Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Kategorie: AufgeSchnappt. Seite 1 von 3

Episoden querbeet aus dem Leben, unvorhersehbar, meist einzigartig, da sie sich in dieser Weise in ihrer Originalität nur einmal genauso darbieten.

Und gut is‘ – Über neuartiges Sprachgut

Früher hörte ich meine Großmutter am Telefon sagen: „Ja, is‘ gut!“. Zumindest habe ich diese Worte von ihr in meiner Erinnerung abgelegt. Damit bestätigte sie nur, dass ich zu einer bestimmten Zeit, etwa zur Teestunde, vorbeikommen könnte.  Also zu einer wahrlich guten, passenden Zeit.

Das Gute kann manchmal auch bloß ausreichend sein: Laut dem Online-Nachschlagewerk OWID, betreut vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, ist seit den Nullerjahren die verwandte Wendung „Und gut is‘“ im Gebrauch. Umschrieben wird sie folgendermaßen:

es ist ausreichend, man sollte es dabei belassen

Der „Belegblock“ legt nahe, dass die Wendung schon vor dem Jahr 2000 existierte. Vielleicht ist sie ja entscheidend dadurch beflügelt worden, dass kurz vor der Jahrtausendwende Berlin Bundeshauptstadt wurde. Ich kann mir lebendig vorstellen, dass die vorwiegend in der mündlichen Sprache kursierende Floskel dort, wo massiv investiert wurde, in die Lande exportiert wurde. Besser lässt sich alltagstaugliche Schnoddrigkeit einfach nicht in Worten ausdrücken.  In einem Geschäft könnte die Geburtsstunde (zumindest die in Lettern dokumentierbare) geschlagen haben, wenn man sich folgenden Beleg anschaut:  

[eine] Verkäuferin, die mich an der Kasse eines […] Lebensmittelmarktes ungehalten auffordert, beim Einkauf nicht so viele verschiedene Mineralwasser zu wählen: „Nehm ’se sich ’ne Kiste von einer Sorte und gut is‘. Da kommt man ja ganz durcheinander mit den Preisen und is‘ doch sowieso alles die gleiche Plempe.“ (taz, 14.05.1999)

Am 09.08.2022 verwendete eine Variante, nämlich „Und fertig is‘“,
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in einem Fernsehinterview im ZDF-heute-journal, als es um das sensible Thema der im Herbst 2022 neu zugelassenen Impfstoffe ging. Spätestens seit diesem Interview ist mir klar, dass dieser Phraseologismus in der deutschen Sprache etabliert ist. Im größeren Kontext verwendete der Minister das Adjektiv ‚simpel’ in der Absicht, für mehr Klarheit zu geplanten Schutzregeln in Verbindung mit dem Impfstatus-Nachweis zu sorgen.

An was lässt mich diese Wendung noch denken? Spontan fällt mir ein Instant-Getränk ein, das auch nach dem Motto „Und fertig ist es“ zubereitet werden kann. Es geht darum, möglichst schnell zum Ergebnis zu kommen, ohne dass der Prozess sich zu lange in die Länge zieht.  Es schwingt ein gewisses Genervt-Sein mit hinein, dass auch im zitierten Beleg schön herauskommt.

Für mich bleibt es merkwürdig, dass das mickrige, semantisch leere und dazu noch dialektal markierte „is‘“ an das Ende eines Hauptsatzes gestellt wird, ohne jegliches Pronomen oder Substantiv. Was ist eigentlich gut? Man scheint das Urteil des Gegenüber vorweg zu nehmen.  Dass ‚gut’ bzw. ‚fertig’ eine gewisse Simplizität beanspruchen (in einem gewissen Äußerungs-Moment), macht die Sache auch nicht leichter. Auch dieses Belassen von etwas ist trügerisch: Understatement oder Bescheidenheit klingt jedenfalls anders (der Ton macht die Musik!). Das „gut“ ist deswegen als Urteil mehr als fragwürdig. Es wird entwertet, denn es klingt nach: Hauptsache, etwas ist ‚fertig’. Klar, wenn etwas fertig ist, dann können wir sagen: Gut so! Eine Erledigung, mag sie noch so banal sein, ist produktiv! Scheint in „Und gut is‘“ nicht auch  „Es reicht!“ durch, was wiederum Ärger ausdrückt? Das Verb ‚reichen’ reicht eben nicht immer aus, um jemanden zufrieden zu stellen. So wie im Belegbeispiel: Gut ist es, wenn ich jetzt die Sache (also den Getränkeeinkauf) beende, es reicht! Alternativ ließe sich noch sagen: Punkt. Aus. Ende.

Im erwähnten Fernsehinterview ist die Wendung „Und fertig is‘“, bei 5’40“ zu hören.

„Durch die wilde Mitte Österreichs“ – Gedanken zum Luchs Trail

Die offizielle Devise lautet: „Durch die wilde Österreichs“. Wildnis  ist demnach das Schlagwort des seit 2019 bestehenden Luchs Trails,  auf dem ich vom 27. Juli bis zum 01. August 2022 zusammen mit meinem Bruder wanderte. Über das Panorama-Magazin des Deutschen Alpenvereins bin ich dank eines Artikels von Axel Klemmer im Jahr 2020 auf ihn aufmerksam geworden. Der Weg verläuft insgesamt durch drei österreichische Bundesländer; wir liefen die ersten sechs Etappen von Reichraming (ca. 20 km südlich von Steyr im oberösterreichischen Teil des Ennstals) bis nach Gstatterboden bei Admont, wo wir die Enns im steirischen Teil wieder in der Nähe hatten. Mit dem Rad kann man beide Orte an einem Tag verbinden; der Weg führt den Wanderer auf dieser ca. 100 km langen Teilstrecke durch die beiden Nationalparks „Kalkalpen“ und „Gesäuse“, die zum wichtigen Habitat des Luchses gehören. Durch einen kleinen Obolus trägt man im Falle einer Buchung bei den „Trail Angels“ auch zum Schutz dieser scheuen Wildkatzenart bei, die sich natürlich nicht vor unseren Augen im (Buchen-)Wald zeigte.

Auch Engel sind eher im Verborgenen tätig: Es wurden im Angebotspaket ganz unterschiedliche Unterkünfte (inkl. Halbpension) zusammen mit Gepäcktransport ausgewählt. So waren wir in Gasthöfen, im Matratzenlager auf Almen und einmal in einem Admonter 4-Sterne-Hotel („Spirodom“) untergebracht, so dass kein gewöhnlicher  Standard auf uns wartete. Und genau das macht ja das Reisen aus: Besondere Momente soll es geben, nicht nur angenehme.

