Der Notiz-Blog, der sich gewaschen hat

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Kunterbunte Episoden aus Schriftstücken, die mich beschäftigen und mitunter auch faszinieren. Unerhörtes, Unglaubliches; einfach nur zum Staunen.

Die Miniatur des Reisens – Über den „Flugsteig“ von Frank Kunert

Dieses Bild verleitet zum Träumen. Eigentlich ist es eine ganz reale Miniatur, die es so in Vergrößerung nicht gibt. Und doch besteht sie aus real wahrnehmbaren Elementen. Das macht das Ganze für den Betrachter so besonders. In einer Ausstellung im Herbst 2019, die im Greizer Sommerpalais stattfand, entdeckte ich die auf Fotopapier festgehaltenen Miniaturen von Frank Kunert, dessen Atelier in Boppard am schönen Mittelrhein liegt. Den „Flugsteig“ habe ich erst auf Kunerts Homepage entdeckt:

Flugsteig
Flugsteig (2002)
© Frank Kunert | www.frank-kunert.de

Fangen wir beim Titel an: „Flugsteig“, meist auch „Gate“ genannt, ist allen ein Begriff, die schon mal geflogen sind. Oft sind es langweilige Bereiche, in denen bis zum Aufruf des Fluges gewartet wird. Wer will, kann abseits davon noch mal schnell shoppen oder sich stärken gehen. Meist sind es schmucklose Bereiche, was auch bei ganz neuen Flughäfen kaum anders ist, wie wir bald am Flughafen Berlin Brandenburg sehen werden.

Elizabeth Clarke fasst Frank Kunerts Ansatz im Bildband „Wunderland“ sehr schön zusammen:

In der Langsamkeit liegt bei Frank Kunerts Arbeitsweise der Schatz verborgen, Ideen zu entwickeln und kreative Wege zu gehen. Das handwerkliche Arbeiten, die lange Zeit am Bau der Miniaturwelten – nicht selten über viele Wochen -, das präzise Lichtsetzen und Fotografieren im Studio machen dies möglich.

Unabhängig von realer Architektur ist die Miniatur „Flugsteig“ ein Verweis auf Reiseträume, die erst einmal mal organisiert werden müssen. Wir brauchen Reiseinformationen, es sei denn, wir brechen einfach planlos auf. Das ist aber meist nicht der Fall.  Fahrpläne und Aushänge stehen als Dokumente dafür. Der Koffer steht als metaphorischer Gegenstand für Reisetätigkeiten. Wartebänke und Geländer stehen wie Chiffren für Raumgrenzen und Zeitrahmen, die bei der Reise offenkundig werden. Ein Steig, egal ob ein Flug- oder ein Wandersteig, ist ohne Begrenzungen links und rechts undenkbar. Auch Zugänge zu den Steigen gehören dazu, genauso wie künstliche Lichtquellen und Behältnisse zur Müllentsorgung. Zu einem Flugsteig hin ist das Bewegungsverhalten vom Eingangsbereich des Flughafens mehr als sonst kanalisiert. Man folgt Korridoren und Sicherheitsschleusen, die erst auf dem Sitzplatz im Flugzeug ein Ende haben.

Beim Fliegen gibt es nicht erst seit diesem Jahr erdrückend viele Bestimmungen, die mit Träumen wenig zu tun haben. Bis wir endlich am Ziel sind, gilt es vieles auszufüllen und zu beachten. Ansonsten kann die jeweilige Fluggesellschaft den Reisenden vom Flug ausschließen. Der Flugsteig gleicht ironischerweise bei Kunert einem schmalen Grat, der recht ungesichert bereits in den Lüften schwebt. Es passt zu meinem Gefühl im Sicherheitsbereich eines Flughafens, in dem ich mich nicht selten unsicher fühle: Dies liegt daran, dass ich mich regelmäßig vergewissern möchte, kein wichtiges Dokument irgendwo liegengelassen zu haben.

Mir wurde zusammen mit meinem Bruder ein Versäumnis einmal fast zum Verhängnis, als ich von einem Flug von Mexico City nach Frankfurt über Washington völlig vergessen hatte, dass selbst für einen bloßen Umstieg ein Visa-Waiver (ESTA-Formular) für die Vereinigten Staaten vor Antritt der Reise auszufüllen ist. Wir konnten dies zum Glück noch am Flughafen in großer Eile nachholen. Im Nachhinein sind die Vorschriften nachvollziehbar: Ein Flughafen ist ein Sicherheitsbereich und braucht strengere Regelungen, unabhängig davon, ob die Einreise in ein Land offiziell erfolgt oder nicht.

Kunerts Miniatur lässt einen auch an Wolkenkuckucksheim denken, das ja auf etwas Fiktionales, Unrealistisches verweist. Reisen sind selbst oft Miniaturen der Einbildung, denn viele Reisende bekommen einen trügerischen, manchmal sogar völlig künstlichen Einblick in ein jeweiliges Land, gerade wenn es sich um eine komplett durchorganisierte Pauschalreise handelt.

Das Wolkige kann aber auch für das Unfassbare stehen, das einen umtreiben kann. Wer hätte im 19. Jahrhundert gedacht, dass man genauso schnell ans andere Ende der Welt fliegen kann als zu Fuß eine Strecke von 100 km zurückzulegen? Das sind Beschleunigungen, die uns im zweifachen Sinne fesseln: Einerseits begeistern sie, andererseits machen sie aber auch von einer sehr aufwändigen Technologie abhängig. Die ganze Logistik rund um einen Flug ist so ausgeklügelt, dass Systemfehler zur Katastrophe führen können. Zum Glück passiert das relativ selten, was darauf hinweist, wie viel wir technisch im 20.Jahrhundert dazugelernt haben.

Kunerts Flugsteig wird allen, die gerne und viel reisen, Gedanken an eigene Reiseerlebnisse schenken. Die Miniatur thematisiert unmissverständlich die Magie, die sich dann ergibt, wenn man Begegnungen eingeht, die das Leben bereichern und die Weltsicht erweitern. Sie werden alle unterschiedlich sein. Es gibt kein normiertes Reisen. Auf jeden Fall sollte das Reisen niemals zur Gewohnheit werden, sondern immer ein Stück Abenteuer bleiben. Die Reiseliteratur ist davon reich gesegnet: Die Ziele, die man im Leben nicht (mehr) erreichen kann, lassen sich zum Glück zwischen Buchdeckeln aufspüren.

Weitere Informationen finden sich auf der Homepage von Frank Kunert, wo auch die aktuellen und zukünftigen Ausstellungen angegeben sind.

Die Inszenierung der Dinge – Über eine Fotografie von Louise te Poele

Stillleben haben auf den ersten Blick nichts Lebhaftes. In den meisten romanischen Sprachen ist bei dieser Genrebezeichnung sogar der Tod präsent, denn eine „nature morte“, wie es im Französischen heißt, verweist auf das Abgestorbene. Es liegt deswegen nahe, diese jahrhundertealte Tradition von Stillleben ein wenig zu dynamisieren und ihr etwas Lebendiges einzuhauchen. Kräftige Farben von Blüten reichen da nicht aus.  Etwas Neuwertiges gehört vielmehr dazu, das geradezu magisch einen „move“ beim Betrachter erzeugt. Die Magie ist dann geschaffen, wenn die Dinge scheinbar in Fahrt kommen bzw. an Fahrt gewinnen.

Die aus Arnhem (Arnheim) stammende Fotografien Louise de Poele schafft dies mit verblüffenden fotografisch festgehaltenen Arrangements, wo Medium und Objekte eine Fusion eingehen. Ich habe den Eindruck, dass das Medium Fotografie diese Arrangements optimal vermittelt, auch wenn digitale Arrangements eigentlich keine Kamera mehr benötigen. Das Phänomen der Belichtung ist jedenfalls etwas, was über das Foto die visuelle Wahrnehmung erweitert und quasi wie in einem Brennglas die Augen schärft. Die Gegenstände sind auf einer flachen Oberfläche gebannt, ohne die dreidimensionale Wirkung zu verlieren.   

