Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Autor: Thomas Edeling Seite 1 von 5

Genießer und Entdecker kleinerer und größerer unbekannter Gefilde. Vom Südrand des Ruhrgebiets stammend, aus dem Essener Süden, wo landschaftliche Reize und Industriekultur gleichermaßen in der Nähe sind. Im beruflichen Alltag Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. In der Freizeit gerne auf dem Rad, auf Langlauf-Skiern, auf der Vespa oder zu Fuß unterwegs.

Einpendeln zwischen Kulturen

Spätestens seitdem es die Pendlerpauschale (offiziell: Entfernungspauschale) gibt, ist das Pendeln eine politisch subventionierte Tugend geworden. Die Pauschale, deren Abschaffung mal mehr, mal weniger diskutiert wurde , gilt ab dem ersten Kilometer, der zwischen Arbeits- und Wohnort liegt.  Nach der Pandemie wird das Home-Office zwar nicht ausgedient haben, doch werden sich wieder mehr (Büro-)Menschen auf ihren Arbeitsweg machen. Was anders als „Büromenschen“ zwangsläufig Fabrikarbeiter, Krankenschwestern und Reinigungskräfte  bis zu mehreren Stunden pro Tag machen müssen, kann man als enormen Kraftakt bezeichnen: Gut 19 Millionen Bundesdeutsche können sich, wenn sie Gemeindegrenzen überschreiten, als Pendler definieren, wie Der Spiegel Anfang 2020 berichtete; neulich meldete heute.de, dass deutlich mehr als 3 Millionen Bundesdeutsche über (Bundes-)Ländergrenzen pendelten, Tendenz steigend. Durchschnittlich werden dabei knapp 20 km pro Strecke zurückgelegt. Die meisten würden gerne auf solche Wege verzichten, doch 2018 hörte ich einen Manager eines mittelständigen Unternehmens bei seiner Selbstvorstellung  auf einer Forumsveranstaltung sagen,  dass er den längeren Arbeitsweg im Auto bräuchte, um sein Tagwerk zu reflektieren. Wenn man wie er aus der Stadt (Großraum Bonn) kommt und im Siegtal arbeitet, lassen sich Distanzen recht stressfrei überbrücken.

Pendeln ist ein im Alltagsdeutsch fest etablierter Begriff, den man im Englischen mit „to commute“ und im Französischen mit „se déplacer“ im Hinblick auf den (gemeinsamen) Ortswechsel übersetzen kann. Das Metaphorische des stetigen Hin und Her geht hierbei verloren. Es geht im Grunde um etwas sehr Rhythmisches: Man mag an ein Pendel denken, das in früheren Zeiten über das gleichmäßige Hin- und Herschwingen ein Uhrwerk in Gang setzte.

Neulich kam mir das Pendel als Metapher wieder deutlich in den Sinn, als ich die letzten Seiten von Deborah Feldmans Roman Überbitten las. Der spannende autobiografische Roman, der im Grunde einen Brückenschlag zwischen Feldmans alter Heimat New York und ihrer neuen Heimat Berlin und ihre Loslösung vom orthodoxen Judentum hin zu einem weltlicher geprägten Lebensstil beschreibt, ist dafür genau die richtige Grundlage. Das Pendel hat bei Feldman selbstverständlich nichts mit dem Pendeln im Arbeitskontext zu tun, sondern beschreibt einen kulturellen Annäherungs- bzw. „Aneignungsprozess“ . In der btb-Ausgabe heißt es (S. 688):

Will man den Prozess der kulturellen Aneignung verstehen, vor allem, wie er in meinem persönlichen Fall greift, dann muss man an die alte Metapher des Pendels denken. Der Raum, der zwischen zwei Kulturen besteht, ist keine klar gezogene Linie, sondern ein unbegehbarer Abgrund. Beim Prozess des Schwingens über ihm, ganz so, wie man sich vielleicht eine Art Pionier-Tarzan vorstellen mag, kommt man nicht auf der angestrebten Seite mit einem einzigen Abstoß an, sondern eher, indem man vor- und zurückschwingt, vor und zurück, mit einem stetig wachsenden Schwungmoment. Jedes Mal, wenn man weiter wegschwingt als zuvor, das heißt, die andere Seite zurückweist, ist man naturgemäß mit dem folgenden Moment näher an sie herangetrieben. Damit will ich nur sagen, dass meine instinktive und animalische Zurückweisung des Landes, das ich zugleich als mein wahres Zuhause bezeichnen möchte, ein wesentlicher Teil des Aneignungsprozesses war und bleibt. Wie meine Großmutter es mir gesagt hatte, ist die Welt in Gegensätzen erschaffen, ohne Dunkelheit würde es kein Licht geben, ohne die Kraft meiner Abstoßung gäbe es meinen Antrieb nicht.

Die für mich einleuchtende Einstellung könnte man in gewissem Maße auch für jeden geografischen Pendelvorgang ausweiten, da ja auch zwischen Unternehmenskultur und Privatleben oft scheinbar unüberbrückbare Differenzen bestehen. Nur wenn man den zu Anfang fremden Betrieb als ein Teil des Zuhause ansieht, kann man sich etwas davon aneignen, gerade wenn eine längere Betriebszugehörigkeit besteht. Man gehört also dazu, ist nicht einfach nur vor Ort. Nicht wenige verbringen werktags mehr Zeit im Betrieb als daheim und müssen den Schwung mitunter auch mit der Abstoßung verbinden. Hier allerdings lauert die Doppeldeutigkeit von „Abstoßung“, die zu Missverständnissen führen kann. Das energiereiche Abstoßen kann jedenfalls sehr schnell eine spürbare Anziehungskraft von der Gegenseite erzeugen. Das Pendel kann, wie ich finde, in Feldmans Modell auch mit einem Magnet als Kraftfeld verknüpft werden, der die Anziehung nur noch verstärken würde, wenn im Zeitverlauf eine Art Umpolung stattfindet.

Auch im Arbeitsalltag ist das Unvertraute eher anziehend, gerade wenn bestimmte Herausforderungen erwartet werden. Die physikalische Kategorie „Schwungmoment“ ist in vielen Belangen entscheidend, auch wenn die meisten Leser Physiker befragen müssten, wie sie eigentlich genau definiert ist. Jedenfalls gilt: Wer eine gewisse Schwungkraft in Annäherungsprozessen zwischen Kulturen verspürt, hat es leichter. Mit diesem Gespür pendeln und schwingen sich nämlich im günstigen Fall von allein die Dinge ein.

Hörenswert ist ein Feature vom SWR zum Pendeln (2018).

Der lesenswerte Roman von Deborah Feldman ist in deutscher Übersetzung im btb-Verlag erschienen.

Die unerhörten Stimmen

Als bis etwa Mitte 2020 An- und Durchsagen auf deutschen Bahnsteigen recht blechern klangen, lag dies an einer schwer erträglichen Computerstimme. Diese hat endlich ausgedient. Nun hat die Stimme des Profi-Sprechers Heiko Grauel das Zepter übernommen; womöglich werden Bahnreisende seine Stimme Jahrzehnte lang hören.

In Österreich hat die Moderatorin, Autorin und ehemalige Fernsehansagerin Chris Lohner die Stimm-Rechte für die ÖBB inne. Mit einer mehrjährigen Unterbrechung durch eine Computerstimme, die scherzhaft „Petra aus Cottbus“ genannt wurde, hört man sie schon seit Ende der 1970er Jahre an den Bahnsteigen und in den Zügen. Und laut ÖBB ist Lohners Vertrag auf Lebenszeit geschlossen. Wie Lohner auf „köstliche Erfrischungen “ im OBB-Bordrestaurant hinweist, ist allein von der Stimmführung köstlich und erfrischend zugleich!

Nun habe ich also die digital aufgezeichnete dialektfreie Stimme des Hanauers Grauel, der natürlich Hessisch beherrscht, gegenüber der österreichisch gefärbten Chris Lohner im Ohr. Zum Glück ist die Stimmführung jeweils natürlich, so dass ich mich einfach wohler auf Bahnsteigen fühle als früher. Und doch kommt mir die Profi-Stimme von Grauel, der sich in einem Casting vor Hunderten Mitbewerbern durchsetzen konnte, gegenüber Lohners Stimme merkwürdig unauffällig vor. Woran liegt das? Mir scheint es, als ob Grauel die Sprecher-Rolle übernimmt, während Lohner sich wie eine Ansagerin anhört. Ihre Stimmführung kommt insgesamter mir charmanter und nuancierter vor, wohl auch deswegen, weil ihr Deutsch österreichisch gefärbt ist.

