Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Monat: November 2025

Amtlich aufgedreht – Über eine einmalige Musikauswahl

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Standesamtliche Trauungen zeichnen sich durch einen durchgetakteten Ablauf aus. Passende Musikstücke für diese recht kurze Zeremonie zu finden ist gar nicht so einfach. Sicher würde sich ein Forschungsprojekt lohnen, das der Frage nachgeht, was genau in welcher Besetzung wie oft an deutschen Standesämtern dafür ausgewählt wird. Datenschutzbedenken würde es dazu wohl nicht geben.

Wir entschieden uns nach kurzer Bedenkzeit für den Pianisten Sofiane Pamart, auf den ich durch mindestens ein auf Arte aufgezeichnetes Konzert 2022 oder 2023 aufmerksam wurde. Allein der Name wird allerdings schwer im Kollektivgedächtnis in Deutschland einen Platz finden, obwohl dessen Klaviermusik eindeutig als leicht hörbar für ein größeres Publikum eingestuft werden kann. Seine Zuschauerzahlen erreichen dabei fünfstellige Werte! Leicht konsumierbar ist er international bei einem besonders inszenierten Act während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris zu hören und sehen gewesen, als er auf der Seine im Regen an einem entflammten Flügel die Sängerin Juliette Armanet begleitete. Der ausgewählte Titel Imagine von John Lennon zeigt auch, dass Pamarts Musik die Fantasie steigern kann, wie es der Pianist auch für sich selbst einfordert. Seine Musik kann wohl der Neoklassik-Strömung zugeordnet werden: Manche würden sie als kitschig oder oberflächlich abtun, doch können manchmal eingängliche bzw. niedrigschwellige Klänge Vorrang haben.

Sofiane Pamart, geboren 1990, ist seit 2024 Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres. Er ist also in Frankreich bereits zum Ritter geschlagen worden! Er wuchs bei Lille in Nordfrankreich in einer aus Marokko eingewanderten Familie auf und absolvierte mit Auszeichnung ein Klavierstudium am Konservatorium in Lille. Sein schillerndes Auftreten – „er spricht die Sprache der Mode genauso fließend wie die Sprache der Musik“, wie es im SWR heißt – steigert sicherlich die öffentliche Aufmerksamkeit für ihn. Ab spätestens 2023 machte er zudem einen „Imagewandel“ vom Rap-Künstler zum (Neo-)Klassikpianisten durch.  

Schwierig fiel die Entscheidung, welche fünf Stücke in welcher Reihenfolge wir schließlich auswählen würden (es hätten auch weniger ausgereicht). Eine gewisse Logik sollte hier auch erkennbar sein, auch wenn sie (musik-)dramaturgisch etwas an den Haaren herbeigezogen sein würde. Außenstehende können mit der Titelliste nicht viel anfangen:

  • Tiempo (aus dem Album Noche)
  • Alaska (aus dem Album Planet)
  • Planet (aus dem gleichnamigen Album)
  • Madagascar (aus dem Album Planet)
  • Vera (aus dem Album Noche)

Besonders Alaska gefällt mir sehr gut. Aus diesem Titel kann man leicht das Kristalline heraushören, das mich schnell an eine verschneite Landschaft erinnert. Im Grunde bietet die Musik, weil sie eben nicht allzu komplex ist, genug gedankliche Freiräume, warum sie sich in meinen Augen auch besonders als Hintergrundmusik eignet, der man nicht allzu viel Beachtung schenken muss.

Traditionell sieht der Anlass nicht vor, Erläuterungen zu dieser Musikauswahl zu geben. Letztlich handelt es sich um wohltemperiertes Hintergrundrauschen, das zudem auch noch unvollständig erklingt. Wer aufdreht, kann leicht auch wieder abdrehen, so wie es die jeweilige Situation erfordert. Während drei ausgewählte Titel die Raumachse widerspiegeln, erinnern zwei Titel (Tiempo, Vera) an die Zeitachse. Oder anders gefasst: Egal, wohin die Liebe auf diesem Planet fällt, sollte man an ihre Beständigkeit ohne Ablaufdatum glauben.

