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Schlagwort: Roadmovie

Der interkontinentale Film – Gedanken zu „Paris kann warten“

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Paris kann warten (engl.: Paris can wait) ist ein zweitklassiger Film, auch wenn in der Süddeutschen Zeitung Rainer Gansera in seiner Besprechung zurecht von einem zauberhaften Road-Trip“ und einer „Feier des Lebens“ spricht. Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, dass Anne, die Frau des Produzenten Michael mit dessen Geschäftspartner Jacques die französische Provinz erkundet – und erst ganz zum Schluss in Paris eintrifft, wo sie sich entscheidend näherkommen. Daher rührt der Titel. In dieser Reise-Zeit weilt der Ehemann weit ab in Budapest, wo er dringend gebraucht wird.

Eleanor Coppola, die 2024 verstorbene Ehefrau des berühmten Regisseurs Francis Ford Coppola, bietet in ihrem ersten Spielfilm (Debüt mit über 80!) mit dem Schauspieler Alec Baldwin (Michael) mindestens einen Hochkaräter auf, doch der glänzt im Film ja eher durch Abwesenheit. Die anderen beiden Hauptdarsteller (Diane Lane und Arnaud Viard) spielen ihre konventionellen Rollen ohne Glanz  – sie blieben für mich also eher blass. Die gezeigten Orte sprechen für sich; dabei sind die Dialoge eher Beiwerk. Laut einem Spiegel-Artikel hatte Coppola eine ähnliche Route einmal selbst zurückgelegt.

Zwei Szenen bleiben für mich in Erinnerung. Einmal die Vorführung des legendären Bergmassivs Sainte-Victoire bei Aix-en-Provence, die mehr ist als eine Vermittlung zwischen einer Amerikanerin und einem Europäer: Der Dialog könnte genausogut zwischen Reiseführer und Touristen entstehen:

-Oh, you see that mountain over there? It’s Sainte-Victoire.

– A-ha. (…)

– It’s a major landmark of this region and a favorite subject for many writers and artists. Cézanne captured it perfectly. I saw a beautiful exhibition of his work last year in Aix-en-Provence.

-Oh, that’s great.

-Yeah.

-It must have been incredible to see Cézannes paintings here in this light. Yeah. Ha. The ones that I know at the MET in New York, they look a little sad, you know, as if they don’t really want to be there.

Was den Dialog besonders macht, ist die Verknüpfung von sprachlichem Inhalt und realen Ansichten sowie der gemalten Sicht, die auch den Filmzuschauern die Besonderheit des Abgleichens ermöglicht. Auf der Autofahrt wird erst die relativ unspektakuläre, nicht von Cézanne auf Leinwand gebannte Sicht von Osten auf die Sainte-Victoire gezeigt. 20 Sekunden später folgt jenes berühmte Gemälde von Paul Cézanne, die das Motiv von Südwesten her in Szene setzt (La Montagne Sainte-Victoire, 1887, Standort: The Courtauld Gallery in London), bevor weitere 20 Sekunden später die reale Perspektive, die dem Gemälde zugrunde liegt, aus dem Auto heraus gefilmt wird:

Ansicht_Sainte_Victoire
Blick auf das Sainte-Victoire-Gebirge im Film Paris kann warten (2016), 13min38sek.
Cezanne: La Montagne Sainte-Victoire
Einblendung des Gemäldes La Montagne Sainte-Victoire (1887) von Paul Cézanne, 13min57sek.
2. Blick auf die Sainte-Victoire
Das reale Sainte-Victoire-Gebirge aus dem Auto in Paris kann warten gesehen, 14min17sek.

Sprachlich noch interessanter ist die Wahl der Speisekarte, die zum Abendessen nach dem ersten Reisetag gereicht wird:

Speisekarte: Paris kann warten
Speisekarte von Les Jardins d’Epicure im Film Paris kann warten, 23min2sek.

