Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Schlagwort: Novelle

Auf den (Flucht-)Punkt gebracht – Zu Thomas Strässles „Fluchtnovelle“

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Neulich ist mir bewusst geworden, dass ich spätestens in der Mittelstufe meiner Gymnasialzeit mit dem literarischen Motiv der Flucht vertraut gemacht wurde. Den Roman Die große Flatter (1977) von Leonie Ossowski (1925-2019) thematisiert den Ausbruch aus einem eingeengten und zugleich zerrütteten sozialen Milieu. Damals, Mitte der 1990er Jahre, war das Jugendbuch die ideale Möglichkeit, auf literarische Weise Lebensverhältnissen zu begegnen, die ich bis dato als Jugendlicher nicht kennengelernt hatte.

Mehr als 30 Jahre später stieß ich auf die Fluchtnovelle (2024) von Thomas Strässle, Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Literatur-wissenschaft an der Universität Zürich und seit 2023 Juror beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. In der Novelle wird das Motiv der (politischen) Flucht so präsent, dass es mir nicht mehr aus dem Kopf geht. In vorgestanzte Raster passt die Lektüreerfahrung ebenfalls nicht hinein, da sie eben nicht einschlägige Vorkenntnisse zur DDR-Zeit zur politischen Wende 1989-1990 aufruft. Vielmehr geht es um eine Flucht von der DDR in die Schweiz über den Transitort Prag im Juli 1966, genauer gesagt über den Flughafen-Prag-Ruzyně, wo das Fluchtereignis im Grund seinen Kulminationspunkt findet. Die Republikflüchtige ist keine geringere als Thomas Strässles Mutter, die mit einem gefälschten Pass zusammen mit ihrem Freund und späteren Vater des Autoren in die Linienmaschine nach Zürich steigt.

Da ich genauso wie im Sommersemester 2024/2025 dieses Jahr wieder einen Sprachkurs zum Thema Deutsche Rechtssprache halte, sind mir in der Novelle besonders die vielen Zitate und Passagen aufgefallen, die entweder aus originalen Rechtstexten stammen oder in einem Duktus verfasst sind, in dem Handlungen von Rechtssubjekten beschrieben werden und amtlichen Charakter haben. Das vierzehnte Kapitel besteht vollständig aus diesem sprachlichen Material: Es trägt den Titel „Brief an die Polizei“. Thomas Strässle hat mir in einer E-Mail bestätigt, dass es aus einem Originaldokument besteht und nur „geringfügig überarbeitet“ worden ist. Mein Eindruck hierbei ist, dass die meist als trocken und schwerfällig angesehene Rechtssprache in diesem Kapitel nicht nur die Narration vorantreibt, sondern auch der Novelle, einem literarischen Genre, einen gewissen Glanz verleiht. Warum habe ich diesen Eindruck?    

In der Novelle, die ja im Kern getreu dem Genre eine außerordentliche Begebenheit enthält, wird das Thema Republikflucht so geschickt beleuchtet, dass der Leser im Bilde ist, gerade was die Durchführung an Vorbereitungen betrifft. Dazu kommen die Konsequenzen, nämlich Gefängnis oder Bußgeld, die mit einem gefälschten Ausweisdokument selbst im Zielland drohen. Bereits im zweiten Kapitel wird aus dem Schweizerischen Strafgesetzbuch zitiert:

Die Tathandlung besteht im Fälschen (=Totalfälschung) oder Verfälschen (=eigenmächtiges, nachträgliches Abändern) oder im Gebrauch eines unechten Ausweises oder im Missbrauch eines echten Ausweises.

Im gleichen Kapitel verweist der Autor, der ja auch Erzähler ist, darauf, dass die Fälschungstat, zu der sein Vater dessen ehemalige Freundin anstiftete, zwar illegal sei, aber ein „übergeordnetes moralisches Interesse“ habe. Der ausgestellte Schweizer Pass würde ihren Namen mit dem Foto der neuen Freundin enthalten. Damit ist das Fundament für den weiteren Handlungsverlauf gelegt.

Im achten Kapitel wird dann recht ausführlich über die Gesetzeslage in der DDR gesprochen, vor allem über den Paragrafen 213 des 1968 in Kraft getretenen Strafgesetzbuches, also erst ca. zwei Jahre nach der erfolgreichen Flucht im Sommer 1966. In Absatz 2 ist die Rede von „Missbrauch oder Fälschung von Ausweisen oder Grenzübertrittsdokumenten, durch Anwendung falscher derartiger Dokumente oder unter Ausnutzung eines Verstecks“, was, wie der Erzähler präzise angibt, eine „Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren“ nach sich ziehen kann.

