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Schlagwort: Bossa Nova

Betörende Dissonanzen: Father John Mistys Bossa-Nova-Lied „Olvidado (otro momento)“

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Als ich vor einigen Wochen auf einem gut begründeten Umweg im Autoradio das Lied Olvidado (otro momento) hörte, dachte ich mir, dass es auch dieses Lied in diesen Blog schaffen muss. Sowohl die Melodie als die (leicht) dissonanten Harmonien betören mich. Joshua Tillman alias Father John Misty kreiert einen Bossa Nova-Sound, der auf dem Album Chloë and the Next 20th Century mit einigen anderen Stilrichtungen kombiniert wird. Ich bin mir recht sicher, dass viele Freunde der sogenannten Indie-Musik Father John Misty einen Hochkaräter nennen würden. Man wird als Hörer in mancher Hinsicht herausgefordert. Am liebsten wäre mir deswegen, ich würde jede einzelne Harmonie, jedes Wort und jeden Melodieton dieses Liedes auswendig können.

Es ist müßig, den zweisprachigen Text (englisch-spanisch) lange zu besprechen. Es geht, wie so oft, um ein intensiv wahrgenommenes Abschiednehmen. Eine große Geschichte wird hierbei nicht erzählt, vielmehr sind es Versatzstücke:

You’re listening so intently
As on and on I go
My flight’s leaving at 7 AM
La noche casi se ha ido

Die Nacht ist fast vorbei; der Flug geht um 7 Uhr früh; viel Zeit bleibt nicht mehr zum Erzählen. Jeder kann sich hier eine Begebenheit aus dem eigenen Leben vergegenwärtigen oder diese ausmalen.

Der Refrain, komplett auf Spanisch, bleibt sicher nicht nur mir mit dem langgezogenen O aus Olvidalo (Vergiss es) im Gedächtnis.

Es ist schade, dass es im Internet keinerlei Hinweise auf einen Notentext gibt, doch immerhin hat mir die kostenlose Webseite der Komponier-Software hookpad einige wertvolle Hinweise gegeben. Der folgende Screenshot des „Outros“, also des Schlussteils zeigt, wie man Akkorde und die Melodie ohne klassisches Notenblatt visualisieren und zugleich auch verwirren kann. Denn was im Internet notiert ist, sollte man stets kritisch prüfen (statt „fes-moll“ ist es üblich, E-moll zu schreiben):

Hookpad: Olvidalo
Ungewöhnliche Notation einiger Takte im Schlussteil von Olvidado (otro momento) von Father John Misty

Man sieht schön die Wechsel von Moll in Dur und zurück, so dass zusammen mit drei lang gehaltenen, vom h zum es aufsteigenden Melodientönen (h, c, d, es) ein betörender Klang entsteht, der durch eine Sexte (Es-Dur-Akkord mit einem c), eine None (C-Moll-Akkord mit einem d) und eine Tredezime (Des-Dur-Akkord mit einem b) noch erweitert wird. Quasi eine gesungene Signatur des Stücks, gerade auch weil das Verb to sign in der Negation im Lied vorgekommt („I can’t use my hands to sign“), was auch ein Hinweis darauf ist, dass der Song-Text fragmentarisch bleibt: „All I want to say is words have failed me many times before“ ist die vorletzte Zeile des Stücks. Das Vergessen ist also doppeldeutig zu sehen: Das Festhalten eines Zustands bzw. an einem Zustand ist auch deswegen nicht möglich, weil die (sprachlichen) Mittel fehlen. Insofern könnte man „Vergiss es“ auch mit dem Aspekt der Selbstvergessenheit verbinden, der hier als mentaler Zustand aufscheint: Das Betörende des Songs liegt schließlich im Verfließen der Sprache und damit auch der Personen, um die es geht. Gefühle und Gedanken können nicht klar gezeichnet werden; man verliert die Kontrolle über das Ich, was wiederum neue Erkenntnisse ans Tageslicht befördern könnte.

„Leichtfüßig und im Albumkontext etwas abstrakt“ wird das Stück in einer Albumrezension genannt. Auch deswegen lohnt es sich, das ganze Album anzuhören.

Das Lied lässt sich hier anhören; der Songtext ist hier nachzulesen. Ein interessanter Süddeutsche-Zeitung-Artikel zum Interpreten folgt hier (mit dem bemerkenswerten Begriff „Poptimismus“.)