Am Tag der Trauung gab es mit dem Datenträger, einem gewöhnlichen USB-Stick, noch technische Probleme im Standesamt, so dass die Rettung das Handy war, auf dem die Songdateien auch vorlagen. Leider stand ein gewöhnlicher CD-Player nicht zur Verfügung; mit ihm wäre es tendenziell einfacher gewesen, da wir Wert darauf legten, nicht einfach bei Amazon einzelne Stücke zu kaufen. Ein ganzes Album zu besitzen stellt doch vor allem aus Künstlerperspektive die bessere Entscheidung dar. Wer also Sofiane Pamarts Musik in einer Veranstaltung einbauen möchte, dem sei ein mehrfaches Anhören seiner Werke empfohlen. Ich habe Verständnis für jeden, der darin Kitsch(-potenzial) sieht, doch gerade bei Sofiane Pamart gilt: In Maßen genießen! Wer das richtige Maß nicht findet, der wird sich an den Klängen schnell satthören; und Sättigung sollte eher bei einem wohlschmeckenden (Hochzeits-)Mahl erfolgen!

Sofiane Pamart ist 2026 sowohl in der Berliner Philharmonie  (31. März) als auch in der Elbphilharmonie in Hamburg (30. April) zu hören. Der Südwestfunk hat ihm einen knapp einstündigen Radiobeitrag gewidmet. Auf der Homepage des Kulturkaufhauses Dussmann lassen sich die beiden Alben Planet und Noche bestellen. Ein Arte-Mitschnitt seines Konzertes im Hôtel de la Marine 2022 ist lohnenswert. Das Stück Alaska lässt sich hier anhören.

Versuch über die Sonntagseinsamkeit

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Auf dem Streifzug durch die imposante Sonderausstellung Edvard Munch. Angst in den Kunstsammlungen Chemnitz ist mir ein Werk einer Künstlerin aus der gleichen Epoche besonders in Erinnerung geblieben:

Werefkin: Sonntagnachmittag

Das Bild passt sicher nicht direkt zum Angst-Motiv, das Edvard Munchs Werk besonders prägt. Eher lässt sich daraus eine gewisse Einsamkeit herauslesen, die ebenfalls bei Munch eine große Rolle spielt.  In den eigenen vier Wänden kam mir der Gedanke, dieses Gefühl mit dem siebten bzw. ersten Tag der Woche zu verknüpfen, so dass ‚Sonntagseinsamkeit’ entsteht.

Aus dem 19. Jahrhundert sind mir die Begriffe Waldeinsamkeit und Feldeinsamkeit begegnet. Waldeinsamkeit (1851) ist der Titel eines längeren Gedichts von Heinrich Heine (1797 – 1856); Hermann Allmers (1821-1902) betitelte ein zweistrophiges Gedicht mit Feldeinsamkeit (1860). Es wurde 1882 von Johannes Brahms (1833-1897) vertont (op. 86). Beide Begriffe lassen sich kaum übersetzen, vermitteln sie doch ein Gefühl, das viel komplexer ist als einfach nur Einsamkeit. Während bei Allmers das lyrische Ich im „hohen grünen Gras“ ruht und sich „von Himmelbläue wundersam umwoben“ fühlt, klingen bei Heine freudlose Töne an, da die wundersame Traumwelt sich bei seinem lyrischen Ich nicht mehr einzustellen vermag. Es beklagt die Abwesenheit von Feen und „Alräunchen“, gewissen „Waldgeistern“, die ein „fingerlanges Greisengeschlecht“ kennzeichnet, was eine gewisse Trostlosigkeit erzeugt:

Es glotzen mich an unheimlich blöde
Die Larven der Welt! Der Himmel ist öde,
Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm.
Ich gehe gebückt im Wald herum.