Ein weltweiter Zusammenschnitt von Bahnhofsdurchsagen würde eine enorme Vielfalt an den Tag bringen: Welten liegen (zumindest bis Ender der 2010er Jahre) beispielsweise zwischen den französischsprachigen und den slowakischen Durchsagen, die mir beide recht vertraut sind. Die eine ist extrem poetisch-klangvoll, die andere hart-herrschaftlich. Das liegt sicher nicht an den Sprachen oder am Geschlecht, sondern an der Intonation der beiden Sprecherinnen. Ich bin froh, dass man keine Einheits-Stimme für ganz Europa wird suchen wollen.

Es ist eine Herausforderung, Stimmen natürlich „herzustellen“. Die Digitalisierung macht es möglich, aus einem mit Sprachbausteinen gefüllten Setzkasten unendlich viele Wörter schöpfen zu können. Doch erst mit einem Schöpfer bzw. einer Schöpferin dieser Bausteine kann dies optimal realisiert werden. Der Mensch steht hier ganz klar vor der vervielfältigenden Technik.

Durchsagen an Bahnhöfen werden nicht aussterben, anders als Ansagen im Fernsehen, die seit den frühen 2000er Jahren nicht mehr zum Programm gehören. Die Dosis ist entscheidend: Keinem Fahrgast bringt es etwas, wenn eine im wahrsten Sinne des Wortes gut abgestimmte Geräuschkulisse zu einer Dauerbeschallung wird. Mag man noch sehr vertraut mit dem Smartphone sich durch die reale Welt navigieren, wäre eine Totenstille an Bahnhöfen auch nicht erwünscht. Es macht einen Unterschied, ob man akustisch darauf hingewiesen wird, dass ein Zug einfährt, gerade wenn es noch zu einem spontanen Gleiswechsel kommt. Nicht jede Information ist digital sofort verfügbar, so dass irgendwie nachgeholfen werden muss.

Ein akustisches Flair braucht ein Bahnhof, nicht nur ein visuelles. Der Begriff Sound-Design zeigt schon an, dass der Zufall kein guter Kooperationspartner ist. Eine Marke besticht häufig auch durch eine unsichtbare Kompetente. Heiko Grauel und Chris Lohner werden in den 2020er Jahren zu einem gewissen Bahn-Image beitragen. Je weniger Verspätungen und Zugausfälle es geben wird, desto angenehmer wird man die Durchsagen empfinden, unabhängig von der Stimmqualität.  Freuen wir uns auf neue stimmige, vor allem auch über live von einer bestimmten Leitstelle produzierte Beiträge, für die es einfach keine Standards geben kann und die nicht auf der Strecke bleiben sollen.

Repräsentative Stimmproben und ein Kurzporträt von Heiko Grauel geben einen näheren Eindruck. Demgegenüber lohnt sich die Lektüre eines Die-Presse-Artikels zu Chris Lohner und ihrer Stimm-Leistung für die ÖBB (inkl. Hörprobe im Vergleich zu „Petra aus Cottbus“) . Zuletzt gibt es Hinweise zum Ende 2020 eingeführten neuen ÖBB-Gong, der ja auch zu den Durchsagen gehört.

Umwegskultur ohne Umschweife

Als sich die Bundeskanzlerin Ende April 2021 mit Kulturschaffenden im Rahmen eines „Online-Bürgerdialogs“ austauschte, fiel ein unscheinbarer und doch bemerkenswerter Satz, den man bei Deutschlandfunk Kultur am 27.04.21 gegen 17.25 Uhr im O-Ton während eines dreiminütigen Berichts zu diesem Gespräch hören konnte:

Der Mensch fällt ja nicht aus dem Bett direkt ins Theater.

Auf einer nachmittäglichen Radtour hatte ich genug Zeit, genüsslich über diese Aussage nachzudenken, die ja eigentlich als Argument gedacht war. Der Gesprächskontext bezieht sich auf die Notwendigkeit, trotz ausgeklügelter Konzepte den Kulturbetrieb weiterhin weitgehend geschlossen zu halten, was erst in diesen Maitagen in einigen deutschen Landkreisen endlich der Vergangenheit anzugehören scheint. Die hier wörtliche Bedeutung von ‚ausfallen’ lässt mich schmunzelnd und zugleich ein wenig betrübt an ‚Ausfall’ denken, denn hiermit wird ja gerade der Veranstaltungsbereich assoziiert.  Keiner kann genau aufzählen, wie viele Veranstaltungen in den letzten Monaten ausgefallen sind.

Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg ist einer der stillen Stars, die die Republik als Geistesgrößen im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Seine Gedanken sind oft ohne Umschweife scharf formuliert. In seinem Band Die Sorge geht über den Fluss gibt es einen kurzen Text namens „Umwege“, den ich mit dem Satz der Bundeskanzlerin in Verbindung bringen möchte. Die ersten vier Sätze lauten:

Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren. Gingen alle den kürzesten Weg, würde nur einer ankommen. Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendliche viele Umwege. Kultur besteht in der Auffindung und Anlage, der Beschreibung und Empfehlung, der Aufwertung und Prämiierung der Umwege.

Die Bundeskanzlerin hat definitiv einen wahren Satz gesprochen. Ums ins Theater zu gelangen, müssen wir Umwege in Kaufe nehmen. Und diese Umwege verlangen nach Mobilität. Eines der wichtigsten Credos dieser Tage heißt, dass wir unsere Mobilität einschränken müssen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Hierbei frage ich mich allerdings, ob gerade Theateraufführungen viele Menschen zusammenbringt. Im Herbst 2020 war es ja eher ein Husch-Husch hinein in die Aufführung und ein Husch-Husch hinaus ins Freie, da partout Geselligkeit vor und nach der Aufführung vermieden werden wollte. Austausch zum Dargebotenen war jedenfalls unerwünscht. Letztlich kann sich die Politik auf den von Merkel erwähnten Gleichbehandlungsgrundsatz berufen: Ein Theaterabend ist damit (leider) genauso zu behandeln wie ein Clubabend.

Was hätte Blumenberg zu Streaming-Angeboten gesagt? Wäre das nicht Kultur ohne Umwege? Etwa vom Bett aus Theatergenuss zu erleben?  Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass körperlich erfahrener Kulturaustausch ohne die Umwege des Reisens wirklich undenkbar ist; da können Videokonferenzsysteme noch so ausgeklügelt sein. Hingegen ist es eine sehr große Errungenschaft, dass viele Unternehmen im Jahre 2020 in meist virtuellen Diskussionsumgebungen sehr gute Gewinne erzielen. Das kann nicht ohne das Vorliegen einer vernünftigen Diskussionskultur möglich gewesen sein. Auch Lernkulturen können ziemlich gut online geformt und gefestigt werden. Doch gibt es hier keinen Widerspruch zu Blumenberg, denn Umwege sind auch in der Klick-Welt nachspürbar. Sie müssen heute nicht unbedingt geografisch verstanden werden. Das ist wohl der Zugewinn zum 20. Jahrhundert, dass wir eine Recherche zu recht großen Teilen offline und online vornehmen können.  Und klar ist, dass es niemals eine Recherche auf direktem Wege geben kann. Ein Marcel-Proust-Fan könnte hierzu sicher vieles sagen, und bei Angela Merkels Begeisterung für das Opernwerk von Richard Wagner wird auch mitschwingen, dass man gerade den Ring des Nibelungen als Plot ohne gewisse Ausschweifungen kaum (er)fassen kann und möchte. Konzise Kürze dient der Vernunft, doch Blumenberg spricht am Ende des Textes auch explizit von den „Existenzen der epischen Literatur“, die er als „Nutzungen“ von Umwegen ansieht. In jedem Fall trägt die „Umwegskultur“ zur „Humanisierung des Lebens“ bei.  Nun, Kulturschaffende sind auch Wegebereiter. Das ist mehr als nur kreativ zu sein. Sie schaffen Überfluss im Sinne der „Ausschöpfung der Welt“ und sind damit keinesfalls überflüssig. Erschöpfung hat jedenfalls andere Ursachen.

Blumenbergs Textwelten, darunter auch „Umwege“, lassen sich u.a. im Suhrkamp Verlag entdecken.