In der Orangerie in Gera waren diesen Sommer einige Fotos der niederländischen Künstlerin unweit von Bildern zu sehen, die den magischen Realismus repräsentieren und von Landsleuten der Künstlerin in den letzten gut 100 Jahren gemalt wurden. Insofern war der Ausstellungsbesucher gut vorbereitet und hatte bereits ein geschärftes Auge, denn Louise te Poele aktualisiert das Magische, indem sie Dinge geschickt arrangiert und inszeniert:

Borderlands

Borderlands – © Louise te poele (2019)  

Besonders hat mich die Fotografie „Borderlands“ angesprochen.  Liegt es etwa an den Büchern? Die gesammelten Werke von William Shakespeare auf Niederländisch sind mit der elektronischen Lupe ebenso zu erkennen wie Meisterwerke der Bildenden Künste auf Französisch („Chefs d’Œuvre de l’Art“). Liegt es an den leuchtenden Farben der Blumen, die Lichtglanz zusammen mit den (halb-)transparenten Stoffen verbreiten? Liegt es an der Illusion der irisierenden Seifenblasen, die, wie wir wissen, nur eine sehr kurze Lebensdauer haben? Sind es überhaupt Seifenblasen oder eher doch Glaskugeln, die künstlich ins Bild eingefügt worden sind, ohne dass sie real als Gegenstände fungieren? Wie der ins Dunkel abtauchende florale Fisch am linken Bildrand – hier scheinen sich Flora und Fauna in einem Objekt zu begegnen – ergänzen sie das Arrangement, als ob sie dazugehörten. Den Anblick stört nichts.

Auch die teils drapierten Attrappen von Händen mit ihren Armansätzen sind Elemente von Körpersprache, nämlich von Gestik, und zeugen von etwas zutiefst Menschlichem, obwohl im Arrangement nur indirekte Hinweise auf das Menschsein zu finden sind. Gerade das Stoffliche, Modische, wirkt neben der partiellen Plastikverhüllung von Laborgegenständen – ganz eindeutig gibt sich ein länglicher Messbecher unter dem Gewand erkenntlich – bewusst kontrastiv, ohne verstörend zu sein. Der artifizielle Gegensatz passt hier buchstäblich ins Bild. Ebenso gilt dies für die eindeutigen Referenzen auf klassische Stillleben wie zum Beispiel ein Ei und eine Zitrusfrucht, die scheinbar sich wie von Geisterhand ihrer Schale entledigt, sowie für das zart glimmende Streichholzfeuer, teils auf Türmchen aus Würfelzucker.

Die mittigen Schleifen in den Farben Orange („oranje“ ist unabhängig von den Farben der Flagge die wahrhaftige Landesfarbe in den Niederlanden und erinnert stets an die Oranier) und Schwarz-Rot-Gold verweisen auf das Grenzgebiet zwischen den Niederlanden und Deutschland, ohne dass eine politische Intention sichtbar wird. Man könnte außerdem über die flämische Tradition der Stillleben philosophieren, doch das drängt sich nicht auf. Die teils frischen, teils verblühten Pflanzen erinnern einfach an Arbeiten aus der frühen Neuzeit, die drei weidenden Miniaturkühe an den grenznahen Niederrhein, der auf niederländische Seite durch die Provinz Gelderland fließt.

Der künstlerische Wert liegt auf Übergangsbereichen, die ja auch zur Grenze gehören, denn keine Landesgrenze wäre ohne Grenzübergang denkbar. Louise te Poele erweitert hier die Bedeutung von Grenzgebieten, da jede Wahrnehmung Grenzen braucht und gleichzeitig hinterfragt. Wo wird getrennt, visuell und begrifflich? Wann gilt ein Objekt als solches und wann ist es etwas anderes? Solche Fragen werden in „Borderlands“ wie mit Zauberhand angegangen. Ein Grund, länger über Louise te Poeles zauberhafte Arrangements nachzudenken.

Mehr über Louise te Poele ist auf ihrer Homepage zu entdecken. Der einzige brauchbare, im Internet auffindbare Artikel zu Louise te Poeles Ausstellung in Gera ist in der Thüringer Allgemeinen erschienen.

In der Welt zu Hause? – Gedanken zum Kosmopolitismus

Im Mai 2020, als ein Verreisen kaum möglich war, stieß ich zufällig auf das Gedicht „Kosmopolit“ von Durs Grünbein. Negativer kann das Dasein eines reisenden Weltbürgers kaum in Worte gefasst werden. Insofern kann ein Cosmopolitan in den „Bars von Atlantis“ alles andere als genüsslich schmecken.  Zuvor heißt es bei Grünbein:

Dem Körper ist Zeit gestohlen, den Augen Ruhe.

Das genaue Wort verliert seinen Ort. Der Schwindel

Fliegt auf mit dem Tausch von Jenseits in Hier

In verschiedenen Religionen, mehreren Sprachen.   

Tausch ist eben auch ein Austausch, doch er klingt banaler und nüchterner. Eigentlich ist jeder Kulturinteressent vom Austauschgedanken beseelt; keine Kultur kommt ohne Austausch aus. Nun drängt sich der Slogan „Wandel durch Austausch“ auf, den der Deutsche Akademische Austauschdienst auf seine Fahnen geschrieben hat. Austausch klingt geistreicher als ein Tausch und wird gerade bei einer Bildungsreise großgeschrieben, während eine Dienstreise dafür oft weniger Gelegenheiten bietet und das Reiseziel eben oft kein Austauschort ist, sondern wahrhaftig eingetauschte Ortslosigkeit herrscht. Die jetzigen Zeiten in den Frühlings- und Sommermonaten 2020, wo deutlich weniger gereist werden kann bzw. sollte, geben Grünbeins Gedicht einen neuen Akzent. Wir haben definitiv mehr Ruhe und mehr Zeit erhalten, indem wir weniger reisen.

Als ich Ende Mai 2019 aus beruflichen Gründen am Flughafen Nizza weilte, dachte ich mir, dass das Reisen für viele nur noch ein Tausch-Geschäft von einer Region zu einer anderen ist. Ein scheinbar geist- und gesichtsloses Unterfangen; da kann die Côte d’Azur noch so schön sein. Man bekam schon einen Vorgeschmack auf die Hauptsaison. Beim Umsteigen in Zürich verzauberte ein amerikanischer Barpianist die Abflughalle mit seinen sanften Klängen, ohne dass viele wartende Fluggäste merklich davon begeistert gewesen wären. Ein Jahr später, wo Live-Musik und das Fliegen vorübergehend eine Rarität geworden ist, ist das Gefühl des Reisens ein Neues.  Zur Zeit scheint das Weltbürgertum, dessen Konzept von der Wert-Gleichheit aller Menschen bereits in der Antike erdacht wurde, einen besonders schweren Stand zu haben.

Ebenfalls im Mai hörte ich ein längeres Interview im Deutschlandfunk mit der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum über ihr Buch Kosmopolitismus. Revision eines Ideals. Das Buch lohnt sich zumindest in Auszügen, denn das Weltbürgertum lässt sich einfach nicht gewinnbringend einsetzen, selbst wenn es ein gewisses Ideal darstellt. Nussbaum möchte den Institutionen innerhalb von Nationen eine größere Bedeutung zumessen, was wiederum bedeutet, dass Nicht-Regierungsorganisationen, die international vernetzt sind, von diesen nationalen Bedingungen abhängig sein müssen. Die Quintessenz lautet:

Wir müssen noch sehr viel mehr über die Bedingungen lernen, unter denen ausländische Hilfe produktiv sein kann. Was wir jedoch nicht länger tun dürfen, ist, uns der Fantasievorstellung überlassen, dass unsere Pflichten sich durch Hilfe aus der Ferne auf eine Weise erfüllen lassen, die die Dinge real und dauerhaft verbessert, ohne dass es dabei zu einem strukturellen und institutionellen Wandel kommt.  

Es ist gewinnbringend, sich wirklich einmal lokale Strukturen anzuschauen, denn ein vernetztes Europa und Zusammenschlüsse großer Nationen sind nur dann von Vorteil, wenn Unterstützung materieller und ideeller Art auch auf fruchtbaren Boden fallen. Mit „Boden“ ist hier die untere Ebene gemeint, auf der Institutionen wie Rathäuser und Gemeindeverwaltungen tätig sind. Sie sind entscheidend bei der Fürsorge im kleinen Rahmen und nicht nur dann, wenn es vor Ort kriselt und brodelt. Ein Weltbürger ohne lokalen Halt ist ein übermutiger Überflieger, der die Bodenhaftung verliert.

