Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Autor: Thomas Edeling Seite 1 von 5

Genießer und Entdecker kleinerer und größerer unbekannter Gefilde. Vom Südrand des Ruhrgebiets stammend, aus dem Essener Süden, wo landschaftliche Reize und Industriekultur gleichermaßen in der Nähe sind. Im beruflichen Alltag Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. In der Freizeit gerne auf dem Rad, auf Langlauf-Skiern, auf der Vespa oder zu Fuß unterwegs.

„Points of View“ – Gedanken zu einer Skulpturengruppe von Tony Cragg

Ein fünfminütiger WDR-Beitrag in der Reihe Westart aus dem Jahr 2009 sollte als Inspiration ausreichen, um sich auf den Weg zum Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zu begeben, der vom britischen Künstler  Tony Cragg zu Anfang des 21. Jahrhunderts entworfen wurde. Die denkmalgeschützte Immobilie, eine ehemalige Fabrikantenvilla, beherbergt nun die Cragg Foundation. Wie genau ich zum ersten Mal von diesem paradiesischen Kleinod hört, weiß ich nicht mehr. Im August 2021 suchte ich diesen Ort zum zweiten Mal auf, um eine Sonderausstellung zu Heinz Mack anzuschauen, dessen Werk zusammen mit Arbeiten anderer Künstler den Waldkosmos von Cragg noch weiter anreichert. 

In Erinnerung wird am Rande einer weiteren Cragg-Skulpur ( „Ever after“ ) ein kurzer Dialog bleiben, der von einer Besucherin ausging, von der ich mitsamt ihrem Begleiter ein Foto machen sollte:

Besucherin: „Haben Sie einen Augenblick Zeit für uns?“

Ich: „Ja.“

Besucherin: „Ich würde Sie gern interviewen. Nein, das war nur ein Spaß. Würden Sie uns fotografieren? Das ist zwar nicht die Traumskulptur…“

Ich: „…Aber mit Ihnen gewinnt die Skulptur an Wert.“

Solche kurzen Szenen sind manchmal genauso so geistreich wie Kunstwerke; sie drücken die Auseinandersetzung mit dem wahrgenommenen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt auf originelle und ganz und gar erfrischende Weise aus. In einer Welt, die durch Selfies noch stärker auf das Ich verweisen und das Gegenüber so gut wie vollständig ausblenden, ist dies  eine Begebenheit, die auch etwas Berührendes hat. Tony Cragg hätte hier wohl auch geschmunzelt. Ich merkte bei meinem neuerlichen Besuch, dass die Besucher um mich herum sich aufgeschlossen auf den Park einließen, darin verweilten und sich mit dem mitunter schwer Zugänglichen beschäftigten. Auch für Familien ist dieser Ort etwas Wunderbares.

Die im Beitrag gezeigte Skulpturengruppe mit dem schönen Titel Points of View fiel mir schon bei meinem ersten Besuch 2012 auf. Kurioserweise sind sie nach meinem zweiten Besuch um eine zweite Assoziation reicher, nachdem ich wenige Tag später zum ersten Mal das Wort Triell vernahm. Dieses Fernsehformat anlässlich der Bundestagswahl 2021 benötigt drei Kandidaten mit drei Standpunkten, so wie auch die drei Bestandteile der Skulpturengruppe Standpunkte vertreten könnten:

Points of View
Tony Cragg: Points of View (2002)

Ob den Triellen etwas mehr rhetorische Ausdruckskraft fehlte? Hierüber ist es wohl müßig nachzudenken, da Rhetorik als ausgefeilte Redekunst in derlei Fernsehformaten nicht an erster Stelle steht. Das häufige Wiederholen von bereits geäußerten Standpunkten macht es geradezu unmöglich, innovative Wortbeiträge abzugeben, unabhängig vom politischen Spektrum.

Die fließenden Konturen von den Points of View, die sich kühn in die Höhe ranken, haben etwas Erhabenes und gleichzeitig auch etwas Verspieltes. Ihnen ist das Perspektivische eingeschrieben, da von jedem anderen Blickwinkel diese Skulpturen etwas neu zu Erfassendes bieten.  Jede Ausrichtung birgt Überraschungspotenzial, da man keine frontale Beobachterposition einnehmen kann. In meinem Winkel sind nicht alle drei Einzelskulpturen gleichermaßen sichtbar, was natürlich nicht beabsichtigt war. Und doch trifft dies auf eine gewöhnliche Beobachtung zu: Man hat kaum drei oder mehr Perspektiven im Blick, sondern maximal Pro und Contra. Dass oft noch weitere Standpunkte dazukommen, wird oft vernachlässigt.

Tony Cragg wird Wuppertal wohl zeit seines Lebens nicht mehr los. Gut so. Wenn man seinen „Waldfrieden“ gesehen hat, wird man auch die Enge von Wuppertal mit (horizont-)erweiternden Perspektiven gesehen haben. 

Der unbezahlbare Wert: Über ein „gut platziertes Trinkgeld“

Festpreise sind wir in ausgewachsenen Zivilisationen gewohnt. Wir vergleichen Angebote, Rabatte, und natürlich auch Preissteigerungen. Schnäppchenjäger sind wir bei aller Contenance doch geblieben. Hin und wieder gibt es auch hierzulande die Möglichkeit,  ein wenig zu (ver-)handeln und dabei sich noch als Sieger(in) zu fühlen. Und ganz gewiss gehört Verhandlungsgeschick zu gefragten Kompetenzen in manchen Stellenanzeigen. Der Satz „Das habe ich heute günstig geschossen!“, der (noch) nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört, zeigt doch den Jagdtrieb bestens!

So richtig spannend wird das so oft angesprochene Preis-Leistungs-Verhältnis jedoch erst dann, wenn es keine sichtbare Preisempfehlung gibt. Das ist genau dann der Fall, wenn eigentlich kein Geld-Leistungs-Austausch vorgesehen ist. Ich denke hier besonders an Grenzsituationen, wenn ein Geldbetrag so hoch wird, dass kein erwartbares, durchaus erwünschtes Trinkgeld mehr vorliegt, sondern ein Bestechungsgeld. Bestechung, die laut Wörterbuch der Deutschen Sprache „durch Geschenke zu einer unerlaubten Handlung verleiten“ soll, ist per se schwer feststellbar: Nicht jede Handlung lässt sich in klar in „erlaubt“ oder „unerlaubt“ einordnen; im Zweifelsfall beschäftigt sich dies Rechtsexperten. Es sind eher die Fälle, wo über eine großzügige Belohnung ein Vorhaben bzw. ein Wunsch realisiert werden muss.

