Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

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Episoden querbeet aus dem Leben, unvorhersehbar, meist einzigartig, da sie sich in dieser Weise in ihrer Originalität nur einmal genauso darbieten.

Samt und sonders: Ein Allerlei von vermeintlich Naheliegendem

Kann das Sonderbare nicht auch naheliegend sein?

Diese Frage lässt sich wohl nicht ganz ernsthaft beantworten. Mich interessiert das Wort „naheliegend“, weil das scheinbar leicht zu Erklärende auch eine topographische Komponente hat: Die buchstäblich nahe Lage ist eben trügerisch, wie wir sehen werden. Denn manchmal überwiegt gerade in der vermeintlichen Selbstverständlichkeit das Unverständliche, das sogar als sonderbar aufgefasst werden kann. Drei unterschiedlich lange Miniaturen aus der Tiroler Urlaubsregion Seefeld zeugen davon:

1. Sondermarke?

Mehrere Postkarten ins nahegelegene Deutschland frankierte ich mit einfach gestalteten Postwertzeichen, auf denen über einem Blumenmotiv das Wort „Sonderpostamt“ steht. Naheliegend wäre in Zeiten offener Grenzen, teurere Postdienstleistungen ins Ausland ohne  jegliche „Sonder“-kategorie laufen zu lassen, gerade weil doch der Begriff „Sondermarke“ bereits für die Philatelie reserviert ist. Und um eine (hoch)amtliche Zustellung handelte es sich auf keinen Fall!

Sonderpostamt
Sonderpostamt aus Seefeld in Tirol (März 2022)

2. Sonderzug?

Wenige ICE-Züge mit dem Traditions(zug)namen Karwendel fahren seit 2007 (vorher gab es Intercity-Züge)  saisonal grenzüberschreitend bis nach Innsbruck, und zwar postkartentauglich direkt über die Berge und nicht durchs Inntal.  Dabei werden Höhen über 1000 m und eben auch Seefeld passiert, wo selbst-verständlich auch ein Fahrplanhalt vorgesehen ist. Höher kann man mit dem ICE nirgendwohin gelangen. Die Deutsche Bahn war nicht sonderlich angetan von der Verlängerung durch die Berge und beschloss, mit dem Fahrplanwechsel 2017/18 alle ICEs dieser Route in München bzw. Garmisch-Partenkirchen enden zu lassen. Kaum verständlich passte die eingeweihte Neubaustrecke durch den Thüringer Wald laut Bahnangaben nicht mehr zur „peripheren Strecke“ durch die Nordalpen. Zum Glück wurde dieses Vorhaben nach einem Jahr wieder revidiert und in der neuen Streckenplanung einfach der Umweg über Berlin (und den Thüringer Wald) gestrichen. Eine Alternative wäre es, gewisse Nebenstrecken aufgrund des fehlenden Umsteigeaufwands in den Premiumbereich mit aufzunehmen, anstatt sie als „peripher“ abzustempeln. Zentraler in Europa könnte die Karwendelbahn kaum liegen! Welche schönen Luftaufnahmen können hier entstehen! Allein der zufällige Anblick eines in Seefeld ausfahrenden ICEs war für mich im positiven Sinne sonderbar. Das Ungewöhnliche – ein Schnellzug  und kein Sonderzug inmitten dieser  Kulisse – sollte naheliegend sein, gerade wenn man bedenkt, dass jeder Reisende, der nicht mit dem Auto nach Seefeld kommt, besonders erwünscht sein soll. Im Frühjahr 2022 fährt samstags einzig der ICE 1207 direkt von Hamburg über Seefeld nach Innsbruck (direkt zurück fährt ebenfalls samstags ICE 1206). Ab dem Sommer 2020 wurde die Direktverbindung von Berlin nach Innsbruck (nicht über Seefeld!) als einer von mehreren neuen touristischen Fernverkehrszügenangeboten (saisonal samstags).

ICE-Tourismus
Neue touristische Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn (Stand: 2020)

3. Sonderski?

Mit dem extra für das Seefelder Loipenparadies angeschafften Rossignol Delta Sport-Skating-Ski verlustierte ich mich kilometerlang in der einzigartigen Tiroler Berglandschaft. 3 Stunden lang gab es jedoch unerwarteten Nervenkitzel: Während eines Pausenstopps an der Polis Hütte direkt an der Loipe in Leutasch entwendete augenscheinlich jemand nur wenige Meter von dem von mir in Besitz genommenen Liegestuhl meine neuen Skier samt der schon ziemlich alten Stöcke. Das konnte doch nicht wahr sein! Eine geschlagene Stunde lang lief ich wie ein verdattertes Hühnchen zwischen den Ansammlung von Stühlen und der Speisenausgabe umher, befragte Leute, schaute genau auf die Skier vieler vorbeifahrender Langläufer und hielt lautstark als eine Art Ultimatum ein schon lang anvisiertes verdächtiges Paar der Marke Atomic hoch, um danach schon hoffnungsvoll festzustellen, dass es keinem Anwesenden gehörte.  Es musste also eine Verwechslung gegeben haben! Zum Glück handelte es sich eindeutig um Leihski eines nahen Sportgeschäfts. So schnallte ich vor vielen, mich moralisch stützenden Zeugen in Liegenstühlen das fremde Damen-Skipaar an, was auch wegen unterschiedlicher Bindungssysteme nicht selbstverständlich war, und lief zügig (nicht ohne einen gewissen Umweg!) in Richtung Sport Wedl im Leutascher Ortsteil Weidach. Nein, ein Diebstahl war ausgeschlossen – dafür ist der Atomic Redster S7, laut Skiverleih ein „Top-Ski“, spürbar einfach zu gut! Mit Hilfe von Karteikarten wurde innerhalb von einer Stunde die Übeltäterin aus Berlin, die mit ihrer Familie in einer nah gelegenen Ferienwohnung logierte, ausfindig gemacht. Geduldig nahm ich in einem Ledersessel am Ladeneingang Platz und versuchte, einen Roman weiterzulesen. Als Beschallung kam passend zum Ereignis Supertramps alles andere als verträumtes Lied „Dreamer“ !  Zehn Minuten vor Ladenschluss – fast wie in einem Drehbuch – kam jene Dame mit Anhang in den Laden und entschuldigte sich mit einer kaum zu toppenden Unschuldsgeste, weil sie wohl erst jetzt verstand, dass sie einer saublöden Verwechslung aufsaß. Beide Ski-Paare sind sich auch in der Farbgestaltung trotz eines vergleichbaren Rottons nicht wirklich ähnlich (der Rossignol-Hahn hat nichts mit dem Atomic-Zacken zu tun!), ganz zu schweigen von den Stöcken. Die im Langlauf-Sport sicher Versierte hatte das physisch Naheliegende –mein Paar – einfach vom Café  von Blindheit geschlagen in Richtung Ferienwohnung geschleppt.  Das gute Ende nahm also seinen Lauf, und es kam noch besser:  Vom Ladenbesitzer wurde ich als „angenehmer Zeitgenosse“ hoch bewertet. Er hätte mich sogar von Leutasch nach Seefeld gefahren, wäre ich nicht motorisiert gewesen!  Das war für mich Genugtuung genug, so dass aus meinem Mund insgesamt nur Verständnisvolles herauskam und ich als kleines Dankeschön letztlich noch von der Mutter der (Schnee-)Blindgeschlagenen zu meinem fahrbaren Untersatz chauffiert wurde. Unterm Strich ein nachmittagsfüllendes Dramolett, in dem ein „Top-Ski“ vorübergehend für mich zu einem ungewollten „Sonderski“ wurde!