Für Nussbaum ist der Begriff Kosmopolitismus zu „vage“, um damit vernünftig arbeiten zu können. Sie schlagt dagegen einen materialistischen globalen politischen Liberalismus vor,  der sich in einem „Fähigkeitenansatz“ äußert, „der sich auf die wesentlichen Freiheiten der Menschen konzentriert, sich für diejenigen Dinge zu entscheiden, die sie wertschätzen.“ Die genannten Fähigkeiten geben eine Antwort auf folgende Frage: „Was kannst du in Bereichen, die für dein Leben von Bedeutung sind, tun und sein?“ Eine Fähigkeit bezieht sich auf „Sinne, Fantasie und Denken“. In der Tat sollte es in jedem Land der Welt möglich sein, „Fantasie und Denken selbstbestimmt anzuwenden“. Wann wird dies Wirklichkeit? Ich kann mir das leider (noch) nicht vorstellen. Es braucht keine neuen Weltbürger, sondern Selbstbestimmung. Ein Geist lässt sich fremd bestimmen, doch dann ist es nicht mehr weit, bis die Unfreiheit einem wie Unkraut über den Kopf wächst.

Das Gedicht von Durs Grünbein ist ebenso online verfügbar wie das erwähnte Interview mit Martha Nussbaum im Original (mit schriftlicher Zusammenfassung auf Deutsch). Auch lässt sich ihr Buch gut über den wbg-Verlag als pdf-Dokument erwerben.




Zwischen Filmreife und Postkarten-tauglichkeit: Über eine Erzählung von Doris Dörrie

Bisher habe ich immer einen Bogen um Doris Dörrie und ihre Bücher gemacht. Das kann auch daran liegen, dass für ihr Werk die deplazierte Kategorie „Frauenliteratur“ verwendet wird, die man nicht ernst nehmen kann: Man stelle sich einmal vor, man würde seriös über Männerliteratur sprechen – die Lacher wären einem sicher!

Dörries Erzählung mit dem kitschig anmutenden Titel Der Mann meiner Träume fischte ich neulich aus der Zwickauer Stadtbibliothek. Es war ein guter Fang, denn nun weiß ich, dass Doris Dörrie das Multimediale erzählerisch vereint. Als Professorin für creative writing an der Hochschule für Film und Fernsehen in München schafft sie es wirklich, schreibend zu kreieren, und damit meine ich nicht nur Geschichten, sondern auch Stoff für Bilder, Filme, Tanz und Theater. Selten ist mir das so deutlich geworden wie in dieser Erzählung, in der tatsächlich eine ästhetische Postkarte die Handlung vorantreibt.

Das Fotomodel Antonia achtet am Rande einer Dienstreise in den riesigen Uffizien in Florenz erst im Souvenirbereich auf ein Gemälde, das als Postkartenmotiv abgedruckt ist. Es stammt von Sandro Botticelli und zeigt einen namentlich nicht bekannten Mann:


Sandro Botticelli: Porträt eines Mannes mit der Medaille Cosimos d. Ä. (ca. 1474)

Der abgebildete Herr fasziniert sie, weil es ihr scheint, dass er eben nicht völlig aus der Zeit gefallen ist, ein sympathischer, gut aussehender Mann eben.

Es war für Antonia unvorstellbar, dass er mehr als vor 500 Jahren gelebt haben sollte. (…) Er sah doch aus wie jemand, dem sie heute auf der Straße begegnen könnte, ein etwa dreißigjähriger linker Politologiedozent, ein Filmemacher vielleicht oder Journalist, ein Mann, dem sie nach dem ersten Espresso alles von sich erzählt hätte, ein schöner Mann, der sie verstand, der Mann ihrer Träume.

Antonia vergegenwärtigt sich diesen gar nicht so fremd erscheinenden Mann und imaginiert auf ihrem Hotelbett einen Dialog mit ihm:

Meine Mutter hat immer zu mir gesagt, die Liebe sei wie ein Sandsack, und jeder Mann, mit dem man ins Bett geht, macht ein Loch hinein, und jedesmal sickert ein bisschen mehr Sand aus dem Sack, bis am Ende nur eine leere, alte Hülle zurückbleibt. Meinst du, dass das stimmt?“ Ja, sagte, der Mann, aber manche haben einen größeren Sandsack als andere.“ „Danke“, sagte Antonia,
du bist der erste Mann, mit dem man wirklich reden kann.  

Zurück in München sieht sie an einem Kaufhauseingang einen „Penner“ , der in ihren Augen stark Botticellis Unbekanntem ähnelt. Da muss als Requisite nur noch eine auf der Postkarte unübersehbare rote Samtkappe und als Medaillenersatz ein mit Stanniolpapier umwickelter Schokoladentaler her, um mit einer im Kaufhaus auch erhältlichen Polaroidkamera das alte mit einem aktuellen Bildnis abzugleichen. Erst einige Tage später sieht sie jeden Johnny erneut vor einem Restaurant und zögert keinen Augenblick, ihn mit den beiden Requisiten auszustatten und zu knipsen.

Es war, als träte der Mann aus Florenz aus dem Nebel der Vergangenheit und Zukunft auf sie zu und mitten in ihr Leben hinein.

Johnny ist schlagkräftig: Er wähnt sich als Doppelgänger und verweist darauf, dass das geknipste Foto nach 500 Jahren im Müll wiederum Anlass für eine  Suchaktion sein könnte. So webt er sozusagen die Geschichte medial auf der  zeitlichen Achse weiter und schaut in seiner „Bettlerrolle“, die er annahm, um „dem Materialismus in den Hintern zu treten“, souverän hinter die Kulisse des Textes, die Fremdheitserfahrungen mehrdimensional durchleuchtet.  Das gemeinsame Wagnis, eine Reise nach Lima anzutreten, ist nur eine logische Selbstüberprüfung dieser Fremdheitserfahrung auf der räumlichen Achse. Antonia und Johnny eint der Wunsch, anders sein zu wollen, doch sie fliehen dabei vor dem eigenen entleerten Ich.  Dreimal darf man raten, ob die Reise zum ersehnten Liebesglück führt oder einfach nur eine große Desillusion ist….

Über die zweite Hälfte der Erzählung  soll weiter nichts verraten werden; einen Gedanke möchte ich jedoch noch fortspinnen. Der Mann meiner Träume wurde 1991 publiziert. Damals sprach noch keiner vom Internet und erst recht keiner von virtuellen Selbstinszenierungsplattformen wie Instagram. Heute wäre der doppelte Boden der Erzählung kaum noch einzuziehen, da wir durch die Bilderflut des Internets Bilder kaum noch abgleichen (können). Nicht wenige Menschen hinterlassen stets neue Bilder von sich in der virtuellen Welt. In der Tat kommt hier die Frage auf: Wie sehen wir unsere eigenen Bilder mit zeitlichem Abstand? Dank des guten alten Fotokartons sind wir ja oft verblüfft von Kindheits- oder Jugendfotos.  Wir können uns mit ihnen identifizieren. Bei geposteten Fotos ist dies nach einer bestimmten Zeit schon fraglich. Wie werden wir jedoch menschliche Wesen Instagram-Bilder gedanklich verarbeiten, die 500 Jahre auf Servern gelagert sind? Würden sie sich danach sehnen, eine Zeitreise anzutreten? Die Antwort liegt bekanntlich wie so viele in den Sternen oder im Reich der Fantasie, die für jede Geschichte unerlässlich ist.

So lässt sich ohne große Umschweife der Bogen spannen zu Dörries jüngstem Buch Lesen Schreiben Atmen. Eine Einladung zum Schreiben, in dem es ganz am Anfang heißt: 

Wir sind alle Geschichtenerzähler. Vielleicht macht uns das zu Menschen.

Das geschieht ohne festen Boden unter den Füßen, wie ganz am Schluss deutlich wird: 

Schreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat.

Die beiden Bücher von Doris Dörrie sind wie ihre anderen Bücher auch bei Diogenes erhältlich.