System(erkennungs)relevanz- Über eine Pfandrückgabe-Aktion

Wenn ich an Deutschland denke…kommen mir als erstes die Getränkemärkte in den Sinn. In der Tat: Je öfter ich einkaufen gehe, desto bestärkter werde ich in dem Eindruck, dass es wohl nirgendwo anders auf der Welt so viel Platz für trinkbare Flüssigkeiten gibt. Diese lagerhallenartigen Gebilde verströmen keinen Charme, wohl aber das Gefühl für das Labsal, das wir in Deutschland den vielen Mineral(wasser)quellen zu verdanken haben. Anderswo mag es sie auch geben, doch werden sie längst nicht so differenziert vermarktet. Woran das wohl liegen mag? Fest steht, dass ja auch die Anzahl der Brauereien bei uns (noch) hoch ist und diese auch viel Quellwasser anzapfen. Insofern ist das bei uns einzigartige bierselige Reinheitsgebot sicherlich vorteilhaft, wenn nebenbei auch „natürliches Mineralwasser“ zahlreich verkauft werden soll. Das Reine und das Natürliche ziehen sich magisch an; und dann liegt es auch nah, dass Fruchtsäfte, Limonaden, Spirituosen und Mischgetränke sich dazu gesellen können. Wenn ich demnächst einmal einen Zeitungsartikel dazu finden sollte, werde ich sicher noch einiges Wesentliche dazulernen.

Als ich neulich die in Chemnitz-Grüna beheimatete Getränkewelt in Steinpleis bei Zwickau ansteuerte, die als Marke mit dem Untertitel „Die Getränkekönner“ auftritt, ahnte ich bei der umtriebigen Verkäuferin, dass sie über eine ungewöhnliche Probieraktion noch mehr (Fruchtsaft-)Getränke an den Mann bzw. an die Frau bringen wollte. Und ganz nebenbei befand sich auch noch Mineralwasser der Marke Spreequell im Markt, die eigentlich im Berlin-Brandenburger-Raum zu Hause ist.  Ich griff zu und ging gern das Risiko ein, dass ich womöglich anderswo diese Gebinde nicht als Leergut zurückgeben könnte. Und siehe da: Die Getränkewelt-Filiale in Fraureuth, keine 10 km entfernt, weigerte sich, die Spreequell-Flaschen zurückzunehmen. Was war da los? In Fraureuth sagte die Verkäuferin, jene Flaschen seien noch nicht mal im „System“ erfasst. Die Kollegin in Steinpleis werde einen „Anschiss“ bekommen. Nun, das war nicht meine Intention. Mir blieb nichts anderes übrig, als den kaum erwähnenswerten Mehraufwand nach Steinpleis zu nehmen und dort die Flaschen zurückzugeben. Eher schmunzelnd als klagend berichtete ich dort, dass ich diesmal nur Leergut hätte, denn ich hätte mich schon in Fraureuth neu eingedeckt (gleiches Unternehmen, aber vielleicht doch interne Konkurrenz?!). Ich schrieb auch der Unternehmenszentrale, von der ich von einem „Bezirksleiter“ auch eine recht ausführliche Antwort erhielt:

„Unsere Filiale in Steinpleis bezieht als einzige Filiale des Unternehmens Sonderware aus Berlin. Da diese nur dort verkauft wird, kommt es immer wieder zu der Problematik, dass die Systeme in anderen Filialen die Flaschen nicht erkennen. (…) Zu guter Letzt möchten wir uns gerne bei Ihrem nächsten Einkauf in der Steinpleiser Filiale mit einer kleinen Überraschung bei Ihnen entschuldigen.“

Hier geht es also nicht um den seit dem Frühjahr 2020 kursierenden Begriff der Systemrelevanz, sondern um eine Art Systemumgehung, die sich in der Systemumgebung der EDV zu beobachten lässt. Diese Umgehung der Umgebung ist in ihren räumlichen Dimensionen spannend. Schließlich dient ja die problematische Maßnahme der (lokalen) Verkaufsförderung und ist nur aus Kundensicht und nicht aus Unternehmersicht mit Nachteilen verbunden.  Insofern hat die joviale Verkäuferin in Steinpleis keinen Fehler begangen. Marktfreundliches Denken ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht immer mit einer EDV-Systemlogik kompatibel. Zum Glück hat sie ihre Umtriebigkeit während der Arbeit sichtbar gewahrt. Und mir hat sie nicht übel genommen, dass ich die Zentrale informiert habe; ich habe ja bewusst das (lokale) Pfandsystem beanstandet, ohne die agierenden Mitarbeiter zu bekritteln.

Die Überraschung, die ich heute bei ihr rechtzeitig vor dem Maifeiertag abholte, war eine kleine, aber feine Getränke-Kühltasche mit Bitburger-Logo, gefüllt mit ganz unterschiedlichen Bier(mischgetränk)en. Da hat sich jemand Gedanken gemacht, denn Kostproben von der Chemnitzer Marx-Brauerei, der Veltins-Brauerei im sauerländischen Meschede sowie der kultigen Astra-Brauerei in Hamburg findet man in dieser Mischung nicht so schnell.

ein besonderes Geschenk
Geschenk aus der Steinpleiser Getränkewelt-Filiale

Alles in Butter, so könnte man sagen. Oder auf die Ästhetik der Getränkewelt umgemünzt: Alles paletti! Fast: Denn erwartungsgemäß wurde mir der in Berlin gekaufte Hochwald-Sprudelkasten nicht abgenommen. Das habe ich einfach mit einem schallenden Lachen quittiert!

Abgetauchte Kunst – Über die Berichterstattung zum „Schleudersachsen 2020“

Wenn Kunstwerke rezensiert werden, sollte es sich um eine kritische Begutachtung des Gelesenen oder Angeschauten handeln. Mit Zensieren hat das zum Glück nichts zu tun. Wie sieht es mit Skulpturen aus, die sich nicht so leicht einer Bewertung fügen, weil sie eben nicht narrativ in Szene gesetzt werden, sondern sich im Auge des Betrachters selbst etwas fügen bzw. etwas ereignen muss, damit sie Aufmerksamkeit erhalten und mehr als nur flüchtig wahrgenommen werden?

Als ich Mitte November 2020 zufällig in der Freien Presse vom Negativpreis Sachsenschleuder las, war mir klar, dass ich schon aufgrund des Artikelnamens
„Lebensfragen im Schleudergang“ darüber schreiben wollte. Dass der Bund der Steuerzahler es als Dorn im Auge empfindet, wenn die öffentliche Hand sperrige Skulpturen direkt oder indirekt mit Zuschüssen fördert, kann ich verstehen. Allerdings offenbart sich mir der Mehrwert nicht, wenn der Bund der Steuerzahler Sachsen ein von Fachleuten für förderungswürdig empfundenes Kunstwerk erneut bewerten lässt. Angeblich haben 1400 Teilnehmern an der Onlineumfrage teilgenommen, für die eine Vorauswahl von einer „Jury aus Vereinsmitgliedern“ erfolgt war. Der mit der Aussage „Uns geht es darum, wie nachhaltig diese Kunstwerke sind“ zitierte Vereinspräsident Thomas Meyer benutzt ein hier irreführendes Eigenschaftswort: Nachhaltigkeit lässt sich mit Kunst nur schwer vereinen. Man stelle sich vor, man würde zu einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema einladen. Würde dann nur Kunst gelobt, die noch mehr als einem Jahrzehnt frisch und unverbraucht wirkt, in etwa so wie ein gekauftes Produkt? Würde man da nicht sofort an Wegwerfartikel denken? Sind nach wenigen Wochen abgebaute Kunstwerke im Freien per se nicht nachhaltig? Die Hauptsache ist doch, dass sie nachhallen!! Nun gut, ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen ein versenktes Auto im (Schloss)-Teich als „Schleudersachsen“ betiteln würden, wenn man ohne Zugang zu dieser Installation einfach nur den Kopf schüttelt. Die Botschaft des Skeptikers ist klar: Meyer möchte „hinterfragen, wofür Geld ausgegeben wird“. Doch das Hinterfragen funktioniert nur, wenn man sich nachhaltig mit der inhaltlichen Botschaft von (Kunst-)Objekten beschäftigt.

Das im Chemnitzer Schlossteich versenkte Auto, für das sich der Schweizer Künstler Roman Signer verantwortlich zeigte, ist sicher keine alltägliche Installation. Von einer klassischen Skulptur kann hier nicht die Rede sein, da hier nichts Stabiles im Raum vorliegt. Das kann auch nicht die Absicht sein, wenn ein Künstler die Bewegung von Objekten dokumentieren will. Man kann natürlich über den künstlerischen Wert eines solchen Autos streiten, doch soll Kunst nicht bereits hinsichtlich des Geschaffenen zur Debatte anregen? Die Installation ist ja auch in zwei Kontexten zu sehen: zu einen als Beitrag zur „Gegenwarten-Ausstellung“, zum anderen als Beitrag zur Bewerbung um die Kulturhauptstadt Chemnitz 2025. Da der Zuschlag an Chemnitz ging, können die Kunstwerke nicht deplatziert gewesen sein.