Bleiben wir bei den Trinkgeldern, die Gunst und Anerkennung ausdrücken und wo keine perfiden Machenschaften dahinter stecken: Manchmal werden daraus publikationswürdige Anekdoten von seriösen Persönlichkeiten. Ein wunderbares Beispiel liefert Hans-Ulrich Gumbrecht, seines Zeichens Literaturwissenschaftler an der Stanford University. Die Textstelle findet sich in dem Essay Crowds. Das Stadion als Ritual von Intensität. Auf den Text war ich dank eines Interviews auf Deutschlandfunk Kultur gestoßen, wo die Anekdote auch genüsslich Erwähnung findet. Der Essay ist auch für all diejenigen geeignet, die sich nicht als Fußball-Fans bezeichnen würden, jedoch sich für das Phänomen der Masse interessieren und einen kulturhistorischen Streifzug zu diesem Thema mitmachen wollen.  Als Gumbrecht in Buenos Aires das legendäre Stadion La Bombonera, der Heimspielstätte des dortigen Fußballvereins Boca Juniors (die herrliche, vom Autor vorgeschlagene Übersetzung des Stadionnamens lautet „Pralinenschachtel“) besichtigen wollte, gab es diese besondere Geld-Leistung:

Zu hören, dass die letzte Stadionführung schon unterwegs sei, beunruhigte mich keinesfalls. Im Gegenteil, ich wusste, dass ein gut platziertes Trinkgeld auf eher bescheidenem Niveau ausreichen würde, mir im rechten Moment ganz allein Zugang zu den drei Tribünen zu verschaffen.

Und so kam es. An die Zahl der „Australes“ (damals die argentinisches Währung) kann ich mich nicht mehr erinnern, aber der junge Mann im dunkelblau-gelben Overall (das sind die Vereinsfarben), dem ich sie gab, nannte mich gleich „Caballero“ und aktivierte  auch sonst noch allerhand Höflichkeitsformen, an die er hörbar nicht gewohnt war. (…)

Mit einem Mal aber gingen die Lichter aus im frühabendlichen Stadion. (…) Über die nun geschlossene hohe Gittertür aus Metall zu klettern, die das Spielfeld mit den Tribünen von den Kassen, den Läden und dem Museum abtrennte, wagte ich nicht. Und warum auch? (…) Zehn Stunden allein im leeren Stadion waren eher ein erfüllter Traum als ein Alptraum und fühlten sich an, als sei ich Teil einer Geschichte geworden, als sei die Nacht meine Taufe und damit mein Eintritt in eine Gemeinschaft gewesen. Bald sah ich von weitem denselben Mann im blaugelben Overall die Gittertür aufschließen. Weder überrascht noch erschrocken wirkte er, und ich gab ihm wieder ein paar Australes. „Gracias, Caballero“.

Ein Stadionaufenthalt der ganz ungewöhnlichen Art wurde so möglich. Zugleich ein stilles Abenteuer inmitten einer lauten Metropole. Dafür lässt sich im Vorhinein kein Preis aushandeln; es braucht vielmehr Gespür für das Gegenüber, ohne jemandem anderen unrecht zu tun. Anstatt sich persönlich zu bereichern, kommt hier der ideelle Erfahrungsreichtum zum Tragen. Wer wagt, gewinnt, hier ganz ohne Risiko. Das Wagnis, eingeschlossen worden zu sein, wird zu einer Gr0ßchance, ohne dass von einem Fußballspiel die Rede ist: Die Chance zur erweiterten Wahrnehmung, die es so nur in einem Stadion gibt. Diese bietet zur rechten Zeit ein „ gut platziertes Trinkgeld“ . Der Einsatz hat sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Und anders als ein Lehrbuch ist ein Essay genau die richtige Textsorte, davon als gefühlter „Teil einer Geschichte“ zu berichten.

Der zitierte Essay (Zitat auf den Seiten 12 bis 14) ist im Klostermann Verlag erschienen. Das Interview dazu im Deutschlandfunk lässt sich hier nachhören.

Im hintersten Winkel der Republik: Über einen Kurztrip in die Oberlausitz

Von Westen aus gesehen ist für viele Urlauber jenseits von Dresden und der benachbarten Sächsischen Schweiz kein Platz mehr für Entdeckungen. Fernzüge aus Frankfurt enden allesamt in „Elbflorenz“. Die Region bis zur polnischen Grenze bleibt für viele Terra Incognita. Höchstens wird aufgrund der überragend restaurierten und denkmalgeschützten Altstadt Görlitz an der Oder erwähnt. Bautzen kenne ich vom Namen schon lange wegen des ehemaligen Stasi-Gefängnisses, das ich bereits 2009 auf der Durchreise besuchte.  Schon damals dachte ich mir, dass die Stadt zu Unrecht so unbekannt bzw. verkannt ist. Jedenfalls erscheint die Stadt „aufgeräumt“, wie man so schön sagt. Zittau ist wohl die entlegenste Stadt Deutschlands. Selbst von Dresden aus schafft man es garantiert nicht in einer Stunde, dorthin zu kommen. Wer sehr schnell unterwegs ist, braucht zumindest 90 Minuten. 2019 besuchte ich das benachbarte Zittauer Gebirge, das von der Silhouette eine besondere Aura ausstrahlt. Ich kenne kein Mittelgebirge in Deutschland, das sich so schön im wahrsten Sinne des Wortes abzeichnet. Die Linie, die den Kamm des Gebirges bildet, ist aus der Ferne so schön geschwungen, dass sie wie eine unverwechselbare Signatur daherkommt. Auch wenn die Erhebungen der Sächsischen Schweiz öfter auf Leinwände gebannt sein mögen, so ist der hinterste Winkel Deutschlands lauschiger und geheimnisvoller. Besondere Felsformationen gibt es dort übrigens auch.  Dass der höchste Gipfel (793m) des Zittauer Gebirges Lausche (tschechisch: Luž) heißt, ist dabei eine schöne Pointe.  Seit dem Sommer 2020 gibt es auf dem Gipfel auch einen beachtlichen Aussichtsturm. Die im Gebirge gelegenen Orte Oybin (mit ehemaliger imposanter Burg- und Klosteranlage) und Jonsdorf könnten gewiss einen Bildband füllen, bestehend aus den regionaltypischen, dekorativ aussehenden Häuserfassaden. Für touristische Highlights der Region verweise ich gerne auf einen Reiseblog.