Adel ganz ohne Tadel – Gedanken zu Marie von Ebner-Eschenbach

Am 10. März stiefelte ich bei Dauerregen durch Leipzig, um auf Bücherjagd zu gehen. Ich hatte einige Titel im Blick, wofür ich zum ersten Mal die geräumige Stadtbibliothek, die ehrwürdige Universitätsbibliothek und zuletzt noch die Institutsbibliothek der Kunstpädagogik in Rufweite der Nikolaikirche ansteuerte, die in den Semesterferien anders als im Internet angegeben verschlossen war. Noch war nirgendwo die Rede von einem „Lock-Down“ in Deutschland, so dass ich stattdessen in ein benachbartes Antiquariat eintrat. Die Suche nach dem Zufallsfund dauerte keine zehn Minuten: Ein Buch aus der immer noch aufgelegten Insel-Bücherei (Nr. 543) aus dem Jahr 1982, gedruckt in Stollberg, gebunden in Leipzig, mit Aphorismen der mir nur vom Namen her bekannten Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) sprang dabei heraus. Warum nicht mal schön kurze Häppchen-Texte, die man einfach minutenweise anlesen kann? Ein klassisches Durchlesen ist hier eigentlich nicht nötig.

Ziemlich genau zwei Monate später öffnete ich endlich das Buch. Die kurzen Miniatur-Texte schienen mir zu sagen, dass ich offensichtlich einen besonderen Fund gemacht hätte. Eines der letzten und längsten Aphorismen, mit der Nummer 91 im abschließenden Teil „Fünftes Hundert“–  zum ersten Mal 1890 publiziert – spricht in meinen Augen Künstler und auch Lebenskünstler an:

Es steht etwas über unseren schaffensfreudigen Gedanken, das feiner und schärfer ist als sie. Es sieht ihrem Entstehen zu, es überwacht, ordnet und zügelt sie, es mildert ihnen oft die Farben, wenn sie Bilder weben, und hält sie am knappsten, wenn sie Schlüsse ziehen. Seine Ausbildung hängt von der unserer edelsten Fähigkeiten ab. Es ist nicht selbst schöpferisch, aber wo es fehlt, kann nichts Dauerndes entstehen; es ist eine moralische Kraft, ohne die unsere geistige nur Schemen hervorbringt; es ist das Talent zum Talent, sein Halt, sein Auge, sein Richter, es ist – das künstlerisches Gewissen.

Als ich im Spätsommer 2017 im Naabtal unweit von Regensburg einem Gespräch lauschte, wo das Wort „Lebenskünstler“ fiel, dachte ich länger über Kunst im Leben bzw. Leben als Kunst nach. Weit kam ich dabei nicht. Nun, dank Ebner-Eschenbach ist mir bewusst geworden, dass das Gewissen einen (Lebens-)Künstler leiten sollte. Es kann kein Zufall sein, dass Wissen und Gewissen, beziehungsweise „conscience“ (Gewissen) und „science“ (Wissenschaft) im Englischen und Französischen sprachlich miteinander verbunden sind, obwohl die Wörter doch so verschiedene Bedeutungen besitzen. Überwachen, Ordnen, Zügeln, Ausbildung, das klingt doch alles sehr nach Moral, nach Wissen, nach Gewissen, nach Mit-Wissen, und weniger nach Kunst. Und doch kann ein Künstler nicht ohne dies auskommen. Es gibt stets eine tiefsinnige Begleitung durch eine Parallel-Ausbildung, für die es eben kein Fachpersonal gibt. Fähigkeiten stehen nicht für sich – sie müssen eingerahmt sein, um buchstäblich Halt innerhalb einer geistig-moralischen Haltung zu finden, für die es eigentlich keine eindeutigen Worte gibt.

Zuletzt las ich die Ebner-Eschenbachs Erzählung Krambambuli (1884), die mehrfach verfilmt wurde (zuletzt 1998 mit Tobias Moretti in der Hauptrolle und Xaver Schwarzenberger als Regisseur).  Krambambuli ist eigentlich ein Branntwein mit Wacholderauszügen, der auch als „studentische Feuerzangenbowle“ im Internet gehandelt wird. Bei Ebner-Eschenbach heißt so ein Hund, der gegen 12 Flaschen Danziger Kirschbranntwein den Besitzer wechselt und zwischen dem ersten Besitzer (einem dubiosen Wildschützen) und dem zweiten Besitzer (Revierjäger Hopp) über Leben und Tod entscheidet: Zum einen klärt Kranbambuli Hopp darüber auf, dass der Wildschütze einen Oberförster erschossen hat, zum anderen sorgt er dafür, dass der Mörder beim anschließenden Racheakt des Jägers keinen Schuss abgeben kann.

Als dritter Besitzer hat zwischenzeitlich ein Graf das Nachsehen, denn der ihm als Geschenk vom Jäger Hopp zugedachte Kranbambuli verweigert ihm die Treue. Die wechselnden Besitzverhältnisse und die Rivalitäten unter den Menschen geben dem Tier das Letzte. Mutig, wie der Jäger der Gräfin die Geschenkidee vorschlägt:

« Hochgräfliche Gnaden! Wenn der Hund im Schlosse bleibt, nicht jede Leine zerbeißt, nicht jede Kette zerreißt, oder wenn er sie nicht zerreißen kann, sich bei den Versuchen, es zu tun, erwürgt, dann behalten ihn hochgräfliche Gnaden umsonst – dann ist er mir nichts mehr wert.»

Die Probe wurde gemacht, aber zum Erwürgen kam es nicht; denn der Graf verlor früher die Freude an dem eigensinnigen Tiere. Vergeblich hatte man es durch Liebe zu gewinnen, mit Strenge zu bändigen gesucht. Er biß jeden, der sich ihm näherte, versagte das Futter und – viel hat der Hund eines Jägers ohnehin nicht zuzusetzen – kam ganz herunter. Nach einigen Wochen erhielt Hopp die Botschaft, er könne sich seinen Köter abholen.

Böser Ernst und bissiger Humor halten sich die Waage; die Sprache ist pointiert, fast salopp. Die Schriftstellerin, die schon in ihrem 13. Lebensjahr selber Titel Gräfin wurde, hat in diesem kurzen Text einer vollkommen verschwundenen Gesellschaft feine Nadelstiche versetzt. Jäger und Schützen sind bei ihr keine Helden mit ihren Trophäen, sondern derb und unkultiviert.

Auf einer frühen Fotografie des kaiserlichen Hof-Fotografen Ludwig Angerer, angeblich aufgenommen um 1865, sind die Blicke der Schriftstellerin zusammen mit ihrem Gatten auf ein geöffnetes Buch fixiert – sicher damals für Frauen ungewöhnlich im Kontext der frühen Porträtfotografie. Hier wird eindeutig auf die berufene Literatin verwiesen.

Ebner-Eschenbach mit Gatte
Porträtfotografie von Ludwig Angerer: Marie von Ebner-Eschenbach mit ihrem Gatten Moritz (um 1865)

Ebner-Eschenbach auf Briefmarke
Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1980 mit einem Foto von Marie von Ebner-Eschenbach

Mehr als 100 Jahre später ehrte sie eine Briefmarke der Deutschen Bundespost zu ihrem 150. Geburtstag. Noch bekannter wurde Ebner-Eschenbach über den Bargeldverkehr: Zierte die 20-D-Mark-Scheine in Deutschland Annette von Droste -Hülshoff, waren in Österreich  die 5000-Schilling-Noten für Marie von Ebner-Eschenbach reserviert, deren Mädchenname Marie Dubský von Třebomyslice wie aus einer vollkommen anderen Welt klingt, obwohl sie doch gerade im damaligen k. und k. -Kontext ein und dieselbe war. Neben Deutsch und Tschechisch kam sie bereits als Kind mit Englisch und Französisch regelmäßig in Kontakt. Kann man da überhaupt von einer Muttersprache sprechen? In Österreich ist sie allein aufgrund der geografischen Nähe zu ihrem Geburtsort, dem Schloss Zdislawitz (heute heißt die mährische Ortschaft Troubky-Zdislavice) und ihrem Sterbeort Wien bekannter. Mit Kaiser Franz Josef II. teilt sie sowohl das Geburts- als auch das Sterbejahr und damit mehrere (Literatur-)Epochen. Im Jahre 1900 bekam sie von der Universität Wien bereits einen Ehrendoktortitel, ein Jahr zuvor bereits das Österreichische Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft.