Zahlreiche gab es tatsächlich davon auf dem Weg, die man kaum durch Bilder dokumentieren kann. Hier nur ein paar davon:  Eine Anliegerin namens Zita („wie die letzte Kaiserin“) erzählte von ihrer reichhaltigen Ernte („10 Kilo Tomaten und 21 Kilo Gurken“) , ein plötzlicher Bremsenangriff, den wir mit der zivilen Defensivwaffe „Anti Brumm“ ganz gut abwehren konnten; eine „Panoramadusche“ auf der Anlaufalm (nach der 1. Etappe)  im Reichraminger Hintergebirge, die im Freien zusammen mit Kaltwasser die luftigste Erfrischung war, die man sich nach einem achtstündigen Tag vorstellen kann; eine völlig verwaiste Laussabaueralm (nach der 2. Etappe) am Hengstpass, wo die Stille zusammen mit der abendlichen Brise hinein in die geöffneten Fenster eine unwirklich spürbar war, da man es einfach nicht gewohnt ist, stundenlang allein auf einem fremden Privatgrundstück zu verweilen und wir die charmante Wirtin Sieglinde Baumann erst nach Einbruch der Dunkelheit antrafen. Die nachmittägliche Brotzeit wirkte zum Glück bei mir noch nach; an jenem 28.07. fiel das Abendessen einfach aus: Sei’s drum, es gab genug „flüssig Brot“, gekühlt im Brunnen!

Hier ist nicht der Platz, den Weg näher zu beschreiben, die Luchs Trail-Homepage ist dafür genau die richtige virtuelle Anlaufstelle.  Ein Bild pro Tag möge genügen:

Reichraming
In Reichraming, am Start des Luchstrails (an der Eisenbahnbrücke kommen die Enns und der Reichramingbach zusammen)
Anlaufalm
Almgelände der Anlaufalm auf etwa 1000 m Seehöhe (im Hintergrund die Gesäuse-Berge)
Haller Mauern
Ortsteil von Hall mit den Haller Mauern, der Gebirgskette, an deren Flanke das Admonter Haus auf gut 1700 m Höhe liegt
Klinkehütte
Klinkehütte auf etwa 1500 m, unterhalb des Admonter Kalbling (2196m) im Nationalpark Gesäuse
Mödlinger Hütte
Oberhalb der Mödlinger Hütte (ca. 1500m), dahinter der Admonter Reichenstein (2251m); links daneben: Admonter Kalbling und Sparafeld
Enns
Die Enns mit dem Admonter Reichenstein

Der Weg lässt sich gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen (Reichraming besitzt sogar von Linz aus S-Bahn-Anschluss) ; Gstatterboden ist mit dem Bus mit dem IC-Bahnhof Liezen verbunden. Allgemein ist jedoch ein Auto zu empfehlen, wenn Gipfeltouren in den Nationalparks geplant werden.  Dieses Gipfelerlebnis ist zwar auch auf dem Luchs Trails möglich (zum Beispiel werden zwei Kogel auf der 5. Etappe „bezwungen“), jedoch werden die prominenten Berge des geheimnisvoll entrückten „Gesäuse“, die es durchaus mit gewissen Dolomitengipfeln aufnehmen können, nur in den Blick, nicht in den Angriff genommen. Die Charakteristik des Weges ist also moderat, jedoch ist die angegebene Marschzeit oft zu knapp bemessen:  Sieben Stunden für 21 km (2. Etappe) kann man beispielsweise bei über 1000 Höhenmetern schaffen, doch nur dann, wenn keinerlei Pause eingeplant wird oder man sich sehr athletisch fortbewegt. Bei Wärme und Gepäck ist das nahezu unmöglich; auch der Warnhinweis „Vorsicht bei Nässe und Höhenangst“ hinunter von der Anlaufalm hinunter zum Hintergebirgsbach ist unbedingt ernst zu nehmen. Selbst bei trockenem Wetter fühlten wir uns nicht gerade sicher auf diesem steilen Wegeabschnitt, was auch daran liegen kann, dass nach zwei Jahren Pandemie gewisse Wege von der Natur partiell zurückerobert werden. 

Im wahrsten Sinne des Wortes sind liegengebliebene Bäume einfache Hindernisse.  Das schwierigere Hindernis ist sicher das Mentale. Sechs Tage hintereinander wandern zu wollen ist nicht selbstverständlich. Und doch gibt einem der gesunde Körper das Vermögen mit auf den Weg, durchhalten zu können. Er hat oftmals genug Reserven; wenn genug Wasser aufgenommen wird, sollte bei durchschnittlicher Kondition kein Einbruch kommen. Wir hatten durchweg gute Wetterbedingungen; bei schlechtem Wetter wird man nicht auch daran gehindert, mal eine Etappe ausfallen zu lassen. Das meinte auch zurecht Gottfried Härtel, Wirt des Admonter Hauses: Nur weil man Anspruch auf eine Buchungsleistung hat, sollte man niemals diese „auf Teufel komm raus“ (diese Wendung kommt mir angesichts bestimmter Wetterküchen in den Sinn) einlösen wollen.  Mut und Verstand müssen zusammen passen; auch das gilt für den eher harmlosen Luchs Trail. Wenn bei sechs Etappen eine davon sprichwörtlich „ins Wasser fällt“, sollte man damit gut leben können. Und gewisse Defizite (teils spärliche Ausschilderung) lässt man einfach links liegen; die Wege-Engel halten ganz gewiss die Stellung über den heißen Draht, sprich: über eine Hotline!

Informationen zum Weg und zu Buchungen sind über die Luchs Trail-Homepage möglich. Informationen zum Nationalpark Kalkalpen und zum Nationalpark Gesäuse sind auch hilfreich.

Ein Kurzausflug auf die Schiene – Über eine Fahrt mit der Wisentatalbahn

Das Jahr 2022 wird noch lange in Erinnerung bleiben: Die Stichwörter „Tankrabatt“ und „9-Euro-Ticket“ sind unter anderem für mich schon jetzt Kandidaten für das Wort des Jahres. Als Anfang Juni diese Vergünstigungen im wahrsten Sinne des Wortes in den Verkehr kamen, zahlte ich gerne extra: Auf der Wisentatalbahn gab ich 8 Euro für eine Fahrt aus, und ich fühlte mich mit diesem Preis so richtig glücklich.