Als Übernachtungsmöglichkeit empfehle ich den Gutshof Schirgiswalde, der all das bietet, was man für einen Kurzurlaub braucht. Ein junges, dynamisches Team, das den Austausch der Anonymität vorzieht, bietet dort seit 2020 elf Ferienwohnungen unterschiedlicher Größe an. Zum Entspannen gibt es draußen und drinnen mehr als genug Platz. Pferdestall und -koppel nebenan erlauben überdies wertvolle Begegnungen zwischen Menschen und Tier. Dieser Rückzugsort kann auch als „Location“ herhalten: Ein Hochzeitspaar erzählte mir, dass es tags zuvor auf dem Gutshof gefeiert und die ganze Festgesellschaft vor Ort untergebracht habe, was in der Region nur an wenigen Unterkünften möglich sei. Der Frühstücksraum ist in der Tat ideal für größere Veranstaltungen, ohne dass gleich von Events die Rede sein muss.

Gutshof Schirgiswalde
Gutshof Schirgiswalde, von der Einfahrt aus gesehen.

Schirgiswalde ist neben seiner idyllischen, hügeligen Lage mit dem auffallenden Eisenbahnviadukt und den malerisch in ihre Umgebung eingebetteten Sakralbauten auch ein strategisch günstiger Ort, da man von dort leicht in alle Richtungen (eine knappe halbe Autostunde südlich von Bautzen) kommen kann. Sehenswert ist auch im Hinblick auf die immer noch bestehenden Tagebauaktivitäten im nördlichen, flachen Teil der Oberlausitz die Energiefabrik Knappenrode, wo bis in die 90er Jahre Briketts hergestellt wurden.

Schirgiswalde
Schirgiswalde von oben (Panoramablick)


Zum Schluss noch ein kulinarischer Tipp.  Ca. 3 km entfernt gibt es in Sohland an der Spree direkt an der B98 das „Brauhaus am See“, das mit „Zippel-Bier“ aufwartet. Von Donnerstag bis Sonntag ist es geöffnet. Wenn man bedenkt, dass es weit ab von wirklich großen Ortschaften liegt, zählt es auf Laufkundschaft auch von weither. Möge das Unternehmen ein glückliches Händchen haben!

Vielen Dank an den Gutshof Schirgiswalde für die eine oder andere wertvolle Information und natürlich die Gastfreundschaft. Mehr Informationen zu dieser außergewöhnlichen Unterkunft sind in einem anderen Blog zu finden.

Wenn der Liebesschmerz zum Notfall wird: Gedanken zu „Herr Amor“ von Laing

Es gehört schon eine gewisse Kunstfertigkeit dazu, die Antike motivisch mit dem 21. Jahrhundert zu verbinden. Nicola Rost hat mit ihrer Formation Laing in ihrem gewitzt-unterkühlt vorgetragenen Song „Herr Amor“ diese Brücke geschlagen, indem sie den Liebespfeil des Gottes Amor einer Liebesfirma – man könnte auch an eine kommerzielle Partnervermittlungsagentur denken – andichtet.

Im Grunde fußt der Liedtext auf einer Kündigung, die das lyrische Ich
(wohl eine Dame) an den Geschäftsführer Herrn Amor schreibt. Ein Mitarbeiter, so der Vorwurf, habe ihren Freund mit seinem Pfeil angeschossen, so dass er nun „schwer verliebt“ sei. Doch der Pfeil traf nur ihn, nicht aber das Ich, das zwar „unverletzt“, aber auch unzufrieden mit der Dienstleistung von Herrn Amors Firma ist. Der Freund könnte nämlich ihr Partner werden, denn „eigentlich würd er ganz gut passen“. Doch den Liebespfeil einfach nur auf den Mann zu schießen hat Schmerzen und das Bedürfnis nach Heilung zur Folge.

Das Vokabular des Lieds parodiert in gewisser Weise bürokratische Umgangsformen zwischen einem Antragssteller und einem Antragsempfänger. Ein „Führungszeugnis“ liegt dem „Antrag“ an einen telefonisch nicht erreichbaren „Zuständige(n)“ in „Druckbuchstaben“ bei, der zum Ziel hat, den „Anbieter“ zu wechseln, da zumindest ein „Mitarbeiter“ von Herrn Amor fehlenden „Sachverstand“ aufweise. Dass man eine „Notfallnummer“ wählen kann, um zur „Entliebesabteilung“ zu geraden, zeigt schön, wie ambivalent hier das Konzept Liebe behandelt wird. Das Schwer-Verliebt-Sein als Notfall zu betrachten istschon an sich starker Tobak, gerade wenn der Schmerz eher noch verstärkt wird, wenn das Gegenüber nicht leidet. Im Grunde wird hier ein Unternehmenszweck gründlich gegen den Strich gebürstet, weil er sich wahrlich als Schadenverursacher entpuppt und nicht als Nutzenstifter. In der Wirklichkeit gäbe es hierzu sicherlich einige spannende Analogien zu ziehen.

Mehrdeutigkeit im Lied ist etwas Wunderbares, gerade wenn man bedenkt, dass in der Wirklichkeit Liebesbeziehungen über eine Vermittlungsagentur zu Anfang asymmetrisch gebildet werden. Individuell werden Personen vorgeschlagen, mit denen man Kontakt aufnehmen soll. Es ist daher selten, dass zum gleichen Zeitpunkt die Kontaktaufnahme auch von der jeweils anderen Person kommen könnte. Die Vorstellung, dass es gut passen könnte, basiert oftmals also erst einmal auf einer individuellen Wahrnehmung, so dass der häufig romantisierte coup de foudre wie bei einem realen Zusammentreffen im Grunde meist nicht vorliegen kann.  Es ist selten, dass es beim ersten Zusammentreffen auf beiden Seiten „funkt“, wie es so schön heißt. Hohe Matching-Punkte in Bezug auf eine andere Person zu vergeben hat eben nichts mit einem Köcher voller Liebespfeile zu tun, die ja ihre Wirkung gezielt erreichen sollen. Schließlich wünscht man sich nichts mehr als Passgenauigkeit bei der zu gelingenden Partnersuche, nicht nur im Hinblick auf den möglichen Partner bzw. die Partnerin, sondern auch in gewissem Maße von der Vermittlungsagentur, die ja aufgrund von „Matching-Punkten“ in die Auswahl eingreift und damit gegen Bezahlung entscheidenden Einfluss ausübt. „Fehler“ bei der Berechnung sind natürlich nicht ausgeschlossen, nicht nur in der Firma von Herrn Amor. 

Natürlich wird nicht jeder bei diesem Song an das Thema Partnervermittlung denken. Man könnte auch auf den Gedanken kommen, dass im Song das Dienstleistungsunternehmen Liebe nur „produziert“ und damit erst verfügbar macht. Diese gruselige Vorstellung führt mich zu folgender Frage: Inwiefern kann eine Person Liebe spüren, ohne von einem im wahrsten Sinne des Wortes liebeswürdigen Menschen in Beschlag genommen zu werden? Wir erinnern Szenen, in den wir uns verliebt haben, doch unser Leben fängt mit der Kindesliebe an, deren wertvollste Augenblicke im Vergessen liegen.

