Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

Kategorie: AufgeLesen.

Kunterbunte Episoden aus Schriftstücken, die mich beschäftigen und mitunter auch faszinieren. Unerhörtes, Unglaubliches; einfach nur zum Staunen.

Adel ganz ohne Tadel – Gedanken zu Marie von Ebner-Eschenbach

Am 10. März stiefelte ich bei Dauerregen durch Leipzig, um auf Bücherjagd zu gehen. Ich hatte einige Titel im Blick, wofür ich zum ersten Mal die geräumige Stadtbibliothek, die ehrwürdige Universitätsbibliothek und zuletzt noch die Institutsbibliothek der Kunstpädagogik in Rufweite der Nikolaikirche ansteuerte, die in den Semesterferien anders als im Internet angegeben verschlossen war. Noch war nirgendwo die Rede von einem „Lock-Down“ in Deutschland, so dass ich stattdessen in ein benachbartes Antiquariat eintrat. Die Suche nach dem Zufallsfund dauerte keine zehn Minuten: Ein Buch aus der immer noch aufgelegten Insel-Bücherei (Nr. 543) aus dem Jahr 1982, gedruckt in Stollberg, gebunden in Leipzig, mit Aphorismen der mir nur vom Namen her bekannten Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) sprang dabei heraus. Warum nicht mal schön kurze Häppchen-Texte, die man einfach minutenweise anlesen kann? Ein klassisches Durchlesen ist hier eigentlich nicht nötig.

Ziemlich genau zwei Monate später öffnete ich endlich das Buch. Die kurzen Miniatur-Texte schienen mir zu sagen, dass ich offensichtlich einen besonderen Fund gemacht hätte. Eines der letzten und längsten Aphorismen, mit der Nummer 91 im abschließenden Teil „Fünftes Hundert“–  zum ersten Mal 1890 publiziert – spricht in meinen Augen Künstler und auch Lebenskünstler an:

Es steht etwas über unseren schaffensfreudigen Gedanken, das feiner und schärfer ist als sie. Es sieht ihrem Entstehen zu, es überwacht, ordnet und zügelt sie, es mildert ihnen oft die Farben, wenn sie Bilder weben, und hält sie am knappsten, wenn sie Schlüsse ziehen. Seine Ausbildung hängt von der unserer edelsten Fähigkeiten ab. Es ist nicht selbst schöpferisch, aber wo es fehlt, kann nichts Dauerndes entstehen; es ist eine moralische Kraft, ohne die unsere geistige nur Schemen hervorbringt; es ist das Talent zum Talent, sein Halt, sein Auge, sein Richter, es ist – das künstlerisches Gewissen.

Als ich im Spätsommer 2017 im Naabtal unweit von Regensburg einem Gespräch lauschte, wo das Wort „Lebenskünstler“ fiel, dachte ich länger über Kunst im Leben bzw. Leben als Kunst nach. Weit kam ich dabei nicht. Nun, dank Ebner-Eschenbach ist mir bewusst geworden, dass das Gewissen einen (Lebens-)Künstler leiten sollte. Es kann kein Zufall sein, dass Wissen und Gewissen, beziehungsweise „conscience“ (Gewissen) und „science“ (Wissenschaft) im Englischen und Französischen sprachlich miteinander verbunden sind, obwohl die Wörter doch so verschiedene Bedeutungen besitzen. Überwachen, Ordnen, Zügeln, Ausbildung, das klingt doch alles sehr nach Moral, nach Wissen, nach Gewissen, nach Mit-Wissen, und weniger nach Kunst. Und doch kann ein Künstler nicht ohne dies auskommen. Es gibt stets eine tiefsinnige Begleitung durch eine Parallel-Ausbildung, für die es eben kein Fachpersonal gibt. Fähigkeiten stehen nicht für sich – sie müssen eingerahmt sein, um buchstäblich Halt innerhalb einer geistig-moralischen Haltung zu finden, für die es eigentlich keine eindeutigen Worte gibt.

Zuletzt las ich die Ebner-Eschenbachs Erzählung Krambambuli (1884), die mehrfach verfilmt wurde (zuletzt 1998 mit Tobias Moretti in der Hauptrolle und Xaver Schwarzenberger als Regisseur).  Krambambuli ist eigentlich ein Branntwein mit Wacholderauszügen, der auch als „studentische Feuerzangenbowle“ im Internet gehandelt wird. Bei Ebner-Eschenbach heißt so ein Hund, der gegen 12 Flaschen Danziger Kirschbranntwein den Besitzer wechselt und zwischen dem ersten Besitzer (einem dubiosen Wildschützen) und dem zweiten Besitzer (Revierjäger Hopp) über Leben und Tod entscheidet: Zum einen klärt Kranbambuli Hopp darüber auf, dass der Wildschütze einen Oberförster erschossen hat, zum anderen sorgt er dafür, dass der Mörder beim anschließenden Racheakt des Jägers keinen Schuss abgeben kann.

Als dritter Besitzer hat zwischenzeitlich ein Graf das Nachsehen, denn der ihm als Geschenk vom Jäger Hopp zugedachte Kranbambuli verweigert ihm die Treue. Die wechselnden Besitzverhältnisse und die Rivalitäten unter den Menschen geben dem Tier das Letzte. Mutig, wie der Jäger der Gräfin die Geschenkidee vorschlägt:

« Hochgräfliche Gnaden! Wenn der Hund im Schlosse bleibt, nicht jede Leine zerbeißt, nicht jede Kette zerreißt, oder wenn er sie nicht zerreißen kann, sich bei den Versuchen, es zu tun, erwürgt, dann behalten ihn hochgräfliche Gnaden umsonst – dann ist er mir nichts mehr wert.»

Die Probe wurde gemacht, aber zum Erwürgen kam es nicht; denn der Graf verlor früher die Freude an dem eigensinnigen Tiere. Vergeblich hatte man es durch Liebe zu gewinnen, mit Strenge zu bändigen gesucht. Er biß jeden, der sich ihm näherte, versagte das Futter und – viel hat der Hund eines Jägers ohnehin nicht zuzusetzen – kam ganz herunter. Nach einigen Wochen erhielt Hopp die Botschaft, er könne sich seinen Köter abholen.

Böser Ernst und bissiger Humor halten sich die Waage; die Sprache ist pointiert, fast salopp. Die Schriftstellerin, die schon in ihrem 13. Lebensjahr selber Titel Gräfin wurde, hat in diesem kurzen Text einer vollkommen verschwundenen Gesellschaft feine Nadelstiche versetzt. Jäger und Schützen sind bei ihr keine Helden mit ihren Trophäen, sondern derb und unkultiviert.

Auf einer frühen Fotografie des kaiserlichen Hof-Fotografen Ludwig Angerer, angeblich aufgenommen um 1865, sind die Blicke der Schriftstellerin zusammen mit ihrem Gatten auf ein geöffnetes Buch fixiert – sicher damals für Frauen ungewöhnlich im Kontext der frühen Porträtfotografie. Hier wird eindeutig auf die berufene Literatin verwiesen.