Die Berichterstattung in der lokalen Presse offenbart schonungslos, wie diese Debatte umgangen wird und man sich inhaltlich bloß am schnöden Geld aufhängt. Andere Kunstwerke, die eine stundenlange Betrachtung erforderten, könnten nicht so abqualifiziert werden wie Installationen im öffentlichen Raum, denn sie laden zur Abkanzelung förmlich ein. Ein besseres Beispiel für Ungerechtigkeit im Bewertungsprozess mag mir nicht einfallen. So wird die (vermeintliche) Posse ersten Grades, nämlich das Kunstwerk, zu einer unfreiwilligen Diskurs-Posse. Man könnte auch sagen: zu einer Posse zweiten Grades. 

Natürlich werden in der Freien Presse auch die Gegenstimmen benannt, in denen es zusammen mit anderen Arbeiten um einen „Imagegewinn“ für die Stadt geht, so wie es der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Chemnitz, Frédéric Bußmann, ausdrückt und im gleichen Atemzug auf die mangelnde Kompetenz des Steuerzahlerbundes in puncto Urteilsbildung hinweist.

Ein Großteil der 880.000 Euro Budget stammt aus Steuergeldern. Wenn die 20 Künstler je 20000 Euro bekommen haben, dann ist die einzelne Skulptur sicher keine überteuerte Investition gewesen. Verschwendung sieht anders aus. Die Behauptung, man hätte es auch günstiger bekommen können, läuft hier anders als manch andere Steuerverschwendung ins Leere.

Gut finde ich, dass schließlich die Chemnitzer Künstlerin und Wahl-Düsseldorferin Carolin Israel dem Bund der Steuerzahler Sachsen geschrieben hat, um die „Polemik“  und die fehlenden objektiven Informationen „für eine faire Bewertung“ kritisch zu kommentieren.  Bei dieser Notiz frage ich mich, ob nicht irgendwann eine Offline-Umfrage am Schlossteich stattgefunden hat. Wo kommen die kunstinteressierten Schaulustigen zur Sprache, die wirklich Lust am Hinschauen haben? Für diese Menschen muss es auch in der (Freien) Presse einen Platz geben.

Immerhin gibt es in der Lokalpresse den bereits erwähnten längeren Hintergrundartikel von Katharina Leuoth. Hier wird das Pro und Contra Steuerverschwendung bei Kunstinvestitionen einmal mehr entfaltet. Zwei neu eingebrachte Argumente finde ich hier am treffendsten. Die Leiterin der sich auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Leipziger G2-Kunsthalle, Anka Ziefer, wird folgendermaßen zitiert: „Der Knackpunkt ist, dass Gesellschaften heute sehr divers sind und die Demokratien ausgehalten werden muss, dass unterschiedlichste Interessen gefördert werden.“ Um „Aufmerksamkeit und Renommee“ zu erhalten, reiche es auch nicht aus, einfach nur „handwerklich gut gemalte Bilder oder althergebrachte Skulpturen“ zu präsentieren.  Dass ein versenktes Auto auf viele Debatten in unserer Zeit verweist, wird mir sofort klar. Glücklicherweise hat Ziefer ein paar Erklärungshinweise dazu geliefert, so dass ein gewisser künstlerischer Aussagewert von Signers Installation hervorscheinen konnte. Die Devise lautet: Man muss am Ort des Geschehens gewesen sein, sonst kann man nur den Diskurs über das Kunstwerk bewerten, nicht das Kunstwerk selber. Und dieser Diskurs ist leider zu sehr von monetären Aspekten geprägt und zu wenig von inhaltlichen. Wer gar nicht zur Wort kommt, ist der Künstler selbst. An seiner Stelle hätte ich einfach nur über die Debattenkultur müde gelächelt. Lebensfragen können im Schleudergang natürlich nicht beantwortet werden.

Ein besseres Fazit als von der freien Kuratorin Juliane von Herz kann man kaum finden, wie es neulich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen war: „Das ist Kunst im öffentlichen Raum: Menschen stoßen auf ihre Werke, stoßen sich vielleicht an ihnen, reden über sie, twittern, empören sich, oder sie pilgern zu ihnen, weil man sie erlebt oder gesehen haben sollte. Kunst in der Stadt ist mehr als nur ihre bloße Präsentation.“

Ich beziehe mich auf die Artikel aus der Freien Presse vom 10.11.2020 („Kunst oder Verschwendung? Negativpreis für Tauch-Auto“, S. 9); 17.11.2020 („Lebensfragen im Schleudergang“, S.1)  und 23.11.2020 („Künstlerin schreibt Steuerzahlerbund“, S.7) sowie auf den FAZ-Artikel vom 07.04.21 („Die Stille ist einfach zu laut“, S. 14.) Die Seitenzahlen aus der Freien Presse beziehen sich auf die Ausgaben der „Chemnitzer Zeitung“.  Das abgetauchte Auto, dass leider auch Opfer von Vandalismus wurde, ist zusammen mit meist abwertenden Kommentaren in der Kurzberichterstattung des mdr zu sehen.

Ein sehr aufschlussreiche kurze Dokumentation zum Künstler Roman Signer und zu seinen „Action-Skulpturen“ findet sich bei Arte Tracks.

Ein rastloses Auf und Ab – Zu einem Prélude von Alexander Skriabin

Unruhe und klassische Musik passen eigentlich nicht zusammen. Klassik Radio wirbt deswegen mit dem Slogan „Bleiben Sie entspannt“.  Insofern steht das Prélude Opus 67 Nr. 2 von Alexander Skriabin (1871-1915) dort sicher auf keiner Musikliste, denn Ausgeglichenheit, Ruhe und fühlbare Melodik sind hier fehl am Platze. Die Spielanweisung „inquiet“ bringt es auf den Punkt:

Prelude von Skriabin
Anfangstakte von Alexander Skriabins Prélude Opus 67, Nr. 2 (aus der Schott-Ausgabe, 1988)

Das Stück ist von 1912 / 13 und fällt damit in eine Zeit, die eher von Aufbruchstimmung, aber teils auch von düsteren Tönen (Stichwort: fin de siècle) bestimmt ist. Manch einer hat gesagt, dass das 19. Jahrhundert bis 1914 dauerte, also bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs. Leider ist Alexander Skriabin viel zu früh gestorben, so dass er kein Spätwerk hinterlassen konnte. Sein Frühwerk ist sicher noch romantisch geprägt, doch davon konnte Anfang des 20. Jahrhunderts keine Rede mehr sein. Was ihn auszeichnete, war die ungewöhnliche Begabung, zu Tönen bestimmte Farben zu sehen. Dieses synästhetische Klangerlebnis lässt seine Klavierkompositionen schillernd erscheinen; der mit seit Jahren liebgewonnene Band mit seinen Klavierstücken (aus dem Schott-Verlag) zeigt schon von den Notenbildern her, wie innovativ er komponiert hat. 

Ich habe das Prélude so eingeübt, dass ich es zwar nicht „presto“, jedoch immer noch „allegro“ spielen kann. Warum fasziniert es mich so? Ich denke beim Spielen nicht an Farben (scheinbar bin ich kein Synästhet!), sondern an ein dynamisches, quasi vitalisierendes  Auf und Ab, dass in einer YouTube-Aufnahme von Steven Malinowski sehr schön mit Farbquadraten visualisiert wurde.  Allein eine zweidimensionale Darstellung von sich ändernden Tonhöhen steigert den Höreindruck. Hier ist das Klavierspiel wie ein komplexer Treppengang quasi in der imaginierten Bewegung erlebbar. Skriabin hätte wahrscheinlich auch Computer-Technik eingesetzt, zumindest hätte er solche wahrhaftigen Klang-Bilder gerne angeschaut.

Vom Ton-Material her denke ich oft an Jazz-Akkorde, weil gerade in der rechten Hand die Akkorde „schräg“ klingen. Der Rhythmus ist zu gleichmäßig, als dass man ans Wippen, geschweige denn ans Tanzen denken würde. Die linke Hand ist auch eben keine Rhythmus-Maschine, sondern erfüllt unablässig die ständig wechselnde Aufwärts-Abwärts-Bewegung in Triolen. Auf eine „Auf-Ab“-Triole (natürlich kein Fachbegriff!) folgt eine Ab-Auf-Triole; in einem Takt gibt es davon bis kurz vor dem Ende je zwei. Nur die letzten zwei Schlusstakte lassen die unruhige, unstete Bewegung hinter sich; der Schlussakkord hört sich wie ein großes Fragezeichen an, das wie sich ein Zwischenfazit anhört und in ein neues Stück übergehen könnte. Bei knapp 100 Sekunden Spieldauer in meinem „nur“ schnellen Tempo hat die linke Hand fast 400 Töne angeschlagen, was für das Publikum bei der Tonfolge alles andere als leicht konsumierbar ist. Man kann allerdings in der rechten Hand eine Art Melodie ausmachen, die jedoch sehr vage bleibt. Ab welchen Tonfolgen kann eine Melodie eigentlich als solche herausgehört werden? Klar ist, dass hier kein Beat hineinkomponiert ist, an dem man sich akustisch festhalten könnte. Es ist eher eine unruhige Suchbewegung, die in der rechten Hand dank der Akkorde eine gewisse Tiefenstruktur und in der linken Hand eine horizontale Dynamik als Vorwärtsbewegung erhält. Dieses kurze Stück hat für mich auch nach mehr als 100 Jahren etwas Zeitloses an sich; könnte man es vom Klang her nicht auch als Nachkriegswerk einordnen?