Es kann kein Zufall sein, dass dieses Dokument nicht aussschließlich französische Wörter bereithält. Die Sprache der Kulinarik, ganz ohne Angabe von Preisen, so soll recht eindrucksvoll vermittelt werden, ist eben mehrsprachig: „pickles de carottes” kombiniert Französisch und Englisch, „à la plancha” für eine spezielle Grill-Auflage kombiniert Französisch und Spanisch und „à la caponata” (sizilianisches Gericht mit Auberginen) sowie „risotto léger” kombiniert Französisch und Italienisch. Es wäre wirklich interessant, den Autoren dieser Speisekarte zu ermitteln. Es ist schade, dass sie im Film nur etwa zwei Sekunden eingeblendet wird und auch im Gespräch mit der Bedienung nur von „agneau de lait avec mini-carottes et mini-oignons“ bzw. „veau de lait“  die Rede ist, die in der Speisekarte nicht (sichtbar) auftauchen. In der Synchronfassung wird der auf Französische gehaltene Dialog zwischen Jacques und dem Kellner übrigens nicht übersetzt, ebenso wenig wie in der englischen Originalfassung. Nur wird kurz vor dem Dialog der „Milchlammbraten“ erwähnt, für den der Küchenchef bekannt sei. Jacques bestellt schließlich für zwei eine „dorade royale” als Vorspeise sowie das Lamm- und das Kalbsgericht („carré d’agneau“ et „côte de veau“), dazu einen Wein aus dem Örtchen Condrieu, einen aus dem Weinbaugebiet Côte-Rôtie sowie einen Hermitage vom Weingut Jean Michel, die allesamt aus dem Rhône-Tal stammen.

Im Abspann wird das Hotel Belles rives in Juan-les-Pins bei Antibes als realer Handlungsort dieses Abendessens erwähnt. Warum im Film der Name Les Jardins d’Epicure aufwartet, der mitten in der Provinz (im Weiler Bray et Lû) nordwestlich von Paris lokalisierbar ist, wäre auch eine interessante Frage. Denn dorthin konnte die Route bei bestem Willen nicht hinführen – dann wäre das Duett über wahrlich über das Reiseziel Paris hinausgeschossen. So wird hier ein realer Restaurant-Ort mit einem realen Restaurant-Namen extra für diesen Film kombiniert.

Anschließend folgt ein Dialog zur Blumendekoration im Restaurant, den Anne eröffnet:

-Why do the flowers smell so much better in France than they do in the U.S.?

-Because we are in France. In America they look lovely but they smell like a refrigerator.

-It’s true. I love roses.

-But their scent mustn’t intrude on the aroma of the wine.

Diesen Dialog kann man eigentlich nur ein US-Amerikaner lustig finden, oder eben einfach nur danaben. Wie soll man sich einen Kühlschrank-Geruch vorstellen? Immerhin geht es ja in erster Linie um die Schönheit der Rose, die nicht automatisch mit dem Duft gekoppelt wird. Wird hier etwa auf die Herkunft der Rosen (Garten vs. Treibhaus) abgezielt?

Offensichtlich wird, dass ein zu starker Rosen-Duft eben nicht zu einem guten Wein passt. Die Wein-Nase möchte nämlich gerne ohne olfaktorische Ablenkung bleiben….Worauf es hier ankommt, ist einfach der gute Tropfen, der eben besonders in Frankreich gerne zelebriert wird: Jacques bestellt ohne Abstimmung mit seiner Gefährtin gleich drei verschiedene Weine.

Ohne Käseauswahl und ohne schokoladiges Dessert ist das Menü natürlich nicht komplett:

Screenshot aus dem Film "Paris kann warten"
Riesige Käseauswahl, nur für Anne und Jacques, im Film Paris kann warten – 30min42sek.

Jacques betont, dass der Käse aus Rohmilch („unpasteurized milk“) hergestellt und sehr gesund und „alive“ sei, während der US-amerikanische Käse aus pasteurisierten Milch tot sei und im Magen wie ein Fettkloß („ball of fat“) landen würde. Er bejaht Annes Frage, ob deswegen Franzosen nicht zulegen würden, woraufhin Jacques sie ebenso als „more romantic“ charakterisiert. Der Gesprächsstoff in diesem interkontinentalen Setting kommt eben ohne Polemik nicht aus; und wer weiß, wie viel Wahrheitswert in dieser verbalen Schwarz-Weiß-Malerei steckt….

Im Film werden passend zu den jeweiligen Sequenzen zudem die Gemälde Le Déjeuner sur L’Herbe (1883) von Edouard Manet und Danse à Bougival (1883) von Pierre -Auguste Renoir eingeblendet. Hier war die Regisseurin ziemlich kulturbeflissen!

Im Film fiel mir außerdem auf, dass die gezeigten Orte (zumindest partiell) nicht den tatsächlichen Verlauf einer (möglichen) Reiseroute beachten.  Der Stopp am Aquädukt Pont-du-Gard, das nach dem Vorbeifahren an der Sainte-Victoire gezeigt wird, entspräche einer Route, doch dass direkt im Anschluss der Zuschauer den Peugeot-Oldtimer in einer Allée in Le Tholonet (bei Aix-en-Provence) vorbeifahren sieht, kann nur der schönen Kulisse geschuldet sein, die ich 10 Monate lang 2006-2007 genießen durfte. Sonst wäre mir diese Allee überhaupt nicht aufgefallen.

