Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

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Kunterbunte Episoden aus Schriftstücken, die mich beschäftigen und mitunter auch faszinieren. Unerhörtes, Unglaubliches; einfach nur zum Staunen.

Der unbezahlbare Wert: Über ein „gut platziertes Trinkgeld“

Festpreise sind wir in ausgewachsenen Zivilisationen gewohnt. Wir vergleichen Angebote, Rabatte, und natürlich auch Preissteigerungen. Schnäppchenjäger sind wir bei aller Contenance doch geblieben. Hin und wieder gibt es auch hierzulande die Möglichkeit,  ein wenig zu (ver-)handeln und dabei sich noch als Sieger(in) zu fühlen. Und ganz gewiss gehört Verhandlungsgeschick zu gefragten Kompetenzen in manchen Stellenanzeigen. Der Satz „Das habe ich heute günstig geschossen!“, der (noch) nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört, zeigt doch den Jagdtrieb bestens!

So richtig spannend wird das so oft angesprochene Preis-Leistungs-Verhältnis jedoch erst dann, wenn es keine sichtbare Preisempfehlung gibt. Das ist genau dann der Fall, wenn eigentlich kein Geld-Leistungs-Austausch vorgesehen ist. Ich denke hier besonders an Grenzsituationen, wenn ein Geldbetrag so hoch wird, dass kein erwartbares, durchaus erwünschtes Trinkgeld mehr vorliegt, sondern ein Bestechungsgeld. Bestechung, die laut Wörterbuch der Deutschen Sprache „durch Geschenke zu einer unerlaubten Handlung verleiten“ soll, ist per se schwer feststellbar: Nicht jede Handlung lässt sich in klar in „erlaubt“ oder „unerlaubt“ einordnen; im Zweifelsfall beschäftigt sich dies Rechtsexperten. Es sind eher die Fälle, wo über eine großzügige Belohnung ein Vorhaben bzw. ein Wunsch realisiert werden muss.

Bleiben wir bei den Trinkgeldern, die Gunst und Anerkennung ausdrücken und wo keine perfiden Machenschaften dahinter stecken: Manchmal werden daraus publikationswürdige Anekdoten von seriösen Persönlichkeiten. Ein wunderbares Beispiel liefert Hans-Ulrich Gumbrecht, seines Zeichens Literaturwissenschaftler an der Stanford University. Die Textstelle findet sich in dem Essay Crowds. Das Stadion als Ritual von Intensität. Auf den Text war ich dank eines Interviews auf Deutschlandfunk Kultur gestoßen, wo die Anekdote auch genüsslich Erwähnung findet. Der Essay ist auch für all diejenigen geeignet, die sich nicht als Fußball-Fans bezeichnen würden, jedoch sich für das Phänomen der Masse interessieren und einen kulturhistorischen Streifzug zu diesem Thema mitmachen wollen.  Als Gumbrecht in Buenos Aires das legendäre Stadion La Bombonera, der Heimspielstätte des dortigen Fußballvereins Boca Juniors (die herrliche, vom Autor vorgeschlagene Übersetzung des Stadionnamens lautet „Pralinenschachtel“) besichtigen wollte, gab es diese besondere Geld-Leistung:

Zu hören, dass die letzte Stadionführung schon unterwegs sei, beunruhigte mich keinesfalls. Im Gegenteil, ich wusste, dass ein gut platziertes Trinkgeld auf eher bescheidenem Niveau ausreichen würde, mir im rechten Moment ganz allein Zugang zu den drei Tribünen zu verschaffen.

Und so kam es. An die Zahl der „Australes“ (damals die argentinisches Währung) kann ich mich nicht mehr erinnern, aber der junge Mann im dunkelblau-gelben Overall (das sind die Vereinsfarben), dem ich sie gab, nannte mich gleich „Caballero“ und aktivierte  auch sonst noch allerhand Höflichkeitsformen, an die er hörbar nicht gewohnt war. (…)

Mit einem Mal aber gingen die Lichter aus im frühabendlichen Stadion. (…) Über die nun geschlossene hohe Gittertür aus Metall zu klettern, die das Spielfeld mit den Tribünen von den Kassen, den Läden und dem Museum abtrennte, wagte ich nicht. Und warum auch? (…) Zehn Stunden allein im leeren Stadion waren eher ein erfüllter Traum als ein Alptraum und fühlten sich an, als sei ich Teil einer Geschichte geworden, als sei die Nacht meine Taufe und damit mein Eintritt in eine Gemeinschaft gewesen. Bald sah ich von weitem denselben Mann im blaugelben Overall die Gittertür aufschließen. Weder überrascht noch erschrocken wirkte er, und ich gab ihm wieder ein paar Australes. „Gracias, Caballero“.

Ein Stadionaufenthalt der ganz ungewöhnlichen Art wurde so möglich. Zugleich ein stilles Abenteuer inmitten einer lauten Metropole. Dafür lässt sich im Vorhinein kein Preis aushandeln; es braucht vielmehr Gespür für das Gegenüber, ohne jemandem anderen unrecht zu tun. Anstatt sich persönlich zu bereichern, kommt hier der ideelle Erfahrungsreichtum zum Tragen. Wer wagt, gewinnt, hier ganz ohne Risiko. Das Wagnis, eingeschlossen worden zu sein, wird zu einer Gr0ßchance, ohne dass von einem Fußballspiel die Rede ist: Die Chance zur erweiterten Wahrnehmung, die es so nur in einem Stadion gibt. Diese bietet zur rechten Zeit ein „ gut platziertes Trinkgeld“ . Der Einsatz hat sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Und anders als ein Lehrbuch ist ein Essay genau die richtige Textsorte, davon als gefühlter „Teil einer Geschichte“ zu berichten.

Der zitierte Essay (Zitat auf den Seiten 12 bis 14) ist im Klostermann Verlag erschienen. Das Interview dazu im Deutschlandfunk lässt sich hier nachhören.

Sprache auf Reisen: „Die Städte“ von Andreas Maier

Es gibt Reiseliteratur und umgekehrt ebenfalls literarisches Reisen. Andreas Maier, mir aus den Medien aufgrund seiner schriftstellerischen Beschäftigung mit seiner Heimat, der Wetterau, bekannt, schildert in seinem neuen Roman Die Städte bereiste Destinationen zu unterschiedlichen Zwecken und Lebensphasen (von der Kindheit bis zu seinen Studienzeiten).  Auch hier setzt Maier mit seiner Heimat ein, indem er über seinen Erzähler Andreas autobiographische Bezüge sind unverkennbar bedeutende Veränderungen kurz beschreibt. Die einzelnen Kapitel lauten „Nürnberg, Brenner, Brixen“, „Athen“, „Biarritz“, „Oulx“, „Bangkok, Friedberg, Marrakesch“,  „Weimar“. Augenscheinlich geht es jeweils nicht nur um Städte bzw. Orte, auch wenn der erste Satz des Romans in den einleitenden Worten lautet: „Die Städte kamen sich näher.“ Dieser Auftakt ist ein Schlüssel zum Verständnis von Maiers Prosa, da es ohne die Wetterau als Bezugspunkt, die sich zwischen Bad Nauheim, Friedberg und den nördlichsten Stadtteilen Frankfurts erstreckt, dieses Buch nicht gäbe. Das Zusammenwachsen dank der Ortsumgehung (neben der Autobahn A5 und der S-Bahn-Anbindung) ist so sinnbildlich, dass Maier einem mehrbändigen Romanzyklus den Titel Ortsumgehung gegeben hat.