Ebner-Eschenbach mit Gatte
Porträtfotografie von Ludwig Angerer: Marie von Ebner-Eschenbach mit ihrem Gatten Moritz (um 1865)

Ebner-Eschenbach auf Briefmarke
Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1980 mit einem Foto von Marie von Ebner-Eschenbach

Mehr als 100 Jahre später ehrte sie eine Briefmarke der Deutschen Bundespost zu ihrem 150. Geburtstag. Noch bekannter wurde Ebner-Eschenbach über den Bargeldverkehr: Zierte die 20-D-Mark-Scheine in Deutschland Annette von Droste -Hülshoff, waren in Österreich  die 5000-Schilling-Noten für Marie von Ebner-Eschenbach reserviert, deren Mädchenname Marie Dubský von Třebomyslice wie aus einer vollkommen anderen Welt klingt, obwohl sie doch gerade im damaligen k. und k. -Kontext ein und dieselbe war. Neben Deutsch und Tschechisch kam sie bereits als Kind mit Englisch und Französisch regelmäßig in Kontakt. Kann man da überhaupt von einer Muttersprache sprechen? In Österreich ist sie allein aufgrund der geografischen Nähe zu ihrem Geburtsort, dem Schloss Zdislawitz (heute heißt die mährische Ortschaft Troubky-Zdislavice) und ihrem Sterbeort Wien bekannter. Mit Kaiser Franz Josef II. teilt sie sowohl das Geburts- als auch das Sterbejahr und damit mehrere (Literatur-)Epochen. Im Jahre 1900 bekam sie von der Universität Wien bereits einen Ehrendoktortitel, ein Jahr zuvor bereits das Österreichische Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft.

Zum Glück scheint der Verfall ihres heimatlichen Schlossgutes aufgehalten. Noch 2013 berichtete in melancholischem Ton die F.A.Z. davon. Bald, so scheint es laut Prager Zeitung,  wird Schloss Zdislawitz wieder für Besucher zugänglich zu sein, auch wenn man nicht mehr die wertvolle Bibliothek Ebner-Eschenbachs (1945  geschreddert) zurückholen kann. Was wohl vom Nachlass übrig gelassen wurde? Ein Grund mehr, länger im malerischen Mähren zu verweilen. Vielleicht mit frischer neuer Lektüre im Gepäck: Die Erzählung Kranbambuli gibt es online und ganz frisch als Jugendbuch. Die Aphorismen gibt es im neuen Gewand in der Insel-Bücherei unter der Nummer 1414!

Das Gemälde am (gedanklichen) Rande – Notizen zu Ernst Vollbehrs „Abendsegen“

Wenn eine Kunstausstellung eine veritable Sammlung aus einem Nachlass vorstellt, kann man sich vorstellen, wie wohlhabende Menschen, vor allem Unternehmer, ein größeres Interesse daran zu haben, ihren Kunstgenuss privat zu steigern. Die Sammelleidenschaft reicht nicht aus, denn sonst würde man sich eher auf einen bestimmten Künstler oder ein bestimmtes Motiv konzentrieren.

Die Sammlung des Textilkaufmanns Hermann Hugo Neithold, die Anfang 2020 im Zwickauer Max-Pechstein-Museum zu sehen war, wird keine großen Museen füllen, selbst wenn sich Gemälde von Max Liebermann und Lovis Corinth darunter finden. Und doch zeugt es von einer gewissen Sammlungsqualität, wenn fast ein Jahrhundert später daraus eine öffentlich zugängliche Ausstellung wird. Neithold war lange in Wilkau südlich von Zwickau im Wollimport tätig: Ein Einkäufer, der in einem großen Unternehmen (Kammgarnspinnerei Heinrich Dietel) auch Prokura und den damit verbundenen Wohlstand genoss.

Ein in die Ecke gedrängtes Bild würde heute  unter Verschluss bleiben, wenn es nicht nun in einer thematischen Klammer kurzfristig Berechtigung  fände, ausgestellt zu werden. Mich hat es angesprochen, obwohl der Künstler alles andere als politisch einwandfrei auftrat. Im Wikipedia-Eintrag liest man über den aus Kiel stammenden Ernst Vollbehr  (1876-1960), dass er als Maler und Schriftsteller Krieg
„verherrlichte“. Die Bildbetrachtung lässt dieses Urteil nicht zu.

Abendsegen
„Abendsegen“ von Ernst Vollbehr (1914)

Das von mir ins Auge gefasste  Gemälde „Abendsegen“ ist auf den Tag genau datiert: 23. September 1914. Wir wissen, dass der Maler recht schnell seine Beobachtungen im Krieg auf der Leinwand verarbeiten musste; das war schließlich seine Aufgabe. Zum Glück überlebte Vollbehr beide Weltkriege, so dass beim Betrachten die biografische Tragik weniger stark in Gewicht fällt. Bei meinem Anblick überwiegt das Gefühl der Ruhe; die sichtbare Kavallerie scheint von der Abendstimmung in abwechslungsreicher Landschaft neue Kraft zu schöpfen, die möglicherweise zerstörerisch auf andere einwirken wird. Die aufsteigenden Rauchsäulen können von Kriegshandlungen stammen, doch sie zeugen von keiner unmittelbaren Gefahr. Krieg und Frieden halten sich im Bilde die Waage; und genau das erzeugt ein Gefühl der Beklemmung. Die Schlachtszenen, die man von vielen Gemälden kennt, blende ich vollständig aus. Sie ziehen mich nicht in den Bann, weil sie oft derart konstruiert erscheinen, nur um etwas zu fassen, was eigentlich selbst in modernen Medien unfassbar ist. Bei Vollbehr ahnt der Betrachter, dass der Augenblick ein Schwebezustand ist: Ruhe und Bedrohung halten sich die Waage.

Wie das Geistesgemüt des Künstlers wohl ausgesehen haben mag? Auf jeden Fall war bei ihm die Konfrontation mit dem Fremden auch in Friedenszeiten mental angelegt. Bei einer kurzen Recherche stoße ich im Internet auf die Digitalversion seines illustrierten Buches Mit Pinsel und Palette durch Kamerun, das zwei bis drei Jahre zuvor entstand. Hier dominiert die damals übliche koloniale unkritische Haltung gegenüber der Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung. Teilweise sind seine Sätze aus heutiger Sicht schwer erträglich, auch wenn sie (leider) bei dem einen oder anderen immer noch Zustimmung fänden.

Ein Schwarzer lässt sich seitens des Europäers durch Güte allein nicht erziehen und leiten, sondern sieht die Güte leicht als Zeichen von Schwäche und Furcht an. Da er von den Häuptlingen, bevor wir Deutsche ins Land kamen, erbarmungslos behandelt wurde, ist er es gewohnt, nur auf Druck zu arbeiten.  Der Eingeborene empfindet die Strafe als gerechte Sache und findet es weichlich von uns, wenn wir uns von ihm etwas gefallen lassen und nicht strenge sind.

Vollbehrs verdankt seinen privilegierten Status der Malerei  vor Ort den politisch-sozialen Gegebenheiten. Auch gut 20 Jahre springt er politisch gesehen auf den Zug auf und instrumentalisiert seine Malerei. Man wird deshalb den Eindruck nicht los, dass ein Künstler wie er ein Werk hinterlässt, das einem nicht gefallen sollte. Und doch lernt man von ihm etwas, was man sonst bei den Meisterwerken der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht erfährt: Die  Entstehungsumstände sind dem Werk im wahrsten Sinne des Wortes subtil eingezeichnet. Der großbürgerliche Sammler Neithold muss sich dessen bewusst gewesen sein.  Weder die Mußestunden des Ateliers noch die theoretische Konzeption des Werkes stehen im Vordergrund, sondern das, was sich wissentlich rund um den „Abendsegen“ abspielt. Fast unbemerkt klingt in mir bei der Betrachtung der Wunsch nach Frieden an,  ohne dass die künstlerische Intention es nahelegt: Das gedankliche Zusammenspiel aus Abend und Segen ist für mich stark genug, das Werk aus meiner ganz subjektiven Perspektive  heraus auf mich einwirken zu lassen.  Ich wurde zum Glück zeitgeschichtlich anders geprägt als der Künstler, und ich habe das Glück, mir an einem späten Dienstagnachmittag im (Seelen-)Frieden das Bild anzuschauen. Das sollte Kunst erreichen, wenn man sie ernst nimmt: Den eigenen Blickwinkel mal zu hinterfragen und auch mal festigen, damit man nicht gedanklich das kopiert, was in der Vergangenheit (aus heutiger  Konsenssicht falsch) gedacht wurde. Und deshalb ist es auch ratsam, sich mit Werken zu beschäftigen, die nicht eindeutig überzeugen können.