Noch kurz zu weiteren ungewöhnlichen Kultur-Orten im Film:  Anne wird durch das schöne Musée des Frères Lumières in Lyon geführt, so dass auch über die Anfänge der Filmgeschichte berichtet wird. Das bunte Markttreiben wird in Lyon ebenso eingefangen wie ein Besuch in einem Lyoner Traditionsrestaurant (einem bouchon) und im Textilmuseum (Musée des Tissus et des Arts Décoratifs). Dort wird Anne beim unerlaubten Fotografien erwischt, woraufhin Jacques dem Sicherheitspersonal ein paar Geldscheine zusteckt, um den Ärger schnell im Keim zu ersticken. Auf einem weiteren Stopp wird im Kerzenschein die Kathedrale in Vézelay im Burgund (Jacques erinnert an Richard Löwenherz’ Startpunkt für seinen Kreuzzug im Jahre 1190) als Besichtigungsort inszeniert. Ein besonderer Kamera-Blick liegt auf den kunstvoll gestalteten Säulen. Die meditative Ruhe, während der Anne über ihr verlorenes Kind spricht, gehört zu den gelungensten Momenten im Film. Insofern lohnt sich der Streifen von der ersten bis zur letzten Minute. Ich bin froh, das er mit über den Weg gelaufen ist; denn so konnte ich Frankreich auf der Grundlage von Erfahrungen wieder mit Hilfe einer ausgeklügelten Bildregie neu entdecken.

Die zitierten Dialoge kommen im Film zwischen 13min38sek und 14min16 sek sowie zwischen 26mi55sek und 27min10sek vor. U.a. bei jpc kann der Film erworben werden.

Liefer-Biene: Zum Mopedauto im Film “Sommer auf drei Rädern”

Möchte ein Regisseur in seinem Film gewisse Entwicklungsprozesse im Raum-Zeit-Kontinuum anschaulich machen, so scheint dafür eine Kombination aus Roadmovie und Coming-of-Age-Film geeignet. Ein wunderbares Beispiel dafür ist Sommer auf drei Rädern von Marc Schlegel, der vom SWR in Auftrag gegeben wurde. Einen genaueren Blick lohnt hier die Auswahl des Vehikels, das aufgrund seiner drei Räder auffällig ist. 

Drei mit unterschiedlichen Schicksalen konfrontierte Jugendliche fahren mit einem „Mopedauto“  mit drei Rädern auf zwei Achsen von Stuttgart in Richtung Bregenz am Bodensee. Vorgestellt wird sie im Film wie folgt: „Piaggio Ape Tm 703, Baujahr 1986, keine Airbags, kein ABS, dafür eine Ladefläche für extra viele Warmehalteboxen und sportliche 11 PS“.  Ape heißt zu deutsch Biene und kommt wie die weltberühmte Vespa (Wespe) aus dem Hause Piaggio. Die Biene wird wie die Vespa in verschiedenen Ausführungen seit den 1950er Jahren hergestellt. Wenn das keine Erfolgsgeschichte ist! Sie ist wohl einer der kleinste Kleintransporter und wird vor allem im Innenstadtbereich genutzt. Als Nutzfahrzeug ist sie den meisten vertraut, ohne wirklich Kult zu sein. In der Automobilstadt Zwickau nutzt das Fahrzeug ein Buchhändler, um seine Ware auszuliefern;  dank seiner Wendigkeit wurde es sogar im Sommer 2022 während der Aufführung der Oper L’elisir d’amore (Der Liebestrank) von Gaetano Dozinetti auf die Open-Air-Bühne in Plauen gefahren und diente dem Scharlatan Dulcamara als fahrbarer Untersatz.

Die drei folgenden Standbilder zeigen, wie wunderbar die Ape die Handlung in einem sehr gut fotografierten Roadmovie mitbestimmt:

Sommer auf drei Rädern - Halt an der Pizzeria
Nach dem kurzen Halt an einer Trattoria geht das Reiseabenteuer los –
Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 28’19”.
Sommer auf drei Rädern - Abenteuer
An einer Weggabelung geht der Sprit aus; Zeit für ein neues Abenteuer –
Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 30’12”.
Sommer auf drei Rädern - Abenteuer
Die Ape hat sich im Matsch festgefahren; und wieder gibt es ein Abenteuer – Sommer auf drei Rädern, Regie: Marc Schlegel, Giganten Film, 2021, 45’1”.