Womöglich wäre es sehr spannend, im Maier’schen Romankosmos die vielen Bezugspunkte zwischen heimischen und fernen Gefilden abzustecken.  Diese Relationen helfen, Lebensbewegungen zu verstehen. Beziehungen zu im geografischen Raum verteilten Menschen bilden in Die Städte den Ausgangspunkt von Reisebeschreibungen; diese geben Anlass für so manche, tendenziell freudlose Entdeckung.  Die Schilderungen sind oft nüchtern und nicht selten lakonisch. Das „Unterwegssein“, wie es auf dem Buchrücken des Suhrkamp-Bands heißt, wird zum Leitmotiv.

Zahlreiche Rezensionen beschäftigen sich mit dem Roman und seinem Kontext. Beim rbb ist abstrakt von einem „biografisches Bewegungsprofil“ die Rede, im Deutschlandfunk Kultur, wo Maier interviewt wurde,  von „Wahrnehmungs- und Zustandserkundungen“ auf „verschiedenen Entwicklungsstufen des Erzählers“. Das ist die inhaltliche Seite, doch wird hier wie im WDR-Bericht auch über die Sprache gesprochen. „Sprachfindung“ als „Lebensrettung“ ist die Formulierung hier (Deutschlandfunk Kultur), „Geburt des Ich-Erzählers aus dem Geist der Sprache“ dort (WDR). Wenn hier auch noch ein gewisser Zauber in einem transkulturellen Kontext zum Tragen kommt, dann verschwindet die Bewegung an einen fremden Ort hinter der Bewegung der Dinge. Sprache bringt Welt im wahrsten Sinne des Wortes zum Vorschein und entfaltet sie, indem sie mehrere Dinge aufrufen und in einen geradezu faszinierenden Kontext stellen kann. Folgendes Zitat könnte gut in einen kommunikations-wissenschaftlichen Reader aufgenommen werden:

Ich bestellte einen Ouzo (unwahrscheinlich, dass ich je vorher Ouzo getrunken hatte, aber ich wusste, man trank das als Grieche). Der Mann stellte mir mit Bewegungen, die ich ungewöhnlich elegant fand und die ich höchstens mit den Bewegungen gewisser italienischer Kellner vergleichen konnte, ein Glas vor mich, goß Ouzo hinein, dann nahm er eine Karaffe, füllte sie unter einen Wasserhahn, gab Eiswürfel hinzu, steckte in die Karaffe einen Löffel und kredenzte das ebenfalls. Es sah aus wie eine Zeremonie: Ich hatte das Wort Ouzo genannt, und plötzlich, in einem bestimmten Ritual, kamen all diese Gegenstände in eingeübter Reihenfolge auf den Tisch. Ich war beeindruckt, dass ich der Urheber eines solchen Brimboriums sein konnte. Nun aber holte der Barkeeper hinter seinem Tresen auch noch ein Schälchen mit Oliven hervor, stellte es auf eine Papierserviette, die er vor mir postierte, und daneben noch ein Gefäß mit Zahnstochern und ein weiteres Schälchen, offenbar für die Kerne und die benutzten Stocher. Meine Ein-Wort-Bestellung hatte also wie von Zauberhand vor mir erscheinen lassen: Glas, Ouzo, Karaffe, Wasser, Eis, Löffel, Serviette, Schälchen, Oliven, Gefäß mit Zahnstochern, zweites Schälchen. Zwölf Dinge auf ein Wort hin.

Zwei Silben sorgen dafür, dass eine kleine Genuss-Welt en miniature entsteht. Das Staunen über diese kleine Szene lässt sich genauso herauslesen wie das Stauen des Erzählers über die eigene Macht, eigens Auslöser dieses „Rituals“ gewesen zu sein.

Ich bin mir sicher, dass das Roman-Universum von Andreas Maier in wenigen Jahren,wenn der Romanzyklus Die Ortsumgehung abgeschlossen sein wird, mindestens eine mehrtägige Konferenz verdient hätte.  Eine Poetik der Ortsumgehung untrennbar literarisch-geografisch zu skizzieren lädt zur Spurensuche in Wort und Schrift ein, wozu Reiseziele die Staffage darstellen,  an denen man auch getrost vorbei fahren kann.

Im Suhrkamp-Verlag ist das Buch verlegt worden.

Einpendeln zwischen Kulturen

Spätestens seitdem es die Pendlerpauschale (offiziell: Entfernungspauschale) gibt, ist das Pendeln eine politisch subventionierte Tugend geworden. Die Pauschale, deren Abschaffung mal mehr, mal weniger diskutiert wurde , gilt ab dem ersten Kilometer, der zwischen Arbeits- und Wohnort liegt.  Nach der Pandemie wird das Home-Office zwar nicht ausgedient haben, doch werden sich wieder mehr (Büro-)Menschen auf ihren Arbeitsweg machen. Was anders als „Büromenschen“ zwangsläufig Fabrikarbeiter, Krankenschwestern und Reinigungskräfte  bis zu mehreren Stunden pro Tag machen müssen, kann man als enormen Kraftakt bezeichnen: Gut 19 Millionen Bundesdeutsche können sich, wenn sie Gemeindegrenzen überschreiten, als Pendler definieren, wie Der Spiegel Anfang 2020 berichtete; neulich meldete heute.de, dass deutlich mehr als 3 Millionen Bundesdeutsche über (Bundes-)Ländergrenzen pendelten, Tendenz steigend. Durchschnittlich werden dabei knapp 20 km pro Strecke zurückgelegt. Die meisten würden gerne auf solche Wege verzichten, doch 2018 hörte ich einen Manager eines mittelständigen Unternehmens bei seiner Selbstvorstellung  auf einer Forumsveranstaltung sagen,  dass er den längeren Arbeitsweg im Auto bräuchte, um sein Tagwerk zu reflektieren. Wenn man wie er aus der Stadt (Großraum Bonn) kommt und im Siegtal arbeitet, lassen sich Distanzen recht stressfrei überbrücken.

Pendeln ist ein im Alltagsdeutsch fest etablierter Begriff, den man im Englischen mit „to commute“ und im Französischen mit „se déplacer“ im Hinblick auf den (gemeinsamen) Ortswechsel übersetzen kann. Das Metaphorische des stetigen Hin und Her geht hierbei verloren. Es geht im Grunde um etwas sehr Rhythmisches: Man mag an ein Pendel denken, das in früheren Zeiten über das gleichmäßige Hin- und Herschwingen ein Uhrwerk in Gang setzte.