Das Werk, aus dem das Zitat stammt, ist hier digital einsehbar: Ernst Vollbehr: Mit Pinsel und Palette durch Kamerun. Tagebuchaufzeichnungen und Bilder, München 1912 (S.132).

Der Ausstellungskatalog mit dem Titel Ein Kaufmann als Kunstfreund ist im Deutschen Kunstverlag lässt sich hier bestellen.

Warmherzig unterkühlt. Über Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

Wer Nachrufe schreibt, der muss ein gewisses Gespür haben für die Seele der verstorbenen Menschen, an die in Textform erinnert wird. Ohne Einfühlsamkeit bleiben bloß biografische Fakten festzuhalten.

Der Schriftsteller und Kolumnist Axel Hacke setzt einen drauf: Er fühlt sich einfühlsam in die Figur Walter Wemut ein, dem es vergönnt ist, Nachrufe zu verfassen. Diese Todesnachrichten sind eigentlich verpackte Lebensbekundungen. So lässt sich über die Figur, in deren Namen das schöne Wörtchen „Mut“ steckt, die Brücke zu Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben schlagen:Der Untertitel verweist auf keinen Pseudo-Ratgeber eines smarten Lebensberaters, sondern auf ein warmherziges und zugleich unterkühltes Erzählstück. Es ist ein Buch, das in kein Genre passt. Man könnte es als literarische Rhapsodie bezeichnen, ohne Abschnitte und Handlung. Walter Wemut fasst seine Gedankensplitter als Vorüberlegungen zu einer Geburtstagsrede „über das gelungene Leben“ in Worte.

Als Hacke am 06.11.19 im Zwickauer Sparkassenforum aus seinem Buch Wozu wir da sind vorlas, dachte ich mir sofort: Hier spricht mehr als nur ein Autor. Die Einfühlsamkeit in die Figur war vor allem an der richtigen Tonart so fühlbar, dass ich während der gesamten Lektüre diesen Sound wahrnehmen konnte. Der auftretende Schriftsteller verkörperte in gewisser Weise die literarisierte Kunstfigur.

Die überschaubare Literaturliste am Ende des Buches enthält auch zwei Werke des Soziologen Hartmut Rosa, der viel zu den Begriffen Resonanz und Unverfügbarkeit geforscht hat. Es sind Themen, die wohl im kommenden Jahrzehnt nicht veralten werden. Wer sich ihnen als eine Art Kontemplation nicht widmet, hat Schwierigkeiten, ein mehr oder weniger gelungenes Leben zu führen.

Wie nähert man sich solchen Handreichungen an? Irgendwie habe ich bei der Lektüre gedacht, dass sie ideal dazu geeignet sind, dem Leserpublikum den Zauber der Literatur zu vermitteln. Denn nur über das geschriebene Wort können bestimmte Gedanken zu unserer Existenz verewigt werden. Man kann Walter Wemuts Handreichungen nur schlecht verfilmen; es ist eben keine Lebensgeschichte, die sich hier äußert, kein Streifzug, kein Parcours, sondern eine gewisse Begutachtung, wobei das Adjektiv „gut“ und das Substantiv „Achtung“ hierin einen besonderen Klang erhalten.  Es wird das gute Leben geachtet, ohne zu erklären, wie ein gutes Leben genau aussieht, sonst wären wir wieder bei einem Ratgeber gelandet. Hacke gestaltet seine Figur raffiniert: Nähe und Distanz halten sich die Waage. Humoristische Sentenzen, viele rhetorische Fragen, die die Rhetorik im Kern prägen, weil sie einfach die Einfühlsamkeit zum Ausdruck bringen.

Hacke betont in den Dankesworten, dass das Buch nicht ohne Musik denkbar gewesen sei. Als Leser kann ich diesen Gedanken sehr gut verstehen. Auf jeder Seite lassen sich Kopftöne vernehmen. Der Kopf schwingt sich auf gewisse Töne ein; wiederum bringen gewisse Töne den Kopf zum Schwingen.  So ist es naheliegend, dass Musik auch thematisiert wird. Auch andere Künste kommen vor, doch nur wie Einsprengsel.  Keine langen Ausführungen, die dem Charakter der Figur nicht gut stünden.

Und das gute Leben? Es ist ratsam, wie ein sorgfältig dosiertes Medikament nur wenig Stoff aus diesem Buch au einmal zu sich zu nehmen, so wertvoll und wirksam sind die Handreichungen. Medikamente sind schließlich kein Lebensmittel, sondern ein Konzentrat, das in einen spürbar besseren Zustand führen soll. Abschließend folgen zwei Kostproben, die dies zeigen sollen. Ob das Konzentrat Wirkpotenzial hat??

Kostprobe 1 (allgemeine Betrachtung):

Wie ich Ihnen überhaupt mal eben als so eine Art Menschenbetrachtungsprinzip erläutern möchte: Suchen Sie sich bei einem, der Ihnen begegnet, immer erst einmal etwas, was Ihnen gefällt. Achten Sie nicht so sehr auf das, was Ihnen nicht passt, da kommen Sie nur in einen miserablen Modus hinein, nein, schauen Sie hin.

Also: Was mag ich an dem, an der?

Kostprobe 2 (konkrete Betrachtung):

Sie steht auf, das Selfie ist fertig, aber der Gesichtsausdruck bleibt irgendwie, er ist wie festgefroren oder ihr ins Gesicht gemeißelt. Sie schaut nicht in die Welt hinaus, wie jemand, der in die Welt hinausschaut, sondern wie eine Frau, die von der Welt betrachtet wird. Sie schaut so, wie sie gesehen werden möchte, oder wie sie denkt, dass die Welt sie sehen will. Sie trägt den Blick, mit dem sie glaubt, in der Welt die besten Chancen zu haben. Es ist, als ob man ihr eine Maske aufgesetzt hätte.

Nein, sie selbst hat sich die Maske aufgesetzt, glaubt aber, es sei ihr Gesicht.

Nein, sie hat sich keine Maske aufgesetzt, sie hat das Gesicht, von dem sie glaubt, dass die Welt es von ihr erwarte, zu ihrem eigenen gemacht.

Sie glaubt, sie sei so, wie sie sein muss.

Axel Hackes Buch lässt sich am besten zusammen mit anderen Publikationen von ihm direkt beim Kunstmann Verlag bestellen; das E-Book und das Hörbuch sind dort auch erhältlich.

Abenteuer Fotografie – Über den Fotografen Thomas Billhardt

Es war an einem trüben Novembersonntag  2018, als ich mich zum Industriemuseum Chemnitz aufmachte.  In gewisser Vorfreude sah ich mir weniger die zur Schau gestellten Errungenschaften sächsischer Ingenieurskunst an, sondern primär die Fotoausstellung zum Werk von Thomas Billhardt. Die als Retrospektive angelegte Schau war an diesem Tag besonders ergiebig, denn der Fotograf höchstpersönlich präsentierte in einem zweistündigen Streifzug seine Biografie als Abenteuergeschichte, zutiefst bewegend und zugleich amüsant. Wie Billhardt mit jugendlich anmutender Schelmenhaftigkeit seine Abenteuer mal in wenigen Worten, mal etwas ausholender beschrieb, war schon vollkommen genug. Und die dazu projizierten Fotografien ergaben den wohl kurzweiligsten abendfüllenden Vortrag, den ich je gehört habe. Dabei fand der Vortrag noch nicht einmal an einem Abend statt, sondern sprengte mit galanter Leichtigkeit ein gewöhnliches nachmittägliches Veranstaltungsformat. Insofern ist es nur allzu passend, dass Billhardt nicht nur Fotobände publizierte, sondern 2017 eine Lebenserzählung mit dem Titel Meine Abenteuer mit der Kamera.  Billhardt entstammt einer Chemnitzer Künstlerfamilie; die Eltern waren talentierte Porträtfotografen. Er engagierte sich in der frühen DDR teilweise in der Werbefotografie, teilweise dokumentierte er Arbeitsprozesse im Bergbau und reiste ab den 60er Jahren in viele sozialistische Länder, um dort mehr oder weniger offizielle politische Szenen prominenter Menschen abzulichten. Auch die Dokumentation kriegerischer Konflikte, vor allem in Vietnam, war für Billhardt Teil seiner Arbeit, selbstverständlich hier unter Lebensgefahr.