Rossignol-Skating Ski
Der eigentlich unverwechselbare Rossignol Delta Sport – Skating – Ski




Ein herzliches Dankeschön an die Familie Wedl für ihre tatkräftige Suche nach den verschleppten Rossignol-Skiern! Bei meinem nächsten Besuch in Leutasch werde ich Sport Wedl als Kunde aufsuchen!

Back to the Roots – Urlaub in den Wipfeln

Wer schon immer einmal seine ‚Wildnistauglichkeit‘ austesten wollte, sollte einen Urlaub im Baumhaushotel Wipfelglück in Erwägung ziehen.

Am Rande des schönen Spessart ragen acht kleine Baumhäuser in die ‚Lüfte‘. Vor Höhenangst braucht sich aber niemand zu fürchten.

Baumhaus Nr. 4 – Unser Platz unter den Wipfeln

Gemeinsam mit unseren beiden Hündchen verbrachten wir einen sehr erholsamen Urlaub im idyllischen Churfranken. Auch, wenn das Wetter nicht immer auf unserer Seite war, so genossen wir die Zeit und erkundeten gespannt die Umgebung. Mönchberg, das Franziskanerkloster Engelberg in Großheubach, Miltenberg, aber auch ein Abstecher nach Wertheim (Hier ging es nicht in das Outlet-Center Wertheim Village!) standen auf dem Programm.

Natürlich durfte ein Ausflug ins Bräustüble der Altstadtbrauerei Faust in Miltenberg nicht fehlen. Zum Abendessen gab es Schweinebraten, Krautsalat und Knödel und dazu das in meinen Augen beste Naturradler überhaupt; selbstverständlich aus der eigenen Brauerei. Das bleibt im Kopf!

Für eine Großstädterin, wie mich bedeutete der ‚Einzug‘ ins Baumhaus eine gewisse Umstellung. Auf wenigen Quadratmetern befanden sich eine kleine Teeküche, der Ess-, Schlaf- und Wohnbereich sowie eine kleine Toilette mit Waschbecken. Plötzlich galt es den Abwasch nicht von einer Geschirrspülmaschine erledigen zu lassen, sondern in gewohnter Campingmanier auf kleinem Raum zu tätigen.

Wer keine Lust auf das ständige Abwaschen hat und weniger einkaufen möchte, kann selbstverständlich auch Frühstück bestellen und sich dieses ans Baumhaus liefern lassen. Die fränkische Küche lässt sich prima in den umliegenden Restaurants austesten. Geduscht wurde im Wellnessbereich des zugehörigen Hotels – hier vermisste ich wahrlich nicht die Dusche im Baumhäuschen.

Unterhaltsam und zugleich romantisch wirkten zudem die Bewegungen des Baumhäuschens bei Wind (insbesondere, wenn man im Bett lag und man plötzlich etwas ins Wanken geriet) und die sanften Regentropfen an den Fenstern ein kleines Konzert spielten.

Einen kleinen Spontankauf konnte ich mir im Urlaub natürlich nicht ‚verkneifen‘. In Miltenberg kamen wir an einem interessanten Musikgeschäft vorbei, das mehrheitlich Saiteninstrumente führt. So kam ich nicht umhin, mir eine kleine Konzertukulele zu besorgen. Eine musikalisch-klangvolle und beschwingte Beratung durch den Inhaber durfte selbstverständlich nicht fehlen.

Meine kleine musikalische Begleiterin

Wie stark meine musikalischen Talente ‚eingerostet‘ sein mögen, frage ich mich. Nun wir werden sehen, welche Töne ich dem kleinen Instrument entlocken werde. Es bleibt spannend.

Familien und Paare werden hier im idyllischen Churfranken wahrlich auf ihre Kosten kommen.

Kurzum ein abwechslungsreicher Urlaub, fernab vom Großstadttrubel, um einfach mal zu entschleunigen und nicht ständig per Smartphone erreichbar sein zu müssen.

Unser Dank gilt den lieben Mitarbeiterinnen des Wipfelglücks und Frau Daniela Schmitt, die unseren Urlaub im Baumhäuschen zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht haben.

Bis zum nächsten Blog-Artikel. Mal sehen, was uns dann so begegnen wird…

Auf der Homepage und dem Facebook-Auftritt des Wipfelglücks kann man sich über die Baumhäuser sowie den Vor-Ort-Service informieren. Wer mehr über das leckere Naturradler der Brauerei Faust und das Music Center Miltenberg wissen möchte, schaut am besten auf den jeweiligen Webseiten nach. Auf der Internet-Seite des Naturpark Spessart erhält man u.a. Anregungen zu möglichen Ausflugszielen.

Mit Energie in die Fabrik – Vom Besuch der Energiefabrik Knappenrode

Gut versteckt hinter Bäumen und Wäldern, nahe des Bärwalder Sees, zur Stadt Hoyerswerda gehörend, entdeckten wir neulich auf unserem Ausflug die Energiefabrik Knappenrode. Aber wieso, werdet ihr denken, schreiben wir einen Artikel zu einer Energiefabrik. Nun, der Begriff selbst ist natürlich nicht geschützt und bevor ihr jetzt denkt: Was haben die beiden vor? Lasst euch einfach überraschen.

Immer wieder begegnen uns auf unseren Touren skurrile, aber auch sehr interessante und für viele häufig eher noch unbekannte Orte. So einer ist die Energiefabrik Knappenrode, die heute zu einem von vier Standorten des Sächsischen Industriemuseums zählt und Dauerexponate sowie Sonderausstellungen beherbergt.

Energiefabrik Knappenrode
Außenfassade der Energiefabrik Knappenrode

Kommt doch einmal mit auf einen kleinen gedanklichen Spaziergang durch die ehemalige Fabrik!

Nachdem wir das Auto abgestellt haben, lassen wir zunächst einmal unsere Blicke auf die Fassade und die Umgebung schweifen. Schnell wird klar, dieses Gebäude hat sicherlich vieles erlebt. Ich freue mich wie ein Schulkind, das mit seiner Einschulungstüte freudestrahlend seinem ersten Schultag entgegensieht, darauf endlich durch die Glastür zu schreiten. Thomas kann mir sicherlich mein dezentes Grinsen ansehen. Zunächst gelangen wir in einen großen Vorraum; die Decke ist kaum sichtbar. Natürlich ist dort auch eine Decke, aber ich vermag sie einfach nicht wahrzunehmen, so imposant erscheint mir dieses alte Backsteingebäude. Ich fühle mich so winzig und bin völlig überwältigt. Es riecht nach Kohle oder bilde ich mir das vielleicht nur ein? Der Geruch längst vergangener Zeiten, als die Energiefabrik noch Kohlebriketts herstellte. Pfeile am Boden weisen uns den Weg. Ob es wohl schlimm ist, vom Weg abzukommen, frage ich mich.

