle and its native country“ subtil thematisiert wird.  „It’s romantic, colored with synthetic sighs and imbued with a kind of longing.“  Zwischen Seufzern und Sehnsucht: Romantik ist auch im Synthie-Pop gut aufgehoben. Dazu passt, dass Yelle im gleichen Artikel mit den Worten zitiert wird, dass es sich um einen „love letter“ an ihr Heimatland Frankreich handele. Tanzbare Musik als Verpackung für einen Liebesbrief ist sowohl in Diskotheken als auch daheim bestens aufgehoben!

Das Musikvideo ist im zitierten Musik-Magazin eingebettet. Unbedingt sollte das Lied auch innerhalb des Arte-Konzertmitschnitts angehört werden, um noch einen intensiveren Höreindruck von Yelle zu erhalten. (Es folgt nach gut 18 Minuten und 13 Sekunden.)

Seite 1 von 7

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén