Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Matsch-Pfütze

Monat: Juli 2025

Betörende Dissonanzen: Father John Mistys Bossa-Nova-Lied „Olvidado (otro momento)“

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Als ich vor einigen Wochen auf einem gut begründeten Umweg im Autoradio das Lied Olvidado (otro momento) hörte, dachte ich mir, dass es auch dieses Lied in diesen Blog schaffen muss. Sowohl die Melodie als die (leicht) dissonanten Harmonien betören mich. Joshua Tillman alias Father John Misty kreiert einen Bossa Nova-Sound, der auf dem Album Chloë and the Next 20th Century mit einigen anderen Stilrichtungen kombiniert wird. Ich bin mir recht sicher, dass viele Freunde der sogenannten Indie-Musik Father John Misty einen Hochkaräter nennen würden. Man wird als Hörer in mancher Hinsicht herausgefordert. Am liebsten wäre mir deswegen, ich würde jede einzelne Harmonie, jedes Wort und jeden Melodieton dieses Liedes auswendig können.

Es ist müßig, den zweisprachigen Text (englisch-spanisch) lange zu besprechen. Es geht, wie so oft, um ein intensiv wahrgenommenes Abschiednehmen. Eine große Geschichte wird hierbei nicht erzählt, vielmehr sind es Versatzstücke:

You’re listening so intently
As on and on I go
My flight’s leaving at 7 AM
La noche casi se ha ido

Die Nacht ist fast vorbei; der Flug geht um 7 Uhr früh; viel Zeit bleibt nicht mehr zum Erzählen. Jeder kann sich hier eine Begebenheit aus dem eigenen Leben vergegenwärtigen oder diese ausmalen.

Der Refrain, komplett auf Spanisch, bleibt sicher nicht nur mir mit dem langgezogenen O aus Olvidalo (Vergiss es) im Gedächtnis.

Es ist schade, dass es im Internet keinerlei Hinweise auf einen Notentext gibt, doch immerhin hat mir die kostenlose Webseite der Komponier-Software hookpad einige wertvolle Hinweise gegeben. Der folgende Screenshot des „Outros“, also des Schlussteils zeigt, wie man Akkorde und die Melodie ohne klassisches Notenblatt visualisieren und zugleich auch verwirren kann. Denn was im Internet notiert ist, sollte man stets kritisch prüfen (statt „fes-moll“ ist es üblich, E-moll zu schreiben):

Hookpad: Olvidalo
Ungewöhnliche Notation einiger Takte im Schlussteil von Olvidado (otro momento) von Father John Misty

Man sieht schön die Wechsel von Moll in Dur und zurück, so dass zusammen mit drei lang gehaltenen, vom h zum es aufsteigenden Melodientönen (h, c, d, es) ein betörender Klang entsteht, der durch eine Sexte (Es-Dur-Akkord mit einem c), eine None (C-Moll-Akkord mit einem d) und eine Tredezime (Des-Dur-Akkord mit einem b) noch erweitert wird. Quasi eine gesungene Signatur des Stücks, gerade auch weil das Verb to sign in der Negation im Lied vorgekommt („I can’t use my hands to sign“), was auch ein Hinweis darauf ist, dass der Song-Text fragmentarisch bleibt: „All I want to say is words have failed me many times before“ ist die vorletzte Zeile des Stücks. Das Vergessen ist also doppeldeutig zu sehen: Das Festhalten eines Zustands bzw. an einem Zustand ist auch deswegen nicht möglich, weil die (sprachlichen) Mittel fehlen. Insofern könnte man „Vergiss es“ auch mit dem Aspekt der Selbstvergessenheit verbinden, der hier als mentaler Zustand aufscheint: Das Betörende des Songs liegt schließlich im Verfließen der Sprache und damit auch der Personen, um die es geht. Gefühle und Gedanken können nicht klar gezeichnet werden; man verliert die Kontrolle über das Ich, was wiederum neue Erkenntnisse ans Tageslicht befördern könnte.

„Leichtfüßig und im Albumkontext etwas abstrakt“ wird das Stück in einer Albumrezension genannt. Auch deswegen lohnt es sich, das ganze Album anzuhören.

Das Lied lässt sich hier anhören; der Songtext ist hier nachzulesen. Ein interessanter Süddeutsche-Zeitung-Artikel zum Interpreten folgt hier (mit dem bemerkenswerten Begriff „Poptimismus“.)