Neulich kam mir das Pendel als Metapher wieder deutlich in den Sinn, als ich die letzten Seiten von Deborah Feldmans Roman Überbitten las. Der spannende autobiografische Roman, der im Grunde einen Brückenschlag zwischen Feldmans alter Heimat New York und ihrer neuen Heimat Berlin und ihre Loslösung vom orthodoxen Judentum hin zu einem weltlicher geprägten Lebensstil beschreibt, ist dafür genau die richtige Grundlage. Das Pendel hat bei Feldman selbstverständlich nichts mit dem Pendeln im Arbeitskontext zu tun, sondern beschreibt einen kulturellen Annäherungs- bzw. „Aneignungsprozess“ . In der btb-Ausgabe heißt es (S. 688):

Will man den Prozess der kulturellen Aneignung verstehen, vor allem, wie er in meinem persönlichen Fall greift, dann muss man an die alte Metapher des Pendels denken. Der Raum, der zwischen zwei Kulturen besteht, ist keine klar gezogene Linie, sondern ein unbegehbarer Abgrund. Beim Prozess des Schwingens über ihm, ganz so, wie man sich vielleicht eine Art Pionier-Tarzan vorstellen mag, kommt man nicht auf der angestrebten Seite mit einem einzigen Abstoß an, sondern eher, indem man vor- und zurückschwingt, vor und zurück, mit einem stetig wachsenden Schwungmoment. Jedes Mal, wenn man weiter wegschwingt als zuvor, das heißt, die andere Seite zurückweist, ist man naturgemäß mit dem folgenden Moment näher an sie herangetrieben. Damit will ich nur sagen, dass meine instinktive und animalische Zurückweisung des Landes, das ich zugleich als mein wahres Zuhause bezeichnen möchte, ein wesentlicher Teil des Aneignungsprozesses war und bleibt. Wie meine Großmutter es mir gesagt hatte, ist die Welt in Gegensätzen erschaffen, ohne Dunkelheit würde es kein Licht geben, ohne die Kraft meiner Abstoßung gäbe es meinen Antrieb nicht.

Die für mich einleuchtende Einstellung könnte man in gewissem Maße auch für jeden geografischen Pendelvorgang ausweiten, da ja auch zwischen Unternehmenskultur und Privatleben oft scheinbar unüberbrückbare Differenzen bestehen. Nur wenn man den zu Anfang fremden Betrieb als ein Teil des Zuhause ansieht, kann man sich etwas davon aneignen, gerade wenn eine längere Betriebszugehörigkeit besteht. Man gehört also dazu, ist nicht einfach nur vor Ort. Nicht wenige verbringen werktags mehr Zeit im Betrieb als daheim und müssen den Schwung mitunter auch mit der Abstoßung verbinden. Hier allerdings lauert die Doppeldeutigkeit von „Abstoßung“, die zu Missverständnissen führen kann. Das energiereiche Abstoßen kann jedenfalls sehr schnell eine spürbare Anziehungskraft von der Gegenseite erzeugen. Das Pendel kann, wie ich finde, in Feldmans Modell auch mit einem Magnet als Kraftfeld verknüpft werden, der die Anziehung nur noch verstärken würde, wenn im Zeitverlauf eine Art Umpolung stattfindet.

Auch im Arbeitsalltag ist das Unvertraute eher anziehend, gerade wenn bestimmte Herausforderungen erwartet werden. Die physikalische Kategorie „Schwungmoment“ ist in vielen Belangen entscheidend, auch wenn die meisten Leser Physiker befragen müssten, wie sie eigentlich genau definiert ist. Jedenfalls gilt: Wer eine gewisse Schwungkraft in Annäherungsprozessen zwischen Kulturen verspürt, hat es leichter. Mit diesem Gespür pendeln und schwingen sich nämlich im günstigen Fall von allein die Dinge ein.

Hörenswert ist ein Feature vom SWR zum Pendeln (2018).

Der lesenswerte Roman von Deborah Feldman ist in deutscher Übersetzung im btb-Verlag erschienen.

Umwegskultur ohne Umschweife

Als sich die Bundeskanzlerin Ende April 2021 mit Kulturschaffenden im Rahmen eines „Online-Bürgerdialogs“ austauschte, fiel ein unscheinbarer und doch bemerkenswerter Satz, den man bei Deutschlandfunk Kultur am 27.04.21 gegen 17.25 Uhr im O-Ton während eines dreiminütigen Berichts zu diesem Gespräch hören konnte:

Der Mensch fällt ja nicht aus dem Bett direkt ins Theater.

Auf einer nachmittäglichen Radtour hatte ich genug Zeit, genüsslich über diese Aussage nachzudenken, die ja eigentlich als Argument gedacht war. Der Gesprächskontext bezieht sich auf die Notwendigkeit, trotz ausgeklügelter Konzepte den Kulturbetrieb weiterhin weitgehend geschlossen zu halten, was erst in diesen Maitagen in einigen deutschen Landkreisen endlich der Vergangenheit anzugehören scheint. Die hier wörtliche Bedeutung von ‚ausfallen’ lässt mich schmunzelnd und zugleich ein wenig betrübt an ‚Ausfall’ denken, denn hiermit wird ja gerade der Veranstaltungsbereich assoziiert.  Keiner kann genau aufzählen, wie viele Veranstaltungen in den letzten Monaten ausgefallen sind.

Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg ist einer der stillen Stars, die die Republik als Geistesgrößen im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Seine Gedanken sind oft ohne Umschweife scharf formuliert. In seinem Band Die Sorge geht über den Fluss gibt es einen kurzen Text namens „Umwege“, den ich mit dem Satz der Bundeskanzlerin in Verbindung bringen möchte. Die ersten vier Sätze lauten:

Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren. Gingen alle den kürzesten Weg, würde nur einer ankommen. Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendliche viele Umwege. Kultur besteht in der Auffindung und Anlage, der Beschreibung und Empfehlung, der Aufwertung und Prämiierung der Umwege.

Die Bundeskanzlerin hat definitiv einen wahren Satz gesprochen. Ums ins Theater zu gelangen, müssen wir Umwege in Kaufe nehmen. Und diese Umwege verlangen nach Mobilität. Eines der wichtigsten Credos dieser Tage heißt, dass wir unsere Mobilität einschränken müssen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Hierbei frage ich mich allerdings, ob gerade Theateraufführungen viele Menschen zusammenbringt. Im Herbst 2020 war es ja eher ein Husch-Husch hinein in die Aufführung und ein Husch-Husch hinaus ins Freie, da partout Geselligkeit vor und nach der Aufführung vermieden werden wollte. Austausch zum Dargebotenen war jedenfalls unerwünscht. Letztlich kann sich die Politik auf den von Merkel erwähnten Gleichbehandlungsgrundsatz berufen: Ein Theaterabend ist damit (leider) genauso zu behandeln wie ein Clubabend.

Was hätte Blumenberg zu Streaming-Angeboten gesagt? Wäre das nicht Kultur ohne Umwege? Etwa vom Bett aus Theatergenuss zu erleben?  Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass körperlich erfahrener Kulturaustausch ohne die Umwege des Reisens wirklich undenkbar ist; da können Videokonferenzsysteme noch so ausgeklügelt sein. Hingegen ist es eine sehr große Errungenschaft, dass viele Unternehmen im Jahre 2020 in meist virtuellen Diskussionsumgebungen sehr gute Gewinne erzielen. Das kann nicht ohne das Vorliegen einer vernünftigen Diskussionskultur möglich gewesen sein. Auch Lernkulturen können ziemlich gut online geformt und gefestigt werden. Doch gibt es hier keinen Widerspruch zu Blumenberg, denn Umwege sind auch in der Klick-Welt nachspürbar. Sie müssen heute nicht unbedingt geografisch verstanden werden. Das ist wohl der Zugewinn zum 20. Jahrhundert, dass wir eine Recherche zu recht großen Teilen offline und online vornehmen können.  Und klar ist, dass es niemals eine Recherche auf direktem Wege geben kann. Ein Marcel-Proust-Fan könnte hierzu sicher vieles sagen, und bei Angela Merkels Begeisterung für das Opernwerk von Richard Wagner wird auch mitschwingen, dass man gerade den Ring des Nibelungen als Plot ohne gewisse Ausschweifungen kaum (er)fassen kann und möchte. Konzise Kürze dient der Vernunft, doch Blumenberg spricht am Ende des Textes auch explizit von den „Existenzen der epischen Literatur“, die er als „Nutzungen“ von Umwegen ansieht. In jedem Fall trägt die „Umwegskultur“ zur „Humanisierung des Lebens“ bei.  Nun, Kulturschaffende sind auch Wegebereiter. Das ist mehr als nur kreativ zu sein. Sie schaffen Überfluss im Sinne der „Ausschöpfung der Welt“ und sind damit keinesfalls überflüssig. Erschöpfung hat jedenfalls andere Ursachen.