Rust tritt teils solo, sondern mit der Formation Laing auf, die Gesang mit Tanz verbindet.  Der Song „Herr Amor“ kann hier angehört werden; ein Interview aus dem Jahre 2015 mit der aus Mannheim stammenden und in Berlin lebenden Sängerin findet sich online im Tagesspiegel. Hörenswert ist auch ein Podiumsgespräch mit Nicola Rost und Jovanka von Wilsdorf zum Thema Songwriting aus dem Jahre 2019. Das dazugehörige Album Paradies Naiv aus dem Jahre 2013 gibt es unter anderem  beim Label Universal zu kaufen, auf der Homepage von Laing gibt es (noch wenig) Informationen zu weiteren Auftritten.

Sprache auf Reisen: „Die Städte“ von Andreas Maier

Es gibt Reiseliteratur und umgekehrt ebenfalls literarisches Reisen. Andreas Maier, mir aus den Medien aufgrund seiner schriftstellerischen Beschäftigung mit seiner Heimat, der Wetterau, bekannt, schildert in seinem neuen Roman Die Städte bereiste Destinationen zu unterschiedlichen Zwecken und Lebensphasen (von der Kindheit bis zu seinen Studienzeiten).  Auch hier setzt Maier mit seiner Heimat ein, indem er über seinen Erzähler Andreas autobiographische Bezüge sind unverkennbar bedeutende Veränderungen kurz beschreibt. Die einzelnen Kapitel lauten „Nürnberg, Brenner, Brixen“, „Athen“, „Biarritz“, „Oulx“, „Bangkok, Friedberg, Marrakesch“,  „Weimar“. Augenscheinlich geht es jeweils nicht nur um Städte bzw. Orte, auch wenn der erste Satz des Romans in den einleitenden Worten lautet: „Die Städte kamen sich näher.“ Dieser Auftakt ist ein Schlüssel zum Verständnis von Maiers Prosa, da es ohne die Wetterau als Bezugspunkt, die sich zwischen Bad Nauheim, Friedberg und den nördlichsten Stadtteilen Frankfurts erstreckt, dieses Buch nicht gäbe. Das Zusammenwachsen dank der Ortsumgehung (neben der Autobahn A5 und der S-Bahn-Anbindung) ist so sinnbildlich, dass Maier einem mehrbändigen Romanzyklus den Titel Ortsumgehung gegeben hat.

Womöglich wäre es sehr spannend, im Maier’schen Romankosmos die vielen Bezugspunkte zwischen heimischen und fernen Gefilden abzustecken.  Diese Relationen helfen, Lebensbewegungen zu verstehen. Beziehungen zu im geografischen Raum verteilten Menschen bilden in Die Städte den Ausgangspunkt von Reisebeschreibungen; diese geben Anlass für so manche, tendenziell freudlose Entdeckung.  Die Schilderungen sind oft nüchtern und nicht selten lakonisch. Das „Unterwegssein“, wie es auf dem Buchrücken des Suhrkamp-Bands heißt, wird zum Leitmotiv.

Zahlreiche Rezensionen beschäftigen sich mit dem Roman und seinem Kontext. Beim rbb ist abstrakt von einem „biografisches Bewegungsprofil“ die Rede, im Deutschlandfunk Kultur, wo Maier interviewt wurde,  von „Wahrnehmungs- und Zustandserkundungen“ auf „verschiedenen Entwicklungsstufen des Erzählers“. Das ist die inhaltliche Seite, doch wird hier wie im WDR-Bericht auch über die Sprache gesprochen. „Sprachfindung“ als „Lebensrettung“ ist die Formulierung hier (Deutschlandfunk Kultur), „Geburt des Ich-Erzählers aus dem Geist der Sprache“ dort (WDR). Wenn hier auch noch ein gewisser Zauber in einem transkulturellen Kontext zum Tragen kommt, dann verschwindet die Bewegung an einen fremden Ort hinter der Bewegung der Dinge. Sprache bringt Welt im wahrsten Sinne des Wortes zum Vorschein und entfaltet sie, indem sie mehrere Dinge aufrufen und in einen geradezu faszinierenden Kontext stellen kann. Folgendes Zitat könnte gut in einen kommunikations-wissenschaftlichen Reader aufgenommen werden:

Ich bestellte einen Ouzo (unwahrscheinlich, dass ich je vorher Ouzo getrunken hatte, aber ich wusste, man trank das als Grieche). Der Mann stellte mir mit Bewegungen, die ich ungewöhnlich elegant fand und die ich höchstens mit den Bewegungen gewisser italienischer Kellner vergleichen konnte, ein Glas vor mich, goß Ouzo hinein, dann nahm er eine Karaffe, füllte sie unter einen Wasserhahn, gab Eiswürfel hinzu, steckte in die Karaffe einen Löffel und kredenzte das ebenfalls. Es sah aus wie eine Zeremonie: Ich hatte das Wort Ouzo genannt, und plötzlich, in einem bestimmten Ritual, kamen all diese Gegenstände in eingeübter Reihenfolge auf den Tisch. Ich war beeindruckt, dass ich der Urheber eines solchen Brimboriums sein konnte. Nun aber holte der Barkeeper hinter seinem Tresen auch noch ein Schälchen mit Oliven hervor, stellte es auf eine Papierserviette, die er vor mir postierte, und daneben noch ein Gefäß mit Zahnstochern und ein weiteres Schälchen, offenbar für die Kerne und die benutzten Stocher. Meine Ein-Wort-Bestellung hatte also wie von Zauberhand vor mir erscheinen lassen: Glas, Ouzo, Karaffe, Wasser, Eis, Löffel, Serviette, Schälchen, Oliven, Gefäß mit Zahnstochern, zweites Schälchen. Zwölf Dinge auf ein Wort hin.

Zwei Silben sorgen dafür, dass eine kleine Genuss-Welt en miniature entsteht. Das Staunen über diese kleine Szene lässt sich genauso herauslesen wie das Stauen des Erzählers über die eigene Macht, eigens Auslöser dieses „Rituals“ gewesen zu sein.

Ich bin mir sicher, dass das Roman-Universum von Andreas Maier in wenigen Jahren,wenn der Romanzyklus Die Ortsumgehung abgeschlossen sein wird, mindestens eine mehrtägige Konferenz verdient hätte.  Eine Poetik der Ortsumgehung untrennbar literarisch-geografisch zu skizzieren lädt zur Spurensuche in Wort und Schrift ein, wozu Reiseziele die Staffage darstellen,  an denen man auch getrost vorbei fahren kann.

Im Suhrkamp-Verlag ist das Buch verlegt worden.