Zum Glück scheint der Verfall ihres heimatlichen Schlossgutes aufgehalten. Noch 2013 berichtete in melancholischem Ton die F.A.Z. davon. Bald, so scheint es laut Prager Zeitung,  wird Schloss Zdislawitz wieder für Besucher zugänglich zu sein, auch wenn man nicht mehr die wertvolle Bibliothek Ebner-Eschenbachs (1945  geschreddert) zurückholen kann. Was wohl vom Nachlass übrig gelassen wurde? Ein Grund mehr, länger im malerischen Mähren zu verweilen. Vielleicht mit frischer neuer Lektüre im Gepäck: Die Erzählung Kranbambuli gibt es online und ganz frisch als Jugendbuch. Die Aphorismen gibt es im neuen Gewand in der Insel-Bücherei unter der Nummer 1414!

Das Gemälde am (gedanklichen) Rande – Notizen zu Ernst Vollbehrs „Abendsegen“

Wenn eine Kunstausstellung eine veritable Sammlung aus einem Nachlass vorstellt, kann man sich vorstellen, wie wohlhabende Menschen, vor allem Unternehmer, ein größeres Interesse daran zu haben, ihren Kunstgenuss privat zu steigern. Die Sammelleidenschaft reicht nicht aus, denn sonst würde man sich eher auf einen bestimmten Künstler oder ein bestimmtes Motiv konzentrieren.

Die Sammlung des Textilkaufmanns Hermann Hugo Neithold, die Anfang 2020 im Zwickauer Max-Pechstein-Museum zu sehen war, wird keine großen Museen füllen, selbst wenn sich Gemälde von Max Liebermann und Lovis Corinth darunter finden. Und doch zeugt es von einer gewissen Sammlungsqualität, wenn fast ein Jahrhundert später daraus eine öffentlich zugängliche Ausstellung wird. Neithold war lange in Wilkau südlich von Zwickau im Wollimport tätig: Ein Einkäufer, der in einem großen Unternehmen (Kammgarnspinnerei Heinrich Dietel) auch Prokura und den damit verbundenen Wohlstand genoss.

Ein in die Ecke gedrängtes Bild würde heute  unter Verschluss bleiben, wenn es nicht nun in einer thematischen Klammer kurzfristig Berechtigung  fände, ausgestellt zu werden. Mich hat es angesprochen, obwohl der Künstler alles andere als politisch einwandfrei auftrat. Im Wikipedia-Eintrag liest man über den aus Kiel stammenden Ernst Vollbehr  (1876-1960), dass er als Maler und Schriftsteller Krieg
„verherrlichte“. Die Bildbetrachtung lässt dieses Urteil nicht zu.

Abendsegen
„Abendsegen“ von Ernst Vollbehr (1914)

Das von mir ins Auge gefasste  Gemälde „Abendsegen“ ist auf den Tag genau datiert: 23. September 1914. Wir wissen, dass der Maler recht schnell seine Beobachtungen im Krieg auf der Leinwand verarbeiten musste; das war schließlich seine Aufgabe. Zum Glück überlebte Vollbehr beide Weltkriege, so dass beim Betrachten die biografische Tragik weniger stark in Gewicht fällt. Bei meinem Anblick überwiegt das Gefühl der Ruhe; die sichtbare Kavallerie scheint von der Abendstimmung in abwechslungsreicher Landschaft neue Kraft zu schöpfen, die möglicherweise zerstörerisch auf andere einwirken wird. Die aufsteigenden Rauchsäulen können von Kriegshandlungen stammen, doch sie zeugen von keiner unmittelbaren Gefahr. Krieg und Frieden halten sich im Bilde die Waage; und genau das erzeugt ein Gefühl der Beklemmung. Die Schlachtszenen, die man von vielen Gemälden kennt, blende ich vollständig aus. Sie ziehen mich nicht in den Bann, weil sie oft derart konstruiert erscheinen, nur um etwas zu fassen, was eigentlich selbst in modernen Medien unfassbar ist. Bei Vollbehr ahnt der Betrachter, dass der Augenblick ein Schwebezustand ist: Ruhe und Bedrohung halten sich die Waage.

Wie das Geistesgemüt des Künstlers wohl ausgesehen haben mag? Auf jeden Fall war bei ihm die Konfrontation mit dem Fremden auch in Friedenszeiten mental angelegt. Bei einer kurzen Recherche stoße ich im Internet auf die Digitalversion seines illustrierten Buches Mit Pinsel und Palette durch Kamerun, das zwei bis drei Jahre zuvor entstand. Hier dominiert die damals übliche koloniale unkritische Haltung gegenüber der Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung. Teilweise sind seine Sätze aus heutiger Sicht schwer erträglich, auch wenn sie (leider) bei dem einen oder anderen immer noch Zustimmung fänden.

Ein Schwarzer lässt sich seitens des Europäers durch Güte allein nicht erziehen und leiten, sondern sieht die Güte leicht als Zeichen von Schwäche und Furcht an. Da er von den Häuptlingen, bevor wir Deutsche ins Land kamen, erbarmungslos behandelt wurde, ist er es gewohnt, nur auf Druck zu arbeiten.  Der Eingeborene empfindet die Strafe als gerechte Sache und findet es weichlich von uns, wenn wir uns von ihm etwas gefallen lassen und nicht strenge sind.

Vollbehrs verdankt seinen privilegierten Status der Malerei  vor Ort den politisch-sozialen Gegebenheiten. Auch gut 20 Jahre springt er politisch gesehen auf den Zug auf und instrumentalisiert seine Malerei. Man wird deshalb den Eindruck nicht los, dass ein Künstler wie er ein Werk hinterlässt, das einem nicht gefallen sollte. Und doch lernt man von ihm etwas, was man sonst bei den Meisterwerken der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht erfährt: Die  Entstehungsumstände sind dem Werk im wahrsten Sinne des Wortes subtil eingezeichnet. Der großbürgerliche Sammler Neithold muss sich dessen bewusst gewesen sein.  Weder die Mußestunden des Ateliers noch die theoretische Konzeption des Werkes stehen im Vordergrund, sondern das, was sich wissentlich rund um den „Abendsegen“ abspielt. Fast unbemerkt klingt in mir bei der Betrachtung der Wunsch nach Frieden an,  ohne dass die künstlerische Intention es nahelegt: Das gedankliche Zusammenspiel aus Abend und Segen ist für mich stark genug, das Werk aus meiner ganz subjektiven Perspektive  heraus auf mich einwirken zu lassen.  Ich wurde zum Glück zeitgeschichtlich anders geprägt als der Künstler, und ich habe das Glück, mir an einem späten Dienstagnachmittag im (Seelen-)Frieden das Bild anzuschauen. Das sollte Kunst erreichen, wenn man sie ernst nimmt: Den eigenen Blickwinkel mal zu hinterfragen und auch mal festigen, damit man nicht gedanklich das kopiert, was in der Vergangenheit (aus heutiger  Konsenssicht falsch) gedacht wurde. Und deshalb ist es auch ratsam, sich mit Werken zu beschäftigen, die nicht eindeutig überzeugen können.

Das Werk, aus dem das Zitat stammt, ist hier digital einsehbar: Ernst Vollbehr: Mit Pinsel und Palette durch Kamerun. Tagebuchaufzeichnungen und Bilder, München 1912 (S.132).

Der Ausstellungskatalog mit dem Titel Ein Kaufmann als Kunstfreund ist im Deutschen Kunstverlag lässt sich hier bestellen.

Warmherzig unterkühlt. Über Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

Wer Nachrufe schreibt, der muss ein gewisses Gespür haben für die Seele der verstorbenen Menschen, an die in Textform erinnert wird. Ohne Einfühlsamkeit bleiben bloß biografische Fakten festzuhalten.

Der Schriftsteller und Kolumnist Axel Hacke setzt einen drauf: Er fühlt sich einfühlsam in die Figur Walter Wemut ein, dem es vergönnt ist, Nachrufe zu verfassen. Diese Todesnachrichten sind eigentlich verpackte Lebensbekundungen. So lässt sich über die Figur, in deren Namen das schöne Wörtchen „Mut“ steckt, die Brücke zu Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben schlagen:Der Untertitel verweist auf keinen Pseudo-Ratgeber eines smarten Lebensberaters, sondern auf ein warmherziges und zugleich unterkühltes Erzählstück. Es ist ein Buch, das in kein Genre passt. Man könnte es als literarische Rhapsodie bezeichnen, ohne Abschnitte und Handlung. Walter Wemut fasst seine Gedankensplitter als Vorüberlegungen zu einer Geburtstagsrede „über das gelungene Leben“ in Worte.