Blumenbergs Textwelten, darunter auch „Umwege“, lassen sich u.a. im Suhrkamp Verlag entdecken.

Abgetauchte Kunst – Über die Berichterstattung zum „Schleudersachsen 2020“

Wenn Kunstwerke rezensiert werden, sollte es sich um eine kritische Begutachtung des Gelesenen oder Angeschauten handeln. Mit Zensieren hat das zum Glück nichts zu tun. Wie sieht es mit Skulpturen aus, die sich nicht so leicht einer Bewertung fügen, weil sie eben nicht narrativ in Szene gesetzt werden, sondern sich im Auge des Betrachters selbst etwas fügen bzw. etwas ereignen muss, damit sie Aufmerksamkeit erhalten und mehr als nur flüchtig wahrgenommen werden?

Als ich Mitte November 2020 zufällig in der Freien Presse vom Negativpreis Sachsenschleuder las, war mir klar, dass ich schon aufgrund des Artikelnamens
„Lebensfragen im Schleudergang“ darüber schreiben wollte. Dass der Bund der Steuerzahler es als Dorn im Auge empfindet, wenn die öffentliche Hand sperrige Skulpturen direkt oder indirekt mit Zuschüssen fördert, kann ich verstehen. Allerdings offenbart sich mir der Mehrwert nicht, wenn der Bund der Steuerzahler Sachsen ein von Fachleuten für förderungswürdig empfundenes Kunstwerk erneut bewerten lässt. Angeblich haben 1400 Teilnehmern an der Onlineumfrage teilgenommen, für die eine Vorauswahl von einer „Jury aus Vereinsmitgliedern“ erfolgt war. Der mit der Aussage „Uns geht es darum, wie nachhaltig diese Kunstwerke sind“ zitierte Vereinspräsident Thomas Meyer benutzt ein hier irreführendes Eigenschaftswort: Nachhaltigkeit lässt sich mit Kunst nur schwer vereinen. Man stelle sich vor, man würde zu einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema einladen. Würde dann nur Kunst gelobt, die noch mehr als einem Jahrzehnt frisch und unverbraucht wirkt, in etwa so wie ein gekauftes Produkt? Würde man da nicht sofort an Wegwerfartikel denken? Sind nach wenigen Wochen abgebaute Kunstwerke im Freien per se nicht nachhaltig? Die Hauptsache ist doch, dass sie nachhallen!! Nun gut, ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen ein versenktes Auto im (Schloss)-Teich als „Schleudersachsen“ betiteln würden, wenn man ohne Zugang zu dieser Installation einfach nur den Kopf schüttelt. Die Botschaft des Skeptikers ist klar: Meyer möchte „hinterfragen, wofür Geld ausgegeben wird“. Doch das Hinterfragen funktioniert nur, wenn man sich nachhaltig mit der inhaltlichen Botschaft von (Kunst-)Objekten beschäftigt.

Das im Chemnitzer Schlossteich versenkte Auto, für das sich der Schweizer Künstler Roman Signer verantwortlich zeigte, ist sicher keine alltägliche Installation. Von einer klassischen Skulptur kann hier nicht die Rede sein, da hier nichts Stabiles im Raum vorliegt. Das kann auch nicht die Absicht sein, wenn ein Künstler die Bewegung von Objekten dokumentieren will. Man kann natürlich über den künstlerischen Wert eines solchen Autos streiten, doch soll Kunst nicht bereits hinsichtlich des Geschaffenen zur Debatte anregen? Die Installation ist ja auch in zwei Kontexten zu sehen: zu einen als Beitrag zur „Gegenwarten-Ausstellung“, zum anderen als Beitrag zur Bewerbung um die Kulturhauptstadt Chemnitz 2025. Da der Zuschlag an Chemnitz ging, können die Kunstwerke nicht deplatziert gewesen sein.

Die Berichterstattung in der lokalen Presse offenbart schonungslos, wie diese Debatte umgangen wird und man sich inhaltlich bloß am schnöden Geld aufhängt. Andere Kunstwerke, die eine stundenlange Betrachtung erforderten, könnten nicht so abqualifiziert werden wie Installationen im öffentlichen Raum, denn sie laden zur Abkanzelung förmlich ein. Ein besseres Beispiel für Ungerechtigkeit im Bewertungsprozess mag mir nicht einfallen. So wird die (vermeintliche) Posse ersten Grades, nämlich das Kunstwerk, zu einer unfreiwilligen Diskurs-Posse. Man könnte auch sagen: zu einer Posse zweiten Grades. 

Natürlich werden in der Freien Presse auch die Gegenstimmen benannt, in denen es zusammen mit anderen Arbeiten um einen „Imagegewinn“ für die Stadt geht, so wie es der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Chemnitz, Frédéric Bußmann, ausdrückt und im gleichen Atemzug auf die mangelnde Kompetenz des Steuerzahlerbundes in puncto Urteilsbildung hinweist.

Ein Großteil der 880.000 Euro Budget stammt aus Steuergeldern. Wenn die 20 Künstler je 20000 Euro bekommen haben, dann ist die einzelne Skulptur sicher keine überteuerte Investition gewesen. Verschwendung sieht anders aus. Die Behauptung, man hätte es auch günstiger bekommen können, läuft hier anders als manch andere Steuerverschwendung ins Leere.

Gut finde ich, dass schließlich die Chemnitzer Künstlerin und Wahl-Düsseldorferin Carolin Israel dem Bund der Steuerzahler Sachsen geschrieben hat, um die „Polemik“  und die fehlenden objektiven Informationen „für eine faire Bewertung“ kritisch zu kommentieren.  Bei dieser Notiz frage ich mich, ob nicht irgendwann eine Offline-Umfrage am Schlossteich stattgefunden hat. Wo kommen die kunstinteressierten Schaulustigen zur Sprache, die wirklich Lust am Hinschauen haben? Für diese Menschen muss es auch in der (Freien) Presse einen Platz geben.

Immerhin gibt es in der Lokalpresse den bereits erwähnten längeren Hintergrundartikel von Katharina Leuoth. Hier wird das Pro und Contra Steuerverschwendung bei Kunstinvestitionen einmal mehr entfaltet. Zwei neu eingebrachte Argumente finde ich hier am treffendsten. Die Leiterin der sich auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Leipziger G2-Kunsthalle, Anka Ziefer, wird folgendermaßen zitiert: „Der Knackpunkt ist, dass Gesellschaften heute sehr divers sind und die Demokratien ausgehalten werden muss, dass unterschiedlichste Interessen gefördert werden.“ Um „Aufmerksamkeit und Renommee“ zu erhalten, reiche es auch nicht aus, einfach nur „handwerklich gut gemalte Bilder oder althergebrachte Skulpturen“ zu präsentieren.  Dass ein versenktes Auto auf viele Debatten in unserer Zeit verweist, wird mir sofort klar. Glücklicherweise hat Ziefer ein paar Erklärungshinweise dazu geliefert, so dass ein gewisser künstlerischer Aussagewert von Signers Installation hervorscheinen konnte. Die Devise lautet: Man muss am Ort des Geschehens gewesen sein, sonst kann man nur den Diskurs über das Kunstwerk bewerten, nicht das Kunstwerk selber. Und dieser Diskurs ist leider zu sehr von monetären Aspekten geprägt und zu wenig von inhaltlichen. Wer gar nicht zur Wort kommt, ist der Künstler selbst. An seiner Stelle hätte ich einfach nur über die Debattenkultur müde gelächelt. Lebensfragen können im Schleudergang natürlich nicht beantwortet werden.