Immer wieder denke ich beim Durchschreiten der Hallen an meinen verstorbenen Großpapa. Wie muss es wohl für ihn und seine Kumpel gewesen sein, als Bergmann unter Tage gearbeitet zu haben? Ich stelle mir vor, wie eng und schmal die Gänge gewesen sein müssen. Ob die Bergmänner wohl in den Schächten stehen konnten? Vermutlich eher weniger. Ob sie wohl viel gekrochen sind, um sich fortzubewegen? Wie beschwerlich muss die Arbeit wohl gewesen sein? Kaum Licht oder frische Luft zum Atmen. Unweigerlich stelle ich fest, wie wenig ich eigentlich darüber weiß. Wieso eigentlich? Habe ich mich früher nicht richtig dafür interessiert? Habe ich es vergessen? Wie gut, dass wir hier in der Fabrik sind, denke ich.

Eindrücklich begleitet uns die Energiefabrik durch jene Zeit des Kohleabbaus und der Kohleverarbeitung; vorbei an alten Fahrzeugen, die ganz offensichtlich dem Abbau bzw. Transport der Kohle dienten; vorbei an riesigen Turbinen zur Energieerzeugung.

Kohlenzug
Kohlenzug im Außenbereich der Energiefabrik Knappenrode

In der ehemaligen Fabrik hängen aber auch Fotos. Ich blicke sie an und versuche die maskenhaften Gesichter zu entschlüsseln. ‚LOST…FACES | DELETE # COMPLETE‘ heißt die Fotoreihe, die sich u.a. der Frage widmet, welchen Wandel unser Verständnis von Arbeit durchlaufen hat.

Wie ihr seht, gibt es hier Einiges zu entdecken. Ein Besuch lohnt sich allemal und die eine oder andere Überraschung hat die Energiefabrik auch noch in petto.

Kurzum: Mit viel Liebe zum Detail schaffen die Mitarbeiter der Energiefabrik einen Raum, in dem Geschichte lebendig und erlebbar wird. Einen Ort, an dem es sich lohnt, jeden Winkel genauestens unter die sprichwörtliche Lupe zu nehmen.

Die Homepage der Energiefabrik Knappenrode und ein Fernsehbeitrag von Oberlausitz TV zur Fotoausstellung von Olaf Martens bieten weitere Informationen.

„Points of View“ – Gedanken zu einer Skulpturengruppe von Tony Cragg

Ein fünfminütiger WDR-Beitrag in der Reihe Westart aus dem Jahr 2009 sollte als Inspiration ausreichen, um sich auf den Weg zum Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zu begeben, der vom britischen Künstler  Tony Cragg zu Anfang des 21. Jahrhunderts entworfen wurde. Die denkmalgeschützte Immobilie, eine ehemalige Fabrikantenvilla, beherbergt nun die Cragg Foundation. Wie genau ich zum ersten Mal von diesem paradiesischen Kleinod hört, weiß ich nicht mehr. Im August 2021 suchte ich diesen Ort zum zweiten Mal auf, um eine Sonderausstellung zu Heinz Mack anzuschauen, dessen Werk zusammen mit Arbeiten anderer Künstler den Waldkosmos von Cragg noch weiter anreichert. 

In Erinnerung wird am Rande einer weiteren Cragg-Skulpur ( „Ever after“ ) ein kurzer Dialog bleiben, der von einer Besucherin ausging, von der ich mitsamt ihrem Begleiter ein Foto machen sollte:

Besucherin: „Haben Sie einen Augenblick Zeit für uns?“

Ich: „Ja.“

Besucherin: „Ich würde Sie gern interviewen. Nein, das war nur ein Spaß. Würden Sie uns fotografieren? Das ist zwar nicht die Traumskulptur…“

Ich: „…Aber mit Ihnen gewinnt die Skulptur an Wert.“

Solche kurzen Szenen sind manchmal genauso so geistreich wie Kunstwerke; sie drücken die Auseinandersetzung mit dem wahrgenommenen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt auf originelle und ganz und gar erfrischende Weise aus. In einer Welt, die durch Selfies noch stärker auf das Ich verweist und das Gegenüber so gut wie vollständig ausblendet, ist dies eine Begebenheit, die auch etwas Berührendes hat. Tony Cragg hätte hier wohl auch geschmunzelt. Ich merkte bei meinem neuerlichen Besuch, dass die Besucher um mich herum sich aufgeschlossen auf den Park einließen, darin verweilten und sich mit dem mitunter schwer Zugänglichen beschäftigten. Auch für Familien ist dieser Ort etwas Wunderbares.

Die im Beitrag gezeigte Skulpturengruppe mit dem schönen Titel Points of View fiel mir schon bei meinem ersten Besuch 2012 auf. Kurioserweise sind sie nach meinem zweiten Besuch um eine zweite Assoziation reicher, nachdem ich wenige Tag später zum ersten Mal das Wort Triell vernahm. Dieses Fernsehformat anlässlich der Bundestagswahl 2021 benötigt drei Kandidaten mit drei Standpunkten, so wie auch die drei Bestandteile der Skulpturengruppe Standpunkte vertreten könnten:

Points of View
Tony Cragg: Points of View (2002)

Ob den Triellen etwas mehr rhetorische Ausdruckskraft fehlte? Hierüber ist es wohl müßig nachzudenken, da Rhetorik als ausgefeilte Redekunst in derlei Fernsehformaten nicht an erster Stelle steht. Das häufige Wiederholen von bereits geäußerten Standpunkten macht es geradezu unmöglich, innovative Wortbeiträge abzugeben, unabhängig vom politischen Spektrum.

Die fließenden Konturen von den Points of View, die sich kühn in die Höhe ranken, haben etwas Erhabenes und gleichzeitig auch etwas Verspieltes. Ihnen ist das Perspektivische eingeschrieben, da von jedem anderen Blickwinkel diese Skulpturen etwas neu zu Erfassendes bieten.  Jede Ausrichtung birgt Überraschungspotenzial, da man keine frontale Beobachterposition einnehmen kann. In meinem Winkel sind nicht alle drei Einzelskulpturen gleichermaßen sichtbar, was natürlich nicht beabsichtigt war. Und doch trifft dies auf eine gewöhnliche Beobachtung zu: Man hat kaum drei oder mehr Perspektiven im Blick, sondern maximal Pro und Contra. Dass oft noch weitere Standpunkte dazukommen, wird oft vernachlässigt.

Tony Cragg wird Wuppertal wohl zeit seines Lebens nicht mehr los. Gut so. Wenn man seinen „Waldfrieden“ gesehen hat, wird man auch die Enge von Wuppertal mit (horizont-)erweiternden Perspektiven gesehen haben. 