Falschaussprache – ganz bewusst: Über einen delikaten Sommerhit

Radio Vogtland gehört zu der Kategorie Lokalradiostationen, die mich ähnlich wie Radio Erzgebirge zum Schmunzeln bringen kann, wenn ich zum richtigen Moment einschalte (und dann auch schnell wieder ausschalte!).Und tatsächlich: Ich hatte Glück! Denn als ich am Abend des 17.06. einen recht steilen Berg bei Auerbach im Vogtland hochfuhr und hochschalten musste, lief der waschechte Sommerhit des österreichischen Sängers Johannes Sumpich alias Josh., in dem die bewusst falsche Aussprache von importierten Genüsslichkeiten aus romanischen Sprachen zum Hauptmotiv wird. Allein der Titel Expresso & Tschianti zeigt, worauf es ankommt: Hauptsache Genuss, egal, wie es genau heißt: Dass einem mal das Express-X durchrutscht, obwohl natürlich ein „s“ richtig wäre und man beim „ch“ an die spanische Aussprache denkt und an kein bloßes „k“, ist zwar für Italien-Liebhaber schmerzhaft, ist aber auch eine Belustigung. Folglich werden „Gnocchi“ wie „Gnotschi“ ausgesprochen, und „nozze“ (di Figaro) wie die spanische „noche“, so dass daraus „Die Nacht des Figraro“ und nicht Die Hochzeit des Figaro wird. Albernheit ist auch in solch einem musikalisch mittelmäßigen Hit erlaubt; „Bruschetta wird mit „sch“ und nicht mit „sk“ ausgesprochen, Tagliatella (richtig wäre der Plural „Tagliatelle“) mit harter „kl“-Lautfolge statt mit weicher lj-Kombination; „Limoncello“ wird zu „Limoncella“, „Baguette“ zu „Baguetta“, „Dolci“ zu „Dolcis“; „vernissage“ wird abenteuerlich zu „vernischas“ sprachlich verunstaltet; und der Satz „La vita è bello“ verkennt, dass das Leben im Italienischen „bella“ ist.

Was ist der Kontext dieser Verkettung von falsch ausgesprochenen Wörtern? Der Videoclip zeigt, dass dieser Sommerhit  das Geschmäcklerische inszeniert. Denn die Speisen und Getränke werden an einem realen Ort konsumiert, der als Trattoria auch als (kleiner) Konzertort geeignet ist. Auf Nachfrage teilt mir das Management der Band mit, dass es sich um die „Cantinetta La Norma“ am Franziskanerplatz in Wien handelt. Unten spielt das Band-Trio; oben findet ein Abendessen statt, das man als verpatztes Date in einem kitschigen Rahmen interpretieren könnte. Jedenfalls hat der Herr bei der Dame keine Chance; am Ende  bekommt er sogar die „Dolcis“ ins Gesicht geworfen. Er arrangiert das vollständige Abendprogramm, macht sich jedoch in diesem Rahmen selber lächerlich. Ernst kann man ihn zumindest nicht nehmen, gerade bei dieser verkorksten Aussprache.

Dass das Date unter Beobachtung steht ist von Anfang an klar, denn die Dame hat bereits einen unauffälligen Begleiter, der unten sitzt, mitgebracht. Und wahrscheinlich hat der Herr für die Speisen und das Ambiente gesorgt, was sie keineswegs anturnt. Egal ob Mozart-Oper oder Genuss, sie macht „einfach nur die Augen zu“. Der Clip hat von der Kameraführung etwas Filmisches und gleichzeitig von der Gestik und Mimik etwas Theatrales, so dass der Handlungsort wie eine Bühne eines Spektakels wirkt. Es entstehen Mehrdeutigkeiten, was den Hit eindeutig aufwertet. Man kann deswegen nicht von einem einfach gestrickten Schlager sprechen, denn das Eingänglich-Simple wird durch die Bilder eher hinterfragt. Ist das Gezeigte einfach zu verstehen? Und wie ist die männliche Gesangsstimme im Lied zu interpretieren? Ist der Charakter dahinter wirklich so töricht und einfältig? Oder ist er einfach nur albern, unseriös, komisch?

Die Hauptfigur singt ja nicht selber, so dass keine Einheit zwischen ihr und dem Interpreten besteht. Hier liegt der Clou: Vorgetragene Musik und dargestellte  Handlung finden unter einem Dach statt und verweisen aufeinander. So lässt sich Komik noch intensiver darstellen.

Ein sommerliches Stelldichein, bewusst unseriös und oberflächlich im mediterranen Gewand verlebt, erhält somit einen mehr als nur ironischen Kommentar in Form eines Sommerhits.  Diese Musik macht nicht Appetit auf mehr, sondern zügelt: Es darf auch ein bisschen weniger (Show) sein. Und: Geglückte Aussprache und vor allem Ansprache sind eben nicht „egal“!      


Der Liedtext und der Pressetext zusammen mit dem Video laden zum Schmunzeln ein….Das dazugehörige Album Teilzeitromantik wird beim Label Warner kurz kommentiert. Es ist am 25.06.21 erschienen und ist u.a. hier erhältlich.

Einpendeln zwischen Kulturen

Spätestens seitdem es die Pendlerpauschale (offiziell: Entfernungspauschale) gibt, ist das Pendeln eine politisch subventionierte Tugend geworden. Die Pauschale, deren Abschaffung mal mehr, mal weniger diskutiert wurde , gilt ab dem ersten Kilometer, der zwischen Arbeits- und Wohnort liegt.  Nach der Pandemie wird das Home-Office zwar nicht ausgedient haben, doch werden sich wieder mehr (Büro-)Menschen auf ihren Arbeitsweg machen. Was anders als „Büromenschen“ zwangsläufig Fabrikarbeiter, Krankenschwestern und Reinigungskräfte  bis zu mehreren Stunden pro Tag machen müssen, kann man als enormen Kraftakt bezeichnen: Gut 19 Millionen Bundesdeutsche können sich, wenn sie Gemeindegrenzen überschreiten, als Pendler definieren, wie Der Spiegel Anfang 2020 berichtete; neulich meldete heute.de, dass deutlich mehr als 3 Millionen Bundesdeutsche über (Bundes-)Ländergrenzen pendelten, Tendenz steigend. Durchschnittlich werden dabei knapp 20 km pro Strecke zurückgelegt. Die meisten würden gerne auf solche Wege verzichten, doch 2018 hörte ich einen Manager eines mittelständigen Unternehmens bei seiner Selbstvorstellung  auf einer Forumsveranstaltung sagen,  dass er den längeren Arbeitsweg im Auto bräuchte, um sein Tagwerk zu reflektieren. Wenn man wie er aus der Stadt (Großraum Bonn) kommt und im Siegtal arbeitet, lassen sich Distanzen recht stressfrei überbrücken.