Als Hacke am 06.11.19 im Zwickauer Sparkassenforum aus seinem Buch Wozu wir da sind vorlas, dachte ich mir sofort: Hier spricht mehr als nur ein Autor. Die Einfühlsamkeit in die Figur war vor allem an der richtigen Tonart so fühlbar, dass ich während der gesamten Lektüre diesen Sound wahrnehmen konnte. Der auftretende Schriftsteller verkörperte in gewisser Weise die literarisierte Kunstfigur.

Die überschaubare Literaturliste am Ende des Buches enthält auch zwei Werke des Soziologen Hartmut Rosa, der viel zu den Begriffen Resonanz und Unverfügbarkeit geforscht hat. Es sind Themen, die wohl im kommenden Jahrzehnt nicht veralten werden. Wer sich ihnen als eine Art Kontemplation nicht widmet, hat Schwierigkeiten, ein mehr oder weniger gelungenes Leben zu führen.

Wie nähert man sich solchen Handreichungen an? Irgendwie habe ich bei der Lektüre gedacht, dass sie ideal dazu geeignet sind, dem Leserpublikum den Zauber der Literatur zu vermitteln. Denn nur über das geschriebene Wort können bestimmte Gedanken zu unserer Existenz verewigt werden. Man kann Walter Wemuts Handreichungen nur schlecht verfilmen; es ist eben keine Lebensgeschichte, die sich hier äußert, kein Streifzug, kein Parcours, sondern eine gewisse Begutachtung, wobei das Adjektiv „gut“ und das Substantiv „Achtung“ hierin einen besonderen Klang erhalten.  Es wird das gute Leben geachtet, ohne zu erklären, wie ein gutes Leben genau aussieht, sonst wären wir wieder bei einem Ratgeber gelandet. Hacke gestaltet seine Figur raffiniert: Nähe und Distanz halten sich die Waage. Humoristische Sentenzen, viele rhetorische Fragen, die die Rhetorik im Kern prägen, weil sie einfach die Einfühlsamkeit zum Ausdruck bringen.

Hacke betont in den Dankesworten, dass das Buch nicht ohne Musik denkbar gewesen sei. Als Leser kann ich diesen Gedanken sehr gut verstehen. Auf jeder Seite lassen sich Kopftöne vernehmen. Der Kopf schwingt sich auf gewisse Töne ein; wiederum bringen gewisse Töne den Kopf zum Schwingen.  So ist es naheliegend, dass Musik auch thematisiert wird. Auch andere Künste kommen vor, doch nur wie Einsprengsel.  Keine langen Ausführungen, die dem Charakter der Figur nicht gut stünden.

Und das gute Leben? Es ist ratsam, wie ein sorgfältig dosiertes Medikament nur wenig Stoff aus diesem Buch au einmal zu sich zu nehmen, so wertvoll und wirksam sind die Handreichungen. Medikamente sind schließlich kein Lebensmittel, sondern ein Konzentrat, das in einen spürbar besseren Zustand führen soll. Abschließend folgen zwei Kostproben, die dies zeigen sollen. Ob das Konzentrat Wirkpotenzial hat??

Kostprobe 1 (allgemeine Betrachtung):

Wie ich Ihnen überhaupt mal eben als so eine Art Menschenbetrachtungsprinzip erläutern möchte: Suchen Sie sich bei einem, der Ihnen begegnet, immer erst einmal etwas, was Ihnen gefällt. Achten Sie nicht so sehr auf das, was Ihnen nicht passt, da kommen Sie nur in einen miserablen Modus hinein, nein, schauen Sie hin.

Also: Was mag ich an dem, an der?

Kostprobe 2 (konkrete Betrachtung):

Sie steht auf, das Selfie ist fertig, aber der Gesichtsausdruck bleibt irgendwie, er ist wie festgefroren oder ihr ins Gesicht gemeißelt. Sie schaut nicht in die Welt hinaus, wie jemand, der in die Welt hinausschaut, sondern wie eine Frau, die von der Welt betrachtet wird. Sie schaut so, wie sie gesehen werden möchte, oder wie sie denkt, dass die Welt sie sehen will. Sie trägt den Blick, mit dem sie glaubt, in der Welt die besten Chancen zu haben. Es ist, als ob man ihr eine Maske aufgesetzt hätte.

Nein, sie selbst hat sich die Maske aufgesetzt, glaubt aber, es sei ihr Gesicht.

Nein, sie hat sich keine Maske aufgesetzt, sie hat das Gesicht, von dem sie glaubt, dass die Welt es von ihr erwarte, zu ihrem eigenen gemacht.

Sie glaubt, sie sei so, wie sie sein muss.

Axel Hackes Buch lässt sich am besten zusammen mit anderen Publikationen von ihm direkt beim Kunstmann Verlag bestellen; das E-Book und das Hörbuch sind dort auch erhältlich.

Abenteuer Fotografie – Über den Fotografen Thomas Billhardt

Es war an einem trüben Novembersonntag  2018, als ich mich zum Industriemuseum Chemnitz aufmachte.  In gewisser Vorfreude sah ich mir weniger die zur Schau gestellten Errungenschaften sächsischer Ingenieurskunst an, sondern primär die Fotoausstellung zum Werk von Thomas Billhardt. Die als Retrospektive angelegte Schau war an diesem Tag besonders ergiebig, denn der Fotograf höchstpersönlich präsentierte in einem zweistündigen Streifzug seine Biografie als Abenteuergeschichte, zutiefst bewegend und zugleich amüsant. Wie Billhardt mit jugendlich anmutender Schelmenhaftigkeit seine Abenteuer mal in wenigen Worten, mal etwas ausholender beschrieb, war schon vollkommen genug. Und die dazu projizierten Fotografien ergaben den wohl kurzweiligsten abendfüllenden Vortrag, den ich je gehört habe. Dabei fand der Vortrag noch nicht einmal an einem Abend statt, sondern sprengte mit galanter Leichtigkeit ein gewöhnliches nachmittägliches Veranstaltungsformat. Insofern ist es nur allzu passend, dass Billhardt nicht nur Fotobände publizierte, sondern 2017 eine Lebenserzählung mit dem Titel Meine Abenteuer mit der Kamera.  Billhardt entstammt einer Chemnitzer Künstlerfamilie; die Eltern waren talentierte Porträtfotografen. Er engagierte sich in der frühen DDR teilweise in der Werbefotografie, teilweise dokumentierte er Arbeitsprozesse im Bergbau und reiste ab den 60er Jahren in viele sozialistische Länder, um dort mehr oder weniger offizielle politische Szenen prominenter Menschen abzulichten. Auch die Dokumentation kriegerischer Konflikte, vor allem in Vietnam, war für Billhardt Teil seiner Arbeit, selbstverständlich hier unter Lebensgefahr.

Sicherlich wurden die Fotos auch für politische Zwecke gemacht und eingesetzt; Billhardt glaubte an den Sozialismus, wenngleich unverblümt dessen Repräsentanten absichtlich leicht schräg herüberkamen. Keine im wahrsten Sinne des Wortes bildwirksame Inszenierung, schon gar keine Propaganda, war von ihm gewollt. Viele politische Bilder bewirken heute nicht nur beim Autoren ein gewisses Augenzwinkern oder ein Schmunzeln.  Hier wird die künstlerische Leistung mehr als deutlich. Und angemerkt werden muss hierzu, dass es hierbei nicht um politische Fotografie per se geht, sondern um ein Einfangen sozialistischer Realität. Der Fotograf hatte auch damals bei diesem Reiseprivileg die Macht, schonungslos-unverblümt Geschehen einzufangen. Wie genau, das soll das „Betriebsgeheimnis“ des Fotografen bleiben.  