Im hintersten Winkel der Republik: Über einen Kurztrip in die Oberlausitz

Von Westen aus gesehen ist für viele Urlauber jenseits von Dresden und der benachbarten Sächsischen Schweiz kein Platz mehr für Entdeckungen. Fernzüge aus Frankfurt enden allesamt in „Elbflorenz“. Die Region bis zur polnischen Grenze bleibt für viele Terra Incognita. Höchstens wird aufgrund der überragend restaurierten und denkmalgeschützten Altstadt Görlitz an der Oder erwähnt. Bautzen kenne ich vom Namen schon lange wegen des ehemaligen Stasi-Gefängnisses, das ich bereits 2009 auf der Durchreise besuchte.  Schon damals dachte ich mir, dass die Stadt zu Unrecht so unbekannt bzw. verkannt ist. Jedenfalls erscheint die Stadt „aufgeräumt“, wie man so schön sagt. Zittau ist wohl die entlegenste Stadt Deutschlands. Selbst von Dresden aus schafft man es garantiert nicht in einer Stunde, dorthin zu kommen. Wer sehr schnell unterwegs ist, braucht zumindest 90 Minuten. 2019 besuchte ich das benachbarte Zittauer Gebirge, das von der Silhouette eine besondere Aura ausstrahlt. Ich kenne kein Mittelgebirge in Deutschland, das sich so schön im wahrsten Sinne des Wortes abzeichnet. Die Linie, die den Kamm des Gebirges bildet, ist aus der Ferne so schön geschwungen, dass sie wie eine unverwechselbare Signatur daherkommt. Auch wenn die Erhebungen der Sächsischen Schweiz öfter auf Leinwände gebannt sein mögen, so ist der hinterste Winkel Deutschlands lauschiger und geheimnisvoller. Besondere Felsformationen gibt es dort übrigens auch.  Dass der höchste Gipfel (793m) des Zittauer Gebirges Lausche (tschechisch: Luž) heißt, ist dabei eine schöne Pointe.  Seit dem Sommer 2020 gibt es auf dem Gipfel auch einen beachtlichen Aussichtsturm. Die im Gebirge gelegenen Orte Oybin (mit ehemaliger imposanter Burg- und Klosteranlage) und Jonsdorf könnten gewiss einen Bildband füllen, bestehend aus den regionaltypischen, dekorativ aussehenden Häuserfassaden. Für touristische Highlights der Region verweise ich gerne auf einen Reiseblog.

Als Übernachtungsmöglichkeit empfehle ich den Gutshof Schirgiswalde, der all das bietet, was man für einen Kurzurlaub braucht. Ein junges, dynamisches Team, das den Austausch der Anonymität vorzieht, bietet dort seit 2020 elf Ferienwohnungen unterschiedlicher Größe an. Zum Entspannen gibt es draußen und drinnen mehr als genug Platz. Pferdestall und -koppel nebenan erlauben überdies wertvolle Begegnungen zwischen Menschen und Tier. Dieser Rückzugsort kann auch als „Location“ herhalten: Ein Hochzeitspaar erzählte mir, dass es tags zuvor auf dem Gutshof gefeiert und die ganze Festgesellschaft vor Ort untergebracht habe, was in der Region nur an wenigen Unterkünften möglich sei. Der Frühstücksraum ist in der Tat ideal für größere Veranstaltungen, ohne dass gleich von Events die Rede sein muss.

Gutshof Schirgiswalde
Gutshof Schirgiswalde, von der Einfahrt aus gesehen.

Schirgiswalde ist neben seiner idyllischen, hügeligen Lage mit dem auffallenden Eisenbahnviadukt und den malerisch in ihre Umgebung eingebetteten Sakralbauten auch ein strategisch günstiger Ort, da man von dort leicht in alle Richtungen (eine knappe halbe Autostunde südlich von Bautzen) kommen kann. Sehenswert ist auch im Hinblick auf die immer noch bestehenden Tagebauaktivitäten im nördlichen, flachen Teil der Oberlausitz die Energiefabrik Knappenrode, wo bis in die 90er Jahre Briketts hergestellt wurden.

Schirgiswalde
Schirgiswalde von oben (Panoramablick)


Zum Schluss noch ein kulinarischer Tipp.  Ca. 3 km entfernt gibt es in Sohland an der Spree direkt an der B98 das „Brauhaus am See“, das mit „Zippel-Bier“ aufwartet. Von Donnerstag bis Sonntag ist es geöffnet. Wenn man bedenkt, dass es weit ab von wirklich großen Ortschaften liegt, zählt es auf Laufkundschaft auch von weither. Möge das Unternehmen ein glückliches Händchen haben!

Vielen Dank an den Gutshof Schirgiswalde für die eine oder andere wertvolle Information und natürlich die Gastfreundschaft. Mehr Informationen zu dieser außergewöhnlichen Unterkunft sind in einem anderen Blog zu finden.

Die unerhörten Stimmen

Als bis etwa Mitte 2020 An- und Durchsagen auf deutschen Bahnsteigen recht blechern klangen, lag dies an einer schwer erträglichen Computerstimme. Diese hat endlich ausgedient. Nun hat die Stimme des Profi-Sprechers Heiko Grauel das Zepter übernommen; womöglich werden Bahnreisende seine Stimme Jahrzehnte lang hören.

In Österreich hat die Moderatorin, Autorin und ehemalige Fernsehansagerin Chris Lohner die Stimm-Rechte für die ÖBB inne. Mit einer mehrjährigen Unterbrechung durch eine Computerstimme, die scherzhaft „Petra aus Cottbus“ genannt wurde, hört man sie schon seit Ende der 1970er Jahre an den Bahnsteigen und in den Zügen. Und laut ÖBB ist Lohners Vertrag auf Lebenszeit geschlossen. Wie Lohner auf „köstliche Erfrischungen “ im OBB-Bordrestaurant hinweist, ist allein von der Stimmführung köstlich und erfrischend zugleich!

Nun habe ich also die digital aufgezeichnete dialektfreie Stimme des Hanauers Grauel, der natürlich Hessisch beherrscht, gegenüber der österreichisch gefärbten Chris Lohner im Ohr. Zum Glück ist die Stimmführung jeweils natürlich, so dass ich mich einfach wohler auf Bahnsteigen fühle als früher. Und doch kommt mir die Profi-Stimme von Grauel, der sich in einem Casting vor Hunderten Mitbewerbern durchsetzen konnte, gegenüber Lohners Stimme merkwürdig unauffällig vor. Woran liegt das? Mir scheint es, als ob Grauel die Sprecher-Rolle übernimmt, während Lohner sich wie eine Ansagerin anhört. Ihre Stimmführung kommt insgesamter mir charmanter und nuancierter vor, wohl auch deswegen, weil ihr Deutsch österreichisch gefärbt ist.