Sicherlich wurden die Fotos auch für politische Zwecke gemacht und eingesetzt; Billhardt glaubte an den Sozialismus, wenngleich unverblümt dessen Repräsentanten absichtlich leicht schräg herüberkamen. Keine im wahrsten Sinne des Wortes bildwirksame Inszenierung, schon gar keine Propaganda, war von ihm gewollt. Viele politische Bilder bewirken heute nicht nur beim Autoren ein gewisses Augenzwinkern oder ein Schmunzeln.  Hier wird die künstlerische Leistung mehr als deutlich. Und angemerkt werden muss hierzu, dass es hierbei nicht um politische Fotografie per se geht, sondern um ein Einfangen sozialistischer Realität. Der Fotograf hatte auch damals bei diesem Reiseprivileg die Macht, schonungslos-unverblümt Geschehen einzufangen. Wie genau, das soll das „Betriebsgeheimnis“ des Fotografen bleiben.  

Freundlicherweise hat mir Herr Billhardt zusammen mit der Galerie Camera Work in der Berliner Kantstraße die Erlaubnis gegeben, hier ein Foto abzubilden. Es entstand um das Jahr 1960 am Berliner Alexanderplatz, als er die Menschen am „Alex“ für seine Diplomarbeit an der Leipziger Hochschule für Druck und Buchkunst fotografierte. Lakonisch heißt es „Pfützenspringer“ :

Pfützenspringer
Thomas Billhardt: Pfützenspringer © Thomas Billhardt / Camera Work (www.camerawork.de)

Das Bild ist nicht das einzige, das einen Moment eingefangen hat, der eigentlich „dokumentarisch“ nicht zu fassen ist. Dieser äußere Augen-Blick setzt innere Blicke frei: Wie oft sind wir allein oder in Gegenwart eines anderen Menschen über Pfützen gesprungen? Dieses Überbrücken-Wollens eines Hindernisses, das objektiv gesehen gar kein Hindernis ist, sondern nur an unangenehme Begleiterscheinungen im Falle eines Hinein-Tretens in die Pfütze denken lässt, ist dem Betrachter vertraut. In trauter Zweisamkeit ist noch mehr Koordination erforderlich, damit der Sprung gelingt. Billhardt drückt in diesem Bild scheinbar wenig aus; die Spiegelung des Paares im Wasser macht ästhetisch das Bild-Ereignis vollkommen. Erst ein Jahr nach der Begegnung mit Billhardt und seinem Werk schreibe ich diesen Text, im Herbst 2019, ohne primär an die Friedliche Revolution von 1989 zu denken. Und doch schwingt die große Geschichte mit, denn die untergegangene Zeit wird mit Hilfe der Fotos auf ganz ungewöhnliche Weise präsent. Auf Thomas Billhardts Bildern habe ich das Leben in der DDR nahezu gespürt, obwohl ich es nie erlebt habe, wenn man mal von einem Besuch im Juli 1990 absieht, als das Land nur noch als Kulisse existierte. Es wäre sicher falsch zu sagen, dass Billhardt nur das Andere gesehen hätte, das es in dieser Art in der freien westlichen Welt nicht gegeben hätte.  Das Grau mancher Fassaden – vollkommen in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen – war das gleiche Grau wie zum Beispiel im (Kohle-)Revier an Rhein und Ruhr. Es ist allerdings so, dass man als Betrachter nicht umhin kann, sich ein untergegangenes Land zu imaginieren, das nicht schleichend untergegangen sind, sondern politisch von einem Jahr auf das andere verschwunden ist. Die Nachwehen sind allerdings bis heute zu spüren.

Zum Weiterlesen: Billhardts 2017 erschienenes Buch „Meine Abenteuer mit der Kamera“ mit zahlreichen Bildern ist im Nora Verlag erhältlich.

Ein Interview mit Thomas Bilhardt über seine Reise nach Nordkorea 1989 findet sich beim mdr, dort gibt es auch weitere biografische Informationen.

Legendär zurückgelassen – Über einen Kurzbesuch in Lunzenau

Brunnen-Lieschen
Prinz-Lieschen-Brunnen in Lunzenau

Ein Stillleben ist gewöhnlich ein Kunstwerk; das Titel-Foto dieses Beitrags, auf dem das Leben still zu stehen scheint, sicher nicht. Und doch steht darauf umringt von einer verödeten Geschäftswelt, in der an einem sonnig-warmen Samstag Nachmittag noch nicht einmal mehr ein Eiscafé, wohl aber ein tapferer Eiswagen mit passabler Qualität eine Chance hat, die Kunst im Mittelpunkt. Den Dorfbrunnen von Lunzenau gibt es so, wie er aktuell aussieht, erst seit ein paar Jahren. Und wenn ein Ort keine großen Helden kennt, dann werden die kleinen aufgefahren. So eine kleine Heldin – in Lunzenau geboren und gestorben – ist sicher „Prinz-Lieschen“, die in ihrer wohl markantesten Erscheinung, nämlich ihrer Verkleidung als Edelmann Anfang des 18. Jahrhunderts so manche tonangebenden Herren tüchtig verwirrt und in Rage gebracht hat. Die väterliche Tracht passte ihr auf der Flucht vor der Zwangsheirat gen Süden so gut, dass sie angeblich in Franken sogar für militärtauglich befunden wurde. Und nach weiterer Flucht in Richtung Erzgebirge hieß es, sie sei der angeblich abgetauchte Kurprinz Friedrich August höchstpersönlich. Die sträflichen Konsequenzen nach Entdeckung ihres wahren Ichs hat „Prinz-Lieschen“ glücklicherweise überstanden; heute ziert sie als Schelmin den Dorfbrunnen. Und wenn schon kaum Fußgänger einen näheren Blick drauf werfen: Immerhin schaut eine überwachende Videokamera drauf! Die Überlieferung ist im wahrsten Sinne des Wortes legendär – ein Schuss Mythos tut der Realität tut, damit die Geschichte rund wird. Genau diese Geschichte findet sich auf der Homepage des Ortes.

Lunzenau liegt im Tal der Zwickauer Mulde, in einem Gebiet, das sicher nicht weit ab vom Schuss liegt. Da es ja auch noch die Freiberger Mulde gibt (beide Flüsse bilden südlich von Grimma die Vereinigte Mulde), reicht hier der Flussname nicht aus. Neben landschaftlichen Reizpunkten gibt es manch sehenswertes Schloss zu besichtigen: Nicht weit von Lunzenau liegt das Schloss Rochsburg, in dem eine Chocolaterie Besucher verwöhnt. Und bis zu einem Weiler namens Amerika ist es von dort auch nur noch ein Katzensprung (ab Lunzenau ist der Weg „Einmal Amerika und zurück“ beschildert)! Lunzenau selbst hat den Heinrich-Heine-Park zu bieten, den ein Industrieller einst im 19. Jahrhundert anlegen ließ. Auf zahlreichen Tafeln sind teils bissige, teils verträumte Heine-Gedichte abgedruckt – dem Dichter wird so eine besondere Ehre erwiesen.