Pendeln ist ein im Alltagsdeutsch fest etablierter Begriff, den man im Englischen mit „to commute“ und im Französischen mit „se déplacer“ im Hinblick auf den (gemeinsamen) Ortswechsel übersetzen kann. Das Metaphorische des stetigen Hin und Her geht hierbei verloren. Es geht im Grunde um etwas sehr Rhythmisches: Man mag an ein Pendel denken, das in früheren Zeiten über das gleichmäßige Hin- und Herschwingen ein Uhrwerk in Gang setzte.

Neulich kam mir das Pendel als Metapher wieder deutlich in den Sinn, als ich die letzten Seiten von Deborah Feldmans Roman Überbitten las. Der spannende autobiografische Roman, der im Grunde einen Brückenschlag zwischen Feldmans alter Heimat New York und ihrer neuen Heimat Berlin und ihre Loslösung vom orthodoxen Judentum hin zu einem weltlicher geprägten Lebensstil beschreibt, ist dafür genau die richtige Grundlage. Das Pendel hat bei Feldman selbstverständlich nichts mit dem Pendeln im Arbeitskontext zu tun, sondern beschreibt einen kulturellen Annäherungs- bzw. „Aneignungsprozess“ . In der btb-Ausgabe heißt es (S. 688):

Will man den Prozess der kulturellen Aneignung verstehen, vor allem, wie er in meinem persönlichen Fall greift, dann muss man an die alte Metapher des Pendels denken. Der Raum, der zwischen zwei Kulturen besteht, ist keine klar gezogene Linie, sondern ein unbegehbarer Abgrund. Beim Prozess des Schwingens über ihm, ganz so, wie man sich vielleicht eine Art Pionier-Tarzan vorstellen mag, kommt man nicht auf der angestrebten Seite mit einem einzigen Abstoß an, sondern eher, indem man vor- und zurückschwingt, vor und zurück, mit einem stetig wachsenden Schwungmoment. Jedes Mal, wenn man weiter wegschwingt als zuvor, das heißt, die andere Seite zurückweist, ist man naturgemäß mit dem folgenden Moment näher an sie herangetrieben. Damit will ich nur sagen, dass meine instinktive und animalische Zurückweisung des Landes, das ich zugleich als mein wahres Zuhause bezeichnen möchte, ein wesentlicher Teil des Aneignungsprozesses war und bleibt. Wie meine Großmutter es mir gesagt hatte, ist die Welt in Gegensätzen erschaffen, ohne Dunkelheit würde es kein Licht geben, ohne die Kraft meiner Abstoßung gäbe es meinen Antrieb nicht.

Die für mich einleuchtende Einstellung könnte man in gewissem Maße auch für jeden geografischen Pendelvorgang ausweiten, da ja auch zwischen Unternehmenskultur und Privatleben oft scheinbar unüberbrückbare Differenzen bestehen. Nur wenn man den zu Anfang fremden Betrieb als ein Teil des Zuhause ansieht, kann man sich etwas davon aneignen, gerade wenn eine längere Betriebszugehörigkeit besteht. Man gehört also dazu, ist nicht einfach nur vor Ort. Nicht wenige verbringen werktags mehr Zeit im Betrieb als daheim und müssen den Schwung mitunter auch mit der Abstoßung verbinden. Hier allerdings lauert die Doppeldeutigkeit von „Abstoßung“, die zu Missverständnissen führen kann. Das energiereiche Abstoßen kann jedenfalls sehr schnell eine spürbare Anziehungskraft von der Gegenseite erzeugen. Das Pendel kann, wie ich finde, in Feldmans Modell auch mit einem Magnet als Kraftfeld verknüpft werden, der die Anziehung nur noch verstärken würde, wenn im Zeitverlauf eine Art Umpolung stattfindet.

Auch im Arbeitsalltag ist das Unvertraute eher anziehend, gerade wenn bestimmte Herausforderungen erwartet werden. Die physikalische Kategorie „Schwungmoment“ ist in vielen Belangen entscheidend, auch wenn die meisten Leser Physiker befragen müssten, wie sie eigentlich genau definiert ist. Jedenfalls gilt: Wer eine gewisse Schwungkraft in Annäherungsprozessen zwischen Kulturen verspürt, hat es leichter. Mit diesem Gespür pendeln und schwingen sich nämlich im günstigen Fall von allein die Dinge ein.

Hörenswert ist ein Feature vom SWR zum Pendeln (2018).

Der lesenswerte Roman von Deborah Feldman ist in deutscher Übersetzung im btb-Verlag erschienen.

Die unerhörten Stimmen

Als bis etwa Mitte 2020 An- und Durchsagen auf deutschen Bahnsteigen recht blechern klangen, lag dies an einer schwer erträglichen Computerstimme. Diese hat endlich ausgedient. Nun hat die Stimme des Profi-Sprechers Heiko Grauel das Zepter übernommen; womöglich werden Bahnreisende seine Stimme Jahrzehnte lang hören.

In Österreich hat die Moderatorin, Autorin und ehemalige Fernsehansagerin Chris Lohner die Stimm-Rechte für die ÖBB inne. Mit einer mehrjährigen Unterbrechung durch eine Computerstimme, die scherzhaft „Petra aus Cottbus“ genannt wurde, hört man sie schon seit Ende der 1970er Jahre an den Bahnsteigen und in den Zügen. Und laut ÖBB ist Lohners Vertrag auf Lebenszeit geschlossen. Wie Lohner auf „köstliche Erfrischungen “ im OBB-Bordrestaurant hinweist, ist allein von der Stimmführung köstlich und erfrischend zugleich!

Nun habe ich also die digital aufgezeichnete dialektfreie Stimme des Hanauers Grauel, der natürlich Hessisch beherrscht, gegenüber der österreichisch gefärbten Chris Lohner im Ohr. Zum Glück ist die Stimmführung jeweils natürlich, so dass ich mich einfach wohler auf Bahnsteigen fühle als früher. Und doch kommt mir die Profi-Stimme von Grauel, der sich in einem Casting vor Hunderten Mitbewerbern durchsetzen konnte, gegenüber Lohners Stimme merkwürdig unauffällig vor. Woran liegt das? Mir scheint es, als ob Grauel die Sprecher-Rolle übernimmt, während Lohner sich wie eine Ansagerin anhört. Ihre Stimmführung kommt insgesamter mir charmanter und nuancierter vor, wohl auch deswegen, weil ihr Deutsch österreichisch gefärbt ist.