Wisentatalbahn
Fahrkarte für die Wisentatalbahn

Ich nahm an dem Tag gegen 17 Uhr den letzten Schienenbus, der sich von Schönberg im sächsischen Vogtland (Bahnhof auf der Strecke Hof-Zwickau) auf den ca. 16 Kilometer langen Weg ins thüringische Schleiz machte. Im Grunde waren außer mir nur Vereinsmitglieder und -sympathisanten an Bord, die sich mit großem Engagement seit 2007 um die reaktivierte Wisentatalbahn kümmern. Sie sorgen sich auch um das leibliche Wohl ihrer Fahrgäste. Aufgrund des leeren Wagens durfte ich direkt hinter dem Lokführer Platz nehmen – direkt neben meinem aufgehängten Fahrrad. Das war eine große Freude für mich! Die Leere erschien bizarr angesichts der oft überfüllten Regionalzüge an jenem Pfingstwochenende.

Langsamfahrstelle
Abzweig von der Hauptstecke Hof-Zwickau (Langsamfahrstelle!)
Freies Plätzchen
Ein freies Plätzchen direkt hinter dem Triebfahrzeugführer!

Man merkt es bereits an der Homepage und den ausliegenden Flyern an, dass hier Eisenbahnliebhaber mit Leidenschaft am Werk in einer Region sind, die touristisch unterbelichtet ist. In einem Sommer mancher Engpässe ist es auch ein Vorteil, dass trotz des naheliegenden „Thüringer Meers“ (Bleilochtalsperre) und Schloss Burgk der Ort Schleiz überregional unbekannt ist, obwohl er auf der Autobahn A9 eine eigene Ausfahrt besitzt.

Drei bis viermal am Tag fahren meist zweimal im Monat jeweils samstags die Uerdinger Schienenbusse aus den 1950er Jahren auf der idyllischen Strecke, die von der Deutschen Regionaleisenbahn (DRE) gepachtet wurde.  Jeder einzelne Zug muss, auch wenn kein Gegenverkehr zu erwarten ist, in Kommunikation mit dem Fahrdienstleiter in Pretsch an der Elbe (Sachsen-Anhalt) stehen, der auch andere Nebenbahnen beaufsichtigt, die nicht von der Deutschen Bahn betrieben werden.

Die Rangierfahrt in den Lokschuppen wurde mir am Fahrtende kurz vor Schleiz auch gezeigt. Ich staubte anschließend die letzte Frikadelle ab und schwang mich bei angenehmen Temperaturen aufs Rad.  Dafür brauchte ich gutes Kartenmaterial, da ein lückenloser Radweg zum Startpunkt nicht ausgeschildert ist. Das konnte ich auch nicht erwarten. Hauptsache, ich machte mir ein schönes Bild von der Landschaft. Manchmal sind es 2-3 Aufnahmen, die in Erinnerung bleiben. Im Nachhinein muss ich sagen, dass die Strecke Schleiz-Schönberg am besten wandernd in ca. 3-4 Stunden zurückgelegt werden kann.  Es rollt sich einfach nicht so gut im recht langen Waldstück zwischen Oberböhmsdorf und Mühltroff.   Wer auf den Europäischen Bergwanderweg  (EB) gerät, der ist ganz sicher gut unterwegs. Auf der Karte ist die „Alte Mühltroffer Straße“ zur Orientierung gut. Ein malerischer Ausblick zwischen Wald, Feld und Gewässer steht für die Freude, das Abendlicht von seiner schönsten Seite zu erwischen:

Abendstimmung
Abendstimmung einige Kilometer südöstlich von Schleiz (bei Oberböhmsdorf)

Nachdem die Fahrt es am späteren Nachmittag losging, fühlte es sich geradezu kurzweilig an, wieder gegen 20 Uhr zurück am Auto in Schönberg anzukommen. Das Abendlicht ist an langen Sommertagen besonders wertvoll, weil es so lange vorherrscht und man gerade bei Sonnenschein noch mehr die Ruhe der Region genießen kann.  Zudem ist es ein zusätzlicher Luxus, dass das Auto unweit des Bahnhofsganz ohne Fahrplan auf mich wartet.  Und auch die Rückfahrt hielt noch die eine oder andere Entdeckung bereit….

Samt und sonders: Ein Allerlei von vermeintlich Naheliegendem

Kann das Sonderbare nicht auch naheliegend sein?

Diese Frage lässt sich wohl nicht ganz ernsthaft beantworten. Mich interessiert das Wort „naheliegend“, weil das scheinbar leicht zu Erklärende auch eine topographische Komponente hat: Die buchstäblich nahe Lage ist eben trügerisch, wie wir sehen werden. Denn manchmal überwiegt gerade in der vermeintlichen Selbstverständlichkeit das Unverständliche, das sogar als sonderbar aufgefasst werden kann. Drei unterschiedlich lange Miniaturen aus der Tiroler Urlaubsregion Seefeld zeugen davon:

1. Sondermarke?

Mehrere Postkarten ins nahegelegene Deutschland frankierte ich mit einfach gestalteten Postwertzeichen, auf denen über einem Blumenmotiv das Wort „Sonderpostamt“ steht. Naheliegend wäre in Zeiten offener Grenzen, teurere Postdienstleistungen ins Ausland ohne  jegliche „Sonder“-kategorie laufen zu lassen, gerade weil doch der Begriff „Sondermarke“ bereits für die Philatelie reserviert ist. Und um eine (hoch)amtliche Zustellung handelte es sich auf keinen Fall!

Sonderpostamt
Sonderpostamt aus Seefeld in Tirol (März 2022)

2. Sonderzug?

Wenige ICE-Züge mit dem Traditions(zug)namen Karwendel fahren seit 2007 (vorher gab es Intercity-Züge)  saisonal grenzüberschreitend bis nach Innsbruck, und zwar postkartentauglich direkt über die Berge und nicht durchs Inntal.  Dabei werden Höhen über 1000 m und eben auch Seefeld passiert, wo selbst-verständlich auch ein Fahrplanhalt vorgesehen ist. Höher kann man mit dem ICE nirgendwohin gelangen. Die Deutsche Bahn war nicht sonderlich angetan von der Verlängerung durch die Berge und beschloss, mit dem Fahrplanwechsel 2017/18 alle ICEs dieser Route in München bzw. Garmisch-Partenkirchen enden zu lassen. Kaum verständlich passte die eingeweihte Neubaustrecke durch den Thüringer Wald laut Bahnangaben nicht mehr zur „peripheren Strecke“ durch die Nordalpen. Zum Glück wurde dieses Vorhaben nach einem Jahr wieder revidiert und in der neuen Streckenplanung einfach der Umweg über Berlin (und den Thüringer Wald) gestrichen. Eine Alternative wäre es, gewisse Nebenstrecken aufgrund des fehlenden Umsteigeaufwands in den Premiumbereich mit aufzunehmen, anstatt sie als „peripher“ abzustempeln. Zentraler in Europa könnte die Karwendelbahn kaum liegen! Welche schönen Luftaufnahmen können hier entstehen! Allein der zufällige Anblick eines in Seefeld ausfahrenden ICEs war für mich im positiven Sinne sonderbar. Das Ungewöhnliche – ein Schnellzug  und kein Sonderzug inmitten dieser  Kulisse – sollte naheliegend sein, gerade wenn man bedenkt, dass jeder Reisende, der nicht mit dem Auto nach Seefeld kommt, besonders erwünscht sein soll. Im Frühjahr 2022 fährt samstags einzig der ICE 1207 direkt von Hamburg über Seefeld nach Innsbruck (direkt zurück fährt ebenfalls samstags ICE 1206). Ab dem Sommer 2020 wurde die Direktverbindung von Berlin nach Innsbruck (nicht über Seefeld!) als einer von mehreren neuen touristischen Fernverkehrszügenangeboten (saisonal samstags).