In dem Ort kriecht einem das Gefühl der Verlassenheit in den Rücken. Ich selber kann mit dem Auto schnell davonfahren, doch was mag ein Bewohner empfinden? An dem Nachmittag habe ich kein Interesse, längere Gespräche zu führen. Eine Jugendliche fragt mich nach einem vermissten Kind – natürlich kann ich darauf keine Antwort geben. Zu dieser Stunde – im  Dämmerlicht – wird einem wohl jede vermisste Person Sorge bereiten. Straßen und Gassen sind genauso ausgestorben wie der Park – immerhin ist gefühlt eine Handvoll Personen in der Nähe unterwegs. Verlassenheit bedeutet eben nicht Einsamkeit.

Eine Gaststätte mit dem illustren Namen „Zum Prellbock“ an einer längst stillgelegten Bahnstrecke (an der Freiberger Mulde ist der Bahnverkehr noch intakt!) hat nur noch tageweise geöffnet, und zwar aus Altersgründen. Eine „Sachsen Quelle“ schräg gegenüber bietet im Schaufenster nur noch Spirituosen aus den schottischen Highlands feil. Doch die flaschenumsponnenen Spinnenweben erzählen fast von allein. In Lunzenau scheint die Zeit nicht stehen zu bleiben, sondern rückwärts zu laufen. Eine Momentaufnahme? Ich bin gespannt, was in einigen Jahren aus Lunzenau geworden sein wird. Dann werde ich das Foto vom Prinz-Lieschen-Brunnen wieder hervorholen. Vielleicht ist dieser Ort ja dann ein etwas belebterer Treffpunkt für Jung und Alt – dies wäre Lunzenau sehr zu wünschen.

Miniaturen der Beobachtungsgabe – Zu Brigitte Kronauers Roman „Rita Münster“

Erst die Nachricht von ihrem Tod im Sommer dieses Jahres machte mich dem Namen Brigitte Kronauer vertraut. Rundfunk, Fernsehen und Presse sei gleichermaßen Dank: Ein F.A.Z. –Artikel, die Wiederholung eines hr-Radiointerviews sowie das Literarische Quartett im ZDF im August ließen mich aufhorchen: Eine offensichtlich renommierte Schriftstellerin, 1940 in meiner Heimatstadt Essen geboren – das reichte mir vorerst als Information aus.

Nach der Besprechung ihrer postumen Veröffentlichung mit dem Titel Das Schöne, Schäbige, Schwankende in der illustren Quartett-Runde, beschloss ich, einige Texte von Kronauer zu lesen. Ich zögerte ich nicht lange und lieh mir aus der Stadtbibliothek zwei ihrer Romane aus, die Anfang der 80er bzw. der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erschienen waren. Eines davon mit dem recht unauffälligen Titel Rita Münster (1981) ist für mich trotz teils schwieriger Lektüre eine Werbung für Literatur, die völlig ohne Konventionen angelegt ist. Wer sich auf den Text einlässt und keine Abenteuergeschichte erwartet, der ist bei Kronauer gut aufgehoben. Die meisten ihrer Sätze stehen so nirgendwo anders; sie bestehen in drei Teilen aus Beobachtungen im schmucklosen Leben der Rita Münster, das aber trotzdem aufleuchtet in kleinsten Facetten. Es gibt kein lineares Erzählen, keinen Handlungsstrang. Rita Münster sieht das Leben nicht als Projekt an, sie muss keine Erfolge erzielen und sich (beruflich) weiter entwickeln; die zahlreichen Beobachtungen im Leben sind Erfüllung genug. Als Buchhändlergehilfin nimmt ihr Schicksal auch keine eindeutig nachvollziehbare Entwicklung, die heute unter dem Begriff Karriere kritisch beäugt werden könnte.  Jenseits von Raum und Zeit gibt es dennoch Orientierung in gewissen Erkenntnissen: Im ersten Teil geht es um genaue Beobachtungen des Bekannten- und Familienkreises, vor allem um ihre gute Freundin Ruth Wagner und um das detailgenaue Verhaltensstudium der Hauskatze, danach um das Zusammenleben mit ihrem Vater und im dritten Teil rund um Begebenheiten aus der Kindheit.

Die Beobachtungen könnten nicht schillernder sein; zwischen Menschen und Tier, zwischen Menschen untereinander, auf naturgemachte dinggesteuerte Phänomene.  Ausdrücke wie „Hoffnungshimmel“ zeigen,  dass die Erzählerin durch „das geöffnete Fenster“ vor Augen nicht düster dreinblickt. Die Helligkeit wird durch den wachen Geist des Beobachtens gleichermaßen von innen gewährleistet – ohne jeglichen Trübsinn oder Verdruss.   

Sechs Miniaturen zeigen einen Ausschnitt aus diesem Universum von Augenblicken: Wie in einem Bilderbuch öffnen sich die inneren Augen; die Vorstellungskraft siegt über einmal Gehörtes, Oberflächliches, denn sie dringt in geradezu geheimnisvolle Schichten ein, die das Visuelle geradezu freigelegt hat. Lediglich die Titel der Miniaturen stammen von mir; der Rest ist Kronauer pur, ohne weitere Kommentierung:

Miniatur 1: Von Angesicht zu Angesicht: Das Geheimnis des Zwischenmenschlichen:

Oft sitzt man Menschen gegenüber, die allein durch ihr Dasein, ihre Blicke und Sätze in Altbekanntes und daher Trostloses zerlegen, und wirklich, man selbst spürt, deutlich und aussichtslos, dass man ohne Widerstand in Altbekanntes, Trostloses zerfällt. Selten sitzt man Menschen gegenüber, die einen so begeisternden Zusammenschluss der Einzelstücke bilden, dass alle ihre Bestandteile vor Neuheit blitzen und blinken, und ich bin mitgerissen in eine Überraschung, die mich selbst betrifft.

Miniatur 2a: Im Angesicht des Bühnenwerks: Das Geheimnis der Gefühlssteigerung

In der Oper fiel es mir schwer, die hinausgesungenen, modellierten Gefühle mit den kleinen Menschen auf der Bühne zusammenzubringen. Das erschien mir immer als etwas Irrtümliches, vor dem ich lieber die Augen senkte. Hier werden, dachte ich als Erwachsene, die geringen Seelenregungen ernst genommen und in die Dimension ihrer größtmöglichen Energie phantasiert, eine Überhöhung wie die Portale, wie die Gewölbe der Dome. Sie sollten den bescheidenen, zaghaften Leuten in Erinnerung gebracht werden.  Ohne Risiko konnten sie sich weiden, ein bisschen beschämen lassen und sehr sehnen für die drei, vier Stunden einer Aufführung.

Miniatur 2b: Im Angesicht des Zuschauers: Das Geheimnis der Aufmerksamkeitssteigerung

Ich hatte mal einmal eine zierliche alte Frau gesehen. Sie trug einen Aufhänger bei sich, den sie für ihre Abendtasche an der Balustrade befestigte, das Libretto und frisch gelegte Locken. Bald dämmerte sie ein. Der zarte Profikopf sackte nach unten, aber bei den Arien, keineswegs bei den lauten Stellen, warf sie ihn in den Nacken: eine Katze, die aus dem Schlaf heraus beim plötzlichen Vogelgezwitscher, beim Gesumm einer Fliege die Augen aufreißt! Es war gut an einem Ort zu sein,  wo sich so etwas ereignete, stundenlang mit Menschen, die ich nicht kannte, an die ich allenfalls tagsüber gedankenlos in der Stadt stieß, nach vorn zu sehen, auf dieses Schauspiel, mit ihnen verbunden zu sein in dieser Festlichkeit, in dieser Masse von einem Leben eingeschlossen, das tatsächlich stattfand, mit ihnen eine Inbrunst, eine Passion anzustaunen.