Das neunte Kapitel kommt ganz ohne juristische Sprache aus. Darin wird geschildert, wie Strässles Vater genau die „Einreiseformalitäten und die Ausreisekontrolle, die Zollabfertigung und den Einsteigevorgang, die Positionen der Kontrollposten und die Aufteilung der Räume“ begutachtet und dabei eine gewisse „Lässigkeit ohne Nachlässigkeit“ feststellt. Ich kann mir genau vorstellen, dass diese genauen Beobachtungen entscheidend für für eine erfolgreiche Republikflucht waren, deren wichtigste Umsetzungsschritte dann erfolgten, wenn augenscheinlich ein Fluchtversuch eben nicht vorliegt, also während des legalen mehrtägigen Aufenhaltes in Prag. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf folgt Beschreibung der Produktion des Falsifikats im zehnten Kapitel, die selbstverständlich professionelle Helfer, nämlich eine Stempelfabrik erforderte, um das selbstgebastelte Dokument herzustellen.

Schließlich gilt der Fokus dem vierzehnten Kapitel: Der bereits erwähnte Brief an die Schweizer Polizei ist schon deswegen ungewöhnlich, weil er anders als die meisten anderen Schriftstücke an und von der Polizei über ein Ereignis, zum Beispiel einen Unfall handeln. Er schildert hingegen eine Tatfolge, die zum Zeitpunkt der Niederschrift größtenteils noch nicht durchgeführt wurde. Formell enthält er vierzehn nummerierte Punkte, wobei der dritte Punkt noch in zwei und der vierte Punkt in vier Kleinbuchstaben (a) und b) bzw. a) – d)) unterteilt ist. Nur der erste Punkt des Unterzeichneten über den Flug von Zürich-Kloten nach Prag am 12. Juli 1966, wird im Perfekt verwendet. Jeder Punkt ist detailliert vorgetragen, so dass die Fluchtpläne genauestens nachvollzogen werden können. Wäre das Vertrauen in einen demokratischen Staat nicht so groß, würde so ein Schriftstück nicht existieren. Es ist ideologiefrei mit dem Anspruch auf Ehrlichkeit (siehe Punkt 10) in Bezug auf den Gesetzesverstoß durch Urkundenfälschung und auf Wahrheit (siehe Punkte 13) verfasst. Außerdem ist der Anspruch erkennbar, dass hier Rechtssprache sprachökonomisch in Bezug auf die Fluchthandlung eingesetzt und hierbei eine unterrichtende Funktion hat, um nach einer misslungenen Fluchtaktion auf staatliche Hilfe zu hoffen, die „vor unverhältnismäßiger Bestrafung zu schützen“ vermag.

In die Novelle flossen überdies konzise Reiseerinnerungen vor und nach der Wiedervereinigung ein. Das erste Kapitel (über die Erfahrungen am Karl-Marx-Monument im damaligen Karl-Marx-Stadt und heutigen Chemnitz) sowie das fünfzehnte Kapitel (über legale Grenzübertritte sowie über den Todesstreifen mitten im Harz) skizzieren aus der Perspektive eines Besuchers besonders die Impressionen, die mit markanten und fraglichen, staatlich sanktionierten Hinterlassenschaften in Verbindung stehen. Das Dokumentarische basiert darüber hinaus auf einem Interview der Eltern mit dem Schriftsteller Hermann Burger (1942 – 1989) und weniger auf Rechercheergebnisse, die wiederum das Werk unnötig in die Länge gezogen hätten.

Mein Leseeindruck bestätigt die Empfehlung der Novelle für den Oberstufen-Unterricht, die das bayrische „Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung“ veröffentlicht hat. Ich werde nach der Lektüre noch stärker unser rechtstaatliches Fundament schätzen, das weltweit durch verschiedene Strömungen herausgefordert wird. Es ist nicht selbstverständlich, in einem Rechtsstaat zu leben, dem man auch in heiklen Fällen sein Vertrauen schenken kann und muss.  