Ein besseres Fazit als von der freien Kuratorin Juliane von Herz kann man kaum finden, wie es neulich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen war: „Das ist Kunst im öffentlichen Raum: Menschen stoßen auf ihre Werke, stoßen sich vielleicht an ihnen, reden über sie, twittern, empören sich, oder sie pilgern zu ihnen, weil man sie erlebt oder gesehen haben sollte. Kunst in der Stadt ist mehr als nur ihre bloße Präsentation.“

Ich beziehe mich auf die Artikel aus der Freien Presse vom 10.11.2020 („Kunst oder Verschwendung? Negativpreis für Tauch-Auto“, S. 9); 17.11.2020 („Lebensfragen im Schleudergang“, S.1)  und 23.11.2020 („Künstlerin schreibt Steuerzahlerbund“, S.7) sowie auf den FAZ-Artikel vom 07.04.21 („Die Stille ist einfach zu laut“, S. 14.) Die Seitenzahlen aus der Freien Presse beziehen sich auf die Ausgaben der „Chemnitzer Zeitung“.  Das abgetauchte Auto, dass leider auch Opfer von Vandalismus wurde, ist zusammen mit meist abwertenden Kommentaren in der Kurzberichterstattung des mdr zu sehen.

Ein sehr aufschlussreiche kurze Dokumentation zum Künstler Roman Signer und zu seinen „Action-Skulpturen“ findet sich bei Arte Tracks.

Bilderbuchreisefilm – Gedanken zu „Bis ans Ende der Welt“ von Wim Wenders (1991)

Als im Sommer 2020 in der ARD-Mediathek eine „Werkschau“ der Filme von Wim Wenders angeboten wurde, bediente ich mich gerne aus der großen Auswahl. Den längsten und auch teuersten Wenders-Film Bis ans Ende der Welt habe ich mir erst im Spätherbst in der  „Director’s Cut“-Version angeschaut. Sie ist sage und schreibe 287 Minuten lang und nicht wie in der Kinoversion nur 179 Minuten. Bei ca. 24 Millionen Dollar Produktionskosten und Filmszenen aus vier Kontinenten hätte der Film leicht Kult werden können. Doch an den Kinokassen floppte das Riesen-Epos. Es mag auch an der äußerst komplexen, vielschichtigen Handlung liegen, die manchen Zuschauer überfordern mag. Die französische Hauptdarstellerin Solveig Dommartin, die bereits im deutlich bekannteren Wenders-Film Der Himmel über Berlin mitgewirkt hatte und während der Drehzeit mit dem Regisseur liiert war (und am Drehbuch mitschrieb), hätte durch diesen Film zum Mythos werden können. Als sie 2007 mit nur 46 Jahren aus dem Leben gerissen wurde, gab es nur vereinzelte kurze Nachrufe. Die Kategorie „Stars und Sternchen“ ist hier fehl am Platze, da sie leider ab Mitte der 90er Jahre keine nennenswerten Filmauftritte mehr hatte.

Wenders hat in der Zeitschrift Revolver (Ausgabe 4, 1999) von einem „Reisefilm“ gesprochen. Dieser Begriff ist gut gewählt, denn der gängigere Begriff „Road Movie“ würde zu diesem Epos eben nicht passen, da in diesem Film die Straße und das Auto nur anfänglich –  wie auf dem Lozère-Plateau – im Fokus stehen:

Solveig Dommartin in: Bis ans Ende der Welt
(Deutschland / Frankreich / Australien 1991) von Wim Wenders
© Wim-Wenders-Stiftung 2015

Die Hauptfigur Claire Tourneur möchte ihrem Freund Eugene Fitzpatrick entkommen. Jedoch wird die filmische Geschichte, die in Venedig, an einem vor allem aufgrund von Drogenexzessen berauschenden Ort beginnt und im Weltraum endet, von jenem Fitzpatrick erzählt. So verfolgt er in seiner Rolle als Schriftsteller stets die Handlung und reist dabei seiner Ex-Freundin nach.  Die Liebesgeschichte mit dem Australier Sam Farber, der den Decknamen Trevor McPhee trägt und international als angeblicher „Opal-Dieb“ und „Spion“ gesucht wird, ist alles anderes als hinreißend, weil es sich eher um eine Liebesprojektion von Claire handelt.  Doch die erzählerische Konstruktion ist kongenial: Beide Männer verfolgen (neben anderen Männern) auf intime Art und Weise das Leben von Claire Tourneur: Der eine von Beginn an als Roman-Erzähler, der andere als Bilder-Erforscher ; beide verbindet, dass sie als handelnde Personen im Film präsent sind und ihre Rollen wie auch bei den anderen Reisenden im Film nicht klar abgesteckt sind.

Da der Film 1991 herauskam, aber im Jahr 1999 vor dem Hintergrund eines apokalyptischen nuklearen Angriffs spielt, sind Science-Fiction-Elemente zahlreich, vor allem elektronische Geräte, die tatsächlich um die Jahrtausendwende mehr und mehr auf den Markt kamen. Ein Zuschauer von 1991 hat es wohl noch als wundersam empfunden, wenn Claire in ihrem Rover P5, der nur bis 1973 hergestellt wurde, über ein grafisches Navigationssystem verfügt, das sie direkt anspricht.  Als sie von der Piazzale Roma in Venedig zurück nach Frankreich losfährt, sagt ihr die Computerstimme:

Guten Tag, Claire. Ihr Auto-Computer ist online. Sämtliche Fahrfunktionen werden überprüft. Aktivieren Sie die elektronische Landkarte und geben Sie das gewünschte Fahrziel ein.

Der folgende Roadtrip führt Claire nicht direkt zurück nach Paris, sondern in die menschenleere Region Lozère, wo sie nach einem glimpflich ausgegangenen, aber spektakulären Unfall auf zwei Bankräuber trifft, die leichtsinnig die Karambolage zu verschulden hatten. Diese nimmt sie in ihrem noch fahrtüchtigen Wagen mit in eine Unterkunft und handelt als Belohnung 30% der von ihnen erbeuteten Geldsumme aus, die aus verschiedenen Währungen besteht. Da die Tasche mit dem vielen Geld einen Ortungssender hat, wird Claire von den beiden weiter indirekt verfolgt. In einem verwahrlosten Einkaufszentrum in Saint Etienne stößt sie während der Autoreparatur dann auf Trevor McPhee an einer öffentlichen Bildschirmtelefonie-Station. Sie nimmt ihn mit nach Paris, ohne Kontaktadressen auszutauschen. Durch Zufall sieht sie ihn wieder an einer Telefonstation im Büroviertel La Défense, wo sie die Adresse Mangerstraße 26 in Berlin (die reale Adresse ist eine Potsdamer Villa) aufschnappt. Sie sucht ihn dort auf. Zur weiteren Unterstützung beim Aufspüren von Sam kommt der schräge Detektiv Philipp Winter (firmierend unter „Missing Persons GmbH“) zum Einsatz, der seinerseits ein Auge auf Claire wirft. So nimmt ein weiterer Mann an einer unwiderstehlichen Welt-Reise teil….. Die Geschichte kann und soll jetzt nicht weitererzählt werden. Sie lohnt sich auf jeden Fall, in Gänze angeschaut zu werden.