ICE-Tourismus
Neue touristische Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn (Stand: 2020)

3. Sonderski?

Mit dem extra für das Seefelder Loipenparadies angeschafften Rossignol Delta Sport-Skating-Ski verlustierte ich mich kilometerlang in der einzigartigen Tiroler Berglandschaft. 3 Stunden lang gab es jedoch unerwarteten Nervenkitzel: Während eines Pausenstopps an der Polis Hütte direkt an der Loipe in Leutasch entwendete augenscheinlich jemand nur wenige Meter von dem von mir in Besitz genommenen Liegestuhl meine neuen Skier samt der schon ziemlich alten Stöcke. Das konnte doch nicht wahr sein! Eine geschlagene Stunde lang lief ich wie ein verdattertes Hühnchen zwischen den Ansammlung von Stühlen und der Speisenausgabe umher, befragte Leute, schaute genau auf die Skier vieler vorbeifahrender Langläufer und hielt lautstark als eine Art Ultimatum ein schon lang anvisiertes verdächtiges Paar der Marke Atomic hoch, um danach schon hoffnungsvoll festzustellen, dass es keinem Anwesenden gehörte.  Es musste also eine Verwechslung gegeben haben! Zum Glück handelte es sich eindeutig um Leihski eines nahen Sportgeschäfts. So schnallte ich vor vielen, mich moralisch stützenden Zeugen in Liegenstühlen das fremde Damen-Skipaar an, was auch wegen unterschiedlicher Bindungssysteme nicht selbstverständlich war, und lief zügig (nicht ohne einen gewissen Umweg!) in Richtung Sport Wedl im Leutascher Ortsteil Weidach. Nein, ein Diebstahl war ausgeschlossen – dafür ist der Atomic Redster S7, laut Skiverleih ein „Top-Ski“, spürbar einfach zu gut! Mit Hilfe von Karteikarten wurde innerhalb von einer Stunde die Übeltäterin aus Berlin, die mit ihrer Familie in einer nah gelegenen Ferienwohnung logierte, ausfindig gemacht. Geduldig nahm ich in einem Ledersessel am Ladeneingang Platz und versuchte, einen Roman weiterzulesen. Als Beschallung kam passend zum Ereignis Supertramps alles andere als verträumtes Lied „Dreamer“ !  Zehn Minuten vor Ladenschluss – fast wie in einem Drehbuch – kam jene Dame mit Anhang in den Laden und entschuldigte sich mit einer kaum zu toppenden Unschuldsgeste, weil sie wohl erst jetzt verstand, dass sie einer saublöden Verwechslung aufsaß. Beide Ski-Paare sind sich auch in der Farbgestaltung trotz eines vergleichbaren Rottons nicht wirklich ähnlich (der Rossignol-Hahn hat nichts mit dem Atomic-Zacken zu tun!), ganz zu schweigen von den Stöcken. Die im Langlauf-Sport sicher Versierte hatte das physisch Naheliegende –mein Paar – einfach vom Café  von Blindheit geschlagen in Richtung Ferienwohnung geschleppt.  Das gute Ende nahm also seinen Lauf, und es kam noch besser:  Vom Ladenbesitzer wurde ich als „angenehmer Zeitgenosse“ hoch bewertet. Er hätte mich sogar von Leutasch nach Seefeld gefahren, wäre ich nicht motorisiert gewesen!  Das war für mich Genugtuung genug, so dass aus meinem Mund insgesamt nur Verständnisvolles herauskam und ich als kleines Dankeschön letztlich noch von der Mutter der (Schnee-)Blindgeschlagenen zu meinem fahrbaren Untersatz chauffiert wurde. Unterm Strich ein nachmittagsfüllendes Dramolett, in dem ein „Top-Ski“ vorübergehend für mich zu einem ungewollten „Sonderski“ wurde!

Rossignol-Skating Ski
Der eigentlich unverwechselbare Rossignol Delta Sport – Skating – Ski




Ein herzliches Dankeschön an die Familie Wedl für ihre tatkräftige Suche nach den verschleppten Rossignol-Skiern! Bei meinem nächsten Besuch in Leutasch werde ich Sport Wedl als Kunde aufsuchen!

Back to the Roots – Urlaub in den Wipfeln

Wer schon immer einmal seine ‚Wildnistauglichkeit‘ austesten wollte, sollte einen Urlaub im Baumhaushotel Wipfelglück in Erwägung ziehen.

Am Rande des schönen Spessart ragen acht kleine Baumhäuser in die ‚Lüfte‘. Vor Höhenangst braucht sich aber niemand zu fürchten.

Baumhaus Nr. 4 – Unser Platz unter den Wipfeln

Gemeinsam mit unseren beiden Hündchen verbrachten wir einen sehr erholsamen Urlaub im idyllischen Churfranken. Auch, wenn das Wetter nicht immer auf unserer Seite war, so genossen wir die Zeit und erkundeten gespannt die Umgebung. Mönchberg, das Franziskanerkloster Engelberg in Großheubach, Miltenberg, aber auch ein Abstecher nach Wertheim (Hier ging es nicht in das Outlet-Center Wertheim Village!) standen auf dem Programm.

Natürlich durfte ein Ausflug ins Bräustüble der Altstadtbrauerei Faust in Miltenberg nicht fehlen. Zum Abendessen gab es Schweinebraten, Krautsalat und Knödel und dazu das in meinen Augen beste Naturradler überhaupt; selbstverständlich aus der eigenen Brauerei. Das bleibt im Kopf!

Für eine Großstädterin, wie mich bedeutete der ‚Einzug‘ ins Baumhaus eine gewisse Umstellung. Auf wenigen Quadratmetern befanden sich eine kleine Teeküche, der Ess-, Schlaf- und Wohnbereich sowie eine kleine Toilette mit Waschbecken. Plötzlich galt es den Abwasch nicht von einer Geschirrspülmaschine erledigen zu lassen, sondern in gewohnter Campingmanier auf kleinem Raum zu tätigen.