Die Fluchtnovelle kann beim Suhrkamp Verlag bestellt werden. Bis Ende September ist der Text auch in der ard-Mediathek als Hörbuch verfügbar.

Adel ganz ohne Tadel – Gedanken zu Marie von Ebner-Eschenbach

Am 10. März stiefelte ich bei Dauerregen durch Leipzig, um auf Bücherjagd zu gehen. Ich hatte einige Titel im Blick, wofür ich zum ersten Mal die geräumige Stadtbibliothek, die ehrwürdige Universitätsbibliothek und zuletzt noch die Institutsbibliothek der Kunstpädagogik in Rufweite der Nikolaikirche ansteuerte, die in den Semesterferien anders als im Internet angegeben verschlossen war. Noch war nirgendwo die Rede von einem „Lock-Down“ in Deutschland, so dass ich stattdessen in ein benachbartes Antiquariat eintrat. Die Suche nach dem Zufallsfund dauerte keine zehn Minuten: Ein Buch aus der immer noch aufgelegten Insel-Bücherei (Nr. 543) aus dem Jahr 1982, gedruckt in Stollberg, gebunden in Leipzig, mit Aphorismen der mir nur vom Namen her bekannten Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) sprang dabei heraus. Warum nicht mal schön kurze Häppchen-Texte, die man einfach minutenweise anlesen kann? Ein klassisches Durchlesen ist hier eigentlich nicht nötig.

Ziemlich genau zwei Monate später öffnete ich endlich das Buch. Die kurzen Miniatur-Texte schienen mir zu sagen, dass ich offensichtlich einen besonderen Fund gemacht hätte. Eines der letzten und längsten Aphorismen, mit der Nummer 91 im abschließenden Teil „Fünftes Hundert“–  zum ersten Mal 1890 publiziert – spricht in meinen Augen Künstler und auch Lebenskünstler an:

Es steht etwas über unseren schaffensfreudigen Gedanken, das feiner und schärfer ist als sie. Es sieht ihrem Entstehen zu, es überwacht, ordnet und zügelt sie, es mildert ihnen oft die Farben, wenn sie Bilder weben, und hält sie am knappsten, wenn sie Schlüsse ziehen. Seine Ausbildung hängt von der unserer edelsten Fähigkeiten ab. Es ist nicht selbst schöpferisch, aber wo es fehlt, kann nichts Dauerndes entstehen; es ist eine moralische Kraft, ohne die unsere geistige nur Schemen hervorbringt; es ist das Talent zum Talent, sein Halt, sein Auge, sein Richter, es ist – das künstlerisches Gewissen.

Als ich im Spätsommer 2017 im Naabtal unweit von Regensburg einem Gespräch lauschte, wo das Wort „Lebenskünstler“ fiel, dachte ich länger über Kunst im Leben bzw. Leben als Kunst nach. Weit kam ich dabei nicht. Nun, dank Ebner-Eschenbach ist mir bewusst geworden, dass das Gewissen einen (Lebens-)Künstler leiten sollte. Es kann kein Zufall sein, dass Wissen und Gewissen, beziehungsweise „conscience“ (Gewissen) und „science“ (Wissenschaft) im Englischen und Französischen sprachlich miteinander verbunden sind, obwohl die Wörter doch so verschiedene Bedeutungen besitzen. Überwachen, Ordnen, Zügeln, Ausbildung, das klingt doch alles sehr nach Moral, nach Wissen, nach Gewissen, nach Mit-Wissen, und weniger nach Kunst. Und doch kann ein Künstler nicht ohne dies auskommen. Es gibt stets eine tiefsinnige Begleitung durch eine Parallel-Ausbildung, für die es eben kein Fachpersonal gibt. Fähigkeiten stehen nicht für sich – sie müssen eingerahmt sein, um buchstäblich Halt innerhalb einer geistig-moralischen Haltung zu finden, für die es eigentlich keine eindeutigen Worte gibt.