Miniatur 3a: Im Angesicht des Ungleichgewichts: Das Geheimnis des stetigen Wechsels

Zu Hause, am Sonntagmorgen, wurde ein Grasbüschel so durchgeblasen, dass es mit seinen einzelnen Halmen wie mit Beinen zu rennen schien, ohne vom Fleck zu kommen. Bald war der gesamte Garten in unaufhörlicher Bewegung, die vergrößerten Schatten der Blätter, die auf helle Flächen fielen, auf schräge Ebenen, kleine sonnige Spalten, ein direktes und indirektes Leuchten und Verdunkeln, eine ständige Bewölkung und Auflockerung um meinen Kopf herum, rechts, links, oben, unten, dazu das Aufbrausen der Bäume. Ich saß auf der Bank in eine Decke gewickelt, aber wirklich war, dass ich mich, ohne ausdrückliche Richtung, in einer klimpernden Materie rollte, ohne Ziel und Standpunkt.

Miniatur 3b: Im Angesicht des Gleichgewichts: Das Geheimnis des unsteten Gefühls

Die von der Sonne getupften, moosigen Wege waren etwas tief Vergangenes, Gegenwärtiges. Ich suchte danach. Es gab Sekunden, da konnte dieser Anblick der schmalen, gesprenkelten Flächen, wo sich Licht und Schatten so die Waage hielten, an die Stelle der Gefühle treten oder besser: eins werden mit ihnen, die Gefühle und diese Wege mit diesen Lichtpunkten waren ein und dasselbe.

Miniatur 4: Im Angesicht des Genusses: Das Geheimnis der Wertschätzung

Meine Mutter stand vielleicht gerade am Herd und kochte mir einen Griesbrei, er roch schon zu mir herüber, zur kleinen, bemalten Bank hinter dem Küchentisch. Er roch wie die Wärme und Behaglichkeit selbst, so musste die Güte riechen; und alles gehörte zusammen, der Topf mit dem dampfenden Brei, meine Mutter, die mit dem Löffel eifrig  darin rührte, das Rumoren der kochende Masse und die Worte meiner Mutter, die mir beschrieb, wie sich die Milch in dem roten Emailletopf veränderte, verdickte, wie sie Blasen warf, wie weit es noch war, bis ich den Teller mit Brei, Kakao und Zucker vor mir haben würde. Sie schichtete mir einen Griesbreiberg auf, überstreut mit dem dunklen Kakaopulver – jetzt durfte man nicht husten – und direkt vor meinen Augen drückte sie die Spitze zu einer Mulde ein und füllte sie mit einem Stückchen Butter. Das war das Schönste vor dem Essen. Bald liefen nämlich aus dem goldenen Teich Bäche die Hänge hinab, einige kamen bis nach unten durch, andere versickerten, nur an der fast schwarzen Färbung erkennbar als feuchte Rinnsäle im Geröll. Ein köstlicher, glücklich machender Duft der mit heißer Butter verschmelzenden Schokolade stieg davon auf. Es war etwas Träges darin, eine vorweggenommene Sättigung, etwas Festes, Schweres. Meine Mutter sah mich ermunternd an, ich fühlte mich so klein hinter dem großen, dicken Brei, er war durch den Duft weiter aufgequollen, und meine  Mutter nickte wieder freundlich und kaum geduldig, so dass ich ganz unten, wo eine schwarze Kakao-Butterträne einen Klumpen bildete, zu essen begann.

Weitere Links:

Der Roman Rita Münster ist wie viele ihrer Werke bei dtv
erschienen.

Im Literarischen Quartett geht es ab der fünften Sendeminute um Kronauers letztes Werk.

Zum hr-Radiointerview mit der Schriftstellerin.

Einigung ohne Ausgang – Zu Bruno Franks „Politischer Novelle“

Seit langer Zeit stand die Politische Novelle von Bruno Frank ungelesen in meinem Bücherregal. Mehrere Umzüge hatte das Buch bereits mitgemacht; ich weiß gar nicht mehr genau, wo ich es antiquarisch erworben hatte. In diesem Sommer holte ich es hervor. Ich hatte vergessen, dass es aus dem Jahre 1928 stammt und bei Rowohlt erschien. Und ganz überrascht war ich, dass neben Ravello bei Neapel und Cannes der dritte wichtige Schauplatz der Novelle Marseille ist: die Stadt, die zwar zu Frankreich gehört, in der jedoch seit jeher die Welt mit all ihren unbegreiflichen Schicksalen zu Hause ist.  Der Erzähler der Novelle sieht einen „kotigen Schmelztiegel aller Rassen“, was für diesen zeitlosen Eindruck spricht.  Marseille wurde erst 2013 Kulturhauptstadt; erst im 21. Jahrhundert wurde die Gelegenheit am Schopf gepackt und viel investiert, um das Bild der schmuddelig-schillernden Hafenstadt aufzuhübschen: Ein sauber gefüllter Schmelztiegel ist eben vorzeigbarer.

Bruno Frank ist ein heute vergessener Autor, der bereits 1933 in die Schweiz und schließlich in die USA exilierte. 1945 starb er in Beverly Hills. In der Weimarer Republik hatte er durchaus als Erzähler, Dramatiker und Übersetzer Erfolg. Die Novelle ist dem Geist der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich verhaftet.  Carmers Gegenüber Achille Dorval spricht von der „Rettung unseres großen gemeinsamen Erbteils“ nach dem „Irrtum von tausend Jahren“, der Zeit nach Karl dem Großen. Kaum zu glauben, dass all diese Anstrengungen in den 1930er Jahren wiederum wertlos erschienen. Erst in den 1950er Jahren wagte der europäische Einigungsprozess einen neuen Anlauf: Im Buch ist noch die Rede von „27 Zollgebieten“, die es damals in Europa gab; ein herbeigesehnter „wirtschaftlicher Zusammenschluss“ schien noch in weiter Ferne zu liegen.  Die Hauptfigur Carl Ferdinand Carmer, „Civilrichter und dreimal Minister unter der Republik“, ist noch von den Folgen des Ersten Weltkriegs belastet, in dem auch er „Verrat am Geiste“ übte und er den Tod seiner Frau als Pflegerin an der Front als Strafe dafür ansieht. In den Zwanziger Jahren hat er die Möglichkeit, auf diplomatischem Wege, zusammen mit dem französischen Sozialisten Dorval, Dinge in Ordnung zu bringen, nachdem er zur Erholung am Golf von Neapel die „Heimat seines Herzens“ in Gegenwart seines Leibarztes Doktor Erlanger aufgesucht hat. Ort der Zusammenkunft ist das mondäne Cannes.
Schließlich geht es nach Marseille, von wo aus nach dem Sturz des Kabinetts in Berlin frühzeitig die Heimreise ansteht: Carmer ist erneut als Minister vorgesehen. Marseille war schon damals eine Welt en miniature und als Transitort ein Vorgeschmack auf Anna Seghers berühmten Roman Transit:

Carmer tat die wenigen Schritte zurück zu jener Hauptstraße. Es war die berühmte Cannebière, der Boden, den die Tausende der täglich Anschwimmenden, nach Europa Hungrigen, unmittelbar von den Schiffsplanken betraten, eine Einbruchsstelle der dunklen Welt. Europa empfing sie mit riesigen Kaffeehäusern, mit Variétés und Kinematographen und mit Kaufläden, darin die Ware von erlesenem Luxus neben kindischem Tand zur Schau lag, der den Barbaren, den Spielfreudigen locken sollte.