Für seine sinfonische Dichtung Prométhée. Le Poète du Feu ließ Skriabin ein visionäres Farbenklavier entwickeln, das es leider nie zur Marktreife geschafft hat. Für eine Vorführung eines solchen Lichtklaviers reichte es ebenfalls nur selten, wohl auch wegen der technisch schwierigen Umsetzbarkeit.  Heutzutage sind Lichtshows an der Tagesordnung; und natürlich braucht man für Lichteffekte auf und an der Bühne keine Tasten. Und doch wäre es interessant zu sehen, wie Töne mit zugeordneten Farben wirken. Ich werde bei der nächsten Gelegenheit noch mehr darauf achten, wie Klangfarben im wahrsten Sinne des Wortes untermalt werden…

Das vollständige Notenbild des Préludes ist auch in einer Datei im pdf-Format zugänglich.

Grenz(land)erfahrungen – Die Kammloipe als touristisches Ziel

Mit etwa 36 Kilometern ist die Kammloipe einer der längsten Ski-Langlaufrouten in Deutschland. Normalerweise braucht man 2 Tage für die Strecke, doch selbstverständlich lässt sich das Unterfangen auch in wenigen Stunden absolvieren.  Zwischen Schöneck im Vogtland und Johanngeorgenstadt im westlichen Erzgebirge verläuft die Loipe teils direkt an der tschechischen Grenze entlang. Die Vogtlandbahn bietet mit dem Haltepunkt Schöneck-Ferienpark eine nahezu ideale Anreisemöglichkeit von Zwickau und Plauen ganz nah am Loipenbeginn; und die Erzgebirgsbahn fährt von Johanngeorgenstadt in einer guten Stunde nach Zwickau zurück. Hier befindet sich das Loipenende oberhalb der Stadt, so dass man knapp zwei Kilometer bis zum Bus (Nr. 346, Halt am Platz des Bergmannes) in Richtung (Grenz-)Bahnhof laufen muss. Doch nach einer Langlauftour tun ein paar Schritte zu Fuß nur gut.  Auf etwa der Hälfte der Gesamtstrecke ist die Haltestelle Mühlleiten-Kammweg ein geeignetes (Etappen-)Ziel, um in einer guten halben Stunde mit dem Bus (Nr. 20) zum Bahnhof Auerbach (unterer Bahnhof) oder in der Gegenrichtung in ca. 15 Minuten nach Klingenthal zu kommen.  Von beiden Orten fährt die Vogtlandbahn wieder nach Plauen und nach Zwickau, wo Umsteigemöglichkeiten nach Hof bzw. Dresden bestehen. Es sei darauf hingewiesen, dass diese wichtige Busverbindung am Wochenende nur im 2-Stunden-Takt verkehrt!

Diese etwas drögen Informationen helfen bei der Planung, und doch würden die wenigsten ohne Auto anreisen. Wenn man nach dem Sport müde in der Kälte und so gut wie k.o. noch auf Fahrpläne achten muss, ist das kein Zuckerschlecken. 2019 befuhr ich im Januar den ca. 18 km langen Abschnitt Schöneck-Aschberg (etwa zwei Kilometer hinter Mühlleiten gibt es eine kurze Anschlussloipe zum Aschberg, dessen Gipfel auf tschechischer Seite liegt) und im Februar den Abschnitt Mühlleiten-Johanngeorgenstadt. Gut, dass ich mich zuvor gründlich auf den spärlichen Nahverkehr in der Region (gerade am Wochenende) eingestellt hatte. Ich weiß noch genau, dass der Fußweg hinunter vom Aschberg (dort oben gibt es eine Jugendherberge!) zur Bushaltestelle in der Ortsmitte (die Linie 30 bietet Anschluss zum Bahnhof Klingenthal) leicht verwegen war, denn der Höhenunterschied war beträchtlich, und wenn man den Bus nicht erreicht, hat man (fast) Pech gehabt. Um Wegstrecke zu sparen, spurte ich mich zunächst querfeldein auf Skiern hinunter, und den letzten Kilometer zu Fuß musste ich auf der schlecht geräumten Aschbergstraße bis zur Haltestelle recht zügig hinablaufen, um den Bus noch zu erwischen.  Sonst hätte ich zwei Stunden warten müssen! Immerhin hätte ich eine Gaststätte aufsuchen können, was im Winter 2020/21 unmöglich ist.  Wenn gastronomische Einrichtungen geschlossen sind, ist das Warten bei Minustemperaturen alles andere als eine gesunde Alternative. 2019 ließen mich jedenfalls Bus und Zug nicht hängen.

Es zeigt sich, dass eine sportliche Unternehmung schon an der Wohnungstür anfängt und auch erst dort aufhört. Die Kammloipe selbst verdankt ihre Länge auch der Topographie, die eigentlich über dem Kamm kaum tiefere Einschnitte kennt. Nur kurz hinter dem Abzweig zum Aschberg gibt es in beiden Richtungen eine kurze steile Passage hinab bzw. hinauf. Ansonsten sind die Steigungen mäßig, doch teils auch recht zäh. Immerhin steigt die Loipe von ca. 700 m bei Schöneck auf mehr als 900 m ca. 10 km vor Johanngeorgenstadt an, ohne danach wieder bedeutend an Höhe zu verlieren. So ist es natürlich leichter, von Osten nach Westen zu fahren….

Viele Waldabschnitte geben der Loipe nicht unbedingt einen malerischen Charakter, doch man kommt  – gerade wenn nicht allzu viel Betrieb herrscht – auf seine Kosten. Einen halben Tag auf der Loipe zu verbringen reicht aus, um einem begeisterten Langläufer Erfüllung zu schenken. Unbedingt mitnehmen sollte man den einzigen richtigen Ausblick vom Schneckenstein aus, der von Schöneck aus nach ca. zehn Kilometern erreicht wird und von der Loipe aus nicht zu übersehen ist. Mit Skiern kommt man recht leicht hinauf; Der Fernblick reicht weit bis nach Tschechien. Die folgenden Einblicke sind jedoch eher erzgebirgstypisch:

Kammloipe
Kammloipe bei Mühlleiten (Blick Richtung Süden)
Kammloipe
Kammloipe bei Mühlleiten im Erzgebirge (Blick Richtung Osten)

Anfang der 90er Jahre wurde die Kammloipe dank einer privaten Initiative ins Leben gerufen. Es ist bemerkenswert, wie leidenschaftlich einige wenige Enthusiasten über all die Jahre hinweg die Loipe am Leben halten. Während im Winter 2019/20 Schneemangel herrschte, war 2020/21 die Kammloipe lange offiziell nur für Einheimische (Stichwort: 15km-Radius) geöffnet. Ein Langläufer aus Carlsfeld berichtete mir im Februar 2021, dass die Loipe in diesem Winter nur dank des Engagements eines erzgebirgischen Landtagsabgeordneten überhaupt gespurt wurde.  Und ganz nebenbei wurden die eigentlich auf der Strecke unsichtbaren Landkreisgrenzen wieder relevant, als die vermaledeite Covid-19-Inzidenzzahl im Spätwinter im Vogtlandkreis deutlich über 200 betrug und somit dieser Loipenabschnitt auch für Bewohner des Erzgebirgskreises tabu war. Ich als Zwickauer Bürger musste darauf achten, dass ich bei der Anfahrt (diesmal mit dem Auto) elegant am Vogtlandkreis vorbeifuhr, da es laut sächsischem Sozialministerium keine „Transitfestlegungen in den Landkreisen“ gebe, wie ich den mdr-Nachrichten entnahm. Noch immer frage ich mich, ob ich überhaupt an jenem 24.02. bei Carlsfeld im Westerzgebirge auf der Loipe fahren durfte, da ein weiterer Passus besagte, das sportliche Aktivitäten für Bewohner aus Landkreisen mit relativ niedrigen Inzidenzen nur ohne „touristische Ziele und Zwecke“ möglich seien. Nun, am Parkscheinautomat in Carlsfeld flatterte der Hinweis, man solle sein Vorhaben „überdenken“, die Loipe als Nicht-Einheimischer zu befahren.  Strenggenommen ist die Kammloipe ein touristisches Angebot, doch Langlauf ohne Loipe schließt sich praktisch aus, wenn man nicht auf unerwartete Hindernisse stoßen möchte. Ein gesunder Sportsgeist braucht die Tour, ohne dass Tourismus daraus werden muss! Auch der mdr drückte sich auf seiner bereits erwähnten Nachrichtenseite am 19.02. unklar zum „Kamm“ aus:

Langläufer aus Nordsachsen, Mittelsachsen oder Meißen könnten im Erzgebirge Ski fahren. Aber Achtung: Wenn sie die Kammloipe bis zum Vogtland fahren, dort wurde der Bewegungsradius nicht gelockert. Nur Einheimische aus der nahen Umgebung dürfen den Kamm nutzen.