Zuletzt las ich die Ebner-Eschenbachs Erzählung Krambambuli (1884), die mehrfach verfilmt wurde (zuletzt 1998 mit Tobias Moretti in der Hauptrolle und Xaver Schwarzenberger als Regisseur).  Krambambuli ist eigentlich ein Branntwein mit Wacholderauszügen, der auch als „studentische Feuerzangenbowle“ im Internet gehandelt wird. Bei Ebner-Eschenbach heißt so ein Hund, der gegen 12 Flaschen Danziger Kirschbranntwein den Besitzer wechselt und zwischen dem ersten Besitzer (einem dubiosen Wildschützen) und dem zweiten Besitzer (Revierjäger Hopp) über Leben und Tod entscheidet: Zum einen klärt Kranbambuli Hopp darüber auf, dass der Wildschütze einen Oberförster erschossen hat, zum anderen sorgt er dafür, dass der Mörder beim anschließenden Racheakt des Jägers keinen Schuss abgeben kann.

Als dritter Besitzer hat zwischenzeitlich ein Graf das Nachsehen, denn der ihm als Geschenk vom Jäger Hopp zugedachte Kranbambuli verweigert ihm die Treue. Die wechselnden Besitzverhältnisse und die Rivalitäten unter den Menschen geben dem Tier das Letzte. Mutig, wie der Jäger der Gräfin die Geschenkidee vorschlägt:

« Hochgräfliche Gnaden! Wenn der Hund im Schlosse bleibt, nicht jede Leine zerbeißt, nicht jede Kette zerreißt, oder wenn er sie nicht zerreißen kann, sich bei den Versuchen, es zu tun, erwürgt, dann behalten ihn hochgräfliche Gnaden umsonst – dann ist er mir nichts mehr wert.»

Die Probe wurde gemacht, aber zum Erwürgen kam es nicht; denn der Graf verlor früher die Freude an dem eigensinnigen Tiere. Vergeblich hatte man es durch Liebe zu gewinnen, mit Strenge zu bändigen gesucht. Er biß jeden, der sich ihm näherte, versagte das Futter und – viel hat der Hund eines Jägers ohnehin nicht zuzusetzen – kam ganz herunter. Nach einigen Wochen erhielt Hopp die Botschaft, er könne sich seinen Köter abholen.

Böser Ernst und bissiger Humor halten sich die Waage; die Sprache ist pointiert, fast salopp. Die Schriftstellerin, die schon in ihrem 13. Lebensjahr selber Titel Gräfin wurde, hat in diesem kurzen Text einer vollkommen verschwundenen Gesellschaft feine Nadelstiche versetzt. Jäger und Schützen sind bei ihr keine Helden mit ihren Trophäen, sondern derb und unkultiviert.

Auf einer frühen Fotografie des kaiserlichen Hof-Fotografen Ludwig Angerer, angeblich aufgenommen um 1865, sind die Blicke der Schriftstellerin zusammen mit ihrem Gatten auf ein geöffnetes Buch fixiert – sicher damals für Frauen ungewöhnlich im Kontext der frühen Porträtfotografie. Hier wird eindeutig auf die berufene Literatin verwiesen.

Ebner-Eschenbach mit Gatte
Porträtfotografie von Ludwig Angerer: Marie von Ebner-Eschenbach mit ihrem Gatten Moritz (um 1865)

Ebner-Eschenbach auf Briefmarke
Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1980 mit einem Foto von Marie von Ebner-Eschenbach

Mehr als 100 Jahre später ehrte sie eine Briefmarke der Deutschen Bundespost zu ihrem 150. Geburtstag. Noch bekannter wurde Ebner-Eschenbach über den Bargeldverkehr: Zierte die 20-D-Mark-Scheine in Deutschland Annette von Droste -Hülshoff, waren in Österreich  die 5000-Schilling-Noten für Marie von Ebner-Eschenbach reserviert, deren Mädchenname Marie Dubský von Třebomyslice wie aus einer vollkommen anderen Welt klingt, obwohl sie doch gerade im damaligen k. und k. -Kontext ein und dieselbe war. Neben Deutsch und Tschechisch kam sie bereits als Kind mit Englisch und Französisch regelmäßig in Kontakt. Kann man da überhaupt von einer Muttersprache sprechen? In Österreich ist sie allein aufgrund der geografischen Nähe zu ihrem Geburtsort, dem Schloss Zdislawitz (heute heißt die mährische Ortschaft Troubky-Zdislavice) und ihrem Sterbeort Wien bekannter. Mit Kaiser Franz Josef II. teilt sie sowohl das Geburts- als auch das Sterbejahr und damit mehrere (Literatur-)Epochen. Im Jahre 1900 bekam sie von der Universität Wien bereits einen Ehrendoktortitel, ein Jahr zuvor bereits das Österreichische Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft.