Wenders sagte im bereits erwähnten Interview:

Für mich fangen Filme mit einem Ort an. Für die meisten meiner Filme gab es einen Ort, bevor es eine Geschichte gab.

Dieser Gedanke fasziniert mich, gerade auch weil Ort und (Zeit)-Geschichte in gewissen Augenblicken verschmelzen. „Storytelling“ basiert auf Zeit und auf gewissen Begebenheiten: Eine ganz wichtige kann der Umweg sein, den Claire am Anfang des Films auf der Autofahrt von Venedig nach Paris macht. Denn sie lässt nicht die atomare Bedrohung, sondern ein Verkehrstau ungeduldig werden, dem sie von der verstopften Autobahn über einen Waldweg entkommt. Nur deswegen führte die angezeigte Route sie folgenreich über das Lozère-Plateau.

Als besonderer filmischer Ort ist das Hotel Adlon in Berlin geradezu visionär, wo Claire Trevor McPhee / Sam Farber privat treffen wollte, dabei jedoch versetzt wird. (Das Bild zeigt die erschöpfte Claire in der Hotellobby). Vielleicht hat Wenders damals daran gedacht, dass es wiederaufgebaut werden würde (Neueröffnung im originalgetreuen Gewand 1997). Verständlicherweise wählte er im Film eine futuristische Kulisse, die zusammen mit der historisch-realen Kulisse vom heutigen Zuschauer abgeglichen werden kann. Das gilt auch für vieles andere im Film: Was war damals im Film Fiktion, was heute Wirklichkeit ist? Allein mit dieser Frage ist dieses filmische Dokument ein wertvolles Stück Kunst(geschichte), das es unbedingt (wieder) zu entdecken gilt.


Solveig Dommartin in: Bis ans Ende der Welt
(Deutschland / Frankreich / Australien 1991) von Wim Wenders
© Wim-Wenders-Stiftung 2015

Lesenswert ist das erwähnte Interview in der Zeitschrift Revolver; darüber hinaus eines mit Schülerinnen und Schülern des Lycée Français de Berlin aus dem Jahre 2010. Wissenschaftlich setzt sich unter anderem Andreas Jacke mit dem Film auseinander: „Apocalypse – not now“ , erschienen auf den Seiten 149-162 in: Blade Runner, Matrix und Avatare (Springer 2013, hg. von Parfen Laszig.) Das Buch ist auch als E-Book erhältlich. Seit 2012 gibt es die Wim-Wenders-Stiftung, die zu jedem Wenders-Film Informationen bereithält und ggf. bereitstellt (wie dankenswerterweise die beiden Bilder). Der Film ist über die Arthaus-Webseite leicht erhältlich.

Beleuchtete Arbeits-Gänge: Über den Film „In den Gängen“ (2018)

Ein „Frischling“ in der Probezeit namens Christian (Franz Rogowski), eine erfahrene Kollegin (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung namens Marion und ein Vorgesetzter namens Bruno (Peter Kurth) – diese Konstellation in einem Großmarkt könnte gewöhnlicher kaum sein und ist dennoch brillant inszeniert. Thomas Stubers FilmIn den Gängen, der auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clemens Meyer basiert, wird mir als cineastisches Kammerspiel noch lange in Erinnerung bleiben. Die schnöden Arbeitsgänge werden im wahrsten Sinne des Wortes beleuchtet. Der Regisseur spricht in einem Interview mit dem Filmwissenschaftler Ronald Ehlert-Klein von einem „humanistischen Film“. Licht wird maßgeblich zum Erzählfaktor, was die folgenden Einstellungen bildhaft zeigen, in denen der Mensch – hier Christian – mit dem Erlernen von Arbeitsgängen, seinen Reflexionen und der Einsamkeit vorgeführt wird und die von teils vorsichtigen, teils dreisten Annäherungen an Marion unterbrochen werden. Der unbedingte Wunsch nach Kontaktaufnahme durchbricht jegliche menschliche Kälte. Selbst in den einsamsten Stunden wird das Dunkel durch künstliche Lichtquellen geflutet, die jedoch kaum menschliche Wärme symbolisieren können. Licht und Dunkel gehören zu Brunos Arbeitsleben unmittelbar dazu.

Beim Duschen geht dieser Gedanke Bruno melancholisch durch den Kopf, als er seine ersten Arbeitstage im Großmarkt Revue passieren lässt: „Es gab kein Tageslicht in den Gängen, und wenn ich den Markt verließ, war es draußen schon dunkel.“ Seine Sehnsucht nach Zweisamkeit ist ihm ins Gesicht geschrieben:

Badewanne
Allein in der Badewanne

Das Alleinsein ist auch im Nachtexpress nach Schichtende eindrucksvoll inszeniert. Verlassene Parkplätze und Haltestelle sind im Grunde seelenlose Transit-Orte; doch auch hier schwingt der innere Friede mit, der eben keine Verzweiflung über die Härte des Lebens zulässt:

Heimfahrt
Einsame Heimfahrt vom Großmarkt

Der Faktor Logistik steht in einem Großmarkt an erster Stelle. Dazu gehört auch das Manövrieren eines Hubwagens zum Transport von Euro-Paletten, was der dritte Screenshot zeigt. Währenddessen erklingt Johann Sebastian Bachs berühmte Air, was der Szene einen unaufgeregten, getragenen und leicht schwermütigen Eindruck verleiht:

Üben
Üben in den Gängen (für den Staplerführerschein)

Eindrücklich wird der Gabelstapler als wichtigstes Fahrzeug im Großmarkt in vielen weiteren Szenen mit all seinen Tücken vorgeführt.  Ähnlich wie in einer Fahrschule ist ebenfalls Theorieunterricht für den Staplerführerschein angesagt. Lakonisch-frotzelnd doziert der Ausbilder über physikalisch-technische Eigenheiten des Gabelstaplers:

Der Gabelstapler, oder das Flurförderzeug, wie es korrekt heißt, ist eine sichere Arbeitsmaschine, Komma, wenn wir ein paar einfache Grundregeln beachten: Gabel mit b, Stapler mit p, sag‘ ich nur.  Was für’n Autofahrer die Straßenverkehrsordnung ist, das ist für uns die berufsgenossenschaftliche Vorschrift, kurz die BGV, da habe ich hier zufällig mal ein Exemplar dabei. Da steht zum Beispiel: „Die Mitführung einer weiteren Person im Gabelstapler ist strengstens verboten.“ Warum wohl? [Schweigen]. Sie führt zu unkalkulierbaren Risiken für das Leben der mitgeführten Person. Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Kommen wir zum Hebelgesetz 1 und 2, Physik achte Klasse, Freunde. Keiner?
[Pause] Das kennt ihr aus dem Kindergarten. Das beste Beispiel ist die Wippe. Wenn de mit’m dicken Kind wippst, biste ganz schnell oben, kommste nicht mehr runter. Was machste? Was machste, he? Stell dir mal vor: Wippst mit’m dicken Kind, biste oben, kommst nicht mehr runter. Wie kommste runter?
[Pause] He? He? Kippel mal. Ist erlaubt. [Christian kippelt mit seinem Stuhl.]  Sehr gut. So. Was macht er? Er verlagert seinen Schwerpunkt nach hinten. 
[Ausbilder drückt ihn leicht wieder am Rücken nach vorn.] Er verlängert den Lastarm. Wie der Gabelstapler.