Ein weltweiter Zusammenschnitt von Bahnhofsdurchsagen würde eine enorme Vielfalt an den Tag bringen: Welten liegen (zumindest bis Ender der 2010er Jahre) beispielsweise zwischen den französischsprachigen und den slowakischen Durchsagen, die mir beide recht vertraut sind. Die eine ist extrem poetisch-klangvoll, die andere hart-herrschaftlich. Das liegt sicher nicht an den Sprachen oder am Geschlecht, sondern an der Intonation der beiden Sprecherinnen. Ich bin froh, dass man keine Einheits-Stimme für ganz Europa wird suchen wollen.

Es ist eine Herausforderung, Stimmen natürlich „herzustellen“. Die Digitalisierung macht es möglich, aus einem mit Sprachbausteinen gefüllten Setzkasten unendlich viele Wörter schöpfen zu können. Doch erst mit einem Schöpfer bzw. einer Schöpferin dieser Bausteine kann dies optimal realisiert werden. Der Mensch steht hier ganz klar vor der vervielfältigenden Technik.

Durchsagen an Bahnhöfen werden nicht aussterben, anders als Ansagen im Fernsehen, die seit den frühen 2000er Jahren nicht mehr zum Programm gehören. Die Dosis ist entscheidend: Keinem Fahrgast bringt es etwas, wenn eine im wahrsten Sinne des Wortes gut abgestimmte Geräuschkulisse zu einer Dauerbeschallung wird. Mag man noch sehr vertraut mit dem Smartphone sich durch die reale Welt navigieren, wäre eine Totenstille an Bahnhöfen auch nicht erwünscht. Es macht einen Unterschied, ob man akustisch darauf hingewiesen wird, dass ein Zug einfährt, gerade wenn es noch zu einem spontanen Gleiswechsel kommt. Nicht jede Information ist digital sofort verfügbar, so dass irgendwie nachgeholfen werden muss.

Ein akustisches Flair braucht ein Bahnhof, nicht nur ein visuelles. Der Begriff Sound-Design zeigt schon an, dass der Zufall kein guter Kooperationspartner ist. Eine Marke besticht häufig auch durch eine unsichtbare Kompetente. Heiko Grauel und Chris Lohner werden in den 2020er Jahren zu einem gewissen Bahn-Image beitragen. Je weniger Verspätungen und Zugausfälle es geben wird, desto angenehmer wird man die Durchsagen empfinden, unabhängig von der Stimmqualität.  Freuen wir uns auf neue stimmige, vor allem auch über live von einer bestimmten Leitstelle produzierte Beiträge, für die es einfach keine Standards geben kann und die nicht auf der Strecke bleiben sollen.

Repräsentative Stimmproben und ein Kurzporträt von Heiko Grauel geben einen näheren Eindruck. Demgegenüber lohnt sich die Lektüre eines Die-Presse-Artikels zu Chris Lohner und ihrer Stimm-Leistung für die ÖBB (inkl. Hörprobe im Vergleich zu „Petra aus Cottbus“) . Zuletzt gibt es Hinweise zum Ende 2020 eingeführten neuen ÖBB-Gong, der ja auch zu den Durchsagen gehört.

Umwegskultur ohne Umschweife

Als sich die Bundeskanzlerin Ende April 2021 mit Kulturschaffenden im Rahmen eines „Online-Bürgerdialogs“ austauschte, fiel ein unscheinbarer und doch bemerkenswerter Satz, den man bei Deutschlandfunk Kultur am 27.04.21 gegen 17.25 Uhr im O-Ton während eines dreiminütigen Berichts zu diesem Gespräch hören konnte:

Der Mensch fällt ja nicht aus dem Bett direkt ins Theater.

Auf einer nachmittäglichen Radtour hatte ich genug Zeit, genüsslich über diese Aussage nachzudenken, die ja eigentlich als Argument gedacht war. Der Gesprächskontext bezieht sich auf die Notwendigkeit, trotz ausgeklügelter Konzepte den Kulturbetrieb weiterhin weitgehend geschlossen zu halten, was erst in diesen Maitagen in einigen deutschen Landkreisen endlich der Vergangenheit anzugehören scheint. Die hier wörtliche Bedeutung von ‚ausfallen’ lässt mich schmunzelnd und zugleich ein wenig betrübt an ‚Ausfall’ denken, denn hiermit wird ja gerade der Veranstaltungsbereich assoziiert.  Keiner kann genau aufzählen, wie viele Veranstaltungen in den letzten Monaten ausgefallen sind.

Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg ist einer der stillen Stars, die die Republik als Geistesgrößen im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Seine Gedanken sind oft ohne Umschweife scharf formuliert. In seinem Band Die Sorge geht über den Fluss gibt es einen kurzen Text namens „Umwege“, den ich mit dem Satz der Bundeskanzlerin in Verbindung bringen möchte. Die ersten vier Sätze lauten:

Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren. Gingen alle den kürzesten Weg, würde nur einer ankommen. Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendliche viele Umwege. Kultur besteht in der Auffindung und Anlage, der Beschreibung und Empfehlung, der Aufwertung und Prämiierung der Umwege.

Die Bundeskanzlerin hat definitiv einen wahren Satz gesprochen. Ums ins Theater zu gelangen, müssen wir Umwege in Kaufe nehmen. Und diese Umwege verlangen nach Mobilität. Eines der wichtigsten Credos dieser Tage heißt, dass wir unsere Mobilität einschränken müssen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Hierbei frage ich mich allerdings, ob gerade Theateraufführungen viele Menschen zusammenbringt. Im Herbst 2020 war es ja eher ein Husch-Husch hinein in die Aufführung und ein Husch-Husch hinaus ins Freie, da partout Geselligkeit vor und nach der Aufführung vermieden werden wollte. Austausch zum Dargebotenen war jedenfalls unerwünscht. Letztlich kann sich die Politik auf den von Merkel erwähnten Gleichbehandlungsgrundsatz berufen: Ein Theaterabend ist damit (leider) genauso zu behandeln wie ein Clubabend.