Eine Briefreise als Roman: Abbas Khiders “Brief in die Auberginenrepublik” (2013)

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Im meinem ersten Semester an der Universität Bayreuth belegte ich ein Proseminar zu Briefromanen in der französischen Literatur.  Ich kann mich noch recht gut daran erinnern. Sich vor allem mit den Gefährlichen Liebschaften (Liaisons Dangereuses) von Choderlos de Laclos zu befassen, bedingte ganz sicher Durchhaltevermögen: Man steckt sehr viel Zeit in die Lektüre, wenn man das Werk in seiner Gänze begreifen will. Jedoch kommt vergleichsweise wenig dabei heraus, wenn man sich nur exemplarisch einige Briefe anschaut. Die Verfilmung des Romans, zum Beispiel die legendäre mit Glenn Close und John Malkovitch aus dem Jahre 1988, lohnt sich allemal.

Kürzlich las ich den Roman Brief in die Auberginenrepublik des deutsch-irakischen Schriftstellers Abbas Khider, der 2013 erschien.  25 Jahre später mutet der Stoff schon historisch an, wenn man bedenkt, wie wenig längere persönliche Briefe noch geschrieben werden. Heute bin ich froh, mich näher mit einem solchen Text  zu Beginn des E-Mail-Zeitalters vertraut zu machen, in dem es vor allem um das Scheitern von Kommunikation in medialer Hinsicht geht. Weder aufgrund des  mangelhaften Beförderungssystems noch der Zensur (inklusive Internet-Verbot um die Jahrtausendwende, wie wir im letzten Kapitel erfahren) kommt der in Bengasi (Libyen) abgeschickte Brief von Salim Al-Kateb an dessen Geliebte Samia Michael in Bagdad nicht an. Der einfache Grund: Samia ist unbekannt verzogen.

Im Roman ist der Brief ein eindrucksvolles Beispiel für einen Aktanten, also für ein handelndes Ganzes, im Sinne des Philosophen Bruno Latour, der die sogenannte Akteur-Netzwerktheorie entworfen hat. Er steht im Mittelpunkt eines Netzwerks von Akteuren, die in den einzelnen Kapiteln aus ihren jeweiligen Perspektiven jeweils Beziehungen zu Menschen und damit ihre Funktion im Zusammenhang mit dem Medium Brief auf seinem Transportweg erläutern. Der Brief als Objekt setzt also die Handlung in Gang und beeinflusst sie mit seinem Inhalt.  Es handelt sich also nicht um einen Briefroman im engeren Sinne.

Im Prolog heißt es vom übergeordneten Erzähler:

Auf der dunklen Seite der Erde beginnt die Geschichte eines Briefes, die ich Euch erzählen will. Sie spielt in Afrika und in Asien. Genauer: in Arabien. Ganz genau gesagt, beginnt sie in Libyen und endet im Irak. Und um mikroskopisch exakt zu sein, spielt sie in diesen armen Ländern in den allerdunkelsten Gegenden: den Stadtvierteln Gaddafi City in Bengasi und Saddam City in Bagdad.

Diese Art von Hineinzoomen ist die Stärke des Textes. Jedes der sieben Kapitel enthüllt fragmentarische Lebensgeschichten, die von der Brief-Geschichte zusammengehalten werden.

Das fünfte Kapitel, auf das ich etwas ausführlicher eingehen will, ist auf den 7.10.99 datiert. Kamal Karim, seines Zeichens Polizist, hat die Macht, Salims Brief in Bagdad im „Arbeitsbereich Briefkontrolle“ zu öffnen:

Im dem Import-Export-Büro, vor dessen Tür mein Auto jetzt parkt, werden die illegalen Briefe abgeliefert. Meine Aufgabe besteht darin, die Briefe zu lesen, die wichtigsten Informationen herauszufiltern und diese in einem kurzen Protokoll an meinen Chef weiterzuleiten. Diesen Job betrachte ich als eine Art polizeiliche Auszeichnung.

Als „Märtyrersohn“ – sein Vater wurde in einem Panzer während des Irankrieges getötet – kann er die 36 Monate Militärdienst umgehen; sein Privileg reicht aus, um als „Busfahrerhelfer“ an der Polizeiakademie aufgenommen zu werden, ohne dass seine schlechten schulischen Leistungen berücksichtigt werden.

Der perfide Job als „Brief-Kontrolleur“ in der Sicherheitsbehörde bringt mit der Methode, Briefeschreiber zu bedrohen, viel Geld ein. Werden je nach Briefinhalt nicht Tausend Dollar pro Brief gezahlt, leitet er die Briefe an seinen Vorgesetzten weiter. Hier wird der Begriff Mehr-Wert, der eigentlich für das Geldverdienen stehen soll, verächtlich gemacht.