Im Rückblick erschüttern einen diese Sätze auch deswegen, weil ein gutes Jahrzehnt das Dunkel vom Deutschen Reich ausging und zunächst Marseille, und von 1942-1945 auch afrikanische Häfen wie Casablanca eher ein Ort der Helligkeit waren, bedenkt man die tödliche Gefahr, der jüdische Emigranten ausgesetzt waren. Jedes Schiff, das man damals in Richtung Süden bzw. Westen besteigen konnte, schenkte dem Passagier lebensrettende Freiheit. 

Heute, kurz bevor das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beginnt, sind solche Sätze wieder merkwürdig aktuell. Wieder schwimmen Flüchtlinge im Mittelmeer an; es gibt Diskussionen darüber, wie und wo man sie aufnehmen soll. Und noch immer geistert in vielen Köpfen herum, dass sie aus einer „dunklen Welt“ in unsere Konsumwelt einbrechen. Die Wortwahl aus den 20er Jahren zeigt, wie Sichtweisen tradiert werden können: Heute werden in vielen Ländern mit ähnlicher Sprache einfache Wahrheiten gestrickt, die für Wahlen (populistisch) genutzt werden. Der Erzähler von Bruno Franks Novelle verwendet Gedankengut, das damals breiter Konsens in europäischen Gesellschaften war. Heute würde ein gebildeter Literat wohl dafür gebrandmarkt, wenn er unvermutet von Barbaren“ würde. Doch viele Denkmuster haben weiterhin Bestand, ohne ausgesprochen zu werden. Das Dunkel steht oft symbolisch auch für das Unbekannte und Unermessliche, wie es bei dunklen Mächten durchscheint.

In Marseille wird Carmer kurz vor Antritt seiner Rückreise nach Deutschland umgebracht: Als er sich unverhofft einer verführerischen Prostituierten aus Madagaskar nähert, greift ihn ein „Neger“ am Ende einer düsteren Sackgasse
mit einem Messer an, um Geld von ihm abzuringen. Carmer kann ihn abwehren und schlägt ihn zu Boden, bevor ein „Weißer“ in seiner paramilitärischen Uniform die Waffe ergreift und aus dem Hinterhalt kommend eiskalt zusticht.

Gleich zweimal schreibt Bruno Frank am Ende der Novelle, dass das Geschehen vor Ort „nur ein Splitter der furchtbaren Waffe“ war, „mit der Europa seinen Selbstmord“ beging. 1928, ein Jahr vor der Weltwirtschaftskrise, als noch die Rede von den Goldenen Zwanzigern war, lag die Geisteswelt immer noch in Trümmern. Nicht das Kommende wird prophezeit, sondern die drastischen Kriegsfolgen nach 1918 bilanziert.  Insofern wird die fiktive Handlung mit der realen Geschichte in Verbindung gebracht und mit der Politik der Zwischenkriegszeit abgerechnet. Die „deutsche Politik“ wird als „Braukessel trüb schäumender Böswilligkeit“ bezeichnet, in der es „bei öffentlicher Tagung die abgestandenen Phrasenreste beschwingterer Vorzeiten“ zu schmecken galt. Es gab keinen Grund zum Optimismus und keinen Grund zum Feiern, selbst wenn es durchaus diplomatische Erfolge zu verzeichnen gab, obwohl die „wenigen denkenden und kräftigen Gefährten vor der Zeit abgenutzt, bedrückt und zerrieben“ waren. Es gab zu viel an „romantischer Selbstbetäubung, in der der „krakehlende General“, der „Konjunktur-Mystiker“, der „profitwütige Nurverdiener“ als Prototypen „mit einem Schwall dunstigen Geredes“ der Bevölkerung „recht waren“. Die Geschichte hat Bruno Frank (leider) Recht gegeben.

Online lässt sich die Politische Novelle hier nachlesen.

In einem Kleinstverlag (herausgegeben von Karl-Maria Guth) ist auch eine Print-Version des Werks verfügbar.

Falsch – ganz ohne Fehler: Über einen Film namens „Wrong“

„Das kann doch nicht wahr sein!“ So ein Ausruf lässt uns an den Kategorien „wahr“ und „falsch“ zweifeln. Die Gesetze der Logik sind die letzte Rettung. Unlogisches Erzählen hält keiner lange durch. In einem 90-minütigen Film ist so etwas ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn das Falsche zum Leitmotiv wird, dann ist eigentlich etwas faul. Nicht so bei Quentin Dupieux und seinem Film Wrong.

Quentin Dupieux – zuvor ein für mich vollkommen unbekannter Name. Als Mr. Oizo ist der Mittvierziger aus Paris als Musikproduzent aktiv, und wenn man einen Musik-Streaming-Dienst nutzt, dann weiß man, dass sein Sound eine recht große Fangemeinde besitzt. Dank Arte habe ich nun seinen Film Wrong anschauen können; es ist ein wahres Kunstprodukt, in erster Linie wegen seiner Originalität und seinem unkonventionellen Erzählstil. Wie erzählt wird, entbehrt stets des Ursache-Wirkung-Prinzips, was verwirrend, aber auch befreiend wirken kann. Denn wenn auf „klassische“ Weise Handlung gefilmt wird, dann wirkt das oft emotional nach, aber Emotionen lösen sich auch oft schnell wieder in Luft auf.

Besonders in Wrong wirkt vieles falsch, und das offensichtlich Falsche zog mich von Anfang an in den Bann. Was ist eigentlich falsch? Auf einer ersten Ebene wird eigentlich klassisch erzählt: Die Hauptperson Dolph Springer ist auf der Suche nach ihrem verschwundenen Hund, der vom einem skurilen Unternehmer namens Master Chang entführt wurde, dessen Geschäftsmodell es ist, Menschen über (vorübergehende) Verluste wieder Liebe und Verlangen spüren zu lassen, damit man dem Haustier nichts mehr antut – Stichwort „abuse prevention“. Dieser drückt ihm den 2. Band seines Buchs My life. My dog. My strength in die Hand, mit dessen Hilfe er telepathisch Kontakt zu seinem Hund aufnehmen soll.  Da der Hund durch einen Unfall während der Entführung auch noch entlaufen ist, soll sich ein Detektiv der Sache annehmen, der dank Pauls Hinterlassenschaft – Hundekacke – das Hundegedächtnis und das Unterbewusstsein visualisieren kann. Im filmischen Dialog klingt das so:

– We’ve accessed the turd’s memory. The one I picked out from your garden. Those are its first memories from within Paul’s intestine.

– I’m sorry, I don’t get it.

– Okay, it’s very simple. I’ve plugged Paul’s shit into a device that lets me gather data and convert that data into video signals. Then, I’ve also plugged it into another device which lets me scan that same shit’s subconscious, as I please, and record the information.

Von Anfang an sind die Dialoge bewusst schräg und kommen einfach unpassend vor. Das macht sie wiederum köstlich-erfrischend. Beispielsweise, wenn Dolph vor dem Gang zur Arbeit, die er eigentlich gar nicht mehr hat, Pizza bestellen möchte, obwohl er vorerst keinen Hunger hat, und sich bei der Bestellannahme-Mitarbeiterin erkundigt, warum das Logo des Pizzaservice ein Motorrad fahrendes Kaninchen darstellt:

– I get the whole idea about a rabbit being fast. I mean, that makes sense. But why a motorcycle? The rabbit’s fast enough on its own, so the motorcycle’s overkill. I mean, don’t you think that’s a little weird?

– Yeah, it’s true. I haven’t thought about it, to be honest. Now that you’ve pointed it out, it strikes me as strange too. Because now I think of the motorcycle as being fast, not the rabbit. I mean, even if he’s driving it, he’s no longer the cause of the speed.

– Technically, the motorcycle is.

-Yes, I agree it’s a bit ambiguous.