Am Ende des Films wird Christian nach bestandener Probezeit und Staplerscheinprüfung befördert, wenngleich der Freitod von Bruno den Aufstieg trübt. Die Doppeldeutigkeit von Beförderung im beruflichen und im logistischen Sinne erhält hier eine besondere Geltung: Verbotenerweise führt er bei seiner Gabelstablerfahrt seine Kollegin Marion mit und befördert damit auch wortwörtlich eine von ihm geliebte Person.

Marion und Christian bemerken dabei, wie entrückend und betörend solch ein technisches Gefährt in besonderen Augenblicken wirken kann. Dieser Dialog ist ein grandioses und zugleich stilles Finale, nach dem kein Wort mehr artikuliert werden muss.

Christian: Hab mal gehört, dass das verboten ist.

Marion: Hab mal gehört, du bist befördert worden. [Pause, während sie weiterfahren] Halt mal kurz an. So, fahr die Gabel mal ganz hoch.

Christian: Wieso?

Marion: Mach mal bitte. Das hat Bruno mir vor Jahren mal gezeigt, ich weiß nicht,  ich find‘s schön. [Christian fährt die Gabel hoch.] Lass sie wieder runter, ganz langsam. [Christian fährt die Gabel wieder runter.]

Christian: Und jetzt?

Marion: Du musst still sein, ganz still. Das Rauschen. Hörst du, wie das Meer.

Christian: Jetzt hör ich’s. [Beide schauen weiterhin zur sich langsam nach unten bewegenden Gabel nach oben; hörbares Meeresrauschen.]

Christian [als Erzähler während des Meeresrauschens]: Sie hatte recht. Warum war mir das nie vorher aufgefallen? Es klang tatsächlich wie das Rauschen am Meer.

Die Screenshots sind im Film in ihrer Reihenfolge zu folgenden Zeitangaben zu sehen: 15:25, 23:02 und 14:23; die längeren Zitate sind an folgenden Stellen zu hören: 33:02 – 34:42 und 1:52:42 -1:54:55. Bis zum 10.02.21 ist der Film noch in der Arte-Mediathek zu sehen. Ein ausführliches Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung enthält das erwähnte Interview mit Thomas Stuber. Mehr (hochauflösende) Bilder zum Film und das Filmplakat gibt es bei der Filmverleihfirma Zorro Film.

Doppelter Eignungstest – Über die gerügte Dissertation von Bundesministerin Franziska Giffey

Wer schon einmal eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreiben musste, weiß, wie wichtig prägnante Fragestellungen sind. Nicht immer geht es dabei um Lösungsansätze, da längst nicht jede Frage eine klassische Aufgabenstellung beinhaltet.

Als ich neulich aus Interesse die im Herbst 2019 mit einer Rüge versehende Dissertation der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey überflog, kam mir schnell in den Sinn, dass ein Unterfangen namens Promotionsschrift fragwürdig sein kann, wenn praktische Lösungsansätze mit wissenschaftlichen Lösungsansätzen kombiniert werden. Es sind zwei unterschiedlich geartete Sphären, die sogar wie zwei Billardkugeln kollidieren können.  Ich denke vor allem an die (Diskurs-) Felder Politik und Politikwissenschaft. (Tages-)Politik kommt im Grunde ohne Politikwissenschaft aus, wenngleich eine Trennschärfe nicht immer möglich sind. Es steht außer Frage, dass Politikgestalterinnen und -gestalter wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen sollen, wie es in der Rechts- und der Wirtschaftswissenschaft der Fall ist. Doch ist es realistisch anzunehmen, dass Giffeys politikwissenschaftliche Dissertation auch in der politischen Gestaltungsarbeit berücksichtigt wird?

Diese Fragestellung ist keinesfalls hypothetisch, versucht die Arbeit doch, europapolitische „Beteiligungsinstrumente“ der Europäischen Kommission auf ihre Wirksamkeit in Bezug auf die lokalpolitische Akzeptanz in Berlin-Neukölln zu prüfen.  Die Prüfung dieser Instrumente ist als ein Eignungstest zu verstehen, der für drei verschiedene „Eignungsdimensionen“ jeweils drei weitere „Bewertungsindikatoren“ vorsieht. Einen Überblick dazu gibt die Tabelle, die am Ende von Giffeys Arbeit dargestellt ist und quasi einen Überblick über die Analyseergebnisse bietet:

Franziska Giffey: Europas Weg zum Bürger
Aus: Franziska Giffey: Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft, 2009, S.197 (Abrufbar unter: https://refubium.fu-berlin.de/)

Die dreistufige Bewertungsskala zeigt an, ob die skizzierten Instrumente sich mehr oder weniger für bestimmte lokal zivilgesellschaftliche Maßnahmen vor Ort bzw. an der Basis, wie es in der Politik oft heißt, eignen. Der wissenschaftliche Leser kann schon an diesem Tableau erkennen, dass die sechste Kategorie, nämlich multiplikatorenbasierte Beteiligungsinstrumente, am besten abschneidet.

Ohne weiter ins Detail zu gehen, frage ich mich, ob hier der Faktor Vergleichbarkeit zwischen mehreren Instrumenten gegeben ist. Lassen sich rein mediale, nämlich die printbasierten, audiobasierten und webbasierten Instrumente mit denen vergleichen,  wo Personen mit oder ohne Unterstützung leibhaftig in Aktion treten? Liegt es nicht nahe, wie das Wort „Multiplikator“ bereits anzeigt, dass hier beabsichtigte Wirkungen wie in einem Resonanzraum verstärkt werden? Die Autorin stützt sich vorwiegend auf Aussagen vor Ort, was bedeutet, dass hier auch Statements politischer Akteure einfließen. Das ist für eine Feldstudie natürlich ein probates Mittel, doch wie valide ist eine wissenschaftliche Untersuchung in diesem Kontext? 

Ich lasse die Fragen bewusst offen, weil ich hier keine abschließende Bewertung abgeben kann und dies auch nicht möchte. Eine von der FU Berlin erteilte Rüge – ein wahrlich bizarres Vorgehen – beweist, dass die Autorin ihren eigenen Eignungstest eigentlich nicht bestanden hat – und so leidet auch der Eignungstest europapolitischer Maßnahmen.  Diese beiden Eignungstests lassen sich eben nicht feinsäuberlich trennen.

Nach einem Jahr, wo es spätestens ab dem Frühjahr täglich um Tests und Testungen ging, bei denen das Ergebnis neben dem gewöhnlichen Ergebnis positiv  und negativ auch mal in der Schwebe hing, sehen wir womöglich in Zukunft noch eindringlicher, wie sensibel auch die Interpretation von Testergebnissen vorgenommen werden müssen. Natürlich geht es in der Dissertation der Bundesministerin weniger um Tests im herkömmlichen Sinne als um Bewertungen von Maßnahmen in Bezug auf bestimmte erfüllbare Indikatoren, die als Kriterien fungieren. Die vorgelegte Arbeit ist quasi der Test-Kit. Wenn er etwas taugen sollte (dies wäre zuvorderst in der Politikwissenschaft zu diskutieren) würden die abgeleiteten Empfehlungen womöglich nicht nur in Berlin-Neukölln Schule machen. Ich bin jedoch weiterhin skeptisch, ob der Test-Kit gut genug dafür ist, lasse mich aber gern eines Besseren überzeugen.  