Zum Glück scheint der Verfall ihres heimatlichen Schlossgutes aufgehalten. Noch 2013 berichtete in melancholischem Ton die F.A.Z. davon. Bald, so scheint es laut Prager Zeitung,  wird Schloss Zdislawitz wieder für Besucher zugänglich zu sein, auch wenn man nicht mehr die wertvolle Bibliothek Ebner-Eschenbachs (1945  geschreddert) zurückholen kann. Was wohl vom Nachlass übrig gelassen wurde? Ein Grund mehr, länger im malerischen Mähren zu verweilen. Vielleicht mit frischer neuer Lektüre im Gepäck: Die Erzählung Kranbambuli gibt es online und ganz frisch als Jugendbuch. Die Aphorismen gibt es im neuen Gewand in der Insel-Bücherei unter der Nummer 1414!

Einigung ohne Ausgang – Zu Bruno Franks „Politischer Novelle“

Seit langer Zeit stand die Politische Novelle von Bruno Frank ungelesen in meinem Bücherregal. Mehrere Umzüge hatte das Buch bereits mitgemacht; ich weiß gar nicht mehr genau, wo ich es antiquarisch erworben hatte. In diesem Sommer holte ich es hervor. Ich hatte vergessen, dass es aus dem Jahre 1928 stammt und bei Rowohlt erschien. Und ganz überrascht war ich, dass neben Ravello bei Neapel und Cannes der dritte wichtige Schauplatz der Novelle Marseille ist: die Stadt, die zwar zu Frankreich gehört, in der jedoch seit jeher die Welt mit all ihren unbegreiflichen Schicksalen zu Hause ist.  Der Erzähler der Novelle sieht einen „kotigen Schmelztiegel aller Rassen“, was für diesen zeitlosen Eindruck spricht.  Marseille wurde erst 2013 Kulturhauptstadt; erst im 21. Jahrhundert wurde die Gelegenheit am Schopf gepackt und viel investiert, um das Bild der schmuddelig-schillernden Hafenstadt aufzuhübschen: Ein sauber gefüllter Schmelztiegel ist eben vorzeigbarer.

Bruno Frank ist ein heute vergessener Autor, der bereits 1933 in die Schweiz und schließlich in die USA exilierte. 1945 starb er in Beverly Hills. In der Weimarer Republik hatte er durchaus als Erzähler, Dramatiker und Übersetzer Erfolg. Die Novelle ist dem Geist der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich verhaftet.  Carmers Gegenüber Achille Dorval spricht von der „Rettung unseres großen gemeinsamen Erbteils“ nach dem „Irrtum von tausend Jahren“, der Zeit nach Karl dem Großen. Kaum zu glauben, dass all diese Anstrengungen in den 1930er Jahren wiederum wertlos erschienen. Erst in den 1950er Jahren wagte der europäische Einigungsprozess einen neuen Anlauf: Im Buch ist noch die Rede von „27 Zollgebieten“, die es damals in Europa gab; ein herbeigesehnter „wirtschaftlicher Zusammenschluss“ schien noch in weiter Ferne zu liegen.  Die Hauptfigur Carl Ferdinand Carmer, „Civilrichter und dreimal Minister unter der Republik“, ist noch von den Folgen des Ersten Weltkriegs belastet, in dem auch er „Verrat am Geiste“ übte und er den Tod seiner Frau als Pflegerin an der Front als Strafe dafür ansieht. In den Zwanziger Jahren hat er die Möglichkeit, auf diplomatischem Wege, zusammen mit dem französischen Sozialisten Dorval, Dinge in Ordnung zu bringen, nachdem er zur Erholung am Golf von Neapel die „Heimat seines Herzens“ in Gegenwart seines Leibarztes Doktor Erlanger aufgesucht hat. Ort der Zusammenkunft ist das mondäne Cannes.
Schließlich geht es nach Marseille, von wo aus nach dem Sturz des Kabinetts in Berlin frühzeitig die Heimreise ansteht: Carmer ist erneut als Minister vorgesehen. Marseille war schon damals eine Welt en miniature und als Transitort ein Vorgeschmack auf Anna Seghers berühmten Roman Transit:

Carmer tat die wenigen Schritte zurück zu jener Hauptstraße. Es war die berühmte Cannebière, der Boden, den die Tausende der täglich Anschwimmenden, nach Europa Hungrigen, unmittelbar von den Schiffsplanken betraten, eine Einbruchsstelle der dunklen Welt. Europa empfing sie mit riesigen Kaffeehäusern, mit Variétés und Kinematographen und mit Kaufläden, darin die Ware von erlesenem Luxus neben kindischem Tand zur Schau lag, der den Barbaren, den Spielfreudigen locken sollte.