Ein weltweiter Zusammenschnitt von Bahnhofsdurchsagen würde eine enorme Vielfalt an den Tag bringen: Welten liegen (zumindest bis Ender der 2010er Jahre) beispielsweise zwischen den französischsprachigen und den slowakischen Durchsagen, die mir beide recht vertraut sind. Die eine ist extrem poetisch-klangvoll, die andere hart-herrschaftlich. Das liegt sicher nicht an den Sprachen oder am Geschlecht, sondern an der Intonation der beiden Sprecherinnen. Ich bin froh, dass man keine Einheits-Stimme für ganz Europa wird suchen wollen.

Es ist eine Herausforderung, Stimmen natürlich „herzustellen“. Die Digitalisierung macht es möglich, aus einem mit Sprachbausteinen gefüllten Setzkasten unendlich viele Wörter schöpfen zu können. Doch erst mit einem Schöpfer bzw. einer Schöpferin dieser Bausteine kann dies optimal realisiert werden. Der Mensch steht hier ganz klar vor der vervielfältigenden Technik.

Durchsagen an Bahnhöfen werden nicht aussterben, anders als Ansagen im Fernsehen, die seit den frühen 2000er Jahren nicht mehr zum Programm gehören. Die Dosis ist entscheidend: Keinem Fahrgast bringt es etwas, wenn eine im wahrsten Sinne des Wortes gut abgestimmte Geräuschkulisse zu einer Dauerbeschallung wird. Mag man noch sehr vertraut mit dem Smartphone sich durch die reale Welt navigieren, wäre eine Totenstille an Bahnhöfen auch nicht erwünscht. Es macht einen Unterschied, ob man akustisch darauf hingewiesen wird, dass ein Zug einfährt, gerade wenn es noch zu einem spontanen Gleiswechsel kommt. Nicht jede Information ist digital sofort verfügbar, so dass irgendwie nachgeholfen werden muss.

Ein akustisches Flair braucht ein Bahnhof, nicht nur ein visuelles. Der Begriff Sound-Design zeigt schon an, dass der Zufall kein guter Kooperationspartner ist. Eine Marke besticht häufig auch durch eine unsichtbare Kompetente. Heiko Grauel und Chris Lohner werden in den 2020er Jahren zu einem gewissen Bahn-Image beitragen. Je weniger Verspätungen und Zugausfälle es geben wird, desto angenehmer wird man die Durchsagen empfinden, unabhängig von der Stimmqualität.  Freuen wir uns auf neue stimmige, vor allem auch über live von einer bestimmten Leitstelle produzierte Beiträge, für die es einfach keine Standards geben kann und die nicht auf der Strecke bleiben sollen.

Repräsentative Stimmproben und ein Kurzporträt von Heiko Grauel geben einen näheren Eindruck. Demgegenüber lohnt sich die Lektüre eines Die-Presse-Artikels zu Chris Lohner und ihrer Stimm-Leistung für die ÖBB (inkl. Hörprobe im Vergleich zu „Petra aus Cottbus“) . Zuletzt gibt es Hinweise zum Ende 2020 eingeführten neuen ÖBB-Gong, der ja auch zu den Durchsagen gehört.

Umwegskultur ohne Umschweife

Als sich die Bundeskanzlerin Ende April 2021 mit Kulturschaffenden im Rahmen eines „Online-Bürgerdialogs“ austauschte, fiel ein unscheinbarer und doch bemerkenswerter Satz, den man bei Deutschlandfunk Kultur am 27.04.21 gegen 17.25 Uhr im O-Ton während eines dreiminütigen Berichts zu diesem Gespräch hören konnte:

Der Mensch fällt ja nicht aus dem Bett direkt ins Theater.

Auf einer nachmittäglichen Radtour hatte ich genug Zeit, genüsslich über diese Aussage nachzudenken, die ja eigentlich als Argument gedacht war. Der Gesprächskontext bezieht sich auf die Notwendigkeit, trotz ausgeklügelter Konzepte den Kulturbetrieb weiterhin weitgehend geschlossen zu halten, was erst in diesen Maitagen in einigen deutschen Landkreisen endlich der Vergangenheit anzugehören scheint. Die hier wörtliche Bedeutung von ‚ausfallen’ lässt mich schmunzelnd und zugleich ein wenig betrübt an ‚Ausfall’ denken, denn hiermit wird ja gerade der Veranstaltungsbereich assoziiert.  Keiner kann genau aufzählen, wie viele Veranstaltungen in den letzten Monaten ausgefallen sind.

Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg ist einer der stillen Stars, die die Republik als Geistesgrößen im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Seine Gedanken sind oft ohne Umschweife scharf formuliert. In seinem Band Die Sorge geht über den Fluss gibt es einen kurzen Text namens „Umwege“, den ich mit dem Satz der Bundeskanzlerin in Verbindung bringen möchte. Die ersten vier Sätze lauten:

Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren. Gingen alle den kürzesten Weg, würde nur einer ankommen. Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendliche viele Umwege. Kultur besteht in der Auffindung und Anlage, der Beschreibung und Empfehlung, der Aufwertung und Prämiierung der Umwege.

Die Bundeskanzlerin hat definitiv einen wahren Satz gesprochen. Ums ins Theater zu gelangen, müssen wir Umwege in Kaufe nehmen. Und diese Umwege verlangen nach Mobilität. Eines der wichtigsten Credos dieser Tage heißt, dass wir unsere Mobilität einschränken müssen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Hierbei frage ich mich allerdings, ob gerade Theateraufführungen viele Menschen zusammenbringt. Im Herbst 2020 war es ja eher ein Husch-Husch hinein in die Aufführung und ein Husch-Husch hinaus ins Freie, da partout Geselligkeit vor und nach der Aufführung vermieden werden wollte. Austausch zum Dargebotenen war jedenfalls unerwünscht. Letztlich kann sich die Politik auf den von Merkel erwähnten Gleichbehandlungsgrundsatz berufen: Ein Theaterabend ist damit (leider) genauso zu behandeln wie ein Clubabend.

Was hätte Blumenberg zu Streaming-Angeboten gesagt? Wäre das nicht Kultur ohne Umwege? Etwa vom Bett aus Theatergenuss zu erleben?  Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass körperlich erfahrener Kulturaustausch ohne die Umwege des Reisens wirklich undenkbar ist; da können Videokonferenzsysteme noch so ausgeklügelt sein. Hingegen ist es eine sehr große Errungenschaft, dass viele Unternehmen im Jahre 2020 in meist virtuellen Diskussionsumgebungen sehr gute Gewinne erzielen. Das kann nicht ohne das Vorliegen einer vernünftigen Diskussionskultur möglich gewesen sein. Auch Lernkulturen können ziemlich gut online geformt und gefestigt werden. Doch gibt es hier keinen Widerspruch zu Blumenberg, denn Umwege sind auch in der Klick-Welt nachspürbar. Sie müssen heute nicht unbedingt geografisch verstanden werden. Das ist wohl der Zugewinn zum 20. Jahrhundert, dass wir eine Recherche zu recht großen Teilen offline und online vornehmen können.  Und klar ist, dass es niemals eine Recherche auf direktem Wege geben kann. Ein Marcel-Proust-Fan könnte hierzu sicher vieles sagen, und bei Angela Merkels Begeisterung für das Opernwerk von Richard Wagner wird auch mitschwingen, dass man gerade den Ring des Nibelungen als Plot ohne gewisse Ausschweifungen kaum (er)fassen kann und möchte. Konzise Kürze dient der Vernunft, doch Blumenberg spricht am Ende des Textes auch explizit von den „Existenzen der epischen Literatur“, die er als „Nutzungen“ von Umwegen ansieht. In jedem Fall trägt die „Umwegskultur“ zur „Humanisierung des Lebens“ bei.  Nun, Kulturschaffende sind auch Wegebereiter. Das ist mehr als nur kreativ zu sein. Sie schaffen Überfluss im Sinne der „Ausschöpfung der Welt“ und sind damit keinesfalls überflüssig. Erschöpfung hat jedenfalls andere Ursachen.