Ich wünsche der Autorin, wie es in Absageschreiben so schön-formell heißt, jedenfalls alles Gute für ihren weiteren Lebensweg, und das meine ich bewusst nicht lapidar. Nächstes Jahr steht ja die Wahl zur Regierenden Bürgermeisterin in Berlin an. Das sollte für Franziska Giffey ausgemachte Sache sein! Eine Dissertation ist für dieses Amt jedenfalls keine Voraussetzung. Schließlich würde ich mir wünschen, wenn europapolitische Akteure in Zukunft wirklich als Multiplikatoren aktiv(er) werden, damit das Bauwerk Europa auch transparenter wird. Es braucht neben genügend Fördertöpfen Mittler, die überparteilich den Geist Europas wie einen Luftstoß in lokale Gefilde bringen. Nach einem reise- und begegnungsarmen Jahr 2020 ist das wichtiger denn je! 

Digital-künstlich: Gedanken zur smarten Überwachung

TÜV – Technischer Überwachungsverein – diese Abkürzung ist auch denjenigen vertraut, die (noch) gar kein Kraftfahrzeug besitzen. Alle zwei, spätestens alle drei Jahre steht ein TÜV-Termin an, denn immer noch lässt sich ein Motor mitsamt der Karosserie nicht selber überwachen. Es bedarf eines Ingenieurs, der die Technik überwacht.

Wie sieht es mit dem Smart Home aus, das nach dem Smart Phone schlau genug ist, sich selbst und zugleich den Nutzer zu überwachen? Während im Deutschen das Verb ‚wachen’ seit Jahrhunderten positiv konnotiert ist – man denke nur an die Nachtwache oder den Wachhund – , ist die Überwachung ein zweischneidiges Schwert. Eine Videoüberwachung mag den einen oder anderen Kriminalfall lösen, doch ist vielen unwohl, wenn wir auf Schritt und Tritt überwacht werden, gerade wenn ein Smartphone die Aufgabe einer Videokamera mehr als gut ersetzen kann. Hier ist ganz klar: Anders als beim TÜV überwacht das Gerät den Menschen und zeigt ihm im wahrsten Sinne des Wortes mögliche Fehltritte an. Theoretische Überlegungen zu diesem Thema wurden bereits genug angestellt – die Interaktion von Mensch und Maschine wird uns sicherlich die nächsten Jahrzehnte über begleiten.

Romanesk hat sich der Architekturkritiker und F.A.Z.-Redakteur Niklas Maak dem Phänomen Smart City gewidmet, was im Grunde das Weiterdenken von Smart Home ist, denn schließlich geht es darum, auch Häuser untereinander zu vernetzen, in dem der aufschlussreiche Datenfluss nirgendwo auf die eigenen vier Wände begrenzt wird:

In der autogerechten Stadt ging es darum, dass die Leute in Ruhe gelassen werden, in ihren Schlafburgen, auf dem Weg zur Arbeit, wohingegen es in der smartphonegerechten Start darum ging, dass alles mit allem in Kommunikation trat und der Bewohner, was man als Versprechen oder als Drohung lesen könnte, nie mehr allein war, sondern ständig Daten abgenommen bekam wie ein Patient in der Notaufnahme Blut und dass dieses neue Blut alle Informationen enthielt, die man brauchte, um die Körper und die Gefühle und die Begierden und die Ängste des Smartstadtbewohners nach Belieben zu steuern. Eine Wand bedeutete nichts mehr, sie war kein Schutz mehr und nur noch notwendig, um an ihr Sensoren anzubringen. Die Datenvampire hatten ganze Arbeit geleistet.

Der Roman Technophoria, aus dem dieses Zitat stammt, beschreibt dystopisch das Austesten und damit auch das reale Simulieren von Elementen einer Smart City.
Maaks Figuren bleiben ähnlich wie beschriebene Welten, die sich um den Globus spannen, seltsam blass. Turek, die Hauptfigur, ist ein Cheflobbyist einer Private Equity Firma, die Smart Cities testen und bauen lässt. Er findet im (Arbeits-)Leben keinen Halt und wird wohl absichtlich diffus gezeichnet; jedenfalls kann ich mir diese Figur kaum bildhaft vorstellen.

Niklas Maak scheut dabei nicht davor zurück, Kalamitäten zu schildern, die einer bissigen Tragikomödie gleichkommen. Als Leser scheint die literarische Welt schockgefroren zu sein; menschliche Wärme ist selbst in noblen Anwesen ein Fremdwort; selbst der Anblick von Frisuren erinnert daran, dass darin „eine unsichtbare Elektrizität zu fließen schien“. Überwachung per Videokamera ist omnipräsent. Immerhin kann man die Kamera noch mit Rasiercreme einschäumen und sie blind stellen, wie es Tureks Freundin Aura im angemieteten Ferienhaus in Portugal bewerkstelligt. Die menschliche (Er-)Schaffenskraft bleibt seltsam forciert, weil Geräte und nicht der Mensch selbst Entscheidungen erzwingen, so dass die Willensfreiheit kaum noch gegeben ist. Diese Grauzone resümiert Maak eindrucksvoll, als von einem Test-Roboter in der Verkleidung einer Androidin die Rede ist. Menschenähnliche Wesen erhalten in einem eigenen Kapitel namens „Roboter“ eine schaurige Bühne. Er legt dem japanischen Ingenieur, den Turek im fernen Osaka besucht, folgende Worte in den Mund:

Weißt du – ein Roboter ist nichts anderes als ein lebendigerer Spiegel, der uns zeigt, was wir wollen und wer wir sind. Es gibt etwas in unserem Gehirn, das aktiv wird, wenn man Trauer oder Freude bei anderen Menschen beobachtet, was es uns erlaubt, sich in jemand anderen hineinzuversetzen. Schon jetzt können Roboter von ihren Fehlern lernen. Bald werden sie in der Lage sein, auch ihre Programme zu hinterfragen, und Fehler der Programmierer zu korrigieren, ohne dass man sie dazu aufforderte. Und dann haben wir es mit einer neuen Natur zu tun.

In der Tat: Ein Roboter lässt tief blicken, umso mehr, wenn er hat ein gewisses Fehlerbewusstsein aufweist. Er hätte dann eine Einsicht, so wie wir auch Spiegel verwenden, um in unser Innerstes hineinzusehen. Wenn die Forschung es schaffen sollte, Nachdenken und Reflektieren vom menschlichen Gehirn abzukoppeln, wäre unser Geist entzaubert. Dann wären neue Geister aus der Taufe gehoben. Doch noch ist es (längst) nicht soweit: Solange der TÜV noch ansteht, überwacht sich die Technik noch nicht selbst.  Solange wir mit dem Phänomen Risiko leben müssen, hat der Mensch paradoxerweise noch sein Leben in gewissem Maße unter Kontrolle. Ohne Risiko scheint er jedoch die Autonomie über seinen Lebensweg entscheidend zu verlieren. Wollen wir sie aufgeben, um von autonomen Technikgeistern geführt zu werden?

Das ARD-Kulturmagazin ttt besprach Technophoria im Sommer 2020. Das Buch ist im Hanser Verlag erschienen.

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