Wer keine Lust auf das ständige Abwaschen hat und weniger einkaufen möchte, kann selbstverständlich auch Frühstück bestellen und sich dieses ans Baumhaus liefern lassen. Die fränkische Küche lässt sich prima in den umliegenden Restaurants austesten. Geduscht wurde im Wellnessbereich des zugehörigen Hotels – hier vermisste ich wahrlich nicht die Dusche im Baumhäuschen.

Unterhaltsam und zugleich romantisch wirkten zudem die Bewegungen des Baumhäuschens bei Wind (insbesondere, wenn man im Bett lag und man plötzlich etwas ins Wanken geriet) und die sanften Regentropfen an den Fenstern ein kleines Konzert spielten.

Einen kleinen Spontankauf konnte ich mir im Urlaub natürlich nicht ‚verkneifen‘. In Miltenberg kamen wir an einem interessanten Musikgeschäft vorbei, das mehrheitlich Saiteninstrumente führt. So kam ich nicht umhin, mir eine kleine Konzertukulele zu besorgen. Eine musikalisch-klangvolle und beschwingte Beratung durch den Inhaber durfte selbstverständlich nicht fehlen.

Meine kleine musikalische Begleiterin

Wie stark meine musikalischen Talente ‚eingerostet‘ sein mögen, frage ich mich. Nun wir werden sehen, welche Töne ich dem kleinen Instrument entlocken werde. Es bleibt spannend.

Familien und Paare werden hier im idyllischen Churfranken wahrlich auf ihre Kosten kommen.

Kurzum ein abwechslungsreicher Urlaub, fernab vom Großstadttrubel, um einfach mal zu entschleunigen und nicht ständig per Smartphone erreichbar sein zu müssen.

Unser Dank gilt den lieben Mitarbeiterinnen des Wipfelglücks und Frau Daniela Schmitt, die unseren Urlaub im Baumhäuschen zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht haben.

Bis zum nächsten Blog-Artikel. Mal sehen, was uns dann so begegnen wird…

Auf der Homepage und dem Facebook-Auftritt des Wipfelglücks kann man sich über die Baumhäuser sowie den Vor-Ort-Service informieren. Wer mehr über das leckere Naturradler der Brauerei Faust und das Music Center Miltenberg wissen möchte, schaut am besten auf den jeweiligen Webseiten nach. Auf der Internet-Seite des Naturpark Spessart erhält man u.a. Anregungen zu möglichen Ausflugszielen.

Mit Energie in die Fabrik – Vom Besuch der Energiefabrik Knappenrode

Gut versteckt hinter Bäumen und Wäldern, nahe des Bärwalder Sees, zur Stadt Hoyerswerda gehörend, entdeckten wir neulich auf unserem Ausflug die Energiefabrik Knappenrode. Aber wieso, werdet ihr denken, schreiben wir einen Artikel zu einer Energiefabrik. Nun, der Begriff selbst ist natürlich nicht geschützt und bevor ihr jetzt denkt: Was haben die beiden vor? Lasst euch einfach überraschen.

Immer wieder begegnen uns auf unseren Touren skurrile, aber auch sehr interessante und für viele häufig eher noch unbekannte Orte. So einer ist die Energiefabrik Knappenrode, die heute zu einem von vier Standorten des Sächsischen Industriemuseums zählt und Dauerexponate sowie Sonderausstellungen beherbergt.

Energiefabrik Knappenrode
Außenfassade der Energiefabrik Knappenrode

Kommt doch einmal mit auf einen kleinen gedanklichen Spaziergang durch die ehemalige Fabrik!

Nachdem wir das Auto abgestellt haben, lassen wir zunächst einmal unsere Blicke auf die Fassade und die Umgebung schweifen. Schnell wird klar, dieses Gebäude hat sicherlich vieles erlebt. Ich freue mich wie ein Schulkind, das mit seiner Einschulungstüte freudestrahlend seinem ersten Schultag entgegensieht, darauf endlich durch die Glastür zu schreiten. Thomas kann mir sicherlich mein dezentes Grinsen ansehen. Zunächst gelangen wir in einen großen Vorraum; die Decke ist kaum sichtbar. Natürlich ist dort auch eine Decke, aber ich vermag sie einfach nicht wahrzunehmen, so imposant erscheint mir dieses alte Backsteingebäude. Ich fühle mich so winzig und bin völlig überwältigt. Es riecht nach Kohle oder bilde ich mir das vielleicht nur ein? Der Geruch längst vergangener Zeiten, als die Energiefabrik noch Kohlebriketts herstellte. Pfeile am Boden weisen uns den Weg. Ob es wohl schlimm ist, vom Weg abzukommen, frage ich mich.

Immer wieder denke ich beim Durchschreiten der Hallen an meinen verstorbenen Großpapa. Wie muss es wohl für ihn und seine Kumpel gewesen sein, als Bergmann unter Tage gearbeitet zu haben? Ich stelle mir vor, wie eng und schmal die Gänge gewesen sein müssen. Ob die Bergmänner wohl in den Schächten stehen konnten? Vermutlich eher weniger. Ob sie wohl viel gekrochen sind, um sich fortzubewegen? Wie beschwerlich muss die Arbeit wohl gewesen sein? Kaum Licht oder frische Luft zum Atmen. Unweigerlich stelle ich fest, wie wenig ich eigentlich darüber weiß. Wieso eigentlich? Habe ich mich früher nicht richtig dafür interessiert? Habe ich es vergessen? Wie gut, dass wir hier in der Fabrik sind, denke ich.

Eindrücklich begleitet uns die Energiefabrik durch jene Zeit des Kohleabbaus und der Kohleverarbeitung; vorbei an alten Fahrzeugen, die ganz offensichtlich dem Abbau bzw. Transport der Kohle dienten; vorbei an riesigen Turbinen zur Energieerzeugung.

Kohlenzug
Kohlenzug im Außenbereich der Energiefabrik Knappenrode

In der ehemaligen Fabrik hängen aber auch Fotos. Ich blicke sie an und versuche die maskenhaften Gesichter zu entschlüsseln. ‚LOST…FACES | DELETE # COMPLETE‘ heißt die Fotoreihe, die sich u.a. der Frage widmet, welchen Wandel unser Verständnis von Arbeit durchlaufen hat.

Wie ihr seht, gibt es hier Einiges zu entdecken. Ein Besuch lohnt sich allemal und die eine oder andere Überraschung hat die Energiefabrik auch noch in petto.