Blumenbergs Textwelten, darunter auch „Umwege“, lassen sich u.a. im Suhrkamp Verlag entdecken.

System(erkennungs)relevanz- Über eine Pfandrückgabe-Aktion

Wenn ich an Deutschland denke…kommen mir als erstes die Getränkemärkte in den Sinn. In der Tat: Je öfter ich einkaufen gehe, desto bestärkter werde ich in dem Eindruck, dass es wohl nirgendwo anders auf der Welt so viel Platz für trinkbare Flüssigkeiten gibt. Diese lagerhallenartigen Gebilde verströmen keinen Charme, wohl aber das Gefühl für das Labsal, das wir in Deutschland den vielen Mineral(wasser)quellen zu verdanken haben. Anderswo mag es sie auch geben, doch werden sie längst nicht so differenziert vermarktet. Woran das wohl liegen mag? Fest steht, dass ja auch die Anzahl der Brauereien bei uns (noch) hoch ist und diese auch viel Quellwasser anzapfen. Insofern ist das bei uns einzigartige bierselige Reinheitsgebot sicherlich vorteilhaft, wenn nebenbei auch „natürliches Mineralwasser“ zahlreich verkauft werden soll. Das Reine und das Natürliche ziehen sich magisch an; und dann liegt es auch nah, dass Fruchtsäfte, Limonaden, Spirituosen und Mischgetränke sich dazu gesellen können. Wenn ich demnächst einmal einen Zeitungsartikel dazu finden sollte, werde ich sicher noch einiges Wesentliche dazulernen.

Als ich neulich die in Chemnitz-Grüna beheimatete Getränkewelt in Steinpleis bei Zwickau ansteuerte, die als Marke mit dem Untertitel „Die Getränkekönner“ auftritt, ahnte ich bei der umtriebigen Verkäuferin, dass sie über eine ungewöhnliche Probieraktion noch mehr (Fruchtsaft-)Getränke an den Mann bzw. an die Frau bringen wollte. Und ganz nebenbei befand sich auch noch Mineralwasser der Marke Spreequell im Markt, die eigentlich im Berlin-Brandenburger-Raum zu Hause ist.  Ich griff zu und ging gern das Risiko ein, dass ich womöglich anderswo diese Gebinde nicht als Leergut zurückgeben könnte. Und siehe da: Die Getränkewelt-Filiale in Fraureuth, keine 10 km entfernt, weigerte sich, die Spreequell-Flaschen zurückzunehmen. Was war da los? In Fraureuth sagte die Verkäuferin, jene Flaschen seien noch nicht mal im „System“ erfasst. Die Kollegin in Steinpleis werde einen „Anschiss“ bekommen. Nun, das war nicht meine Intention. Mir blieb nichts anderes übrig, als den kaum erwähnenswerten Mehraufwand nach Steinpleis zu nehmen und dort die Flaschen zurückzugeben. Eher schmunzelnd als klagend berichtete ich dort, dass ich diesmal nur Leergut hätte, denn ich hätte mich schon in Fraureuth neu eingedeckt (gleiches Unternehmen, aber vielleicht doch interne Konkurrenz?!). Ich schrieb auch der Unternehmenszentrale, von der ich von einem „Bezirksleiter“ auch eine recht ausführliche Antwort erhielt:

„Unsere Filiale in Steinpleis bezieht als einzige Filiale des Unternehmens Sonderware aus Berlin. Da diese nur dort verkauft wird, kommt es immer wieder zu der Problematik, dass die Systeme in anderen Filialen die Flaschen nicht erkennen. (…) Zu guter Letzt möchten wir uns gerne bei Ihrem nächsten Einkauf in der Steinpleiser Filiale mit einer kleinen Überraschung bei Ihnen entschuldigen.“

Hier geht es also nicht um den seit dem Frühjahr 2020 kursierenden Begriff der Systemrelevanz, sondern um eine Art Systemumgehung, die sich in der Systemumgebung der EDV zu beobachten lässt. Diese Umgehung der Umgebung ist in ihren räumlichen Dimensionen spannend. Schließlich dient ja die problematische Maßnahme der (lokalen) Verkaufsförderung und ist nur aus Kundensicht und nicht aus Unternehmersicht mit Nachteilen verbunden.  Insofern hat die joviale Verkäuferin in Steinpleis keinen Fehler begangen. Marktfreundliches Denken ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht immer mit einer EDV-Systemlogik kompatibel. Zum Glück hat sie ihre Umtriebigkeit während der Arbeit sichtbar gewahrt. Und mir hat sie nicht übel genommen, dass ich die Zentrale informiert habe; ich habe ja bewusst das (lokale) Pfandsystem beanstandet, ohne die agierenden Mitarbeiter zu bekritteln.

Die Überraschung, die ich heute bei ihr rechtzeitig vor dem Maifeiertag abholte, war eine kleine, aber feine Getränke-Kühltasche mit Bitburger-Logo, gefüllt mit ganz unterschiedlichen Bier(mischgetränk)en. Da hat sich jemand Gedanken gemacht, denn Kostproben von der Chemnitzer Marx-Brauerei, der Veltins-Brauerei im sauerländischen Meschede sowie der kultigen Astra-Brauerei in Hamburg findet man in dieser Mischung nicht so schnell.

ein besonderes Geschenk
Geschenk aus der Steinpleiser Getränkewelt-Filiale

Alles in Butter, so könnte man sagen. Oder auf die Ästhetik der Getränkewelt umgemünzt: Alles paletti! Fast: Denn erwartungsgemäß wurde mir der in Berlin gekaufte Hochwald-Sprudelkasten nicht abgenommen. Das habe ich einfach mit einem schallenden Lachen quittiert!