Eine Ape ist kein Fahrzeug, mit dem man glänzen kann. Es passt zu den drei Hauptcharakteren Flake, Kim und Philipp, die allesamt am Rande der Gesellschaft stehen. Die Selbstvorstellung der zentralen Hauptfigur ganz zu Beginn des Films haut sprichwörtlich rein:

Ich bin Flake. Was Flake für ein Name sein soll? Meine Eltern haben sich Ende der 90er Jahre auf einem Metalfestival kennengelernt und dachten, es wäre eine niedliche Idee, ihr erstes und einziges Kind nach dem stotternden Keyboarder einer Rockband zu benennen. Doch es war nicht nur der Name, der mich zum Außenseiter gemacht hat.

Flake ist ganz hin und weg von Leonie, die nach einem längeren Auslandsaufenthalt in seine Klasse kommt. Als Sitznachbarn tragen sie gemeinsam Referate vor; doch hat sowohl sie als auch Kim bereits einen Freund.  Flake opfert sich für Leonie auf:  Er kommt mit ihr auf der Abi-Party in Berührung mit Rauschgift, sie sitzt danach am Steuer, und Flake nimmt den Crash nach der Flucht bei einer Verkehrskontrolle auf seine Kappe, so dass Leonie unbehelligt bleibt. Beim kommunalen Lieferdienst „Essen auf Rädern“, wo er Sozialstunden ableisten muss, begegnet er Kim, die aufgrund von illegalem Drogenbesitz ebenfalls dazu verdonnert worden ist. Leonie macht derweil Urlaub mit ihrem Freund am Bodensee.

Den beiden wird vom Lieferdienst jenes Vehikel zu Verfügung gestellt. Es bietet eine doppelte Perspektive:  Da nur der Deal mit einem in Bregenz in einem teuren Hotel wohnhaften Koks-„Kunden“ ermöglichen kann, fällige Drogen-Rechnungen bezahlen zu können, nutzt Kim zusammen mit Flake ein Wochenende, um sich mit dem Mopedauto nach Süden zu begeben. Der führerscheinlose Flake, der üben möchte, wie er am besten zu Leonie Kontakt aufnimmt, soll als „Schlemihl“ für die Drogenübergabe eingespannt werden.  Der dritte im Bunde, Philipp, an den Rollstuhl gefesselt und in der Einrichtung wohnhaft, in der Flake ihn mit dem falschen Essen versorgt, kommt auf der Ape-Ladefläche mit auf die Reise, weil er aus seinem monotonen Betreuten-Wohnen-Status ausbrechen will. Er sorgt durch seine Kaltschnäuzigkeit für die eine oder andere zusätzliche Handlungsdynamik.

Das  mehrdeutige jiddische Wort „Schlemihl“ hat eine größere kulturhistorische Bedeutung und bedeutet allgemein „Pechvogel“, kann aber auch als „Schlitzohr“ bzw. Narr durchgehen. Im Film wird der Begriff von Kims Freund als „jemand Unauffälliges“, als „jemand, der die Übergabe macht , ohne zu wissen, dass da Drogen transportiert werden“ erklärt. Das Unauffällige macht ihn einerseits zum Opfer, aber andererseits auch zum Täter. Jakob Schmidt brilliert in dieser komplexen Rolle, in der er Schüchternheit mit einem gewissen Biss im richtigen Augenblick sehr gut kombiniert.  Dieser Plan der Schlemihl- Rolle zerschlägt sich zwar, doch die Übergabe gelingt, kurz vor der Verhaftung des nun im Drogenbesitz befindlichen Kunden und einem durchgeknallten Kaninchenzüchter, der schon während der Fahrt dem Trio das Leben schwer machte und von dem Koks-Deal Wind bekam. Just Flake kann dem Kunden im richtigen Augenblick das Geld abknöpfen, während die Polizei schon auf der Lauer ist.

Während des Roadmovies kommen sich Kim und Flake näher: Sie erkennen ihre Zuneigung zueinander, und Flake begreift, dass die Zuneigung für Leonie nur eine Schimäre ist. Das teilt er ihr auch ehrlich am Bodensee mit, so dass auch für ihn die Reise wertvoll ist. Nun ist der Weg frei für eine authentische Liebesbeziehung durch dick und dünn – das Außenseitertum hat ein Ende; der Weg raus aus dem Drogenmilieu ist geschafft. So gesehen hat das Mopedauto buchstäblich über Umwege zur Entwicklung der jungen Menschen beigetragen.

Der Film ist bis einschließlich 1. November in der Arte-Mediathek zugänglich; danach lohnt sich zumindest, den Trailer anzuschauen. Falls er Interesse wecken sollte, kann man nur dem Tag entgegenfiebern, an dem er bei einem Streaming-Anbieter oder auf DVD / Blue-Ray verfügbar sein wird. Das längere Zitat kommt bereits nach 46 Filmsekunden.

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