Kurzum: Mit viel Liebe zum Detail schaffen die Mitarbeiter der Energiefabrik einen Raum, in dem Geschichte lebendig und erlebbar wird. Einen Ort, an dem es sich lohnt, jeden Winkel genauestens unter die sprichwörtliche Lupe zu nehmen.

Die Homepage der Energiefabrik Knappenrode und ein Fernsehbeitrag von Oberlausitz TV zur Fotoausstellung von Olaf Martens bieten weitere Informationen.

„Points of View“ – Gedanken zu einer Skulpturengruppe von Tony Cragg

Ein fünfminütiger WDR-Beitrag in der Reihe Westart aus dem Jahr 2009 sollte als Inspiration ausreichen, um sich auf den Weg zum Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zu begeben, der vom britischen Künstler  Tony Cragg zu Anfang des 21. Jahrhunderts entworfen wurde. Die denkmalgeschützte Immobilie, eine ehemalige Fabrikantenvilla, beherbergt nun die Cragg Foundation. Wie genau ich zum ersten Mal von diesem paradiesischen Kleinod hört, weiß ich nicht mehr. Im August 2021 suchte ich diesen Ort zum zweiten Mal auf, um eine Sonderausstellung zu Heinz Mack anzuschauen, dessen Werk zusammen mit Arbeiten anderer Künstler den Waldkosmos von Cragg noch weiter anreichert. 

In Erinnerung wird am Rande einer weiteren Cragg-Skulpur ( „Ever after“ ) ein kurzer Dialog bleiben, der von einer Besucherin ausging, von der ich mitsamt ihrem Begleiter ein Foto machen sollte:

Besucherin: „Haben Sie einen Augenblick Zeit für uns?“

Ich: „Ja.“

Besucherin: „Ich würde Sie gern interviewen. Nein, das war nur ein Spaß. Würden Sie uns fotografieren? Das ist zwar nicht die Traumskulptur…“

Ich: „…Aber mit Ihnen gewinnt die Skulptur an Wert.“

Solche kurzen Szenen sind manchmal genauso so geistreich wie Kunstwerke; sie drücken die Auseinandersetzung mit dem wahrgenommenen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt auf originelle und ganz und gar erfrischende Weise aus. In einer Welt, die durch Selfies noch stärker auf das Ich verweist und das Gegenüber so gut wie vollständig ausblendet, ist dies eine Begebenheit, die auch etwas Berührendes hat. Tony Cragg hätte hier wohl auch geschmunzelt. Ich merkte bei meinem neuerlichen Besuch, dass die Besucher um mich herum sich aufgeschlossen auf den Park einließen, darin verweilten und sich mit dem mitunter schwer Zugänglichen beschäftigten. Auch für Familien ist dieser Ort etwas Wunderbares.

Die im Beitrag gezeigte Skulpturengruppe mit dem schönen Titel Points of View fiel mir schon bei meinem ersten Besuch 2012 auf. Kurioserweise sind sie nach meinem zweiten Besuch um eine zweite Assoziation reicher, nachdem ich wenige Tag später zum ersten Mal das Wort Triell vernahm. Dieses Fernsehformat anlässlich der Bundestagswahl 2021 benötigt drei Kandidaten mit drei Standpunkten, so wie auch die drei Bestandteile der Skulpturengruppe Standpunkte vertreten könnten:

Points of View
Tony Cragg: Points of View (2002)

Ob den Triellen etwas mehr rhetorische Ausdruckskraft fehlte? Hierüber ist es wohl müßig nachzudenken, da Rhetorik als ausgefeilte Redekunst in derlei Fernsehformaten nicht an erster Stelle steht. Das häufige Wiederholen von bereits geäußerten Standpunkten macht es geradezu unmöglich, innovative Wortbeiträge abzugeben, unabhängig vom politischen Spektrum.

Die fließenden Konturen von den Points of View, die sich kühn in die Höhe ranken, haben etwas Erhabenes und gleichzeitig auch etwas Verspieltes. Ihnen ist das Perspektivische eingeschrieben, da von jedem anderen Blickwinkel diese Skulpturen etwas neu zu Erfassendes bieten.  Jede Ausrichtung birgt Überraschungspotenzial, da man keine frontale Beobachterposition einnehmen kann. In meinem Winkel sind nicht alle drei Einzelskulpturen gleichermaßen sichtbar, was natürlich nicht beabsichtigt war. Und doch trifft dies auf eine gewöhnliche Beobachtung zu: Man hat kaum drei oder mehr Perspektiven im Blick, sondern maximal Pro und Contra. Dass oft noch weitere Standpunkte dazukommen, wird oft vernachlässigt.

Tony Cragg wird Wuppertal wohl zeit seines Lebens nicht mehr los. Gut so. Wenn man seinen „Waldfrieden“ gesehen hat, wird man auch die Enge von Wuppertal mit (horizont-)erweiternden Perspektiven gesehen haben. 

Im hintersten Winkel der Republik: Über einen Kurztrip in die Oberlausitz

Von Westen aus gesehen ist für viele Urlauber jenseits von Dresden und der benachbarten Sächsischen Schweiz kein Platz mehr für Entdeckungen. Fernzüge aus Frankfurt enden allesamt in „Elbflorenz“. Die Region bis zur polnischen Grenze bleibt für viele Terra Incognita. Höchstens wird aufgrund der überragend restaurierten und denkmalgeschützten Altstadt Görlitz an der Oder erwähnt. Bautzen kenne ich vom Namen schon lange wegen des ehemaligen Stasi-Gefängnisses, das ich bereits 2009 auf der Durchreise besuchte.  Schon damals dachte ich mir, dass die Stadt zu Unrecht so unbekannt bzw. verkannt ist. Jedenfalls erscheint die Stadt „aufgeräumt“, wie man so schön sagt. Zittau ist wohl die entlegenste Stadt Deutschlands. Selbst von Dresden aus schafft man es garantiert nicht in einer Stunde, dorthin zu kommen. Wer sehr schnell unterwegs ist, braucht zumindest 90 Minuten. 2019 besuchte ich das benachbarte Zittauer Gebirge, das von der Silhouette eine besondere Aura ausstrahlt. Ich kenne kein Mittelgebirge in Deutschland, das sich so schön im wahrsten Sinne des Wortes abzeichnet. Die Linie, die den Kamm des Gebirges bildet, ist aus der Ferne so schön geschwungen, dass sie wie eine unverwechselbare Signatur daherkommt. Auch wenn die Erhebungen der Sächsischen Schweiz öfter auf Leinwände gebannt sein mögen, so ist der hinterste Winkel Deutschlands lauschiger und geheimnisvoller. Besondere Felsformationen gibt es dort übrigens auch.  Dass der höchste Gipfel (793m) des Zittauer Gebirges Lausche (tschechisch: Luž) heißt, ist dabei eine schöne Pointe.  Seit dem Sommer 2020 gibt es auf dem Gipfel auch einen beachtlichen Aussichtsturm. Die im Gebirge gelegenen Orte Oybin (mit ehemaliger imposanter Burg- und Klosteranlage) und Jonsdorf könnten gewiss einen Bildband füllen, bestehend aus den regionaltypischen, dekorativ aussehenden Häuserfassaden. Für touristische Highlights der Region verweise ich gerne auf einen Reiseblog.