Der Brief von Salim, der als muslimischer Literaturstudent dank seines finanzstarken Onkels nach sieben Tagen hartem Arrest (Straftat: „Lesen verbotener Bücher“) nach Libyen geflohen ist, wird auch sein Chef Oberst Ahmed Kader zu lesen bekommen. Es handelt sich bei Samia nämlich um eine kurdische Christin; ihr Nachname „Michael“ allein ist schon verdächtig. Karim und Ahmed lesen folgende Worte:  

Es tut mir leid, dass Du seit zwei Jahren keine Nachricht von mir bekommen hast. Ich habe die ganze Zeit nach einer Möglichkeit gesucht, Dich zu erreichen, habe aber nichts finden können. Wöchentlich habe ich einen Brief an Dich verfasst, eigentlich schon ein ganzes Buch mit Briefen an Dich geschrieben. Erst vor kurzem erfuhr ich von diesem Postweg und hoffe nun, dass Du diesen Brief tatsächlich erhältst.

Für dieses Dokument musste Salim 200 Dollar berappen, wie der Leser am Ende des ersten Kapitels erfährt, in dem der Absender erzählt. Apropos Postweg: Bis Karim den Brief in seinen Händen hält, nimmt ihn der Taxifahrer Haytham Mursi von Bengali nach Kairo mit (2. Kapitel), bevor der Reisebüroleiter Majed Munir ihn im Bus nach Amman befördern lässt (3. Kapitel) und der Lastwagenfahrer Abu Samira (4.Kapitel) das Dokument schließlich von der jordanischen Hauptstadt nach Bagdad bringt. Am Ende des Briefs und auch des Romans stehen folgende Zeilen:

Die Glaubwürdigkeit unserer Geschichte besteht vermutlich darin, dass sie weder glaubwürdig noch unglaubwürdig ist. Sie ist eben nur eine mesopotamische Geschichte.

Lange habe ich über diese zwei Sätze nachgedacht. Der Schlüssel dazu könnte heißen: Es ist wichtig, dass man sich einen Reim auf die erzählte Briefreise und damit auch den Briefinhalt selbst machen kann. Es geht weniger um den Aspekt der Nachvollziehbarkeit im Sinne eines realistischen Erzählens, sondern um den der Legende, die viel Wahres über die Zeitgeschichte verrät. Die story eines getrennten Liebespaars, die im Brief erzählt wird, behandelt Wirklichkeit anders als history, jedoch auch wiederum glaubwürdig.

Der Brief wird schließlich von Miriam Al-Sadwun, der Ehefrau von Ahmed Kader verbrannt, nachdem sie die vermeintlich aktuelle Adresse der Empfängerin (Block 58, „die Straße gegenüber der Al-Thoura-Highschool“) ausfindig gemacht hat und ihr persönlich den Brief überreichen wollte. Doch laut dem Hausmeister der Schule lebt Samia dort nicht mehr. Aus Samias Perspektive erfahren wir also nichts. Just diese letzten zwei Sätze des Briefs verschont das Feuer, sodass Miriam als Leserin als Essenz sie nochmals vor Augen hat. Sie erhalten also eine größere Bedeutung.

Wie war Miriam an den Brief gekommen? Zufällig hatte ihr Mann, der im irakischen Innenministerium einen direkten Draht zum damaligen Präsidenten Saddam Hussein hat, vergessen, sein Bürozimmer abzuschließen. Sie hatte auch schon geahnt, dass ihr Mann die Unwahrheit zu diesem Brief sagte, als er dieses Dokument mit einem „Kunstprojekt für die Christen im Land“ verknüpfte. So leistet sie nach der Brieflektüre durch ihre Tat gleichzeitig Widerstand gegenüber dem Überwachungsstaat, selbst wenn Samia ebenfalls ins Ausland geflüchtet sein sollte.

Der Brief in die Auberginenbeispiel ist ein Musterbeispiel für die Möglichkeit, produktive und destruktive Triebkräfte in einem besonderen (Streu-)Licht zu erfassen. Und zu begreifen, dass Netzwerken zugunsten auch zu bösartigen Verstrickungen führen kann.

In der Edition Nautilus kann der Roman bestellt werden. In der Süddeutschen Zeitung vom August 2013 findet sich eine ausführliche Buchbesprechung. Die längeren Zitate finden sich auf den Seiten 8, 84, 103 und 104. Informationen zum Schreiben von Abbas Khider, der 2025 den Berliner Literaturpreis erhielt, finden sich hier.

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