Unwägbare Melancholie – Gedanken zu zwei Songs über eine hohe Regen-wahrscheinlichkeit

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Auf der Rückfahrt von einem sonnigen Winterspaziergang im Erzgebirge hörte ich im Autoradio das Lied Regenwahrscheinlichkeit 100% von Michel van Dyke, der schon fast 40 Jahre im Musikgeschäft tätig ist. Als Teenager kam er aus den Niederlanden nach Deutschland, wo er sich dann auch niederließ. Von ihm hatte ich noch etwas gehörteindeutig ein Versäumnis.  Sein Album Bossa Nova, bereits 2005 veröffentlicht, verrät das Genre dieses Liedes, das vom Text her nicht besonders leicht verständlich ist:

„Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen muss“ als letzte Liedzeile bleibt neben dem Titel im Kopf. Die Melancholie des Liedes kann nur eine alles andere als romantische Stimmung widerspiegeln: „seltsam vertraut“, „irgendwie diffus“ sind Zuschreibungen, die eindeutig Ambivalenz ausdrücken.  Nähe und Distanz halten sich die Waage.  Immerhin hat die Liebesbeziehung, von der die Rede ist, eine tiefe Krise überstanden. Ob sie ein gutes Ende nehmen wird, bleibt natürlich offen. Die 100% drücken definitiv eine gewisse Sicherheit aus, was die Prognose anbetrifft. Mit anderen Worten: Vollkommen uneindeutig ist die Stimmung nicht.

Das vom Grafikdesigner mit dem Künstlernamen geboren thielsch gestaltete Album (ab den späten 90er Jahren bekannt unter dem Namen Walter Welke; davor unter Walter Thielsch) kann man jedenfalls ironisch betrachten, da auf dem Cover nichts auf Regenwahrscheinlichkeit hinweist. Auch hier halten sich das Artifizielle und das Natürliche die Waage: Das Motiv zog mich sofort in den Bann, auch weil das auf den ersten Blick außergewöhnliche Landschaftsmotiv, das ein bürgerlich eingerichtetes Wohnzimmer als Ausblick zu bieten hat, als starker Kontrast zum Interieur wirkt.  

Michel van Dyke: Bossa Nova
Albumcover von “Bossa Nova”, gestaltet von geboren thielsch; Interpret: Michel van Dyke

Es wird explizit auf der Internetseite des 2011 verstorbenen Grafikers auf den „Sound  der Sechziger“ verwiesen, der kreativ neu aufgesetzt wird. Man hat den Eindruck, dass hier ein digitales Hörerlebnis nicht ausreicht, sondern die Hardware, also das Album als Produkt zum besseren Einhören einfach dazugehört.  Ganz ohne (mentale) Bilder kommt diese feinfühlige Musik jedenfalls nicht aus.

Bei Bossa Nova als seit den 1960er Jahren verbreitetem brasilianischen Tanz, gekoppelt mit einem deutschsprachigen Text, empfiehlt sich ein genaueres Zuhören. Der 4/4 Takt (oder handelt es sich um eine andere Taktart?) wirkt schleppend, dazu dieser sperrige Titel, den man ansonsten nur von Wettervorhersagen kennt, mit der Betonung auf den Silben „re“, „schein“, „Hun“ und „zent“.

Zum Vergleich hat die mit Jan Josef Liefers liierte Schauspielerin und Sängerin Anna Loos 2023 einen Disko-Fox-Song mit dem Titel Regenwahrscheinlichkeit in ihrem Album Das Leben ist schön veröffentlicht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Loos van Dykes Song kennt, da dieser mit ihrem Ehemann zusammengearbeitet hat. Der Song ist recht konventionell komponiert, wobei der Inhalt ebenfalls auf den dunklen Kontext der Liebesbeziehung abzielt, dessen Botschaft im Refrain recht klar ist:

Wir haben uns verlaufen / Sind nass bis auf die Haut / An all den dunklen Tagen / Wächst die Regenwahrscheinlichkeit.

Selbst wenn dunkle Wolken aufziehen/ und uns das Wasser bis zum Hals steht / Dann soll es so sein /Es geht schon wieder vorbei / mit der Regenwahrscheinlichkeit.

Die erlebte und gefühlte Distanz zueinander soll überwunden und schließlich die „Wolkenwand“ durchbrochen werden. Die letzte Refrainzeile kann mich jedoch nicht überzeugen: Warum und wie sollte eine Regenwahrscheinlichkeit vorbei gehen? Wie kann ein Phänomen auf 0% gedrückt werden?

Allgemein freut es mich, dass Regenwahrscheinlichkeit als Begriff im Zeitalter von häufig abgerufenen Wetterradardaten Hitpotenzial hat. Oft ist auch die Wetterküche unvorhersehbar; und Regen kann nicht per se als negativ interpretiert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Sonne in naher Zukunft wieder scheinen wird, liegt jedenfalls auch bei 100%.

Übrigens lohnt sich auch der Song Neu in dieser Stadt aus van Dykes Album. Hier wird mit einem eingängig komponierten Soundteppich die Melancholie auch ohne Präsenz des Textes vergegenwärtigt. Das Album ist in geringen Stückzahlen gebraucht auf verschiedenen Plattformen erhältlich, z.B. auf rebuy.

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