Dolph gibt am Ende zu, dass er angerufen hat, um sich von seinem entlaufenen Hund abzulenken. Hier wird also wieder realistisch die logische Lücke geschlossen, so dass das Telefonat nicht vollkommen sinnfrei erscheint. Das angeblich zweideutige Logo, verweist auf den ganzen Film, der das Unstimmige bzw. Ambivalente zum Prinzip erklärt. Es geht hier um die Wahrnehmung und Interpretation von Bildern, die eigentlich banal und nebensächlich ist. Wer würde schon viel Aufhebens um ein Pizzadienst-Logo machen?

Es gibt viele weitere Handlungssequenzen in dem Film, die bewusst unstimmig sind. Warum wird schließlich doch Dolph eine Pizza geliefert, die er postwendend in die Mülltonne schmeißt, was wiederum der Gärtner Mike beobachtet, die Pizza heimlich herausfischt, im Pizzakarton zusätzlich die Kontaktnummer der Lieferservice-Mitarbeiterin findet und sie kontaktiert.  Ohne das je etwas über das Kennenlernen gezeigt wird, verbringen beide eine Nacht zusammen, kurz bevor Mike durchs Dolphs Telepathie-Einflüsse an Herzversagen stirbt und im Sarg während der Bestattung davon träumt, wie sein Leben als Gärtner und (künftiger) Vater weitergehen könnte. Er stirbt endgültig (erleichtert) seinen Tod, nachdem er aus seinem Traum erwacht ist. Die Liebhaberin stößt unterdessen auf Dolph, den sie ursprünglich kontaktieren wollte, und fragt sich, warum er so anders aussehe, ohne scheinbar diese Person als eine andere erkennen zu wollen (Bei der Kontaktaufnahme mit Mike hat sie sich immerhin über den stimmlichen Unterschied gewundert). Master Changs Traum über die Wiederbegegnung von Dolph und Paul an einer Bushaltestelle  – vor den Augen des „Unternehmers“ läuft der Hund aus dem Bus auf Dolph  zu – erfüllt sich am Ende, obwohl eigentlich der Detektiv seine Arbeit auf Master Changs Befehl abbrechen musste und auf seiner Rechnung sitzen bleibt.

Dupieux will auf humorvolle Weise die Logik zerstreuen, was in keiner Weise verstörend ist. Dafür ist es zu eindeutig, dass es sich um „Comedy“ handelt. Eine Rezension sprach zurecht von „textbook surrealism“. Wenn man alle möglichen Filmgenres von der Romanze bis zum Action-Kino durch den Kakao gezogen haben möchte, wird man den Film großartig finden. Ganz ohne Erzähllogik sind die surrealen Bilder stark; die Dialoge wirken einfach nur neben der Spur. Bei Wrong schaltet man am besten den Verstand aus, der auf Sinnsuche aus ist. Das Sinnlose ist eben manchmal auch voller Witz.   

  • Weitere Informationen zum Film: Auf Arte ist bis Anfang 2020 eine Masterclass mit Dupieux zu sehen, wo er 2018 am Rande eines Filmfestivals in La Roche-sur-Yon seine Filme erläutert. Bis Mitte August ist bei Arte sogar der Film online. Auch danach lässt sich Einblick ins Skript nehmen. Die Homepage zum Film lohnt einen Besuch; und die DVD lässt sich am besten über amazon bestellen.

Der Graf und sein Schattenbild: Über Harry Graf Kessler (1868-1937)

„Kaum einer seiner Tage vergeht ohne Premiere, mondänes Frühstück, Vernissage oder Souper.“ Was denkt der Leser einer Biografie über solch einen Satz? Da muss jemand ganz schön abgefahren sein. In der Tat: Der Historiker Peter Grupp schreibt schonungslos über den Intellektuellen Harry Graf Kessler. Über einen Mann, der wie kaum ein anderer die Widersprüche der deutschen Geschichte zwischen 1870 und 1940 in sich vereint. Wenn man über ihn liest, wird man verstehen, dass selbst die ambitioniertesten Menschen mit außergewöhnlich hoher Bildung und kosmopolitischer Weitsicht mehrfach scheitern können, und zwar gewaltig. Ein Biograf hat nun mal die Aufgabe, auch über die Schattenseiten zu schreiben, nicht nur über Glanzlichter eines Lebens. Das tut mitunter weh, gerade wenn man an (künstlerische) Lebensläufe denkt, die glänzend darstellen (müssen).

Harry Graf Kesslers Tagebücher, die sich über fast einen Zeitraum von sechs Jahrzehnten abdecken, fielen mir schon bei meinem Großvater auf; dann las ich einige Bemerkungen über ihn in Julien Greens Tagebüchern; schließlich begegneten mir sie erneut in einer Weimarer Villa von Henry van de Velde, die noch nicht allzu lange für die Öffentlichkeit zugänglich ist (Haus Hohe Pappeln). Stets war ich angetan von Kesslers Kunst der Beobachtung. Und doch lehrt einem die Biografie: Intrigen, Beleidigungen und Spott waren Kessler nicht fremd. Er trat gerne nach, obwohl er lange ein Netz-Werk (14000 Kontakte an 4000 Orten sind belegt!) pflegte, um das ihn viele noch heute beneiden würden; er schacherte nach Posten, die er überhaupt nicht brauchte. Doch: Sein Machtinstinkt verlangte danach. Im Sinne einer Meinungsführerschaft, weniger einer politischen Führung. Oft hatte bei ihm das Ästhetische, zum Beispiel sein prestigeträchtiger Verlag Cranach-Presse, Vorrang vor dem Politischen. Das eine hatte mit dem anderen bei Kessler wenig zu tun: Seine Druckkunst war einer winzigen Elite vorbehalten. Leider gingen im 2. Weltkrieg viele wertvolle Materialien aus der Potsdamer Werkstatt verloren.

Es ist schwer zu verstehen, warum ein finanziell abgesicherter Mensch wie Kessler Kopf und Kragen riskierte und seinem Ruf schweren Schaden zufügte. Lag es am allzu hohen Ehrgeiz, der durch das häufige Scheitern eher noch angetrieben wurde? Eine Biografie holt eben noch mehr hervor, als der dargestellten Person lieb gewesen wäre. Zum Glück nicht so viel, dass der Glanz-Lack ab wäre. Kein Autor kann rütteln am „Amalgam aus Weltfülle und Zeitdiagnose, das Kesslers Journal zu einem einzigartigen Kaleidoskop macht für seine Epoche der Umbrüche und Paradoxien“, wie Oliver Pfohlmann im Deutschlandfunk meint und den Tagebuchschreiber nicht gerade charmant, doch anerkennend als „Treibhausgewächs“ und als „Videokamera auf zwei Beinen“ beschreibt (siehe Link). Ab dem 20.04.2019 wird nun das gesamte neunbändige Tagebuch im Klett-Cotta-Verlag erhältlich sein. Die wenigsten werden es kaufen, selbst wenn es irgendwann antiquarisch für weniger als 473 Euro (Neupreis) zu haben sein wird. Angeblich arbeitet das Marbacher Literaturarchiv an einer Online-Edition. Ein lohnenswertes Unterfangen, denn klar ist: Harry Graf Kessler gewährte mit seinen Tagebüchern schonungslose Einblicke in die „High Society“, deren Fragwürdigkeit wohl über alle Gesellschaftsformen hinweg zeitlos bleiben wird.

Zum Nachlesen:

Peter Grupp: Harry Graf Kessler. 1868-1937. Eine Biografie. C.H.Beck 1995 (später im Insel-Verlag nachgedruckt). Eine damalige kurze Rezension findet sich im Spiegel-Archiv.

Hier geht es zur Tagebuch-Edition von Klett-Cotta.

Aktuelle und äußerst kurzweilige Informationen über Harry Graf Kessler liefert der Deutschlandfunk in der Sendung Büchermarkt vom 20.01.2019.

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