Zu viel Nachsinnen führt hier garantiert nicht weiter! Bald werden Auslegungen von derlei Einschränkungen der Vergangenheit angehören. Ich freue mich schon darauf, einmal die Kammloipe unbeschwert nicht allein zu befahren, sondern mit einem Gefährten oder einer Gefährtin. Wenn die äußeren Bedingungen passen, wird es garantiert ein wunderschöner Tag. Oder werden gleich zwei daraus? Und wie wäre es mit einem abendlichen wärmespendenden Thermenbesuch?

Die Homepage kammloipe.de hält alle wesentlichen Informationen vor.

Das ist ja ein Ding! – Wie Lieferketten uns alle etwas angehen

Kann ein Teddybär Menschenrechte stärken? Wie viele Menschenrechte stecken in Ihrem Laptop?

Das sind Fragen, die Mitte Februar 2021 unkommentiert bei der Vorstellung des geplanten Lieferkettengesetzes großformatig nach längeren Verhandlungen zwischen drei Ministerien (zuständig für Arbeit und Soziales, für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie für Wirtschaft und Energie) ins Fernsehbild rückten.

Vorstellung des Lieferkettengesetzes
Vorstellung des geplanten Lieferkettengesetzes von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, zusammen mit dem Bundesentwicklungshilfeminister und dem Bundeswirtschaftsminister (Screenshot aus dem Video, das unter dem unten angegebenen Link 1 abrufbar ist)

Hinter einer Ja/Nein-Frage und einer W(ie viele)-Frage macht man sich normalerweise wenig Gedanken, doch hier bin ich mir sicher, dass der PR-Bereich der Bundesregierung viel Aufwand getrieben hat. Wenn eine Gesetzesnovelle vorgestellt wird, ist das normalerweise etwas für Rechtsexperten, denn bis zur Verabschiedung des Gesetzes liegt ja noch ein gewisser Weg, der meist nur bei umstrittenen Gesetzesvorhaben mit der medialen Öffentlichkeit stärker geteilt wird. Ansonsten würden Bürgerinnen und Bürger einzelne neue Gesetze ohne weiteres benennen können. In meinem Kopf tauchen nur ganz wenige Gesetzesbezeichnungen der letzten Jahre auf; doch das Lieferkettengesetz hat es dorthin geschafft, bevor es überhaupt verabschiedet wurde. Ich bin mir sicher, dass der Laptop und der Teddy – eine Teedose kredenzt ein weiteres Plakat – in Verbindung mit den Fragen meine Aufmerksamkeit erweckt hat und nicht nur mein allgemeines Interesse für Themen der Nachhaltigkeit und der globalen Wirtschaftsbeziehungen. Die Fragen sind zwar sprachlich einfach, doch die Antwort ist alles anderes als simpel: Wenn wir Spielzeug oder technische Geräte kaufen, haben wir so gut wie keine Kenntnisse darüber, ob Menschenrechte bei der Produktion eine Rolle spielen oder nicht. Hingegen sind Qualitätsaspekte des Produktes im Spiel. Also ist der produzierende Mensch weniger wichtig als ein gut funktionierendes Gerät bzw. ein lang haltendes Stofftier? Offensichtlich schon. Der Appell auf den Plakaten lautet:

Stärken Sie Menschenrechte, indem Sie bei Ihrem Kauf auf menschenwürdige Produktionsbedingungen achten.

Ich bin gespannt, ob man sich der kundenseitigen Verantwortung wird stellen können. Dafür müssen ja beim Kauf ausreichend Informationen vorhanden sein. Ob das Gesetz erfolgreich dazu Händler und Produzenten wird zwingen können, nachdem der Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (2016-2020) als breit angelegte Initiative tendenziell nur ein gut gemeinter, jedoch nicht verbindlicher Plan gewesen ist? Ich stelle mir vor, wie Kunden in Zukunft auch auf Etikettenschwindel achten müssen, denn wohl wird es um vertrauenswürdige Labels gehen, die eine Garantie dafür abgeben sollen, dass menschenwürdig produziert wurde. Einige Fair-Trade-Labels wie der staatlich anerkannte Grüne Kopf sind ja auch schon etabliert, nicht nur bei Lebensmitteln. Klarheit zu der wachsenden Anzahl von Labels schafft inzwischen auch eine ständig aktualisierte Webseite.

Wenn man den ministeriellen Verlautbarungen Glauben schenkt, dann leisten 25 Millionen Menschen auch für nach Deutschland importierte Produkte Zwangsarbeit; darin sind 75 Millionen Kinder (jünger als 12 Jahre) nicht inbegriffen, die unter das Stichwort „Kinderarbeit“ fallen. Diese Zahlen bleiben abstrakt; deswegen ist eine Verdinglichung zur Vermittlung genau richtig. Es wird kaum möglich sein, sämtliche Lieferketten „dahinter“ zu untersuchen und zu überwachen, in denen mittelbare Zulieferer vertreten sind. Diese sind nach dem eigenen Geschäftsfeld und den unmittelbaren Zulieferern auf einer dritten Stufe anzusetzen, wenn es um menschenwürdige Arbeitsbedingungen geht.  Der Bundesarbeitsminister ist sich dessen bewusst, wenn er in einem „Arbeitsgespräch“-Podcast sagt:

Das Bemühen zählt beim Lieferkettengesetz, nicht der Erfolg, das ist der juristische Unterschied.

Der Aspekt der Nachhaltigkeit ist hier zentral; er bezieht sich auf den Produktions-faktor Arbeit, hinter dem ein zu würdigender Mensch steht. Grundsatz ist der erste Satz des Grundgesetzes, der eben nicht nur im Inland Anwendung finden soll. In einer globalisierten Welt ist die Würde des Menschen nur dann glaubwürdig unangetastet, wenn Handelsvorteile nicht auf Kosten von humanitären Missständen gehen.

Empfehlenswert ist die Vorstellung des Lieferkettengesetzes (Link 1) und der erwähnte Gesprächspodcast mit dem Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und dem Unternehmer und Koch Ole Plogstedt, zu dem auch eine Druckfassung vorliegt. Hintergrundinformationen zu den Plakaten werden auch gegeben, wozu auch ein Wissenstest gehört. Sämtliche „Arbeitsgespräche“ mit dem Bundesarbeitsministerium sind hier aufgeführt.

Bilderbuchreisefilm – Gedanken zu „Bis ans Ende der Welt“ von Wim Wenders (1991)

Als im Sommer 2020 in der ARD-Mediathek eine „Werkschau“ der Filme von Wim Wenders angeboten wurde, bediente ich mich gerne aus der großen Auswahl. Den längsten und auch teuersten Wenders-Film Bis ans Ende der Welt habe ich mir erst im Spätherbst in der  „Director’s Cut“-Version angeschaut. Sie ist sage und schreibe 287 Minuten lang und nicht wie in der Kinoversion nur 179 Minuten. Bei ca. 24 Millionen Dollar Produktionskosten und Filmszenen aus vier Kontinenten hätte der Film leicht Kult werden können. Doch an den Kinokassen floppte das Riesen-Epos. Es mag auch an der äußerst komplexen, vielschichtigen Handlung liegen, die manchen Zuschauer überfordern mag. Die französische Hauptdarstellerin Solveig Dommartin, die bereits im deutlich bekannteren Wenders-Film Der Himmel über Berlin mitgewirkt hatte und während der Drehzeit mit dem Regisseur liiert war (und am Drehbuch mitschrieb), hätte durch diesen Film zum Mythos werden können. Als sie 2007 mit nur 46 Jahren aus dem Leben gerissen wurde, gab es nur vereinzelte kurze Nachrufe. Die Kategorie „Stars und Sternchen“ ist hier fehl am Platze, da sie leider ab Mitte der 90er Jahre keine nennenswerten Filmauftritte mehr hatte.