Was hätte Blumenberg zu Streaming-Angeboten gesagt? Wäre das nicht Kultur ohne Umwege? Etwa vom Bett aus Theatergenuss zu erleben?  Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass körperlich erfahrener Kulturaustausch ohne die Umwege des Reisens wirklich undenkbar ist; da können Videokonferenzsysteme noch so ausgeklügelt sein. Hingegen ist es eine sehr große Errungenschaft, dass viele Unternehmen im Jahre 2020 in meist virtuellen Diskussionsumgebungen sehr gute Gewinne erzielen. Das kann nicht ohne das Vorliegen einer vernünftigen Diskussionskultur möglich gewesen sein. Auch Lernkulturen können ziemlich gut online geformt und gefestigt werden. Doch gibt es hier keinen Widerspruch zu Blumenberg, denn Umwege sind auch in der Klick-Welt nachspürbar. Sie müssen heute nicht unbedingt geografisch verstanden werden. Das ist wohl der Zugewinn zum 20. Jahrhundert, dass wir eine Recherche zu recht großen Teilen offline und online vornehmen können.  Und klar ist, dass es niemals eine Recherche auf direktem Wege geben kann. Ein Marcel-Proust-Fan könnte hierzu sicher vieles sagen, und bei Angela Merkels Begeisterung für das Opernwerk von Richard Wagner wird auch mitschwingen, dass man gerade den Ring des Nibelungen als Plot ohne gewisse Ausschweifungen kaum (er)fassen kann und möchte. Konzise Kürze dient der Vernunft, doch Blumenberg spricht am Ende des Textes auch explizit von den „Existenzen der epischen Literatur“, die er als „Nutzungen“ von Umwegen ansieht. In jedem Fall trägt die „Umwegskultur“ zur „Humanisierung des Lebens“ bei.  Nun, Kulturschaffende sind auch Wegebereiter. Das ist mehr als nur kreativ zu sein. Sie schaffen Überfluss im Sinne der „Ausschöpfung der Welt“ und sind damit keinesfalls überflüssig. Erschöpfung hat jedenfalls andere Ursachen.

Blumenbergs Textwelten, darunter auch „Umwege“, lassen sich u.a. im Suhrkamp Verlag entdecken.

System(erkennungs)relevanz- Über eine Pfandrückgabe-Aktion

Wenn ich an Deutschland denke…kommen mir als erstes die Getränkemärkte in den Sinn. In der Tat: Je öfter ich einkaufen gehe, desto bestärkter werde ich in dem Eindruck, dass es wohl nirgendwo anders auf der Welt so viel Platz für trinkbare Flüssigkeiten gibt. Diese lagerhallenartigen Gebilde verströmen keinen Charme, wohl aber das Gefühl für das Labsal, das wir in Deutschland den vielen Mineral(wasser)quellen zu verdanken haben. Anderswo mag es sie auch geben, doch werden sie längst nicht so differenziert vermarktet. Woran das wohl liegen mag? Fest steht, dass ja auch die Anzahl der Brauereien bei uns (noch) hoch ist und diese auch viel Quellwasser anzapfen. Insofern ist das bei uns einzigartige bierselige Reinheitsgebot sicherlich vorteilhaft, wenn nebenbei auch „natürliches Mineralwasser“ zahlreich verkauft werden soll. Das Reine und das Natürliche ziehen sich magisch an; und dann liegt es auch nah, dass Fruchtsäfte, Limonaden, Spirituosen und Mischgetränke sich dazu gesellen können. Wenn ich demnächst einmal einen Zeitungsartikel dazu finden sollte, werde ich sicher noch einiges Wesentliche dazulernen.

Als ich neulich die in Chemnitz-Grüna beheimatete Getränkewelt in Steinpleis bei Zwickau ansteuerte, die als Marke mit dem Untertitel „Die Getränkekönner“ auftritt, ahnte ich bei der umtriebigen Verkäuferin, dass sie über eine ungewöhnliche Probieraktion noch mehr (Fruchtsaft-)Getränke an den Mann bzw. an die Frau bringen wollte. Und ganz nebenbei befand sich auch noch Mineralwasser der Marke Spreequell im Markt, die eigentlich im Berlin-Brandenburger-Raum zu Hause ist.  Ich griff zu und ging gern das Risiko ein, dass ich womöglich anderswo diese Gebinde nicht als Leergut zurückgeben könnte. Und siehe da: Die Getränkewelt-Filiale in Fraureuth, keine 10 km entfernt, weigerte sich, die Spreequell-Flaschen zurückzunehmen. Was war da los? In Fraureuth sagte die Verkäuferin, jene Flaschen seien noch nicht mal im „System“ erfasst. Die Kollegin in Steinpleis werde einen „Anschiss“ bekommen. Nun, das war nicht meine Intention. Mir blieb nichts anderes übrig, als den kaum erwähnenswerten Mehraufwand nach Steinpleis zu nehmen und dort die Flaschen zurückzugeben. Eher schmunzelnd als klagend berichtete ich dort, dass ich diesmal nur Leergut hätte, denn ich hätte mich schon in Fraureuth neu eingedeckt (gleiches Unternehmen, aber vielleicht doch interne Konkurrenz?!). Ich schrieb auch der Unternehmenszentrale, von der ich von einem „Bezirksleiter“ auch eine recht ausführliche Antwort erhielt:

„Unsere Filiale in Steinpleis bezieht als einzige Filiale des Unternehmens Sonderware aus Berlin. Da diese nur dort verkauft wird, kommt es immer wieder zu der Problematik, dass die Systeme in anderen Filialen die Flaschen nicht erkennen. (…) Zu guter Letzt möchten wir uns gerne bei Ihrem nächsten Einkauf in der Steinpleiser Filiale mit einer kleinen Überraschung bei Ihnen entschuldigen.“

Hier geht es also nicht um den seit dem Frühjahr 2020 kursierenden Begriff der Systemrelevanz, sondern um eine Art Systemumgehung, die sich in der Systemumgebung der EDV zu beobachten lässt. Diese Umgehung der Umgebung ist in ihren räumlichen Dimensionen spannend. Schließlich dient ja die problematische Maßnahme der (lokalen) Verkaufsförderung und ist nur aus Kundensicht und nicht aus Unternehmersicht mit Nachteilen verbunden.  Insofern hat die joviale Verkäuferin in Steinpleis keinen Fehler begangen. Marktfreundliches Denken ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht immer mit einer EDV-Systemlogik kompatibel. Zum Glück hat sie ihre Umtriebigkeit während der Arbeit sichtbar gewahrt. Und mir hat sie nicht übel genommen, dass ich die Zentrale informiert habe; ich habe ja bewusst das (lokale) Pfandsystem beanstandet, ohne die agierenden Mitarbeiter zu bekritteln.

Die Überraschung, die ich heute bei ihr rechtzeitig vor dem Maifeiertag abholte, war eine kleine, aber feine Getränke-Kühltasche mit Bitburger-Logo, gefüllt mit ganz unterschiedlichen Bier(mischgetränk)en. Da hat sich jemand Gedanken gemacht, denn Kostproben von der Chemnitzer Marx-Brauerei, der Veltins-Brauerei im sauerländischen Meschede sowie der kultigen Astra-Brauerei in Hamburg findet man in dieser Mischung nicht so schnell.

ein besonderes Geschenk
Geschenk aus der Steinpleiser Getränkewelt-Filiale

Alles in Butter, so könnte man sagen. Oder auf die Ästhetik der Getränkewelt umgemünzt: Alles paletti! Fast: Denn erwartungsgemäß wurde mir der in Berlin gekaufte Hochwald-Sprudelkasten nicht abgenommen. Das habe ich einfach mit einem schallenden Lachen quittiert!

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