Freundlicherweise hat mir Herr Billhardt zusammen mit der Galerie Camera Work in der Berliner Kantstraße die Erlaubnis gegeben, hier ein Foto abzubilden. Es entstand um das Jahr 1960 am Berliner Alexanderplatz, als er die Menschen am „Alex“ für seine Diplomarbeit an der Leipziger Hochschule für Druck und Buchkunst fotografierte. Lakonisch heißt es „Pfützenspringer“ :

Pfützenspringer
Thomas Billhardt: Pfützenspringer © Thomas Billhardt / Camera Work (www.camerawork.de)

Das Bild ist nicht das einzige, das einen Moment eingefangen hat, der eigentlich „dokumentarisch“ nicht zu fassen ist. Dieser äußere Augen-Blick setzt innere Blicke frei: Wie oft sind wir allein oder in Gegenwart eines anderen Menschen über Pfützen gesprungen? Dieses Überbrücken-Wollens eines Hindernisses, das objektiv gesehen gar kein Hindernis ist, sondern nur an unangenehme Begleiterscheinungen im Falle eines Hinein-Tretens in die Pfütze denken lässt, ist dem Betrachter vertraut. In trauter Zweisamkeit ist noch mehr Koordination erforderlich, damit der Sprung gelingt. Billhardt drückt in diesem Bild scheinbar wenig aus; die Spiegelung des Paares im Wasser macht ästhetisch das Bild-Ereignis vollkommen. Erst ein Jahr nach der Begegnung mit Billhardt und seinem Werk schreibe ich diesen Text, im Herbst 2019, ohne primär an die Friedliche Revolution von 1989 zu denken. Und doch schwingt die große Geschichte mit, denn die untergegangene Zeit wird mit Hilfe der Fotos auf ganz ungewöhnliche Weise präsent. Auf Thomas Billhardts Bildern habe ich das Leben in der DDR nahezu gespürt, obwohl ich es nie erlebt habe, wenn man mal von einem Besuch im Juli 1990 absieht, als das Land nur noch als Kulisse existierte. Es wäre sicher falsch zu sagen, dass Billhardt nur das Andere gesehen hätte, das es in dieser Art in der freien westlichen Welt nicht gegeben hätte.  Das Grau mancher Fassaden – vollkommen in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen – war das gleiche Grau wie zum Beispiel im (Kohle-)Revier an Rhein und Ruhr. Es ist allerdings so, dass man als Betrachter nicht umhin kann, sich ein untergegangenes Land zu imaginieren, das nicht schleichend untergegangen sind, sondern politisch von einem Jahr auf das andere verschwunden ist. Die Nachwehen sind allerdings bis heute zu spüren.

Zum Weiterlesen: Billhardts 2017 erschienenes Buch „Meine Abenteuer mit der Kamera“ mit zahlreichen Bildern ist im Nora Verlag erhältlich.

Ein Interview mit Thomas Bilhardt über seine Reise nach Nordkorea 1989 findet sich beim mdr, dort gibt es auch weitere biografische Informationen.

Legendär zurückgelassen – Über einen Kurzbesuch in Lunzenau

Brunnen-Lieschen
Prinz-Lieschen-Brunnen in Lunzenau

Ein Stillleben ist gewöhnlich ein Kunstwerk; das Titel-Foto dieses Beitrags, auf dem das Leben still zu stehen scheint, sicher nicht. Und doch steht darauf umringt von einer verödeten Geschäftswelt, in der an einem sonnig-warmen Samstag Nachmittag noch nicht einmal mehr ein Eiscafé, wohl aber ein tapferer Eiswagen mit passabler Qualität eine Chance hat, die Kunst im Mittelpunkt. Den Dorfbrunnen von Lunzenau gibt es so, wie er aktuell aussieht, erst seit ein paar Jahren. Und wenn ein Ort keine großen Helden kennt, dann werden die kleinen aufgefahren. So eine kleine Heldin – in Lunzenau geboren und gestorben – ist sicher „Prinz-Lieschen“, die in ihrer wohl markantesten Erscheinung, nämlich ihrer Verkleidung als Edelmann Anfang des 18. Jahrhunderts so manche tonangebenden Herren tüchtig verwirrt und in Rage gebracht hat. Die väterliche Tracht passte ihr auf der Flucht vor der Zwangsheirat gen Süden so gut, dass sie angeblich in Franken sogar für militärtauglich befunden wurde. Und nach weiterer Flucht in Richtung Erzgebirge hieß es, sie sei der angeblich abgetauchte Kurprinz Friedrich August höchstpersönlich. Die sträflichen Konsequenzen nach Entdeckung ihres wahren Ichs hat „Prinz-Lieschen“ glücklicherweise überstanden; heute ziert sie als Schelmin den Dorfbrunnen. Und wenn schon kaum Fußgänger einen näheren Blick drauf werfen: Immerhin schaut eine überwachende Videokamera drauf! Die Überlieferung ist im wahrsten Sinne des Wortes legendär – ein Schuss Mythos tut der Realität tut, damit die Geschichte rund wird. Genau diese Geschichte findet sich auf der Homepage des Ortes.

Lunzenau liegt im Tal der Zwickauer Mulde, in einem Gebiet, das sicher nicht weit ab vom Schuss liegt. Da es ja auch noch die Freiberger Mulde gibt (beide Flüsse bilden südlich von Grimma die Vereinigte Mulde), reicht hier der Flussname nicht aus. Neben landschaftlichen Reizpunkten gibt es manch sehenswertes Schloss zu besichtigen: Nicht weit von Lunzenau liegt das Schloss Rochsburg, in dem eine Chocolaterie Besucher verwöhnt. Und bis zu einem Weiler namens Amerika ist es von dort auch nur noch ein Katzensprung (ab Lunzenau ist der Weg „Einmal Amerika und zurück“ beschildert)! Lunzenau selbst hat den Heinrich-Heine-Park zu bieten, den ein Industrieller einst im 19. Jahrhundert anlegen ließ. Auf zahlreichen Tafeln sind teils bissige, teils verträumte Heine-Gedichte abgedruckt – dem Dichter wird so eine besondere Ehre erwiesen.

In dem Ort kriecht einem das Gefühl der Verlassenheit in den Rücken. Ich selber kann mit dem Auto schnell davonfahren, doch was mag ein Bewohner empfinden? An dem Nachmittag habe ich kein Interesse, längere Gespräche zu führen. Eine Jugendliche fragt mich nach einem vermissten Kind – natürlich kann ich darauf keine Antwort geben. Zu dieser Stunde – im  Dämmerlicht – wird einem wohl jede vermisste Person Sorge bereiten. Straßen und Gassen sind genauso ausgestorben wie der Park – immerhin ist gefühlt eine Handvoll Personen in der Nähe unterwegs. Verlassenheit bedeutet eben nicht Einsamkeit.

Eine Gaststätte mit dem illustren Namen „Zum Prellbock“ an einer längst stillgelegten Bahnstrecke (an der Freiberger Mulde ist der Bahnverkehr noch intakt!) hat nur noch tageweise geöffnet, und zwar aus Altersgründen. Eine „Sachsen Quelle“ schräg gegenüber bietet im Schaufenster nur noch Spirituosen aus den schottischen Highlands feil. Doch die flaschenumsponnenen Spinnenweben erzählen fast von allein. In Lunzenau scheint die Zeit nicht stehen zu bleiben, sondern rückwärts zu laufen. Eine Momentaufnahme? Ich bin gespannt, was in einigen Jahren aus Lunzenau geworden sein wird. Dann werde ich das Foto vom Prinz-Lieschen-Brunnen wieder hervorholen. Vielleicht ist dieser Ort ja dann ein etwas belebterer Treffpunkt für Jung und Alt – dies wäre Lunzenau sehr zu wünschen.

Miniaturen der Beobachtungsgabe – Zu Brigitte Kronauers Roman „Rita Münster“

Erst die Nachricht von ihrem Tod im Sommer dieses Jahres machte mich dem Namen Brigitte Kronauer vertraut. Rundfunk, Fernsehen und Presse sei gleichermaßen Dank: Ein F.A.Z. –Artikel, die Wiederholung eines hr-Radiointerviews sowie das Literarische Quartett im ZDF im August ließen mich aufhorchen: Eine offensichtlich renommierte Schriftstellerin, 1940 in meiner Heimatstadt Essen geboren – das reichte mir vorerst als Information aus.