Grenz(land)erfahrungen – Die Kammloipe als touristisches Ziel

Mit etwa 36 Kilometern ist die Kammloipe einer der längsten Ski-Langlaufrouten in Deutschland. Normalerweise braucht man 2 Tage für die Strecke, doch selbstverständlich lässt sich das Unterfangen auch in wenigen Stunden absolvieren.  Zwischen Schöneck im Vogtland und Johanngeorgenstadt im westlichen Erzgebirge verläuft die Loipe teils direkt an der tschechischen Grenze entlang. Die Vogtlandbahn bietet mit dem Haltepunkt Schöneck-Ferienpark eine nahezu ideale Anreisemöglichkeit von Zwickau und Plauen ganz nah am Loipenbeginn; und die Erzgebirgsbahn fährt von Johanngeorgenstadt in einer guten Stunde nach Zwickau zurück. Hier befindet sich das Loipenende oberhalb der Stadt, so dass man knapp zwei Kilometer bis zum Bus (Nr. 346, Halt am Platz des Bergmannes) in Richtung (Grenz-)Bahnhof laufen muss. Doch nach einer Langlauftour tun ein paar Schritte zu Fuß nur gut.  Auf etwa der Hälfte der Gesamtstrecke ist die Haltestelle Mühlleiten-Kammweg ein geeignetes (Etappen-)Ziel, um in einer guten halben Stunde mit dem Bus (Nr. 20) zum Bahnhof Auerbach (unterer Bahnhof) oder in der Gegenrichtung in ca. 15 Minuten nach Klingenthal zu kommen.  Von beiden Orten fährt die Vogtlandbahn wieder nach Plauen und nach Zwickau, wo Umsteigemöglichkeiten nach Hof bzw. Dresden bestehen. Es sei darauf hingewiesen, dass diese wichtige Busverbindung am Wochenende nur im 2-Stunden-Takt verkehrt!

Diese etwas drögen Informationen helfen bei der Planung, und doch würden die wenigsten ohne Auto anreisen. Wenn man nach dem Sport müde in der Kälte und so gut wie k.o. noch auf Fahrpläne achten muss, ist das kein Zuckerschlecken. 2019 befuhr ich im Januar den ca. 18 km langen Abschnitt Schöneck-Aschberg (etwa zwei Kilometer hinter Mühlleiten gibt es eine kurze Anschlussloipe zum Aschberg, dessen Gipfel auf tschechischer Seite liegt) und im Februar den Abschnitt Mühlleiten-Johanngeorgenstadt. Gut, dass ich mich zuvor gründlich auf den spärlichen Nahverkehr in der Region (gerade am Wochenende) eingestellt hatte. Ich weiß noch genau, dass der Fußweg hinunter vom Aschberg (dort oben gibt es eine Jugendherberge!) zur Bushaltestelle in der Ortsmitte (die Linie 30 bietet Anschluss zum Bahnhof Klingenthal) leicht verwegen war, denn der Höhenunterschied war beträchtlich, und wenn man den Bus nicht erreicht, hat man (fast) Pech gehabt. Um Wegstrecke zu sparen, spurte ich mich zunächst querfeldein auf Skiern hinunter, und den letzten Kilometer zu Fuß musste ich auf der schlecht geräumten Aschbergstraße bis zur Haltestelle recht zügig hinablaufen, um den Bus noch zu erwischen.  Sonst hätte ich zwei Stunden warten müssen! Immerhin hätte ich eine Gaststätte aufsuchen können, was im Winter 2020/21 unmöglich ist.  Wenn gastronomische Einrichtungen geschlossen sind, ist das Warten bei Minustemperaturen alles andere als eine gesunde Alternative. 2019 ließen mich jedenfalls Bus und Zug nicht hängen.

Es zeigt sich, dass eine sportliche Unternehmung schon an der Wohnungstür anfängt und auch erst dort aufhört. Die Kammloipe selbst verdankt ihre Länge auch der Topographie, die eigentlich über dem Kamm kaum tiefere Einschnitte kennt. Nur kurz hinter dem Abzweig zum Aschberg gibt es in beiden Richtungen eine kurze steile Passage hinab bzw. hinauf. Ansonsten sind die Steigungen mäßig, doch teils auch recht zäh. Immerhin steigt die Loipe von ca. 700 m bei Schöneck auf mehr als 900 m ca. 10 km vor Johanngeorgenstadt an, ohne danach wieder bedeutend an Höhe zu verlieren. So ist es natürlich leichter, von Osten nach Westen zu fahren….

Viele Waldabschnitte geben der Loipe nicht unbedingt einen malerischen Charakter, doch man kommt  – gerade wenn nicht allzu viel Betrieb herrscht – auf seine Kosten. Einen halben Tag auf der Loipe zu verbringen reicht aus, um einem begeisterten Langläufer Erfüllung zu schenken. Unbedingt mitnehmen sollte man den einzigen richtigen Ausblick vom Schneckenstein aus, der von Schöneck aus nach ca. zehn Kilometern erreicht wird und von der Loipe aus nicht zu übersehen ist. Mit Skiern kommt man recht leicht hinauf; Der Fernblick reicht weit bis nach Tschechien. Die folgenden Einblicke sind jedoch eher erzgebirgstypisch:

Kammloipe
Kammloipe bei Mühlleiten (Blick Richtung Westen)
Kammloipe
Kammloipe bei Mühlleiten im Erzgebirge (Blick Richtung Osten)

Anfang der 90er Jahre wurde die Kammloipe dank einer privaten Initiative ins Leben gerufen. Es ist bemerkenswert, wie leidenschaftlich einige wenige Enthusiasten über all die Jahre hinweg die Loipe am Leben halten. Während im Winter 2019/20 Schneemangel herrschte, war 2020/21 die Kammloipe lange offiziell nur für Einheimische (Stichwort: 15km-Radius) geöffnet. Ein Langläufer aus Carlsfeld berichtete mir im Februar 2021, dass die Loipe in diesem Winter nur dank des Engagements eines erzgebirgischen Landtagsabgeordneten überhaupt gespurt wurde.  Und ganz nebenbei wurden die eigentlich auf der Strecke unsichtbaren Landkreisgrenzen wieder relevant, als die vermaledeite Covid-19-Inzidenzzahl im Spätwinter im Vogtlandkreis deutlich über 200 betrug und somit dieser Loipenabschnitt auch für Bewohner des Erzgebirgskreises tabu war. Ich als Zwickauer Bürger musste darauf achten, dass ich bei der Anfahrt (diesmal mit dem Auto) elegant am Vogtlandkreis vorbeifuhr, da es laut sächsischem Sozialministerium keine „Transitfestlegungen in den Landkreisen“ gebe, wie ich den mdr-Nachrichten entnahm. Noch immer frage ich mich, ob ich überhaupt an jenem 24.02. bei Carlsfeld im Westerzgebirge auf der Loipe fahren durfte, da ein weiterer Passus besagte, das sportliche Aktivitäten für Bewohner aus Landkreisen mit relativ niedrigen Inzidenzen nur ohne „touristische Ziele und Zwecke“ möglich seien. Nun, am Parkscheinautomat in Carlsfeld flatterte der Hinweis, man solle sein Vorhaben „überdenken“, die Loipe als Nicht-Einheimischer zu befahren.  Strenggenommen ist die Kammloipe ein touristisches Angebot, doch Langlauf ohne Loipe schließt sich praktisch aus, wenn man nicht auf unerwartete Hindernisse stoßen möchte. Ein gesunder Sportsgeist braucht die Tour, ohne dass Tourismus daraus werden muss! Auch der mdr drückte sich auf seiner bereits erwähnten Nachrichtenseite am 19.02. unklar zum „Kamm“ aus:

Langläufer aus Nordsachsen, Mittelsachsen oder Meißen könnten im Erzgebirge Ski fahren. Aber Achtung: Wenn sie die Kammloipe bis zum Vogtland fahren, dort wurde der Bewegungsradius nicht gelockert. Nur Einheimische aus der nahen Umgebung dürfen den Kamm nutzen.

