Schon wieder habe ich ein Lied im Kopf, das ich auf dem Weg zur Arbeit hörtea, auch wenn ich so gut wie kein Wort verstand. Die norwegische Sängerin Kari Bremnes singt in ihrer Muttersprache unglaublich geheimnisvoll, scheinbar durchgängig im piano-Ton.

Das Lied – als Übersetzungsstool habe ich deep-l bemühlt – über ein genusssüchtiges und zugleich schwerkriminelles Wesen ist auf den ersten Blick auch inhaltlich zutiefst mysteriös. An wen wohl die Sängerin mit diesem Text gedacht hat? Natürlich, so erfährt man es schnell auf einigen wenig informativen Seiten: an ihren Kater! Da das Tier kein einziges Mal direkt namentlich wird (nur ‚Beute’ und ‚Krallen’ mögen an ein Raubtier erinnern), bin ich nicht selbst darauf gekommen. Ich gebe zu, dass ich zuerst an einen Mann gedacht habe und nicht an ein Tier. Das liegt vor allem am Pronomen „er“!  Ein nahezu psychologischer Fall! Das kann nur daran liegen, dass in meinem Gehirn erst eine Crime-Story aufscheint, bevor das wahrhaft tierische Treiben eines Haustiers mir deutlich wird.

Der Liedtitel Litt av et liv hat etwas mit dem Leben zu tun. Deep-l übersetzt es mit „Das ist schon ein Leben“. Ein Anklang von Ironie schleicht sich hier ein. Wörtlich übersetzt bleibt er recht farblos: „Ein bisschen vom Leben“.

Mir fällt auf, dass ich, wenn den norwegischen Liedtext lese, einige Worte verstehe, was natürlich nicht ausreicht, um die ganze Zeile zu verstehen. Aber immerhin: Das Geheimnisvolle scheint auch darin zu bestehen, dass der unvertraute Klang doch Vertrautes beinhaltet, wenn man nur genau hinschaut bzw. hinhört. Bei mehrmaligem Hören hört man das insgesamt achtmal im Refrain gesungen Wort „dekorativ“ heraus, ohne es an einen Kontext andocken zu können. Das geheimnisvolle Wesen scheint ein dekoratives  und gleichzeitig ein tierisches bzw. animalisches Leben („dyrisk“) zu führen. Auch hier weht das Geheimnisvolle durch, denn wie kann ein Tier anders leben als tier-isch bzw. animal-isch? Die Konnotationen, die wir mit diesen Adjektiven im Hinblick auf gewisse Härten des Lebens verbinden könnten, helfen nicht weiter, gerade nicht bei Katzen, die ja gewöhnlich kein tierisch hartes Leben führen. In der zweiten Strophe ist die Rede davon, dass das Tier zärtlich und zahm ist („kjærlig og tam“) und – zwei Zeilen weiter – auf den Leckerbissen wartet, das nach Fest schmeckt („bitan“, „smake“ und „fest“ sind hier im Original einprägsam). Das ist sozusagen die These; die Antithese findet sich in der dritten Strophe: Skrupellos handelt das Tier – wenn es Freigang genießt – mit seiner Beute und nimmt gerne den sicher nicht ernst gemeinten „Applaus“ (von wem wohl??) entgegen.

Sehr erinnerungswürdig ist zudem die Wortkombination „han kan“ („er kann“), weil sie fast genauso so klingt wie die Literatur-Nobelpreisträgerin Han Kang. Bestimmt bin ich nicht der einzige, dem dieser Gedanke kam…

Wie die Wörter bei Kari Bremnes zusammenschmelzen, ist auch faszinierend. Das Norwegische scheint bei ihr das schleichend-geheimnisvoll lebende Tier optimal klanglich abzubilden. Der Wortwitz, der erst auf den zweiten Höreindruck deutlich wird, zeigt die Stärke der Wörter im Zusammenhang mit dem dazu passenden Sound. Außerdem sind der „pulsierende, tanzbare Beat“ neben „nordischer Eleganz“ zutreffende Beschreibungen für das Lied, die man auf der Plattform Vinyl-Fan finden kann.

Dank dieses Liedes habe ich nun endlich auch einmal eine Fährte zum Norwegischen aufgenommen, dessen Muttersprachler gerade zu olympischen Zeiten hoch im Kurs sind, da sie öfters ganz oben auf dem (Medaillen-)Treppchen landen!

Hier kann das Lied nachgehört werden. Das recht kurze Album Ennu her, auf dem sich Litt av et liv befindet, lässt sich über die Plattform jpc bestellen. Der Original-Liedtext befindet sich auf der Homepage der Künstlerin.