Nach der Besprechung ihrer postumen Veröffentlichung mit dem Titel Das Schöne, Schäbige, Schwankende in der illustren Quartett-Runde, beschloss ich, einige Texte von Kronauer zu lesen. Ich zögerte ich nicht lange und lieh mir aus der Stadtbibliothek zwei ihrer Romane aus, die Anfang der 80er bzw. der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erschienen waren. Eines davon mit dem recht unauffälligen Titel Rita Münster (1981) ist für mich trotz teils schwieriger Lektüre eine Werbung für Literatur, die völlig ohne Konventionen angelegt ist. Wer sich auf den Text einlässt und keine Abenteuergeschichte erwartet, der ist bei Kronauer gut aufgehoben. Die meisten ihrer Sätze stehen so nirgendwo anders; sie bestehen in drei Teilen aus Beobachtungen im schmucklosen Leben der Rita Münster, das aber trotzdem aufleuchtet in kleinsten Facetten. Es gibt kein lineares Erzählen, keinen Handlungsstrang. Rita Münster sieht das Leben nicht als Projekt an, sie muss keine Erfolge erzielen und sich (beruflich) weiter entwickeln; die zahlreichen Beobachtungen im Leben sind Erfüllung genug. Als Buchhändlergehilfin nimmt ihr Schicksal auch keine eindeutig nachvollziehbare Entwicklung, die heute unter dem Begriff Karriere kritisch beäugt werden könnte.  Jenseits von Raum und Zeit gibt es dennoch Orientierung in gewissen Erkenntnissen: Im ersten Teil geht es um genaue Beobachtungen des Bekannten- und Familienkreises, vor allem um ihre gute Freundin Ruth Wagner und um das detailgenaue Verhaltensstudium der Hauskatze, danach um das Zusammenleben mit ihrem Vater und im dritten Teil rund um Begebenheiten aus der Kindheit.

Die Beobachtungen könnten nicht schillernder sein; zwischen Menschen und Tier, zwischen Menschen untereinander, auf naturgemachte dinggesteuerte Phänomene.  Ausdrücke wie „Hoffnungshimmel“ zeigen,  dass die Erzählerin durch „das geöffnete Fenster“ vor Augen nicht düster dreinblickt. Die Helligkeit wird durch den wachen Geist des Beobachtens gleichermaßen von innen gewährleistet – ohne jeglichen Trübsinn oder Verdruss.   

Sechs Miniaturen zeigen einen Ausschnitt aus diesem Universum von Augenblicken: Wie in einem Bilderbuch öffnen sich die inneren Augen; die Vorstellungskraft siegt über einmal Gehörtes, Oberflächliches, denn sie dringt in geradezu geheimnisvolle Schichten ein, die das Visuelle geradezu freigelegt hat. Lediglich die Titel der Miniaturen stammen von mir; der Rest ist Kronauer pur, ohne weitere Kommentierung:

Miniatur 1: Von Angesicht zu Angesicht: Das Geheimnis des Zwischenmenschlichen:

Oft sitzt man Menschen gegenüber, die allein durch ihr Dasein, ihre Blicke und Sätze in Altbekanntes und daher Trostloses zerlegen, und wirklich, man selbst spürt, deutlich und aussichtslos, dass man ohne Widerstand in Altbekanntes, Trostloses zerfällt. Selten sitzt man Menschen gegenüber, die einen so begeisternden Zusammenschluss der Einzelstücke bilden, dass alle ihre Bestandteile vor Neuheit blitzen und blinken, und ich bin mitgerissen in eine Überraschung, die mich selbst betrifft.

Miniatur 2a: Im Angesicht des Bühnenwerks: Das Geheimnis der Gefühlssteigerung

In der Oper fiel es mir schwer, die hinausgesungenen, modellierten Gefühle mit den kleinen Menschen auf der Bühne zusammenzubringen. Das erschien mir immer als etwas Irrtümliches, vor dem ich lieber die Augen senkte. Hier werden, dachte ich als Erwachsene, die geringen Seelenregungen ernst genommen und in die Dimension ihrer größtmöglichen Energie phantasiert, eine Überhöhung wie die Portale, wie die Gewölbe der Dome. Sie sollten den bescheidenen, zaghaften Leuten in Erinnerung gebracht werden.  Ohne Risiko konnten sie sich weiden, ein bisschen beschämen lassen und sehr sehnen für die drei, vier Stunden einer Aufführung.

Miniatur 2b: Im Angesicht des Zuschauers: Das Geheimnis der Aufmerksamkeitssteigerung

Ich hatte mal einmal eine zierliche alte Frau gesehen. Sie trug einen Aufhänger bei sich, den sie für ihre Abendtasche an der Balustrade befestigte, das Libretto und frisch gelegte Locken. Bald dämmerte sie ein. Der zarte Profikopf sackte nach unten, aber bei den Arien, keineswegs bei den lauten Stellen, warf sie ihn in den Nacken: eine Katze, die aus dem Schlaf heraus beim plötzlichen Vogelgezwitscher, beim Gesumm einer Fliege die Augen aufreißt! Es war gut an einem Ort zu sein,  wo sich so etwas ereignete, stundenlang mit Menschen, die ich nicht kannte, an die ich allenfalls tagsüber gedankenlos in der Stadt stieß, nach vorn zu sehen, auf dieses Schauspiel, mit ihnen verbunden zu sein in dieser Festlichkeit, in dieser Masse von einem Leben eingeschlossen, das tatsächlich stattfand, mit ihnen eine Inbrunst, eine Passion anzustaunen.

Miniatur 3a: Im Angesicht des Ungleichgewichts: Das Geheimnis des stetigen Wechsels

Zu Hause, am Sonntagmorgen, wurde ein Grasbüschel so durchgeblasen, dass es mit seinen einzelnen Halmen wie mit Beinen zu rennen schien, ohne vom Fleck zu kommen. Bald war der gesamte Garten in unaufhörlicher Bewegung, die vergrößerten Schatten der Blätter, die auf helle Flächen fielen, auf schräge Ebenen, kleine sonnige Spalten, ein direktes und indirektes Leuchten und Verdunkeln, eine ständige Bewölkung und Auflockerung um meinen Kopf herum, rechts, links, oben, unten, dazu das Aufbrausen der Bäume. Ich saß auf der Bank in eine Decke gewickelt, aber wirklich war, dass ich mich, ohne ausdrückliche Richtung, in einer klimpernden Materie rollte, ohne Ziel und Standpunkt.

Miniatur 3b: Im Angesicht des Gleichgewichts: Das Geheimnis des unsteten Gefühls

Die von der Sonne getupften, moosigen Wege waren etwas tief Vergangenes, Gegenwärtiges. Ich suchte danach. Es gab Sekunden, da konnte dieser Anblick der schmalen, gesprenkelten Flächen, wo sich Licht und Schatten so die Waage hielten, an die Stelle der Gefühle treten oder besser: eins werden mit ihnen, die Gefühle und diese Wege mit diesen Lichtpunkten waren ein und dasselbe.

Miniatur 4: Im Angesicht des Genusses: Das Geheimnis der Wertschätzung

Meine Mutter stand vielleicht gerade am Herd und kochte mir einen Griesbrei, er roch schon zu mir herüber, zur kleinen, bemalten Bank hinter dem Küchentisch. Er roch wie die Wärme und Behaglichkeit selbst, so musste die Güte riechen; und alles gehörte zusammen, der Topf mit dem dampfenden Brei, meine Mutter, die mit dem Löffel eifrig  darin rührte, das Rumoren der kochende Masse und die Worte meiner Mutter, die mir beschrieb, wie sich die Milch in dem roten Emailletopf veränderte, verdickte, wie sie Blasen warf, wie weit es noch war, bis ich den Teller mit Brei, Kakao und Zucker vor mir haben würde. Sie schichtete mir einen Griesbreiberg auf, überstreut mit dem dunklen Kakaopulver – jetzt durfte man nicht husten – und direkt vor meinen Augen drückte sie die Spitze zu einer Mulde ein und füllte sie mit einem Stückchen Butter. Das war das Schönste vor dem Essen. Bald liefen nämlich aus dem goldenen Teich Bäche die Hänge hinab, einige kamen bis nach unten durch, andere versickerten, nur an der fast schwarzen Färbung erkennbar als feuchte Rinnsäle im Geröll. Ein köstlicher, glücklich machender Duft der mit heißer Butter verschmelzenden Schokolade stieg davon auf. Es war etwas Träges darin, eine vorweggenommene Sättigung, etwas Festes, Schweres. Meine Mutter sah mich ermunternd an, ich fühlte mich so klein hinter dem großen, dicken Brei, er war durch den Duft weiter aufgequollen, und meine  Mutter nickte wieder freundlich und kaum geduldig, so dass ich ganz unten, wo eine schwarze Kakao-Butterträne einen Klumpen bildete, zu essen begann.

Weitere Links:

Der Roman Rita Münster ist wie viele ihrer Werke bei dtv
erschienen.

Im Literarischen Quartett geht es ab der fünften Sendeminute um Kronauers letztes Werk.

Zum hr-Radiointerview mit der Schriftstellerin.

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