Im Rückblick erschüttern einen diese Sätze auch deswegen, weil ein gutes Jahrzehnt das Dunkel vom Deutschen Reich ausging und zunächst Marseille, und von 1942-1945 auch afrikanische Häfen wie Casablanca eher ein Ort der Helligkeit waren, bedenkt man die tödliche Gefahr, der jüdische Emigranten ausgesetzt waren. Jedes Schiff, das man damals in Richtung Süden bzw. Westen besteigen konnte, schenkte dem Passagier lebensrettende Freiheit. 

Heute, kurz bevor das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beginnt, sind solche Sätze wieder merkwürdig aktuell. Wieder schwimmen Flüchtlinge im Mittelmeer an; es gibt Diskussionen darüber, wie und wo man sie aufnehmen soll. Und noch immer geistert in vielen Köpfen herum, dass sie aus einer „dunklen Welt“ in unsere Konsumwelt einbrechen. Die Wortwahl aus den 20er Jahren zeigt, wie Sichtweisen tradiert werden können: Heute werden in vielen Ländern mit ähnlicher Sprache einfache Wahrheiten gestrickt, die für Wahlen (populistisch) genutzt werden. Der Erzähler von Bruno Franks Novelle verwendet Gedankengut, das damals breiter Konsens in europäischen Gesellschaften war. Heute würde ein gebildeter Literat wohl dafür gebrandmarkt, wenn er unvermutet von Barbaren“ würde. Doch viele Denkmuster haben weiterhin Bestand, ohne ausgesprochen zu werden. Das Dunkel steht oft symbolisch auch für das Unbekannte und Unermessliche, wie es bei dunklen Mächten durchscheint.

In Marseille wird Carmer kurz vor Antritt seiner Rückreise nach Deutschland umgebracht: Als er sich unverhofft einer verführerischen Prostituierten aus Madagaskar nähert, greift ihn ein „Neger“ am Ende einer düsteren Sackgasse
mit einem Messer an, um Geld von ihm abzuringen. Carmer kann ihn abwehren und schlägt ihn zu Boden, bevor ein „Weißer“ in seiner paramilitärischen Uniform die Waffe ergreift und aus dem Hinterhalt kommend eiskalt zusticht.

Gleich zweimal schreibt Bruno Frank am Ende der Novelle, dass das Geschehen vor Ort „nur ein Splitter der furchtbaren Waffe“ war, „mit der Europa seinen Selbstmord“ beging. 1928, ein Jahr vor der Weltwirtschaftskrise, als noch die Rede von den Goldenen Zwanzigern war, lag die Geisteswelt immer noch in Trümmern. Nicht das Kommende wird prophezeit, sondern die drastischen Kriegsfolgen nach 1918 bilanziert.  Insofern wird die fiktive Handlung mit der realen Geschichte in Verbindung gebracht und mit der Politik der Zwischenkriegszeit abgerechnet. Die „deutsche Politik“ wird als „Braukessel trüb schäumender Böswilligkeit“ bezeichnet, in der es „bei öffentlicher Tagung die abgestandenen Phrasenreste beschwingterer Vorzeiten“ zu schmecken galt. Es gab keinen Grund zum Optimismus und keinen Grund zum Feiern, selbst wenn es durchaus diplomatische Erfolge zu verzeichnen gab, obwohl die „wenigen denkenden und kräftigen Gefährten vor der Zeit abgenutzt, bedrückt und zerrieben“ waren. Es gab zu viel an „romantischer Selbstbetäubung, in der der „krakehlende General“, der „Konjunktur-Mystiker“, der „profitwütige Nurverdiener“ als Prototypen „mit einem Schwall dunstigen Geredes“ der Bevölkerung „recht waren“. Die Geschichte hat Bruno Frank (leider) Recht gegeben.

Online lässt sich die Politische Novelle hier nachlesen.

In einem Kleinstverlag (herausgegeben von Karl-Maria Guth) ist auch eine Print-Version des Werks verfügbar.

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