Zu viel Nachsinnen führt hier garantiert nicht weiter! Bald werden Auslegungen von derlei Einschränkungen der Vergangenheit angehören. Ich freue mich schon darauf, einmal die Kammloipe unbeschwert nicht allein zu befahren, sondern mit einem Gefährten oder einer Gefährtin. Wenn die äußeren Bedingungen passen, wird es garantiert ein wunderschöner Tag. Oder werden gleich zwei daraus? Und wie wäre es mit einem abendlichen wärmespendenden Thermenbesuch?

Die Homepage kammloipe.de hält alle wesentlichen Informationen vor.

Das ist ja ein Ding! – Wie Lieferketten uns alle etwas angehen

Kann ein Teddybär Menschenrechte stärken? Wie viele Menschenrechte stecken in Ihrem Laptop?

Das sind Fragen, die Mitte Februar 2021 unkommentiert bei der Vorstellung des geplanten Lieferkettengesetzes großformatig nach längeren Verhandlungen zwischen drei Ministerien (zuständig für Arbeit und Soziales, für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie für Wirtschaft und Energie) ins Fernsehbild rückten.

Vorstellung des Lieferkettengesetzes
Vorstellung des geplanten Lieferkettengesetzes von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, zusammen mit dem Bundesentwicklungshilfeminister und dem Bundeswirtschaftsminister (Screenshot aus dem Video, das unter dem unten angegebenen Link 1 abrufbar ist)

Hinter einer Ja/Nein-Frage und einer W(ie viele)-Frage macht man sich normalerweise wenig Gedanken, doch hier bin ich mir sicher, dass der PR-Bereich der Bundesregierung viel Aufwand getrieben hat. Wenn eine Gesetzesnovelle vorgestellt wird, ist das normalerweise etwas für Rechtsexperten, denn bis zur Verabschiedung des Gesetzes liegt ja noch ein gewisser Weg, der meist nur bei umstrittenen Gesetzesvorhaben mit der medialen Öffentlichkeit stärker geteilt wird. Ansonsten würden Bürgerinnen und Bürger einzelne neue Gesetze ohne weiteres benennen können. In meinem Kopf tauchen nur ganz wenige Gesetzesbezeichnungen der letzten Jahre auf; doch das Lieferkettengesetz hat es dorthin geschafft, bevor es überhaupt verabschiedet wurde. Ich bin mir sicher, dass der Laptop und der Teddy – eine Teedose kredenzt ein weiteres Plakat – in Verbindung mit den Fragen meine Aufmerksamkeit erweckt hat und nicht nur mein allgemeines Interesse für Themen der Nachhaltigkeit und der globalen Wirtschaftsbeziehungen. Die Fragen sind zwar sprachlich einfach, doch die Antwort ist alles anderes als simpel: Wenn wir Spielzeug oder technische Geräte kaufen, haben wir so gut wie keine Kenntnisse darüber, ob Menschenrechte bei der Produktion eine Rolle spielen oder nicht. Hingegen sind Qualitätsaspekte des Produktes im Spiel. Also ist der produzierende Mensch weniger wichtig als ein gut funktionierendes Gerät bzw. ein lang haltendes Stofftier? Offensichtlich schon. Der Appell auf den Plakaten lautet:

Stärken Sie Menschenrechte, indem Sie bei Ihrem Kauf auf menschenwürdige Produktionsbedingungen achten.

Ich bin gespannt, ob man sich der kundenseitigen Verantwortung wird stellen können. Dafür müssen ja beim Kauf ausreichend Informationen vorhanden sein. Ob das Gesetz erfolgreich dazu Händler und Produzenten wird zwingen können, nachdem der Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (2016-2020) als breit angelegte Initiative tendenziell nur ein gut gemeinter, jedoch nicht verbindlicher Plan gewesen ist? Ich stelle mir vor, wie Kunden in Zukunft auch auf Etikettenschwindel achten müssen, denn wohl wird es um vertrauenswürdige Labels gehen, die eine Garantie dafür abgeben sollen, dass menschenwürdig produziert wurde. Einige Fair-Trade-Labels wie der staatlich anerkannte Grüne Kopf sind ja auch schon etabliert, nicht nur bei Lebensmitteln. Klarheit zu der wachsenden Anzahl von Labels schafft inzwischen auch eine ständig aktualisierte Webseite.

Wenn man den ministeriellen Verlautbarungen Glauben schenkt, dann leisten 25 Millionen Menschen auch für nach Deutschland importierte Produkte Zwangsarbeit; darin sind 75 Millionen Kinder (jünger als 12 Jahre) nicht inbegriffen, die unter das Stichwort „Kinderarbeit“ fallen. Diese Zahlen bleiben abstrakt; deswegen ist eine Verdinglichung zur Vermittlung genau richtig. Es wird kaum möglich sein, sämtliche Lieferketten „dahinter“ zu untersuchen und zu überwachen, in denen mittelbare Zulieferer vertreten sind. Diese sind nach dem eigenen Geschäftsfeld und den unmittelbaren Zulieferern auf einer dritten Stufe anzusetzen, wenn es um menschenwürdige Arbeitsbedingungen geht.  Der Bundesarbeitsminister ist sich dessen bewusst, wenn er in einem „Arbeitsgespräch“-Podcast sagt:

Das Bemühen zählt beim Lieferkettengesetz, nicht der Erfolg, das ist der juristische Unterschied.

Der Aspekt der Nachhaltigkeit ist hier zentral; er bezieht sich auf den Produktions-faktor Arbeit, hinter dem ein zu würdigender Mensch steht. Grundsatz ist der erste Satz des Grundgesetzes, der eben nicht nur im Inland Anwendung finden soll. In einer globalisierten Welt ist die Würde des Menschen nur dann glaubwürdig unangetastet, wenn Handelsvorteile nicht auf Kosten von humanitären Missständen gehen.

Empfehlenswert ist die Vorstellung des Lieferkettengesetzes (Link 1) und der erwähnte Gesprächspodcast mit dem Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und dem Unternehmer und Koch Ole Plogstedt, zu dem auch eine Druckfassung vorliegt. Hintergrundinformationen zu den Plakaten werden auch gegeben, wozu auch ein Wissenstest gehört. Sämtliche „Arbeitsgespräche“ mit dem Bundesarbeitsministerium sind hier aufgeführt.

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