Wenders hat in der Zeitschrift Revolver (Ausgabe 4, 1999) von einem „Reisefilm“ gesprochen. Dieser Begriff ist gut gewählt, denn der gängigere Begriff „Road Movie“ würde zu diesem Epos eben nicht passen, da in diesem Film die Straße und das Auto nur anfänglich –  wie auf dem Lozère-Plateau – im Fokus stehen:

Solveig Dommartin in: Bis ans Ende der Welt
(Deutschland / Frankreich / Australien 1991) von Wim Wenders
© Wim-Wenders-Stiftung 2015

Die Hauptfigur Claire Tourneur möchte ihrem Freund Eugene Fitzpatrick entkommen. Jedoch wird die filmische Geschichte, die in Venedig, an einem vor allem aufgrund von Drogenexzessen berauschenden Ort beginnt und im Weltraum endet, von jenem Fitzpatrick erzählt. So verfolgt er in seiner Rolle als Schriftsteller stets die Handlung und reist dabei seiner Ex-Freundin nach.  Die Liebesgeschichte mit dem Australier Sam Farber, der den Decknamen Trevor McPhee trägt und international als angeblicher „Opal-Dieb“ und „Spion“ gesucht wird, ist alles anderes als hinreißend, weil es sich eher um eine Liebesprojektion von Claire handelt.  Doch die erzählerische Konstruktion ist kongenial: Beide Männer verfolgen (neben anderen Männern) auf intime Art und Weise das Leben von Claire Tourneur: Der eine von Beginn an als Roman-Erzähler, der andere als Bilder-Erforscher ; beide verbindet, dass sie als handelnde Personen im Film präsent sind und ihre Rollen wie auch bei den anderen Reisenden im Film nicht klar abgesteckt sind.

Da der Film 1991 herauskam, aber im Jahr 1999 vor dem Hintergrund eines apokalyptischen nuklearen Angriffs spielt, sind Science-Fiction-Elemente zahlreich, vor allem elektronische Geräte, die tatsächlich um die Jahrtausendwende mehr und mehr auf den Markt kamen. Ein Zuschauer von 1991 hat es wohl noch als wundersam empfunden, wenn Claire in ihrem Rover P5, der nur bis 1973 hergestellt wurde, über ein grafisches Navigationssystem verfügt, das sie direkt anspricht.  Als sie von der Piazzale Roma in Venedig zurück nach Frankreich losfährt, sagt ihr die Computerstimme:

Guten Tag, Claire. Ihr Auto-Computer ist online. Sämtliche Fahrfunktionen werden überprüft. Aktivieren Sie die elektronische Landkarte und geben Sie das gewünschte Fahrziel ein.

Der folgende Roadtrip führt Claire nicht direkt zurück nach Paris, sondern in die menschenleere Region Lozère, wo sie nach einem glimpflich ausgegangenen, aber spektakulären Unfall auf zwei Bankräuber trifft, die leichtsinnig die Karambolage zu verschulden hatten. Diese nimmt sie in ihrem noch fahrtüchtigen Wagen mit in eine Unterkunft und handelt als Belohnung 30% der von ihnen erbeuteten Geldsumme aus, die aus verschiedenen Währungen besteht. Da die Tasche mit dem vielen Geld einen Ortungssender hat, wird Claire von den beiden weiter indirekt verfolgt. In einem verwahrlosten Einkaufszentrum in Saint Etienne stößt sie während der Autoreparatur dann auf Trevor McPhee an einer öffentlichen Bildschirmtelefonie-Station. Sie nimmt ihn mit nach Paris, ohne Kontaktadressen auszutauschen. Durch Zufall sieht sie ihn wieder an einer Telefonstation im Büroviertel La Défense, wo sie die Adresse Mangerstraße 26 in Berlin (die reale Adresse ist eine Potsdamer Villa) aufschnappt. Sie sucht ihn dort auf. Zur weiteren Unterstützung beim Aufspüren von Sam kommt der schräge Detektiv Philipp Winter (firmierend unter „Missing Persons GmbH“) zum Einsatz, der seinerseits ein Auge auf Claire wirft. So nimmt ein weiterer Mann an einer unwiderstehlichen Welt-Reise teil….. Die Geschichte kann und soll jetzt nicht weitererzählt werden. Sie lohnt sich auf jeden Fall, in Gänze angeschaut zu werden.

Wenders sagte im bereits erwähnten Interview:

Für mich fangen Filme mit einem Ort an. Für die meisten meiner Filme gab es einen Ort, bevor es eine Geschichte gab.

Dieser Gedanke fasziniert mich, gerade auch weil Ort und (Zeit)-Geschichte in gewissen Augenblicken verschmelzen. „Storytelling“ basiert auf Zeit und auf gewissen Begebenheiten: Eine ganz wichtige kann der Umweg sein, den Claire am Anfang des Films auf der Autofahrt von Venedig nach Paris macht. Denn sie lässt nicht die atomare Bedrohung, sondern ein Verkehrstau ungeduldig werden, dem sie von der verstopften Autobahn über einen Waldweg entkommt. Nur deswegen führte die angezeigte Route sie folgenreich über das Lozère-Plateau.

Als besonderer filmischer Ort ist das Hotel Adlon in Berlin geradezu visionär, wo Claire Trevor McPhee / Sam Farber privat treffen wollte, dabei jedoch versetzt wird. (Das Bild zeigt die erschöpfte Claire in der Hotellobby). Vielleicht hat Wenders damals daran gedacht, dass es wiederaufgebaut werden würde (Neueröffnung im originalgetreuen Gewand 1997). Verständlicherweise wählte er im Film eine futuristische Kulisse, die zusammen mit der historisch-realen Kulisse vom heutigen Zuschauer abgeglichen werden kann. Das gilt auch für vieles andere im Film: Was war damals im Film Fiktion, was heute Wirklichkeit ist? Allein mit dieser Frage ist dieses filmische Dokument ein wertvolles Stück Kunst(geschichte), das es unbedingt (wieder) zu entdecken gilt.


Solveig Dommartin in: Bis ans Ende der Welt
(Deutschland / Frankreich / Australien 1991) von Wim Wenders
© Wim-Wenders-Stiftung 2015

Lesenswert ist das erwähnte Interview in der Zeitschrift Revolver; darüber hinaus eines mit Schülerinnen und Schülern des Lycée Français de Berlin aus dem Jahre 2010. Wissenschaftlich setzt sich unter anderem Andreas Jacke mit dem Film auseinander: „Apocalypse – not now“ , erschienen auf den Seiten 149-162 in: Blade Runner, Matrix und Avatare (Springer 2013, hg. von Parfen Laszig.) Das Buch ist auch als E-Book erhältlich. Seit 2012 gibt es die Wim-Wenders-Stiftung, die zu jedem Wenders-Film Informationen bereithält und ggf. bereitstellt (wie dankenswerterweise die beiden Bilder). Der Film ist über die Arthaus-Webseite leicht erhältlich.

Eine Farbenlehre des 21.Jahrhunderts. Über neue Ampelfarben in Pandemiezeiten

Die Kulturgeschichte der Ampel ist noch nicht geschrieben worden. Ob dieses Unterfangen sich lohnen würde? Wenn man bedenkt, dass Ampel etymologisch von ‚Ampulle’ kommt und wir jede ‚Pulle’ als ein Gefäß umschreiben können, dann zeichnet sich womöglich eine spannende Spurensuche ab.

Im anglophonen Sprachraum regeln den Straßenverkehr ‚traffic lights’, also Lichter, in frankophonen Ländern sind es die ‚feux ’, also die Feuer, die aufleuchten. Insofern ist der offizielle Begriff Lichtzeichenanlage für eine Ampel einfach nur zu sperrig, doch die Kombination aus ‚Licht’ und ‚Zeichen’ trifft ja genau zu, wenn wir von ‚rot ’, ‚gelb’ und ‚grün’ sprechen.

Eigentlich ist das rote Signal, wenn man an die Eisenbahn denkt, ebenfalls nur eine Aufforderung, anzuhalten bzw. nicht weiterzufahren. Und doch liegt es nahe, eine Signalfarbe, also ein gut sichtbares Zeichen, bei bestimmtem Einsatz mit einer Warnfunktion zu verbinden. So frage ich mich, ob wirklich erst seit dem Jahr 2020 in Deutschland und Österreich von einer Warnampel die Rede ist. Ich stelle mir zugleich die große Schwierigkeit eines Dolmetschers vor, den Begriff adäquat zu übersetzen. Er leuchtet nämlich im wahrsten Sinne des Wortes nicht sofort ein, denn eine Verkehrsampel als Zusammenschaltung von Signalfarben soll nicht allgemein warnen, sondern ein komplexes System besser regeln. Eine grün zeigende Ampel hat nicht das Geringste mit Gefahr zu tun, wohl aber dann, wenn die Ampel auf gelb und dann auf rot springt. Dieses Springen ist ja auch eine sprachliche Dynamisierung eines Farbwechsels, was sicher daran liegt, dass die Ampelfarben meist senkrecht angeordnet sind und das Springen nur mit einer gewissen Sprunghöhe vorstellbar ist.