Als Übernachtungsmöglichkeit empfehle ich den Gutshof Schirgiswalde, der all das bietet, was man für einen Kurzurlaub braucht. Ein junges, dynamisches Team, das den Austausch der Anonymität vorzieht, bietet dort seit 2020 elf Ferienwohnungen unterschiedlicher Größe an. Zum Entspannen gibt es draußen und drinnen mehr als genug Platz. Pferdestall und -koppel nebenan erlauben überdies wertvolle Begegnungen zwischen Menschen und Tier. Dieser Rückzugsort kann auch als „Location“ herhalten: Ein Hochzeitspaar erzählte mir, dass es tags zuvor auf dem Gutshof gefeiert und die ganze Festgesellschaft vor Ort untergebracht habe, was in der Region nur an wenigen Unterkünften möglich sei. Der Frühstücksraum ist in der Tat ideal für größere Veranstaltungen, ohne dass gleich von Events die Rede sein muss.

Gutshof Schirgiswalde
Gutshof Schirgiswalde, von der Einfahrt aus gesehen.

Schirgiswalde ist neben seiner idyllischen, hügeligen Lage mit dem auffallenden Eisenbahnviadukt und den malerisch in ihre Umgebung eingebetteten Sakralbauten auch ein strategisch günstiger Ort, da man von dort leicht in alle Richtungen (eine knappe halbe Autostunde südlich von Bautzen) kommen kann. Sehenswert ist auch im Hinblick auf die immer noch bestehenden Tagebauaktivitäten im nördlichen, flachen Teil der Oberlausitz die Energiefabrik Knappenrode, wo bis in die 90er Jahre Briketts hergestellt wurden.

Schirgiswalde
Schirgiswalde von oben (Panoramablick)


Zum Schluss noch ein kulinarischer Tipp.  Ca. 3 km entfernt gibt es in Sohland an der Spree direkt an der B98 das „Brauhaus am See“, das mit „Zippel-Bier“ aufwartet. Von Donnerstag bis Sonntag ist es geöffnet. Wenn man bedenkt, dass es weit ab von wirklich großen Ortschaften liegt, zählt es auf Laufkundschaft auch von weither. Möge das Unternehmen ein glückliches Händchen haben!

Vielen Dank an den Gutshof Schirgiswalde für die eine oder andere wertvolle Information und natürlich die Gastfreundschaft. Mehr Informationen zu dieser außergewöhnlichen Unterkunft sind in einem anderen Blog zu finden.

Die unerhörten Stimmen

Als bis etwa Mitte 2020 An- und Durchsagen auf deutschen Bahnsteigen recht blechern klangen, lag dies an einer schwer erträglichen Computerstimme. Diese hat endlich ausgedient. Nun hat die Stimme des Profi-Sprechers Heiko Grauel das Zepter übernommen; womöglich werden Bahnreisende seine Stimme Jahrzehnte lang hören.

In Österreich hat die Moderatorin, Autorin und ehemalige Fernsehansagerin Chris Lohner die Stimm-Rechte für die ÖBB inne. Mit einer mehrjährigen Unterbrechung durch eine Computerstimme, die scherzhaft „Petra aus Cottbus“ genannt wurde, hört man sie schon seit Ende der 1970er Jahre an den Bahnsteigen und in den Zügen. Und laut ÖBB ist Lohners Vertrag auf Lebenszeit geschlossen. Wie Lohner auf „köstliche Erfrischungen “ im OBB-Bordrestaurant hinweist, ist allein von der Stimmführung köstlich und erfrischend zugleich!

Nun habe ich also die digital aufgezeichnete dialektfreie Stimme des Hanauers Grauel, der natürlich Hessisch beherrscht, gegenüber der österreichisch gefärbten Chris Lohner im Ohr. Zum Glück ist die Stimmführung jeweils natürlich, so dass ich mich einfach wohler auf Bahnsteigen fühle als früher. Und doch kommt mir die Profi-Stimme von Grauel, der sich in einem Casting vor Hunderten Mitbewerbern durchsetzen konnte, gegenüber Lohners Stimme merkwürdig unauffällig vor. Woran liegt das? Mir scheint es, als ob Grauel die Sprecher-Rolle übernimmt, während Lohner sich wie eine Ansagerin anhört. Ihre Stimmführung kommt insgesamter mir charmanter und nuancierter vor, wohl auch deswegen, weil ihr Deutsch österreichisch gefärbt ist.

Ein weltweiter Zusammenschnitt von Bahnhofsdurchsagen würde eine enorme Vielfalt an den Tag bringen: Welten liegen (zumindest bis Ender der 2010er Jahre) beispielsweise zwischen den französischsprachigen und den slowakischen Durchsagen, die mir beide recht vertraut sind. Die eine ist extrem poetisch-klangvoll, die andere hart-herrschaftlich. Das liegt sicher nicht an den Sprachen oder am Geschlecht, sondern an der Intonation der beiden Sprecherinnen. Ich bin froh, dass man keine Einheits-Stimme für ganz Europa wird suchen wollen.

Es ist eine Herausforderung, Stimmen natürlich „herzustellen“. Die Digitalisierung macht es möglich, aus einem mit Sprachbausteinen gefüllten Setzkasten unendlich viele Wörter schöpfen zu können. Doch erst mit einem Schöpfer bzw. einer Schöpferin dieser Bausteine kann dies optimal realisiert werden. Der Mensch steht hier ganz klar vor der vervielfältigenden Technik.

Durchsagen an Bahnhöfen werden nicht aussterben, anders als Ansagen im Fernsehen, die seit den frühen 2000er Jahren nicht mehr zum Programm gehören. Die Dosis ist entscheidend: Keinem Fahrgast bringt es etwas, wenn eine im wahrsten Sinne des Wortes gut abgestimmte Geräuschkulisse zu einer Dauerbeschallung wird. Mag man noch sehr vertraut mit dem Smartphone sich durch die reale Welt navigieren, wäre eine Totenstille an Bahnhöfen auch nicht erwünscht. Es macht einen Unterschied, ob man akustisch darauf hingewiesen wird, dass ein Zug einfährt, gerade wenn es noch zu einem spontanen Gleiswechsel kommt. Nicht jede Information ist digital sofort verfügbar, so dass irgendwie nachgeholfen werden muss.