Diese Strophe könnte die Brücke zum Gemälde von Magdalene von Werefkin schlagen, in dem auch der Blick hin zum blauen Horizont eher öde zu sein scheint. Die drei Personen, die man erkennen kann, blicken scheinbar den geschrägten Raum hinauf, wobei die meisten Betrachter an einen Wirtshausbesuch mitten in der Natur denken würden. Dort herrscht oft ein geselliges Treiben, wovon im Bild nicht die Rede sein kann. Und doch fände ich es nicht zutreffend, die auf dem Bild spürbare Einsamkeit ähnlich wie bei Edvard Munch ausschließlich als negativ zu interpretieren. Ich stelle mir von Werefkin, deren fast drei Jahrzehnte währende Beziehung zum Maler Alexej von Jawlensky alles andere als harmonisch war, ähnlich wie andere expressionistische Maler in der Natur vor. Hilft beim Entstehungsprozess eines Werkes nicht auch eine gewisse Einsamkeit? Und gab ein Motiv nicht eine bestimme Perspektive vor, die auch am Sonntagsnachmittag mehr als deutlich erkennbar ist?

Aus dem Werk lässt sich eine gewisse Leere (aufgrund der unbesetzten Tische) herausinterpretieren, doch ist es nicht auch faszinierend, sie so dargestellt zu empfinden? Der Himmel und die drei betrachteten Personen geben eine gewisse Blickrichtung vor, die für mich auch eine Sehnsucht nach etwas ausdrückt, die wir weder in Worte noch in Objekten fassen können.  Womöglich macht sich dieses Sehnen am Sonntagnachmittag am ehesten bemerkbar, das weder kaschiert noch kompensiert werden kann.

Interessant ist, dass Sonntagnachmittag eine recht präzise Zeitangabe ist, während ‚Wald’ und ‚Feld’ eher unpräzise Verortungen darstellen. Das Wort ‚Wald’ wird bei einem Nordeuropäer ganz andere Assoziationen aufrufen als bei einem Nordafrikaner, während man beim Sonntagnachmittag ein einheitlicheres Maß anlegen kann. Denn die meisten Menschen, egal wo sie herkommen, können recht genau sagen, was sie gerne an einem für sie persönlich arbeitsfreien Sonntagnachmittag tun. So finde ich den Titel Sonntagnachmittag geschickt gewählt.

Als ich am 01. November nachmittags im Radio zufällig hörte, dass die Wartezeiten für Autofahrer an der deutsch-niederländischen Grenze auf der Fahrt zu den offenen „Einkaufszentren“ in unserem Nachbarland bis zu einer Stunde betrugen, war mir klar, dass man den Drang, an einem Feiertag unbedingt zum Shoppen ins Ausland fahren zu wollen, zumindest teilweise mit dem Gefühl der Sonntagseinsamkeit erklären kann, wenn man den Sonntag analog zu Allerheiligen als Feiertag betrachtet. Wenn die meisten Geschäfte hierzulande meist geschlossen sind, bleibt neben dem Ausflug nicht viel mehr als innere Einkehr daheim, sollten nicht praktische Dinge wie Aufräumen, Saubermachen etc. den freien Tag zu sehr prägen. Ein Ausflug will anders als das Einkaufen gut organisiert sein. Körperliche Bewegungen sowie Neuentdeckungen können auch als anstrengend aufgefasst werden, wohingegen das Eintauchen in die Warenwelt womöglich eine erfolgreiche Schnäppchenjagd ermöglicht, die die gefühlte Leere materiell füllen kann.

Mir gefällt die Zeitlosigkeit dieses Werkes mit konkreter Zeitangabe. Das Ausbrechen aus der Arbeitsroutine und dem Alltag kann am ehesten am Sonntag stattfinden, das als Ruhetag auch im 21. Jahrhundert Potenzial bietet: Denn besonders in sinnentleerten Umgebungen können neue Gedanken-Räume entstehen und sinnvoll gefüllt werden.

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