Zum Glück ist den meisten klar, warum der Begriff der Warnampel 2020 geprägt wurde. Der dazugehörige Diskurs, nämlich die Bekämpfung einer Pandemie, wird in nicht allzu weiter Ferne sicher in Abschlussarbeiten skizziert. Bisweilen sind die Befürworter und die Skeptiker in einem Gremium vertreten: Der eine (Ministerpräsident von Bayern) wollte diese Warnampel unbedingt, die andere (Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz) wollte sie anfangs eher nicht, weil eine grün leuchtende Ampel nämlich keine Gefahr induziere, sondern eine „falsche Sicherheit“. Deswegen gibt es bei der rheinland-pfälzischen Version bis zum heutigen Tage überhaupt kein Grün bei den Warnstufen. Das Grün wurde hier durch vollkommen neutrales Weiß ausgetauscht. Außerdem sind die drei Ampel-Farben in den Augen vieler Entscheidungsträger nicht ausreichend, wenn man pandemische Warnhinweise bedenkt. Wird nicht ‚violett’ als die warnende Farbe schlechthin gesehen? Im Herbst 2020 hatten auch aus diesem Grund deutsche Bundesländer jeweils ein eigenes Ampelsystem zur Pandemiebekämpfung, was bisher nicht vereinheitlicht wurde. Berlin hat immer noch drei klassische „Leuchten“ und drei weitere sekundäre Ampeln, die den „Indikator für die Reproduktionsrate“, den „Indikator Neuinfektionen je 100000 Einwohner und den „Indikator Bettenbelegung der Intensivstationen“ zusammenfassen. Hessen hat zusammen mit Orange und Dunkelrot fünf Farben, allerdings nur die Inzidenz, also die Fallzahlen, als Indikator.

Immerhin hat die EU international anerkannte Kriterien eingeführt, wobei keine (Warn-)Lichter im Englischen wiedergegeben werden, sondern einfach nur bestimmte Wertgrößen bestimmten Farben zugeordnet werden. An Farbenblinde wird auch gedacht: Beim „combined indicator“ (auch die Quote von Positivgetesteten wird einbezogen, nicht nur die absolute Anzahl)  werden neben den klassischen Farben grün, orange und rot in einer separaten Karte alternativ Blau-/Grautöne  eingesetzt.  Wer gerne Karten und studiert und sich auf die komplexe Datenlage einlässt, wird die eine oder andere Entdeckung machen. Allerdings werden hier 14 Tage und nicht 7 Tage als Betrachtungszeitraum gewählt. Insgeheim muss also etwas (um-)gerechnet werden.

In Tschechien  ist man übrigens im doppelten Sinne auf den Hund gekommen. Denn das dortige Warnsystem („Protiepidemický systém“), kurz PES, lässt einen an keine Ampel, sondern an einen Vierbeiner denken, denn die Abkürzung heißt im Tschechischen zugleich „Hund“.  Und deswegen verwundert es nicht, dass auf der offiziellen Seite des tschechischen Gesundheitsministeriums die Warnstufen auch mit bildlichen Hundemotiven angereichert sind. Sie warnen so deutlich, dass Erklärungen fast entbehrlich sind: Ein (Wach-)Hund signalisiert keine absolute Sicherheit, höchstens eine Entspannungsphase, wenn die Zunge raushängt; und sein Sensorium ist zu scharf eingestellt, als dass er in der geringsten Warnstufe nicht aufmerksam genug wäre:

Warnskala
Das Covid-Warnsystem in Tschechien ist auf den Hund gekommen

Angesichts der vielen Ampel-System-Unterschiede in der föderalen Bundesrepublik Deutschland ist diese Farbskala mit bildlicher Schärfe eine klare Ansage. In der deutlich kleineren Bundesrepublik Österreich ist die Ampel übrigens schon seit dem Herbst landesweit in Anwendung, sie zeigt aktuelle überall dauerrot an, während in Tschechien der Hund zur Zeit im Gesamtüberblick violett-bissig dreinschaut.

Und noch etwas Brandaktuelles: Just in dieser Woche leuchtete eine Signalfarbe mit gravierenden Folgen falsch auf. Die F.A.Z. meldete am 27.01.21, dass aufgrund einer „Datenpanne“ die Lombardei ab dem 17.01.21 „als rote Zone eingestuft“ worden sei, obwohl sie hier mit den korrekten Werten gleich zwei Stufen besser hätte da stehen müssen, nämlich als gelbe Zone. Schadenersatzsummen von bis zu 600 Millionen Euro könne dies zur Folge haben. Denn nicht nur hätten hier wie in einer orangenen Zone (wie aktuell im Großteil Italiens) Geschäfte öffnen dürfen, sondern auch die Gastronomie. Stattdessen durfte keiner in dieser Region ohne triftigen Grund vor die Tür treten. Es kommt noch ärger: Am gleichen Tag gab es einen Rücktritt zu vermelden, nämlich den des italienischen Ministerpräsidenten! Das tut weh: Falsche Signale im doppelten Sinne werden hier ausgesandt. Eine italo-schweizerische Beobachterin hat in einem Blog-Artikel bereits beschrieben, dass in Italien Anfang 2021 „Farbnuancen“ eingeführt wurden, so dass beispielsweise von „verstärktem Gelb“ gesprochen werde könne. So kräftig wurde selten von offizieller Seite im „Farbtopf“ gerührt! In Italien scheint ein zentrales Warnsystem regionale Ausdifferenzierungen zuzulassen, während in Deutschland aktuell (fast) alles daran gesetzt wird, verschiedene Warnampel-Systeme nur dann einzusetzen, wenn die größten Gefahren gebannt sind. Die Debatte um dieses hochkomplexe Thema wird zurecht kontrovers (weiter-)geführt.

Und es gibt noch eine Pointe zu Warnhinweisen: Neulich verweis ein lieber Freund auf das Unterfangen des ehemaligen Tübinger Professors Jürgen Wertheimer, der ein begeisterter Forscher zum Kassandra-Mythos ist, ohne vermutlich einen direkten Draht zu Kassandra-Rufen zu haben. Wertheimer durfte Kontakt zum Bundesverteidigungsministerium aufnehmen, wo er das Sensorium der Warnrufe jener mythologischen Figur erklären durfte. Er hatte die Idee, „eine literarische Konflikt-Map für Krisenregionen“ einzuführen, die „narrative Erschütterungen in der Literatur auf diese Weise politische Eskalationen vorhersagt“, wie Benedikt Herber Anfang des Jahres in der Zeit schrieb.  Also ergibt sich daraus eine Art Seismografie, die eben auch Gesundheitskrisen wie die derzeitige Pandemie erfasst.  Es geht um „Prognostik“ und damit auch um „Maßnahmenketten“. Weder Wirtschafts-, noch Finanzkrisen und erst recht keine Flüchtlingskrisen machen vor Ländergrenzen Halt; und es ist fraglich, ob kommende Krisen auch dank literarischer Erzeugnisse besser prognostiziert werden können. Natürlich lässt sich ohne stichfeste Indikatoren keine Skala errichten, doch wird sich zeigen, wie man in Zukunft mit subtilen Signalen Unheil heraufziehen sehen und womöglich schnell(er) eindämmen kann. Kassandra misst nicht, sie wittert etwas. Folglich ist jede Warnfunktion nur dann sinnvoll, wenn frühzeitig gewisse Zeichen der Zeit erkannt werden; und nicht erst, wenn operativ gehandelt werden muss. Am besten wäre es, wenn es unabhängig von grün noch gelb, von rot und violett als Warnstufen ausreichend Wachsamkeit gäbe. Die sollte bekanntlich auch dann gegeben sein, wenn alles in geregelten Bahnen zu laufen scheint. Es ist nun mal so: Der Mensch ist stets mal niedrigeren, mal höheren Gefahrenstufen ausgesetzt, ohne dass klar wäre, welche Stufe genau wann betreten wird.

Der zitierte Artikel aus der Zeit (Ausgabe 2, 2021, Seite 45) ist als „Arbeitsprobe“ von Benedikt Herber hier nachzulesen.

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