Ein akustisches Flair braucht ein Bahnhof, nicht nur ein visuelles. Der Begriff Sound-Design zeigt schon an, dass der Zufall kein guter Kooperationspartner ist. Eine Marke besticht häufig auch durch eine unsichtbare Kompetente. Heiko Grauel und Chris Lohner werden in den 2020er Jahren zu einem gewissen Bahn-Image beitragen. Je weniger Verspätungen und Zugausfälle es geben wird, desto angenehmer wird man die Durchsagen empfinden, unabhängig von der Stimmqualität.  Freuen wir uns auf neue stimmige, vor allem auch über live von einer bestimmten Leitstelle produzierte Beiträge, für die es einfach keine Standards geben kann und die nicht auf der Strecke bleiben sollen.

Repräsentative Stimmproben und ein Kurzporträt von Heiko Grauel geben einen näheren Eindruck. Demgegenüber lohnt sich die Lektüre eines Die-Presse-Artikels zu Chris Lohner und ihrer Stimm-Leistung für die ÖBB (inkl. Hörprobe im Vergleich zu „Petra aus Cottbus“) . Zuletzt gibt es Hinweise zum Ende 2020 eingeführten neuen ÖBB-Gong, der ja auch zu den Durchsagen gehört.

Umwegskultur ohne Umschweife

Als sich die Bundeskanzlerin Ende April 2021 mit Kulturschaffenden im Rahmen eines „Online-Bürgerdialogs“ austauschte, fiel ein unscheinbarer und doch bemerkenswerter Satz, den man bei Deutschlandfunk Kultur am 27.04.21 gegen 17.25 Uhr im O-Ton während eines dreiminütigen Berichts zu diesem Gespräch hören konnte:

Der Mensch fällt ja nicht aus dem Bett direkt ins Theater.

Auf einer nachmittäglichen Radtour hatte ich genug Zeit, genüsslich über diese Aussage nachzudenken, die ja eigentlich als Argument gedacht war. Der Gesprächskontext bezieht sich auf die Notwendigkeit, trotz ausgeklügelter Konzepte den Kulturbetrieb weiterhin weitgehend geschlossen zu halten, was erst in diesen Maitagen in einigen deutschen Landkreisen endlich der Vergangenheit anzugehören scheint. Die hier wörtliche Bedeutung von ‚ausfallen’ lässt mich schmunzelnd und zugleich ein wenig betrübt an ‚Ausfall’ denken, denn hiermit wird ja gerade der Veranstaltungsbereich assoziiert.  Keiner kann genau aufzählen, wie viele Veranstaltungen in den letzten Monaten ausgefallen sind.

Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg ist einer der stillen Stars, die die Republik als Geistesgrößen im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Seine Gedanken sind oft ohne Umschweife scharf formuliert. In seinem Band Die Sorge geht über den Fluss gibt es einen kurzen Text namens „Umwege“, den ich mit dem Satz der Bundeskanzlerin in Verbindung bringen möchte. Die ersten vier Sätze lauten:

Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren. Gingen alle den kürzesten Weg, würde nur einer ankommen. Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendliche viele Umwege. Kultur besteht in der Auffindung und Anlage, der Beschreibung und Empfehlung, der Aufwertung und Prämiierung der Umwege.

Die Bundeskanzlerin hat definitiv einen wahren Satz gesprochen. Ums ins Theater zu gelangen, müssen wir Umwege in Kaufe nehmen. Und diese Umwege verlangen nach Mobilität. Eines der wichtigsten Credos dieser Tage heißt, dass wir unsere Mobilität einschränken müssen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Hierbei frage ich mich allerdings, ob gerade Theateraufführungen viele Menschen zusammenbringt. Im Herbst 2020 war es ja eher ein Husch-Husch hinein in die Aufführung und ein Husch-Husch hinaus ins Freie, da partout Geselligkeit vor und nach der Aufführung vermieden werden wollte. Austausch zum Dargebotenen war jedenfalls unerwünscht. Letztlich kann sich die Politik auf den von Merkel erwähnten Gleichbehandlungsgrundsatz berufen: Ein Theaterabend ist damit (leider) genauso zu behandeln wie ein Clubabend.

Was hätte Blumenberg zu Streaming-Angeboten gesagt? Wäre das nicht Kultur ohne Umwege? Etwa vom Bett aus Theatergenuss zu erleben?  Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass körperlich erfahrener Kulturaustausch ohne die Umwege des Reisens wirklich undenkbar ist; da können Videokonferenzsysteme noch so ausgeklügelt sein. Hingegen ist es eine sehr große Errungenschaft, dass viele Unternehmen im Jahre 2020 in meist virtuellen Diskussionsumgebungen sehr gute Gewinne erzielen. Das kann nicht ohne das Vorliegen einer vernünftigen Diskussionskultur möglich gewesen sein. Auch Lernkulturen können ziemlich gut online geformt und gefestigt werden. Doch gibt es hier keinen Widerspruch zu Blumenberg, denn Umwege sind auch in der Klick-Welt nachspürbar. Sie müssen heute nicht unbedingt geografisch verstanden werden. Das ist wohl der Zugewinn zum 20. Jahrhundert, dass wir eine Recherche zu recht großen Teilen offline und online vornehmen können.  Und klar ist, dass es niemals eine Recherche auf direktem Wege geben kann. Ein Marcel-Proust-Fan könnte hierzu sicher vieles sagen, und bei Angela Merkels Begeisterung für das Opernwerk von Richard Wagner wird auch mitschwingen, dass man gerade den Ring des Nibelungen als Plot ohne gewisse Ausschweifungen kaum (er)fassen kann und möchte. Konzise Kürze dient der Vernunft, doch Blumenberg spricht am Ende des Textes auch explizit von den „Existenzen der epischen Literatur“, die er als „Nutzungen“ von Umwegen ansieht. In jedem Fall trägt die „Umwegskultur“ zur „Humanisierung des Lebens“ bei.  Nun, Kulturschaffende sind auch Wegebereiter. Das ist mehr als nur kreativ zu sein. Sie schaffen Überfluss im Sinne der „Ausschöpfung der Welt“ und sind damit keinesfalls überflüssig. Erschöpfung hat jedenfalls andere Ursachen.

Blumenbergs Textwelten, darunter auch „Umwege“, lassen sich u.a. im Suhrkamp Verlag entdecken.

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